Ein Stern fiel vom Himmel

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»Um so molliger ist es bei uns im Bauch von ›St 8‹«, unterbrach ihn Hansen. »Da wollen wir uns die Sache mal erst in Ruhe überlegen.«

Und dann saßen sie alle acht gemütlich zusammen im Mittelraum des Stratosphärenschiffes. Der lange Schmidt und Dr. Wille, dessen Arm in den vergangenen Wochen wieder in Ordnung gekommen war, Rudi, Lorenzen und der wackere Hagemann, der sich sofort in der Schiffskombüse nützlich machte. Begreiflicherweise drehte sich das Gespräch in erster Linie um die Katastrophe und die möglichen Ursachen. Dr. Wille stellte eine geistvolle Hypothese darüber auf, Dr. Schmidt widersprach ihm, und in Kürze waren die beiden gelehrten Häuser in einen endlosen Disput verwickelt. Die Zeit verstrich darüber, bis Hagemann sich eine Bemerkung erlaubte.

»Geschehen ist geschehen, Herr Doktor. Unsere Station liegt in Klump. Wie können wir sie wieder in Ordnung bringen?«

Sein Einwand riß die beiden Doktoren aus ihren Theorien und brachte sie wieder in die Wirklichkeit zurück. Schmidt betrachtete prüfend die um ihn Versammelten.

»Leicht wird's nicht sein, Herr Eggerth. Aber wenn Sie ordentlich Hebezeuge mitgebracht haben, könnte es schließlich doch wohl gehen.«

Hein Eggerth lächelte in sich hinein. Nach einem verstohlenen Blick auf seine Uhr meinte er: »Kommt Zeit, kommt Rat, Herr Dr. Schmidt! Wir werden schon Mittel und Wege finden, um die Geschichte in Ordnung zu bringen.«

Und dann verstand er es geschickt, das Gespräch in andere Bahnen zu lenken. Es gab ja auch soviel zu erzählen von den gemeinsamen Bekannten in Deutschland, von den neuen Erfolgen der Eggerth-Werke und von vielen anderen mehr.

Die Stunden gingen darüber hin, da brauste es in den Lüften. Neben ›St 8‹ legte sich ›St 9‹ auf das Schneefeld, und kaum ruhte es auf dem Boden, da senkte sich ›St 10‹ aus der Höhe herab und legte sich daneben.

»Was, was ist das?« fragte Dr. Wille erstaunt.

»Ich sagte es Ihnen ja«, lachte Eggerth, »kommt Zeit, kommt Rat. Jetzt werden wir den Kram hier schnell ins Lot kriegen.«

Noch während er es sagte, öffnete sich die große Ladeluke von ›St 9‹. Ein Schwärm von Werkleuten quoll heraus. Unter dem Kommando eines Ingenieurs wurden Hebezeuge aufgestellt und Bauteile aller Art aus dem Schiff ins Freie gebracht.

»Wir wollen uns die Sache aus der Nähe besehen und auch ›St l0‹ begrüßen«, schlug Eggerth vor. »Kommen Sie mit, Dr. Wille? Mein Vater wird sich freuen, Sie wieder zu sehen.«

In den nächsten Stunden war es, als wären die Heinzelmännchen über die Station gekommen. Maste wuchsen im Laufe weniger Stunden in die Höhe. Bald leuchteten von ihren Spitzen wieder starke Lampen, vorläufig noch von der Maschine von ›St 8‹ gespeist, und übergossen die Station mit Tageshelle. Dann war ›St 9‹ restlos ausgeräumt, leer wie eine taube Nuß, während Bauteile aller Art daneben lagerten. Aber das Wichtigste, eine neue Kraftmaschine fehlte. Man hatte nicht damit gerechnet, daß die alte zu Bruche gehen könnte, weil davon nichts in den Funksprüchen zu lesen stand. Da hieß es für ›St 9‹ noch einmal nach Deutschland zurückzujagen und schnellstens eine Reservemaschine heranzuschaffen.

Auch im günstigsten Fall bedeutete das einen Zeitverlust von 48 Stunden, und für die nächsten Tage waren die fünf von der Station auf die Gastfreundschaft von ›St8‹ angewiesen, denn kurz nach dem Start von ›St 9‹ stieg auch ›St 10‹ auf. Nur die drei Piloten von ›St 8‹ waren in diesem Schiff und außerdem Professor Eggerth selbst. Über das Ziel ihres Fluges hatten sie sich gründlich ausgeschwiegen.

Mit Nordkurs verließ das Schiff die Station. Erst als deren Gebäude am Horizont versunken waren, drehte es in weitem Bogen nach Süden zurück und nahm Kurs auf die Einschlagstelle des Boliden.

Eintönig dehnte sich das verschneite, vereiste Land unter dem dahinstürmenden Stratosphärenschiff... eine halbe Stunde... und noch eine Viertelstunde. Dann verschwand das Weiß, rostrot und braun trat das nackte Gestein zutage. Es sah aus, als ob hier ein Riesenbesen gefegt und in weitem Umkreis jeden Schneefleck beseitigt hätte. Tiefer ging ›St 10‹. In verlangsamtem Flug strich es in 2000 Meter Höhe über das Land hin. Da wurde der Boden wieder weiß, aber nicht Schnee war es, der ihm die Farbe gab. Dichte Nebelbänke lagerten über dem Boden.

Professor Eggerth blickte nachdenklich in die Tiefe, während sein Sohn zu ihm trat.

»Ich fürchte, Hein, wir kommen noch zu früh. Der Widerstreit der polaren Kälte mit der Hitze der Aufschlagstelle... das muß Nebel geben wie überall, wo heiße und kalte Luft zusammentreffen. Wer weiß, wie lange das noch dauert, bis es hier wieder klare Sicht gibt.«

Berkoff kam mit einer neuen Ortsbestimmung in den Raum.

»Wir sind noch 200 Kilometer von der richtigen Stelle entfernt.«

Der Professor schüttelte den Kopf. »So starke Nebelbildung bis auf 200 Kilometer Entfernung. Ungeheure Wärmemengen müssen beim Aufprall des Meteors freigeworden sein.«

Hansen setzte den Kurs des Schiffes noch tiefer. Dicht über der Nebelbank glitt es dahin, verschwand bisweilen auf Sekunden in der milchigen Masse. Berkoff warf einen Blick auf den Höhenzeiger. »Die Nebelbank wird flacher, Herr Professor. Wir fliegen nur noch in 700 Meter Höhe. Nach Kurs und Log sind wir noch 100 Kilometer vom Sturzpunkt ab.«

Professor Eggerth nickte. Er schien etwas sagen zu wollen, schwieg aber. In langsamem Flug glitt das Schiff weiter über den Nebel dahin. Schon mußten sie die Hubschraube in Betrieb nehmen, um nicht durchzusacken. Immer tiefer sank das Schiff dabei... 300... jetzt nur noch 200 Meter hoch war es über dem Land.

»Wie weit noch, Herr Berkoff?« fragte Professor Eggerth.

»Noch 40 Kilometer.«

Der Professor griff sich an die Stirn.

»Ein Ringnebel?... Es wäre möglich, ja das muß es sein, es kann gar nicht anders sein.«

»Wie meinst du, Vater?«

Professor Eggerth deutete durch das Fenster nach unten. Nur noch schwacher Dunst lag unter dem Schiff, hin und wieder wurde der felsige Boden deutlich sichtbar.

»Ich meine«, sagte Professor Eggerth, »daß wir jetzt landen.«

»Wir sind aber noch 20 Kilometer vom Ziel entfernt«, warf Berkoff ein.

»Trotzdem wollen wir erst landen. Bitte, Herr Hansen.«

Hansen schaltete die Horizontalpropeller aus. Das Schiff hing nur noch an seiner Hubschraube und senkte sich langsam zu Boden.

Berkoff wollte dem Professor seinen Pelz bringen. Der winkte lächelnd ab.

»Nicht nötig, lieber Berkoff! Ich vermute, wir werden es draußen eher zu warm als zu kalt finden.«

Eine Tür im Schiffsrumpf wurde geöffnet und milde Luft schlug ihnen von draußen entgegen. Fast 40 Grad unter Null zeigte das Thermometer in der Station, als sie fortflogen. Hier herrschten dagegen mehrere Grad Wärme. Professor Eggerth stieg aus dem Schiff und berührte den Felsboden mit den Händen. Er hatte die gleiche milde Temperatur, wie die Luft darüber.

»Wir wollen sehen, wie weit wir kommen«, sagte der Professor, als er ins Schiff zurückkam, und gab Befehl, in 150 Metern Höhe langsam weiterzufliegen. Ein Fenster im Kommandoraum ließ er offen. Immer angenehmer, immer frühlingshafter strömte die Luft während des Weiterfluges in den Raum. Dabei nahm die Dunkelheit wieder zu. In der hohen Breite hier war die Strahlung des höherkommenden Tagesgestirns noch nicht merkbar. Professor Eggerth ließ die beiden starken Scheinwerfer des Schiffes anstellen und schräg nach unten richten. Eine breite grellbeleuchtete Fläche huschte vor dem langsam fliegenden Schiff auf dem Felsboden dahin. Zehn Kilometer waren sie noch von ihrem Ziel entfernt, als er zum zweiten Male landen ließ. Ein Felsstück, das im Licht der Scheinwerfer funkelnd aufglänzte, hatte seine Aufmerksamkeit erregt. In Begleitung seines Sohnes ging er darauf zu. Die andern wollten ihm folgen.

»Bleiben Sie beide an Bord!« rief er ihnen zu, »es ist nicht ratsam, ›St 10‹ hier unbemannt zu lassen. Ein unglücklicher Zufall, und wir wären alle verloren.«

Kopfschüttelnd sahen ihm Berkoff und Hansen nach. Was sollte wohl hier passieren, wo sich in der lauen Luft nicht der geringste Hauch rührte?

Professor Eggerth blieb vor dem glänzenden Brocken stehen. Es war ein verhältnismäßig kleines Erzstück. Ein Volumen von höchstens zehn Litern mochte es haben. Der Professor bückte sich, um es aufzuheben. Es gelang ihm nicht. Sein Sohn kam ihm zu Hilfe, aber auch mit vereinten Kräften glückte es ihnen eben nur, das Erzstück umzukanten. Hein mußte zum Schiff zurückgehen und Berkoff holen. Erst zu dritt vermochten sie den Brocken die kurze Strecke bis zum Schiff zu schleppen.

»Alle Wetter! Der hat's in sich!« rief Berkoff und wischte sich aufatmend die Stirn. »Was für Zeug mag das sein?«

Der Professor stand geraume Zeit nachdenklich vor dem Findling.

»Das wird sich bald herausstellen«, beantwortete er die Frage Berkoffs, »mir scheint, wir haben keinen schlechten Griff getan. Vielleicht entdecken wir noch mehr von der Sorte. Achten Sie bitte darauf, wenn wir jetzt weiterfliegen.«

Kaum 50 Meter über dem Boden glitt das Schiff langsam vorwärts. Da blitzte es wieder auf. Eine neue Landung. Wieder wurde ein metallischer Brocken gefunden, diesmal so groß und gewichtig, daß sie ein Hebezeug holen mußten, um ihn an Bord bringen zu können. Und je weiter sie kamen, desto öfter wiederholte sich das. Wohl ein Dutzend solcher Fundstücke im Gesamtgewicht einer Tonne etwa hatten sie schließlich im Schiff.

 

»Ein schweres Bombardement ist das gewesen«, sagte der Professor. »Der Bolide hat nicht schlecht um sich gestreut. Selbst wenn wir nicht mehr viel weiterkommen, so wissen wir jetzt doch, was wir wissen wollten.«

Die Befürchtung, daß ein weiteres Vordringen bald unmöglich werden könne, war nicht von der Hand zu weisen. Es herrschte draußen eine fast tropische Temperatur und auch der Boden war an der letzten Landungsstelle schon reichlich warm.

»Noch etwa drei Kilometer dürften wir von der Sturzstelle entfernt sein«, meldete Berkoff. In der Tat begann das Gelände jetzt sehr merklich zu steigen. Das Schiff war an dem äußeren Hange des Kratergebirges angekommen, das der Bolide bei seinem Anprall aus der Ebene emporquellen ließ.

Mit geringster Geschwindigkeit glitt es dicht über dem Boden den Abhang hinauf. Im Licht der Scheinwerfer blinkte es auch hier an zahlreichen Stellen metallisch auf, aber der Professor sah im Augenblick von einer Landung ab.

Nun hatte das Schiff den Kamm des Kratergebirges erreicht. Wild, zackig und zerrissen sah der scharfe kreisförmige Grat aus, wie man es wohl durch ein gutes Fernrohr an den Ringgebirgen des Mondes beobachten kann. Sanft stieg das Land von außen her an, doch jenseits des Kammes fielen die Kraterwände nach innen zu fast senkrecht ab. ›St 10‹ hing über der klaffenden Wunde, die der Bolide bei seinem Sturz in die Erdkruste geschlagen, und ließ seine Scheinwerfer in die Tiefe spielen. Leichte Dunstschwaden wallten im Grunde etwa 200 Meter unter dem Schiff. Wo sie lichter wurden, schimmerte der Kraterboden unter den Scheinwerferstrahlen in tausend Reflexen.

Hansen führte die Rechte zu einem Hebel. »Sollen wir sinken?«

Der Professor schüttelte den Kopf: »Noch nicht!«

Er trat zu dem geöffneten Fenster und beugte sich hinaus. Unerträglich warm schlug ihm die Luft entgegen. Irgendwelche Gase mußte sie enthalten, die ihn einen Augenblick schwindeln machten und zum Husten zwangen. Mit jähem Ruck schloß er das Fenster.

»Steigen! Schnell steigen!« schrie er Hansen zu.

Stärker wirbelte die Hubschraube, ›St 10‹ stieg und schob sich gleichzeitig mit seinen Horizontalpropellern von der Kratermündung fort. Als es wieder über dem Außenhang stand, befahl Professor Eggerth zu landen.

»Was hast du beschlossen?« fragte Hein, als das Schiff aufsetzte. Professor Eggerth sah blaß aus, wie wenn noch ein großer Schreck in ihm nachwirkte. Es dauerte eine Weile, bevor er zu sprechen begann.

»Das hätte böse ausgehen können. Der Krater ist mit Gasen... wahrscheinlich mit Kohlenwasserstoffgasen bis zum Rande gefüllt. Ein wenig tiefer noch und unsern Motoren hätte die Verbrennungsluft gefehlt. Wir wären mit unserem Schiff in die Tiefe gestürzt und zerschellt.«

Er machte eine Bewegung, als ob er den Gedanken an die eben überstandene Gefahr abschütteln wollte, sprach dann ruhig weiter:

»Trotzdem... das Wagestück hat sich gelohnt. Sie alle haben es da unten auf dem Kratergrunde wohl schimmern gesehen. Für mich ist es sicher, daß der Bolide in seiner Hauptmasse aus den gleichen Stoffen besteht, wie die Brocken, die wir vorher fanden. Wir wollen sehn, ob wir hier noch mehr davon entdecken können.«

Auf seinen Wink hob sich das Flugschiff wieder einige Meter empor und trieb langsam den Hang entlang. Die Stunden verstrichen, während ›St 10‹ das Ringgebirge absuchte. Ein paar dutzendmal lockte glänzender Schimmer sie zu neuer Landung. Der Boden war heiß hier, so heiß, daß er ihre Sohlen fast versengte. Jedesmal brachten sie dabei Stücke jenes schweren glänzenden Metalls in das Schiff, die der Bolide bei seinem Sturz so reichlich verstreut hatte. Mehrere Tonnen des unbekannten Sternenstoffes hatten sie an Bord, als die Umfahrt über dem Kratergebirge vollendet war.

Noch einmal machte Berkoff eine genaue Ortsbestimmung, wahrend Hein Eggerth eine Skizze des Geländes entwarf. Sie zeigte eine ziemlich genau kreisförmige Krateröffnung von 1200 Metern im Durchmesser, umgeben von einem etwa 300 Meter hohen Ringgebirge, das nach außen hin gleichmäßig abfiel und in die umgebende Ebene auslief. Der Professor nahm ihm das Blatt ab und steckte es in seine Brieftasche.

»Das soll die Unterlage werden, Hein«, sagte er dabei, »nach der wir unsere künftigen Pläne ausarbeiten wollen. Jetzt wieder Kurs auf die Station von Wille und absolutes Stillschweigen über alles, was wir hier gesehen haben.«

Mit voller Motorenkraft schoß das Schiff von dannen. Bald lag wieder die eisige Antarktis unter ihm, und die Dunkelheit wich allmählich grauer Dämmerung. Der helle Schein der neuen Lampen wies ihnen die Station, das Knarren von Kränen und das Geräusch von Hammerschlägen drang zu ihnen, als das Schiff sich senkte. Nur etwa sechs Stunden hatte die Exkursion von ›St 10‹ beansprucht. Rüstig waren währenddem die Arbeiten in der Station fortgeschritten. Starke Kräne rissen die Trümmer des niedergebrochenen Mittelbaus auseinander, hier eine Wand, dort ein Stück Dach. Vieles davon war hoffnungslos zerknickt und zerbrochen. Manches aber war beim Einsturz unversehrt geblieben und konnte für den späteren Wiederaufbau verwendet werden. Für das Zerstörte boten die Baustapel, die ›St 9‹ zurückgelassen hatte, reichlich Ersatz. Besonders schwer hatte, wie es sich jetzt beim Aufräumen herausstellte, das Observatorium gelitten. Von der niederstürzenden Deckenkonstruktion waren die empfindlichen Meßinstrumente übel mitgenommen worden. Keine einzige der vielen Vakuumröhren war heil geblieben.

Kopfschüttelnd besah sich Professor Eggerth die Stätte der Zerstörung.

»Sie haben Glück gehabt, Herr Dr. Wille, daß die Katastrophe Sie nicht in Ihrem Observatorium überraschte. Da wären Sie kaum mit dem Leben davongekommen.«

Dr. Wille sprang gerade zur Seite, um nicht von einem niedergehenden Kranhaken gefaßt zu werden. Die Worte des Professors hörte er kaum. Sein ganzer Schmerz galt den vernichteten Instrumenten. Verzweifelt suchte er zwischen den Trümmern herum, immer noch hoffend, daß der eine oder andere Apparat der Zerstörung entgangen sein mochte. Mit einiger Gewalt mußten die Werkleute ihn schließlich von der Stelle fortziehen, wo er sie störte und sich selbst gefährdete.

Planmäßig gingen die Arbeiten weiter. Oberingenieur Großmann hatte seine zwanzig Mann in zwei Schichten geteilt, die sich alle sechs Stunden an der Baustelle ablösten. So konnte ohne Unterbrechung mit stets frischen Leuten gearbeitet werden.

Zweimal war der Dämmerschein heller und immer heller werdend um den Horizont gewandert, da kam ›St 9‹ zurück. In seinem Rumpf trug das Schiff neben manchem anderen auch eine neue Maschinenanlage. Ein halbes Dutzend Kräne packten zu, um das schwere Aggregat herauszuheben, schwankend und schaukelnd schleiften sie es bis zum Maschinenschuppen.

Ein halber Tag schwerer Arbeit noch, dann konnte Hagemann ein Ventil aufdrehen. Ein Zischen der Druckluft in den Zylindern, ein Tacken und Donnern, die ersten Explosionen der neuen Maschine dröhnten über den Hof. Licht strahlte aus den Fenstern des wiederhergestellten Stationshauses, die Wärme der elektrischen Heizung begann dessen Räume wieder zu füllen.

Einige Tage würde es noch erfordern, um auch die letzten äußeren Spuren der Katastrophe zu beseitigen. Der Professor hatte nicht die Absicht, so lange zu bleiben. Noch eine letzte Besprechung mit Dr. Wille. Eine lange Liste drückte der ihm dabei in die Hand. Neue Instrumente aller Art waren es, die der Doktor dringend wünschte und die ihm Professor Eggerth schleunigst zu schicken versprach. Ein letzter Händedruck noch, ein Abschied von denen, die hierblieben, dann schloß sich die Tür von ›St 10‹. Die Schrauben begannen zu arbeiten, das Schiff stieg empor. Als es den Boden verließ, lugte der Sonnenball zum ersten Male nach der langen Polarnacht über den Nordhorizont. Seine Strahlen übergossen das neue Stationshaus mit purpurnem Schimmer. Wie ein rosenfarbiges Wölkchen erschien das Stratosphärenschiff in der Höhe, das dem Tagesgestirn geraden Weges entgegenstürmte.

3. STERNENSTOFF

Fünf Menschen im Schnee verschüttet. Karl Hagemann lebt. Dr. Schmidt wird gefunden, Dr. Wille ausgegraben. Auch die Funker entgingen dem Tode. ›St 8‹ bringt der Station Hilfe aus Deutschland. ›St 10‹ am Bolidenkrater. Ein kostbarer Fund.

In Südwesten schließt sich an die Eggerth-Werke eine größere Ebene. Ihr Boden besteht aus dem Abraum eines Braunkohlenbergwerkes, das im Tagebau betrieben wird und mit seiner Abbaustelle im Laufe der Zeit fünf Kilometer weiter nach Süden gerückt ist. Es kann noch Jahre dauern, bevor dies Land unter dem Einfluß von Regen, Luft und Sonne einmal fruchtbar werden wird. Einstweilen ist es Ödland, von Mensch und Tier gemieden.

Hier ging ›St 10‹ kurz nach Mitternacht mit abgeblendeten Scheinwerfern nieder. In einer halben Meile Entfernung sahen seine Insassen die Eggerth-Werke im strahlenden Glanz von tausend Lichtern liegen. Dort wurde ja Tag und Nacht gearbeitet, um die neuen großen Aufträge zu bewältigen.

Hansen verließ das Schiff und marschierte durch die Dunkelheit davon. Der Professor blieb mit seinem Sohn und Berkoff zurück. Noch einmal setzte er den beiden seinen Plan auseinander, dessen Einzelheiten genau innegehalten werden mußten, wenn die Tarnung gelingen sollte, die er für notwendig hielt.

Auf der Landstraße im Westen wurden die Lichter eines Kraftwagens sichtbar. Sie verschwanden, tauchten wieder auf, waren eine Weile wiederum verschwunden, und dann stand ein großer Lastkraftwagen dicht neben dem Stratosphärenschiff. Hansen kletterte vom Führersitz und klopfte im Morserhythmus gegen den Rumpf von ›St 10‹. Der Professor kam heraus und besah sich den Wagen.

»Gut, Herr Hansen! Wo haben Sie ihn her?«

»Von Müller & Bergmann. Trotz der nachtschlafenden Zeit war da noch Gott sei Dank jemand im Kontor. Die Leute haben in den letzten Tagen viel Fuhren für unser Werk gemacht. Sie gaben mir den Wagen, ohne irgendwelche überflüssigen Randbemerkungen zu machen.«

»Um so besser, Herr Hansen! Jetzt an die Arbeit. Wir werden wohl alle etwas schwitzen müssen.«

Die Arbeit, zu der Professor Eggerth rief, war im buchstäblichen Sinne des Wortes eine schwere. Es handelte sich darum, die Erzbrocken, die sie aus der Antarktis mitgebracht hatten, aus dem Schiff in das Auto zu transportieren. Kantige, zackige Stücke, einzelne darunter im Gewicht von mehreren Zentnern, alles in allem eine Menge von reichlich fünf Tonnen. Sie stöhnten und ächzten dabei, und ihre Hände trugen manche Blase und manchen Riß davon, bis die Arbeit endlich getan und das letzte Stückchen Erz in den Wagen umgeladen war.

Hansen setzte sich an das Steuer des Kraftwagens und fuhr in der Richtung auf die Chaussee fort. ›St 10‹, die Lichter immer noch abgeblendet, stieg wieder empor und jagte einige Meilen nach Süden. Dann erst ließ es seine Scheinwerfer wieder aufstrahlen und meldete seine Ankunft durch Funkspruch und dann hing es über dem hellerleuchteten Flugplatz des Werkes und ließ sich langsam auf das bereitstehende Traktorengestell nieder.

Von allen Seiten strömten Menschen heran, Arbeitsleute im blauen Kittel, Ingenieure des Werkes. Außerdem noch Vertreter der Presse, die hier seit Stunden lauerten, um die neuesten Nachrichten über das Schicksal der deutschen Station in der Antarktis zu erfahren, um sie sofort telegraphisch weiterzugeben.

Kaum war die Treppe herangeschoben und die Tür geöffnet, als die Berichterstatter schon in das Schiff kletterten und seine Besatzung umringten. Wohl oder übel mußten der Professor und seine beiden Begleiter Rede und Antwort stehen und auf unzählige Fragen Auskunft geben.

Für die Morgenzeitungen war es inzwischen doch zu spät geworden. Da wollten die ungebetenen Gäste auch noch das Schiff besichtigen und möglichst viel von seiner Ladung sehen, um Stoff für Stimmungsberichte zu sammeln. Wollten womöglich auch noch irgendeine Kleinigkeit, die ›St 10‹ aus der Antarktis mitgebracht hatte, zum Andenken mitnehmen.

Professor Eggerth ließ den Ansturm mit stoischer Ruhe über sich ergehen und duldete es mit nachsichtigem Lächeln, daß die Zeitungsleute sich danach von Berkoff und Hein durch alle Räume des Stratosphärenschiffes führen ließen. Mochten sie ihrer Neugier frönen; es war ja nichts mehr an Bord, was man vor ihnen hätte verbergen müssen. Er selbst hatte Wichtigeres zu tun, als diesen Rundgang mitzumachen, griff nach Hut und Mantel und verließ das Schiff. So konnte er nicht sehen, wie Mr. Haynes, der Vertreter der American associated Press, sich hinter dem Rücken von Berkoff im Laderaum von ›St 10‹ plötzlich bückte, etwas Glänzendes, Schimmerndes aufhob und in seiner Manteltasche verschwinden ließ.

 

Langsam ging Professor Eggerth über den Flugplatz auf das Werk zu. Sein Ziel war ein unscheinbares, einstöckiges Gebäude, das etwas abseits von den großen Montagehallen lag. Dies Haus war, wenn man so sagen darf, die Keimzelle, aus der sich im Laufe der Zeit die Eggerth-Werke zu ihrer gegenwärtigen Größe entwickelt hatten. Als der Professor vor einem Menschenalter nach Bitterfeld kam, ließ er zuerst dies Gebäude errichten und begann in ihm seine Forschungsarbeiten, die für die ganze Flugzeugtechnik so bedeutungsvoll werden sollten.

Er zog ein Schlüsselbund aus der Tasche und öffnete die schwere Eisentür mit einem vielfach gezackten Schlüssel. Seine Rechte griff zum Schalter, elektrisches Licht erleuchtete seinen Weg. Über einen Vorflur kam er zu einer zweiten Tür, und wieder war ein kunstvoller Schlüssel nötig, um das Sicherheitsschloß zu öffnen. Dann war er in seinem Privatlaboratorium, in das er sich auch jetzt noch des öfteren zurückzog, wenn es sich um wichtige Arbeiten und Versuche handelte, die er keinem anderen überlassen wollte.

Ein geräumiger Saal war dies Laboratorium und ausgestattet mit allem, was das Herz eines Physikers und Chemikers sich nur wünschen konnte. Mit mächtigen Zerreißmaschinen begann es am einen Ende des Raumes, mit denen man jeden Werkstoff auf seine Eigenschaft prüfen konnte. Eine Reihe von Öfen folgte, die es gestatteten, Materialien aller Art den verschiedensten Wärmebehandlungen zu unterziehen. Nach dem andern Ende hin kam dann die Chemie zu ihrem Recht. Auf langen Laboriertischen waren Retorten, Destillierkolben und Tiegel der verschiedensten Formen und Größen aufgebaut. In hohen Regalen an den Wänden standen Tausende von Flaschen und Gläsern, die alle für chemische Untersuchungen erforderlichen Reagenzien enthielten. —

Einen prüfenden Blick ließ Professor Eggerth über die Flaschenbatterien gleiten. Seine Augen schienen gefunden zu haben, was er suchte. Er trat an ein Regal, nahm mehrere Flaschen heraus und stellte sie auf einen der Arbeitstische. Von einer andern Stelle holte er eine feine chemische Waage herbei. Dann zog er sich einen bequemen Stuhl heran und ließ sich nieder. Wie spielend griff er in die Rocktasche, und Bröckchen jenes wunderbaren Sternenstoffes, den ›St 10‹ aus der Antarktis mitgebracht hatte, fielen aus seiner Hand auf die Tischplatte.

Ein Stück nach dem andern untersuchte er auf der Waage. Er wog sie in der Luft, er wog sie im Wasser, er arbeitete mit dem Rechenschieber und notierte das spezifische Gewicht jedes Stückes. Es war für alle fast genau das gleiche. 11,5 schrieb seine Rechte auf das Papier; ›Elf Komma fünf‹ murmelten seine Lippen. Mit dem Bleistift begann er eine neue Rechnung, blickte auf das Resultat und strich sich sinnend über die Stirn. Halblaut sprach er zu sich selber: »Edelmetall... schwerstes Edelmetall... ein hoher Prozentsatz davon muß in dem Erz vorhanden sein. Nun, wir werden sehen.«

Aus einer der Flaschen goß er wasserklare Flüssigkeit in ein Reagenzglas und ließ einen der Brocken hineingleiten. Gasbläschen bildeten sich an dessen Oberfläche und ließen die Flüssigkeit aufschäumen. Doch nicht lange dauerte das Spiel. Schon nach wenigen Minuten hörte die Gasentwicklung auf. Mit einer gläsernen Pinzette holte der Professor das Metallstück wieder heraus und legte es beiseite. Aus einer Flasche goß er ein paar Tropfen zu der Flüssigkeit im Reagenzglas. Im Augenblick begann sie sich zu färben, zeigte grünlich-bläuliche Streifen.

»Nickeleisen«, murmelte er vor sich hin, »der leichtere Bestandteil ist natürlich Nickeleisen. Es kann ja kaum anders sein.«—

Andere Flaschen holte Professor Eggerth aus den Regalen, scharfe Säuren goß er in einem großen Glasgefäß zusammen und warf alles Erz hinein. Mächtig schäumte es in dem Gefäß auf, restlos löste sich das Metall in der Flüssigkeit. Nach andern Flaschen und Büchsen griff er dann wieder und gab etwas davon zu der Lösung. Verschiedenfarbige Niederschläge bildeten sich dabei, von der er die übrigbleibende Flüssigkeit jedesmal sorgsam abgoß.

Die Stunden strichen darüber hin. Längst glänzte die Mittagssonne eines schönen Septembertages am Himmel. Der Professor, hinter den verschlossenen Läden seines Laboratoriums ganz in seine Arbeit versenkt, merkte nichts davon. Flammen von Knallgasbrennern begannen zu zischen. Mit reduzierenden Stoffen vermengt, schmolz er jene vielfarbigen Pulver, die er aus seinen Lösungen gewonnen hatte, in feuerfesten Schalen nieder.

Schon ging die Sonne zur Rüste, da war das Werk endlich getan; da waren die Erzbrocken in ein Dutzend verschiedenfarbige Schmelzproben umgewandelt. Ein dunkelgrauer Regulus aus chemisch reinem Eisen lag neben einem anderen bläulichweiß schimmernden, der nur reines Platin enthielt. Gelblich glänzte ein dritter, in dem alles Gold der Brocken vereinigt war. Aus Iridium, Palladium, Silber und anderen Metallen bestanden die übrigen.

Professor Eggerth verschloß sie in einem Panzerschrank. Sorgsam beseitigte er danach alle Spuren seiner Arbeit. Die Lampen auf dem Werkhof brannten bereits, als er das Laboratorium verließ, um nach seiner Wohnung zu gehen. Neben der Skizze, die Hein Eggerth von dem Bolidenkrater entworfen hatte, steckte ein zweites Blatt in seiner Brieftasche, das die genaue Analyse des Sternenstoffes enthielt. Nach einem kurzen Imbiß warf er sich in seinem Arbeitszimmer auf ein Ruhelager. Eine kurze Weile noch, dann begann die Flut seiner Gedanken zu verebben. Die Natur forderte ihre Rechte.

In der zweiten Morgenstunde schrillte der Wecker auf dem Schreibtisch. Der Schläfer bewegte sich, als wolle er etwas Lästiges verscheuchen, aber das rasselnde Geräusch ließ nicht nach. Noch ein paar Bewegungen, dann erhob sich Professor Eggerth, griff nach Stock und Hut und verließ den Raum. Nur einen kurzen Weg hatte er über die Landstraße, die sein Haus von den Werkanlagen trennte, dann stand er vor dem Fabriktor. Der Nachtportier zog ehrfurchtsvoll die Mütze, als sein Chef plötzlich vor ihm erschien. Der Professor winkte ab:

»Bleiben Sie bedeckt, Müller. Ich möchte wissen, ob Herr Ingenieur Hansen schon angekommen ist. Er besorgt neue Instrumente für die Südpolstation.«

Der Portier schüttelte den Kopf: »Ich habe Ingenieur Hansen seit mehreren Tagen nicht gesehen, Herr Professor.«

Noch während er es sagte, tönte von der Straße her eine Autohupe. Ein schwerer Lastkraftwagen hielt vor dem Portal.

»Sind Sie es, Hansen?«

Der Professor war an den Wagen herangetreten. So laut, daß der Portier jedes Wort verstehen konnte, fragte er weiter:

»Haben Sie die Instrumente für Dr. Wille in Jena bekommen?«

»Alles in bester Ordnung, Herr Professor«, antwortete Hansen vom Steuersitz des Wagens her. »Dr. Wille wird zufrieden sein.«

»So! Das freut mich, mein lieber Hansen. Wir wollen die Sachen vorläufig in mein Laboratorium stellen.«

Der Portier öffnete das eiserne Tor, und der Wagen fuhr auf das Werkgelände.

»Darf ich Ihnen ein paar Leute besorgen, Herr Professor?« fragte der Portier.

»Nicht nötig, Müller. Die Sachen bringe ich zusammen mit Herrn Hansen schon allein in mein Laboratorium.«

Während der Portier die Torflügel wieder schloß, rollte der Wagen schon weiter. Professor Eggerth folgte ihm zu Fuß; zwei Gestalten traten aus dem Dunkel und schlossen sich ihm an, Berkoff und Hein Eggerth.