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Die Frau in Weiss

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VI

Mein Führer ging mit mir zu dem Corridor hinauf, auf dem das Schlafzimmer lag, in welchem ich die vergangene Nacht zugebracht hatte, und die Thür neben demselben öffnend, ersuchte er mich, hinein zu sehen.

»Ich habe Befehl von meinem Herrn, Ihnen Ihr eigenes Wohnzimmer zu zeigen, Sir,« sagte der Mann, »und Sie zu fragen, ob sie mit der Lage und dem Lichte zufrieden sind.«

Ich wäre in der That schwer zu befriedigen gewesen, hätte nicht das Zimmer, sowohl wie Alles, was dazu gehörte, meinen Beifall gehabt. Das Bogenfenster zeigte dieselbe wunderschöne Aussicht, die ich in der Frühe schon von meiner Schlafstube aus bewundert hatte. Die Möbel waren vollkommen an Luxus und Schönheit, und der runde Tisch in der Mitte der Stube funkelte förmlich von den darauf liegenden, reich gebundenen Büchern, eleganten Schreibmaterialien und prächtigen Blumen. Der zweite Tisch, der am Fenster stand, war mit allen Materialien zum Aufkleben von Aquarellen bedeckt; es war eine Staffelei daran angebracht, die ich nach Gefallen aufrichten oder zusammenlegen konnte. Die Fenstervorhänge waren von hellbuntem Glanzkattun, und der Fußboden war mit maisfarbenem und rothem indischem Strohgeflechte bedeckt. Es war das niedlichste, luxuriöseste kleine Wohnzimmer, das mir je vorgekommen, und ich lobte es mit dem wärmsten Enthusiasmus.

Der feierliche Diener war viel zu wohlerzogen, um die geringste Genugthuung zu bezeugen. Er verbeugte sich mit eisiger Ehrerbietung, als ich meine Lobsprüche erschöpft hatte, und öffnete dann schweigend wieder die Thür, um mich in den Corridor hinaus zu lassen.

Wir bogen um eine Ecke und betraten einen zweiten langen Corridor, an dessen äußerstem Ende angelangt wir eine kleine Treppenflucht hinaufstiegen, über einen kleinen, runden Vorplatz gingen und endlich vor einer Thür stillstanden, die mit einem dicken, dunklen Wollenstoffe beschlagen war. Der Diener öffnete diese Thür und führte mich ein paar Schritte weiter an eine zweite; öffnete diese ebenfalls und zeigte dadurch zwei Vorhänge von blasser, wassergrüner Seide dicht vor uns; zog den einen derselben geräuschlos zurück, sprach leise die Worte: »Mr. Hartright« aus und verließ mich.

Ich sah mich in einem großen, hohen Zimmer mit einer prachtvollen geschnitzten Decke und einem Teppich, der so dick und weich war, daß er sich wie Lagen von Sammt unter den Füßen anfühlte. Die eine ganze Seite des Zimmers nahm ein Bücherschrank aus einer seltenen, getäfelten Holzart ein, die mir völlig neu war. Derselbe war nur sechs Fuß hoch, und oben darauf standen Statuen in regelmäßigen Entfernungen von einander. Auf der entgegengesetzten Seite standen zwei antike Schränke, und über denselben hing ein Bild der Jungfrau mit dem Christuskinde, das durch Glas geschützt wurde und unten am Rahmen auf einer vergoldeten Platte den Namen Raphaels trug. Zu meiner Rechten und Linken, als ich innerhalb des Einganges stand, waren Chiffonniéren und Pfeilertischchen von Buhl und Marquetterie, die mit Figuren von Meißner Porzellan, seltenen Vasen, Elfenbeinschnitzereien, Spielereien und Merkwürdigkeiten aller Art, die von Gold, Silber und Edelsteinen funkelten, bedeckt waren. Am unteren Ende des Zimmers mir gegenüber verbargen Vorhänge von derselben wassergrünen Seide, wie die an der Thür, die Fenster und milderten das Sonnenlicht. Das auf diese Weise hervorgebrachte Licht war unendlich weich, geheimnisvoll und wohlthuend; es fiel gleichmäßig auf alle Gegenstände im Zimmer, machte die tiefe Stille und das Ansehen absoluter Abgeschlossenheit noch eindrucksvoller und umgab mit einem angemessenen Nimbus die einsame Gestalt des Gebieters des Hauses, welcher in theilnahmsloser Ruhe in einem großen Lehnstuhle ausgestreckt lag, an dem auf der einen Seite ein Lesepult und auf der anderen ein kleiner Tisch angebracht waren.

Falls man zugeben will, daß man von dem Aussehen eines Mannes, nachdem er sein Toilettezimmer verlassen, und wenn er vierzig Jahre alt ist, mit Sicherheit auf sein Alter schließen kann – was sehr zu bezweifeln ist – so mochte Mr. Fairlie’s Alter, als ich ihn sah, billigerweise auf über fünfzig und unter sechzig angeschlagen werden. Sein bartloses Gesicht war mager, verlebt und von einer durchsichtigen Blässe, aber nicht runzelig; seine Nase war groß und gebogen; seine Augen von einem matten, gräulichen Blau, groß und hervorstehend, und die Ränder der Augenlider etwas geröthet; er hatte wenig Haare, doch war es weich anzusehen und von jener hellen, sandähnlichen Farbe, welche von allen am letzten den Uebergang zum Grau verräth. Er trug einen dunklen Ueberrock von einem Stoffe, der weit leichter war als Tuch, und eine Weste und Beinkleid von untadeligem Weiß. Seine Füße waren auffallend klein und mit Strümpfen von lederfarbener Seide und kleinen bronzeledernen Pantöffelchen bekleidet. Zwei Ringe schmückten seine zarten, weißen Hände, deren Werth selbst meine unerfahrene Beobachtung sofort als beinahe unschätzbar anerkannte. Im Ganzen hatte er ein schwächliches, matt reizbares, überfeines Aussehen – etwas eigenthümlich und unangenehm Zartes, da man es an einem Manne fand, und das doch zu gleicher Zeit, wenn man es sich an der Erscheinung einer Frau dachte, unmöglich natürlich oder angemessen erschienen wäre. Durch die Erfahrung, die ich an Miß Halcombe gemacht, war ich aufgelegt, an Allem im Hause Gefallen zu finden; aber meine Sympathie zog sich beim ersten Anblicke von Mr. Fairlie entschlossen in sich selbst zurück.

Als ich näher zu ihm herantrat, entdeckte ich, daß er nicht so völlig unbeschäftigt sei, wie ich zuerst vermuthete. Unter anderen seltenen und schönen Gegenständen, welche auf einem großen runden Tische neben ihm standen, war ein Miniaturschrank von Ebenholz und Silber, der in kleinen Schubladen, die mit dunkelblauem Sammt ausgeschlagen waren, Münzen von allen Formen und Größen enthielt. Eine dieser Schubladen stand auf dem kleinen Tische, der an seinem Stuhle angebracht war, und daneben lagen einige kleine Juwelierbürsten, ein Stück Waschleder und eine kleine Flasche mit einer Flüssigkeit; Alles dazu bestimmt, zur Hinwegschaffung der geringsten, zufälligen Unreinheit, die er auf den Münzen entdecken möchte, angewendet zu werden. Seine zarten, weißen Finger spielten gleichgiltig mit etwas, das meinen unerfahrenen Augen wie eine schmutzige, zinnerne Medaille mit unebener Kante aussah, als ich in achtungsvoller Entfernung von seinem Stuhle stehen blieb, um ihm meine Verbeugung zu machen.

»Sehr erfreut, Sie in Limmeridge zu haben, Mr. Hartright,« sagte er mit einer kläglichen, krächzenden Stimme, die auf Nichts weniger als angenehme Art einen hohen Mißton mit einer matten, schläfrigen Aussprache verband. »Bitte, setzen Sie sich. Und bemühen Sie sich gefälligst, nicht den Stuhl zu rücken. In dem unseligen Zustande meiner Nerven ist jede Art von Bewegung unbeschreiblich schmerzhaft. Haben Sie Ihr Atelier gesehen? Sind Sie zufrieden damit?«

»Ich habe das Zimmer soeben gesehen, Mr. Fairlie, und ich versichere Sie –«

Er unterbrach mich mitten im Satze, indem er die Augen schloß und eine seiner weißen Hände stehend in die Höhe hielt. Ich schwieg voll Erstaunen, und die krächzende Stimme beehrte mich mit folgender Erklärung:

»Bitte, entschuldigen Sie mich. Aber wäre es Ihnen wohl möglich, etwas leiser zu sprechen? Bei dem unseligen Zustande meiner Nerven ist jeder laute Ton eine unbeschreibliche Tortur für mich. Sie werden einem Kranken verzeihen? Ich sage Ihnen nur, was der beklagenswerthe Zustand meiner Gesundheit mich allen Leuten zu sagen nöthigt. Ihr Zimmer gefällt Ihnen also, Mr. Hartright?«

»Ich könnte mir Nichts Hübscheres und Bequemeres wünschen,« entgegnete ich, indem ich meine Stimme bis zum Flüstern herabsenkte und zugleich bei mir die Entdeckung machte, daß Mr. Fairlie’s schwache Nerven und seine egoistische Association im Grunde ein und dasselbe seien.

»Sehr erfreut. Sie werden ihre Stellung hier gebührend anerkannt finden, Mr. Hartright. Es ist Nichts von dem abscheulichen, barbarischen, englischen Vorurtheile gegen die gesellschaftliche Stellung eines Künstlers in diesem Hause. Ich habe so viele Zeit meines früheren Lebens im Auslande zugebracht, daß ich in dieser Beziehung meine insularische Haut gänzlich abgeworfen habe. Ich wollte, ich könnte dasselbe von den vornehmen Ständen – abscheuliches Wort, aber ich muß wohl Gebrauch davon machen – unserer Nachbarschaft sagen. Aber sie sind entsetzliche Gothen und Vandalen in der Kunst, Mr. Hartright. Leute, versichere ich Sie, die vor Erstaunen große Augen gemacht haben würden, hätten sie Karl V. Titian’s Pinsel aufheben sehen. Wären Sie vielleicht so gütig, diese Schublade mit Münzen in den Schrank zurückzuschieben und mir die nächste zu reichen? In dem unseligen Zustande meiner Nerven ist mir auch die geringste Anstrengung im höchsten Grade zuwider. Jawohl. Dank Ihnen.«

Als praktischer Commentar zu der liberalen, gesellschaftlichen Theorie, von der er mir soeben ein Beispiel angeführt, belustigte mich Mr. Fairlie’s kaltblütiges Ersuchen einigermaßen. Ich that die eine Schublade mit aller möglichen Höflichkeit an ihren Platz zurück und gab ihm die andere. Er begann sofort mit den Münzen und kleinen Bürsten zu spielen, indem er sie während der ganzen Zeit, da er mit mir sprach, mit matten Blicken betrachtete und bewunderte.

»Danke tausendmal und bitte um Verzeihung. Interessiren Sie sich für Münzen? Ja? Sehr erfreut, daß wir außer unserer Liebe zur Kunst auch diesen Geschmack gemein haben. Jetzt, was unsere pekuniären Arrangements betrifft – bitte, sagen Sie mir – sind dieselben für Sie befriedigend?

»Vollkommen befriedigend, Mr. Fairlie.«

»Sehr erfreut. Und – was sonst noch? Ah! ich entsinne mich. Jawohl. In Bezug auf die Entschädigung, welche Sie so gütig sein wollen, für den Vortheil, den mir Ihre Talente in der Kunst gewähren, anzunehmen, wird mein Intendant am Ende jeder Woche Ihre Wünsche entgegennehmen. Und – was sonst noch? Sonderbar, nicht wahr? Ich hatte noch viel mehr zu sagen, und es scheint, ich habe Alles vergessen. Würden Sie vielleicht die Güte haben, zu klingeln? In jener Ecke. Jawohl. Danke Ihnen.«

 

Ich klingelte; ein neuer Diener trat geräuschlos ein – ein Ausländer mit einem stereotypen Lächeln und schön gebürstetem Haar – jeder Zoll ein Kammerdiener.

»Louis,« sagte Mr. Fairlie, indem er träumerisch mit einer der kleinen Bürsten über seine Fingerspitzen hin und her fuhr, »ich habe heute Morgen einige Memoranda in mein Notiztäfelchen eingetragen. Hole sie. Bitte tausendmal um Verzeihung, Mr. Hartright. Ich fürchte, ich langweile Sie.«

Da er, ehe ich ihm noch antworten konnte, ermüdet die Augen schloß und er mich ohne allen Zweifel unbeschreiblich langweilte, so saß ich stille und betrachtete mir die Jungfrau mit dem Christuskinde von Raphael. Unterdessen verließ der Kammerdiener das Zimmer und kehrte gleich darauf mit einem kleinen Buche von Elfenbeintäfelchen zurück. Mr. Fairlie ließ, nachdem er sich erst durch einen leisen Seufzer die Brust erleichtert, mit der einen Hand das Buch aufklappen und hielt mit der anderen die kleine Bürste empor als Zeichen für den Diener, auf weitere Befehle zu warten.

»Ja. Ganz recht!« sagte Mr. Fairlie, die Täfelchen befragend. »Louis, nimm jene Mappe herunter.« Er deutete, indem er sprach, auf mehrere Mappen, welche auf einem Mahagonitischchen neben dem Fenster lagen. »Nein, nicht die mit der grünen Rückseite – da habe ich meine Federzeichnungen von Rembrandt drin, Mr. Hartright. Interessiren Sie sich für Federzeichnungen? Ja? Sehr erfreut, daß wir noch einen Geschmack gemein haben. Die Mappe mit der rothen Rückseite, Louis. Lasse sie nicht fallen! Sie können sich keine Idee davon machen, Mr. Hartright, welche Qualen ich erdulden würde, wenn Louis die Mappe fallen ließe. Liegt sie sicher auf dem Stuhle? Denken Sie, daß sie sicher liegt auf dem Stuhle, Mr. Hartright? Ja? Sehr erfreut, wollen Sie mich verbinden, indem Sie sich die Zeichnungen ansehen, wenn Sie wirklich glauben, daß Sie dort ganz sicher liegen. Louis, geh hinaus. Was Du für ein Esel bist. Siehst Du nicht, daß ich die Täfelchen halte? Denkst Du dir, daß mir darum zu thun ist, sie zu halten? Warum nimmst Du sie mir da nicht ab, ohne daß man es dir erst sage? Bitte tausendmal um Verzeihung, Mr. Hartright; Bediente sind solche Esel, nicht wahr? Bitte, sagen Sie mir, wie Ihnen die Zeichnungen gefallen? Sie kamen in einem fürchterlichen Zustande aus einer Auction – es schien mir, wie ich sie das letzte Mal besah, als ob ihnen noch der Geruch abscheulicher Mäkler- und Trödlerfinger anhaftete. Können Sie sie wirklich in die Hand nehmen?«

Obgleich meine Nerven nicht zart genug waren, um den Geruch der plebejischen Finger, welcher Mr. Fairlie’s Nase so beleidigt hatte, wahrzunehmen, so war doch mein Geschmack hinlänglich gebildet, um mich in den Stand zu setzen, den Werth der Zeichnungen anzuerkennen. Sie bestanden größtenteils aus wirklich werthvollen Proben englischer Wasserfarbenmalerei und hätten weit bessere Behandlung von ihrem früheren Eigenthümer verdient, als ihnen anscheinend zu Theil geworden war.

»Die Zeichnungen sollten sorgsam ausgespannt und aufgeklebt werden,« entgegnete ich, »und sind meiner Ansicht nach wohl –«

»Bitte um Verzeihung«, unterbrach mich hier Mr. Fairlie. »Würden Sie etwas dagegen haben, wenn ich meine Augen schließe, während Sie sprechen? Selbst dieses Licht ist noch zu angreifend für sie. Nun?«

»Ich wollte nur bemerken, daß die Zeichnungen wohl der Mühe und Zeit werth sind –«

Mr. Fairlie öffnete plötzlich wieder die Augen und rollte sie mit einem Ausdrucke hilfloser Bestürzung in der Richtung nach dem Fenster zu.

»Ich beschwöre Sie, mich zu entschuldigen, Mr. Hartright,« sagte er mit schwachem Zittern. »Aber ich höre ganz gewiß entsetzliche Kinder im Garten – unten in meinem eigenen Garten?«

»Ich weiß nicht, Mr. Fairlie, ich selbst habe Nichts gehört.«

»Haben Sie die Güte – Sie sind so sehr freundlich gewesen, meinen armen Nerven zu willfahren – haben Sie die Güte, eine Ecke des Rouleaus aufzuheben, lassen Sie nicht die Sonne auf mich herein, Mr. Hartright! Haben Sie das Rouleau in die Höhe genommen? Ja? wollen Sie dann die Güte haben, in den Garten hinab zu sehen, um sich mit Sicherheit davon zu überzeugen?«

Ich erfüllte seinen Wunsch. Der Garten war rings mit einer Mauer umgeben. Kein menschliches Wesen, weder groß noch klein, war in irgend einem Theile der heiligen Stätte zu sehen. Ich unterrichtete Mr. Fairlie von diesem erfreulichen Umstande.

»Tausend Dank. Meine Phantasie vermuthlich. Wir haben im Hause, Gott sei Dank, keine Kinder; aber die Dienstboten (Leute, die ohne Nerven geboren werden) können es nicht unterlassen, die Dorfkinder herzubringen. Solche Rangen – o mein Gott, solche Rangen! Soll ich es Ihnen gestehen, Mr. Hartright? – Mir scheint eine Veränderung in dem allgemeinen Körperbau der Kinder wünschenswerth. Die Natur scheint bei ihnen nur den Zweck im Auge gehabt zu haben, Maschinen zum Hervorbringen fortwährenden Lärms zu erschaffen. Ist da nicht unseres entzückenden Raphael’s Auffassung unendlich vorzuziehen?«

Er deutete dabei auf das Bild der Madonna, dessen oberer Theil die conventionellen Cherubim der italienischen Schule darstellte, die auf himmlische Weise zur Sitzbequemlichkeit für ihre Knie mit Ballons von lederfarbenen Wolken versehen waren.

»Ein wahres Muster von einer Familie!« sagte Mr. Fairlie, die Engel anblinzelnd. »Solche hübsche runde Gesichter und solche hübsche weiche Flügel und – weiter Nichts. Keine schmutzigen kleinen Beine zum Umherlaufen und keine lärmenden kleinen Zungen zum Schreien. Wie unermeßlich der jetzigen Körperbildung überlegen! Ich will meine Augen wieder schließen, wenn Sie’s erlauben. Und Sie glauben wirklich, mit den Zeichnungen fertig werden zu können? Sehr erfreut. Ist da sonst noch irgend etwas zu besprechen? In dem Falle, glaube ich, habe ich es vergessen.«

Da ich mich jetzt bereits ebensosehr sehnte, der Unterredung baldmöglichst ein Ende zu machen, wie dies offenbar bei Mr. Fairlie der Fall war, so dachte ich, ich wollte versuchen, das Herbeirufen eines Dieners unnöthig zu machen, indem ich ihn auf eigene Verantwortung auf den erwünschten Gedanken brachte.

»Der einzige Punkt, der uns noch zu besprechen übrig bleibt, Mr. Fairlie,« sagte ich, »betrifft, wenn ich nicht irre, den Unterricht, welchen ich zwei jungen Damen im Landschaftsmalen ertheilen soll.«

»Ah! ganz recht,« sagte Mr. Fairlie. »Ich wollte, ich fühlte mich wohl genug, um in diesen Theil des Arrangements einzugehen – aber dem ist nicht so. Die Damen, die den Vortheil Ihrer freundlichen Dienste genießen sollen, Mr. Hartright, müssen für sich selbst entscheiden und bestimmen. Meine Nichte liebt Ihre bezaubernde Kunst. Sie versteht sie gerade hinlänglich, um sich ihrer eigenen Mängel bewußt zu sein. Bitte, geben Sie sich Mühe mit ihr. Jawohl. Ist sonst noch etwas da? Nein. Wir verstehen einander vollkommen – wie? Ich habe nicht das Recht, Sie noch länger von Ihrer schönen Beschäftigung abzuhalten – wie? Sehr angenehm, Alles angeordnet zu haben – solche Erleichterung, Geschäfte gemacht zu haben. Würde es Ihnen darauf ankommen, Louis zu klingeln, damit er die Mappe auf Ihr Zimmer trägt?«

»Ich werde sie selbst hintragen, Mr. Fairlie, wenn Sie es erlauben.«

»Wirklich? Sind Sie kräftig genug dazu? Wie angenehm, so kräftig zu sein! Wissen Sie es gewiß, daß Sie sie nicht fallen lassen werden? Sehr erfreut, Sie in Limmeridge zu haben, Mr. Hartright. Ich bin so leidend, daß ich kaum hoffen darf, viel von Ihrer Gesellschaft zu genießen. Käme es Ihnen darauf an, sich sehr vorzusehen, daß Sie nicht die Thüren knarren und die Mappe fallen ließen? Danke Ihnen. Leise mit den Vorhängen, bitte, das geringste Geräusch derselben geht wie ein Messer durch meine Nerven. Jawohl. Guten Morgen!«

Als sich die wassergrünen Vorhänge und die beiden beschlagenen Thüren hinter mir geschlossen hatten, stand ich einen Augenblick in der kleinen runden Vorhalle stille und that einen langen, tiefen Athemzug zur Erleichterung. Es war, als ob man nach tiefem Untertauchen wieder an die Oberfläche des Wassers komme, da man sich außerhalb Mr. Fairlie’s Zimmer befand.

Sobald ich mich gemüthlich in meinem eigenen hübschen Atelier für den Morgen niedergelassen hatte, legte ich mir ein Gelübde ab, nie mehr in die von Mr. Fairlie bewohnten Gemächer zurückzukehren außer in dem höchst unwahrscheinlichen Falle, daß er mich mit einer speziellen Einladung beehrte. Nachdem ich zu diesem befriedigenden Entschlusse in Betreff meines zukünftigen Verhaltens gegen Mr. Fairlie gekommen war, erlangte ich die Gemüthsruhe wieder, deren mich seine hochmüthige Vertraulichkeit und impertinente Höflichkeit einen Augenblick beraubt hatten.

Die noch übrigen Stunden des Morgens vergingen mir angenehm genug in der Beschäftigung, die Zeichnungen zu besehen, auszulesen, ihre zerrissenen Kanten zu beschneiden und in anderen notwendigen Vorbereitungen, ehe ich das Aufkleben beginnen konnte. Ich hätte vielleicht mehr als dies vollenden sollen; als aber die Zeit des Gabelfrühstücks näher kam, wurde ich unstet und war nicht im Stande, meine Aufmerksamkeit auf jene Art zu fesseln, die doch nur eine sehr bescheidene Handarbeit war.

Um zwei Uhr stieg ich – ein wenig gespannt – wieder in’s Frühstückszimmer hinab. Mit einem Wiedererscheinen in jenem Theile des Hauses waren Erwartungen von einigem Interesse verknüpft. Ich sollte in wenigen Augenblicken Miß Fairlie vorgestellt werden, und falls Miß Halcombe’s Nachforschungen in den Briefen ihrer Mutter den von ihr erwarteten Erfolg gehabt hatten, war auch die Zeit gekommen, wo das Geheimniß über die Frau in Weiß aufgeklärt werden sollte.

VII

Als ich in’s Zimmer trat, saßen Miß Halcombe und eine ältliche Dame bereits am Eßtische.

Die ältliche Dame erwies sich, als ich ihr vorgestellt wurde, als Miß Fairlie’s frühere Erzieherin, Mrs. Vesey, von der meine lebhafte Gefährtin am Frühstückstische mir die kurze Beschreibung gegeben, daß sie »alle Cardinaltugenden besitze und nicht mitgerechnet werde«. Ich kann wenig mehr als mein bescheidenes Zeugniß darbieten, daß Miß Halcombe’s Skizze von dem Charakter der alten Dame eine durchaus getreue war. Mrs. Vesey sah wie die personificirte menschliche Gemüthsruhe und weibliche Liebenswürdigkeit aus. Ruhiger Genuß eines ruhigen Daseins glänzte in schläfrigem Lächeln aus ihrem runden, friedlichen Gesichte.

Wenn Mrs. Vesey eine Leidenschaft hatte, so war es die, ihr Leben möglichst sitzend zuzubringen. Man mochte sie im Hause, im Garten oder sonst wo sehen – überall dieselbe Manie. Selbst auf Spaziergängen, zu denen sie dann und wann ihre Freunde vermochten, bediente sie sich eines Feldsessels, auf den sie sich stets zuvor, ehe sie einen Gegenstand in Augenschein nahm, niederließ; ja, um die einfachste Frage zu beantworten, war es nur mit Ja oder Nein, mußte sie sich zuvor niedersetzen – immer mit demselben ruhigen Lächeln auf den Lippen, derselben allezeit bereiten aufmerksamen Haltung des Kopfes, derselben gemüthlich bequemen Haltung ihrer Hände und Arme unter allen erdenklichen Wechseln häuslicher Verhältnisse. Eine milde, willfährige, durch und durch ruhige und harmlose alte Dame, bei der Einem nie der Gedanke kam, daß sie seit der Stunde ihrer Geburt jemals wirklich lebendig gewesen sei! Die Natur hat in dieser Welt so viel zu thun und ist mit der Erschaffung einer so unendlichen Mannigfaltigkeit von nebeneinander bestehenden Producten beschäftigt, daß sie gewiß nothwendigerweise hin und wieder zu verwirrt und zerstreut sein muß, um die verschiedenen Bildungsprocesse und Veranstaltungen, die sie immer zur selben Zeit unter den Händen hat, klar zu unterscheiden. Indem ich von diesem Gesichtspunkte ausgehe, wird es stets meine Ueberzeugung sein, daß die Natur mit der Herstellung von Kohlstauden beschäftigt war, als Mrs. Vesey geboren wurde, und daß die gute Dame unter den Folgen der damals vorzugsweise dem Gemüse geltenden Beschäftigung der Allmutter zu leiden hatte.

»Nun, Mrs. Vesey,« sagte Miß Halcombe und sah im Gegensatze zu der gelassenen alten Dame an ihrer Seite munterer, schärfer und geschäftiger aus, denn je, »was wollen Sie haben, eine Cotelette?«

Mrs. Vesey legte ihre gefalteten Hände auf den Rand des Tisches, lächelte mild und sagte: »Ja, meine Liebe.«

»Was ist das da vor Mr. Hartright? – Gesottenes Huhn, nicht wahr? Ich glaubte, Sie äßen gesottenes Huhn lieber als Coteletten, Mrs. Vesey?«

Mrs. Vesey nahm ihre weichen Hände vom Rande des Tisches und faltete sie statt dessen auf ihrem Schooße; dann nickte sie dem gesottenen Huhn freundlich zu und sagte: »Ja, meine Liebe.«

 

»Nun ja, aber welches von den Beiden wollen Sie heute haben? Soll Mr. Hartright Ihnen etwas Huhn geben, oder ich eine Cotelette?«

Mrs. Vesey legte eine ihrer weichen Hände wieder auf den Tisch, zögerte träumerisch und sagte: »Was Sie wollen, meine Liebe.«

»Um aller Barmherzigkeit willen! Es ist eine Frage für Ihren Geschmack, liebe Madame, nicht für den meinigen. Ich schlage vor, Sie nehmen von Beiden ein wenig und von dem Huhn zuerst, denn Mr. Hartright stirbt vor Sehnsucht, für Sie zu tranchiren.«

Mrs. Vesey legte auch die andere weiche Hand wieder auf den Rand des Tisches, verbeugte sich gehorsam und sagte: »Wenn ich bitten darf, Sir.«

Ganz gewiß eine milde, gefällige durch und durch ruhige und harmlose alte Dame, wie? Aber vielleicht haben wir für den Augenblick genug von Mrs. Vesey.

Unterdessen war noch immer keine Spur von Miß Fairlie zu sehen. Wir waren mit dem Gabelfrühstück zu Ende, und sie kam noch immer nicht. Miß Halcombe, deren Scharfsinne Nichts entging, bemerkte die Blicke, welche ich von Zeit zu Zeit der Thür zuwarf.

»Ich verstehe Sie, Mr. Hartright,« sagte sie; »Sie möchten wissen, was aus Ihrer anderen Schülerin geworden ist. Sie ist bereits heruntergekommen und ihr Kopfweh los geworden; aber ihr Appetit ist noch nicht so weit zurückgekehrt, daß sie an unserem Gabelfrühstück theilnehmen möchte, wenn Sie sich meiner Führung anvertrauen wollen, so denke ich, sie irgendwo für Sie auffinden zu können.«

Sie nahm einen Sonnenschirm von einem Stuhle neben ihr und führte mich durch eine große Glasthür am andern Ende des Zimmers auf den freien Gartenplatz. Es ist fast unnöthig zu sagen, daß Mrs. Vesey am Tische sitzen blieb, auf dessen Rande sie noch immer ihre weichen Hände gefaltet hielt, dem Anscheine nach nunmehr für den ganzen übrigen Theil des Nachmittags.

Als wir über den Rasenplatz schritten, sah Miß Halcombe mich bedeutungsvoll an und schüttelte den Kopf.

»Jenes geheimnisvolle Abenteuer, das Sie hatten, bleibt nach wie vor in ein angemessenes, mitternächtiges Dunkel gehüllt,« sagte sie. »Ich habe den ganzen Morgen meiner Mutter Briefe durchsucht und bis jetzt noch keine Entdeckungen gemacht. Doch seien Sie ohne Sorge, Mr. Hartright. Dies ist eine Sache der Neugierde, und Sie haben ein Weib zu Ihrem Verbündeten. Unter solchen Verhältnissen ist früher oder später der Erfolg gewiß. Ich habe noch nicht alle Briefe durchgelesen, es bleiben mir noch drei Paquete, und Sie können sich darauf verlassen, daß ich den ganzen Abend mit Durchsuchen derselben zubringen werde.«

Hier also war eine meiner Erwartungen noch unerfüllt geblieben. Ich war nun begierig zu erfahren, ob auch die Vorstellung, welche ich mir seit dem Frühstück von Miß Fairlie gemacht, mich täuschen werde.

»Und wie sind Sie mit meinem Onkel fertig geworden?« fragte Miß Halcombe, als wir den Rasenplatz verließen und in ein Gebüsch einbogen. »War er heute Morgens besonders nervenschwach? Sie brauchen Ihre Antwort nicht zu überlegen, Mr. Hartright. Es genügt mir schon, daß Sie überhaupt genöthigt sind, sie zu überlegen. Ich sehe es Ihrem Gesichte an, daß er besonders nervenschwach war, und da ich liebenswürdig genug bin, nicht zu wünschen, daß Sie in denselben Zustand gerathen, so fragte ich lieber gar nicht weiter.«

Während sie noch sprach, bogen wir in einen Schlangenweg ein und näherten uns einem hübschen Lusthäuschen, von Holz und in Form eines Schweizerhäuschens in Miniatur gebaut. In dem einzigen Stübchen dieses Lusthäuschens sahen wir, als wir die Stufen hinaufstiegen, eine junge Dame. Sie stand an einem ländlichen, aus Baumästen angefertigten Tische und schaute auf Haide und Hügel landeinwärts durch eine Lichtung in den Bäumen, wobei sie zerstreut in einem kleinen Skizzenbuche blätterte, das neben ihr lag.

Es war Miß Fairlie.

Wie kann ich sie beschreiben? Wie kann ich sie von meinen eigenen Gefühlen und von alledem trennen, was sich später ereignet? Wie kann ich sie wiedererblicken, wie sie aussah, als meine Augen zum erstenmale auf ihr ruhten – sowie sie den Augen Derer erscheinen soll, die sie jetzt durch diese Blätter kennen lernen?

Das kleine Aquarell, das ich zu einer späteren Zeit von Laura Fairlie in dieser Stellung und Umgebung malte, liegt vor mir auf meinem Pulte, während ich schreibe. Ich schaue es an und es dämmert mir auf dem grünlich braunen Hintergrunde des Gartenhauses eine leichte, jugendliche Gestalt entgegen in einem einfachen Musselinkleide, dessen Muster von breiten, abwechselnden hellblauen und weißen Streifen gebildet wurde. Ein Shawl von demselben Stoffe schmiegt sich leicht um ihre Schultern und ein kleiner, runder Strohhut von natürlicher Farbe und ein wenig mit Band garnirt, das mit dem Kleide harmonirt, bedeckt ihr Haupt und wirft seinen weichen Schatten auf den oberen Theil ihres Gesichtes. Ihr Haar ist von einem so matten, blassen Braun – nicht flachsfarben und doch beinahe so hell; nicht goldig und doch fast so glänzend – daß es hier und da mit dem Schatten ihres Hutes zu verschmelzen scheint. Es ist einfach gescheitelt und über die Ohren zurückgezogen, über der Stirn kräuselt es sich in einer natürlichen Wellenlinie. Die Augenbrauen sind etwas dunkler als das Haar und die Augen von jenem schmachtenden Himmelblau, das so oft von Dichtern besungen und so selten im wirklichen Leben gesehen wird. Liebliche Augen in Farbe, lieblich in Form – große, zärtliche, still gedankenvolle Augen – aber am schönsten durch die klare Wahrhaftigkeit des Blickes, die in ihrer innersten Tiefe ruht und durch alle Wechsel des Ausdruckes wie das Licht einer reineren und besseren Welt hindurch leuchtet. Der Reiz – so zart und doch so deutlich ausgedrückt – den sie über das ganze Gesicht gossen, verbirgt und verändert die kleinen sonstigen natürlichen menschlichen Mängel desselben dergestalt, daß es schwer ist, die beziehungsweisen Vorzüge und Fehler der anderen Züge zu beurtheilen. Es ist schwer zu erkennen, daß der untere Theil des Gesichtes nach dem Kinne zu fast zu zart gebildet ist, um zu dem oberen im richtigen Verhältnisse zu stehen; daß die Nase, indem sie dem Adlerbogen entging (der bei Frauen immer etwas Hartes und Grausames hat, wie vollkommen er an und für sich auch sein mag) ein wenig nach der entgegengesetzten Richtung hin abgewichen ist und die ideale Geradheit übertreten hat und daß die lieblichen, gefühlvollen Lippen an einem kleinen nervösen Zucken leiden, das sie, wenn sie lächelt, ein wenig auf einer Seite in die Höhe zieht. Man dürfte solche Fehler möglicherweise in dem Gesichte einer anderen Frau bemerken, aber in dem ihrigen beachtet man sie nicht leicht; sie sind dazu mit Allem, was in ihrem Ausdrucke individuell und charakteristisch ist, zu genau verbunden, und der Ausdruck selbst ist in seiner ganzen Lebendigkeit in allen anderen Zügen zu sehr von der lebendigen Sprache der Augen abhängig.

Zeigt meine arme Zeichnung, die minnigliche, mit aller Muße vollendete Arbeit langer, glücklicher Tage, mir Alles dies? Ach! wie wenig ist davon in der mechanischen Zeichnung zu sehen und wie viel in den Gedanken, mit denen ich sie betrachte! Ein zartes, schönes Mädchen in einem hübschen, hellen Kleide, das mit den Blättern eines Zeichenbuches spielt, indem sie dabei mit treuen, unschuldigen blauen Augen aufblickt: – das ist Alles, was die Zeichnung sagt; vielleicht auch Alles, was selbst die größere Ausdrucksweise der Gedanken und der Feder in ihrer Sprache zu sagen vermögen. Das Weib, das unseren schattenhaften Vorstellungen von Schönheit zum erstenmale Leben, Licht und Gestalt verleiht, füllt eine Leere in unserer geistigen Natur aus, die uns, bis wir sie sahen, unbewußt war. Sympathien, die zu tief liegen für Worte, zu tief fast für Gedanken, werden in solchen Augenblicken von anderen Reizen berührt, als denen, welche die Sinne fühlen oder die Hilfsquellen des Ausdruckes bezeichnen können. Das Geheimniß, das sich in der Schönheit der Frauen birgt, erhebt sich nicht eher über den Ausdruck hinaus, bis es Verwandtschaft mit dem tieferen Geheimnisse in unserer Seele beansprucht. Dann und nur dann erst, hat sie jenes enge Bereich überschritten, auf welche in dieser Welt Feder und Griffel Licht zu werfen vermögen.