Czytaj książkę: «Krimis & Erotische Erzählungen»

Czcionka:

Walter Serner

Krimis & Erotische Erzählungen

Literarische Sozialbilder der Halbwelt der Zwanziger Jahre


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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-0750-3

Inhaltsverzeichnis

Zum blauen Affen

Erotische Kriminalgeschichten

Der Pfiff um die Ecke

Die tückische Straße

Die Tigerin

Zum blauen Affen

Inhaltsverzeichnis

Dreiunddreißig Kriminalgeschichten


Der rote Strich

Die Geschichte vom heißen Blütensamt

Ein bedeutender Schlepper

Zwei Ochsen

Seilakt

Mansardeskes

Philipp will sich rächen

Wie Klara die Geduld riß

Die bralasurende Saravala

Eine eigenartige Konversation

Der Pfirsich

Kühles ganz seltene Stunde

Mizzis Verführung

Der Busenfreund

Der große Verbrecher

Eine unhaltbare Konstellation

Meg, der Troublist

Der Lebenskünstler

Graf Ramuz Okenpunkolls Glück

Lola rangiert

Peinliche Betriebsstörung

Die Baumöl

Der Doktor Sahob

Die Rache des Serben Calenowitsch

La dupe glissée

Nierenräumer und der Sozialismus

Angelisches

Die Betörung der Excentrique Fanoche

Trübe Sache

Fräulein Annas folgenschwerstes Abenteuer

Verborgene Begabung

Hahnebüchene Geschichten

Unklarer Scherz

Der rote Strich

Inhaltsverzeichnis

Jaccoud, sternhagelbesoffen, brüllte durch Gekreisch und Rauch:

»Morgenro-ot, Morgenro-ot,

o, der Mensch ist ein Idio-ot.

Nein, es ist das Morgenrö-ötchen,

denn der Mensch ist ein Idiö-ötchen …«

Der Rest wurde von dem Radau zu Boden sausender Gläser verschüttet: Lucile war leidenschaftlich geworden.

»Bébé, hättest du jetzt das Näschen gerümpft, ich hätte dich wahrhaftig geschmissen.« Luciles übernasse Lippen verspritzten lieblich Moet-Chandon w. St.

»Nachdem er schon für vier Blaue geschmissen hat?« empörte sich Suntoff belustigt.

»Tais-toi, Iwan! Ich glaub einem die Begeisterung für meine Haut erst, wenn er sich déroutiert.« Luciles Kinn rieb sich schmeichelnd auf Bébé rundlich glitzernder Wange.

»Déroutiert?« Suntoff rülpste längere Zeit. »Ich wäre da stets im Zweifel, ob es sich nicht um reguläre Besoffenheit handelt.«

»Die Besoffenheit, c’est moi. Capito?« Lucile schluckte selbstbewußt.

»Capito,« benäselte sie nebenan Suzanne, deren Unteroffizier sich eben mit Ale beträufelte. »Schick doch mal ein Glas Schaum rüber! Ich möchte diesem Schwein die Hose putzen.«

»Morgenro-ot …« Jaccoud verkiekste sich, da Lucile, deren Achsel sein Mund benützen wollte, ihm einen Schluck Wein ins Gesicht spie.

Währenddessen flüsterte Madame Rosier, des Ensembles Besitzerin, da ihre Lippen ein roter Strich, Bébé ins Ohr: »Deux cents francs pour les verres cassés.«

»Deux …« lallte Bébé sulig und wühlte, von Luciles weißem Schenkel sehr lebhaft befeuert, ein Knäuel Banknoten aus seiner Hose, dem er fünf Fünfzigfrancs-Scheine entzupfte.

Einer flatterte zu Boden, in eine Weinpfütze: genau unter Suntoffs Schuhsohle.

Das soeben wieder weinfrei gewordene linke Auge Jaccouds hatte diesen sonderbaren Fall bemerkt. Sofort stieß er seinen Absatz auf Suntoffs Vorderfuß.

Der schrie entsetzlich auf. Vor Schmerz vornübergestülpt, kam er mit einem Ellbogen in Mayonnaise zu liegen.

Als ihn Luciles Fußtritte auf seinen Stuhl zurückgeliefert hatten, trocknete Jaccoud längst wie besessen seine Beute zwischen Stuhl und Hemigloben.

Suntoffs singendes Pedal verbot jede Erhebung; umsomehr, als Madame Rosier entzückt seine Lendengegend streichelte, tröstend: »Ich pfeif dir Suzanne her, ja? Die soll hier mitsaufen.«

Suntoff küßte dankbar ihren fetten Hals.

»Nein, es ist das Morgenrö-ötchen …« schmetterten Jaccouds fünfzig Francs.

»Am schönsten ist die Natur, wenn sie jouissiert,« äußerte der Unteroffizier Blech, in Zivil Literat, derzeit bereits einsam, und beglotzte melancholisch Suzannes fabelhafte Hüften.

Majestics Earl Ragtime begann gummig aus dem Hauptsalon einherzugeilen.

Blechs kahlrasierter Edelschädel hing deshalb bereits wie getrennt über der Tischplatte. Plötzlich aber blieb er lüstern in der Luft stehen: Mouches zartbehemdete Beine quollen rundlich heran.

Von Blechs Tressen und Ale jedoch jäh entzaubert, lenkte sie ihren Schwung geistesgegenwärtig auf Jaccouds zitternde Knie ab, der sie, schnell wild, wenn auch heiser umfing: »Nein, du bist das Morgenrö-ötchen …«

»Es gibt nur eine einzige Lösung der Hypothesenlehre,« rief jetzt gänzlich unvermittelt Suntoff. »Man koitiere sich in einem Zuge zu Ende.«

»Nein, in einem Puff,« schrie Jaccoud gröhlend.

Sofort bemühte sich Mouche, seiner Besoffenheit beizubringen, daß er sich daselbst befinde.

Doch Jaccoud seufzte bereits wieder: »O, der Mensch ist ein Idio-ot …«

Mouche, durchaus dieser Ansicht geworden, hüpfte so heftig von Jaccouds Knien, daß er vom Stuhl glitt; befäustelte kurz ihre Äuglein ob dem Anblick der plattgesessenen Banknote; flatterte die getrocknete flugs hoch, barg sie zärtlich unterhalb der Coiffure und wogte alsbald beflügelter denn je hinweg.

Blech taumelte, dadurch und durch Suzannes unentwegte Zärtlichkeiten für Suntoff zur Rache geneigt, schwerfällig empor und entschlossen, Energie zu entwickeln, auf den immerhin entgeisterten Jaccoud zu: »Sie Morgenro-ot, die also Entschwebende hat sie beerbt«; hierauf an Bébés Tisch, bereits Suzannes krachendes Händchen in den Schreibefingern: »Ich bin ein Genießer, kennt ihr meine Farben?«

»Bravo!« heulte Madame Rosier, drückte Blech ein Glas zwischen die Zähne und zerrte ihn dann an ihren Bauch.

Suzanne bog ihr Gelenk so genau gerade, daß sie zu schreien vergaß. Als es ihr einfiel, verhinderten sie Suntoffs fleißige Lippen bereits, es nachzuholen.

Lucile, die Blechs Hornhaut sich verdicken sah, setzte ihm ihr schuhloses Füßchen tremolierend in den Schoß, dessen Vergnügen Madame Rosier schnell auf sich zog, indem sie mit ihrem wulstigen nackten Unterarm so lange den dünnen Literatenhals massierte, bis der Edelschädel auf ihren zu diesem Behufe aufgesunkenen Mund niederhopste.

»Bébé, liebst du mich?« lispelte Lucile weinverschwitzt.

»Überall. Das sieht doch jeder Träumer.« Suntoff schob sich seitlich an Bébé heran, Suzanne als Deckung vor sich her küssend.

Und während Lucile, von Bébés lechzendem Kopfnicken wie hingerissen, sich in seinen Wanst verwalkte, preßte Suntoffs Knie die Faust Bébés, die seine letzten Banknoten umkrallt hielt, fest an das Fauteuilholz, so daß sie sich öffnete und mühelos leeren ließ.

Je mehr Bébé, nichts Gutes ahnend, sich unter Luciles Gluten wand, desto mehr steigerte er sie. Er schnaufte, schnappte, geiferte, quakte, quargelte, pfiff.

Lucile raste zweckentsprechend. Endlich stieß sie voll gut berechneter Begeisterung den Tisch um und schrie, Bébés Kopf von sich weisend: »Déroutier dich! Déroutier dich! Oder du liebst mich nicht!«

Madame Rosier nickte beifällig und versuchte vergeblich, Blech, der schon mit einem Fuße zwischen Suzannes von Suntoff verlassenen Beinen stand, zu betören.

Bébé hob erschüttert sein Fäustchen gen Himmel und ließ es drohend baumeln: »Suntoff, Suntoff, gib mir meine …«

Suntoff eilte überbeflissen herbei: »Galonen? Was, mein hehrer Gönner?«

»Meine, meine …« schwapperte Bébé verstört.

Suntoff warf ihm Lucile auf den Bauch.

»Bestohlen! Bestohlen!« Bébés zum Platzen rotgewordene Bäcklein erbebten gräßlich.

»Was?« Lucile fuhr vollendet beleidigt zurück. »Du Déroutenschwein! Das ist deine Liebe? Du kneifst? Ich – gestohlen?« Sie fetzte sich, nicht ohne Vergnügen, die Schwimmhose vom Leib. Und da sie Mouche, die gleichfalls splitternackt geworden war, und Jaccoud sich prügelnd um die Ecke wanken sah, watschte sie, eine suggestive Kollegin, Bébé jämmerlich.

Madame Rosier warf sich heiter verzweifelt auf sie, Blech auf Suzanne, Suntoff auf die Tür.

Macioces Aristocratic Fox-Trot gab allem den Takt.

Als unter tatkräftiger Mitwirkung des Hauptsalons allmählich Gemessenheit in die Bewegungen kam, sauste Suntoff, achthundert Francs unablässig küssend, in ein Taxi, dessen Schlag Madame Rosier zublitzte.

Wieder im Salon, riß sie, weil geschäftstüchtig und auf Blech scharfsichtig hoffend, Suzanne aus dessen langen Armen, hieb ihr schallend auf den Hintern und keifte: »En avant! Au salon!«

Blech, der ohnedies sehr befürchtet hatte, fünf Francs würden nicht genügen, ließ sich unglücklich, aber doch auch ein wenig mit dieser Erledigung zufrieden auf die Weinreste nieder und lispelte: »0, wie lieb ich das Gelichter des Lebens!«

Lucile war längst verschwunden. Sie plätscherte sich in ihrer Wanne Wein und Wehmut aus, streckenweise hauchend: »Suntoff, du bist tipp-toff!«

Bébé lag, eine dicke Weinleiche, in einer dunkelschillernden Pfütze. Sein Auge brach. Man ließ es geschehen.

Jaccoud jedoch, der seine fünfzig Francs endgültig verloren glaubte, fühlte sich plötzlich von hinten bedurft. Mouches flaumige Wange schob sich gegen die seine vor: »Komm, Bubi, du schläfst mit mir, du bist so stark …«

Jaccoud hatte soeben einen bläulichen Lichtstreifen oberhalb des Fenstervorhanges gesichtet und brüllte furchtbar: »Morgenrot, du Idio-ot!«

Madame Rosier aber feixte, an Blech heranwankend, niederträchtig. Ihre Lippen rollten sich langsam ein. Der tote Strich verschwand.

Die Geschichte vom heißen Blütensamt

Inhaltsverzeichnis

»… Drei Tage nachher schenkte mir ein spleeniger Unbekannter eine Fahrkarte dritter nach Brüssel. Das hat meine ganze Biographie von Grund aus verändert.«

»Gut, gut. Aber ich habe einmal … vor Jahren … Na, lieber in erquicklicher Kürze … Ich schleppte Anni, kompletten Unsinn schwatzend, in mein Zimmer und es begab sich sehr stürmisch … Dann aber ereignete es sich, daß sie von dem heißen Blütensamt meiner Lippen stammelte … Nun, ich war bewegt, aber die Lust war mir vergangen.«

»Paul, lüg nicht so!« Von Mittenmank näßte das eine Ende einer Zigarette und schwang sich graziös auf die Kommode.

»Aber Fritz! Du bist schon so blasiert, daß du mich ernst nimmst.« Und Hasedom hüstelte nachlässig.

Von Mittenmank versuchte vergebens, so erstaunt zu erscheinen, wie er tatsächlich war.

Da klopfte es zag.

Die beiden Augenpaare belauerten einander belustigt. Und als wäre es vereinbart, antwortete keiner.

Nun klopfte es so laut, daß Hasedom nicht mehr im Zweifel war und, einen plötzlichen Einfall lächelnd verarbeitend, von Mittenmank im Nu ins Nebenzimmer stupste.

Ein liebliches Fräulein näherte sich langsam, eine Zigarette unruhig in den Fingern, und sagte stockend: »Das gestern … das war wirklich eine Dummheit von mir.«

»Wovon sprichst du?« Hasedom, an die blumige Tapete gelehnt, sah mit Vergnügen die Klinke der Nebenzimmertür sich bewegen und blies in sich zur Sammlung.

»Aber du weißt es doch.«

Hasedoms Schenkel zuckten kokett: »Ach so, du meinst die Geschichte mit dem heißen Blütensamt.«

Das liebliche Fräulein setzte sich erregt: »Wie? … Nein, die mit Lili … O diese …«

»Wieso war das eine Dummheit?« Hasedom war so neugierig auf die Wirkung seiner Ahnungslosigkeit, daß er ein wenig zu anmaßend blickte.

»Was? … Was?« Ihr ganzes Ensemble fiel mit einem Mal auseinander und vermutlich ein Konzept um: »Man kann mich nicht beleidigen! Merken Sie sich das! Zur Liebe gehören schon zwei, das stimmt. Aber es kommt doch nur auf mich an!«

»Wieso?« fragte Hasedom leise und mit äußerer Vorsicht in den Zügen.

»Pfui!« Es klang wie ein Pfiff; dann sehr unbestimmt: »Ich und eifersüchtig!«

Hasedoms Körper straffte sich, endgültig orientiert. Dann begann er lächelnd und langsam: »Sie wollten wohl sagen, daß Sie der animierende Teil waren.«

»Nein, das habe ich nicht gesagt, weil es nicht wahr ist.«

»Wer zog mich am Ärmel?«

»Jawohl ich, aber nur, weil Sie mich nicht gegrüßt hatten.«

»Wer hat gestern vo … hm meinen Lippen gestammelt?«

Sie schleuderte die Zigarette aufs Bett, wo Hasedom sie kühn liegen ließ, kreischte sich vor ihn hin und schrie: »Ich, ich, ich … Aber nur, weil ich gestern …« Sie japste, außer sich.

»Weshalb aber kamen Sie denn jetzt auf die Geschichte mit Lili zu sprechen, wenn es … nur … auf Sie ankam?«

Eine kleine helle Stange sauste durch die Luft: Hasedom hatte eine Ohrfeige bekommen.

Es gelang ihm trotz mühsam verhaltenem Entzücken die Zigarette, die sonderbarer Weise kein Loch gebrannt hatte, langsam vom Bett zu holen, noch langsamer wieder zu entzünden und erst nach Minuten bewegungslosen Dastehens wieder aufzublicken.

Das liebliche Fräulein stand, die Finger ob dem Busen knetend, leicht zitternd am Fenster.

»Ich glaube annehmen zu dürfen, meine Liebe, daß Sie nicht wissen, weshalb ich Ihnen keine Ohrfeige gab.« Jede Silbe Hasedoms frohlockte. Mit innigem Genuß sah er, wie ihre Finger still wurden, wie alles an ihr gespannt wartete und wie die Nebenzimmertür sich fast unmerklich bewegte.

Nach einer geschickt mit peinigenden kleinen Geräuschen versehenen Pause äußerte er sachlich: »Deshalb: weil ich Sie sonst überhaupt nicht mehr los geworden wäre.«

Das liebliche Fräulein verharrte sekundenlang regungslos. Dann trippelte sie überzierlich zur Tür, entklinkte sie mit den Worten: »Trottel, blöder!« und machte eine lange Nase …

Schon stand von Mittenmank vor Hasedom: »Schäm dich! Du bist ja sentimental!«

»Bist du besoffen?« Hasedom war tatsächlich perplexiert.

»Besoffen? Du spielst doch noch den Tierbändiger, du Stümper!«

»Du hast schlecht gehorcht.« Hasedom lächelte enorm.

»Außerdem: die Geschichte mit dem heißen Blütensamt hat sich doch bekanntlich – vor Jahren bereits abgespielt, he … Mir den Gegenbeweis fabrizieren wollen! Mir!«

Hasedom drehte sich belustigt hin und her. Dann hüstelte er nachlässig: »Ich danke dir. Ohne dich wäre ich Fff …, wäre ich sie nicht so glatt los geworden.«

»Paul, lüg doch nicht so!« Plötzlich aber stutzte von Mittenmank, grinste, rannte zur Tür, auf die Treppe und rief: »Anni! Anni!«

Keine Antwort. Stille, nur vom hellen Tritt kleiner Holzabsätze unterbrochen.

»Heißen Sie Anni?« brüllte von Mittenmank. »Ich bitte Sie inständig, antworten Sie!«

Absolute Stille. Endlich ein gelles Stimmchen: »Nein, Sie Esel, – Franzi!«

Von Mittenmank ruderte größenwahnsinnig ins Zimmer zurück: »Na, du alter Lump, hab ich dich?«

Hasedom ließ sich gemächlich in ein Fauteuil rutschen.

»Du hast schlecht gelogen und doppelt, mein Junge.« Die Visage von Mittenmanks triumphierte fürchterlich.

Hasedoms Lider flatterten sehr amüsiert: »Gelogen – nein. Schlecht – ja. Doppelt – vielleicht.«

»Wa-a-a-a-s?«

»Schäm dich, du nimmst mich ernst … Übrigens, wie war das mit Brüssel? Aber bitte nicht lügen!«

Von Mittenmank mißlang es, nicht so erstaunt zu erscheinen, wie er tatsächlich war.

Dann gröhlten beide.

Ein bedeutender Schlepper

Inhaltsverzeichnis

Dungyerszki, der ein sehr bewegliches Gehirn besaß, bemerkte eines Abends, als er wieder definierte, daß ein Zuhälter einem Reichsgrafen durchaus vorzuziehen sei, da jener als Mitgiftjäger in Raten vor dem in Ehren, nämlich dem Reichsgrafen, nicht nur voraus habe, daß Madame auch etwas davon habe, sondern überdies das Risiko, nämlich den Mut.

Dungyerszki liebte es seit mehreren Wochen, zu definieren, weil es ihn sehr unternehmungslustig machte und sich selber interessanter.

An diesem Abend beschloß er denn endlich, nicht mehr zu hungern, vielmehr mit sich hervorzutreten und seine interessante Person zu fruktifizieren.

Er begab sich dieserhalb in die Kauffinger Straße und trat neben eine sehr farbig gekleidete und mit zweifelhaften Bijous fast verhängte junge Dame mit der höflichen Frage: »Was verstehen Sie unter ›Laster‹, meine Gnädige?«

»Wie, mein Herr?«

»Ich möchte mir die Frage gestatten, was Sie unier ›Laster‹ verstehen.«

»Gengerns weg. Frozzelns an andere als mi.«

»Weit gefehlt, meine Gnädige. Und damit Sie davon überzeugt sein können, hier meine Antwort: Laster ist eine Beschäftigung, welche es der Tugend ermöglicht, vorhanden zu sein.«

»Sö san einer. Gehns, sagns dös no amal.«

»Gerne.« Dungyerszki repetierte langsamer und tonvoller.

»Jessas, san Sö einer. Aber wo er recht hat, hat er recht.« Die junge Dame lächelte animiert.

»Nun wird es Ihnen aber sicherlich nicht schwer fallen, meine Gnädige, mir zu sagen, was Sie unter ›Tugend‹ verstehen.«

»Na, sagns es nur glei, daß Sies los wern.«

»Sie sind Psychologin. Nun denn …«

»Was bin i? Sö, gebns acht, was sagn.«

»Konträr, es war ein Lob. Nun denn: Tugend ist die Abwesenheit jeder Möglichkeit, sich dem Laster zu widmen.«

»Härns, Sö gfalln mer. Was hams denn für an Beruf?«

»Den, keinen zu haben. Denn ein Beruf ist der gelungene Nachweis des Mangels jeder besseren schlechten Eigenschaft.«

Die junge Dame lachte lieblich auf, sah schnell auf ihre Armbanduhr und holte sich hierauf, kurz entschlossen, Dungyerszkis Unterarm: »Kommens, ‘s is erscht sechse. Trinkens a Halbe mit mir.«

Dungyerszki tat es, ließ sich ›Zki‹ nennen, versprach erfreut, am nächsten Vormittag in der Kudlacher Straße 16 vorzusprechen und etwas für seine Garderobe zu tun. Hierauf wünschte er zwecks Veranstaltung einer Mahlzeit zwei Mark, erhielt sie mit einer geradezu großartig generösen Geste und verließ Fräulein Milli gehobenen Gemütes.

Dieser immerhin nennenswerte Erfolg seines ersten Hervortretens veranlaßte Dungyerszki, nachdem er opulent diniert, ein Café frequentiert und mehrere Waz-Zigaretten konsumiert hatte, gegen elf Uhr nachts zu einer Wiederholung.

Ein seriös gekleideter Herr mit einem Hautsack unterm Kinn, geröteten dicken Augenlidern, einer behaarten Warze auf der linken Wange und einem fettstrotzenden Körper dünkte ihm die dazu geeignetste Person.

Dungyerszki näherte sich unauffällig und sagte plötzlich vor der Theatinerkirche, der trotz dem geschlossenen Portal Weihrauchduft entströmte: »Mein Herr, könnten Sie mir sagen, was der ›Himmel‹ ist?«

Dungyerszki erblickte ein Gesicht, das verblüffende Ähnlichkeiten mit dem eines kranken Stationsvorstehers aufwies.

»Der Straßenlärm hat Sie wohl verhindert, mein Herr, mich zu verstehen,« fuhr Dungyerszki unbeirrt fort. »Ich bat Sie, mir zu sagen, was der ›Himmel‹ ist.«

Der Herr, ein gebürtiges Münchner Kind, begriff jetzt, daß es sich um einen Gschpaßigen handle, und begann entsetzlich zu grinsen: »Der Himmel? Dös kann i Ihner scho sagn. Der Himmel, dös is die Odeonsbar.«

»Das mag wohl sein. Ich fragte jedoch direkt.«

»Also direkt hams gfragt.«

»Vielleicht sind Sie meiner Auffassung: für mich ist der Himmel eine Einrichtung, die verhindern soll, daß der Mensch aus ihm fällt.«

»No ja …« Der beleibte Herr fühlte sich in seiner Bequemlichkeit gestört. »Da, kaufens Ihner a Halbe.«

»Ich danke. Möchte jedoch hinzufügen, daß ich Definist bin.«

»Was hams gsagt?«

»Daß ich Definist bin.«

»Was is an dös?«

»Definist ist, wer sämtliche Hauptworte so lange mit seinem Gehirn kitzelt, bis sie vor Lachen in einen Satz machen.«

Der beleibte Herr lachte sozusagen: von ungefähr kam es ihm lustig vor und sogar irgendwie verständlich. »Dö Hauptwort kitzeln? Machens dös do amal.«

»Aber gerne. Bitte nennen Sie mir ein Hauptwort.«

»Alsdann a Hauptwort … Alsdann sagn mer ›Liebe‹ hoho.«

Dungyerszki besann sich keinen Augenblick: »Liebe ist ein Schwindel, dessen süße Empfindungen manchmal entschuldigen, daß man auf ihn hineingefallen ist.«

»Dös hams gut gsagt.« Der beleibte Herr lachte glucksend. »Alsdann gehn mers weiter … eine ›Kakotten‹ hohoho.«

Dungyerszki lächelte darüber, welch elementare Vokabeln ihm serviert wurden: »Kokotte ist ein weibliches Wesen, das sich von einer anständigen Frau dadurch unterscheidet, daß es nur von Fall zu Fall ausgehalten wird, und der gemeinsamen Vorliebe für maskuline Abwechslung und auffallende Kleidung ungehinderter fröhnen kann.«

»Wahr is. Wahr is. Sagns, wo hams denn dös alls her.«

Dungyerszki lächelte mitleidig: »Wollen Sie bitte ungeniert weiterfragen, mein Herr.«

»Ham Sös aber happig. No ja, sagn mer no ›Theresienwiesen‹.«

»Eine zu windige Gelegenheit.«

»Hohohoho!« Der beleibte Herr schwang seine ringbesetzten Wurstfinger Dungyerszki auf die Schulter: »Jetzt aber no ›Nachtlöben‹.«

»Der meist mißlungene Versuch, wenn’s finster wird, aus einer Bar ein Vergnügungslokal zu machen.«

»Na, härns, auf die Baren da laß i nix kommen. Und gwies nöt auf die Odeonsbar.«

»Ich mache mich anheischig, Ihnen zu beweisen, daß Sie sich in Wirklichkeit bisher in der Odeonsbar fadisiert haben.«

»I und mi fadisiert?« Der beleibte Herr blieb empört stehen. »I mi? Wie wollns mer denn nacher dös beweisen, ho?«

»Ich schlage den Tatsachenbeweis vor: Sie gehen mit mir in die Odeonsbar.«

»No und nacher …«

»Und das, was Sie da an meiner Seite erleben werden, wird alles Dagewesene derart in den Schatten stellen, daß Sie, wenn Sie diesen Abend mit den früheren vergleichen werden, sich eingestehen müssen, sich zum ersten Mal nicht fadisiert zu haben.«

»Dös wolln mer segn, Sie Aufschneider.«

»Sie stimmen also zu?«

»Kommens, Sie Döfinist Sie.« –

Sie saßen noch nicht, als eine Dungyerszki bekannte Stimme aus einer Ecke der Bar schrie: »Jessas, der Zki!«

Die bereits angetrunkene Milli stellte alsbald drei Damen und zwei Herren Dungyerszki als den frechsten und gescheitesten Fremdling von München vor und fiel hierauf, gleichzeitig mit den drei restlichen Damen, dem beleibten Herrn freudeschluchzend um den Hals.

Als dieser morgens gegen vier Uhr in eine Droschke gerollt wurde, lallte er Dungyerszki weinend zu: »Zki, du bischt das fidelste Luder, was mir in München derzeit ham.«

Milli, die am Arme Dungyerszkis um ihre Lotrechte sich bemühte, bekräftigte diese Auffassung durch einen leidenschaftlichen Schlag auf seinen Bauch. Und als Dungyerszki eine zweite Droschke heranwinkte, stammelte sie begeistert: »Jetzt sag mir bloß, Zki, wo du im Handumdrehn den Oberhuber auftriebn hast. Dös is ja der reichste Fleischer ausm Sendlingerviertl.«

Dungyerszki zuckte wegwerfend die Achseln. Dann sagte er unnachahmlich: »Kudlacher Straße 16.«

»Ja, der Kopp!« seufzte Milli träumerisch …

Am nächsten Nachmittag kaufte sich Dungyerszki bei Tietz einen hellgrauen Anzug, dessen Hosen an den Seiten dunkle Lampas aufwiesen, einen braunen, kühn gewölbten Kiki und einen schwarzen Spazierstock mit Elfenbeinknopf.

Dergestalt verbessert erschien er um fünf Uhr an der Seite Millis in der zu dieser Stunde nur von Animierpersonal besetzten Odeonsbar, deren Direktor auf Millis und sämtlicher Anwesenden dringendste Empfehlung hin ihn mit einem Anfangsfixum von hundert Mark monatlich und zehn Prozent vom erzielten Weinkonsum als Schlepper engagierte. In dieser Eigenschaft war er von Milli, die in ihm bereits den hervorragendsten Geist des Kontinents sah und ihren endgültigen Typ, privatest längst auf halbpart verpflichtet worden.

Nach wenigen Wochen versorgte Dungyerszki auch andere Damen gegen ein monatliches Fixum privatest und galt bald nicht nur als die größte Definitions-Attraktion des beliebten Lokals, sondern unter dem Namen ›der lange Zki‹ als der bedeutendste Schlepper von München.