Czytaj książkę: «Tausend Kilometer Süden»
TausendKilometerSüden
Walter Jungwirth, Jahrgang 1962, ist im Erstberuf Übersetzer für Französisch. Er lebt im Breisgau, wo er Ende der neunziger Jahre mit dem Radsport begann. 2003 machte er seine ersten Erfahrungen auf der Langstrecke, seither hat er zahllose Brevets absolviert. Er arbeitet heute in einer Psychiatrischen Klinik. In der Vergangenheit veröffentlichte er Geschichten übers Radfahren auf der Website www.viavelo.de. »Tausend Kilometer Süden« ist sein erstes Buch.
Walter Jungwirth
TAUSEND
KILOMETER
SÜDEN
Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen

Walter Jungwirth:
Tausend Kilometer Süden.
Eine Erzählung vom Radfahren in den Bergen.
© Walter Jungwirth, 2017
ISBN (Print) 978-3-95726-019-2
ISBN (E-Book) 978-3-95726-023-9
Covadonga Verlag, Spindelstr. 58, 33604 Bielefeld
Coverillustration: Keith Negley
Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit ausdrücklicher Genehmigung des Verlags.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Covadonga ist der Verlag für Radsportliteratur.
Besuchen Sie uns im Internet: www.covadonga.de
eBook-Herstellung und Auslieferung:
readbox publishing, Dortmund
www.readbox.net
Die Menschen machen ihre eigene Geschichte, aber sie machen sie nicht aus freien Stücken.
Karl Marx
Inhalt
Tag 0, Dienstag – Prolog
Tag 1, Mittwoch – Provence
Tag 1, Mittwoch – Ligurien
Tag 2, Donnerstag – Piemont
Tag 3, Freitag – Haute Provence
Wie komme ich eigentlich hierher?
Tag 3, Freitag – Haute Provence
Tag 4, Samstag – Epilog
Danksagung
Tag 0, DienstagProlog
Wir werden ja sehen, so reden wir, altgediente Routiniers der Landstraße, und natürlich lassen wir alles auf uns zukommen, was da beim Mille du Sud auf uns zukommen wird, und manche werden uns um unsere Zuversicht beneiden, aber bloß mit der Beschwörung unseres stoischen Gleichmuts wäre ein ganzer Nachmittag im Café nicht erfolgreich zu bestreiten. Zudem verlangt die neue Strecke nach fachkundigen Kommentaren, allein schon die Tatsache, dass von den tausend Kilometern vierhundert durch Italien führen: was für ein interessantes und diskussionswürdiges Novum! Der Randonneur liebt es grundsätzlich, Landschaften zu preisen, die er bereist hat oder bereisen möchte, und nicht selten gibt er dazu passend – oder im Zweifelsfall weit ausholend – gleich wundersame Geschichten zum Besten, die vorwiegend den Gleichgesinnten ein Wiehern oder Kopfschütteln abringen, während andere Zeitgenossen den Kontakt mit solchen Geschichtenerzählern nach Möglichkeit meiden, weil sie ihnen nicht geheuer sind. Aber hier in Carcès, am Vortag des Starts, sind wir unter uns und entfesselt, befeuert vom regionalen Angebot an Kaltgetränken, und die in diesem Zuge einsetzende Legendenbildung ist in vollem Gange. Da ist manches, was man noch nicht gehört hat oder nur zu gerne ein zweites oder drittes Mal hört, und den Randonneur möchte man sehen, der sich nicht davon mitreißen ließe. Auch ich bin da keine Ausnahme.
Zwischen den anderen sitzt auch Rufus mit an dem kleinen, runden Tisch auf seinem knarzenden Korbstuhl. Jedenfalls knarzt er dann, wenn mein alter Weggefährte zu einer seiner Anekdoten ausholt, und davon kennt er eine Menge, und seine Erzählungen reißen ihn auch heute wieder so mit, als steckte er noch mittendrin in einer dieser Affären, die er in die Runde wirft. Seine Beine zucken, als wäre er noch immer am Pedalieren, und seine Arme rudern umher, dass jeder sofort sieht, dass hinter diesen Geschichten eine Leidenschaft steckt, wie sie einigen Radfahrern eigen ist – besonders dann, wenn sie das eine oder andere Abenteuer erfolgreich bestanden haben. Und das hat er, Rufus, das kann ich bezeugen und von Glück sagen, dass ich hie und da mit von der Partie war und er insofern auch unsere gemeinsame Geschichte erzählt, so wie ich es nie erzählen könnte.
Und endlich ranken sich die Wortbeiträge um den Col Agnel, einen der höchsten asphaltierten Übergänge, welche die Alpen zu bieten haben. Dieser Pass soll einzigartig sein und Frankreich von Italien wie eine Messerklinge teilen. Und manches Beeindruckende findet zudem noch Erwähnung, auch wenn ich hinterher nicht mehr genau weiß, was es denn mit ihm darüber hinaus noch auf sich hat, aber er sei ein Muss sozusagen. Allein die Nennung seines Namens vermag in diesem Kreis die Fantasien ungeheuer zu beflügeln, so dass selbst ich, dem besagter Col bloß ein vager Begriff war, am Ende zur Überzeugung komme, dass es insgeheim ein lang gehegter Traum von mir war, diesen legendären Pass mit dem Rad zu überqueren. In meiner Vorstellung wird es eine grandiose Auffahrt werden, wenn wir uns nach sechshundert Kilometern entweder im Abendrot des zweiten Tages oder unter dem zauberhaften Sternenzelt der zweiten Nacht von Osten her zum Pass hochschrauben bis auf 2744 Meter – daran kann es überhaupt keinen Zweifel geben. Und angesichts so viel berauschender Schönheit wirkt es angezeigt, gleich nochmals vom berauschenden Angebot an regionalen Kaltgetränken Gebrauch zu machen, was der Angelegenheit weiteren Schwung verleiht.
Leute unseres Schlages werden von denen, die sich bereits mit dem Phänomen des Radwanderns befasst haben, bisweilen respektvoll, bisweilen aber auch geringschätzig, Randonneure genannt – dem französischen Wort für Wanderer entlehnt. Doch nur die Eingeweihten wissen darum, so dass es fraglich ist, ob etwa der Wirtin, die uns hier nun seit Jahren immer in der ersten Septemberwoche verpflegt, diese Bezeichnung geläufig ist. Aber sie kennt uns und weiß auf jeden Fall, dass es immer ein großes Durcheinander gibt, nachdem die Ersten ihre Räder an die ockerfarbene Hauswand neben dem Café gelehnt haben, oder gegenüber, an die im Abendschatten zum Rosa tendierende Kirche, die mit ihrem ohrenbetäubenden Geläut immer zur Unzeit unsere Gespräche unterbricht.
Nach all den Jahren grüßt uns diese Frau mit einer Herzlichkeit, die ein Wiedererkennen nahelegt, auch wenn ihr das ausgelassene Stimmengewirr schon zu schaffen gemacht hat: diese Kakophonie, die nicht so sehr auf die verschiedenen Sprachen zurückzuführen ist, sondern darauf, dass sich jeder nach seinem Gutdünken in unseren Kreis setzt, indem er einen dieser geflochtenen Stühle von den Nachbartischen heranzieht, und kaum, dass er dem Verlauf der Unterhaltung folgen kann, steht der Nächste wieder auf, weil er noch Dinge zu erledigen hat am Vortag des Starts, was in Verbindung mit den Rufen nach Getränken und Speisen ein ewiges Hin und Her ergibt, ein kaum zu durchschauendes Wirrwarr. Aber die Wirtin, die mit Sicherheit viel Volk gewohnt ist, schert sich nicht drum und vertraut wohl darauf, dass sie auf ihre Kosten kommen wird.
Auch der Engländer, der sich schon vor Jahren dem Mille du Sud verschrieben hat, redet vom Randonneur. Beim Sprechen fällt seine Betonung in eigentümlicher Weise auf die erste Silbe, was dem Wort mit dem breiten »R« einen leicht ironischen Beigeschmack gibt. Aber es mag sein, dass der Engländer, der hier in der Provence schon viel durchlebt hat, gar nicht mehr anders von uns sprechen kann als in diesem ironischen Tonfall, gepaart mit einem rauen und herzhaften Lachen, bei dem er den Kopf nach hinten wirft, was zur Gegenrede herausfordert. Dann legt er den Kopf schief, um den Entgegnungen besser folgen zu können – vielleicht, weil er auf einem Ohr schlechter hört, vielleicht ist es aber auch nur eine Angewohnheit. Er ist ja nicht mehr der Jüngste, und wer weiß, was sich in seinen Jahren schon alles ereignet hat und bei ihm zu dieser seltsamen Haltung geführt hat. Gleichwohl sieht er wie immer kräftig aus, und sein Gesicht ist gerötet, was daran liegen mag, dass er als Nordeuropäer die Sonne nicht verträgt, und in diesem Sommer gab es viel davon, wohl auch in England. Womöglich liegt es aber auch ein wenig daran, dass er es schätzt, sich am Vortag noch etwas Mut anzutrinken, und da geht es ihm nicht anders als den anderen am Tisch. Deren Gesichtsfarbe jedoch geht ins Braun, abgesehen von den Nasen, die stets auch einen Schimmer von Rot in sich tragen, denn sie sind viel im Freien unterwegs und der Sonne stärker ausgesetzt als der Rest des Gesichts – ganz zu schweigen vom Rumpf, der, würde man den Anwesenden die Trikots und T-Shirts vom Leibe ziehen, in seiner erschreckenden Farblosigkeit an Maden erinnert, die jahrein, jahraus in Dunkelheit leben.
Alle, wie sie hier sitzen, haben ihre Wahl getroffen, und nun gibt es keinen Ausweg mehr, und das hat auch sein Gutes, denn so kann man sich mitreißen lassen auf dem Strom des Bevorstehenden – mögen die Abenteuer kommen! Und noch einmal heben wir die Gläser zur Feier dieses denkwürdigen Tages, vielleicht auch zu Ehren der Berge, die uns erwarten; das alles muss gar nicht mehr unterschieden werden. Die Vorboten des Glücks sitzen zwischen uns und alles Verlangen hat im milden Spätsommerlicht schon jetzt eine gewisse Sättigung erfahren. Wenn nun Gesangbücher mit Psalmen zu jedem berüchtigten Alpenpass auf dem Tisch lägen, würde uns nichts hindern, in die Liturgie einzustimmen, und unser Singen würde durch ganz Carcès ertönen, bis hinunter zum Fluss, wo ein paar von uns im Anschluss ein Bad nehmen, ja, vielleicht bis hinauf zur Mehrzweckhalle, wo sich alle einundvierzig Teilnehmer des Mille du Sud am selben Abend zum gemeinsamen Mahl treffen und der kleine, bärtige Papou hinter den großen Kochtöpfen alle Mäuler aufs Vorzüglichste stopft. Und bei alledem weiß ich plötzlich nicht mehr, ob mir überhaupt danach ist, morgen loszufahren, wo es uns hier, unter dem lichten Grün der Platanen des Cafés Le Centre, doch an nichts fehlt. Aber dann ist es wiederum doch so, dass unsere Erzählungen nach neuer Nahrung verlangen, immer und immer wieder, und außerdem ist es ausgemachte Sache, dass man ja sehen will, was auf einen zukommt.
Tag 1, MittwochProvence
Carcès, Kilometer 0
Tags darauf, am Mittwochmorgen kurz vor acht Uhr, am Ende eines ausgiebigen Frühstücks in der Halle, wo man die Nervosität trotz der offenen Fenster und Türen riechen kann, ist – nach all den Geschichten des Vortags – die Zeit überreif für einen neuerlichen schicksalshaften Aufbruch und die Männer begeben sich nach draußen; es sind fast nur Männer in diesem Jahr, der Mille du Sud spielt den Frauen noch übler mit als unsereinem, aber eine wagt es trotzdem. Doch jetzt ist jeder mit sich selbst beschäftigt, weil man hier am Start noch viel falsch machen oder vergessen kann, und niemand nimmt Notiz vom anderen Geschlecht, das sich untergemischt hat. An der Startlinie sind ohnehin alle gleich, man hofft nur, dass die drei Tage ohne Blessuren verlaufen.
Eine Schinderei wird es in jedem Fall; um sich das klarzumachen, bedarf es nur eines kurzen Blickes aufs Oberrohr, wo ich eine Liste der Kontrollpunkte und der Schlusszeiten aufgeklebt habe. Von den Bergen ist dort nicht einmal die Rede, aber es sind die Berge, an denen die Fahrer, die nun ihre Maschinen erwartungsvoll über den staubigen Platz schieben, zerschellen werden wie ins Trudeln geratene Flugzeuge. Die Kilometer sind nichts als ein Raster, in das alles hineingepresst ist, auch die Berge.
Sigale (km 126) – Mi 16h24
Menton (km 230) – Mi 23h20
Sassello (km 339) – Do 1oh36
Sampeyre (km 565) – Do 21h44
Embrun (km 660) – Fr 9h36
Ambel (km 734) – Fr 15hoo
Col du Festre (km 756) – Fr 16h43
Séderon (km 841) – Fr 23ho5
Carcès (km 1ooo) – Sa 11hoo
Man drängt nach vorn an den schmalen Tisch im Schatten der enormen Platanen, das rot-weiße Band vor Augen, und am Tisch sitzt Sophie, die all dies, was sich hier abspielt, ins Rollen gebracht hat und zusammenhält, und es ist kein Geheimnis, dass ihr ganzes Herzblut in diesem Abenteuer steckt. Von ihrem Posten hinter dem Tisch sieht sie dem Start mit Spannung entgegen, so gut kenne ich sie, während sie unter ihrem langen, blonden Schopf als eine Art Schutzheilige dieses Unternehmens aufmerksam und scheinbar ruhig die Lage verfolgt, einen Stempel und aufmunternde Worte austeilt, als könne sie kein Wässerchen trüben; aber jeder weiß, dass sie es schafft, mit ihren schweren Strecken auch die Stärksten in die Knie zu zwingen.
Und so wacht sie über den geregelten Ablauf, zusammen mit dem alten Bernard, der unter seinem breitkrempigen Hut ausschaut wie ein Künstler oder vielleicht auch wie ein Ganove aus dem Krimi – man wüsste nur zu gerne, welche Fügung ihn zu diesem fahrenden Volk hier geführt hat. Gleich wird er das rot-weiß gestreifte Band, das uns noch von der Straße trennt, zu Boden fallen lassen, während er sein gegerbtes Gesicht wie beiläufig zu einem halb spöttischen Lächeln verzieht, als Mitwisser in gewissem Sinne, denn wenngleich wenig von ihm bekannt ist, so erzählt man sich doch, dass auch sein Leben in den letzten Jahren nicht einfach war.
Plagt euch ruhig, so lächelt er unter seiner Hutkrempe hervor, er hat uns ja noch ein paar Jahre voraus, und er wird wohl wissen, was das bedeutet. Doch wenn wir zurück sein werden, werden auch wir gealtert sein, und es bleibt offen, ob es ein erstrebenswerter Zustand ist zu altern oder eben nur unschönes Beiwerk unseres Vorhabens. So wie er da steht, ist das eine wie das andere denkbar und es bleibt mir nichts anderes übrig, als die Beantwortung dieser Frage einstweilen aufzuschieben, denn jetzt ist der entscheidende Moment gekommen, wo sich Sophies Stempel, der erste, auch auf meine gelbe Brevetkarte niedersenkt. Etliche Stempel werden diesem noch folgen, und jeder von ihnen wird im Nachhinein seine kleine Geschichte erzählen, wenn die Sache einen erfolgreichen Verlauf nimmt, und daraus werden neue Erzählungen gemacht, welche aber, das wird sich erst im Laufe der nächsten drei Tage zeigen. Alles ist möglich, und wer hier ohne Bedenken am Start steht, fürchtet nichts im Leben.
Jetzt gibt es kein Zurück mehr. Das Band fällt zu Boden, der Mille du Sud ist eröffnet, und in diesem Moment, da sich nach vorne hin die Schleusen öffnen und ich mich anschicke, die Beine von der sonnenverbrannten Erde zu nehmen, um mich in die Pedale einzuklicken und mit den ersten zwanzig Fahrern in die Morgensonne hineinzurollen, stellt sich heraus, dass mein Hinterrad halb platt ist.
Ich wundere mich, was in dieser Nacht passiert sein mag, dass es dazu kommen konnte, halte mich aber nicht lange mit dieser Frage auf. Um mich nicht ganz alleine auf den Weg machen zu müssen, besorge ich mir in aller Eile eine Standpumpe, indem ich den schmalen, sehnigen Landsmann mit dem Rennrad ohne Gangschaltung aus der zweiten Startgruppe um seinen Autoschlüssel bitte – eben noch hatte ich ihn an seinem Fahrzeug mit seiner Pumpe hantieren sehen. Er aber weiß entgegen allem Anschein auch mit moderner Technik umzugehen und mit einem Druck auf seinen Schlüssel öffnet er sein Auto aus der Entfernung. Es muss schnell gehen – auch er will seinen Start nicht verpassen. Ich renne hin und zerre die Pumpe aus dem Kofferraum und Panik erfasst mich, und mein Herz beginnt wie wild zu rasen im Verlangen, aufzubrechen in die südlichen Gefilde, zusammen mit all diesen eigentümlichen Mitverschworenen.
Ich presse, so schnell es geht, zwei Dutzend kräftige Luftstöße in den Reifen, um sogleich, jetzt schon außer Atem, mit der zweiten Startgruppe aufzubrechen. Inmitten dieser wirft nun auch der hagere Landsmann mit seinem Singlespeed sein Bein über den Sattel und strafft die Sehnen, um ebenso wie ich einzutauchen in die Weiten der mediterranen Landschaften, wo unser aller Lebensgeschichte fortgeschrieben werden wird und wo mein Landsmann – dazu bedarf es keiner prophetischen Gabe – nach menschlichem Ermessen mit seinem Versuch, die Berge mit diesem anachronistischen Fahrzeug bezwingen zu wollen, scheitern wird. Am Fuße irgendeines entlegenen Anstiegs wird er fraglos den Tribut zollen für seine Vermessenheit. Er ist zum ersten Mal hier und hat noch keine Begriffe von dem, was ihm bevorsteht, und er wäre nicht der Erste, dessen Höhenflug, der mit dem Nahen des Mille du Sud einsetzt, jäh endet unter dem erdrückenden Gewicht der Realität – da gab es schon viele vor ihm, die besser gerüstet waren.
Waren eben noch Carcès und der staubige Vorplatz der Gemeindehalle das Zentrum unserer Gedanken, so ist mit dem Augenblick, wo das Rad ins Rollen gerät, alles vergessen. Kein Blick, kein Wink zurück zu Sophie und Bernard, die mit einem Mal alleine auf dem verlassenen Platz stehen werden, kaum dass sie den letzten Stempel gesetzt haben. Die beiden werden den Tisch, von dem aus sie eben noch die Meute verabschiedet haben, zurück in die leere Halle tragen, und vielleicht ist trotz der nun herrschenden Stille eine Geschäftigkeit geboten. Denn sicher werden sie bald aufbrechen, um irgendwo in der Ferne neuerlich Posten zu beziehen. An einem einsamen Ort in der französischen oder italienischen Provinz werden sie eine Geheimkontrolle einrichten, an einer Stelle, die alle Fahrer laut Plan und Reglement zu passieren haben. Und um dies sicherzustellen, werden sie sich beizeiten dort einfinden mit ihrem Stempel und vielleicht ein paar Kleinigkeiten zur Stärkung, um den Reisenden, die überrascht sein werden, sie dort vorzufinden, eine Freude zu machen.
Ab dem Moment, wo wir das rot-weiße Band überfahren haben, ist der Blick nach vorn geheftet, auf die Straße, auf das Vorderrad, die bunten Trikots, die von nun an übers Land strömen, auf das zu dieser Stunde belebende Grün ringsum, das, so könnte man meinen, noch nach Morgentau riecht… Doch wie sehr kann man sich täuschen in diesen Minuten, wo alles frisch und lebendig erscheint, nur weil das Dekor mit einem Mal gewechselt hat und der Körper in den lang ersehnten Gleichgewichtszustand zurückfällt, der aus diesem eigenartigen Zusammenspiel von Mensch und Maschine besteht, mit dem das Rad vor dem Umfallen bewahrt und mit kräftigen Stößen mitten in das leuchtende Herz der Provence hineingetrieben wird.
Wie sehr ließe sich über die Geheimnisse spekulieren, die einer Langstrecke innewohnen: Ist es nicht tatsächlich schwer zu greifen, was all die Menschen beseelt und über die Tage bei Laune hält, die hier zu dieser Meute zusammengewachsen sind? Vereint mögen sie sein, in gewissem Sinne, aber da ist nichts, was den einen an den anderen binden würde; die Abstoßungskräfte sind ebenso gegenwärtig wie die Anziehungskräfte. Und so sieht man die einen, die gleich zu Beginn das Weite suchen, denn sie fühlen sich dem Unbekannten gewachsen und sie glauben zu wissen, worauf sie sich eingelassen haben – auch wenn sich eine solche Annahme als trügerisch herausstellen kann.
Haben wir nicht in der Vergangenheit schon manche auf unseren Wegen getroffen, die, in prächtiger Verfassung losgezogen, später entkräftet im Café hingen oder in malerischer Kulisse ihren Leib auf eine Bank gehievt hatten? In dieser Weise haben wir sie schon in der prallen Sonne liegen sehen, und sie wussten nicht vor und nicht zurück mit ihren kreidebleichen, kaltschweißigen Gesichtern, so dass es keiner Worte bedurfte, um darüber in Kenntnis gesetzt zu sein, dass hier kein Staat mehr zu machen war. Auch wenn wir ihnen noch gut zugesprochen hatten, war doch klar, dass die Liste der Starter mindestens um den einen vor uns dezimiert sein würde, ehe aus ihr die Liste der Finisher geschmiedet sein würde.
Aber so gehört es ja zum Spiel, und wenn man am Anfang steht, will man nicht glauben, dass das Spiel diesen Verlauf nehmen könnte, ungeachtet aller Regelhaftigkeit, die angenommen werden darf, was die Konstitution des Randonneurs betrifft: Der Körper muss in den vorhergegangenen Monaten mit den zu erwartenden Strapazen vertraut gemacht worden sein, bei Tag sowohl als auch bei Nacht, das ist das Mindeste, und auch mit dem Material, das er sich gewählt hat, muss der Hasardeur auf gutem Fuße stehen. Aber darüber hinaus gibt es Wendungen, die sich an keine Regeln halten, und diese Geheimnisse werden wir nicht lüften, auch wenn wir im Nachhinein immer klüger sind und von Erfahrungen reden, die aber nur gerade so viel abdecken, wie hinter uns liegt.
Manche kenne ich aus unseren Reihen, die das Unerklärliche mit technischen Begriffen zu fassen und dingfest zu machen versuchen. Vieles von dem, was sie sich über Nahrung und Materialien in ihren verschiedensten Formen, wie sie am Rad zum Einsatz kommen, angeeignet haben, ist in der Tat zweckdienlich und willkommen im Kreis – wer wollte sich da nicht verführen lassen? Denn es täuscht doch insbesondere darüber hinweg, dass es die versteckten Dinge gibt, die wir nicht zu fassen bekommen oder erst später, weil sie auch manches mit uns selbst zu tun haben, mit Besonderheiten, die tief in uns stecken und derer wir nicht habhaft werden. Am Ende sind es aber nicht selten diese Geheimnisse, die ohne unser offensichtliches Zutun über unser Schicksal auf den Straßen des Südens entscheiden werden, und wären diese nicht, so würden unsere Herzen mit weniger Freude pochen, jetzt, wo es losgeht – davon bin ich überzeugt. Bei alledem reden wir dennoch lieber von Vertrautem oder den Vorzügen unserer Leidenschaft, wenn wir neben erfahrenen Mitstreitern dahinrollen oder uns mit den neuen Gesichtern, die uns der Zufall in den ersten Abschnitten zur Seite gegeben hat, bekanntmachen.
Salernes, Tourtour, Chateaudouble, Ampus – viele Ortschaften, die wir in den nächsten, in diesen noch gänzlich unbeschwerten Stunden durchfahren, müssten mir von den vergangenen Austragungen dieser Langstrecke im Gedächtnis sein, bin ich doch beileibe nicht zum ersten Mal hier. Aber ich erkenne sie kaum wieder, denn wir lagen bei ihrer Durchfahrt zu später Stunde stets in den letzten Zügen, kurz vor dem Ende stehend, und die nächtlichen Ansichten dieser Dörfer blieben nur als verhuschte Fragmente in meinem Kopf zurück. Nun, bei Tage, möchte man überall anhalten und die Einheimischen nachahmen, die in scheinbar grenzenloser Zeitfülle mit gefüllten Einkaufstaschen plaudernd an den grob verputzten Häuserecken stehen und sich kaum umwenden, wenn unsere Räder durch ihre Straße surren, oder die ihren petit café inmitten dieser pittoresken Kulissen zu sich nehmen. Aber man hat ja auch seinen Stolz und seinen Eifer, jetzt, wo man auf dem Rad sitzt und nach den Tagen des Wartens wieder in seinem Element ist. Bis der erste Neid aufkommt, sind wir auch schon wieder durch.
Wir schreiten voran auf unserem welligen Kurs nach Nordosten, vorbei an heranreifenden Weinfeldern und den Eichenwäldern. Und wiederum werden wir uns, wie jedes Mal, dessen bewusst, wie wenig das Straßennetz auf der vertrauten Michelinkarte, die man Stunde um Stunde in Vorfreude studierte – und noch viel weniger die Linie auf dem GPS-Gerät – mit dem zu tun hat, was sich nun mit der Üppigkeit der Provence rings um uns her im seidenen Morgenlicht offenbart. Dankbar nehmen wir jede Kuppe, um uns mit einem überwältigten Staunen einen knappen Überblick zu verschaffen über den Streckenverlauf, der von Sophie für uns ausgesucht wurde, um unsere Kräfte an ihm zu messen. Und wieder würden wir alles geben müssen, um dieses fast liebliche Asphaltband, das sich hier noch munter über die Hügel zieht, bis zu seinem Ende verfolgen zu können, ein Ende, das sich in diesem Moment noch jeder Vorstellung entzieht.
Camp militaire de Canjuers, Kilometer 53
Am späten Vormittag passieren wir militärisches Sperrgebiet. Außer durch die Verbotsschilder, die hier in wilder Landschaft unablässig vor dem Betreten warnen, wird dies an anderer Stelle von parkenden Militärfahrzeugen – schweres, gepanzertes Gerät – unmissverständlich zum Ausdruck gebracht. Für einen Moment kommt mir der Gedanke, wie man es wagen kann, diesen wilden Landstrich für derlei Zwecke in Beschlag zu nehmen. Aber wir sind Gäste hier und es geht uns am Ende nichts an, und so nehmen wir diesen Umstand – solange wir nicht beschossen werden – in diesen glücklichen Stunden in Kauf. Ebenso wie das bergige Gelände, das gerade recht kommt, um die Klauen zu schärfen für das, was uns bevorsteht, auch wenn ich in diesen Augenblicken noch längst nicht an den Col Agnel denke, ja, noch nicht einmal an Italien.
Die Luft im Reifen hält, wie ich nebenbei feststelle, es scheint sich also um ein rein nächtliches Phänomen zu handeln, und nichts hindert mich daran, zu den vor mir Gestarteten aufzuschließen, die ihren Arbeitsplatz und Frauen und Kinder zurückgelassen haben, um hier an ihrer Geschichte zu feilen. Ihr Frohsinn wirkt ansteckend und fügt sich mit dem morgendlichen Sonnenschein zu einem Hintergrund, auf dem nur Erzählungen von tiefer Heiterkeit gedeihen dürften, von landschaftlichen Höhepunkten wie dem erhabenen Mont Ventoux am Horizont oder, zur Mittagszeit, den Schluchten von Saint-Auban: Zwischen den Felswänden verläuft die Straße sanft talwärts und ich lasse mich den schmalen Fluss, der zuzeiten gewaltige Wassermassen führen muss, entlangtreiben wie ein Kind, das noch nichts von den Gefahren des Lebens weiß, und so könnte der ganze Mille du Sud verlaufen, als ein sanftes Dahintreiben, und es wäre vermutlich fantastisch, aber so ist das Leben nicht und auch nicht der Mille du Sud.
Gilette, Kilometer 152
Hat man am frühen Nachmittag, nach einhundertfünfzig Kilometern, Gilette erreicht und erfasst man die atemberaubende Sicht ins breite, nahezu ausgetrocknete Flussbett des Var, muss man anhalten und seinen Tritt unterbrechen – es geht kaum anders – und sich über die schmale Brüstung beugen, und man staunt, was für ein Tal, das da unter einem liegt!
Unweigerlich fragt man sich, welche Gewalten dies geschaffen haben, welche Wassermassen es vermocht haben, diese unfassbar tiefe Schrunde in die Erde zu reißen. Ohne dass man es möchte, verwandelt sich das Szenario in eine biblische Landschaft, die nur Gewalten kennt, Bestrafung, Rache, und man ahnt das Ausmaß an Vergeltung, die hier vollzogen wurde, aber dies ist lange her – dem Himmel sei Dank!
Heute sind wir an einem anderen Punkt der Geschichte, dennoch widerstrebt es einem, sich am Ortsende auf dieser engen, gewundenen Straße in die Tiefe zu stürzen, auch wenn man weiß, dass man nichts zu befürchten hat: Die launischen Götter von einst haben sich verabschiedet, und das ist gut so, denn so kann man letztlich ohne Bedenken in die Hölle eintauchen, die dieses Tal in fernen Zeiten gewesen sein muss, als die Fluten alles davontrugen, was sich nicht am Felsgestein festklammern konnte. Nein, uns droht wahrlich keine Gefahr mehr, obschon die Sitten an den nahen Küsten gelockert sind, als wolle man den Götterzorn mutwillig heraufbeschwören. Man denke nur an die Strände von Nizza, zwanzig Kilometer flussabwärts, wo die Menschen halbnackt im Sand liegen mit diesem Unterton der Lust, die zusammen mit den betörenden Temperaturen, die dort herrschen, zu allem führen kann. Wir dürfen erleichtert sein, dass die alten Götter gegen diese Lasterhaftigkeit nichts auszurichten vermögen, denn noch immer liegt das Vartal da, als warte es auf die nächste Sintflut.
Trotzdem mag es sein, dass wir eben diesen Gewalten zu entfliehen trachten, wenn wir hier den Lenker unten fassen, Rufus, mein alter Weggefährte, und ich, die wir uns hier im Tal wieder zusammengetan haben, um gemeinsam dem Gegenwind die Stirn zu bieten. Kaum einer weiß um die Zerbrechlichkeit des Daseins so sehr wie wir auf unseren schmalen Pneus, die wir mit Vernichtung und Tod stets aufs Subtilste verwoben sind, umso mehr hier im Tal, unter dieser flirrenden Hitze, dem heißen Wind und den furchterregenden Gewalten der Motorkraft, mit denen die Menschen die einstige Macht der Götter an sich gerissen haben.
Ich bezweifle, dass die Fahrer, die, beschützt von ihrem unmerklich vibrierenden Blech, wie erstarrt an uns vorbeirauschen oder uns entgegenkommen hinter aufblinkenden Fensterscheiben – denn die Sonne steht noch sehr hoch und schleudert grelle Blitze von den verdunkelten Gläsern – diese Verletzlichkeit kennen. Gänzlich unspektakulär werden sie ihr Leben gemäß ihrer Vorstellung beenden, mutmaßlich mit einem Blutstau im Gehirn oder in einem Klinikbett, mit marodem Herzen oder knotigem Gewebe, das ihren Leib bläht, bis sich endlich das Fachpersonal dazu durchringt, die Geräte abzustellen. Keiner Zeitung wird ein solches Ableben eine einzige Zeile wert sein, so gewöhnlich werden sie ihr Leben beschließen, ein Leben, in dem alles nach Plan lief und jede Gefahr geflissentlich vermieden wurde. Uns hingegen, obschon wir sie nicht suchen, sitzt diese Gefahr beständig im Nacken, auch hier entlang dieses breiten Flussbetts, wo die Fahrzeuge seelenlos dahinrasen und wir ihnen umso schutzloser ausgeliefert sind.
Ja, seit ich dem Radfahren verfallen bin, sehe ich den Tod mich nie anders antreffen als in Radschuhen, ein Ende, das mir widerstrebt, das ich aber gegebenenfalls anderen Formen des Abtretens vorziehen würde. Auch gab es Zeiten, wo ich ein solches nicht allzu sehr gefürchtet hätte, aber vielleicht ist das auch nur so dahingesagt, denn solange man glimpflich davonkommt, geht einem eine derartige Behauptung leicht von der Zunge, und wenn es schiefgegangen wäre, wäre eine solche auch nicht mehr zu widerlegen.
Saint-Martin-du-Var, Kilometer 196
Wie auch ich wird Rufus etwas von dieser Beklemmung, wie sie von manchen Tälern ausgeht, spüren, denn seine Unruhe ist groß, als wir uns in Saint-Martin-du-Var beim ersten offenen Geschäft versorgen. Er wolle sofort weiter, sagt er, und ich frage mich, was treibt ihn in dieser Hitze sofort wieder in den Sattel, kaum dass er seine Dose Cola hinuntergestürzt hat. Aber ich kenne die Antwort, denn wir sind nicht dafür angetreten, in den Tälern auszuharren, in dieser Luft, die uns den Schweiß aus den Poren presst. Trotzdem will ich selbst noch kurz verschnaufen und eine Kleinigkeit essen, ehe auch ich mich auf den Weg nach oben mache, an der Westflanke des Flusslaufes entlang, die in der Nachmittagssonne brutzelt und den Radwanderer, der sich auf ihr bergwärts bewegt, nicht minder brutzeln lässt. Oben wartet der Col de Chateauneuf mit seinen 627 Metern auf uns, aber dieser Berg macht mir keine Angst.
Darmowy fragment się skończył.