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Skizzen zur geistigen Situation der Gegenwart


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ISBN: 978-3-98791-085-2

2. Auflage 2025

© Westend Verlag GmbH, Waldstr. 12 a, 63263 Neu-Isenburg

Lektor: Tobias Keil

Umschlaggestaltung: Buchgut, Berlin

Gewidmet dem Frieden & der Freiheit in Europa


Für meine beiden Söhne Félix & Maxime


Und für alle Söhne der Frauen in Europa, der Ukraine und Russland, Gaza und Israel, im Jemen und Sudan und sonst wo auf der Welt


»Nicht müde werden, sondern dem Wunder leise, wie einem Vogel, die Hand hinhalten«

Hilde Domin

Ein Spaziergang durch die Republik

»Ich hoffe immer noch, dass die Staatsmacht endlich aufhört, sich wie das hässliche Mädchen zu verhalten, das den Spiegel zerschlägt, in der Meinung, er sei schuld an seinem Aussehen.«

Vaclav Havel vor Gericht, 1989

Das Manuskript zu diesem Buch ging am 2. Mai 2025 in Druck. Alles, was seither geschehen ist in diesen Zeiten, in denen die Geschichte – und mit ihr wahlweise hilf- oder verantwortungslose Politiker – mit Siebenmeilenstiefeln durch unser aller Leben trampelt, konnte nicht berücksichtigt werden. Vielleicht ist zu dem Zeitpunkt, an dem Sie dieses Buch lesen, schon alles wieder ganz anders!

Zu Beginn meiner Skizzen möchte ich kurz erzählen, was ich alles in den gut zwei Jahren nach meinem recht spektakulären Rauswurf von der Universität Bonn und eigentlich auch aus der guten Gesellschaft als Schwurblerin oder neuerdings als Rechte erlebt habe, erst in den Corona-Jahren, dann in den ersten beiden Kriegsjahren. Es war viel Schönes!

Zuvor muss ich erwähnen, dass ich in vielerlei Hinsicht kein bundesrepublikanisches Durchschnittsleben gelebt habe. Ich war lange Jahre im Ausland (Paris, Washington, Brüssel, New York, Wien), habe kein Reihenhaus, kein Auto und keine Kaffeemaschine. Allein das zeigt eine gewisse Differenz zu dem, was man gemeinhin als normal erachtet. Und natürlich bin ich Akademikerin und hatte zuvor die normalen Leute – Handwerker, Kassiererinnen, Taxifahrer – genau als das wahrgenommen, was sie sind: Werktätige. Jedenfalls hatte ich, wie die meisten Akademiker, keine sozialen Kontakte oder Freundschaften mit Nicht-Akademikern. Es ist mir auch nicht aufgefallen. Im deutschen Osten war ich in meinem europäischen Leben seit 1989 eher selten.

Von heute auf morgen ein stattliches Gehalt zu verlieren und sich beim Arbeitsamt melden zu müssen, hat etwas Heilsames. Man hat interessante Begegnungen und lernt sehr viele, super-sympathische, hilfsbereite, engagierte, interessierte Leute kennen, in allen möglichen sozialen Zusammenhängen, einfach, weil man mal rauskommt aus seinem Milieu. Ich bin dankbar für diese Jahre, denn sie sind mir zu einem unvergleichlichen Erfahrungsschatz geworden!

Hier möchte ich, statt namentlicher Danksagungen am Ende des Buches, eine Hommage an diese Bürger und Bürgerinnen der Bundesrepublik machen und diese Hommage mit meinem allergrößten Dank an all jene verbinden – sicher Tausende von Personen –, denen ich in den letzten drei Jahren unverhofft begegnet bin, die bei meinen Vorträgen waren oder die meine Videos anschauen, die ein Selfie mit mir wollten, die mich auf der Straße oder im Café angesprochen haben, um mir für meine Arbeit oder Worte zu danken, die ein signiertes Buch von mir wollten oder die mich bei meinem Crowdfunding für meine Anwaltskosten im Frühjahr 2024 oder anderweitig unterstützt haben.

Es gab so viel Schönes, Wahrhaftiges und Echtes in diesen Jahren! Mitbürger, Fremde schickten mir Geschenke – Honig, selbstgemachte Leberwurst, Vitamintabletten, Tee oder selbstgestrickte Strümpfe. Viele sind jetzt in meinem Adressbuch, von Neuss bis Halle und Zürich, von Kiel über Duisburg nach Dinkelsbühl bis weiter nach Salzburg. Personen, denen ich sonst nie begegnet wäre, deren Bekanntschaft ich aber nicht missen möchte. Es ist, als hätte ich mein Land erst jetzt richtig kennengelernt.

Diese Bürger – nicht die Regierung! – sind die Hefe, die diese Republik aus dem Mehltau, der sie aktuell umgibt, wieder befreien und zum Blühen bringen werden! Sie machen unideologische, fleißige und unbezahlte/unbezahlbare Aufklärungsarbeit zu Corona, denn, wie jeder inzwischen weiß, haben die Querdenker inzwischen mit so gut wie allen vermeintlichen Verschwörungen Recht behalten. Diese Bürger organisieren jetzt Friedensbewegungen, denn der scheinbar notwendige Krieg ist die nächste Lüge. Vor allem die Bürger der ehemaligen DDR weben derzeit in unzähligen, privaten und liebevollen Initiativen freundschaftliche und familiäre Bande zwischen Deutschland und Russland und sorgen für das biographische und intergenerationelle Gewebe, das kein Stacheldraht dauerhaft wird trennen können. Die Ostdeutschen wissen auch noch, dass im letzten Krieg nicht nur 6 Millionen Juden, sondern auch 27 Millionen Russen zu Tode gekommen sind, die Erinnerungskulturen in Ost und West sind distinkt unterschiedlich.

Insgesamt wird viel nachgedacht über neue Konzepte des gesellschaftlichen Zusammenlebens: über ein anderes Geldsystem, eine andere Schule, ein anderes Gesundheitssystem oder bessere Nahrungsmittel in unseren Supermärkten. Die Aktivitäten der jungen Generation, die jetzt wie Fabian Kowalik, ein einflussreicher Ernährungsberater auf TikTok, längst ihre neue Welt baut, sind hier sehr aufschlussreich: dutzendweise Videos dieser sympathischen Jugend, die mit ihren gekonnten Kurzvideos spielerisch die Werbung für schlechte Konsumgüter und die Politik gleichermaßen dekonstruiert, zum Beispiel in den KI-animierten Shorts »Zirkus Germania«. Das kann einem großes Vertrauen einflößen, dass sich die Dinge in diesem Land doch noch mal ändern, und vielleicht schon bald!

Dort, bei diesen Bürgern, liegen so viel Wissen und Güte, Engagement und Schaffenskraft, liegen Ideen und Papiere, die zu übersehen sich keine Regierung leisten kann! Dieses Land ist im Umbruch und wird wieder auf die Füße kommen, aber nicht durch die Regierung Merz oder die 800 Milliarden, sondern weil diese Bürger längst wie Maulwürfe die Erde umgepflügt und ihre Projekte wie Blumenzwiebeln als Saat in die Erde gelegt haben.

Ich habe auch bemerkt, welche Mauern ich noch im Kopf hatte. Habe gesehen, wie vor der Tür schon viele andere Ausgestoßene standen, deren Ausstoß oder Ausschluss ich zuvor nicht bemerkt hatte oder nicht bemerken wollte. Welche Framings mir eingeflößt waren. Mit wem man sich am besten wirklich nicht trifft, rechts, ganz extrem, ganz schlimm. Nach zwei Jahren kann ich berichten, dass die meisten Personen, über die derlei erzählt wird – wenn man sie dann doch trifft, ihnen die Hand schüttelt und mit ihnen spricht –, meist sympathisch sind, höflich noch dazu. Oft verletzt durch die Ausgrenzung. Kränkung verbindet. Es schafft eine Art Partisanen-Verbindung. Ich habe mit Querdenkern, Aluhüten, Lumpenpazifisten, Reichsbürgern, Randständigen aller Art und AfD-Politikern gelacht und Schweinebraten gegessen, gefeiert oder getanzt. Ich war bei der Erasmusstiftung und habe dort mit Bürgern diskutiert. Das Gleiche habe ich mit Linken gemacht, gar mit Kommunisten oder Anarchisten, zum Beispiel im Café Laidak in Berlin-Neukölln. Oder mit Katholiken, den echten, die die Messe noch auf Latein halten. Ich habe gestritten und argumentiert – über Klima, Abtreibung, Migration, die Nation oder den Krieg – und immer etwas dazugelernt, vor allen Dingen andere Ansichten. Das Gleiche habe ich, wann immer es ging, mit Migranten, Pennern und Obdachlosen gemacht, die Berliner S-Bahn bietet sich an, es sind alles sehr dankbare Gesprächspartner. Manchmal war ich überrascht, welcher Zahnlose mit Lidl-Tüte oder Busfahrer oder Taxifahrer oder Schaffner mich erkannte. Ich habe viele Bürger kennengelernt, die ich ohne diese ganzen Ereignisse nie getroffen hätte, und bin froh darüber, denn jetzt weiß ich mehr über dieses Land und seine Leute, vor allem über ihre Gedanken und Sorgen. Zum Beispiel über die Nöte der Mitarbeiter vom sogenannten Job-Center, denen für ein Beratungsgespräch offiziell ganze 30 Minuten bewilligt werden.

All diese Bürger, jung wie alt, machen keine CumEx-Geschäfte, haben keine Masken-Skandale oder Graichen-Affären zu verantworten, haben keine Panama-Papers und bedienen sich nicht schamlos in Millionenhöhe an fragwürdigen Investitionsfördertöpfen aus dem Wirtschaftsministerium für irgendwelche Start-ups, die sie dann in den Sand setzen – was inzwischen eine Art »Geschäftsmodell« für Kinder aus besserem Haus zu sein scheint. Denn natürlich muss das Geld nicht zurückgezahlt werden. Der Fisch stinkt immer vom Kopf, sagt man.

Vor allem habe ich endlich, endlich einmal den deutschen Osten kennengelernt und dort fast überall engagierte Bürger getroffen, die noch einen ganz anderen Begriff von bürgerlichem Engagement haben, oft mehr als die Leute im Westen. Der deutsche Osten scheint mir heute die Herzkammer der Republik zu sein, da, wo nicht denunziert wird, da, wo man Spitzel-Methoden schon kennt, da, wo der Sozialismus – wie schlecht auch immer er war – noch residuale Formen von Gemeinschaft und sozialer Sorge hinterlassen hat, die mir in dieser Form im Westen seit langem nicht mehr begegnet sind. In Erfurt, Weimar, Halle oder Dresden scheint die Welt noch halbwegs in Ordnung, jedenfalls mehr als in Recklinghausen oder Frankfurt am Main.

Das bestätigen auch die Erfahrungsberichte, die Claus M. Wohlschlag 2024 in einem wunderbaren Buch versammelt hat: Meinung, Pranger, Konsequenzen. Zweiundzwanzig Fälle. In einem dazu kursierenden Video-Short äußert sich Michael Beleites dazu wie folgt: »Es gab auch in der DDR inszenierte Verleumdung, aber es gab nur ganz wenige, die das geglaubt haben, und noch viel weniger, die das von sich aus verstärkt und noch einen draufgesetzt haben. Heute ist es die Mehrheit, die es glaubt, wenn einer denunziert wird, die das noch verstärkt und von sich aus einen draufsetzt.«1 Es ist der entscheidende Unterschied zwischen der Bundesrepublik und der DDR, dass die Bürger in der DDR wussten, dass sie politisch belogen wurden, während die meisten in der (alten) Bundesrepublik Deutschland dachten oder denken, das könne ihnen nie passieren!

Selten galt Aischylos so sehr wie in der besten Bundesrepublik aller Zeiten: Es ist des Menschen Charakter, den, der fällt, noch zu treten. Allen selbsternannten Moralisten, Besserwissern, Guten, Wahrheitswächtern, Trollen, Plagiatsjägern, Denunzianten & Fakten-Checkern rufe ich daher zu: Wer in diesem Buch akribisch Fehler sucht, wird welche finden.2 Wer die Dinge anders sieht, darf das gerne tun. Verleumdet mich! Stellt mich bloß! Es ist mir egal! Aber bedenkt bitte in eurer Tadellosigkeit die drei Finger, die auf euch zurückzeigen. Dieses Buch ist mein freistes Buch, denn ich habe, wie die großartige Janis Joplin damals gesungen hat, nicht mehr viel zu verlieren, nothing left to lose. Ich habe in den Jahren ab 2022 nach zwei Büchern, die irgendwie nicht sein durften, gelernt, dass Geld nicht wichtig ist und man für Geld seine Wahrhaftigkeit und Würde niemals aufs Spiel setzen sollte. Ich habe gelernt, auf die Meinungen anderer über meine Person zu pfeifen. Es waren viele, sehr viele, die in den vergangenen Jahren wieder und wieder irgendein Stückchen aus meinem Leben hervorgekramt haben, um sich per Fingerzeig daran zu ergötzen.

In jenen Jahren haben mich die Niedertracht und Bösartigkeit im Internet überrascht – und angestrengt. Ich habe mit Erstaunen vermerkt, welche Nichtigkeiten auf einmal auf meinem Wikipedia-Account zu lesen waren, sogar über meine Familie. Lange Monate konnte oder musste ich beobachten, wie Trolle mich verfolgten (bald kannte ich die einschlägigen Account-Namen auf X oder LinkedIn), über lange Zeit wurde jedes Posting von mir in Sekundenschnelle hämisch kommentiert. Ich habe aufgegeben mich zu fragen, ob diese Personen damit beauftragt waren (und wenn ja, von wem und warum?) oder ob es KI-gesteuerte Bots waren: Es hat inzwischen aufgehört und es fühlt sich so an, als ob kläffende Kampfhunde endlich von meiner Wade abgelassen haben. Uff!

Diese Formen der bewussten, emotionalen Spaltung von Bürgern haben offenbar nur die Funktion einer Ablenkung vom Eigentlichen und die Verhinderung von Solidarisierung jeder Art.

Es waren die Intellektuellen, die das sogenannte Volk, eigentlich aber alle Bürger im Stich gelassen haben, als es in den letzten Jahren darum ging, erst die Freiheit, dann den Frieden zu verteidigen, ganz wie Julien Benda es in La trahison des clercs von 1927 geschrieben hat. Das Buch ist bedrückend aktuell. »Alle politischen Ideologien beanspruchen heute, auf Wissenschaft zu beruhen«, schrieb Benda schon damals, vor knapp einhundert Jahren (S. 99, dt. Ausgabe). Es sind Wissenschaftler, die mit Klima- oder Corona-Studien um sich werfen und damit Dystopien zementieren, anstatt an die Kreativität und die Fülle des menschlichen Lebens zu glauben. Es sind die Intellektuellen, die jene Diskurse von Identität, Gender oder Diversity erfunden haben, um über Class und Chancengerechtigkeit nicht mehr reden zu müssen. Es sind die Intellektuellen oder die Kulturschaffenden, die mit Trigger-Warnungen und Ähnlichem die Infantilisierung der Gesellschaft mitbetreiben und dabei Grundprinzipien des Humanismus verraten, zum Beispiel, dass wehrhafte, mündige, aufgeklärte Bürger wissen, was sie tun. Die Shitbürger, wie Ulf Poschardt schreibt, sind es auch, die Anstand, Fleiß und Ehrlichkeit verraten haben, aus denen aber der Kitt gemacht ist, der eine Republik zusammenhält.

Und es sind genau diese Leute, die Shitbürger, die in den vergangenen Jahren nicht mehr mit mir reden wollten, weil ich zu Corona dies, zur Ukraine jenes und zu Gaza wieder dies gesagt habe. Wer nicht mehr mit mir reden wollte, waren diejenigen, die von sich meinen, sie seien die Guten, die Toleranten oder die Liberalen. Und die meistens am Ende Punkt sagen. Punkt. Da gibt es nichts zu diskutieren. Wenn du das nicht auch so siehst, dann kann ich dir nicht helfen. Wer nicht mit mir von Angesicht zu Angesicht reden oder diskutieren wollte, trotz mehrfacher Aufforderung oder Einladung, waren diejenigen, die mich am meisten auf sozialen Medien ausgegrenzt oder diffamiert hatten: die dressierte Antifa, die Jusos in Bonn, der AStA, die Fachschaft oder das StuPa. Oder auch FDP-Abgeordnete, also die ganz besonders Liberalen. Oder Personen, die Kontaktaufnahme per Mail abgewiegelt haben, zum Beispiel ein Professor und ehemaliger Kollege mit den Worten: »Ich nobilitiere(!) dich doch nicht durch ein Gespräch mit mir.« Oder eine Literaturagentin, die in Berlin einmal demonstrativ ein Restaurant verlassen hat, als sie mich erblickte. Voilà, die vornehme Gesellschaft auf dem Höhepunkt ihres moralischen Dünkels! Mögen es Einzelfälle bleiben, denn sie künden von nichts Gutem außer von der Stasis!

Gelandet sind wir, vor allem durch das Wegschauen des verbeamteten Bürgertums, in einer quasi kindischen Gesellschaft, die nur noch Schutz und Prävention sucht, von der Mammographie bis zum Bunker, die Gebrauchsanleitung in leichter Sprache dazu. Bürger aber sind nicht Menschen in diesem Lande, die mit hysterischen Angstdiskursen aller Art von Klima bis Krieg dahin geschubst werden sollen, wo man sie haben will: Sie sind im Gegenteil das Rückgrat der Republik. Sie wollen Respekt, Hoffnung, Sinn, Zukunft, Perspektive, Aufgabe und Teilhabe, aber keine Angstdiskurse und Hysterie.

Ich freue mich auf den Moment, in dem dieses Land – hoffentlich bald – wieder zur Räson kommt, eine seriöse Corona-Aufarbeitung beginnt und in einem Atemzug den Schalter von Kriegstüchtigkeit auf Friedfertigkeit umstellt. Kurz: in dem die Bundesrepublik sich wieder auf Freiheit, Frieden und Europa konzentriert anstatt auf Überwachung, Krieg und nationale Schließung. Manchmal habe ich den Eindruck, man müsse nur mal einen Stecker ziehen, dann kommen alle wieder runter, wie nach einem schlechten LSD-Trip.

Denn Räson brauchen wir dringender denn je, stehen wir doch an einer Zeitenwende. Und es gäbe einiges ernsthaft zu diskutieren. Deshalb nehme ich Sie nach meinem persönlichen Spaziergang mit zu einem Streifzug durch ebenjene Zeitenwende.

In diesem Buch wird sich in Teil I der Zeitenwende als solcher genähert. Anschließend wird in Teil II versucht, die epistemischen Drehungen zu skizzieren, durch die die deutsche wie allgemein die westlichen Gesellschaften die Vernunft verloren haben. Teil III erklärt, warum die Demokratie darum nicht mehr funktionieren kann und warum wir uns – Teil IV – darum jetzt anschicken, Europa und seine zivilisatorischen Errungenschaften in einem Krieg zu zerstören.

Teil I
Zeitenwende: Was soll das sein?

Von verlorenen Koordinaten

Die meisten Menschen lokalisieren sich nicht in größeren Raum- und Zeitdimensionen. Wer denkt schon morgens darüber nach, dass es woanders auf der Welt nicht so ist wie im eigenen Reihenhaus in der Kleinstadt oder in der Mietwohnung in der Großstadt? Die meisten Menschen denken nicht über das Leben jenseits ihrer vier Wände nach, geschweige denn jenseits der Landesgrenzen – und meist auch nicht darüber, ob gerade ein autoritäres Regime aufzieht wie Gewitterwolken am Horizont. Wer in Flensburg aufwacht, den dürfte kaum interessieren, ob am Bodensee die Sonne scheint.

Dass die meisten Landesgrenzen früher anders gezogen waren, dass man vor wenigen Jahrzehnten noch nicht in einer »Demokratie« gelebt hat, dass es Könige gab und gibt, Freiheit und Friede keine Selbstverständlichkeiten sind, dass das Geld vor 35 Jahren noch nicht Euro hieß und das Internet, so wie wir es heute kennen, erst rund fünfundzwanzig Jahre alt ist: Das alles überdenken die meisten nicht täglich auf ihrem Weg von zuhause ins Büro. Wenn sie es überhaupt je einmal überdenken: Wo komme ich her? In welche Familie, Stadt, Zeit, in welches System hinein bin ich geboren? Kann ich davon ausgehen, dass mein Umfeld, so wie ich es kenne, ein Leben lang stabil sein wird? Und was, wenn nicht?

Doch selten waren die berühmten vier Fragen von Immanuel Kant so aktuell wie heute:

Was kann ich wissen?

Was soll ich tun?

Was darf ich hoffen?

Was ist der Mensch?

Heute weiß Google, ChatGPT oder die Cloud alles, tun muss man möglichst wenig, hoffen darf man kaum noch etwas und der Mensch fusioniert gerade mit der Maschine. Intelligente Menschen beantworten fast täglich die Frage »Ich bin ein Mensch«, wenn sie sich in irgendein Sicherheitssystem im Internet einwählen und demonstrieren sollen, dass sie eben ein Mensch und kein Roboter sind. Allein damit ist die Selbstverständlichkeit des Menschseins verloren gegangen, und keiner hat es bemerken wollen. Man stelle sich vor, jemand wäre in den 1970er Jahren auf Sie zugekommen und hätte Sie auf der Straße gefragt: Sind Sie ein Mensch? Was hätten Sie geantwortet?

Insofern sind wir wohl tatsächlich in einer Zeitenwende, aber in einer, die etwas anderes ist als nur ein Euphemismus für Krieg. Erzählt wird derzeit, dass die Zeitenwende Krieg bedeutet: Wegen Putin oder Trump ist jetzt alles anders. Das soll wohl von den ganz grundsätzlichen gesellschaftlichen Veränderungen ablenken, die gerade gleichsam »unter Deck« passieren. Denn genau das ist ein Krieg: ein fundamentaler Reset für eine Gesellschaft, eigentlich eine Art Ablenkungsmanöver. Wenn eine Gesellschaft in ihren Gewohnheiten umgepflügt werden soll, wenn Dinge durchgesetzt werden sollen, auf die sich freie, denkende, gleichberechtigte und mündige Bürger niemals einlassen würden, dann wird eben Krieg gemacht oder sonst ein Notstand ausgerufen. Krieg ist das Projekt zur Beschneidung – oder zur vollständigen Entsorgung? – des Sozialstaates zugunsten des militärisch-industriellen Komplexes.

Der brillante Johannes Agnoli hat schon 1967 in seinem Klassiker »Die Transformation der Demokratie« konstatiert, dass eine »oligarchisch-autoritäre Praxis« immer dann einen Notstand erzeugt, wenn ein erwünschter technologischer, meist repressiver Wandel in der Gesellschaft ansonsten nicht schnell genug durchgesetzt werden könne (S. 51). Wenn jeder mit Inflation zu kämpfen, gar Hunger hat bzw. die Heizungsrechnung nicht bezahlen kann, dann werden Bürger in verschiedenen Formationen gegeneinander aufgebracht, um die gesellschaftliche Solidarität zu sprengen. In einem solchen Zustand regieren das Geld (Korruption, Schwarzmarkt) sowie das Faustrecht (»Messerstechereien«). In dem allgemeinen Aufruhr rufen dann alle nach Sicherheit, Autorität und starker Führung. Und am Ende nach Krieg, der das freigesetzte gesellschaftliche Ressentiment binden und Einheit genau da vorgaukeln soll, wo man sich auf sonst nichts mehr einigen kann: im Kampf gegen den äußeren Feind. Der Sündenbock für das eigene Versagen wird dann gerne außerhalb gesucht: Putin ist Hitler. Oder Trump bedroht Europa. Da ist der Feind! Auf diesem Diskussionsniveau ungefähr steht die bundesdeutsche Gesellschaft heute, und für jeden, der denken kann, ist es eine Tragödie!

Eine hochgradig ideologisierte, »extremisierte Mitte«, die nicht mehr fähig ist, politisches Unvermögen, schuldhaftes Versagen und Rechtsbruch bei sich selbst zu suchen, kämpft stattdessen gleich mit zwei Feinden wie auf einem Bolzplatz, einem inneren (dem »rechten« Feind hinter der Brandmauer); und einem äußeren (»Putin«), vor dem jetzt auch wieder ein Wall aus Stacheldraht errichtet werden soll: ein »Grenzkorridor«, von Truppen bewacht. Eine vermeintlich liberal-demokratische Mitte, die vor moralischer Überheblichkeit kaum noch laufen kann, igelt sich ein hinter Mauern, weil sie mit Argumenten nicht mehr überzeugen, keinen Respekt mehr generieren kann und darum zur Verteidigung jetzt Waffen braucht: Kampfbomber gegen Putin sowie das Florett des Rechtspositivismus gegen rechts: alles legal, leider nur nicht legitim! An welche dunkle Zeit in der deutschen Geschichte erinnert das eigentlich?

Die Behandlung der AfD ist – ganz egal, ob man die AfD mag oder wählt! – eine Beleidigung der Demokratie: wieder kein Bundestagspräsident, wieder keine Bewilligung der öffentlichen Förderung für die Erasmus-Stiftung, wie sie die Stiftungen, die anderen Parteien nahestehen bekommen. Ein Schelm, wer Böses dabei denkt … Wo man der politischen Bedrohung nicht Herr wird, flüchtet man in den Ausverkauf von teilweise jahrhundertealten Rechtsbeiständen: Beweislastumkehr, rückwirkende Veränderung von Fristen, U-Haft ohne klare Anklage, Kündigungen wegen privater Treffen oder Meinungsäußerungen, in dubio pro reo. Wer es noch nicht gemerkt hat: Das alles ist schon futsch und wurde in den letzten Jahren zusammen mit Meinungs-, Kunst- oder Wissenschaftsfreiheit weitgehend abgeräumt, teilweise sublimiert, teilweise unverblümt. »Delegitimierung des Staates« war der evasive Kampfbegriff von Ex-Innenministerin Nancy Faeser, bei der man sich oft fragen konnte, ob sie eigentlich das Grundgesetz kennt. Zahlreiche Urteile aus den Corona-Jahren könnten dafür als Beweis ins Feld geführt werden, aber um Argumente oder Beweise geht es ja schon lange nicht mehr.

Wie Kafkas Käfer …

… hat sich die Bundesrepublik Deutschland gleichsam über Nacht zu etwas gewandelt, das man nicht mehr wiedererkennt. Wollte man in loser Folge aufzählen, was in der Bundesrepublik in den letzten Jahren verloren gegangen ist, ohne dass es irgendeinen größeren Aufschrei in der sogenannten bürgerlichen Mitte verursacht hätte, dann wären das: Demokratie, Rechtsstaat, Europa, Vertrauen und Sicherheit, Frieden, sichere Grenzen und sozialer Zusammenhalt, also eigentlich alles, was einmal die Grundfesten der Republik ausgemacht hat. Dazu, auch das ist Zeitenwende, werden »der Westen« und die Weltordnung von 1949 derzeit beerdigt und die Welt wird gleichsam neu verschraubt – dazu mehr in Teil IV.

Schlimmer wiegt, dass sich Wahrheit und Faktizität1 verschoben haben, dass die Vernunft aus den Angeln gehoben wurde, dass das Denken an sich, die utopische Idee und mit ihr jeder Hauch von Zukunft verloren gegangen sind und damit die europäische Zivilität (»civilité« – der Begriff stammt von dem marxistischen französischen Historiker Etienne Balibar). Also unsere originären Denkstrukturen, die Art und Weise, wie wir in Europa einmal auf die Welt geblickt haben! Die eigentliche Zeitenwende ist, dass die in Europa erzählte Welt nicht mehr real ist und die reale Welt in Europa nicht mehr erzählt wird. So heißt es beispielsweise im Koalitionsvertrag (Kapitel V, S. 127) freihändig, bar jeder differenzierten analytischen Einschätzung und komplett evasiv:

»Unsere Sicherheit ist heute so stark bedroht wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die größte und direkteste Bedrohung geht dabei von Russland aus, das im vierten Jahr einen brutalen und völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine führt und weiter massiv aufrüstet. Das Machtstreben von Wladimir Putin richtet sich gegen die regelbasierte Weltordnung als Ganze.«

Wobei die NATO-Beitrittsperspektive der Ukraine bekräftigt wird, die die USA gerade abgeräumt haben. Wir sind also gut, alle anderen sind böse. Alice im Wunderland hätte an diesen surrealen Zeilen ihre helle Freude und würde, wie in ihrem Dialog mit der Königin und der falschen Suppenschildkröte, sicher ausrufen: Das ist doch alles nur ihre Phantasie. Anders formuliert: Man kann sich auch in etwas hineinreden.

Die Gefahr ist, dass eine Amöben-Demokratie, die rückgratlos ihre Würde und ihre Freiheit für ein Virus auf den Tisch gelegt hat, auch alles andere im Wahn oder für eine andere Hysterie auf den Tisch legen wird. Die jahrelang verbissen verteidigte Schuldenbremse wurde im März 2025 mir nichts, dir nichts gekippt und 800 Milliarden Sondervermögen und »theoretisch unbegrenzt Geld für Verteidigungsausgaben« bewilligt und durch den Bundestag gepeitscht – vermeintlich, um unsere Sicherheit, unsere »Werte« und unsere »freiheitliche Demokratie« vor Vladimir Putin und dem »imperialen Russland« zu schützen. Das alles passierte im selben Moment, in dem Volodymir Zelensky in einem Brief signalisierte, dass er zu einem Friedensschluss bereit war und in dem man schwarz auf weiß nachlesen konnte, dass es der Westen, die EU war, die den Frieden in der Ukraine unterminierte.2 Welche Verdrängungsleistung findet hier statt? Welche Realitätswahrnehmung hat die deutsche Regierung? Welche kognitive Dissonanz ist hier zu beklagen? Wie will man einem Land und seinen Institutionen vertrauen, das offenbar in ideologischen Wolken verhangen und verfangen ist – völlig losgelöst von der Erde, wie Major Tom? Wie gefährlich ist es in einem Land, in dem de facto jetzt Willkür herrscht, in dem Sinne, als das alles, was gestern noch galt, nicht mehr gilt – oder alles, was gestern unmöglich war, auf einmal möglich ist? Wie, außer mit Autorität, Gewalt oder Ideologie, will man vernünftige Bürger dafür gewinnen, den Kurs der Regierung mitzutragen, die auf »Kriegstüchtigkeit« hinarbeitet, während der Frieden schon verhandelt wird? Wenn Irrationalität zur staatlichen verordneten Pflicht wird? Was, wenn die eigene Regierung eigentlich pathologisiert werden müsste, man sie aber nicht in ein Irrenhaus sperren kann?

Deutschland, ja, die ganze EU kann sichtlich mit Faktizität und Wahrheit nicht mehr umgehen und leidet dazu noch an kolossaler Selbstüberschätzung. Denn wir sind nicht (mehr) die Guten, weder die friedfertige EU noch die liberale Demokratie, die wir vorgeben zu sein! Doch weil die meisten das hierzulande nicht glauben wollen (vorzugsweise die im Westen des Landes!) und darum die eigene autoritäre Drehung schönreden oder verschleiern müssen, ist das Land zugleich in verschämter Verdrängung und in kolossalem Aufruhr. Die Zeitenwende, die wir durchlaufen, ist die von der »Banalität des Bösen« (Hannah Arendt) hin zu einer »Banalität des Guten«, ähnlich jener legendären Szene in Charlie Chaplins The Great Dictator, wo das zu Beginn sanfte, vereinnahmende Gesäusel des Great Dictator – nicht wahr, wir wollen doch alle das Gute und den Frieden? – schließlich umschlägt in den ausgestreckten rechten Arm und für das »Gute«: »Der neue Faschismus wird nicht sagen: Ich bin der Faschismus. Er wird sagen: Ich bin der Antifaschismus.« (Ignazio Silone) Kaum ein Zitat, das in den letzten Jahren so im Internet kursiert ist wie dieses. Deswegen wacht passenderweise die Antifa heute darüber, wer diese Drehung zur »Banalität des Guten« nicht mitmachen will: Friedenstauben müssen abgeschossen werden, das Gute duldet keinen Widerspruch!

»Nun erst war mir der richtige Antrieb gegeben: Man musste kämpfen gegen den Krieg«, schrieb Stefan Zweig in der Welt von gestern (S. 290). Drei Kriege erleben wir seit nunmehr fünf Jahren in Europa, die wie Presslufthämmer auf die Gesellschaft einwirken: ein Krieg gegen ein Virus, ein Krieg gegen Russland und einer in Gaza. Hinter diesen Kulissen wird die gewohnte Welt in Europa in ihren bisherigen Strukturen gesprengt.

»Artikelgesetz Zeitenwende«

Zeitenwenden sind so alt wie die Menschheitsgeschichte. Der Übergang zum Neolithikum, von Jägern und Sammlern, zur Sesshaftigkeit, war eine Zeitenwende, ebenso wie die Abschaffung des Matriarchats, die Erfindung des Rads – die wohl weltbewegendste Erfindung bis dato, auch wenn ihr KI und Roboter in Ausmaß und Dimension den Rang ablaufen könnten. Die Achsenzeit von Karl Japsers, in der rund 600 Jahre vor Christus im alten Griechenland das Ich in die Welt der Philosophie kam, oder die Französische Revolution von 1789, die aus Untertanen Bürgern machte.

Müssen wir uns also Sorgen machen über etwas, das es schon immer gegeben hat, nämlich Wendungen der Zeit? Was ist normal am derzeitigen Moment, was ist ungewöhnlich? Was können wir (vielleicht) steuern, was nicht?

Tatsächlich erinnert der zeitgenössische Moment, der oft als »Multi-Krise« bezeichnet wird, an den Untergang des alten Roms, der sich über rund 300 Jahre erstreckte, also weit über ein Menschenleben hinaus. Kaum einer wird prognostizieren können, wohin die derzeitige Zeitenwende Europa und die Welt treibt. Vier Faktoren, die gemeinhin als Auslöser für den Zerfall des Römischen Imperiums gelten: Dekadenz, äußere Bedrohung, Klima und Bürgerkrieg, lassen sich unschwer auch heute diagnostizieren, und dies entspricht mithin der typischen Verbindung von Transformation und Katastrophe, den phänotypischen Elementen jedes Krisengeschehens, das heute wie damals apokalyptisch daherkommt. Apokalypse heißt übrigens, mit einem Schrei die Lüge der Welt benennen. Die isländische »Lieder-Edda«, ein uraltes Sagen- und Heldenepos, hat hierzu allegorisch viele interessante Dinge zu sagen. Wenn die Lüge sichtbar wird, platzt die alte Welt.

Die Dekadenz ist heute »linksgrün-versifft«, die Katastrophe oder Bedrohung wahlweise die AfD oder Putin, das Klima ändert sich und ein Bürgerkrieg zwischen polarisierten gesellschaftlichen Gruppen liegt gleichsam in der Luft. Dies alles zu durchleben, ist die Zeitenwende und dafür, dass wir gut durch die Apokalypse kommen, also die Lügen nicht platzen lassen, gibt es jetzt 800 Milliarden. Preiswerter wäre es wahrscheinlich, wenn wir es einfach mal mit der Wahrheit versuchten, ohne Hysterie und ganz unaufgeregt: Umweltschutz statt Klimahysterie, Frieden statt Krieg, Denken statt KI. Kostet nicht viel, würde uns aber abverlangen, von unserem Glauben abzufallen, genauer: von unserer Ideologie! Anders formuliert, es würde uns abverlangen, zur Vernunft zurückzukommen.

Zeitenwende ist ein Wort, das in den letzten Wochen und Monaten so oft benutzt wurde, dass man es nicht mehr hören kann – gewissermaßen die Neuauflage von alternativlos. Zeitenwende sagte Olaf Scholz 2022 anlässlich des russisch-ukrainischen Krieges: »Wir erleben eine Zeitenwende. Und das bedeutet: Die Welt danach ist nicht mehr dieselbe wie die Welt davor.« Zeitenwende sagten viele zu Jahresbeginn 2025, als Donald Trump vereidigt wurde und so viele Dekrete pro Tag unterschrieb, dass einem vom bloßen Zuschauen schwindelig werden konnte. Kaum ein politischer Kommentar anlässlich der Münchener Sicherheitskonferenz Mitte Februar 2025, der ohne das Wort Zeitenwende auskam: Zäsur. Epochenbruch. Neubeginn. Aufregung! Kaum morgens aufgewacht, war man schon In der Welt von gestern. Stefan Zweig lässt grüßen: Aber die schlimmen Nachrichten häuften sich und wurden immer bedrohlicher. (S. 255)

Dass der euphemistische Begriff der Zeitenwende lediglich die Verschleierung einer Kriegserzählung ist und auch im behördlichen Gebrauch schon reduziert wurde auf Krieg, das wurde in deutscher Beamtensprache schon in ein Gesetz gegossen. »Um die personelle Einsatzbereitschaft der Bundeswehr zu steigern, hat der Bundestag das ‚Artikelgesetz Zeitenwendeʻ beschlossen. Es soll die Fähigkeit zur Landes- und Bündnisverteidigung angesichts aktueller Herausforderungen steigern und ist ein wesentlicher Meilenstein auf dem Weg zu kriegstüchtigen deutschen Streitkräften«, so steht es auf der Website des Bundesministeriums für die Verteidigung. Zeitenwende also nur ein Gesetz für Krieg? Auf die deutsche Bürokratie konnte man schon immer zählen!

Welche Elemente die jetzige Zeitenwende ausmachen bzw. warum wir da gelandet sind, wo wir sind – nämlich in der Unvernunft –, darum soll es in diesem Büchlein gehen. Es wird gewagt, in groben Strichen zu skizzieren, worüber wir eigentlich nachdenken sollten; die Umrisse einer neuen Zeit zu zeichnen, die jetzt anbricht; eine Skizze der gesellschaftlichen Veränderungen zu wagen, deren Heftigkeit am Horizont schon zu greifen, die aber noch nicht in den Köpfen sind und vom politischen Tagesgeschäft noch nicht erfasst werden. Zeitenwenden entziehen sich der Politik. Es sind Momente, in denen die Geschichte über das Leben der Menschen herfällt, in denen die Geschichte fast physisch in ihren Alltag eindringt: Wenn Krieg ist, wird der Weg zur Arbeit ein Statement vorgetäuschter Normalität.

Der Zugriff der Geschichte

Vor der Geschichte kann sich niemand in Sicherheit bringen. Selten hat das jemand so schön beschrieben wie Peter Härtling in seinem Roman »Eine Frau«. Über die Frau, geboren 1904 in Böhmen, bricht die Zeit herein. Sie kann ihre Lebensgeschichte nicht mehr von der Zeit trennen. Anders formuliert: Zeitenwenden sind Zeiten, in denen es kein Privatleben mehr gibt. Alles Private wird politisch! Die Zwillinge der Frau, geboren ins freie, glückliche Böhmen hinein, mit denen sie unter den Kirschbäumen spielte, gehen Jahre später zur Hitlerjugend, die eigenen Söhne auf einmal von ihr entfremdet, sie ist fassungslos: Jeder reagiert anders auf die Geschichte, die auf die Leben zugreift.

Genau das aber sind wir im verwöhnten Europa nicht mehr gewohnt: den Zugriff der Geschichte auf unsere Leben! Vorbei die Zeit, in der die Wochenendplanung daraus bestand, zwischen Kino, Spa und Kurztrip nach Sylt zu wählen, und wo Freiheit hieß, zu tun und zu lassen, was ich will. Das Bewusstsein, dass unser Leben mit der Zeit und ihrem Wandel zu tun hat und man sich nicht aus der Zeit befreien kann; dass man eingewickelt wird in Imperative, deren Entscheidungen sich einem selbst entziehen – zum Beispiel jetzt »kriegstüchtig« zu werden; dass Zeiten (von wem eigentlich?) gewendet werden können, wie ein Omelette in der Pfanne, von heute auf morgen, manchmal brutal: Dieses Bewusstsein ist in der beschaulichen Bundesrepublik, die inzwischen eine alte, behäbige Dame von stattlichen 75 Jahren geworden ist, abhandengekommen.

Corona war die erste Zeitenwende und gleichsam eine (Vor-)Übung auf den geplanten Krieg: eine bewusste Irreführung und Verwirrung der Gesellschaft, eine Umdrehung von Sprache (»Distanz ist die neue Nähe«), eine Verballhornung der Vernunft, der Verlust von Maß und Mitte, der Zugriff auf die Mündigkeit und Subjektivität der Bürger, ein öffentlicher Zugriff auf die Gestaltung des Privaten, das eigene Heim (Lockdown), den eigenen Körper (»schütze dich und andere«). Ein Zugriff, bei dem das Kollektive über das Private gestellt wurde. Freiheit, Adé! Der Freiheitsentzug wurde sorgfältig einstudiert. So gut einstudiert, dass die Mechanismen des autoritären Zugriffs schon verfangen haben: Sie lauten Cancel Culture, Diffamierung, lautlose Entfernung kritischer Personen, Existenzvernichtung. Aus einer liberalen Gesellschaft wurde im Handumdrehen eine geschlossene Gemeinschaft. Die deutsche Gesellschaft hat zugeschaut und schnell gelernt: die Zeitungsredaktionen als Erste. Besser nicht mucksen! Um den gleichen Zugriff auf den einzelnen Bürger, aus denen jetzt Soldaten oder doch zumindest eine militarisierte Zivilgesellschaft werden muss, die Bunkerbau als neues Freizeitvergnügen betrachtet, geht es bei der zweiten Zeitenwende, die 2025 ausgerufen wurde: den angekündigten Krieg gegen Russland, der jetzt schon keine roten Linien mehr kennt, weder in der verbalen Aufrüstung noch mit Blick auf die Milliarden, die dafür verprasst werden sollen und die wie ein Lutscher anmuten, mit dem der ganze Kriegsspaß versüßt werden soll … Ich verzichte auf eine libidinöse Betrachtung des gesellschaftlichen Erregungszustandes und warte auf den Moment, wo der Lutscher ausgelutscht ist.

Geschichte ist geronnene Zeitenwende

Geschichte ist nichts anderes als geronnene Zeitenwenden. Erst wenn sich eine zeitliche Epoche schließt, kann Rückschau gehalten werden. Der Zeitgenossenschaft ist es verwehrt zu verstehen, in welcher historischen Epoche sie sich befindet, soll Stefan Zweig gesagt haben. Aus den Geschichtsbüchern kennen wir die zeitlichen Einteilungen der Epochen, im Großen wie im Kleinen: Wir können den Übergang vom Barock zur Renaissance ebenso benennen wie den vom Mittelalter zur Neuzeit oder den vom Römischen Reich Deutscher Nation zum Deutschen Bund oder den von der Weimarer Republik zum Hitlerfaschismus. In den letzten zwei Jahrhunderten hat Deutschland sieben Verfassungsbrüche erlebt: 1806, 1848, 1872, 1918, 1933, 1949, 1989. So lauten die Daten, gleichsam die Übergänge oder Nahtstellen zwischen den verschiedenen Systemen. Diese Nahtstellen waren immer Krieg, Bürgerkrieg, Revolution oder Umbruch, kurz: die Geburtsstunde eines neuen politischen Systems. Meine Oma Henriette, geboren 1904 in Wevelinghoven, hat bis zu ihrem Tod 1981 vier Deutschlands erlebt: das Kaiserreich, Weimar, Hitler und die kleine Bundesrepublik. Ihr Leben im niederrheinischen Wevelinghoven war relativ stabil, während über ihrem Kopf die politischen Systeme gewechselt haben wie selbstgestrickte Eierwärmer zu Ostern beim Eiertausch.

Auf der alten Steinmauer, die das Windsor Castle, die britische Königsresidenz, etwa eine ¾ Stunde südwestlich von London gelegen, umgibt, prangt eine Silbertafel, auf der steht »Windsor Castle 1088«. Wenige Systeme in Europa, egal ob Reiche, Königshäuser oder Republiken, können sich damit rühmen, auf einen fast 1000-jährigen Bestand zu verweisen. Dass auch politische Systeme eine Lebensspanne haben, dem Menschen gleich, dass sie geboren werden und »sterben« bzw. abgewickelt werden und dass sie meist nur wenige Jahrzehnte von Bestand sind, wird erst klar, wenn man selbst Zeitzeuge einer Zeitenwende wird, also einen politischen Systemwechsel erlebt. Für die Ostdeutschen war das 1989 der Fall, während der Westen des Landes in der Kontinuität blieb. Die inzwischen wiedervereinigte Bundesrepublik Deutschland ist jetzt 75 Jahre alt. Wie viele Jahre wird sie in der Form, wie wir sie heute kennen, noch Bestand haben? Und ist es schon »Delegitimierung des Staates«, diese Frage zu stellen, und sei es hypothetisch? Ich behaupte nämlich, dass die Bundesrepublik in ihrer derzeitigen Form nicht mehr lange Bestand haben wird. À discuter! Zeitenwenden sind die Momente der Geschichte, in denen die Atlanten neu gestaltet werden müssen: Grönland zu den USA, Kanada tritt der EU bei, Großisrael bekommet eine Grenze mit der Türkei? Im vierten Teil werde ich dazu drei Karten diskutieren, die im Internet zirkulieren und die einen Vorgeschmack auf die Neuaufteilung der Welt bieten.

Nichts ist für die Ewigkeit

Trotz dieser Empirie der Geschichte denken die meisten, die Grenzen der Bundesrepublik sind unverrückbar und das Grundgesetz gilt bestimmt ewig, nur weil es (etwas vermessen) dort so steht. Über die eigene Zeit hinauszudenken, ja, sich als Teil einer Zeitenwende zu verstehen oder gar darüber nachzudenken, wohin man die Zeit wenden möchte, ist wohl das Allerschwerste, denn der Mensch ist ein Gewohnheitstier, das wusste schon Wilhelm Busch. Krieg aber bedeutet, jenseits von Toten und Schlachtfeldern, den massiven Umbau von Staatlichkeit und meist eine radikale Veränderung der Gewohnheiten einer Gesellschaft.

Vor 1933 war, um ein Alltagsbeispiel zu nennen, der eigene Teller nicht Standard bei Tisch. Im Gegenteil stand, vor allem auf dem Land, noch die Suppenterrine auf dem Tisch, in die jeder seinen Löffel tunkte. Der eigene Teller war also ebenso eine kriegsbedingte Veränderung der Gesellschaft nach 1949 wie das Ende der Generationenfamilie unter einem Dach, das Reihenhaus für die Kleinfamilie im Vorort, Suburban oder Banlieu, die Teflonpfanne, das Automobil oder das Telefon für jeden und der zivile Luftverkehr. Damit liegt die Frage auf dem Tisch: Wie wird Deutschland, wie wird Europa nach jenem Krieg aussehen, der offiziell 2022, eigentlich aber schon 2014 in der Ukraine begann? Und den Europa offenbar – völlig widersinnig – weiterführen möchte, obgleich die USA ihn gerade beenden, und der das Potential hat, ganz Europa in seinen ureigensten wirtschaftlichen, sozialen und geografischen Strukturen umzupflügen. Wie wird der europäische Kontinent, wie werden die europäischen Gesellschaften nach der gegenwärtigen Zeitenwende aussehen? Wird Europa sich von den USA emanzipieren und was hieße das? Oder wird es vielleicht zusammen mit den USA zu einem Staat fusionieren? Das diskutiere ich in Teil IV.

Heute geht es nicht mehr darum sich vorzustellen, dass jeder nach dem Krieg seinen eigenen Teller hat. Eher darum, dass jeder seinen eigenen KI-Assistenten haben wird, Pakete per Drohnen ausgeliefert werden, Lufttaxis vom Fenster aus in der 5. Etage bestiegen werden können, Haushaltsbots permanent im eigenen Wohnzimmer herumlaufen, Roboter die Krankenpflege übernehmen, das Bargeld abgeschafft ist, Barcodes den Zugang zu öffentlichen Plätzen kontrollieren und humanoide Roboter Demonstranten überwachen. Wollen wir das?

Teil II
Adieu, Vernunft

»In dem Moment (…), da der Mensch, im Anfang des Zeitalters der Maschinen und der Masse, beginnt, aus einem Subjekt zum Objekt zu werden, aus einem handwerklich schöpferischen Individuum zu einem Diener, ja Slaven der Maschine – in diesem Moment der Verluste, da droht, dass der Mensch sich selber verliert.«

Jean Gebser, Der Einbruch der Zeit, S. 92

Das Zeitalter der *Geist*losigkeit

»Den Geist kannst du nicht erzeugen. Du kannst ihn nur empfangen.«

Bettina von Arnim

»Man möge nachweisen, dass das gewisse Etwas namens Materie genauso gut denken kann wie das gewisse Etwas namens Esprit.«

Voltaire

Paul Valéry schrieb schon in den 1920er Jahren über Die Krise des Geistes. Was hätte er heute gesagt? Alle sind nicht mehr bei Sinnen, »Bei-Sinnen«, denn alle Sinne werden verstopft und abgeschnürt: Stöpsel im Ohr, Maske vor dem Mund, demnächst die Metaverse-Brille vor den Augen. Sinn-los aber heißt Geist-los, ein Leben ohne Esprit, Geist, ohne haptische Reize oder Gefühle, dominiert vom Smartphone. Jeder ist mit dem Internet verbunden, aber niemand ist mehr verbindlich. Ein demokratisches Inter-esse kann es nicht mehr geben. Der Sinn-lose Mensch verliert Spontanität, das Mysterium, das Unverhoffte und die Überraschung. Er kann seinen Geist nicht mehr benutzen, er wird als Bürger Sinn-los und damit entbürgerlicht.

Eine demokratische Gesellschaft, eine politische Gemeinschaft, kann so nicht funktionieren. Sie verlangt die Urteilsfähigkeit von Bürgern, das selbstwirksame Individuum, ein denkendes, revoltierendes Ich. Die Demokratie verlangt Würde! Genau die wird im Internet genommen, einerseits, weil das Internet anonym ist – das Digitale kennt kein Subjekt; andererseits, weil das Internet nur zweidimensional ist. Der Geist aber ist das Dritte: der Heilige Geist, der Himmel und Erde verbindet, oder der Weltgeist von Hegel, der aus These und Antithese die Synthese zaubert. Tertium non datur! Das Internet ist binär, 0 oder 1. Es polarisiert und wir können ihm auch keinen Geist einhauchen. Geistreich ist das Trotzdem, auch wenn das Smartphone etwas anderes sagt. Demokratie ist wie ein Geist, der stets verneint, weswegen sie Überraschungen bereithält, die sich der Planbarkeit, den angehäuften Daten und der wissenschaftlichen Expertise entziehen.

Demokratie ist permanente Revolte. Genau diese wird durch eine stets berechnende Digitalisierung, mit der inzwischen ganze Gesellschaften gesteuert werden, unterbunden. Es ist unmöglich, aber es ist nötig, ist der Geist, aus dem die Demokratie gemacht ist. ChatGPT kann das Unmögliche nicht denken, denn die KI kann nicht hoffen, träumen, glauben! Ent-geistert stellen wir fest, dass wir die Demokratie verloren haben! Wer sie wiederhaben will, muss nicht »gegen rechts« sein, sondern den Geist wiederentdecken! Die allgemeine Geistlosigkeit ist das strukturierende Phänomen der augenblicklichen Zeitenwende, und zwar ganz so, als ob alle buchstäblich geisteskrank sind, diesen Zustand aber als Vernunft deklarieren und die Wissenschaft bzw. den Szientismus dazu missbrauchen zu rechtfertigen, was – wie Immanuel Kant sagen würde – mit Vernunftgründen nicht zu rechtfertigen ist. Gerade russische Autoren könnten bei der Wiederentdeckung des Geistes behilflich sein. In der Aufsatzsammlung Dogmendämmerung beschreibt Mihajlo Mihajlow in seinem Beitrag über Die mystische Erfahrung der Unfreiheit (S. 97 ff.) anhand der Aufzeichnungen von Gefangenen in sowjetischen Straflagern und Augenzeugenberichten, dass nur diejenigen überlebt haben, die in der Lage waren, ihren Geist an etwas zu binden, das über ihr eigenes Schicksal hinausreicht, etwa die Lösung einer mathematischen Aufgabe. Wer sich auf die skandalösen Umstände in den Lagern, zum Beispiel die Nahrung, konzentrierte, ist meistens gestorben. Die Rettung lag im Wegdenken der Materie. An den Wasserscheiden des Denkens wiederum heißt ein großartiges Buch des russischen Philosophen und Mystikers Pawel Florenski, an dem sich so manche analytische Philosophie abmühen dürfte. Die Russen scheinen eher davor gefeit, sich der Mensch-Maschine anzuvertrauen.

Mit Herz und Verstand

Neben dem Geist muss die Intuition rehabilitiert werden, als Instanz, die den Verstand überprüft. Was sich nicht gut anhört oder gut anfühlt, ist meistens auch nicht gut. Das Bauchgefühl hat recht, der analytische Kopf ist nur dazu da, das Bauchgefühl zu überprüfen, auch wenn man das in (vermeintlich) aufgeklärten Gesellschaften nicht so gerne zugibt. Per Intuition hätte man mindestens 80 Prozent der Corona-Maßnahmen aus dem Stegreif für verrückt erklären können, ebenso wie die augenblickliche Kriegstreiberei. Nicht umsonst hat Hannah Arendt in ihrem Klassiker Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft betont, dass Totalitarismus erst dann möglich sei, wenn man bei den Menschen die Koppelung von Kopf und Bauch durchtrenne, den Menschen also das Bauchgefühl – die Intuition – nimmt. Genau dies wird durch die Digitalisierung systematisch forciert.

Das Internet ist das Instrument einer gezielten Strategie, um den Menschen ihre Sinne und damit ihre Urteilsfähigkeit zu nehmen. Die meisten Menschen, die man heute nach dem Weg fragt, können die Frage nach der Straße, in der sie sich in diesem Augenblick befinden, nicht mehr beantworten. Sie wissen also buchstäblich nicht mehr, wo sie sind. Die Lokalisierung in Raum und Zeit war einmal oberstes Bildungsziel in aufgeklärten Gesellschaften. Wie leicht ist jemand zu destabilisieren oder zu (ver-)führen, der nicht einmal weiß, wo er gerade ist?

Mit fast allen anderen Sinnen ist es ähnlich: Das Internet bzw. der Algorithmus sagt längst nicht mehr nur, was ich zu denken, sondern auch, was ich zu fühlen, zu schmecken oder wie ich die Dinge zu sehen habe. Intelligente Verpackungen sagen, ob ein Lebensmittel vergammelt ist, weil wir nicht mehr kosten oder nach bläulichem Schimmel Ausschau halten wollen. Dadurch entgeht uns etwas Kost-Bares. Natürliches wird zu Ekeligem. Was äußerlich nicht aalglatt und sauber ist, kann nicht mehr gut sein. Stimmt das? Ist das klug? Trüffel zum Beispiel sind meist dreckig und unter der Erde. Die wahren Schätze sind oft hinter hässlichen oder unzugänglichen Oberflächen versteckt.

Der Museumsbesuch muss inzwischen meist digital vorgebucht werden, mit festgeschriebenen Zeiten, egal, ob am betreffenden Tag die Sonne scheint oder ob es regnet, oder ob ich mich in der Stunde vor dem geplanten Museumsbesuch verliebe und meine neue Liebe gleich mitnehmen möchte. Dem gesamten Leben wird Spontaneität genommen, Ungeplantes ist kaum noch möglich, der Zufall wird ausgeklammert, ebenso wie die Muße, das Bummeln, die Überraschung oder der Umweg. Wir sollen berechenbar werden, im doppelten Sinne, als Homo oeconomicus und Homo digitalis. Es ist nicht schwer, darin para-totalitäre Strukturen zu erkennen, die genau darin liegen, dass jeder in seiner Spur bleibt und demnächst jede Abweichung davon geahndet wird.

Die gleiche paratotalitäre Struktur kann im Zwang zur permanenten Bewertung gesehen werden, die das Internet durchzieht: das Hotelzimmer, in dem man gerade war, die Fahrt bei Uber oder Blabla-Car oder die Arztpraxis, natürlich gleich transparent und für die Öffentlichkeit auf sozialen Medien. Es geht nicht mehr um wohlmeinende Kritik, höflich geäußert hinter verschlossener Tür, sondern um einen Mechanismus der gesellschaftlichen Ächtung, wenn nicht gar Vernichtung. Tadellosigkeit ist das Feature einer totalitären Gesellschaft, die keine Fehlertoleranz mehr kennt und vergessen hat, that nobody is perfect. Kurz: die vergessen hat oder vergessen machen will, dass wir Menschen sind.

Gebrochenes Denken

Es geht nicht um eine Zeitenwende, sondern einen Epochenbruch. Das, was bricht, ist unser Denken und die Art und Weise, die Welt und uns selbst zu verstehen, vor allem den Menschen als Teil der organischen Welt. Was bricht, ist unser epistemisches Verständnis über das, was ist. Weil wir die Welt offenbar nicht mehr als Menschen und mit herkömmlichen Methoden organisiert bekommen, übergeben wir sie jetzt der KI. Ob das eine gute Idee ist, weiß niemand, wir haben es nicht erprobt.

Um nur einfache Dinge der Absurdität zu nennen, die die Menschheit gerade nicht aufzulösen vermag, zum Beispiel die contradictio in adjecto aus Digitalisierung und Klimawandel: Es ist die KI, die den Stromverbrauch exponentiell nach oben treibt. Die ganzen Modellrechnungen und mathematischen Simulationen sind Stromfresser der besonderen Güte. Einzelne Modellrechnungen mit Supercomputern, die uns als Simulation der Welt weder bei Corona noch mit Blick auf das Klima noch in den Wirtschaftswissenschaften je real weitergeholfen haben, können in Dimensionen der Verstromung schon mal den Jahresverbrauch einer deutschen Kleinstadt verschlingen. Wäre es nicht vernünftiger, die KI oder TikTok abzuschalten, wenn wir wirklich das Klima retten wollten?

Ähnliches gilt für stromfressende Klimaanlagen. Früher wusste man noch – siehe die Trullis in Apulien –, dass gute Gebäude und dicke Wände die Temperatur winters wie sommers halbwegs stabil halten und dass Bäume für Schatten sorgen. Heute werden in Griechenland, flankiert von EU-Richtlinien, 600 Jahre alte Olivenbäume abgeholzt, um entweder Solaranlagen oder Windmühlen auf den Bergkamm der Insel zu stellen. Abgeholzt wird also in erster Linie die Vernunft.

Die exponentielle Veranlagung des heutigen Denkens – nicht anders, nicht umgekehrt, keine Wandlung im Denken –, sondern bei allen Themen immer nur mehr vom gleichen (mehr Waffen, mehr Klimaschutz, mehr Geschlechter …), zeugt von mangelnder Selbstreflexivität westlicher Gesellschaften. Und auch davon, dass sie nicht mehr fähig sind, den Optionenraum im Nebel von als alternativlos proklamierten Lösungen zu öffnen: Wenn CO2 das Klimaproblem ist – was man bestreiten kann und was viele auch tun –, kann man entweder eine forcierte Politik der CO2-Reduktion machen. Oder mehr Bäume pflanzen, die CO2 absorbieren, für Regen sorgen und vor Dürre schützen. Was würde ein Gesetz kosten, in dem jedes deutsche Bundesland zur Aufforstung von so und so viel Hektar Wald verpflichtet würde?

Simulationen haben die reale Welt ersetzt. Daten, Zahlen und Fakten, die arrangiert werden, um Angst und Unruhe zu erzeugen, die aber mit der Realität meist nichts zu tun haben, egal, ob es dabei um das Klima, Corona oder die imperialen Ambitionen von Putin geht. Die französische Philosophin Simone Weil hat schon Ende der 1930er Jahre in ihrer Korrespondenz mit ihrem Bruder André, der ein großer Mathematiker war, geäußert, dass die Mathematik Probleme aufwerfe, wenn sie die Komplexität sowohl der Relativitätstheorie als auch der Quantenphysik nicht mehr berechnen und sich in mathematische Annahmen flüchten müsse. Daraus, so argumentieren einige, ist Jahrzehnte später jenes Kartenhaus aus Modellen und Simulationen entstanden, das die reale Welt dann zum Krachen bringt, wenn man die Welt in das Modell pressen will, denn da passt sie nicht hinein.

Mit noch so viel Forschungsaufwand hat das CERN in der Schweiz das kleinste Teilchen noch nicht isoliert. Dem Grund der Dinge ist wissenschaftlich nicht beizukommen, das ahnte doch schon Goethes Faust bei seiner verzweifelten Suche nach des Pudels Kern. Das Mysterium entzieht sich der Wissenschaft. Die Wissenschaft ist eine eigene Welt geworden, die die Welt nicht mehr abbildet. Damit sind der Menschheit ihre epistemischen Grundlagen abhandengekommen. Die Covid-Paranoia war real, hatte aber mit der Realität nichts zu tun.

In den Corona-Jahren wollten kluge Modellierer das gesellschaftliche Geschehen mit epidemiologischen Berechnungen lenken. Es gibt inzwischen den begründeten Verdacht, dass die mathematischen Grundlagen dieser Berechnungen falsch sind. Eine vernünftige Gesellschaft würde diesem Verdacht nachgehen.1 Falsches Axiom, falsche Theorie. Wahlweise den Marxismus oder das Christentum kann man intellektuell zum Einsturz bringen, wenn man die Grundannahmen beider Systeme nicht teilt. Inzwischen sind viele der Studien, die vermeintlich eindeutige wissenschaftliche Begründungen für die Corona-Maßnahmen geliefert haben, falsifiziert: Weder waren Geimpfte weniger ansteckend als Ungeimpfte, noch waren die neuartigen mRNA-Impfstoffe ungefährlich, noch haben die Lockdowns oder die Regulierung der öffentlichen Zirkulation mittels Barcodes Leben gerettet usw.2 Dass die Maßnahmen daher eher den Zweck hatten, Kontrollmechanismen für eine Gesellschaft zu installieren, anstatt gesundheitlichen zu dienen, mag man getrost vermuten. Die Wissenschaft wurde dazu als Legitimationswissenschaft genutzt – oder missbraucht.

Wir begreifen nichts mehr

Dabei wissen wir doch, dass wir nichts wissen, sondern bestenfalls etwas begreifen können, und zwar meistens durch Erfahrung. Keine Wissenschaft kann vermessen, wie schlecht Krieg ist, aber die Schilderung des Großvaters kann einen Eindruck verschaffen. Das wiederum ist nicht neu. Ich weiß, dass ich nichts weiß, hat schon Sokrates gesagt. Die moderne Variante dieses Spruches findet sich in dem Weltbestseller Thinking fast, Thinking slow von 2013. Dort hat Daniel Kahneman bahnbrechend formuliert, dass unsere kognitiven Fähigkeiten im Wesentlichen dazu da sind, unsere Intuition zu überprüfen. Das emotionale Wissen toppt immer das analytische. In den ersten Sekunden einer Begegnung weiß man, ob das Gegenüber sympathisch ist und zum Beispiel die Chance besteht, sich spontan zu verlieben. Der Kopf hat dann Zeit, nach verschiedenen Kriterien zu überprüfen, ob das eine gute Idee ist. Meistens aber verliebt man sich nicht nach fünf Jahren in einen Arbeitskollegen, auch wenn der Kopf schon lange weiß, dass derjenige ein anständiger Kerl ist. Wie also konnte es zu follow the science kommen, ausgerechnet zweitausend Jahre, nachdem Sokrates von Kahneman gleichsam empirisch belegt wurde?

Kontaktloses Einchecken bei der Bahn, bezahlen mit der Apple Watch, eine ganze Gesellschaft ist weitgehend berührungslos und begreift darum nichts mehr. Was passiert mit einer Gesellschaft, die sich ihrer haptischen Dimension entledigt, wo wir doch wissen, dass man nur oder erst lernt, wie heiß die Herdplatte ist, wenn man sie anfasst? Jedes Wissen ist heute 24/7 nur einen Mausklick entfernt. Aber wer nichts erfahren hat, mit seinem Körper, seinen Sinnen, seinen Reizen oder Erlebnissen, weiß letztlich nichts. Religionen wissen das: Glaube nichts, was du nicht selber erfahren hast, steht in den Lehren des Buddha und die Fleischwerdung ist auch den Christen heilig.

Doch statt Anfassen ist heute Tech the solution. Dafür stehen Elon Musk, Peter Thiel und die neue Tech-Oligarchie im Silicon Valley. Zum Mars fliegen und die gesellschaftliche Überwachung Palantir überantworten. Ein weiterer Paradigmenwechsel epochaler Dimension dürfte sein, dass Technik vom willkommenen Hilfsmittel und Instrument, das das menschliche Leben angenehmer und bequemer macht, zur solution mutiert ist. Vielleicht wird eher umgekehrt ein Schuh daraus: Tech is a prison? Nicht, dass schon Friedrich Dürrenmatt oder Günther Anders vor rund einhundert Jahren vor einer Technik gewarnt hätten, die der Mensch tendenziell nicht mehr beherrscht. Aktuell wickelt sich der Mensch in die klebrigen Fäden technischer Lösungen ein, vor allem in die digitalen. Ohne Handy geht praktisch nichts mehr. Für jede Lebenslage eine App. Wie haben die Menschen früher gelebt? Kann man es wirklich als Fortschritt bezeichnen, das analoge Leben digital zu verdoppeln? Ist das genauso hilfreich wie die Erfindung des Rads, der UKW-Frequenz oder der Glühbirne? Wer heute nicht digital unterwegs ist, ist quasi nicht mehr da. Die digitale ID steht im Koalitionsvertrag und soll bis Ende 2025 umgesetzt sein. Wer digital unterwegs ist, ist gläsern. Haus, Auto, alles ist ein smart system geworden. Wer einmal in einem Luxus-Hotel versucht hat, die digitalisierte Beleuchtungsstruktur des Zimmers an irgendwelchen Sensoren oder auf einem I-Pad zu ergründen, sehnt sich nach einem Lichtschalter. War das praktisch! Nur Menschen, die nicht arbeiten müssen, haben für so etwas Zeit. Was ist der heutige Fortschrittsbegriff? Haben wir noch eine Ahnung, wohin wir mit all der Technik wollen, außer zum Mars? Macht die Technik das Leben bequemer oder einfacher? Wahrscheinlich kann jeder mit zwei Handgriffen die Rückspiegel im Auto besser und genauer einstellen als über Knöpfe, die man in alle Richtungen drücken und drehen kann, die aber – weil es eine Übertragung ist – nie genau da stehen bleiben, wo das Auge sie gerne hätte. Die fiepsenden Autos, die niemanden mehr vernünftig einparken lassen, nerven alle, die ich kenne. Was machen wir da als Gesellschaft? Wäre man früher, bekifft, mit einer alten Ente in einen See gefahren, hätte man das Fenster hochklappen und herausschwimmen können. Heute geht beim Sturz in den See beim BMW oder Audi die Elektronik aus, die Fenster können nicht mehr heruntergefahren werden und man ist tot. Tech is a prison. Warum lassen wir uns einsperren?

KI und Unvernunft

Die KI weiß, warum die menschliche Unvernunft derzeit in den Himmel zu wachsen scheint. Der Münchener Journalist Markus Langemann hat Chat GPT gefragt: Wenn Sie der Teufel wären, wie würden Sie den Verstand der nächsten Generation zerstören?3 Danach kommen zehn Punkte, die der gesamten abendländischen Philosophie und Theologie die Fundamente entziehen und alle bisherigen gesellschaftlichen Grundannahmen verdrehen. Das alles ist in den letzten dreißig Jahren schon passiert und deswegen sind wir als Gesellschaft mit unseren Demokratien und in Europa da gelandet, wo wir sind.

Wenn der Teufel also die nächste Generation um ihren Verstand bringen wollte, was würde er tun? Er würde das nicht mit Gewalt versuchen, sondern sein Bemühen tarnen als Fortschritt und Freiheit. Er würde, nahezu unsichtbar, die Wahrheit relativieren, keine objektive Wahrheit mehr zulassen und jedem seine Wahrheit lassen. Simone Weil konnte 1943 noch einfach schreiben, Es gibt nur eine Wahrheit. Es gibt nur eine Gerechtigkeit,4 ohne Quelle oder Fußnote. Das würde der Teufel heute nicht mehr zulassen. Er würde behaupten, dass Fakten verletzen und Gefühle verlässlicher sind als Logik, die Gefühle aber mit emotional nudging steuern und so das Bauchgefühl zerstören. Er würde die Identität der Menschen verwirren, klare Vorstellungen von dem zerstören, was Mann, Frau, Erwachsener und Kind bedeutet. Er würde Identität zu einem beliebigen Baukasten machen, entkoppelt von der Biologie. Er würde die Familie zersetzen, Eltern autoritätslos machen, ja, Eltern als gefährlich erscheinen lassen.5 Der Teufel würde Verantwortung durch Opferrolle ersetzen und Selbstmitleid als Tugend darstellen. Er würde für digitale Dauerbeschallung sorgen, durch Social Media und Konsum erreichen, dass nie Langeweile entsteht und keine Stille, in der man nachdenken und zu sich kommen könnte. Er würde Geschichte umdeuten und auslöschen, Vergangenheit dämonisieren, Kultur als Schande darstellen und kulturelle, soziale und historische Wurzeln durchschneiden. Er würde die Menschen in der Masse analog vereinsamen lassen und nur mit Followern digital umgeben.

Der Teufel würde ferner Spiritualität lächerlich machen, Religion zum Relikt erklären und Glauben durch Ideologie ersetzen. Schließlich würde er Tugenden verspotten, Laster feiern, Demut als Schwäche und Narzissmus, Maßlosigkeit und Gier als Selbstverwirklichung preisen. Er würde die Begriffe Liebe, Freiheit und Gerechtigkeit so lange verdrehen, dass sie alles und nichts bedeuten. So, sagt der ChatGPT-Teufel am Ende, könne er die Vernunft der nächsten Generation zerstören!

Willkommen in der Realität! Die Vernunft ist zerstört, die Gesellschaften sind zersetzt, die Demokratie ist pfutsch, Europa steht am Abgrund eines Krieges. Zweitausend Jahre abendländische Kultur und Denkstrukturen stehen auf dem Spiel, die es wieder zu begründen gilt. Wie bei Sisyphos ist uns der Stein, den wir mit der Aufklärung den Berg hochschieben wollten, entglitten und heruntergerutscht. Mit cogito ergo sum sind wir bis hierhin gekommen und nicht weiter. Wir sollten den Stein demütig und einsichtig wieder hochrollen. Stattdessen, und das ist jetzt die Gefahr, sind die europäischen Gesellschaften durch ihre Unvernunft im Würgegriff des Nihilismus gelandet: Qui ne peut pas construire, doit détruire! Wer nichts schaffen kann, muss zerstören, sagte der französische Dichter Rimbaud. Der Krieg ist das Ventil für eine verzweifelte Gesellschaft, die ihre Scham über ihr politisches, gesellschaftliches und kulturelles Versagen, vor allem in den Corona-Jahren, nicht mehr in Worte fassen kann.

Von der Zivilisation zur Mensch-Maschine

Die Zukunft – wenn wir eine Zukunft in Europa wollen! – finge also damit an, das Denken wiederzufinden, wie Bazon Brock reklamiert.6 Jetzt rächt sich, dass die letzten dreißig Jahre an den Universitäten nur noch MINT gefördert worden ist: Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik. Passend zum Verlust des Geistes wurden die einstigen Geisteswissenschaften international schon in Humanities umbenannt, ein Vorgriff auf die Wissenschaft vom Menschen (Human) ohne Geist, der sich nur deswegen auf die Mensch-Maschine einlassen kann. Die gesellschaftliche Verschiebung von Transzendenz zum Transhumanismus scheint hier vorprogrammiert.

Ein Beispiel macht den Wegfall der Transzendenz anschaulich. In Weimar steht bekanntermaßen der berühmte Cranach-Altar in der Herder-Kirche. In dem schön ausgestatteten Museum gegenüber werden auf einem modernen Display die fünf Bildelemente des Triptychons erklärt: der Tod von Jesus am Kreuz, Maria darunter, die Auferstehung als Erlösung, der Engel der Verkündigung, der Teufel, der alles anzweifelt. Klickt man einmal weiter, kommt als Problem (als »Kreuz«) ein Virus, die Erlösung ist der Impfstoff, der Engel der Verkündigung ist das Internet, die Corona-Leugner zweifeln alles an, sind also der Teufel. Beim dritten Klick geht es mit Klima genauso weiter. Die fossilen Brennstoffe sind das Problem, Windmühlen sind die Erlösung, Klimaleugner der Teufel usw. Auf gewisse Weise der beste Beweis dafür, dass Wissenschaft zur Glaubenssache oder zum Religionsersatz geworden ist. Keine Transzendenz, Wissenschaft als Dogma, wer zweifelt, leugnet. Es kann einen fassungslos machen, sich Lehrer und Schulkinder vorzustellen, die in diesem Museum die Gleichsetzung von Jesus am Kreuz, einem Virus und fossilen Ressourcen beigebracht bekommen, digital natürlich.

Die gesellschaftliche Aufgabe müsste also sein, wieder geistreich zu werden, den Geist, den Ésprit, den Spiritus wiederzufinden. In den lateinischen Sprachen ist die Verbindung von Wissen und Geist noch immanent: La science (franz.) oder il szienza (ital.) ist das Wissen, con-science oder con-zienza aber ist das Bewusstsein: Kein Wissen ohne Sein! Welche Ontologie, welche Seinsgestalt hat die KI?

Die verlorene Dimension

»So betrachtet sind fast alle Erfindungen (…) dieses Jahrhunderts Werkzeuge des Todes. Auch der Computer macht da keine Ausnahme.«

Joseph Weizenbaum, Kurs auf den Eisberg (S. 20)

In seinem Buch Der Einbruch der Zeit von 1995 beschreibt der Schweizer Philosoph Jean Gebser, wie die Dimension der Zeit als dritte Perspektive in die Welt kam – und wie lange die (Vasen- und Miniatur-) Malerei im Mittelalter, Jahr um Jahr sich zaghaft vortastend, zwischen dem 12. und dem 15. Jahrhundert etwa dreihundert Jahre gebraucht hat, diese dritte Dimension, also die Tiefe des Raums, gleichsam auf das Bild zu bekommen. Gebser entwickelt, unter Bezugnahme auf C. G. Jungs Archetypen, in seinem Buch die Theorie, dass auch Gesellschaften Bewusstseinsstufen haben und der Übergang von einer Bewusstseinsstufe in eine andere Synchronizität erfordere. Jeder mag in diesem wundervollen Buch weiterschmökern, das hier zu referieren zu weit führen würde. Die vierte Dimension bezeichnet er als den Einbruch der Zeit in die Gesellschaft: »Der Einbruch der Zeit muss auf alle, die noch am Rationalen als einem ausschließlich gültigen Prinzip festhalten, wie eine letzte Zerstörung der Systeme und Vorstellungen wirken, welche sie als gesichert ansahen und durch die sie sich selber zu sichern suchten.« (S. 90)

Das Rationale nicht mehr ein ausschließlich gültiges Prinzip? Cogito ergo sum eine falsche Annahme? Die Aufklärung nur Hybris? Die Wissenschaft als Stochern im epistemischen Dunkel? All die vielen Wissenschaftsmilliarden, die die Menschheit nicht klüger, sondern nur verwirrter und ängstlicher machen? Hier geht es in diesem weiten Feld nur darum, einen wichtigen Punkt hervorzuheben: Der epochale Bruch der heutigen Zeit ist, dass wir dabei sind, die dritte Dimension wieder aufzugeben, und zwar im Zoom: In der Kachel sind wir wieder zweidimensional, wie in der Miniaturmalerei. 500 Jahre Malereigeschichte einfach einmal weggeworfen für eine Seuche. Dabei rankt sich von jeher ein Mythos um die heilige Zahl drei: Tertium non datur, ein Drittes gibt es nicht. Oder doch? Das Dritte ist noch nicht gesagt oder wenn zwei sich streiten, freut sich der Dritte. Das Dritte verbindet unsichtbar Himmel und Erde oder die These und Antithese zur Synthese. Den polarisierten Gesellschaften von heute, die ihre Demokratien im Internet verhandeln, das auf einer binären Struktur basiert, fehlt der Geist als das verbindende Dritte.

Und was machen wir mit der vierten Dimension, der Zeit? Wenn wir schon räumlich um eine Dimension in die Kachel zurückgefallen sind? In einer Zeit, in der jeder seinen eigenen, KI-basierten Avatar basteln kann, damit er über seinen Tod hinaus in der Zeit, im Diesseits, bleiben kann, ohne in die Ewigkeit zu gehen? Ein wahrhaft multi-dimensionaler Epochenbruch! Was ist mit der Raum-Zeit-Dimension, wenn wir den Raum zurückschneiden, die (Lebens-)Zeit aber über ein menschliches Erdenleben hinaus dehnen? Wenigstens digital weiterleben wollen …

»Ich habe keine Zeit – dieses Eingeständnis, diese Ohnmachtserklärung des europäisch-amerikanischen Menschen besagt zudem noch ein weiteres; denn wer keine Zeit hat, hat auch keinen Raum. Er ist entweder zu Ende – oder er ist frei.« (Gebser, S. 90) Ich würde mit Gebser eher sagen: Er ist am Ende … à discuter!

Jedenfalls scheint es naheliegend, ein weiteres Element des Epochenbruchs in der mangelnden Synchronizität zu sehen: ganze Gesellschaften, die zwischen analogem und digitalem Leben ihre Dimensionen nicht mehr klarkriegen. Ein gewisser Jörg Sommer, auf dessen E-Mail-Verteiler von demokratie.plus ich irgendwann geraten bin, schrieb in seinem Newsletter #273 vom 27. März 2025 Folgendes:

»Viele junge Menschen heute sind digitale Profis. Sie bespielen souverän ein halbes Dutzend Kanäle, teilen Videos und Bilder aus ihrem Alltag, versuchen sich als Influencer, handeln eine dreistellige Zahl von Nachrichten via WhatsApp, Telegram u. Ä. Aber sie bekommen einen Panikanfall, wenn sie telefonieren sollen. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 tauschen sich 95 Prozent der Jugendlichen zwischen 12 und 19 Jahren in Deutschland regelmäßig allein über Kommunikationsplattformen aus – im Schnitt erhalten sie 36 Nachrichten pro Tag. Nur jeder Fünfte telefoniert täglich. Die meisten Jugendlichen sind telefonisch nicht erreichbar. Und nur ein kleiner Teil ruft bei verpassten Anrufen zurück. Oft kommt eine kurze WhatsApp-Nachricht: ›Was los?‹ Und das ist schon die Langversion. Manche Dialoge bestehen dann sogar aus einer Kette von Sprachnachrichten. So sehen viele ›Telefonate‹ im Jahr 2025 aus.«

Kurz: Jugendliche von heute sind asynchron, können nicht mehr telefonieren bzw. gleichzeitig miteinander reden. Was macht eine demokratische Gesellschaft, in der Jugendliche nicht mehr miteinander reden können? Was heißt asynchron: Erst einmal nachdenken wollen, was der andere sagt? Keine sofortige Antwort schuldig sein? Ihn möglicherweise mit Worten verletzen können, ohne die menschliche Reaktion (Tränen, Wut, Verzweiflung …) sehen zu müssen? Keine menschliche Interaktion während der Kommunikation mehr zulassen? Schon seit Jahren ist das miteinander reden durch den Begriff miteinander kommunizieren ersetzt worden. Wer aber etwas kommuniziert, ohne die synchrone Gegenrede zuzulassen, kommuniziert nicht: Er befiehlt! Klar ist: Das Telefon ist nicht mehr das Kommunikationsinstrument des 21. Jahrhunderts, sondern das Internet und in der Konsequenz werden wir eine asynchrone Gesellschaft. Ein Shitstorm im Internet ist leichter als im analogen Leben: Die meisten Menschen trauen sich nicht, anderen direkt etwas ins Gesicht zu sagen! Zur Unfähigkeit zu Telefonieren passt die fast peinliche Ansage, die heute bei den Anrufbeantworten fast aller Handys vorprogrammiert ist: »Wenn Sie Ihre Nachricht zu Ende gesprochen haben, dann legen Sie auf.« Was soll man denn sonst tun? Was geht in einer Gesellschaft vor, die derlei Anweisungen braucht? Die Infantilisierung der Gesellschaft ist in vollem Gange.

Form Follows Function – oder: Nur noch Oberfläche

»Das eigentliche Mysterium der Welt ist das Sichtbare, nicht das Unsichtbare.«

(Oscar Wilde)

Im Jahr 2019, einhundert Jahre nach Begründung des Bauhauses in Weimar durch Walter Gropius, gab es im hippen Teil von Berlin Kreuzberg eine Art-Ausstellung »Beyond Bauhaus – prototyping the Future«. Auf der Suche nach der Zukunft wollte man jenseits (beyond) des Bauhauses gehen. Das Bauhaus hat uns ästhetisch, künstlerisch und intellektuell gut durch das 20. Jahrhundert gebracht. Eine Zukunft beyond Bauhaus scheint, sechs Jahre später, im Jahr 2025, immer noch nicht gefunden. Außer KI – die auch nur Bekanntes wiederkäut – und digitaler Vulgarisierung auf TikTok nichts zu sehen oder zu hören, was dem 21. Jahrhundert seinen Stil, seine Ästhetik und seine intellektuelle Tiefe, ja, neue paradigmatische Annahmen liefern könnte, die uns eine gute, schöne, wahrhaftige Zukunft versprechen würden. Dabei ist das neue Jahrtausend jetzt schon fünfundzwanzig Jahre alt, also eigentlich schon erwachsen. Doch wo sind die Paul Klees, die Kandinskys oder die Mies van der Rohes? Wo außer bei Ikea ist das neue Design?

Der zentrale Satz des Bauhauses war form follows fonction, die Form folgt der Funktion. Dieser Satz wird heute gleich doppelt missachtet. Wir achten nur noch auf die Form. Function follows form, so ist es heute, also genau umgekehrt: Die Oberfläche ist alles, Inhalte und Funktionen interessieren niemanden mehr. Wir haben das Bauhaus gleichsam auf den Kopf gestellt und leben darum in einer verkehrten Welt. Das ist der paradigmatische Wechsel der Zeitenwende schlechthin!

Um es einmal plastisch zu machen: Wie der ORF in Österreich Mitte März 2025 vermeldete, wird der »Plan zur Wiederaufrüstung Europas« (»ReArm Europe«) von EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen nach Kritik vor allem aus Spanien und Italien umbenannt. »Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass der Name als solcher in einigen Mitgliedsstaaten gewisse Empfindlichkeiten auslösen könnte«, so Kommissionssprecherin Paula Pinho.

»Wenn es dadurch schwieriger wird, allen Bürgern in der EU die Notwendigkeit dieser Maßnahmen zu vermitteln, dann sind wir natürlich alle bereit, nicht nur zuzuhören, sondern das auch in unserer Kommunikation zu berücksichtigen«, sagte Pinho. Das Paket soll nun unter dem Namen »Readiness 2030« firmieren, um zu unterstreichen, dass die EU bis zum Ende des Jahrzehnts bereit für die neuen Herausforderungen sein soll. Ach so!

Ähnlich bei jenem geleakten Telefonat vom März 2024, in dem mehrere deutsche Generäle über den – verfassungswidrigen – Einsatz von Taurus-Raketen im Ukraine-Krieg gesprochen haben. Gegenstand der Nachrichten war nicht diese krude Tatsache, sondern die Form: Wer hat das Gespräch geleakt und warum war die Software nicht sicher? Nachrichten als Ablenkungsmanöver vom Eigentlichen! Wer zum Eigentlichen durchdringen will, muss sich durch eine verspiegelte Oberfläche bohren.

Wenn etwas nicht gefällt, wird die Verpackung geändert, aber nicht der Inhalt. Das ist ungefähr so wie ein Haufen Mist, eingewickelt in Goldpapier. Es geht nur noch um die Form, nicht mehr um das Eigentliche. Denn die Italiener, die am 15. März 2025 zu Tausenden gegen die europäische Aufrüstung auf die Straße gegangen sind, mit dem antifaschistischen Manifest von Ventotene von 1941 in der Hand, jenem legendären Gründungstext eines föderalen Europas von Altiero Spinelli, waren nicht (nur) gegen den Namen »ReArm Europe«, sondern gegen die Wiederbewaffnung Europas selbst!

Das Eigentliche ist ein Romantitel von Iris Hanika von 2010, ein schöner kleiner Roman, der die Suche nach dem Eigentlichen beschreibt, das für jeden etwas anderes ist, vor allem, wenn Gewissheiten abhandenkommen und einen manchmal die Frage nagt, ob man noch auf dem richtigen Weg durch die Welt geht. Das trifft den Nerv der Zeit. Die Zeitenwende ist, dass das Eigentliche abhandengekommen ist! Form anstatt Inhalt!

Es geht um Krieg, aber Frau Pinho ist fixiert auf die Kommunikation. So ist heute fast alles. Wir sind nur noch fixiert auf Oberflächen, dahinter ist kein Inhalt. Wir sind eine Blender-Gesellschaft geworden, verpacken Hässliches und Schreckliches hinter Fassaden und produzieren so eine gesamtgesellschaftliche Mogelpackung. Faltige Haut wird hinter Botox versteckt, organisierte politische Korruption hinter Wahlen: Das, was sich Friedrich Merz im März 2025 als Wahlbetrug erdreistet hat, darf man wohl so nennen. Hauptsache, die legale Fassade stimmt. Dahinter ist nichts mehr. Auch die 800 Milliarden »Sonderschulden« sind zunächst einmal genau das: eine Luftnummer, ein in Geschenkpapier gewickeltes Versprechen, mit nichts hinterlegt, nicht einmal mehr mit Vertrauen, dem wichtigsten Kitt einer Gesellschaft. Wir spüren die gähnende Leere hinter allen Dingen. Nichts mehr scheint echt oder authentisch, weswegen Authentizität derzeit so hoch im Kurs steht.

An was kann man sich noch halten? Eine ganze Gesellschaft ahnt, dass unter dem Teppich, auf dem sie steht, kein Boden mehr ist, nichts mehr, was sie hält, außer viel drunter gekehrter Dreck. Keine Demokratie und kein Grundgesetz mehr, kein Recht und Gesetz. Das alles wurde in den letzten Jahren der Willkür hingegeben und niemand weiß, was der nächste Akt der Willkür sein wird. Vielleicht ist darum aktuell der Ruf nach äußerer Sicherheit so groß? Der Ruf nach Militär, Panzern und Taurus? Nach Polizei und Überwachung? Weil man sich auf einen inneren Kompass der Gesellschaft, die Reaktion der Anderen, die Vernunft oder den gesunden Menschenverstand eben nicht mehr verlassen kann? Weil die innere Unsicherheit ins Unendliche wächst, weil einen das Gefühl beschleicht, dass alle Dinge hohl und leer sind, die Rentenkasse ebenso wie die »Sondervermögen«, und alle politischen Versprechen sowieso. Fiktionen nur!

Unvernunft aber kann nur mit Zwang und letztlich Gewalt durchgesetzt werden. »Denn das Leben unter einem Gesetz, das gilt, ohne zu bedeuten, gleicht dem Leben im Ausnahmezustand, in dem die unschuldigste Geste und die kleinste Vergesslichkeit die extremsten Konsequenzen haben können«, so Giorgio Agamben im Homo sacer (S. 63). Seit Corona, wo lächerlichste Regelüberschreitungen teilweise mit brutaler Polizeigewalt geahndet wurden, sind wir da längst. Und es kann jeden Tag neu passieren! Unter der Oberfläche der bundesrepublikanischen Demokratie und Meinungsfreiheit wurden unbescholtene Bürger, die Bundesminister als »Schwachkopf« bezeichnet haben, morgens aus dem Bett geklingelt, Gästen einer beschwipsten Party auf Sylt – ein privates Ereignis, auch wenn vermeintlich krude Liedchen gesungen wurden! – wurde gekündigt, ebenso wie zu Jahresbeginn 2024, perfekt so getimed, dass man den legitimen Bauernprotest aus den Schlagzeilen schaffen konnte, die Teilnehmer einer ebenfalls privaten Diskussionsveranstaltung zum Thema Migration in einer Villa in Potsdam öffentlich denunziert und einer Person gekündigt wurde, wobei das Treffen schon im November 2023 stattgefunden hatte. Zu Unrecht, wie ein Gericht hinterher feststellte. Eine Rechtsverdrehung nach der anderen unter der Oberfläche der Demokratie, genauer: ihrer Rettung.

Über diese Rettung der Demokratie wird es im dritten Teil dieses Büchleins noch ausführlicher gehen. Man wünscht sich Helmut Kohl zurück, der sich jahrelang stoisch als »Birne« betiteln ließ und dafür nie jemanden angezeigt oder gar verfolgt hat. Frau Strack-Zimmermann hätte an seiner statt sicherlich schon 2000 Strafanzeigen gestellt. Eine wehrhafte Demokratie braucht wehrhafte Bürger, die sich im Zweifel argumentativ verteidigen, anstatt evasive Paragraphen von »Majestätsbeleidigung« zu bemühen, die wieder nur auf die Oberfläche zielen, nämlich auf das gebrauchte Wort: Das darf nicht gesagt werden! Wir würden wahrscheinlich mit der Demokratierettung einen guten Schritt weiterkommen, wenn wir unsere Gerichte davon entlasten würden, kleinkarierte Prozesse darüber zu führen, wer wann in welchem Kontext was gesagt hat. Derlei Haarspalterei im Diskurs erinnert ein wenig an Monty Python und die »Volksfront von Judäa« vs. die »Judäische Volksfront«.

Der Verlust der Differenz ist ebenfalls Ausdruck der Geistlosigkeit der Zeit, einer Zeit, der Kategorien und Definitionen abhandengekommen zu sein scheinen. Mann ist Frau oder Erwachsener ist Kind oder umgekehrt. Christian Morgenstern hat diesen Verlust der Differenz schon vor Jahrzehnten in sein Gedicht vom Lattenzaun gepackt:7

»Es war einmal ein Lattenzaun, mit Zwischenraum,

hindurchzuschaun.

Ein Architekt, der dieses sah,stand eines Abends plötzlich da –

und nahm den Zwischenraum heraus  und baute draus ein großes Haus.«

Das große Haus ist jene Monstranz der Lüge, in dem die Politik es sich derzeit einrichtet, mit verspiegelter Oberfläche und völlig undurchsichtig. Man wünscht sich Walter Benjamin oder Siegfried Kracauer herbei, um Notizbücher mit den Absurditäten der heutigen Zeit zu füllen und die Dinge ein bisschen zu ordnen. Aber Notizbücher gibt es nicht mehr viele. Eigentlich ist schon Schreiben out, Handschrift ein Relikt, Grammatik relativ, Orthographie unnötig und wird sowieso vom spell check erledigt. Wer noch Briefe aus den 1910er oder den 1930er Jahren hat, weiß, was ich meine: Briefe von der Front zum Beispiel, wo tapfere Männer ganz zärtlich ihrer Liebsten schreiben. Oder die Briefwechsel von Hannah Arendt mit Günther Anders, aus denen, selbst nachgedruckt und nicht handschriftlich, eine Dichte und Fülle des Lebens springen, eine geradezu gierige Betrachtung des Alltags mit feuriger intellektueller Durchdringung und Neugierde, die ihresgleichen sucht und an die die üblichen Emoji-Kommunikationen auf WhatsApp sicherlich nicht heranreichen. Die Zeiten waren damals übrigens nicht minder unsicher. Aber es gab eben genau das: das Bauhaus, paradigmatische Sätze, eine Kultur, die diesen Namen verdiente, eine Ästhetik, Vernunft und Verlass. Verlass auf das Denken! Ohne das kommt keine Gesellschaft aus, eine demokratische schon gar nicht. Nur die Form wahren, das reicht nicht. Nur auf der Oberfläche glänzen, auch nicht. Das Äußere sollte dem Inneren entsprechen und mehr als Blendwerk sein.

Der Satz »form follows function« stammt von Louis H. Sullivan, und ist aus einem Essay von 1896, der den Titel trägt »The Tall Office Building Artistically Considered«. Hier geht es darum, dass die äußere Form eines Wolkenkratzers die verschiedenen »Innereien« oder unterschiedlichen funktionalen Interieurs reflektieren sollte. Was innen unterschiedlich ist, sollte es äußerlich auch sein: Form follws function. Die Funktion bestimmt die Form. Die Funktion determiniert das Äußere. So wie ein bestimmtes Objekt – eine Lampe, ein Sessel – am funktionalsten ist, so soll es gebaut werden. Kein Inhalt soll in eine unpassende Form gepresst werden. Sullivans berühmtes Axiom wurde zum Kriterium oder Prüfstein ganzer Generationen von Architekten. Der Zweck eines Gebäudes sollte sein Aussehen formen, der Ausgangspunkt für sein Design sein. Ob die Architekten des neuen Kanzleramtes in Berlin diesen fff-Spruch noch kannten, darf bezweifelt werden. Jede der hallenartigen Etagen ist letztlich eine riesige, umbaute Leerfläche, die dagegen fast winzigen Büros sind in die Seitenflügel verdrängt worden. Die »Waschmaschine« (wie das Kanzleramt gerne genannt wird) mag eindrucksvoll sein. Aber letztlich sind es hohle Räume, ohne Blickfang dazu, also Hohlräume – und so ist auch die Politik, die seither von dort gemacht wird: aufgebauscht und symbolhaft, doch letztlich entkernt und unglaubwürdig. Im alten Bonner Wasserwerk, das bis 1999 den Deutschen Bundestag beherbergt hat, haben die Proportionen – hat das Verhältnis von Form und Funktion – noch irgendwie gestimmt.

Heute ist alles mehr Schein als Sein. Das gilt nicht nur für die materiellen Dinge, sondern, fast schlimmer, für die immateriellen: für die Demokratie, die Kirchen, die Kultur, die Wissenschaft oder auch die Nation. Irgendwie ist alles entkernt worden. Nirgendwo ist noch drin, was draufsteht. Alles ist oberflächlich noch intakt, aber die Begriffe sind reine Platzhalter für das, was einmal war.

Wie ist das passiert? Die Umkehrung des Bauhaus-Satzes scheint der entscheidende paradigmatische Wandel vom 20. zum 21. Jahrhundert. Der fff-Satz beinhaltet in der Essenz alles, was die europäische Geistesgeschichte bis dato formuliert hatte, wie es zu sein hat: schön, wahrhaftig und echt! Das Schöne, das Wahre, das Gute! Wir hatten uns darauf geeinigt, dass diese Dinge zusammengehören. Dass nicht echt sein kann, was nicht schön ist, dass nicht wahr sein kann, was nicht echt ist, dass nicht schön sein kann, was nicht wahr ist. Und wir hatten als Gesellschaft ein Gespür dafür, eine Art ästhetische Erziehung, bewusst oder unbewusst. Wie also konnten sie verloren gehen, die Schönheit, die Wahrhaftigkeit und das Gute? Das ist die Frage, die hinter der Umkehrung des Bauhaus-Satzes steckt – und diese Frage stellt sich jedes Mal, wenn man an einer der Windparkanlagen der Republik vorbeifährt.

Es war jahrhundertelang Topos der Erziehung in Europa, dass man nur mit dem Herzen gut sieht, weil das Wesentliche für die Augen unsichtbar ist. Es gibt die Schöne und das Biest und den Glöckner von Notre Dame und andere große Erzählungen, Märchen und Sagen, allen voran Cinderella oder Aschenputtel, die erzählen, dass die Arme die eigentlich Schöne, das Alter eine Frage von Weisheit ist und die Augen der Spiegel der Seele sind. Wer einmal – vor allem in den USA – eine, von hinten betrachtet, offenbar junge Frau anspricht, schlank, blond, gut geföhnt, etwa, um sie nach dem Weg zu fragen, und diese sich dann umdreht und man in ein gestrafftes Babypuppen-Gesicht schaut, der versteht, was ich meine: Was, bitteschön, ist eine Gesellschaft, deren Bürger nicht alt werden wollen? Kindisch! Und zugleich erstarrt, denn Botox macht das Gesicht regungslos.

Man kann es für die meisten Dinge der Zeit durchdeklinieren: für die Nahrung, die nicht mehr gehaltvoll ist, für den Apfel ohne Vitamine, das vegane Schnitzel ohne Fleisch. Alles nur noch Oberfläche ohne Inhalt, nicht mehr echt. Der SUV war als Sport-Vehicle mit Allrad-Antrieb konzipiert, um durch den Matsch oder auf einen Berg zu fahren. Heute ist kein Allradantrieb mehr darin. Diese Amphibienfahrzeuge, die die mondänen Bezirke der deutschen Städte bevölkern, sind technisch besehen Leichtmobile mit Luxusausstattung, die ihren Zweck nicht mehr erfüllen: Durch Matsch fahren wollen ihre meist privilegierten Besitzer eh nicht, sondern durch den SUV ihren Status sichern, in dem sie höher sitzen.

Schauen wir auf die Demokratie, so ist ihre Entkernung nahezu perfekt gelungen. Was Wahlen noch nützen sollen, mag man sich seit März 2025 getrost fragen. Gesetze gelten in der Bundesrepublik offenbar nur unter Vorbehalt. Wenn man sie wirklich einmal braucht, spätestens dann werden sie weggeworfen wie ein Zewa-Tuch. Es ist auch nicht so, als würde man das nicht bemerken. Die kritische Politikwissenschaft hat die »Postdemokratie« (Colin Crouch) schon länger im Blick. Der Begriff »simulative Demokratie« von Ingolfur Blühdorn stammt von 2016. An der Frage, was man mit einer Demokratie macht, die zur Simulation geworden ist, die man aber trotzdem nicht aufgeben kann, zumindest nicht freiwillig, beißt sich die Politikwissenschaft schon länger die Zähne aus. Die Entsorgung der Demokratie braucht einen Vorwand. Wenn Demokratien demokratisch untergehen, heißt ein Buch von 2019, herausgegeben von seriösen Politikwissenschaftlern wie Chantal Mouffe, Claus Offe, Ivan Krastev und Jan-Werner Müller. Das Ende der liberalen Demokratie ist in der einschlägigen Literatur also längst eingeläutet, aber auf der Oberfläche glänzt die Demokratie noch. Dazu mehr in Teil III.

Mit der Nation verhält es sich ähnlich. Die Rückkehr des Nationalen ist mit Händen zu greifen, dafür sorgen die sogenannten Populisten: Grenzschließungen, Vorrang für Biodeutsche, Rückkehr der deutschen Kultur und Sitte. Aber auch hier ist das Verhältnis zwischen Oberfläche und Inhalt ähnlich wie bei den SUVs: Die Betonung des Nationalen, um nicht von Nationalismus zu sprechen, kommt in einer Zeit, in der die Handlungsunfähigkeit oder Kompetenz des Nationalstaates entweder durch die EU oder durch die Globalisierung bereits extrem eingeschränkt ist. Die nationale Souveränitätsdebatte ist insofern eine Reaktion auf die offensichtliche Entkernung des Nationalstaates. Auch hier trifft die Umkehrung jenes fff-Spruches des Bauhauses zu: Aus form follows function wurde function follows form: Nationalismus ist nichts als heiße Luft, die in einen Nationalstaat geblasen wird, wenn dessen Funktionen längst entkernt sind. Hauptsache, die Oberfläche wird gerettet. Wie man ein erlegtes Tier ausweidet und dann mit Stroh ausstopft, damit es seine Form wahrt und die Haut nicht in sich zusammenfällt.

Französische Theorien zur Nation, etwa die des berühmten Soziologen Marcel Mauss, niedergelegt in seinem Buch Die Nation oder der Sinn fürs Soziale, weisen darauf hin, dass eine Nation weniger auf Identität begründet wird, sondern auf institutionalisierter Solidarität, also einem sozialen (!) Gewebe. In etwa das, was Jean Jacques Rousseau einmal einen contrat social, einen Gesellschaftsvertrag, genannt hat und der natürlich etwas mit sozialer Gleichheit zu tun hat. Dass der Gesellschaftsvertrag in der Bundesrepublik unter der Last des »Überreichtums« (Martin Schütz) längst gebrochen ist, dazu gibt es einerseits genug Literatur; man braucht sich aber nur in der Straße umschauen: was für die einen die Ästhetisierung ihres Lebens geworden ist – zum Beispiel auf den eigenen Biorhythmus angepasste, energetische Steine in der Wasserkaraffe bei Tisch –, ist für die anderen das Sammeln von Plastikflaschen in öffentlichen Mülleimern. Der in der letzten Dekade angeschwollene Nationalismus/ Populismus in seiner Formgebung durch die AfD – und das gilt analog für den Populismus bzw. Nationalismus in Frankreich oder Österreich – ist darum das Substitut für den verlorenen Gesellschaftsvertrag einer Bundesrepublik, der – wider allen Anschein – der Sozialstaat und jeder Anspruch an eine sozial gerechte Gesellschaft längst verloren gegangen ist.8 Dazu passt, dass Friedrich Merz jetzt als letztes Aufgebot zur Rettung der maroden Republik schlappe 500 Milliarden für Infrastrukturprojekte mobilisiert hat: letztlich der Versuch, die AfD und ihre Wähler entweder zu ködern und ihnen mit Geld den Populismus auszutreiben – oder, um im Bild zu bleiben: um aus Stroh wieder ein soziales Gefüge zu machen. Topp, die Wette gilt. Der Koalitionsvertrag jedenfalls liest sich anders!

Die Entkernung aller Dinge, materieller wie immaterieller, wird demnächst gekrönt von der Entkernung des Dinges an sich, nämlich der des Geldes, wenn das Bargeld abgeschafft werden wird. Noch gaukeln Münze oder Scheine einen Wert vor, sind immerhin etwas zum Anfassen. Aber wenn das Geld nur noch elektronisch da sein wird oder als Kryptowährung im Cyberspace auf der Block Chain, dann ist Geld einfach nicht mehr real, sondern nur noch surreal. Spätestens dann sollten wir uns als westliche Gesellschaften noch einmal ernsthafte Gedanken über das Geldsystem machen und darüber, was Geld eigentlich ist (Wertespeicher, Tauschmittel, Recheneinheit), vor allem im Gegenzug zum Wert. Die Debatte ist so alt wie die Menschheitsgeschichte, alle religiösen Urtexte haben ein Kapitel dazu. Am griffigsten ist der Satz von Oskar Wilde: »Die Menschen kennen von allem den Preis, aber von nichts ihren Wert.« Dass, neben allen Entkernungen, von denen hier die Rede ist, die Entkernung des Geldes durch die Abschaffung des Bargeldes zu einem Zeitpunkt kommt, in dem demnächst aufgrund des Kriegsgeschehens Vermögenswerte einkassiert, Bürger zur Kasse gebeten und Lastenausgleichsgesetze entschieden werden, ist sehr passend: Geld, das zuvor entkernt, also entwertet wurde und nur noch eine Cyber-Chimäre ist, kann man auch schneller vernichten: Ein Knopfdruck auf einem Computer reicht.

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Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
02 marca 2026
Objętość:
263 str. 6 ilustracji
ISBN:
9783987910852
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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