Czytaj książkę: «Preis der Leidenschaft»

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Susanne Scheibler

Preis der Leidenschaft

Saga

Preis der Leidenschaft

Preis der Leidenschaft

Copyright © 2021 by Michael Klumb

vertreten durch die AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Die Originalausgabe ist 1989 im Lübbe Verlag erschienen

DocuSign Envelope ID: FAB33925-605C-4FCA-89EA-4C4B7E622594

Copyright © 1989, 2021 Susanne Scheibler und SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726961287

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit der Zustimmung vom Verlag gestattet.

www.sagaegmont.com

Saga ist Teil der Egmont-Gruppe. Egmont ist Dänemarks größter Medienkonzern und gehört der Egmont-Stiftung, die jährlich Kinder aus schwierigen Verhältnissen mit fast 13,4 Millionen Euro unterstützt.

1.

Himmel, ging ihm die Alte auf den Geist! Er war müde, und ihm war übel. Es waren die verdammten Wodkatinis, die er auf der Party bei Jack Holeman in sich hineingeschüttet hatte.

Warum, zum Teufel, hatte er so viel getrunken! Er wußte doch, daß er nichts vertrug, vor allem nicht, wenn er sich vorher einen Druck gesetzt hatte.

Und jetzt wollte die Alte auch noch Sex im Auto!

Rocky schloß die Augen. Er spürte, wie Pat Morris an ihm herumfummelte. Sie hatte lange rotgefärbte Nägel, die unter sein Hemd glitten und über seine Brust strichen. Dann ging die Hand tiefer.

Rocky unterdrückte den Impuls, sie einfach wegzuschieben und aus dem parkenden Auto zu springen.

Schließlich hatte die Alte dafür bezahlt. Und – verdammt noch mal –, er brauchte die Kröten.

Vierhundert Dollar ...

»Was ist denn, Rocky-boy?« keuchte Pat Morris. Sie lag halb über ihm und bewegte die Hüften. »Na los, komm schon. Gib mir einen Kuß.«

Er spürte ihre feuchten, offenen Lippen, die Zunge zwischen seinen Zähnen, und seine Übelkeit wuchs.

Pat Morris behauptete, zweiundvierzig zu sein, aber das war eine faustdicke Lüge. Zehn Jahre mehr hatte sie bestimmt auf dem knochigen Rücken. Sie war Fotografin, eine ziemlich bekannte sogar, und vierhundert Dollar mochten für sie ein Pappenstiel sein. Für Rocky bedeuteten sie Überleben. Essen, Miete – und vor allem H.

Vor einem halben Jahr hatte er mit Heroin angefangen, und er bildete sich ein, noch immer jederzeit damit aufhören zu können. Er brauchte das Zeug nur, um die ganze Scheiße zu ertragen, in der er steckte. Andere ließen sich vollaufen, er setzte sich ab und zu einen Schuß.

Lenny Hutchkin hatte ihn an Pat vermittelt. Sie war eine regelmäßige, gut zahlende Kundin für das, was Lenny schlicht ›Party-Service‹ nannte.

Eine Zeitlang war Pat Morris mit Stan Rileigh herumgezogen, aber jetzt hatte sie mal jemand anderen gewollt. »Stan war ihr zu intellektuell«, hatte Lenny am Telefon gesagt. »Sie steht mehr auf Naturburschen wie dich. Such dir ’n paar anständige Klamotten raus, sie will zuerst mit dir zu irgend ’ner Party in Beverly Hills.« Er hatte gelacht. »Wer weiß, vielleicht triffst du ein paar Leute, die was für dich tun. Pat kennt ’ne Menge, die beim Film was zu sagen haben.«

Ach, verdammt! Wer in diesem lausigen Hollywood kannte keinen, der beim Film was zu sagen hatte! Oder wenigstens einen, der wieder jemanden kannte. Nur brachte das nichts, wenn man Rocky Marfield war.

Er kannte das bis zum Erbrechen: »Wer ist denn Ihr Agent? Wo haben Sie gespielt? Ach, und was machen Sie jetzt?«

Und da Rocky auf keine dieser Fragen eine befriedigende Antwort geben konnte, fiel die Klappe. Das Hollywood-Zahnpasta-Reklamelächeln erlosch auf den ewig braungebrannten, ewig grinsenden Gesichtern, und man ließ ihn stehen. Kategorie uninteressant.

Heute auf der Party bei Jack Holeman, Studioboß bei irgendeiner Filmgesellschaft, war Rocky ein paarmal versucht gewesen, auf die obligatorische Frage: »Was tun Sie jetzt?« zu antworten: »Ich bumse für vierhundert Dollar alte Weiber wie Pat Morris.«

Um es nicht zu sagen, hatte er einen Wodkatini nach dem anderen in sich hineingeschüttet.

Und jetzt war ihm übel. Gott, war ihm übel!

Rocky spürte, wie sich Speichel in seinem Mund sammelte.

»Laß uns weiterfahren«, murmelte er, während ihm der Schweiß in kleinen Bächen über Stirn und Nacken lief. »Wir können doch bei dir ...«

Pat kicherte. »Später, Honey. Erst mal will ich’s jetzt und hier. Ich tu’s gern im Auto, weißt du ... Also komm schon.«

Ihre Hände waren heiß und lüstern, und der Ekel in ihm wuchs. Verdammt, er konnte nicht!

Rocky spürte, wie sie ihn zwischen den Beinen berührte, und dachte: Los doch, Junge. Denk an die vierhundert Dollar. Oder bilde dir ein, es wäre ein junges knackiges Mädchen, das wild nach dir ist. Vergiß Pat, vergiß die ganze Scheiße, in der du steckst. Stell dir eine süße Blonde vor mit weicher Haut und festen Brüsten. So eine, die nach Jugend riecht und Sauberkeit. Bei der du weißt, daß nicht schon eine Legion von Kerlen drübergerutscht ist. Eine, die es nicht bloß macht, weil sie geil ist und dich bezahlen kann, sondern weil sie dich gern hat und in dich verliebt ist – so richtig mit allem, was dazugehört ...

Für ein paar Sekunden war seine Phantasie stark genug, daß er eine Erektion bekam. Aber dann hörte er Pat aufstöhnen, spürte, wie sie ihn gierig betastete, und alles war vorbei.

»Was ist denn?« fragte Pat mit einem hysterischen Unterton. »Sag bloß, du kannst nicht.«

»Ich will nicht«, sagte Rocky sehr klar und plötzlich ganz nüchtern. »Hau ab, verschwinde! Du kotzt mich an.«

Es war eine sehr klare, warme Nacht. Der Mond schien, und in Pats Wagen, den sie irgendwo am Mulholland Drive geparkt hatte, war es hell genug, daß Rocky ihr Gesicht sehen konnte.

Irgendwie sah sie dümmlich aus, fand er, mit halb offenem Mund, bei dem der Lippenstift verschmiert war, und blaßblauen Augen, in denen erst Nichtbegreifen, dann Überraschung und zu guter Letzt Wut standen.

Eine dümmliche, alternde Frau, die gleich zu zetern anfangen würde.

»Du Bastard«, sagte Pat Morris. »Du dreckiger kleiner Hurenbengel!« Rocky rollte sich zur Seite, als sie nach ihm schlagen wollte, und sie traf nur seinen Hinterkopf.

Sie kroch über ihn und öffnete die Autotür. »Raus!« schrie sie. »Raus! Raus!«

Und als er nicht sofort reagierte, trat und stieß sie nach ihm. Eine Flut von Beschimpfungen ergoß sich über ihn, und Rocky schaffte es nicht mehr, sich hochzusetzen und auszusteigen.

Er kippte einfach aus dem Wagen auf das Straßenpflaster und dachte nur noch: Ich muß mich zur Seite rollen, sonst fährt sie über mich weg.

Er schaffte es knapp, während schon der Motor des Mercedes aufheulte, und kroch auf Knien und Händen weiter auf eine Mauer zu.

Als Pat Morris anfuhr, spritzten ein paar Steine hoch, und eine Wolke aus Staub und Sand hüllte Rocky ein. Er ließ sich aufs Gesicht fallen und atmete keuchend. Dann fing er an sich zu erbrechen.

Er würgte und brach, daß ihm die Tränen kamen, und als er den Kopf hob, drehte sich alles um ihn, und ihm wurde so schlecht, daß er das Bewußtsein verlor.

Das Haus mit der Nummer 37 am Mulholland Drive gehörte Helen DeCorey. An diesem 24. Juni war sie allein in ihrem Schlafzimmer.

Es war kurz vor zwei Uhr nachts. Helen DeCorey trug ein fliederfarbenes, mit Marabufedern besetztes Negligé und hatte das Haar aus der Stirn gekämmt. Sie war abgeschminkt und betrachtete ihr Gesicht in einem der in die Wände eingelassenen bodenlangen Kristallspiegel.

Es war ein nicht mehr junges, aber immer noch sehr schönes Gesicht, da es seine Konturen behalten hatte. Eine hohe, gewölbte Stirn unter dem spitzen Haaransatz, große grau-grüne Augen, die gerade, edel geformte Nase, hohe Wangenknochen und ein voller Mund.

Helen DeCorey gehörte zu den Schauspielerinnen Hollywoods, die von Natur aus schön waren. Es hatte keiner kosmetischen Operation oder anderer Korrekturen bedurft, um das Ebenmaß ihrer Gesichtszüge herzustellen. Sie hatte auch noch kein Facelifting vornehmen lassen, ebensowenig wie eine Brust- oder Bauchstraffung. Lediglich das Haar war getönt. Helen trug es halblang und stufig geschnitten, in einem weichen Mittelblond mit helleren Strähnen.

Im übrigen verdankte sie ihr gutes Aussehen – sie war vor ein paar Wochen fünfundvierzig geworden, wirkte aber immer noch wie Mitte Dreißig – ihrer Disziplin.

Wenig Alkohol, viel Schlaf, eine fast spartanische Ernährung, tägliche Gymnastik – und das alles seit über zwanzig Jahren.

Trotzdem, dachte Helen, ich bin fünfundvierzig, und kein Mensch würde auf die Idee kommen, mir die Rolle eines jungen Mädchens anzubieten. Aber niemand kam überhaupt auf die Idee, ihr eine Rolle zu geben, die ihrem Alter entsprach.

Sie war Helen DeCorey, der Superstar, die blonde, damenhafte, zeitlose Schönheit, elegant bis in die Fingerspitzen und von keinem wie auch immer gearteten charakterlichen Makel entstellt.

Das war ihr Image, und entsprechend waren auch die Drehbücher, die man ihr anbot.

An diesem Abend hatte Helen mit Lee J. Bannister, ihrem Agenten, im Ma Maison gegessen. Er hatte sie für eine Filmkomödie interessieren wollen. »Eine todsichere Sache, Helen, etwas, das du mit links machst.«

Sie hatte abgewinkt. »Ich will aber nichts mit links machen, Lee, verdammt noch mal! Ich will endlich eine Rolle, in der ich schauspielerisch gefordert werde. Nicht so ein seichtes Blabla, sondern irgend etwas, das mir den Durchbruch ins Charakterfach verschafft. Katherine Hepburn, Bette Davis, die Bergman und ein halbes Dutzend andere haben es doch geschafft, und ich bin mit der richtigen Rolle und dem richtigen Regisseur nicht schlechter als sie. Das weißt du doch, Lee.«

»Klar weiß ich’s. Und eines Tages habe ich auch den geeigneten Stoff für dich. Aber willst du denn bis dahin gar nichts anderes machen?«

Sie hatte den Kopf geschüttelt. »Ich glaube nicht. Ich habe die Nase voll von den glatten, faden Salon-Schönheiten. Und ich habe genug verdient, um mir eine längere Pause leisten zu können. Ich gehe erst wieder ins Atelier, wenn ich mit etwas ganz Neuem herauskomme.«

Bannister hatte geseufzt. »Du bist eben zu schön, Helen-Darling, zu sehr Dame, das ist es! Dir traut man keine inneren Abgründe oder sonstwie gearteten Seelenkrämpfe zu. Aber ich bleibe am Ball, das verspreche ich dir. Irgendwann haben wir die Superrolle für dich.«

Zu schön ... Helen betrachtete stirnrunzelnd ihr Gesicht im Spiegel. Verdammt, sie konnte doch nicht in irgendwelche Alkohol- oder Drogenexzesse verfallen, die in ihrem Gesicht Spuren hinterließen und ihr Image zerstörten! Wozu war sie Schauspielerin? Mußte man eine Schlampe sein, um eine spielen zu können? Oder psychisch krank, kriminell, auf irgendeine Weise kaputt, um einen solchen Charakter glaubhaft darzustellen?

Helen wandte sich ab. Sie ging zur Fensterwand und öffnete per Knopfdruck die Glastüren zur Terrasse. Sofort strömte schwüle Hitze in den klimatisierten Raum.

Als sie die Stufen zum Pool hinunterging, tauchten aus einem Seitenweg zwei der insgesamt vier Schäferhunde auf, die nachts frei auf dem Grundstück herumliefen, um es zu bewachen. Sie waren auf den Mann dressiert, und vor einem halben Jahr hatten sie ein paar jugendliche Rowdys, die über die Mauer geklettert waren, übel zugerichtet, bevor der Wachmann dazugekommen war und die Hunde zurückgepfiffen hatte.

Die Tiere kannten jeden, der zum Haus gehörte, und als Helen sie anrief, kamen sie hechelnd auf sie zu und ließen sich von ihr die Köpfe tätscheln.

Während sie langsam weiterging, liefen sie voraus, die Nasen am Boden, und verschwanden zwischen den Sträuchern, die einen Weg in Richtung der Parkmauer begrenzten. Von dort hörte Helen sie plötzlich wütend bellen.

Im Näherkommen sah sie, wie die Tiere aufgeregt an der Seitenpforte hochsprangen, die in die Mauer eingelassen war und in der Regel vom Personal oder den Lieferanten benutzt wurde.

Die beiden anderen Schäferhunde kamen von irgendwoher über den Rasen gerannt, und gleich darauf tauchte ein uniformierter Wachmann auf. Ein Pfiff, und die Hunde waren still.

Helen hörte, wie draußen auf der Straße eine Frauenstimme irgend etwas schrie. Dann heulte ein Automotor auf, Reifen kreischten über den Asphalt, und ein Wagen fuhr in halsbrecherischem Tempo davon.

Der Wachmann war zur Pforte gelaufen und leuchtete mit einer starken Halogenlampe nach draußen.

»Was ist los?« fragte Helen, während sie näher kam.

Der Mann richtete sich auf. »Da draußen liegt jemand, Miß DeCorey. Scheint bewußtlos zu sein, der Kerl. Oder total betrunken.«

Er richtete den Strahl seiner Lampe auf die Gestalt, die Helen durch die schmiedeeisernen Gitterstäbe erkennen konnte. Sie sah dunkle Hosen und ein helles Jackett.

»He, Sie!« rief der Wachmann. »Was ist los? Sind Sie verletzt? Können Sie aufstehen?«

Der Mann bewegte sich, versuchte, sich auf den Händen aufzurichten, und sackte stöhnend wieder zusammen.

Helen hörte, wie er würgte.

»Vielleicht ist er angefahren worden. Schließen Sie doch das Tor auf, und sehen Sie nach.«

Der Wachmann warf ihr einen zögernden Blick zu. »Ich weiß nicht. Vielleicht sollte ich besser die Polizei rufen. Die kann sich um ihn kümmern.«

»Aber wenn er einen Arzt braucht? Was kann denn groß passieren. Die Hunde sind ja hier. Also machen Sie schon.«

»Auf Ihre Verantwortung, Miß DeCorey.« Der Wachmann hatte einen Hauptschlüssel, der für sämtliche Türen des Grundstücks paßte.

Er schloß die Pforte auf und beugte sich über den Mann, der auf dem Pflaster lag. Die Hunde blieben auf seinen Befehl hin zurück. Helen hörte, wie er mit dem Mann sprach.

»Brauchen Sie einen Arzt? Oder soll ich die Cops rufen? Was ist überhaupt passiert?«

Er drehte ihn an den Schultern herum und fluchte unterdrückt. »Verdammt, das Schwein ist vollgek... Ich meine, er hat sich übergeben, Miß DeCorey. Ich hab’s ja gesagt, er ist betrunken. Lassen wir ihn liegen, da kann er seinen Suff ausschlafen.«

Helen kam nun doch auf die Straße. Sie sah einen jungen schwarzhaarigen Mann. Gesicht und Arme waren aufgeschürft und blutig. Der säuerliche Geruch von Erbrochenem stieg ihr in die Nase.

In diesem Moment schlug Rocky stöhnend die Augen auf. »Verdammtes Frauenzimmer«, murmelte er. »Hat mich ... aus dem Auto geschmissen und fast überfahren.« Er stieß zischend die Luft aus, als er sich aufstützen wollte. »O Scheiße, mein Arm ...«

»Haben Sie Schmerzen?« fragte Helen. »Vielleicht ist er gebrochen.«

Halb benommen blickte Rocky sie an. »Weiß nicht. Kümmern Sie sich nicht um mich. Lassen Sie mich eine Weile hier liegen. Wenn mir besser ist, verschwinde ich.«

»Das ist das Beste, was du tun kannst, Junge«, sagte der Wachmann. »Und zwar so schnell wie möglich.«

Helen widersprach. »In diesem Zustand kann er unmöglich draußen bleiben. Wir müssen ihn ins Haus bringen. Wo ist denn Ihr Kollege? Sie sind doch immer zu zweit hier.«

»Joey hat sich ein Stündchen aufs Ohr gelegt. Normalerweise genügt es, wenn einer von uns wach ist und seinen Rundgang macht. Aber ich kann ihn per Sprechfunk herbeirufen.«

»Dann tun Sie das.« Helen blickte Rocky an, und etwas in seinem aufgeschürften, zerschundenen Gesicht mit den verzweifelten Augen traf sie mit sonderbarer Intensität.

Eben noch hatte sie sich zum Gotterbarmen gelangweilt. Und sie hatte ein wenig Angst vor der Nacht gehabt. Sie schlief schlecht, aber sie vermied es, schwere Schlafmittel zu nehmen.

Andererseits – wovon sollte sie müde sein? Ihren letzten Film hatte sie vor einem halben Jahr gedreht. Danach hatte sie ein paar Talkshows und einige Fototermine gemacht, ein bißchen PR eben, sie hatte Filmpremieren besucht, Partys, und sie war hin und wieder ausgegangen, so wie heute abend mit Lee Bannister. Aber wovon, um Himmels willen, sollte sie müde sein?

Von einem bißchen Fitneßtraining, Packungen und Massagen in Roger Kerrs Beautycenter?

Außerdem war sie allein, zum Heulen allein!

Helen war kein Typ für schnellen Sex. Sie hatte ein paar Affären hinter sich, die ernsteste mit Lee J. Bannister, als sie noch eine unbekannte junge Schauspielerin namens Elsie Gray gewesen war, danach drei Ehen, die schiefgegangen waren, und nach ihrer letzten Scheidung vor zwei Jahren hatte sie im Grunde die Nase voll gehabt.

Deshalb hatte sie die meisten Möglichkeiten, die sich ihr boten, vorübergehen lassen. Drei- oder viermal hatte sie mit Stan Russel, dem Regisseur ihres vorletzten Films, geschlafen, später mit einem Newcomer in der Musikszene, der hinreißende Filmmusiken schrieb, Helen aber hauptsächlich dazu benutzte, um an lukrative Aufträge heranzukommen, und zuletzt mit dem steinreichen Hauptaktionär eines Elektronik-Konzerns, der sie unbedingt hatte heiraten wollen.

Aber Helen hatte weder zu einer vierten Ehe Lust verspürt, noch dazu, dem erfolgreichen Manager als Aushängeschild zu dienen, worauf die Sache letztendlich hinausgelaufen wäre.

Und da war nun dieser Junge, der Rocky Marfield hieß ... Das erfuhr Helen eine halbe Stunde später, nachdem er in einem Badezimmer ihres Hauses geduscht und sich und seine Kleidung von Straßenschmutz, Blut und Erbrochenem gesäubert hatte.

Er war fünfundzwanzig, also genau zwanzig Jahre jünger als sie. Er trug teure Designer Jeans und ein Jackett von Armani, allerdings nicht von neuestem Schnitt und schon ziemlich abgewetzt, und er hatte die blauesten Augen, die Helen jemals gesehen hatte. Sie hatten wirklich die Farbe von Veilchen, mit einem dunkleren Kranz um die Iris.

Seine Hände waren kräftig, aber gut geformt. Irgendwie vertrauenerweckende Hände, fand Helen, obwohl die Verhältnisse, in denen dieser Rocky Marfield lebte und über die er erstaunlich offen sprach, nicht dazu angetan waren, ihn für einen harmlosen Zeitgenossen zu halten.

»Haben Sie Hunger?« fragte Helen. »Ich kenne mich zwar in der Küche nicht besonders aus, aber irgend etwas Eßbares werde ich schon auftreiben. Oder wollen Sie einen Drink?«

Rocky verzog den Mund. »Bloß nichts essen. Aber wenn Sie vielleicht einen Schluck Milch hätten ... «

Sie gingen miteinander in die Küche, und dort fand Helen tatsächlich eine Tüte Milch und in einem der Schränke ein Glas.

Rocky riß die Tüte auf und trank in langen Zügen. Dann wischte er sich über den Mund. »War verdammt nett von Ihnen, daß Sie mich ins Haus geholt haben, Miß DeCorey«, sagte er. »Sie sind doch Helen DeCorey?«

Sie nickte. »Und jetzt sagen Sie bloß nicht, daß schon Ihre Mutter für mich geschwärmt hat und jeden meiner Filme kennt.«

»Nee. Meine Mutter hat mit Schauspielerinnen überhaupt nichts am Hut. Und mit Schauspielern auch nicht. Das war einer der Gründe, warum ich von zu Hause abgehauen bin. Eigentlich bin ich nämlich auch Schauspieler.«

Er fing ihren skeptischen Blick auf und fügte hinzu: »Ich weiß, ich weiß, hier in Hollywood gibt es fast nur Schauspieler. Der Tankwart, die Kassiererin bei Safeway, der Botenjunge vom Blumenladen, die Leute von der Müllabfuhr – alles solche wie ich, die mal hergekommen sind, um Karriere zu machen. Aber ich hab’ wirklich in New York die Schauspielschule besucht und meinen Abschluß gemacht. Danach hab’ ich ein paar Rollen an einem Off-Broadway-Theater gespielt, war sogar schon mal in einer TV-Serie, und dann bekam ich ein Angebot nach Hollywood. Eine recht gute Nebenrolle in einem Western, aber der Film wurde nie zu Ende gedreht, weil der Produzent pleite ging. Aber ich hatte in New York City alle Brücken hinter mir abgebrochen, und seitdem sitze ich hier. «

Er trank wieder und starrte auf die Tischplatte.

»Und wie lange ist das schon her?« fragte Helen. Sie sah ihn an und erkannte den Ausdruck in seinem Gesicht – diese Mischung aus Wut, Hoffnungslosigkeit, Bitternis und Nichtbegreifenwollen.

Sie hatte dasselbe empfunden, damals vor über zwanzig Jahren, als sie in dieses dreimal verfluchte, zauberische Hollywood gekommen war. Sie hatte dieselben Träume gehabt wie dieser Junge da, und dieselben Rückschläge erlebt.

Als sie Lee Bannister begegnet war, war sie am Ende gewesen, ein süßes blondes Ding, wie es Hunderte in Hollywood gab, dessen Illusionen von der großen Karriere Stück um Stück abgeblättert waren wie schlechter Verputz von einer alten Mauer.

»Anderthalb Jahre und zwölf Tage«, sagte Rocky, und es klang, als spräche er von einem halben Jahrhundert. »Zuerst hatte ich noch ein paar Jobs, eine Nebenrolle in einer Seifenoper, ein bißchen Edelkomparserie, hin und wieder einen Fernsehspot, aber irgendwann ging gar nichts mehr. Zwischendurch habe ich alles mögliche gemacht. Autos gewaschen, für eine Wäscherei gefahren, war Möbelträger, Nachtportier in einer Absteige–so Aushilfsjobs eben, weil man ja nichts Festes annehmen mag, sondern sich immer noch einbildet, eines Tages riefe irgendwer von irgendeinem Besetzungsbüro an, und man kriegte ein Superangebot. Was soll ich Ihnen das erzählen? Wahrscheinlich langweile ich Sie damit nur. Oder finden Sie es mal ganz lustig, Hollywood von der anderen Seite als Ihrer kennenzulernen?«

»Ich kenne diese Seite«, sagte Helen, und er blickte auf.

»Ehrlich? Moment mal, es heißt doch immer, Sie wären vom Julliard Drama Center weg für Ihre erste Filmrolle ausgesucht worden.«

»Das ist die offizielle Version.« Helen lächelte. »In Wirklichkeit habe ich mich genauso durchschlagen müssen wie Sie.«

Er runzelte die Stirn. »Na, das ist bestimmt übertrieben.«

Er hatte ihr vorhin von Lenny’s Partyservice erzählt und warum Pat Morris ihn aus dem Auto geworfen hatte.

»Was Ihren letzten ... Job betrifft – allerdings«, erwiderte Helen kühl. »Ich habe auch nicht für Nacktfotos posiert, falls Sie das meinen. Aber die üblichen Schwierigkeiten, wenn man als Miß oder Mister Unbekannt hierherkommt, kenne ich aus eigener Anschauung.«

»So was hab’ ich auch gemacht«, sagte Rocky fast trotzig. »Nacktfotos, meine ich. So, und jetzt haben Sie vermutlich die Nase voll, und ich verschwinde besser. Trotzdem – vielen Dank für Ihre Hilfe, Miß DeCorey. Sie waren sehr nett zu mir. «

Er schob sich hinter dem Tisch hervor, und als er vor ihr stand, mußte sie den Kopf in den Nacken legen, so groß war er.

Sie mochte große Männer. Und diese unwahrscheinlich blauen Augen ...

»Sie sind ein gutaussehender Bursche, Rocky«, sagte Helen. »Und wenn Sie nur halbwegs begabt sind, verstehe ich eigentlich nicht, daß Sie hier keine Chance bekommen haben.«

»Vielleicht kriege ich sie noch.« Er grinste schief. »Wie heißt es doch so schön: Talent setzt sich immer durch. Man darf nur nicht den Mut verlieren und nie aufgeben ... Ach, Scheiße!«

»Haben Sie denn einen vernünftigen Agenten?«

»Randy Donovan. Noch nie davon gehört, was? Das ist keine Bildungslücke, Madame. Wer kennt schon Donovan! Er ist eine absolute Null. Aber etwas Besseres habe ich nicht für mich interessieren können. Und glauben Sie ja nicht, daß ich es nicht versucht hätte. Ich habe bei allen Agenturen, die nur ein bißchen mitmischten, Klinken geputzt – mit dem Ergebnis, daß ich bei Donovan hängengeblieben bin. Er war der einzige, den ich breitschlagen konnte, mich in seine Kartei aufzunehmen. Und da ruhe ich nun in Frieden.«

»Tja, ohne einen guten Agenten ist es schwer ...«

»Und wo soll ich den hernehmen, bitte schön? Ich sag’ Ihnen doch, ich war bei fast allen. Und ich hab’s mit jeder Masche versucht. Ich hab’ sogar ein paar Tippsen gebumst, um an ihren Boß heranzukommen. Zwei- oder dreimal hat man mich gnädig empfangen. Irgend so’n Typ im Cerrutti-Anzug, mit ’ner Patek-Philippe-Uhr am Handgelenk. ›Haben Sie gute Bilder? Wo haben Sie bisher gedreht? Ach, Sie sind noch ganz am Anfang? Ja, dann ... Tut uns leid, aber ein paar Sachen müßten Sie wenigstens gemacht haben. Für völlige Newcomer sind wir nicht die Richtigen. Es fehlt uns die Zeit, verstehen Sie, um jemanden wie Sie aufzubauen. Übrigens – Ihre Fotos sind auch nicht das, was einen vom Hocker fegt. Lassen Sie sich neue machen, am besten von Bruce Koplin.‹ Wissen Sie, was eine Fotosession bei Koplin kostet? Ich kann den nicht bezahlen. Und ich habe auch keine Ahnung, wie man an eine Scheißrolle kommen soll, damit man für so einen hochkarätigen Scheißagenten etwas vorzuweisen hat! Ich war so naiv, zu glauben, daß die dazu da sind, einem die Jobs zu beschaffen. Wenn man erst mal im Geschäft ist, braucht man keinen Agenten mehr. Dann läuft die Sache von selbst, Lady. Weil man nämlich keinen Steigbügelhalter mehr nötig hat, wenn man schon im Sattel sitzt. Oder ist das zu hoch für Sie, Miß DeCorey?«

Er war ziemlich laut geworden, und Helen runzelte die Stirn. »Himmel, Sie brüllen das ganze Haus zusammen. Was soll das? Ich bin kein Agent, der Sie abwimmeln will.«

»Verzeihung«, murmelte Rocky. »Aber ich geh’ einfach hoch, wenn ich bloß daran denke.«

»Okay, okay«, sagte sie begütigend. »Und nach New York wollen Sie auch nicht wieder zurück?«

»Warum?« fragte er mürrisch. »Glauben Sie, die warten dort auf mich? Nach anderthalb Jahren bin ich weg vom Fenster. Und bei meinen Eltern unterkriechen und kleine Brötchen backen – nein, danke! Mein Vater ist Bankbeamter, aber einer von der subalternen Sorte. Er war immer dagegen, daß ich Schauspieler werde, genau wie meine Mutter. Wenn ich jetzt als Versager heimkomme, werden sie triumphieren. Und die Genugtuung gönne ich ihnen nicht.«

»Lieber lassen Sie sich von diesem ... diesem Lenny an Frauen wie die Morris vermitteln?«

»Ja«, sagte er grob. »Es ist mein Leben, und es geht niemanden was an, was ich damit mache! Auf die ›Na-das-haben-wir-ja-kommen-sehen-Tiraden‹ kann ich verzichten.«

»Und was werden Sie in Zukunft tun?« fragte sie. »Ich fürchte, nach dem heutigen Zwischenfall wird Ihr Gönner Lenny keinen Finger mehr für Sie rühren.«

»Kann schon sein. Dann muß ich mich eben nach was anderem umsehen.«

»Und wonach?«

»Ich weiß nicht, warum Sie das interessiert! Lassen Sie mich lieber gehen. Ich hab’ Sie lange genug aufgehalten.«

»Wo wohnen Sie denn? Soll ich Ihnen ein Taxi rufen?«

»Danke, aber das ist im Budget nicht drin. Ich bin sowieso schon mit sechs Wochen Miete im Rückstand. Ich dachte, ich könnte mit dem Geld von der Morris wenigstens einen Teil bezahlen. Damit ist es nun Essig. Meine Wirtin schmeißt mich raus, wenn ich ihr nicht bald etwas gebe. Aber was soll’s! Das Loch in der Fulton Street, in dem ich hause, ist sowieso das Letzte.«

»Fulton Street«, wiederholte Helen. »Das liegt doch ganz am anderen Ende von Hollywood. Da sind sie ja mindestens zwei Stunden unterwegs.«

»Wollen Sie mich etwa hinfahren?« erkundigte er sich spöttisch.

Sie blieb ernst. »Nein. Aber Sie könnten hierbleiben, jedenfalls bis morgen früh. Und wenn Sie Arbeit wollen – mein Gärtner sucht, glaube ich, eine Aushilfskraft. Der junge Mann, der das bisher gemacht hat, hatte vor ein paar Tagen einen Unfall und liegt mit eingegipstem Bein im Hospital. Also, was ist?«

Rocky blickte sie ungläubig an. »Sagen Sie mal, sind Sie ein Scout? Von wegen – jeden Tag eine gute Tat tun?«

Sie lachte. »Nehmen Sie es ganz einfach mal an, Rocky.«

Helen erwachte, weil ihr die Sonne ins Gesicht schien. Sie hatte in der Nacht vergessen, die Vorhänge zuzuziehen.

Es war halb elf, und Helen erinnerte sich daran, daß sie zum Lunch mit Linda, der Frau ihres langjährigen Filmpartners Frank Patucci, im Bistro Gardens verabredet war.

Während sie noch überlegte, was sie anziehen sollte, erschien Martha Bronsky mit dem Frühstück.

Martha war Mitte Fünfzig, fett und plattfüßig und Helens Garderobiere. Sie war von Anfang an bei ihr gewesen, als Helen ihre erste große Filmrolle bekam – eine Komödie mit dem Titel ›The President’s Daughter‹, die sie über Nacht bekannt gemacht hatte. Martha wußte fast alles von ihr, liebte sie und verhätschelte sie wie das Kind, das sie nie gehabt hatte. Sie war durch und durch integer, verschwiegen und zuverlässig.

»Da sind ein paar Anrufe gekommen«, sagte sie, während sie das Tablett mit Orangensaft, Kaffee und gebuttertem Toast auf einen Marmortisch stellte. »Harper’s will eine Home-Story von dir machen. Ich hab’ sie an Joe verwiesen. Mrs. Hunter gibt am Freitag ein Essen im Beverly Hills und fragt, ob du kommen kannst. Und dieser Bloomington von Paramount wollte schon wieder wissen, ob du endlich das Drehbuch gelesen hast.«

Helen setzte sich auf und reckte die Arme. »Habe ich nicht«, erwiderte sie fröhlich. »Und heute werde ich es bestimmt auch nicht tun.«

Sie blinzelte in die Sonne. »Häng mir das cremefarbene Galanos-Kleid raus, Martha-Darling. Das mit den braunen Applikationen, du weißt schon. Und dann laß mir ein Bad ein.«

»Und was ist mit dem Essen im Beverly Hills? Du solltest hingehen.«

»Gina soll nachsehen, ob ich kann, und dann zusagen. Notfalls muß sie eine andere unwichtigere Verabredung absagen.«

Gina Barclay war Helens Sekretärin. Außer ihr gehörten noch Joe Leclerque, ihr Pressemanager, Jane Chong, ihre Visagistin, und Chuck Marton, der als Chauffeur und Leibwächter fungierte, zu ihrem Haushalt.

Martha Bronsky beobachtete Helen, wie sie das Bett verließ und zu frühstücken begann. »Was war denn heute nacht los? Und wer ist der Mann, der oben im Gästezimmer schläft?«

Helen setzte das Glas mit Orangensaft zurück. »Er heißt Rocky Marfield ...«

»Und?«

»Nichts – und. Er war ein bißchen unpäßlich, deshalb habe ich ihn eingeladen, hier zu übernachten.«

»Woher kennst du ihn? Hat er gestern mit dir und Mr. Bannister gegessen?«

»Nein«, erwiderte Helen einsilbig. »Vergiß mein Bad nicht, Martha-Darling.«

Die ältere Frau blieb in der Badezimmertür stehen. »Warum hast du mich heute nacht nicht gerufen? Du kannst doch nicht einen Wildfremden ins Haus lassen. Chuck hat mit den Wachmännern gesprochen. Der eine sagt, der Kerl hätte betrunken vor der Tür gelegen.«

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
05 maja 2025
Objętość:
250 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788726961287
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: