Czytaj książkę: «Das Versprechen - 2»
Steffen Jacobsen
Das Versprechen - 2
Übersetzt
Maike Dörries
Aus dem Dänischen
von Maike Dörries
Saga
Das Versprechen - 2 ÜbersetztMaike Dörries
Original
Løftet - del 2
Coverbild / Illustration: Shutterstock
Copyright © 2019, 2020 Steffen Jacobsen und SAGA Egmont
All rights reserved
ISBN: 9788726455991
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
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II
Nina kniff die Augen hinter der Sonnenbrille zusammen und spähte zum Kongens Nytorv. Sie fokussierte einen Mann, der vielleicht hundert Meter entfernt in schnellem Trab die Straße überquerte. Nina fluchte leise und verzog sich um die Ecke außer Sichtweite.
Grauer Zopf, tadellos sitzender Anzug, glänzende Stiefel, am Kragen offenstehendes, weißes Hemd. Sie atmete schneller, die Erinnerung löste Schmerzen in unterschiedlichen, teilweise vergessenen Körperregionen aus. Besonders im Unterleib. Sie schnappte nach Luft, ihre Knie gaben fast unter ihr nach. Carlos Lieblingshenker. In der Organisation war er als Lazarus bekannt, Nina hatte nie recht verstanden, warum. Der Name wurde von den Mädchen nur hinter vorgehaltener Hand geflüstert, die jüngsten von ihnen begannen zu wimmern wie Katzenjunge. Nina hatte mehrfach versucht, aus Carlo herauszukitzeln, wer Lazarus war und wo er herkam – in den wenigen Momenten, in denen er entleert, befriedigt und ausreichend berauscht oder high war vom besten Kokain oder Heroin, das auf dem Markt aufzutreiben war. In den Augenblicken, in denen ihr Zusammensein mit ein wenig gutem Willen als „normal“ bezeichnet werden konnte. Aber jedes Mal hatte Carlos Gesicht sich verschlossen wie eine Faust, und er hatte entweder an die Decke über ihrem Bett gestarrt oder durch sie hindurch.
Sie hatte nie eine Antwort bekommen.
Einige der älteren Schleuser, bei denen der Hass und die Gelüste sich im Laufe der Zeit abgeschliffen hatten, grinsten über die Frage, während Nina ihre steife Schwänze im Mund hatte, und strichen ihr beinahe zärtlich übers blonde Haar.
„Warum Lazarus, keine Ahnung … Es heißt, er hätte mit einem Kopfschuss drei Tage bewusstlos auf einem Acker in der Toskana gelegen, ehe er wieder von den Toten auferstanden ist. Wie Lazarus.“
Dann hatten sie sich zurückgelehnt, die Augen geschlossen und mit der Hingabe, die sie aufbringen konnten, gesagt, dass ein Mann nach einem ihrer Blowjobs glücklich sterben konnte. Sie hatte Lazarus das letzte Mal bei einer von Carlos theatralischen und streng choreografierten Orgien in einem verlassenen Wasserturm vor Kiew gesehen. Unter einer Dachstrebe hing mit dem Kopf nach unten eine nackte, schwarze und gefesselte Prostituierte. Lazarus hatte Reitpeitschen an eine Gruppe russischer Gentlemen verteilt, die sich am Anblick des sich windenden und blutenden schwarzen Mädchens aufgeilten. Nina war nicht weit entfernt nackt an einen Pranger gekettet und wurde von einem energischen Fiat-Erben von hinten gefickt. Die nächsten Interessenten standen bereits Schlange. Vor jeder neuen Runde spülte Carlo ihre Möse mit Veuve-Clicquot aus und reichte Kokain herum wie der Oberkellner in einem Erlebnisrestaurant.
Lazarus in der Bredgade! Dann war Carlo nicht weit.
Sie fuhr erschrocken zusammen, als sich eine Hand auf ihre Schulter legte.
Karla sah sie mit großen Augen an.
„Gaaaaanz ruhig … Was ist passiert, Nina? Alles okay mit dir?“
Nina kniff die Augen zusammen und rang sich ein Lächeln ab.
„Was? … Ja, ich war nur so überrascht, bin einfach ein bisschen kaputt. Vergiss den Burger King. Jetzt freu ich mich darauf, zu sehen, wie du wohnst.“
Auch wenn die Schwestern sich jahrelang nicht gesehen hatten, ließ ihre Intuition Klara nicht im Stich. Sie fuhr langsam durch die Toreinfahrt, was ihr die Gelegenheit gab, Ninas Gesicht genauer zu studieren: Da waren Schatten in ihren hellen Augen, Schweißperlen auf der Stirn, auch wenn sie physisch in Topform zu sein schien. Nina war weit im Sitz nach unten gerutscht und hatte eine Hand zwischen Gesicht und Seitenscheibe geschoben.
„Fehlt dir irgendwas?“, fragte Klara beiläufig. „Zahnbürste, Klamotten, Unterwäsche …?“
„Ein Handy“, murmelte Nina heiser. „Ich bräuchte dringend ein Handy. Bin nur grad etwas klamm, aber …“
„Geld ist das Letzte, worüber du dir Gedanken machen musst. Ich hab mehr als genug davon und ausreichend für uns beide.“
Nina sah sie an.
„Echt?“
„Ich bin scheißreich! Ich habe anfangs für andere Galerien gearbeitet, unter anderem bei Bruun Rasmussen, und wie sich herausstellte, hatte ich ein echtes Näschen für die jungen, unbekannten – und damit billigen – Künstler, von denen ich einfach wusste, dass sie mal ganz groß werden würden.“
Nina legte eine Hand auf den Unterarm ihrer Schwester und lächelte.
„Fantastisch. Das freut mich, dass wenigstens eine von uns es geschafft hat.“
„Ja, oder? Die Kleine Klara aus Ishøj.“
„Und aus so kultiviertem Haus.“
Sie lachten. Der Kunstgeschmack ihrer Eltern hatte sich auf ein Kitschbild beschränkt mit dreibeinigen Kühen, die vor einem psychodelischen Sonnenuntergang weideten.
***
Nina legte den Kopf in den Nacken und schaute die hohe, weiße Fassade der Patriziervilla hinauf.
„Meine Fresse. Und sogar Säulen!“
Der Haupteingang war von ionischen Säulen flankiert, die eine Balustrade vor den Fenstern und Balkontüren im ersten Stock trugen.
Klara schloss auf und sie wurden von einer Siamkatze begrüßt, die sich an Ninas Beine schmiegte. Sie mochte Katzen und kraulte sie hinterm Ohr, was ein tiefes Schnurren aus der Kehle des Tieres zur Folge hatte.
„Sie heißt Mulan“, teilte Klara ihr mit. „Nach dem Zeichentrickfilm, du weißt schon.“
„War die nicht chinesisch?“
Das Haus war geruchsneutral und still wie eine Kirche.
„Wo sind die Kinder?“
„Keine Ahnung. Sie haben Sommerferien, die viel, viel zu lang sind, wenn du mich fragst.“
„Haben sie Ferienjobs?“
Klara schnaufte.
„Die würden einen Ferienjob noch nicht mal erkennen, wenn er sich persönlich in ihrem Arsch verbeißt. Und ich bezweifle ehrlich gesagt, dass sie ohne Stützräder Fahrrad fahren können. Ich bin wahrlich nicht stolz darauf, aber als sie klein waren, haben sie besser Filipino als Dänisch gesprochen.“
„Klar.“
„Ich zeig dir als Erstes mal dein Zimmer.“
Nina stellte ihren Seesack ab und Klara ließ sie allein. In der Mitte des Raums stand ein breites und rustikales französisches Eisenbett mit schneeweißem, schwerem Bettüberwurf. Zu dem Gästezimmer gehörte ein großes, blitzblankes Bad. Die weichen, aufgerollten Frotteehandtücher dufteten dezent nach Herbes de Provence. Sie schüttelte ihre Sneaker von den Füßen und legte sich bäuchlings aufs Bett. Saugte den Duft des reinen Leinens ein. Spürte, wie die massive Stille im Haus ihre zerfransten Nervenenden beruhigte.
Sie schloss die Augen.
Auf dem Weg ins Zimmer hatte sie zufrieden festgestellt, dass das Haus mit diversen Alarmsystemen ausgestattet war, Bewegungsmeldern und Wärmesensoren. Klara beherbergte eine Art Wechselausstellung der besten Bildhauer und Kunstmaler in ihrem Heim.
In zwei Stunden würde Thai-Takeaway serviert werden.
Die Stimmung um den riesigen Mahagoni-Esstisch hatte etwas von einer Betstunde bei den Amish, wo jemand – Nina, selbstverständlich – seine Sünden bekennen, das Tischgebet sprechen und um Vergebung bitten sollte. Der Junge war ein hübscher Kerl, dünn, dem Alter entsprechend linkisch – er hatte schon zweimal das Wasserglas umgeschmissen – und lebhaft an Nina interessiert, während das Mädchen ausgesprochen hinreißend, aber angeödet war. Mit niedergeschlagenem Blick schob sie sich winzige, delikate Bissen in den Mund. Von Carsten erinnerte Nina nur noch, dass er Seniorpartner in einer der Top-Five-Anwaltskanzleien des Landes war. Sein Haar befand sich auf dem Rückzug, und er behandelte Nina mit fadenscheiniger Höflichkeit, mit der er seine tief empfundene Verachtung zu überspielen versuchte – was seinen Blick nicht davon abhielt, ihre Brüste unter dem dünnen T-Shirtstoff heimzusuchen.
Klara wirkte einfach nur müde.
Das Essen war wirklich gut, aber Nina aß kaum etwas. Sie dachte an Gabriela … und Lazarus. Beides war ihrem Appetit nicht zuträglich.
Carsten hob widerstrebend den Blick von Ninas Brüsten zu ihrem Gesicht. Nina kannte diesen Blick bis an die Brechreizgrenze.
„Und … wie war Italien?“, fragte er. „Klara hat erzählt, dass du Model in Mailand warst.“
Victoria sah sie zum ersten Mal direkt an. Model war ein Triggerwort.
Nina kaute und schluckte.
„Gut.“
Mehr sagte sie nicht, und Carsten sah seine Frau mit einer Furche zwischen den blassen Augenbrauen an.
Darmowy fragment się skończył.