Czytaj książkę: «Roten Burg (Teil 1)»
Stefan E. König
Roten Burg
Texte:
© Copyright by Stefan E. König
Umschlaggestaltung:
© Copyright by Stefan E. König
Verlag:
Stefan E. König
Rudolf-Diesel-Straße 4
97440 Werneck
Druck:
epubli – ein Service der neopubli GmbH,
Berlin
Softcover ISBN: 978-3-753118-22-2
Hardcover ISBN: 978-3-753117-80-5
1. Auflage
Viele Helfer, vielen Dank
Besonderen Dank an
Teresa
Ellen
Carina
Cordula
Kochi
Eschi
und meiner Familie
1 10 25 19 2 1
Prolog
Es ist weit nach Mitternacht. Wie lange hat er bereits an diesem Bericht geschrieben? Er kann sich nicht erinnern. Die Tage fließen ineinander über, fünf Tage reichen gefühlt nicht aus, um das zu schaffen, was von ihm erwartet wird. Dabei gibt er sich wirklich Mühe. Arbeitet von früh bis spät, übernachtet an manchen Tagen sogar in seinem alten Bereitschaftszimmer, das er noch aus Studientagen nur allzu gut kennt. Die Schreibtischlampe flackert. Oder sind es seine müden Augen, die ihm Streiche spielen? „Aus. Vorbei. Ich kann nicht mehr.“, murmelt er und schließt das Schreibprogramm auf seinem Arbeitscomputer. Seine Beine sind eingeschlafen, er schält sich langsam aus dem Bürosessel und knipst die Tischlampe aus. Lethargisch reibt er seine müden Augen. Auch heute wird er es nicht mehr nach Hause schaffen. Zu weit erscheint ihm der Weg. Und morgen früh wartet bereits die nächste OP auf ihn. Schlaf war es, wonach er sich sehnte. Wo war ihm in seinem Zustand schon egal. Er wird nach unten zur diensthabenden Schwester gehen und fragen, ob noch ein Bett im Ruheraum frei ist. Aber was heißt hier fragen, es wird eines frei sein müssen. Schließlich ist er ein Oberarzt dieses verdammten Krankenhauses. Aber ehrlich gesagt hatte er sich das ein bisschen anders vorgestellt. Statt Ruhm, Ehre und Prestige heißt es jetzt Arbeit, Arbeit und noch mehr Arbeit. Wozu eigentlich das Ganze? Um seinem Vater zu beweisen, dass er als Arzt doch was taugt? Er ist kein gutaussehender und eloquenter Hochstapler, dem bloß sein guter Name und seine geschickte Art, Menschen für sich arbeiten zu lassen, Tür und Tor geöffnet haben. Warum gibt er eigentlich etwas auf die hypothetische Meinung eines Mannes, der bereits seit 12 Jahren am städtischen Friedhof vor sich hin fault? Sein Leben vor diesem „Karrieresprung“ war eigentlich sehr angenehm verlaufen. Gute Work-Life-Balance, wie die Jungen sagen würden. Er hatte genügend Zeit, um Berufliches und Privates unter einen Hut zu bringen. Und auch das Vergnügen kam nicht zu kurz … Aber irgendwas in ihm ließ ihm keine Ruhe. Da war diese kleine Stimme, die ihn schon sein ganzes Leben lang plagte. „Willst du wirklich dein ganzes Leben diese beschissene Praxis deines Alten weiterführen? Immer nur der Sohn des ach so kompetenten und beliebten Dr. Ferdinand Schulz sein? Die Leute mögen dich nicht. Sie werden dich nie akzeptieren. Du wirst nie aus dem Schatten deines Vaters treten können. Du bist nicht gut genug. Und du weißt es.“ Er hasste diese Stimme mehr als alles andere auf der Welt und er tat alles, wirklich alles, um sie zum Schweigen zu bringen. Sogar den Posten des Oberarztes des Rothenburger Klinikums bekam er. Es gibt nichts, was er nicht erreichen konnte. Denn er wusste, wenn es darum ging diese Stimme wenigstens für einen Moment zum Schweigen zu bringen, konnte er Kräfte mobilisieren, von denen keiner gedacht hätte, dass er sie besaß. Die kleinen Pillen, die er sich selbst verschreibt, tun ihr übriges. Auch heute werden sie ihm einen guten Dienst erweisen. Bevor er geht, nimmt er, wie jeden Abend, das Pillendöschen aus dem Wandschrank und schüttet drei Stück mit einem kräftigen Schluck Wodka, geschickt in einer Mineralwasserflasche getarnt, hinunter. Wen interessierte es schon, dass er nicht der kompetenteste, engagierteste und einfühlsamste Arzt war? Hier geht es nicht um Können, es geht um Kennen. Und er kennt genügend Leute. Besser, als ihnen lieb ist … Erinnerungen an letztes Wochenende. Das kleine Grundstück am See. Das Bootshaus. Die süßen Kleinen … Alle waren sie da, die ganze Gruppe, und hatten mit ihren Familien ein schönes Wochenende am See verbracht, Wanderungen in die angrenzenden Dörfer unternommen und sehr gut gespeist. Sogar Jürgen ist extra aus Stuttgart angereist. Sie hatten alle sehr fordernde Berufe, Zeit im Kreise von lieben Menschen war kostbar und so genossen sie alle diese Zusammenkunft sehr. Schon seit mehreren Jahren treffen sie sich mindestens zwei Mal im Jahr mit ihren Familien an diesem idyllischen Ort, um ein paar entspannende Stunden zu erleben, bevor der Arbeitsalltag sie wieder voll vereinnahmt. Nach den Wochenenden im Bootshaus herrscht stets eine entspannte Stimmung. Mitarbeiter werden gelobt, Ehefrauen bekommen wieder ein Küsschen und in der Früh grüßt man sich freundlich auf dem Weg zur Arbeit. Herrlich, wie entspannt man sein kann. Aber leider hält dieses Hochgefühl nie so lange an, wie man gerne hätte. Bald müssen sie sich wiedersehen. Wochen wie diese bringen einen ans Limit. Er kann ein bisschen Extraentspannung gut gebrauchen. Vielleicht würde er sich morgen einmal bei Jürgen melden, fragen was die Familie nächstes Wochenende so geplant hat …
Beseelt von angenehmen Erinnerungen und der Vorfreude auf das kommende Wochenende, gibt er sich einen Ruck und erhebt sich von dem Besuchersessel, auf dem er zuvor gedankenverloren niedergesunken war. Leise sperrt er die Türe seines Bürozimmers zu und geht den schwach beleuchteten Gang hinunter. Sein Büro liegt auf der anderen Seite der Rezeption, er muss den Ostflügel des Krankenhauses durchqueren, um zum Haupteingang zu gelangen. Sein Magen knurrt, er hat den ganzen Tag nichts gegessen. Ihm scheint, als ob die Wirkung der Pillen bereits einsetzen würde. Aber das kann nicht sein, er hatte sie doch gerade erst genommen. Das muss die Müdigkeit gepaart mit Hunger sein. Sein Gang wird schleppender, er droht über die eigenen Füße zu stolpern. „Was soll denn das, ich werde mir doch nichts von dieser kleinen Rotznase heute Vormittag geholt haben.“, denkt er verärgert, während er nach dem Holzgeländer greift, dass an der Seite der Wand entlangläuft. Seine Augen fallen immer wieder zu und sein Körper wird schwer wie Blei. Die Beine werden zu Gummi, er sackt zusammen. Sein Herz rast. Irgendwas stimmt hier ganz und gar nicht. Panisch versucht er, um Hilfe zu schreien, immerhin ist er ja in einem Krankenhaus, aber kein Laut kommt ihm über die Lippen. Nur ein ersticktes Röcheln entflieht seiner Kehle. Der beißende Geruch von frisch desinfiziertem Linoleum sticht in seiner Nase, als er mit dem Gesicht voran auf den Boden fällt. Panisch versucht er sich an dem Geländer hochzuziehen, aber auch seine Arme haben keine Kraft mehr. Vielleicht ist die Putzfrau noch in der Nähe und wird auf ihn aufmerksam. Er sackt zusammen und bleibt, mit einer Wange auf dem Flur, liegen. „Bleib wach, Mann, bleib wach!“. Mit aller Kraft zwingt er sich dazu die Augen offen zu halten. Voller Anstrengung versucht er etwas zu sagen, aber es rinnt nur Spucke aus seinem geöffneten Mund. Seine brennenden Augen sind auf den Flur gerichtet; sie scheinen das einzige zu sein, dass er noch halbwegs kontrollieren kann. Da sieht er in der Entfernung eine Bewegung. War da jemand? Ist das die Putzfrau? Oh Gott, oder vielleicht eine der Schwestern? Und tatsächlich, die Schritte nähern sich ihm. Gott sei Dank, er ist gerettet. Grunzend versucht er noch einmal auf sich aufmerksam zu machen. Zwei blaue Plastiksäcke kommen immer näher, bis sie direkt vor seinem Gesicht stehen bleiben. Da erkennt er, dass es sich um ein Paar Einweg-Überziehschuhe handelt. Aber warum denn das? Es war doch viel zu spät für eine OP. Angestrengt versucht er den Kopf zu heben und sieht gerade noch wie zwei behandschuhte Hände ein schwarzes Tuch über ihm ausbreiten. Dann wird alles dunkel um ihn. Und wieder einmal hat die Dunkelheit über ihn gesiegt. Erloschen ist die Flamme der Hoffnung. Hello darkness my old friend. Ist denn das Leben nichts anderes als ein wandelndes Schattenbild?
Kapitel 1
Zwanzig Jahre hatte Kommissar Armin Weis keinen Fuß in das malerische Städtchen Rothenburg ob der Tauber gesetzt. Zu viele schlechte Erinnerungen. Nach dem Abi hatte er nur einen Wunsch: So weit wie möglich weg aus diesem Ort. Geschafft hat er es bis nach München. Immerhin. Die Mieten sind zu hoch, die Menschen zu versnobt und die Innenstadt jeden Tag zu überfüllt. Aber er war froh, weg zu sein, aus diesem verschlafenen Städtchen, das nur von asiatischen Touristen mit Sonnenbrand und patriotischen Einheimischen als unglaublich romantisch bezeichnet werden kann. Wenn man dort aufwächst, lernt man eine andere Seite kennen. Die Seiten hinter den schönen Fachwerkfassaden. Die, die kein Tourist jemals zu Gesicht bekommt. Die Seiten, die Menschen gerne hinter dicken Mauern und freundlichen Gesichtern verbergen. Die Seiten, von denen man morgens angewidert in der Zeitung liest und nicht glauben kann, dass sowas vor der eigenen Haustüre passiert sein soll. Und diese Seiten haben mit dem mittelalterlichen Charme der pittoresken Häuschen und Plätzchen herzlich wenig zu tun. München ist wahrscheinlich gar nicht so anders, aber größer und anonymer. Außerdem gibt es dort für geschiedene und kinderlose Kriminalbeamte mit starken Burn-Out-Tendenzen immer etwas zu tun. Und nun war er zurück. In seiner alten Heimat. Auch wenn es ihm schwer fällt Rothenburg als solche zu bezeichnen. Heimat, das ist doch immer auch ein Stück Geborgenheit. Doch das war Rothenburg für Armin Weis nie. Warum er wieder hier ist? Zwangseinsatz sozusagen. Zum ersten Mal verfluchte er die Tatsache, dass er nicht nur ein passionierter Kriminalbeamter, sondern auch Experte für historische Forensik war. Warum konnte er sich nicht für Fußball und Frauen interessieren, wie alle normalen Männer?
Er hatte diese Gässchen und Gassen schon viele Male durchwandert und auch nach zwanzig Jahren hatte sich nicht viel verändert. Das historische Zentrum der Stadt war immer noch dasselbe. Bunte Fachwerkhäuser reihen sich wie niedliche Puppenhäuschen aneinander. Kommissar Weis muss zugeben, dass es schön ist. Aber all die Schönheit kann die schlechten Erinnerungen nicht wettmachen. Trotzdem hatte er seinen Wagen weiter draußen geparkt, um wieder einmal durch die Gassen seiner Kindheit spazieren zu können. Die Galgengasse herunterspazierend, passiert er den Weißen Turm und anschließend die St. Jakobskirche. Am Marktplatz angekommen stellt er fest, dass auch hier noch alles beim Alten ist: Der heilige Georg massakriert immer noch das arme Schuppentier am Brunnen vor dem Hotel „Goldener Hirsch“ und die Sonnenuhr blitzt immer noch akkurat vergoldet im Licht des anbrechenden Tages. Soweit, so gut. Er überquert den Marktplatz, vorbei an der Konditorei Prezel, die einst den Eltern seines einzigen Freundes gehört hatte und geht schnellen Schrittes die Herrngasse in Richtung des alten Stadttores hinauf. Angesichts dieser postkartenartigen Idylle, die das Städtchen Rothenburg ausstrahlt, scheint es beinahe unglaubwürdig, dass hier heute Nacht ein grausamer Mord stattgefunden haben soll. Alles wirkt so friedlich und harmonisch. Andererseits sollte man sich von äußeren Eindrücken nicht täuschen lassen. Weis weiß das besser als jeder Andere. In Gedanken versunken setzt er seinen Weg in Richtung des Burggartens fort. Bereits auf Höhe der Blasiuskapelle kommen ihm die ersten Polizeibeamten entgegen. Ein weiß-rotes Absperrband versperrt den Weg. Armin Weis zeigt seine Dienstmarke und wird durch die Absperrung gelassen. „Kommissar Weis aus München. Wir haben Sie bereits erwartet!“ Der Beamte deutet in die Richtung des Tatortes. Er bleibt stehen und atmet einmal tief ein, bevor er seinen Weg zur Burggartenanlage antritt. Das steinerne Gesicht, das an dem Portal angebracht ist, starrt ihn mit aufgerissenem Mund und leeren Augen an. Wie passend. Auch für einen erfahrenen Kriminalbeamten ist die Inspektion eines Tatortes kein einfaches Unterfangen. Und trotz seiner langen Dienstjahre schaudert es ihn immer noch, wenn er daran denkt, wie sich das Opfer in den letzten Minuten seines Lebens gefühlt haben muss. Sogleich verdrängt er diese Gedanken wieder. Zu viel Empathie verstellt den Blick aufs Wesentliche. Die antiken, steinernen Figuren im bunt blühenden Beet des berühmten Figurengartens scheinen ihn mit spöttischen Blicken zu verfolgen. Wenn ihr nur sprechen könntet … Mit schnellen Schritten eilt er am Brokkoli-Brunnen vorbei, der in Form und Ausführung seinem Namen alle Ehre macht. Beruhigend plätschert das Wasser aus einer kleinen Öffnung über den brokkoli-förmigen Stein in ein kleines Steinbecken, in dem etliche Wasserpflanzen friedlich hin und her wiegen. Damals war er gerne hierhergekommen, um in Ruhe seine Kriminalromane zu verschlingen, die er einmal in der Woche in der Schulbibliothek ausgeliehen hatte. Das alles scheint heute so weit weg zu sein … Die Luft wirkt wie elektrisch aufgeladen, in seinem Nacken stellen sich die feinen Härchen auf. Der Tatort konnte nicht mehr weit entfernt sein, er hat einen sechsten Sinn für sowas. Und tatsächlich. Gut versteckt unter dem dichten Blätterdach einer mächtigen, alten Eiche sieht er ihn. Bienen summen und Schmetterlinge tanzen im gelblichen Licht der morgendlichen Sonne. Sie scheinen sich von der grotesk deformierten Leiche, die gut versteckt im schattigen Teil des Gartens liegt, nicht stören zu lassen. Wobei liegen nicht der richtige Ausdruck ist. Stecken trifft es eher. Die liebliche Romantik des morgendlichen Burggartens und die rohe Gewalt des Tatortes vereinen sich zu einem skurrilen Gesamtbild. Das Szenario, das sich vor ihm ausbreitet, hätte auch aus einem dieser verstörenden Arthouse-Filme stammen können, die Miriam damals so begeistert geschaut hat. Miriam … Aber das war jetzt nicht die Zeit und der Ort, um nostalgisch zu werden. Vor ihm ragt ein mindestens 1,5 Meter hoher Pfahl aus der Erde. Und auf diesem Holz steckt ein Mann mittleren Alters. Der Pfahl hat sich durch seinen Anus gebohrt und schaut aus seiner Mundöffnung heraus. Die toten Augen sind nach oben gerichtet, der Kopf in einer unnatürlichen Position Richtung Himmel gebeugt, den Mund zu einer fürchterlichen Öffnung geformt, durch die die obere Spitze des Pfahls herausragt. Weis muss an einen mittelalterlichen Holzstich denken, den er in einem Lehrbuch gesehen hat. Die Hände des Opfers sind auf dem Rücken mit einem groben Tuch zusammengebunden, die Füße wurden mittels Stacheldrahtzaun um den Pfahl gewickelt. Das Metall hat sich tief in seine Knöchel gebohrt, Rinnsale aus dunklem, getrocknetem Blut suchten sich ihren Weg in die weißen Turnschuhe und färbten diese rostrot. Auf der Stirn prangern zwei Worte, die mit einem dicken, schwarzen Stift geschrieben sein mussten. ULTIMA RATIO. Die letzte Lösung. Das letzte Mittel in einem Interessenskonflikt, wenn zuvor alle anderen Lösungsvorschläge verworfen wurden. Gut, dass er nach dem Abi ein paar Monate Jura studiert hatte, bevor es ihm zu trocken wurde. Ein gefolterter Jesus ohne Querbalken. Die untere Hälfte des Pfahls war blutverschmiert. Was für eine kranke Scheiße.
Die Position lässt keinen Zweifel an der Vorgehensweise zu. Das Opfer wurde lebendig auf den Pfahl platziert und zwar so, dass es durch das eigene Körpergewicht und das allmählich nachgebende Bindegewebe quälend langsam aufgespießt wurde. Kommissar Weis muss den Blick abwenden. Ihm wird übel. Er geht zu der kleinen Mauer am Ende des Gartens und setzt sich. Von hier hat man einen wunderschönen Blick über Rothenburg, doch dafür hat er gerade keinen Nerv. Im Laufe seiner Dienstjahre hat er zwar schon vieles gesehen, einfacher wird es trotzdem nicht. Außerdem war das nicht nur ein Mord, nein, es war eine brutale Folter, die einen langsamen und qualvollen Tod für das Opfer bedeutete. Hier ging es nicht darum, jemanden schnell verschwinden zu lassen. Es ging darum, den armen Teufel so richtig leiden zu lassen. Er atmet noch einmal tief durch und geht zurück zum Gepfählten. Sein Hauptaugenmerk liegt jetzt auf dem Pfahl. Dieser scheint alt zu sein, das Holz ist dunkel und die metallenen Umrandungen sind verrostet. Die Art, wie die Metallschnallen geschmiedet wurden, spricht für spätmittelalterliche Handwerkskunst. Das obere Ende des Pfahls ist allerdings heller, das Holz unterscheidet sich optisch vom Rest. Außerdem ist die Spitze des Pfahls nicht ganz symmetrisch. Es wirkt fast so, als ob sie erst vor kurzem angespitzt worden wäre und derjenige, der sie gespitzt hatte, schien kein Talent im Umgang mit einer Axt zu besitzen. Aber das Resultat erfüllte seinen Zweck: Einen quälend langsamen, schmerzhaften und würdelosen Tod. Selbst im Mittelalter war diese Art der Pfählung verpönt. Normalerweise wurden die Opfer lebendig begraben und ihnen anschließend ein Pfahl durch das Herz gerammt. Weis überlegt, wie das Opfer wohl auf dem Pfahl platziert wurde. Keine Spuren eines Hilfswerkzeugs zu sehen. Wahrscheinlich hat er ihm zuerst den Pfahl in den Arsch gerammt und das Ding anschließend mit dem Opfer drauf in ein zuvor ausgehobenes Loch in die Erde gesteckt. Der Täter muss ein ziemliches Kraftpaket sein. Und tatsächlich. Neben dem Pfahl befinden sich ein paar ausgerissene Grasbüschel und Erde. Zufrieden sieht sich Weis in seiner Annahme bestätigt und wendet sich nun der aufgespießten Leiche zu. Das Opfer trägt eine weiße Leinenhose, die von einer Menge Blut rostrot gefärbt wurde. Das Blut rannte in dünnen Streifen die Hosenbeine hinunter und färbte auch die weißen Turnschuhe dunkelrot. Das Weiß des Poloshirts wirkt in diesem Szenario fast schon unnatürlich strahlend. Das obere Ende des Hemdes ist mit blutigen Spuckflecken besudelt. Schwarze, zerzauste Haarsträhnen kleben im Gesicht des Leichnams, er scheint stark geschwitzt zu haben. Das Ganze erinnert Weis an ein Kunstwerk des exzentrischen österreichischen Skandal-Künstlers Hermann Nitsch. Das Blut muss spritzen.
Weis blickt sich kurz um. Wo hatte der Täter geparkt? Wie hatte er das Opfer hierher gebracht? Diese Fragen und Aufgaben überließ er den anderen Beamten, die schon ums Gelände herum Spuren aufnahmen. Hierzu wartet er deren Bericht und Ergebnisse ab. Er kümmert sich nun erst einmal um den Ermordeten. Gerade als er seine Handschuhe übergezogen und mit der Inspektion der Leiche beginnen will, nähert sich von hinten ein Mann in Dienstuniform.
Kapitel 2
„Schau an, schau an. Wen haben wir denn da? Long time, no see.“ Die schrecklich deutsche Betonung der englischen Phrase tut Weis in den Ohren weh. Die Stimme kommt ihm bekannt vor. Bitte mach, dass ich mich geirrt habe. Mit verkniffenem Gesichtsausdruck dreht er sich um und blickt in die dümmlich grinsende Visage eines pausbäckigen Mannes, der seine besten Jahre auch bereits lange hinter sich zu haben scheint. „Christopher Eberlein. Was für eine Freude.“ Seine Miene bleibt kalt, von Freude keine Spur. Es musste ja so kommen. „Polizeihauptkommissar Christopher Eberlein, mittlerweile. Na, wer hätte gedacht, dass du dich hier noch einmal blicken lässt. Wie lange ist das jetzt her? 18 Jahre?“ „20 Jahre.“, antwortet Weis kalt und fügt lässig hinzu, „Ich habe mitbekommen, dass ihr hier ein bisschen überfordert seid und kompetente Hilfe benötigen könnt. Zufällig bin ich Experte, wenn es drum geht `nen Stock im Arsch zu haben. Also habe ich mir gedacht, was soll´s, statte ich eben der alten“, er betonte das Wort seltsam gedehnt: “Heimat mal wieder einen Besuch ab. Viel hat sich ja nicht verändert seit ich weg bin. Stehst du nachts immer noch vor den Fenstern alter Damen und holst dir einen runter, Chris? Oder muss dich dein Vater jetzt nicht mehr aus jeder Misere freikaufen?“ Der Polizeikommissar errötet sichtbar unter seiner Dienstmütze und nuschelt leise: „Das ist ewig her. Hier hat sich viel verändert. Ich bin nicht mehr derselbe … Wir sind nicht mehr dieselben.“ Eine kurze betretene Stille. Nervös nestelt er an den Knöpfen seiner Dienstjacke. „Ich weiß, dass wir nicht unbedingt … wie soll ich sagen … nett zu dir waren, aber …“. Bevor er zu Ende reden kann, wird er von Weis barsch unterbrochen. „Ich bin nicht hier, um sentimentale Erinnerungen auszutauschen. Ich bin hier, um einen Mord aufzuklären. Was wissen wir über das Opfer?“ Christopher Eberleins Augen blitzen spöttisch auf. „Schau nochmal genau hin, Sherlock.“ Da war es wieder, das schreckliche Denglisch. Weis hebt die Hand vor die Augen, um sie vor der Sonne zu schützen und blickt der Leiche in ihr entstelltes Gesicht. Der grotesk verformte Mund dominiert das gesamte Gesichtsfeld. Aber bei genauerem Hinsehen erkennt er ihn: „Das kann doch nicht sein.“, murmelt er, „ist das … ist das Moritz Schulz?“ Der Polizeioberkommissar nickt: “Genau der. Andererseits ist er mittlerweile besser bekannt als Dr. med. Moritz Schulz, Vorstand und Leiter der Klinik Rothenburg.“ „Hier kommt definitiv jede medizinische Hilfe zu spät.“, grummelt Weis.
Moritz Schulz. Nachkomme des Mediziners Johann Augustin Philipp Gesner, eine der wenigen berühmten Persönlichkeiten, die Rothenburg zu bieten hat. Sohn des ehemaligen Oberarztes Ferdinand Schulz. Ein arroganter, verwöhnter Vollidiot, mit dem Einfühlungsvermögen einer Mikrobe. Die Nemesis seiner Adoleszenz. Mit ´nem Pfahl im Arsch. Vielleicht gibt es doch einen Gott.
Dann blickt er dem Polizeihauptkommissar direkt in die Augen. „Wie kommt es eigentlich, dass dich das hier scheinbar so kalt lässt? Du und Schulz, ihr wart doch immer ein Herz und eine Seele, soweit ich mich erinnern kann.“ In den Augen des Hauptkommissars blitzt es kurz feurig auf, dann wird sein Blick seltsam starr und kalt. „Hier haben sich viele Dinge verändert seit du weg bist. Aber wir sind ja hier, um einen Mord zu klären, nicht um in sentimentalen Erinnerungen zu schwelgen.“ Mit diesen Worten dreht er sich abrupt um und geht. Weis scheint einen Nerv getroffen zu haben. Gut zu wissen. Im Gehen bellt der dicke Polizeioberkommissar einem jungen Beamten den Befehl zu, Armin Weis bei seiner Untersuchung zu assistieren. Das Gespräch war beendet.
Armin Weis steht am Fenster seines Zimmers im Hotel „Altfränkische Weinstube“ und lässt den Blick über die Dächer der Rothenburger Innenstadt schweifen. Das Hotel ist entzückend, das muss selbst Weis zugeben, der für Kitsch und schöne Dinge eigentlich wenig Sinn besitzt. Heute war ein langer und anstrengender Tag gewesen. Die Nachricht, dass es einen Mord in Rothenburg gegeben haben soll, verbreitete sich wie ein Lauffeuer. Immer wieder mussten seine Kollegen Schaulustige und Touristen vom Tatort fernhalten, die frech versuchten einen Blick auf den Ort des abscheulichen Spektakels zu erhaschen. Als dann auch noch bekannt wurde, dass es sich bei dem Ermordeten um den stadtbekannten Arzt Dr. Moritz Schulz handelte, gab es kein Halten mehr. Die Katze war aus dem Sack. Und die ganze Stadt sprach darüber. Weis lässt sich in das Himmelbett fallen. Ein Drink wäre jetzt fein. Nur ein kleiner. Die Minibar ist gut gefüllt, er entscheidet sich für den Anfang für ein kühles Blondes. Nimmt einen tiefen Schluck und lässt sich wieder auf dem Bett nieder. Auf dich, Moritz … Du Wichser.
Moritz Schulz war von allen der Schlimmste gewesen. Der Einäugige unter den Blinden, die sich wie läufige Hündinnen um ihn scharten und alles dafür taten, um Teil seiner illustren Runde zu werden. Waren die anderen brutal und hinterhältig, dann war Moritz Schulz der Brutalste und Hinterhältigste. Er kannte keine Skrupel und tat das, worauf er Lust hatte, denn er wusste, dass seinen Taten keine Konsequenzen folgten. Jede „Unannehmlichkeit“ wurde sofort durch die großzügigen Spenden seines Vaters Dr. Ferdinand Schulz aus dem Weg geräumt. Als er mit acht Jahren aus Langeweile die Fenster in der Bibliothek mit einem Ziegelstein einschlug, stiftete sein Vater neben neuen Scheiben auch gleich eine Ladung neuer Bücher. Der vom 12-jährigen Moritz zur Belustigung gestohlene und zu Schrott gefahrene VW-Bus der Direktorin bescherte der Schule eine Generalsanierung des Turnsaals. Und als Moritz und seine Bande Weis‘ Katze aus - wie Dr. Ferdinand Schulz behauptete - „infantilem Interesse an der Anatomie“ bei lebendigem Leib das Fell abzogen, bekam er einen Gutschein über 500 Mark für das ansässige Spielwarengeschäft. Nein, er konnte beim besten Willen kein ernst gemeintes Mitleid für Schulz empfinden. Aber selbst er hatte es nicht verdient, auf diese Art und Weise zu sterben. Der Gerichtsmediziner hatte dem Ermittlerteam kurz vor 19 Uhr den Befund per E-Mail übermittelt. Die Todesursache überraschte sie alle. Moritz Schulz erlag nicht seinen inneren Verletzungen, die durch den Pfahl verursacht wurden, sondern er ist verblutet. Offenbar wurden ihm einige Zeit, nachdem er auf den Pfahl gesteckt wurde, sein Penis und seine Hoden mit einem stumpfen Gegenstand abgetrennt. Sie wurden unweit des Tatortes sichergestellt. Der damit verbundene Blutverlust wurde dem Oberarzt schließlich zum Verhängnis. Es müssen grässliche Minuten gewesen sein, die Moritz Schulz noch erlebt hatte, bevor er sein Leben aushauchte. Als ob die Schmerzen einer rektalen Pfählung nicht schon furchtbar genug wären, müsste er auch noch erleiden, wie jemand mit einem sehr stumpfen Gegenstand sehr lange brauchte, um seine Geschlechtsteile sehr stümperhaft vom Rumpf abzutrennen. Ein wahrer Horror, nicht nur für einen Oberarzt. Auch wenn er wenig Sympathie für Schulz empfand, so war auch Weis ein Mann und bei dem Gedanken, wie sich Schulz wohl gefühlt haben müsste, krampft sein Körper instinktiv zusammen.
Kapitel 3
Ich träume. Es ist einer dieser Träume, die das Klingeln des Weckers wie eine Erlösung erscheinen lassen. Die Vorstandsfeier geht langsam dem Ende zu. Ich kann es kaum erwarten nach einer anstrengenden Woche endlich nach Hause zu kommen. Langsam schiebe ich mich durch eine Masse an gesichtslosen Menschen dem Ausgang zu und stehe in meinem Wohnzimmer. Jetzt noch eine kleine Line. Zum Runterkommen. Da liegt sie vor mir und changiert in allen Farben des Regenbogens. Ich bin entzückt. Beuge mich hinunter und ziehe das köstliche Pulver durch meine Nase nach oben. Himmlisch, einfach himmlisch, dieses Gefühl. Der Moment zieht sich in die Ewigkeit, meine Endorphine tanzen. Pures Glück. Irgendwann richte ich mich auf, will mein Gesicht im Spiegel betrachten, doch kann es nicht wahrnehmen. Hinter mir eine Bewegung. Was war das? Plötzlich Gänsehaut, die meinen Rücken runterkriecht. Da ist etwas. In der Dunkelheit. Es wartet. Es lauert. Ich schließe die Augen. Das ist nicht real. Bloß ein Traum. Vorsichtig blicke ich noch einmal aus halbgeöffneten Augen durch den Spiegel hinter mich. Mein Herz macht einen Satz. Eine dunkle Gestalt steht hinter mir. Sie hebt ihre Hand. Bevor ich mich umdrehen kann, drückt sie etwas in mein Gesicht. Ich röchle und schlage um mich. Doch jegliche Kraft scheint aus meinem Körper entwichen zu sein. Meine Füße tragen mich nicht mehr, ich sacke zusammen und verliere das Bewusstsein. Es ist nur ein Traum. Nur ein Traum.
Plötzliches Erwachen. Es ist noch dunkel. Meine Glieder fühlen sich schwer an, so verdammt schwer. Ich kann kaum meine Augen offenhalten. Sehe, dass ich keine Schuhe trage. Herrgott, was zum Teufel war da gestern in meinem Champagner? Und was war das für ein verstörender Traum? Er hatte sich so real angefühlt. Alles hat sich so real angefühlt … Wie bin ich gestern Nacht ins Bett gekommen? Und warum ist mein Kopf so entsetzlich schwer? Plötzlich geht ein Kälteschock durch meinen ganzen Körper. Eiskaltes Wasser. Überall. Es steigt. Wie kann das sein? Wo zur Hölle bin ich? Panik steigt in mir auf. Ich bin hellwach. Und ich bin definitiv nicht in meiner Wohnung. Wo zum Henker bin ich? Konzentrier dich, konzentrier dich! Verschaffe dir einen Überblick. Unter mir dringt kaltes Wasser durch einen löchrigen Boden, der aus zwei übereinander gelegten Brettern besteht. Seitlich von mir ragen sechs Holzpfeiler in die Höhe, die von metallenen Querbalken zusammengehalten werden. Es ist noch tiefste Nacht, aber über meinem Kopf erkenne ich einen kleinen Aufbau aus Holz und Metallbalken, der von einer eisernen Kette gehalten wird. Was ist das bitte für eine seltsame Scheiße? Und wie bin ich hierhergekommen? Das ist nur ein Traum, das kann nur ein Traum sein. Meine frierenden Beine fühlen sich allerdings sehr real an. Verdammte Scheiße, ich muss hier raus. Sofort. Die Öffnungen zwischen den Metallbalken. Ich versuche mich hindurchzuschieben. Vergeblich. Da passe ich niemals durch. Das kalte Wasser schwappt weiter gegen meine zitternden Beine. Steh auf. Steh auf! Aber meine Beine versagen mir den Dienst. Ich versuche etwas zu erkennen, aber die Dunkelheit raubt mir die Sicht. „Hey! Hallo!!! Hört mich jemand?“, ich schreie aus voller Kehle. „Hilfe! Holt mich hier raus, verdammt noch einmal!“ Soll das eine Bestrafung sein? Ist das vielleicht die Rache von Maria wegen der Sache mit Sabrina letztes Jahr? Verdammte Fotze. Eine ruckartige Bewegung. Mein Gefängnis sackt ab und ich mit ihm. Ich atme einmal tief ein, bevor das Wasser über mir zusammenfällt. Luft, ich brauche Luft, sonst ist es vorbei. Mit aller Kraft stemme ich mich gegen die Holzpfeiler und versuche sie auseinanderzudrücken. Vergebens. Mein Herz rast wie verrückt. „Ich muss Luft holen“ ist mein einziger Gedanke. Der Sauerstoff in meinen Lungenflügeln schwindet. Ich werde panisch. Denke an einen Bericht, den ich gelesen habe über das Ertrinken. Stimmritzenkrampf. Der hält angeblich an, auch wenn man schon wieder an der Oberfläche ist. Ist es sowieso schon um mich geschehen? Nein, ich gebe jetzt nicht auf. Es besteht noch Hoffnung. Adrenalin. Ich befinde mich im Überlebensmodus. Rüttle an der Verkleidung. Reiße an den Metallbeschlägen. Versuche mit den Füßen gegen den hölzernen Boden zu treten. Ein letzter Versuch meinen Kopf durch die kleine Öffnung am oberen Ende des Konstrukts zu stecken und an die rettende Oberfläche zu gelangen. Mein Körper bäumt sich unter dem fortschreitenden Sauerstoffmangel auf. Ich beginne verzweifelt nach Luft zu schnappen, mein Körper versucht reflexartig einzuatmen. Wasser in meiner Lunge. Möchte Husten. Es kommt noch mehr Wasser. Ich muss mich bewegen, aber mir fehlt allmählich die Kraft. Jede Bewegung wird unendlich langsam und zäh. Irgendwann wird es ruhiger. Alles um mich herum verschwimmt. Mein Körper wird schwerelos. Ich fliege. Man oh man, was für ein abgefahrener Traum.
Darmowy fragment się skończył.
