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Signe Langtved Pallisgaard

Ein anderer Ort

Roman

Übersetzt von Anna M. Mondry

Saga

Ebook-Kolophon

Signe Langtved Pallisgaard: Ein anderer Ort. Aus dem Dänischen von Anna M. Mondry. © 2014 Signe Langtved Pallisgaard. Originaltitel: Et andet sted. Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen 2016 All rights reserved.

ISBN: 9788711332870

1. Ebook-Auflage, 2016

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com - a part of Egmont, www.egmont.com.

Für Camilla

Eins

Als ich das kochende Wasser über den Teebeutel goss, fiel es mir auf: Heute ist es genau ein Jahr her, seitdem das Ganze begann. Ein Jahr seitdem ich nach Norwegen reiste und alles in Fahrt kam, hin zum Abgrund. Es ist nicht so, dass ich an Jahrestagen hänge, aber in der Vorstellung, dass es einen Anfangspunkt gibt, liegt etwas Beruhigendes. Denn das, was irgendwo anfängt, muss auch einen Punkt haben, wo es endet. Ich möchte glauben, dass dieser Drang zu Worten auf einem unentdeckten Fehler in meinem System beruht: einem losen Gerüst oder einem schwachen Skelett, das allzu einfach im Unwetter der Zufälle zusammenbricht.

Am Freitag fahre ich wieder nach Norwegen. Mein Bruder Anders ist Vater eines kleinen Jungen geworden. Björn heißt er. Er wurde vergangene Woche geboren, am selben Tag, an dem meine Großmutter begraben wurde.

Ich habe zwei Brüder. Einen lebenden und einen toten. Ein großen Bruder und einen kleinen Bruder. Mein großer Bruder lebt in seinem rotgestrichenen Haus in Norwegen, aber mein kleiner Bruder starb, bevor er sein erstes Lebensjahr vollendete. Er hatte es noch nicht einmal geschafft, seine ersten Schritte zu machen, als die Katastrophe eintraf.

Anders, der lebende, sagte einmal, dass alle Katastrophen die Schuld menschlicher Fehler seien. Jedes Bauwerk kann einstürzen, alle Systeme haben Schwachpunkte, und keine Liebe ist so stark, dass sie nicht Risse bekommen kann. Das letzte hat er nur nie gesagt, weil er so ungern über Liebe redet.

Heute ist es ein Jahr her, dass er mich eines frühen Morgens anrief und mir erzählte, dass seine Welt in Schutt und Asche läge. Es war Januar und die Wohnung lag noch im Dunkeln. Als ich zum Telefon lief, das auf einer Kommode im Flur lag und läutete, hing ich immer noch an der Kante eines Traums fest. Deshalb ging mir nicht auf, dass das oft bedeutet, dass jemand tot ist, oder nahe dran ist, es zu sein, wenn man früh morgens um vier Uhr angerufen wird. Außerdem hatte ich Angst, dass Mattis aufwachen würde, denn wir wohnten damals zusammen, und er hatte für diese Morgengespräche mit meinem Bruder nicht viel übrig.

„Oh, Anna, das Schlimmste ist, dass es so einfach zu vermeiden gewesen wäre“, jammerte Anders. „Mir wäre es leichter gefallen als allen anderen, das zu verhindern.“

Ich konnte hören, dass er in die Luft schnippte, um zu illustrieren wie leicht. Ich wachte plötzlich auf.

„Was vermeiden? Was ist geschehen?“

Er schluchzte. Der große Mann schluchzte wie ein Kind. Ich hielt das Telefon eingeklemmt zwischen Wange und Schulter und wischte eine tote Fliege von der Kommode. Als er erzählte, was passiert war, überraschte es mich nicht im Entferntesten. Jahrelang hatte ich den Zweifel in der Stimme meines Bruders wie eine Verzögerung sitzen hören, und im Übrigen fand ich, dass sie schon von Anfang an am Ende war, diese Ehe.

Der Becher Tee in meiner Hand ist kalt geworden, während ich da gesessen und meine Tochter durch den Türspalt zum Wohnzimmer angestarrt habe. Ich kann einen Teil ihres dünnen Pyjamabeins, das unter ihr im Korbstuhl angewinkelt ist, und einen Streifen ihres Gesichts sehen: hell und offen. Eine Falsettstimme lacht im Fernseher. Das Geräusch füllt das ganze Wohnzimmer. In unregelmäßigen Abständen wippt sie im Stuhl hin und her, so dass dieser auf dem Holzboden vor und zurück rutscht. Ich schleiche zur Tür, wo ich stehen und das sich verändernde Leben in ihrem Gesicht betrachten kann. Sie nimmt alles auf, und alles nimmt sie auf. Es sieht aus, als hätte sie eine Welt in sich selbst gefunden, wo es sich gut leben lässt. Es gibt wenige Dinge, die ich mir mehr wünsche als das, aber so wenig ist das auch nicht. Ich gehe zurück zu meinem Stuhl am Esstisch. Kurz darauf kommt sie in die Küche, legt das Kinn auf mein Knie, guckt zu mir hinauf mit Augen, die mich vollständig zu ihr herab saugen, und sagt:

„Weißt du, was ich gerne zeichnen möchte, Mama?“

„Nein, Selma. Was möchtest du gerne zeichnen?“

Sie presst die Lippen geheimnisvoll zusammen und setzt sich auf ihren Hochstuhl. Ich hole einen Stapel Papier und lege ihn auf den Tisch, aber bevor sie mit einem Marker auf dem obersten Blatt zu kratzen beginnt, wirft sie mir einen kurzen, untersuchenden Blick zu, der so schnell wieder verschwindet, wie er gekommen ist. Ich genieße diesen Augenblick der Stille, der zwischen uns entsteht, bevor sie den Kopf schräg legt und laut und eindringlich zu summen beginnt.

Es war etwas in der Art, wie sie mich anguckte, als wir frühstückten, das mich dazu gebracht hat, damit anzufangen das hier zu schreiben. Ich weiß wohl, dass man nicht einfach so ein Kapitel in der Lebensgeschichte eines anderen Menschen ändern kann, ohne dass es Konsequenzen für das Ganze birgt. Deshalb habe ich mich hingesetzt undaufgeschrieben, was geschehen ist. Wenn man weiß, wie eine Familie zusammenhängt, ist es einfacher zu verstehen, wie sie auseinanderfallen kann.

Selma wird des Zeichnens blitzschnell müde. Bald malt sie nur noch eine einzelne Kritzelei auf jedes Papier, bevor sie es vom Stapel reißt und zum nächsten übergeht. „Willst du mehr fernsehen?“ frage ich, als sie die nackte Tischplatte erreicht. „Nein, ich will raus“, stellt sie fest und hüpft vom Stuhl. Ich gucke aus dem Fenster. Das Wetter sieht gut aus, es gibt keinen Grund, warum wir nicht rausgehen sollten. „Was sollen wir da draußen machen?“ frage ich, aber ich weiß sofort, dass das verkehrt ist. Man sollte nicht diese Art Rastlosigkeit auf die Schultern eines Kindes verlagern. Ich weiß nur nicht, wie ich sie sonst loswerden soll. Das ist einer der größten Nachteile des Alleinseins: Man hat keinen Ort, wo man die Dinge von sich legen kann.

„Ich will nach Hause zu Oma und Opa“, sagt sie und schaut mich mit etwas an, was Trotz ähnelt. „Nein, Selma, wir bleiben hier. Wir sind gezwungen zu bleiben, wo wir sind.“

Ich wohne hier seit einigen Monaten, aber es fühlt sich weiterhin wie ein fremdes Land an. Ein anderer Teil der Welt. Sie akzeptiert meinen Plan hinunter zum Hafen zu gehen und sich die Schiffe anzusehen, und ich beschließe, uns beide mit einer Tasse Kakao in einem Café zu belohnen, wenn wir zum Langelinie-Pier kommen. Macht man nicht so etwas? Denkt man nicht so etwas? Wenn man eine ordentliche Mutter ist. Während ich auf dem Boden knie und ihre Zeichenblätter einsammle, steht sie im Schlafanzug im Flur und gleicht jemandem, der auf eine Bestellung wartet.

„Kannst du reingehen und dich anziehen?“ frage ich. „Oder willst du lieber den Schlafanzug anbehalten?“

Sie nickt schwer, stampft mit dem einen Fuß auf den Boden und sagt: „Ja, ja, ja.“

„Okay, dann darfst du das.“

Es macht wohl auch nichts aus, wenn die Kleine den Pyjama unter dem Schneeanzug trägt, denke ich und schalte den Computer aus.

Anders, der Sohn meines Vaters aus einer früheren Beziehung, ist weder äußerlich noch innerlich gewöhnlich. Selbst, wenn er eine Tugend daraus macht, kein kluger Mann zu sein, und selbst wenn wohl über ihn gesagt werden kann, dass er ein bisschen dicklich ist, sind ihm die Dinge immer leichtgefallen. Er hat früh in seinem Leben gelernt, wie weit man mit ein paar wohlgewählten Worten kommen kann, und er hat immer eine Frau mit einem ganz entschlossenen Blick ansehen können, wohlwissend, dass sie es nicht lassen kann, es ihm zurückzuzahlen. Ich habe im Nachhinein den Überblick verloren, wie viele meiner Freundinnen sich Hals über Kopf in ihn verliebt haben. Wie viele bereit gewesen sind, ihr Leben wegen Anders über Bord zu werfen. Vielleicht ist das Geheimnis dieser klare, fast väterliche Blick in den eisblauen Augen? Ein Blick, der selbst die gewöhnlichste Frau dazu bringt, sich einzigartig zu fühlen.

„Ich glaube, du bist deshalb so charmant geworden, um für etwas Ausgleich zu schaffen“, sagt Hilde, seine Frau, oft mit einem Hauch von Vorwurf in der Stimme. Und wenn ihm etwas gelingt, versäumt sie nie eine Gelegenheit, ihm etwas zu hart die Wange zu tätscheln und hinzuzufügen: „Es gibt doch so viel Anderes, was du nicht kannst, mein Freund.“

Man hat immer das Gefühl, dass Anders‘ Hingabe für einen augenblicklich und ohne Ankündigung in unfruchtbare Gleichgültigkeit umschlagen kann. Es gibt Festigkeit in seinem Blick, aber dennoch ist abweichen das Einfachste der Welt. „Ich verlasse dich nie“, flüstert er immer, unmittelbar bevor er weggeht.

Aber jetzt war er augenscheinlich in Liebesproblemen gelandet. „Das ist meine Schuld. Ich habe Schuld und niemand anders“, klagte er am Telefon und machte eine lange Pause, in der Hoffnung, ich möge ihm widersprechen. Als dies nicht geschah, winselte er weiter, dass er bei Tagesanbruch gehängt und an seinen Haaren durch die Straßen geschleift werden sollte. Ich fand, dass es zu früh am Tag für diese Art Dramatik war, also antwortete ich ihm nicht.

Die größten Unglücke werden oft von den kleinsten Dingen ausgelöst. Ein bisschen Gedankenlosigkeit, ein unaufmerksamer Augenblick. Ein Schritt in die falsche Richtung, wo sich der Abgrund befindet. Hierbei denke ich nicht nur an große Begebenheiten wie Atomunglücke, Ölkatastrophen und Verkehrsunfälle. Das gilt auch für alltägliche kleine Tragödien. Das, was an jenem Abend in dem rotgestrichenen Haus am Berg geschehen ist, hätte leicht als einer von Anders‘ ewigen Versuchen sympathisch zu sein abgehakt werden können. Mein Bruder ist ein sympathischer Mann, aber er ist denen am sympathischsten, die ihn nicht so gut kennen, und er kann schwer erträglich für uns sein, die ihn besser kennen.

Anders und Hilde wohnen weit außerhalb von Recht und Gesetz des Landes, aber wenn man auf der Terrasse vor dem Haus steht und in die richtige Richtung späht, kann man einen Blick auf Mjøsa erhaschen. Er eröffnet sich am Fuße des kleinen Dorfes, das eigentlich kein Dorf ist, sondern ein verlassener Fleck mit einem Shoppingzentrum, einem Holzhändler und einer Tankstelle, die im Laufe der Jahre mit einer Raststätte zusammengewachsen ist.

Im Haus, in dem sie wohnen, hat Anders seine Kindheit verbracht. Er wuchs bei seiner Mutter und seinem Stiefvater auf, die beide wenige Monate nacheinander verstarben. Als man sie begraben hatte, erbte Anders das Haus. Ohne zu zögern gab er seine Junggesellenwohnung in Oslo auf und mit derselben Entschlossenheit, mit der man eine Milchtüte zusammenfaltet und in den Mülleimer wirft, kündigte er seinen Job als Barchef, löste seine Wohnung auf, packte sein Leben in Kartons, und zog nach Norden. Er ließ alles zurück, was er kannte, und begann, mit einem auffallenden Mangel an Sentimentalität, etwas ganz Neues.

Es fällt mir schwer, mir etwas Langweiligeres vorzustellen, als mein Leben an so einem Ort zu verbringen. Dennoch hat es mir immer gefallen dort zu sein. In seinem Haus zu sein hat eine beruhigende Wirkung auf mich. Ich entspanne mich, sobald ich durch die Tür trete.

Anders verbrachte das gesamte erste Jahr damit, das Haus auszuräumen, die Vergangenheit mit einem Lastwagen wegzukarren, und es mit seinen Erwartungen an all das, was kommen sollte, auszufüllen. Er baute das kleine Holzhaus vom Keller bis zum Giebel um. Bis heute hängt ständig ein schwacher Duft von neuem Holz und Baustaub zwischen den Wänden. Abends brennt ein Feuer im Kamin. Es ist warm wie in einer Sauna und auf dem Sofatisch steht eine Schale mit Süßigkeiten. Mitten im Haus steht wie ein Herzmuskel der flimmernde Fernseher. An jenen dunklen Winterabenden kann das Haus gut und gerne einsam und ausgesetzt wirken, aber damit muss man leben, weil es bei Tageslicht etwas ganz anderes ist. Bei Tag offenbart sich eine großartige Aussicht rund um das Haus, die niemand mit größerer Aufmerksamkeit zu würdigen weiß als Hilde, behauptet sie zumindest.

Hilde ist ein Kapitel für sich. Obwohl man sagen muss, dass sie sich mit der Zeit gebessert hat, denke ich ständig, dass Anders etwas Stabileres verdient. Eine Klippe zum anlehnen. Ein Grundstein, auf dem man sicher stehen kann. Anders hat es nicht immer leicht gehabt, und Leute, die es schwer gehabt haben, haben keine Verwendung für poröse Steinchen. Sie brauchen etwas Festes und Unveränderliches. All das ist Hilde nicht. Sie richtet sich immer nach demjenigen, mit dem sie gerade zusammen ist. Diese Begeisterung für die Natur ist beispielsweise nicht echt; sie ist etwas, was sie sich wie einen Bademantel oder eine Perücke angezogen hat, um Anders‘ Interesse zu behalten. Früher in ihrem Leben hat sie alles verabscheut, was nicht aufgewärmt, verschlossen und von Menschenhand geschaffen war. Aber eines Tages, nicht lange nachdem sie zu Anders gezogen war, hatte sie sich, durch eine plötzliche Eingebung, in den Wald hineingewagt, dessen aufrechte und geheimnisvolle Baumstämme hinter dem Haus zusammenlaufen. Obwohl der Wald tief und dunkel ist, und Hilde Angst vor allem hat, was tief und dunkel ist, ging sie hinein. Sie hat die Mauer zu sich selbst durchbrochen und ist hineingegangen.

„Man glaubt es nicht, wenn man ihn von außen sieht, aber er ist voller kleiner, friedlicher Lichtungen, dieser Wald“, brach es mit strahlenden Augen aus ihr heraus, als sie wieder nach Hause kam. Das war im späten Juni. Anders und Hilde waren gerade ein richtiges Paar geworden, und ich war oben und verbrachte ein paar Sommerferientage bei ihnen. Anders und ich saßen draußen auf der Veranda und tranken Jägertee, während die letzten Sonnenstrahlen des Tages unsere Gesichter wärmten. Wir hatten schlichtweg nicht bemerkt, dass sie überhaupt weg war, bevor sie zurückkam. Bevor sie in ihren schmutzigen Stiefeln unten vor der Veranda stand und vor Stolz strahlte.

Anders, der keinen Blick für die Leistungen Anderer hat, und im übrigen schwer zu beeindrucken ist, hob bloß eine Augenbraue und sagte: „Ich bin mit der Natur aufgewachsen.“ Weil er mit der Natur aufgewachsen war, meinte er, dass er sich erlauben könne, sie als gegeben anzusehen. Er hat niemals einen Spaziergang gemacht, nur um einen Spaziergang zu machen, und er ist niemals stehengeblieben, um einem Vogel zu lauschen. Er tut niemals etwas ohne Grund, und das verärgert mich im tiefsten Inneren meiner Seele. Es ist doch immer schön, seine Grundlosigkeit mit einem anderen zu teilen.

Wir sind auf dem Nachhauseweg vom Langeliniekai. Das war ein toller Spaziergang. Wir gehen die Østbanegade hinunter. Ihre Hand mit dem Fäustling in meiner. Ein kleiner Mensch mit einem größeren an der Hand: Mutter und Tochter, denke ich, und falle mehrmals auf die Knie, um ihren kleinen Körper zu umarmen, den man in dem dicken Schneeanzug fast nicht spüren kann. Als wir nach Hause kommen, steht Mattis bereits vor dem Gebäude und wartet auf uns. Er lehnt an seinem Wagen, und mir fällt auf, dass er eine neue Sonnenbrille trägt. Ein Streif Wintersonne fällt auf sein helles Haar. Es ist seltsam, dass derjenige, den man am allerbesten kennt, plötzlich dort auf dem Bürgersteig stehen und ein Fremder sein kann. „Habt Ihr einen Spaziergang gemacht?“ fragt er und hockt sich vor seine Tochter. Er küsst ihre Nasenspitze. Als er wieder aufsteht, legt sie ihre Arme um ihn. Wie sie in ihrem geblümten Schneeanzug dasteht und sich an das Bein ihres Vaters klammert, ähnelt sie einer feinen, kleinen Kletterrose. Mitten im Winter. Es schneit leicht. Er sieht zu mir hinüber, sagt aber nichts. „Wollt Ihr nicht mit rauf?“, frage ich. Er seufzt. „Kannst du nicht einfach ihre Sachen holen?“

Ich laufe die Treppe hoch. Mit langsamen Bewegungen lege ich ihre Sachen auf einen Haufen im Flur zusammen. Ein paar Ponys, ein Plastikdiadem mit unechten Steinen, und das zerrissene Kuscheltier. Vorsichtig lege ich alle Dinge in ihre kleine Tasche. Der Reißverschluss klemmt. Obwohl ich es mehrere Male vor und zurück schiebe, will er nicht einrasten. Und als ich die Tasche über die Schulter werfe, fallen alle Dinge zu Boden. Mit Tränen in den Augen sammle ich das Ganze noch einmal ein und denke daran, wie hoffnungslos alles ist.

Als ich auf die Straße komme, reißt mir Mattis die Tasche aus meinen Händen, wirft sie in den Kofferraum, hievt unsere Tochter auf den Rücksitz, schnallt sie auf dem Kindersitz an, springt selbst auf den Fahrersitz, stellt den Rückwärtsgang ein, lässt das Auto ein wenig zurückrollen. Er dreht das Lenkrad bis zum Anschlag und treibt den Wagen auf den vereisten Weg.

Ich bliebe allein zurück und starre auf den dunklen Punkt auf dem Asphalt, wo das Auto gestanden hat.

Zwei

Oben in der Wohnung ist es still wie in einem Wintergarten. Alles schläft, wenn sie nicht hier ist. Die Umgebung hält Winterschlaf. Ich schalte den Computer ein und zwinge mich, an die SMS-Katastrophe in Norwegen zurückzudenken. Wenn Anders ein wenig einfallsreicher gewesen wäre, hätte es nicht so weit kommen müssen. Hilde hätte sich damit begnügen können, zu erröten, wie man es so macht, wenn jemand Scherze mit einem treibt, oder sie hätte ihm das Telefon an den Kopf werfen können.

Während ich an jenem Morgen mit dem Handy in der Hand im Flur stand und Anders zuhörte, versuchte ich mir die Szene vom Vorabend vorzustellen, die mir geschildert wurde: Die zwei Teller auf dem Sofatisch, die darauf warteten, hinausgetragen zu werden, die Essensreste, die darauf warteten, weggeschabt zu werden, der lärmende Fernseher, der darauf wartete, ausgeschaltet zu werden, die stummen Gardinen, die rumhingen und auf das Licht warteten, und Hilde, die mit ihrem Telefon in der Hand zu begreifen versuchte. Wenn er ihr nur eine Geschichte über einen Diebstahl aufgetischt hätte. Dann hätte sie ihm mit zitternder Unterlippe und nassen Augen zurufen können, dass er dieses Mal mit seiner Nettigkeit wirklich über die Strenge geschlagen habe. Sie hätte die Tür zuschlagen können, dass die Bilder von den Wänden gefallen wären. Aber das hat sie nicht. Sie tat nichts.

Hilde ist ein einfältiger Mensch, aber nicht ganz so einfältig, wie man glauben möchte. Obwohl der Großteil ihres Wissens aus der Regenbogenpresse stammt, ist sie vielseitig interessiert. Beispielsweise brennt in ihr die Leidenschaft, anderer Leute Geheimnisse aufzudecken und unter anderen Umständen hätte sie diese Eigenschaft vielleicht weit gebracht.

„Wenn ich etwas mehr aus meinem Leben gemacht hätte“, sagte sie einmal, „dann hätte ich gerne alles gelesen, was über den Menschen und sein innerstes Wesen geschrieben steht. Ich hätte mich gerne in die Dinge eingelesen, mich in die letzten Winkel eingearbeitet.“ An diesem Punkt der Geschichte machte sie eine Bohrbewegung mit dem Zeigefinger, die mich vor Unbehagen erschaudern ließ. Aber alles in allem ist Hilde nicht einmal imstande, durch das Durchsichtigste hindurchzusehen, und in Wahrheit macht sie nicht viel anderes, als an all das zu denken, was sie hätte machen können, wenn die Dinge sich für sie anders ergeben hätten.

Ich schlich auf die Toilette und versuchte lautlos Pipi zu machen, das Telefon gegen das Ohr gepresst.

„Bist du am Pissen, Anna?“

„Nein, nein“, antwortete ich, und nach einem Augenblick misstraulichen Zögerns wandte Anders sich wieder seiner Geschichte zu. „Na ja, ich setzte mich also hin und lehnte mich an sie, kurz bevor das Unglück passierte.“ Es fiel mir schwer zu sehen, wie Glück und der Mangel an eben diesem ins Bild passen sollten, aber man sollte den Leuten erlauben, sich in Ruhe zu erklären.

„Wo war ich stehengeblieben?“, hustete er. Ich konnte richtig hören, wie der Schleim in seiner Kehle sich löste. „Ja, ich legte das Ohr an ihre Brust und lauschte ihrem Herzen, das klang wie Pferdehufen auf feuchtem Waldboden.“ Husten. „Und dann roch ich an ihrem Haar, und es erinnerte mich an Fallobst, süß und sauer gleichzeitig.“ Er spuckte die Worte aus, als wolle er sie loswerden, bevor die nächste Tränenwelle, oder vielleicht war es auch Husten, ihn erfasste.

Ich sah vor mir, wie Hilde dort auf dem Fußboden gestanden und gespürt haben muss, wie sich der Erdboden öffnete. Hilde ist hübsch. Das kann man nicht leugnen. Sie hat lange Wimpern und wellenblaue Augen, die die Nuance ändern, je nachdem, was sie ansehen. Das hat ihr Leben jedoch nicht viel einfacher gemacht. Alles in allem ist sie keine Person, die viel von sich selbst gibt, und deshalb dauert es nicht lange, bis auch andere sich nicht allzu viel von ihr wünschen.

„Bist Du da, Anna? Na, gut. Wo war ich stehengeblieben? Genau. Das war im selben Augenblick, als ich mein Telefon aus der Tasche fischte, um eine simple SMS an Kajsa zu schicken: Danke für gestern, Sexy, schrieb ich. So unschuldig war sie. Oh Gott, so großes Aufheben um so wenig.“

Später am Morgen musste ich Mattis erklären, dass es die Macht der Gewohnheit war, die Anders die Nachricht an Hilde auf dem Sofa anstatt an jene, die unten im Tal saß und ihr schweigendes Telefon in der Hand presste, hatte schicken lassen.

Das Bemerkenswerteste an Anders ist sein Mangel an Umsicht. Wenn sie nur ähnliche Namen gehabt hätten, die beiden Mädel, dachte ich, dann könnte man den Irrtum vielleicht verstehen. Aber sie haben ganz unterschiedliche Namen, Hilde, die helle, und Kajsa mit den schwarzen Augen, die in ihren Augenhöhlen glimmen wie zwei Stück Kohle.

Anders hatte mir bei mehreren Gelegenheiten von Kajsa erzählt. Er war ihr im Blumenladen des Einkaufszentrums begegnet, wo er jeden Freitag Blumen für Hilde gekauft hatte. Sie stand dort hinter der Kasse und lächelte so breit, dass alles für Anders zu einer höheren Einheit erhoben wurde, und dann war es Schlag auf Schlag gegangen, wie solche Dinge es oft tun. „Oh Herr im Himmel“, sagte er begeistert, als er mir zum ersten Mal von der neuen Bekanntschaft erzählte. „Sie hat die hübschesten Augen. Große, schwarze Puppenaugen, in denen es stürmt, wenn man sie auch nur anpustet.“

Bei einer späteren Gelegenheit beschrieb er, mit einer gewissen Sorge in der Stimme, wie er dagelegen und mit ihrem schmalen, sehnigen Körper auf einer Matratze im Hinterzimmer Liebe gemacht hatte, als sie ihm plötzlich in die Augen gestarrt und geflüstert hatte: „Ich habe sie geerbt“, also die Augen, „von meiner Großmutter, die eine Lappin ist und immer umherstreift.“ Als sie das sagte, war jedes Wort von großer Wichtigkeit erfüllt, erzählte Anders, und obwohl er dachte, dass es unpassend war, so etwas in so einer Situation zu sagen, hatte er zustimmend genickt. Er hatte sogar das unbehagliche Gefühl bekommen, dass sie eine bestimmte Antwort erwartete, und das tat sie sicherlich auch.

Als ich Anders im Winter zuvor besuchte, als sich die Affäre in ihrer heißesten Anfangsphase befand, schlich ich mich eines Nachmittags ins Zentrum um jene Frau anzusehen, die meinen großen Bruder derart vom rechten Weg abgebracht hatte. Sie stand vor dem Tresen, das Gewicht auf ein Bein verlagert, und sprach mit einem Kunden, während sie mit ihrem hübschen kleinen Fuß rhythmisch gegen einen Metalleimer voller gelber Rosen trat. Das ergab ein Knallgeräusch, das man noch auf der anderen Seite der Ladenfenster hören konnte. Ich trat so nahe heran, dass ich sie sehen konnte, wie sie dastand und die Hand nachlässig auf der schlanken Taille ruhen ließ, genau dort, wo der Gürtel der Schürze sie entzwei schnitt. Ich konnte mir genau vorstellen, wie Anders nackt und mächtig neben ihr lag. Die schwarzen Haarlocken aus dem Gesicht des Mädchens strich und eine Stirn entblößte, die schreiend weiß war.

Anders war am Telefon mehr und mehr zur Ruhr gekommen. Während ich in die Küche ging und eine Tasse Kaffee zubereitete, beschrieb er, wie die Katze, in derselben Sekunde, in der Hildes Telefon läutete, ihr schlankes Rückrat an sein Bein geschmiegt, ihre spitzen Zähne gezeigt, und mit einem Fauchen zu ihm aufgesehen hatte. „Ich hasse Katzen“, rief er. „Ich hasse diese Katze. Ich hasse ihr ganzes Wesen und die schleimige Selbstzufriedenheit.“ Ich nahm einen Schluck Kaffee und fragte mich, woher all dieser Zorn kam. Anders wurde selten wütend. „Wenn man nichts Gutes zu sagen hat, soll man gar nichts sagen“, sagte er immer. Mit der Zeit hatte ich jedoch verstanden, dass es eher die Angst vor Konflikten als moralische Abwägung war, die hinter dieser Haltung lag. Und im selben Atemzug merkte ich mir, dass man niemals den Zorn eines geduldigen Mannes unterschätzen sollte.

Das Ganze war an jenem Abend unglücklicher als sonst ausgefallen. Hilde, die normalerweise stolz darauf war, sich nicht von modernen Kommunikationsmitteln durch die Manege ziehen zu lassen, warf sich auf das Telefon, und Anders, der viele Dinge hätte tun können, wäre er imstande gewesen, klar zu denke, tat nichts. Er hätte so tun können, als ob das Ganze ein schlechter Scherz war. Er hatte genügend Zeit um eine Erklärung zusammenzuzimmern, wenn er nicht just an diesem Abend so unglaublich träge im Kopf gewesen wäre. Er brauchte genau so viel Zeit, wie Hilde brauchte, um die Nachricht zu lesen, um die Tatsache, dass er eine Nachricht geschickt hatte, mit der Tatsache, dass Hilde eine erhalten hatte, zu verknüpfen.

„Aber da war es zu spät, Anna. Oh, das war viel zu spät. In dem Augenblick hatte ich mich schon als der Verräter enttarnt, der ich bin.“

Die kleinen Punkte, die sich hastig auf Anders‘ Gesicht ausbreiteten, verstanden offenbar schneller als er selbst den Zusammenhang. Denn schon bevor ihm der Umfang der Katastrophe vollends bewusst wurde, begannen sie zu wachsen und wurden augenblicklich zu dem, das er am besten als Schandflecke bezeichnen konnte. „Ich saß nur dort auf dem Sofa mit Schandflecken auf der ganzen Visage und starrte hinunter auf die Nähte des Sofas“, schniefte er. „Zählte die Stiche. Sauber und gleichmäßig waren sie. Ganz klar maschinell genäht. Sie sah mich nicht einmal an. Sie las nur wieder und wieder die Nachricht, und als sie sich mir endlich zuwandte, sah sie aus, als ob sie in die Augen eines Fremden starrte.“

Das glaube ich nun nicht. Ich glaube, sie sah Anders an und wusste, dass sie nie jemanden so gut gekannt hat, wie sie ihn kennt. Sie legte das Telefon auf das Bücherregal und setzte sich auf die Kante des Sofatischs mit einer Hand auf dem Bauch. Es war nicht mehr als ein paar Wochen her, da sie beschlossen hatten, dass sie ein Kind machen wollten.

Ich trollte mich in die Ecke des Sofas, das Handy ans Ohr gepresst, und versuchte die kleine Häkeldecke, die meinem kleinen Bruder gehört hatte, um mich zu wickeln. Es war kalt im Wohnzimmer. Unten im Treppenhaus knallte die Eingangstür. Ich zuckte zusammen. Ich überlegte, wer es wohl war, der so früh von zu Hause fort ging, und aus welchem Grund, als Anders in meine Gedanken einbrach: „Ich glaubte, dass es verloren war“, sagte er. „Aber dann kamen meine Gedanken mir zur Hilfe. Umgekehrte Gedanken. Mir wurde klar, dass ich es mir de facto recht gut erlauben konnte darüber beleidigt zu sein, dass sie so etwas von mir glauben konnte.“ Er klang mit einem Mal ganz belebt. „Auf einer derart dünnen Grundlage. Sie hat ja keinen Beweis für irgendetwas. Das ist schiere Spekulation.“ Er legte eine gedankenvolle Pause ein, ehe er fortfuhr: „Im Grunde genommen ist es beängstigend, was für ein misstrauischer Mensch sie ist, findest du nicht?“

Sie waren seit drei Jahren verheiratet, als Anders jene unglücksselige SMS schickte. Das kam jedoch nicht aus dem Nichts. Mein Bruder hatte die Ehe oft als persönlichen Übergriff beschrieben. „Das ist wie zu erfahren, dass du nicht länger du selbst sein darfst“, hatte er gesagt, „dass du nicht mehr die Dinge machen darfst, auf die du Lust hast, ja, du darfst nicht einmal mehr Lust auf sie haben. Damit können nur die wenigsten auf lange Sicht leben. Jeder Mensch hat das Recht auf einen privaten Raum. Einen Ort im Leben, der einem ganz allein gehört, wohin kein anderer kommt. Das hier ist mein Ort. Die Geheimnisse sind mein Ort.“

Nun sollte man nicht glauben, dass ich in Unwissenheit über Anders’ Neigungen gelebt hätte. Aber ich setze das Vertrauen meines Bruders über alles. Mein Bedürfnis, ihm nahe zu sein, kommt vor allen anderen Erwägungen. „Leugne das Ganze“, hatte ich ihm ein Mal, bei einer früheren Gelegenheit, gesagt. Das war am Tag nachdem ich Kajsa im Blumenladen aufgelauert hatte. Ich kann immer wieder hören, wie ihr Fuß gegen den Eimer schlägt, rhythmisch wie ein Countdown. Ein metallischer Herzschlag. Wir standen so nahe am reißenden Fluss, dass wir uns die ganze Zeit die Gischt aus dem Gesicht wischen mussten, als ich das sagte.

Anders war dabei, eine neue Veranda vor dem Haus zu bauen, und ich hatte mir ein paar Tage vom Studium und vom Babysitting frei genommen, und war hinauf gereist, um ihm zu helfen. Wir waren unten in der Holzhandlung, um Holz zu holen. Lange, gleichartige Planken. Gründlich ausgesucht. Er guckte mich einen Augenblick überrascht an, bevor er den Kopf zurücklegte und wiederholte: „Leugnen? Ist das dein Rat?“ Dann guckte er mich kopfschüttelnd an, und an einem flüchtigen Aufblitzen konnte ich sehen, dass er mich liebte. Zum Dank schenkte ich ihm mein allerschönstes Lächeln. Er kratzte seinen Vollbart und warf einen Balken mit derselben Leichtigkeit, als wäre es ein Bund Nägel, auf den Lastwagen. „Ja, das ist so gesehen ein Rat, den man für das meiste anwenden kann“, fügte ich hinzu, und das brachte ihn so zum lachen, dass die Tränen kullerten. Er trocknete auf jeden Fall das Gesicht mit dem Jackenärmel.

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240 str. 1 ilustracja
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9788711332870
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Bookwire
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