Czytaj książkę: «Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden»

Czcionka:

Selma Lagerlöf

Nils Holgerssons wunderbare Reise durch Schweden

Aus dem Schwedischen übersetzt von Gisela Perlet

Nachwort von Ruprecht Volz

Reclam

Der Übersetzung liegt die Ausgabe zugrunde:

Nils Holgerssons underbara resa genom Sverige.

Förkortad upplaga. Stockholm:

Albert Bonniers förlag, 1956.

1996, 2020 Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG,

Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung

Coverabbildung: © shutterstock.com / Cartone Animato (Linien); © Gutentag-Hamburg (Gänse)

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2020

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961700-8

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-020597-6

www.reclam.de

Inhalt

 Der JungeDer KoboldDie WildgänseDas karierte Tuch

 Akka von KebnekajseDer AbendDie Nacht

 WildvogellebenIm Park von ÖvedsklosterDas EichhörnchenweibchenDie Aussprache

 GlimmingehusSchwarze Ratten und graue RattenDer StorchDer Rattenfänger

  Der große Kranichtanz auf dem Kullaberg

 In BlekingeIm RegenDie Treppe mit den drei Stufen

  Am Ronneby-Fluss

  Karlskrona

  Die Reise zur Insel Öland

  Die Südspitze von Öland

  Der große Schmetterling

 Die Kleine KarlsinselDer SturmDie SchafeDas Höllenloch

 Zwei StädteDie Stadt auf dem MeeresgrundDie lebendige Stadt

 Die KrähenDer TonkrugVon Krähen geraubtDie Hütte

  Die alte Bauersfrau

 Der große VogelseeJarro, der WildenterichDer LockvogelDie Trockenlegung des Sees

  Die Prophezeiung

  Ein Stück aus grobem Wollstoff

 Die Geschichte von Karr und GraufellDer KolmårdenKarrGraufells FluchtGraufells Tod

  Der schöne Lustgarten

 In NärkeYsätters-KajsaDer Abend vor dem Markttag

  Die Erbteilung

  In den Bergbaurevieren

  Die Eisenhütte

  Der Dalälv

 Der LöwenanteilDie alte GrubenstadtDie Sage von der Falu-Grube

  Die Walpurgisnacht Was Moor-Kersti erzählte

  Bei den Kirchen

  Die Überschwemmung Die Schwäne in der Hjälstabucht Der neue Kettenhund

  Die Sage von Uppland

  Die Stadt, die auf dem Wasser schwimmt

  Stockholm

 Gorgo, der AdlerIm GebirgstalIn Gefangenschaft

 Über Gästrikland weiterDer kostbare GürtelDer Tag des Waldes

 Ein Tag in HälsinglandEin großes grünes BlattDie Silvesternacht der Tiere

  In Medelpad

  Ein Morgen in Ångermanland

 Västerbotten und LapplandDie fünf KundschafterDer TraumDie Ankunft

 Das Gänsemädchen Åsa und der kleine MatsDie KrankheitDas Begräbnis des kleinen Mats

  Bei den Lappen

 Nach Süden! Nach Süden!Der erste ReisetagAuf dem ÖstbergDie Sage von Jämtland

  Eine Geschichte aus Härjedalen

  Värmland und Dalsland

  Ein kleiner Gutshof

  Unterwegs zum Meer

  Meeressilber

  Die Sage von Västergötland

  Die Reise nach Vämmenhög

  Bei Holger Nilssons

  Abschied von den Wildgänsen

  Nachwort

  Zeittafel

Der Junge
Der Kobold

Sonntag, den 20. März

Es war einmal ein Junge. Er war etwa vierzehn Jahre alt, lang, dünn und flachshaarig und ein rechter Taugenichts. Am liebsten schlief und aß er, und dann machte er gern dumme Streiche.

Eines Sonntagmorgens wollten seine Eltern den Gottesdienst besuchen und machten sich dazu bereit. Der Junge saß derweil in Hemdsärmeln auf der Tischkante und freute sich, dass sie nun bald das Haus verließen. »Da kann ich mir Vaters Flinte herunterholen und einen Schuss abfeuern, ohne dass mich jemand stört«, dachte er.

Doch es schien fast, als hätte der Vater die Gedanken seines Sohns erraten, denn gerade als er davongehen wollte, drehte er sich noch einmal um. »Wenn du schon nicht mit uns in die Kirche willst, könntest du wenigstens die Predigt zu Hause lesen, finde ich. Versprichst du mir das?«

»Ja«, sagte der Junge sofort. Doch natürlich nahm er sich vor, nur so viel zu lesen, wie er Lust hätte.

Noch nie hatte der Junge seine Mutter so schnell laufen sehen. Im Nu war sie am Bücherbord, nahm Luthers Postille heraus, legte sie auf den Tisch am Fenster und schlug die Predigt des Tages auf. Dann schob sie den großen Lehnstuhl heran, in dem sonst keiner als Vater sitzen durfte.

Der Junge hielt es für übertrieben, dass sich seine Mutter mit diesen Vorbereitungen so viel Mühe machte, denn mehr als ein oder zwei Seiten wollte er gar nicht lesen. Da aber schien ihn sein Vater ein zweites Mal zu durchschauen. »Dass du auch ja ordentlich liest!«, sagte er in strengem Ton. »Wenn wir zurückkommen, frage ich dich jede Seite ab, und wehe du hast eine übersprungen, dann soll es dir schlecht ergehen!«

»Die Predigt ist vierzehn und eine halbe Seite lang«, sagte die Mutter, wie um das Maß vollzumachen. »Wenn du das alles schaffen willst, musst du dich wohl sofort daransetzen.«

Dann brachen sie endlich auf, und als der Junge in der Tür stand und ihnen nachsah, war ihm zumute, als säße er in einer Falle. »Da gehen sie und beglückwünschen sich wohl dazu, dass ich die ganze Zeit, wo sie weg sind, über der Predigt hocken muss«, dachte er.

Doch seine Eltern beglückwünschten sich ganz gewiss nicht, im Gegenteil, sie hatten großen Kummer. Sie waren arme Kätner, und ihr Besitz war nicht viel größer als ein kleiner Garten. Als sie hierhergezogen waren, hatten sie zuerst nicht mehr als ein Schwein und ein paar Hühner füttern können. Doch weil sie ungewöhnlich fleißige und tüchtige Leute waren, hielten sie jetzt auch Kühe und Gänse. Sie waren gewaltig vorangekommen, und sie wären an diesem schönen Morgen froh und zufrieden zur Kirche gewandert, hätten sie nicht an ihren Sohn denken müssen.

Der Vater klagte, der Junge habe in der Schule nichts lernen wollen und sei ein solcher Nichtsnutz, dass man ihn höchstens zum Gänsehüten gebrauchen könne. Die Mutter bestritt die Wahrheit seiner Worte nicht, doch sie bekümmerte am meisten, dass der Junge wild und ungezogen war, grausam zu Tieren und gemein zu Menschen. »Möge ihm Gott die Bosheit austreiben und einen anderen Sinn geben!«, sagte sie. »Sonst wird er sich und uns ins Unglück stürzen.«

Der Junge überlegte eine lange Zeit, ob er die Predigt nun lesen sollte oder nicht. Dann aber sagte er sich, dass es diesmal wohl am besten sei, den Eltern zu gehorchen. Er setzte sich in den Lehnstuhl und fing an zu lesen. Doch als er das eine Weile getan hatte, merkte er, dass ihm der Kopf schwer wurde.

Draußen war das allerschönste Frühlingswetter. Zwar war das Jahr nicht weiter als zum 20. März gekommen, aber der Junge wohnte in der Gemeinde West-Vämmenhög, tief unten im südlichen Schonen, und dort war der Frühling schon voll im Gang. Grün war es draußen noch nicht, doch es war frisch, und die Knospen sprießten. Alle Gräben waren voller Wasser, und der Huflattich am Grabenrand stand in Blüte. Alle Sträucher auf der Steineinfriedung des Hofes waren braun und blank geworden. Durch die angelehnte Haustür war das Tirilieren der Lerchen bis in die Stube zu hören. Hühner und Gänse liefen draußen herum, und hin und wieder muhten die Kühe, denn sie spürten die Frühlingsluft bis in ihre Verschläge.

Und der Junge las und nickte und kämpfte gegen die Müdigkeit. Doch es ging, wie es ging, er wurde vom Schlaf übermannt.

Er hatte noch nicht lange geschlafen, da erwachte er von einem leisen Geräusch im Hintergrund. Auf dem Fensterbrett vor ihm stand ein kleiner Spiegel, in dem fast das ganze Zimmer zu sehen war. Als der Junge nun den Kopf hob und sein Blick auf den Spiegel fiel, entdeckte er, dass jemand den Deckel von Mutters Truhe aufgeschlagen hatte.

Seine Mutter besaß eine große Truhe aus Eichenholz mit eisernen Beschlägen, die niemand als sie selbst öffnen durfte. Darin verwahrte sie alte Bauerntrachten und schwere Silberspangen, die sie von ihrer Mutter geerbt hatte und die sie besonders sorgfältig hütete.

Jetzt sah der Junge im Spiegel ganz deutlich, dass der Deckel der Truhe offen stand. Das war ihm unbegreiflich, denn Mutter hatte die Truhe geschlossen, bevor sie gegangen war. Es wäre ihr ganz gewiss nicht passiert, die Truhe offen zu lassen, wenn er sich allein im Haus aufhielt.

Ihm wurde richtig unheimlich zumute. Vielleicht hatte sich ein Dieb ins Haus geschlichen?

Während er vor dem Spiegel saß und hineinstarrte, bemerkte er mit Verwunderung, dass über den Rand der Truhe ein schwarzer Schatten fiel. Er guckte und guckte und wollte seinen Augen nicht trauen. Doch was er anfangs für einen Schatten gehalten hatte, wurde immer deutlicher, und bald erkannte er, dass es etwas Wirkliches war. Tatsächlich, es war ein Kobold, der rittlings auf dem Rand der Truhe saß.

Von Kobolden hatte der Junge zwar schon gehört, doch niemals hätte er sich vorgestellt, dass sie so klein sein könnten. Der da auf dem Truhenrand saß, war höchstens eine Handbreit groß. Er hatte ein altes, runzliges, bartloses Gesicht, trug einen langen schwarzen Rock, Kniehosen, einen schwarzen Hut mit breiter Krempe und, um richtig geputzt und fein zu sein, weiße Spitzen um Hals und Handgelenke, Schnallen an den Schuhen und Strumpfbänder mit Schleifen. Er war so in den Anblick der Truhe vertieft, dass er das Erwachen des Jungen nicht bemerkte.

Obwohl der ganz schön über den Kobold staunte, erschrak er doch nicht so heftig. Vor einem solchen Wicht konnte man sich gar nicht fürchten. Und weil der Kobold ganz mit sich selbst beschäftigt war und weder zu hören noch zu sehen schien, bekam der Junge Lust, ihm einen Streich zu spielen: ihn in die Truhe schubsen und den Deckel über ihm zuschlagen oder so etwas Ähnliches.

Er sah sich in der Stube nach einem Gegenstand um, mit dem er ihn anstoßen könnte. Er ließ seine Augen von der Schlafbank zum Klapptisch und vom Klapptisch zum Herd wandern, musterte die Töpfe und den Kaffeekessel auf dem Bord neben dem Herd, den Wassereimer an der Tür und Kochlöffel und Messer und Gabeln und Schüsseln und Teller, die in der halboffenen Schranktür sichtbar waren. Er sah hinauf zu Vaters Flinte, die an der Wand hing, und zu den Pelargonien und Fuchsien, die auf dem Fensterbrett blühten. Zuletzt fiel sein Blick auf einen alten Fliegenkescher am Fensterrahmen.

Kaum hatte er den entdeckt, da riss er ihn an sich, sprang auf und schwenkte ihn über den Rand der Truhe. Und er staunte selbst, was für ein Glück er hatte, denn es gelang ihm, den Kobold zu fangen. Das arme Kerlchen lag, den Kopf nach unten, auf dem Boden des langen Keschers und konnte nicht heraus.

Im ersten Augenblick wusste der Junge gar nicht, was er mit seiner Beute anstellen sollte. Er schwenkte den Kescher nur hin und her, damit ihm der Kobold ja nicht entwischen könnte.

Da begann der Kobold zu sprechen und bat ganz inständig um seine Freiheit. Er habe den Leuten des Hauses viele Jahre Gutes getan, sagte er, und verdiene wohl eine bessere Behandlung. Wenn der Junge ihn freilasse, wolle er ihm einen alten Speziestaler, einen silbernen Löffel und ein Goldstück geben.

Das hielt der Junge für ein gutes Angebot. Er ging sogleich darauf ein und hielt den Kescher an, damit der Kobold hinausklettern konnte. Doch als dieser fast draußen war, kam dem Jungen der Gedanke, er hätte sich ganz andere Reichtümer und alle möglichen Vorteile ausbedingen sollen. »Wie dumm von mir, dass ich ihn freigegeben habe!«, dachte er und begann den Kescher von neuem zu schütteln, um den Kobold wieder hineinfallen zu lassen.

Doch im selben Moment bekam er eine so entsetzliche Ohrfeige, dass er glaubte, sein Kopf würde in Stücke springen. Er flog erst gegen die eine, dann gegen die andere Wand, schlug schließlich hin und blieb bewusstlos liegen.

Als er zu sich kam, war er allein in der Kate. Vom Kobold entdeckte er keine Spur. Der Deckel der Truhe war geschlossen, und der Fliegenkescher hing wie immer am Fenster. Hätte der Junge nicht gespürt, wie seine rechte Wange von der Ohrfeige brannte, er hätte das Ganze beinah für einen Traum gehalten.

Doch als er nun zum Tisch gehen wollte, bemerkte er etwas Sonderbares. Die Stube konnte ja unmöglich gewachsen sein. Aber wie kam es dann, dass er so viele Schritte mehr als sonst machen musste, um den Tisch zu erreichen? Und was war mit dem Stuhl los? Der sah nicht größer aus, als er eben noch gewesen war, doch der Junge musste erst die Leiste zwischen den Stuhlbeinen erklimmen und dann auf den Sitz klettern. Und mit dem Tisch war es dasselbe. Um die Tischplatte zu überblicken, musste er auf die Armlehne des Stuhls steigen.

»Um Himmels willen, was ist denn das?«, sagte der Junge. »Ich glaube, der Kobold hat den Lehnstuhl und den Tisch und die ganze Stube verhext!«

Die Postille lag auf dem Tisch, und dem Anschein nach war sie unverändert. Doch irgendetwas war auch mit ihr nicht in Ordnung, denn der Junge musste sich geradezu in das Buch hineinstellen, um ein einziges Wort zu entziffern.

Als er ein paar Zeilen gelesen hatte, schaute er auf. Dabei fiel sein Blick in den Spiegel, und plötzlich rief er ganz laut: »Aber da ist ja noch ein Kobold!«

Er sah nämlich im Spiegel ganz deutlich einen winzig kleinen Knirps, bekleidet mit Zipfelmütze und Lederhosen.

»Der hat ja dasselbe an wie ich!«, sagte der Junge und klatschte vor Verwunderung in die Hände. Da entdeckte er, dass auch der Knirps im Spiegel klatschte.

Nun fing er an, sich an den Haaren zu ziehen, in die Arme zu kneifen und sich herumzudrehen, und augenblicklich machte jener, der im Spiegel zu sehen war, alles nach.

Der Junge lief ein paarmal um den Spiegel herum und untersuchte, ob sich dahinter irgendein Kerlchen versteckte. Doch als er niemanden fand, begann er vor Angst zu zittern, denn jetzt wurde ihm klar, dass ihn der Kobold verzaubert hatte und dass jener Knirps, dessen Bild er im Spiegel sah, kein anderer war als er selbst.

Die Wildgänse

Der Junge konnte es kaum fassen, dass er in einen Kobold verwandelt worden war. »Sicher ist das nur ein Traum oder eine Einbildung«, dachte er. »Wenn ich ein paar Augenblicke warte, werde ich bestimmt wieder Mensch.«

Er stellte sich vor den Spiegel und schloss die Augen. Ein paar Minuten später schlug er sie wieder auf und hoffte nun, dass der Zauber vorüber sei. Aber der war nicht vorüber – er war genauso klein wie zuvor. Ansonsten hatte er sich nicht verändert: Die flachsblonden Haare, die Sommersprossen auf der Nase, die Flicken auf der Lederhose und die Stopfstelle am Strumpf, alles war ganz genauso – es war nur kleiner geworden.

Nein, stillstehen und abwarten, das half nichts. Am klügsten schien ihm zu sein, den Kobold aufzuspüren und sich mit ihm zu versöhnen.

Da sprang der Junge vom Tisch und machte sich auf die Suche. Er guckte hinter Stühle und Schränke, unter die Schlafbank und in den Backofen. Er kroch sogar in ein paar Mauselöcher, doch den Kobold konnte er nicht finden.

Er weinte und flehte und versprach alles, was man sich denken kann. Nie wieder wollte er sein Wort brechen, nie wieder wollte er böse sein, nie wieder wollte er über der Predigt einschlafen. Wenn er nur wieder Mensch werden dürfte, dann sollte ein ganz prächtiger, lieber, gehorsamer Junge aus ihm werden.

Auf einmal erinnerte er sich, dass Mutter gesagt hatte, die kleinen Geister hielten sich zumeist im Kuhstall auf, und sogleich beschloss er, dorthin zu gehen. Zum Glück war die Stubentür nur angelehnt, denn das Schloss hätte er weder erreichen noch öffnen können.

Als er in den Flur kam, sah er sich nach seinen Holzschuhen um, denn im Zimmer war er ja auf Socken herumgelaufen. Während er noch überlegte, was er mit den großen, klobigen Holzschuhen anstellen sollte, entdeckte er auf der Schwelle ein Paar kleine Schuhe. Dass der Kobold auch daran gedacht hatte, seine Holzschuhe zu verwandeln, versetzte ihn noch mehr in Angst. Demnach sollte dieses Elend wohl recht lange dauern.

Auf der alten Eichenbohle, die vor der Haustür lag, hüpfte ein Spatz. Kaum hatte er den Jungen erblickt, da rief er schon: »Tititt! Tititt! Guckt euch mal den Gänsejungen Nils an! Guckt euch mal den Däumling an! Guckt euch mal den Däumling Nils Holgersson an!«

Sogleich richteten Gänse und Hühner ihre Blicke auf den Jungen, und es gab ein entsetzliches Geschnatter und Gegacker. »Kikeriki«, krähte der Hahn, »das ist ihm recht geschehen! Kikeriki, er hat mich am Kamm gezogen!« – »Gack, gack, gack, das ist ihm recht geschehen«, riefen die Hühner immer wieder, bis in die Unendlichkeit. Die Gänse drängten sich dicht aneinander, steckten die Köpfe zusammen und fragten: »Wer mag das getan haben? Wer mag das getan haben?«

Doch am merkwürdigsten daran war, dass der Junge ihre Worte verstand. Er war so verblüfft, dass er auf der Schwelle stehen blieb und lauschte. Er konnte die Vogelsprache wohl deshalb verstehen, weil er in einen Kobold verwandelt war.

Es war unerträglich, dass die Hühner mit ihrem Spruch, das sei ihm recht geschehen, gar nicht aufhören wollten. Er warf einen Stein nach ihnen und rief: »Jetzt seid aber still, ihr Gesindel!«

Aber er hatte nicht bedacht, dass die Hühner vor seiner jetzigen Gestalt keine Angst mehr zu haben brauchten. Die ganze Schar stürzte auf ihn los und kakelte: »Gack, gack, gack, das ist dir recht geschehen! Gack, gack, gack, das ist dir recht geschehen!«

Der Junge wäre ihnen wohl nie entkommen, wenn jetzt nicht die Hauskatze erschienen wäre. Bei ihrem Anblick verstummten die Hühner sofort, scharrten in der Erde nach Würmern und schienen an nichts anderes zu denken.

Der Junge lief sogleich auf die Katze zu. »Liebe Mieze«, sagte er, »du kennst bestimmt alle Winkel und Schlupflöcher auf dem Hof. Sag mir sofort, wo ich den Kobold finde!«

Die Katze ließ sich mit der Antwort Zeit. Sie setzte sich, ringelte hübsch ihren Schwanz vor den Beinen und starrte den Jungen an. Sie war groß und schwarz und hatte einen weißen Fleck auf der Brust, ihr glattes Fell glänzte im Sonnenschein. Die Krallen hatte sie eingezogen, und ihre Augen waren vollkommen grau, bis auf einen kleinen, schmalen Spalt in der Mitte. Die Katze sah aus, als wollte sie keinem ein Härchen krümmen.

»Wo der Kobold wohnt, weiß ich wohl«, sagte sie mit sanfter Stimme, »aber das heißt nicht, dass ich es dir erzählen will.«

»Liebe Mieze, du musst mir helfen«, sagte der Junge. »Siehst du denn nicht, wie er mich verzaubert hat?«

Die Katze öffnete ein wenig die Augen und ließ darin die grüne Bosheit glitzern, sie schnurrte vor Wohlbehagen. »Soll ich dir vielleicht dafür helfen, dass du mich so oft am Schwanz gezogen hast?«, sagte sie.

Da wurde der Junge wütend und vergaß völlig, wie klein und machtlos er jetzt war. »Ich kann dich gleich noch mal am Schwanz ziehen«, sagte er und stürzte auf die Katze los.

Die war im nächsten Augenblick so verändert, dass der Junge sie kaum für dasselbe Tier halten konnte. Jedes Haar ihres Fells war gesträubt. Der Rücken hatte sich gekrümmt, die Beine waren länger geworden, die Krallen kratzten in der Erde, der Schwanz war nun kurz und dick, die Ohren legten sich zurück. Sie fauchte, und ihre weitaufgerissenen Augen leuchteten von rotem Feuer.

Der Junge wollte sich von einer Katze nicht erschrecken lassen und ging einen weiteren Schritt auf sie zu. Da aber machte die Katze einen Satz, stürzte sich auf ihn, warf ihn zu Boden, setzte ihm die Vorderpfoten auf die Brust und riss den Rachen auf, direkt über seiner Kehle.

Als der Junge spürte, wie die Krallen durch Weste und Hemd in seine Haut eindrangen und wie die scharfen Eckzähne seine Kehle kitzelten, schrie er aus Leibeskräften um Hilfe.

Doch niemand kam, und er war fest davon überzeugt, sein letztes Stündlein habe geschlagen. Da merkte er, dass die Katze die Krallen einzog und seine Kehle freigab.

»So«, sagte sie, »jetzt mag es genug sein. Der Herrin zuliebe will ich dich für diesmal laufen lassen. Ich wollte dir nur zeigen, wer von uns beiden jetzt die Macht hat.«

Damit ging die Katze ihrer Wege und sah genauso fromm und sanftmütig aus, wie sie gekommen war. Der Junge brachte vor Scham kein Wort heraus und lief schnell zum Kuhstall.

Dort standen nicht mehr als drei Kühe. Doch als der Junge eintrat, gab es ein Muhen und Brüllen, dass man hätte glauben können, es wären mindestens dreißig.

»Muh, muh, muh«, brüllte Mairose, »wie gut, dass es Gerechtigkeit auf der Welt gibt.«

»Muh, muh, muh«, brüllten sie alle drei. Sie schrien derart durcheinander, dass der Junge ihre Worte nicht verstand.

Die Kühe waren so aufgebracht, dass sich der Junge nicht vernehmlich machen und nach dem Kobold fragen konnte. Sie führten sich auf, als hätte er wieder einmal einen fremden Hund in ihren Stall gelassen. Sie schlugen mit den Hinterbeinen, rüttelten an ihren Halsketten und stießen mit den Hörnern.

»Komm nur her«, sagte Mairose, »dann sollst du einen Stoß kriegen, an den du lange denken wirst!«

»Komm her«, sagte Gold-Lilie, »dann sollst du mal auf meinen Hörnern tanzen!«

»Komm her, dann sollst du spüren, wie es schmeckte, als du mich letzten Sommer mit deinen Holzschuhen beworfen hast!«, brüllte Stern.

»Komm her, dann will ich dir die Wespe heimzahlen, die du mir ins Ohr gesteckt hast!«, schrie Gold-Lilie.

Mairose, die Älteste und Klügste von ihnen, war am zornigsten. »Komm her«, rief sie, »damit ich Vergeltung an dir üben kann, weil du deiner Mutter so oft den Melkschemel weggezogen hast, und Vergeltung für all die Tränen, die sie deinetwegen hier vergießen musste!«

Der Junge wollte den Kühen sagen, wie sehr es ihm leidtue, dass er sie so hässlich behandelt hatte. Aber sie hörten ihm gar nicht zu. Sie brüllten derart, dass er es für am besten hielt, still aus dem Kuhstall zu verschwinden.

Als er hinaus ins Freie kam, war er sehr niedergeschlagen. Er wusste nun, dass ihm niemand auf dem Hof helfen würde.

Er kletterte auf die breite Steineinfriedung, die das Gehöft umschloss. Dort setzte er sich nieder und dachte über die Folgen nach, wenn er nicht wieder Mensch werden könnte. Vater und Mutter würden sich bei ihrer Heimkehr vom Kirchgang aber wundern! Ja, im ganzen Land würde man sich wundern, und die Leute aus Ost-Vämmenhög und aus Torp und aus Skurup würden kommen, um ihn zu besichtigen.

Er fühlte sich ganz furchtbar unglücklich. So unglücklich wie er war niemand auf der ganzen Welt. Er war kein Mensch mehr, sondern ein Scheusal.

Allmählich wurde ihm bewusst, was es bedeutete, kein Mensch mehr zu sein. Von allem war er jetzt ausgeschlossen: Er konnte nicht mehr mit anderen Jungen spielen, er konnte nicht die Kate der Eltern übernehmen, und ein Mädchen heiraten konnte er schon gar nicht.

Da saß er nun und betrachtete sein Heim. Es war ein kleines, weißgetünchtes Fachwerkhaus, unter dem hohen, steilen Strohdach wie in den Boden gedrückt. Auch die Wirtschaftsgebäude waren klein, und die Äcker waren so schmal, dass sich ein Pferd kaum darauf herumdrehen konnte. Doch so winzig und ärmlich das Anwesen auch war, für ihn war es jetzt noch viel zu gut. Eine bessere Wohnung als ein Loch unter dem Stallboden konnte er nicht verlangen.

Noch nie hatte er den Himmel so blau gesehen wie an diesem Tag. Und Zugvögel kamen geflogen. Sie waren über die Ostsee gereist, hatten Smygehuk angesteuert und zogen nun weiter nach Norden. Sicher waren es viele verschiedene Vogelarten, er konnte jedoch nur die Wildgänse erkennen, deren Flugordnung einem Schneepflug glich.

Mehrere solcher Scharen waren schon vorbeigezogen. Obwohl sie in großer Höhe flogen, hörte er trotzdem, wie sie schrien: »Jetzt geht’s in die Berge! Jetzt geht’s in die Berge!«

Als die Wildgänse die Hausgänse erblickten, die auf dem Hof herumliefen, näherten sie sich dem Boden und riefen: »Kommt mit! Kommt mit! Jetzt geht’s in die Berge!«

Die Hausgänse hoben unwillkürlich die Köpfe und lauschten. Doch sie antworteten sehr vernünftig: »Wir haben es gut hier. Wir haben es gut hier.«

Wie gesagt, es war ein wunderschöner Tag, und die Luft war so frisch und leicht, dass es eine wahre Freude sein musste, darin zu fliegen. Und bei jeder neuen Wildgänseschar, die vorüberflog, wurden die zahmen Gänse unruhiger. Sie flatterten ein paarmal mit den Flügeln, als hätten sie Lust, den anderen zu folgen. Doch eine alte Gänsemutter ermahnte sie stets: »Jetzt seid nicht verrückt! Die da oben müssen hungern und frieren.«

Auf dem Hof war ein junger Gänserich, den bei den Rufen der Wildgänse eine richtige Reiselust ergriffen hatte. »Wenn noch eine Schar kommt, dann fliege ich mit«, sagte er.

Als nun die nächsten Wildgänse auftauchten und wie die anderen schrien, antwortete er: »Wartet! Wartet! Ich komme.«

Er breitete die Flügel aus und erhob sich in die Luft, aber er war das Fliegen so wenig gewöhnt, dass er gleich wieder zu Boden fiel.

Die Wildgänse mussten seine Worte trotzdem gehört haben. Sie kehrten um und flogen langsam zurück, um zu sehen, ob er tatsächlich käme.

»Wartet! Wartet!«, rief er und machte einen zweiten Versuch.

Der Junge, der auf der Steineinfriedung lag, hörte alles mit an. »Wenn der große Gänserich wirklich davonfliegt, das wäre jammerschade«, dachte er. »Vater und Mutter werden sich grämen, wenn der Gänserich bei ihrer Heimkehr verschwunden ist.«

Wieder vergaß er, dass er jetzt klein und machtlos war. Er sprang mitten in die Schar der Gänse und umklammerte den Hals des Gänserichs mit seinen Armen. »Das lass mal schön bleiben, du fliegst nicht weg, du!«, rief er.

Doch genau in diesem Moment hatte der Gänserich herausgefunden, wie er es anstellen musste, um vom Boden abzuheben. Er hatte keine Zeit mehr, den Jungen abzuschütteln, sondern schwang sich mit ihm in die Lüfte.

Es ging so schnell empor, dass dem Jungen schwindlig wurde. Bevor er daran denken konnte, den Hals des Gänserichs loszulassen, war er schon so hoch, dass ein Sturz in die Tiefe den Tod bedeutet hätte.

Er konnte nur eins tun, um seine Lage ein wenig zu verbessern: Er musste versuchen, auf den Rücken des Gänserichs zu klettern. Das schaffte er, obgleich nur mit großer Mühe, und es war auch gar nicht einfach, sich auf dem glatten Rücken zwischen den schlagenden Flügeln festzuhalten. Er musste mit beiden Händen tief in Federn und Daunen greifen, um nicht herunterzufallen.