Czytaj książkę: «Alles Alltag»
Table of Contents
Cover
Impressum
Autorin und Klappentext
Titelseite
Buchanfang
Leseproben Lydia Steinbacher - Schalenmenschen Markus Bundi - Alte Bande Jürgen Bauer - Ein guter Mensch Ute Cohen - Satans Spielfeld Paul Auer - Kärntner Ecke Ring
Gefördert von der Stadt Wien Kultur.
© 2020, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-782-8
Umschlag: Jürgen Schütz
Umschlagbild: © iStock–rotofrank
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-17-5
www.septime-verlag.at
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Sascha Wittmann
SASCHA WITTMANN, geboren in Wien, lebt in Wien und Opponitz (Niederösterreich). Sie hat Theaterwissenschaft und eine Fächerkombination aus Germanistik, Publizistik und Politikwissenschaft an der Universität Wien, später Healthcare Management an der Donauuniversität Krems studiert. Wittmann ist Theaterpädagogin, Lehrwartin für Behindertensport und absolvierte den Lehrgang Literarisches Schreiben an der Werkstätte Kunstberufe. Im Brotberuf hat sie bei verschiedenen Organisationen im Sozialbereich in Wien und Niederösterreich gearbeitet. Dabei sind ihre Schwerpunkte Menschen mit Behinderungen und arbeitsuchende Menschen.
Nach zahlreichen Veröffentlichungen in Literaturzeitschriften und Anthologien erschien 2017 ihr erster Roman Wie ich berühmt wurde, mit dem Erzählband Alles Alltag ist Sascha Wittmann erstmals in einem Septime-Programm vertreten.
Klappentext
Eine junge Frau setzt aus unerklärlichen Gründen die Müllcontainer im Hof ihrer Wohnhausanlage in Brand. Ein Mann wird in die geschlossene Abteilung der Psychiatrie eingewiesen. Er hat offenbar einen früheren Schulkameraden umgebracht. Zum Motiv schweigt er beharrlich. Ein kleines Mädchen verursacht zu Weihnachten einen fatalen Brand in ihrem Elternhaus. Eine Nichtigkeit oder Unachtsamkeit reicht, um den Alltag von Menschen so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass nichts mehr bleibt, wie es war.
Ob soziale Ungerechtigkeit, scheinbare Gleichstellung der Frau oder Überforderung im Berufs- und Familienleben. Sascha Wittmann behandelt große Themen im kleinen Format, ihre Erzählungen und Kurzgeschichten handeln von sogenannten normalen Menschen mit normalen Sorgen und Sehnsüchten. Oft genügt allerdings eine minimale Veränderung oder Einsicht – der berühmte Tropfen, der das Fass zum Überlaufen bringt – und die Fassade der Normalität stürzt ein wie ein Kartenhaus. Ob diese Veränderung eine Katastrophe auslöst oder neue Chancen im Leben eröffnet – in jedem Fall regen die Texte zum Nachdenken über vielleicht doch nicht so feststehende Wahrheiten an.
Sascha Wittmann
Alles Alltag
Erzählungen | Septime Verlag
Suburbia
Super, dass du es endlich zu uns heraus geschafft hast! Setz dich doch, ich bring gleich den Kaffee.
Vor allem für die Kinder ist es natürlich ein Traum. Nicht mehr in der Stadt eingesperrt zu sein. Und erst die Luft hier draußen.
Die Nachbarn? Nein, die haben keine Kinder.
Sonst in der Siedlung? Das weiß ich nicht so genau, wir haben wenig Kontakt. Richtung Bundesstraße gibt es einen kleinen Spielplatz. Dort sind wir aber erst einmal vorbeigekommen, damals war da niemand.
Natürlich sind sie nicht alleine. So ein Blödsinn! Sie gehen ja in die Schule. Gabrielle hat dienstags »Jazz Dance« und donnerstags »Kreatives Gestalten«. Patrick geht in Judo und mit Gabrielle zum Basteln. Ich finde es total wichtig, dass die beiden mit anderen Kindern zusammenkommen. Aber sie sollen halt schon etwas Gescheites dabei machen.
Nein, das Fahren ist kein Problem. Wir haben ja einen Schulbus. Den hat die Gemeinde organisiert. Zu den Kursen am Nachmittag muss ich sie bringen, auch zu Patricks Wettkämpfen und Gabrielles Auftritten.
Magst du noch einen Kaffee? Oder einen Weißwein? Den haben wir jetzt im Keller. Der Makler hat uns gesagt, dass dieser Keller die ideale Temperatur für Wein hat. Wart, ich bin gleich wieder da.
Ja, da hast du schon recht, ohne Auto ist man hier aufgeschmissen. Das ist halt alles eine Sache der Einteilung. Im Moment habe ich den Wagen, sonst wäre ich nie rechtzeitig zurück, wenn die Kinder aus der Schule kommen. Ich habe auch Stunden reduziert, damit sich das ausgeht. Christian muss jetzt eben zum Bahnhof gehen, zwanzig Minuten in eine Richtung. Das ist der Ersatz für das Fitness-Center, lacht er immer. Bald werden wir uns ohnehin eine zweites Auto anschaffen, aber dann gleich eines mit Allradantrieb. Das zahlt sich hier heraußen schon aus. Im Winter wird es mühsam für ihn, ist es jetzt schon, wenn es regnet. Nur im Moment … Du kannst dir ja vorstellen, dass wir derzeit etwas kürzer treten müssen. Es ist sich alles ausgegangen mit dem Ersparten und dem Kredit, aber Polster haben wir keinen mehr. Doch das ist es wert. Allein, dass wir jetzt hier so auf der Terrasse sitzen können. Und der Blick! Da haben wir Glück gehabt, dass wir das Haus in der letzten Reihe direkt an den Feldern bekommen haben. Die werden auch nicht umgewidmet, das haben sie uns auf der Gemeinde fest versprochen.
Die Müllers links haben eine hohe Hecke, damit wir ihnen nicht in den Garten schauen können. Zur anderen Seite hin, da wohnen die Altenburgers, müssen wir erst einen Sichtschutz aufstellen. Das wird alles noch.
Findest du wirklich? Für mich ist der Garten gerade recht. Ich wollte ja nicht gleich Bäuerin werden. Nächstes Frühjahr setzten wir auf dieser Seite ein paar Sträucher, Himbeeren, Ribiseln. Auf der anderen Seite stellen wir ein Hochbeet auf.
Nein, Bäume dürfen wir nicht pflanzen, damit den Nachbarn nicht das Licht weggenommen wird. Steht in der Siedlungsordnung.
Im Garten spielen? Da hats am Anfang ein paar Probleme gegeben, weil die Altenburgers sich über den Lärm beschwert haben. Darum brauchen wir da ja noch einen Schutz. Und am Sonntag zwischen zwölf und zwei gehen sie jetzt auch nicht mehr raus, weil man die Mittagsruhe einhalten muss. Außerdem ist ohnehin nicht so viel Platz … Im Haus können sie dafür praktisch machen, was sie wollen. Das ist schon ein Vorteil gegenüber der Wohnung früher.
Du, wenn du noch einen Wein magst, nimmst dir einfach, dazu steht er ja da.
Geh, ein Glaserl geht schon, da kannst du noch fahren.
Die Janica, nein, die kommt nicht mehr. Glaubst du, die fährt da heraus? Vorerst muss ich halt selber putzen. Ist nicht so schlimm; mit der Zeit wird das alles.
Sicher ist es hier auch schwieriger, jemanden zum Aufpassen zu bekommen. Bisher sind wir aber ohnehin nicht so oft weggegangen. Für Christian ist der Tag mit der Fahrerei schon lang. Sich da noch einmal aufraffen … Dafür haben wir jetzt Platz für Gäste.
Ja, das mit den Parkplätzen ist so ein Problem. Natürlich hat jedes Haus eine Garage, aber wenn du zwei Autos hast …
Sag, was soll das eigentlich? Willst du mir mein Haus schlecht machen? Man pickt auf den Nachbarn? Ohne Auto ist man aufgeschmissen? In der Gegend ist nichts los, man muss also erst wieder in die Stadt, wenn man etwas unternehmen will?
Du bist doch nur eifersüchtig! Du mit deiner Dreizimmerwohnung in einem Ausländerviertel! Wir habens geschafft!
Nein, ich höre nicht auf. Wart einmal, bis du Kinder hast, dann wirst du nicht mehr darüber herziehen, wie wir jetzt leben. Dann wirst du auch aufs Land wollen!
Ja, vielleicht ist es wirklich besser, wenn du gehst, bevor wir noch ernstlich streiten. Du kannst ja wiederkommen, wenn du dich eingekriegt hast.
Blöde Gans. Soll sie doch in der versifften Stadt bleiben – und die anderen auch alle. Die sind uns das alles doch nur neidig!
Schöner fremder Mann
Die alte Frau zieht die Tür hinter sich ins Schloss, ihr Blick ist missbilligend. Eine halbe Stunde zuvor ist sie in das kleine Dorf mit den Straßen aus Lehm, den Gemüsegärten hinter den Häusern und den notdürftig geflickten Dächern gekommen. Sie hat den Fahrer des Kleinbusses gebeten, auf sie zu warten. Dieser war einverstanden, es dürfe aber nicht zu lange dauern. Die alte Frau hat ein großes, doch leichtes Paket aus dem Gepäcksraum geholt, an der Haustür geklopft. Sie wurde schon erwartet.
Die junge Frau, die die Tür geöffnet hat, zog sie herein, bot ihr Tee an, den die alte Frau ablehnte, es musste ja schnell gehen. So gingen beide in das einzige Zimmer hinter der Küche. Die junge Frau rief das ungefähr sechsjährige Mädchen, das am Küchentisch aus alten Zeitungen Girlanden ausschnitt, zu ihnen. Dann öffnete die alte Frau das Paket, nahm ein langes, weißes Kleid heraus, einen Schleier, einen gestärkten Unterrock. Die junge Frau zog ihre Kleiderschürze aus, auch das alte T-Shirt, das sie darunter getragen hatte. Vorsichtig stieg sie zuerst in den gestärkten Unterrock, streifte das Kleid über den Kopf. Die alte Frau half ihr beim Schließen der Haken am Rücken, dann stieg die Junge auf einen Sessel. Das Kleid passte. Änderungen waren nicht notwendig. Zum Glück. Die alte Frau atmete auf. Der Auftrag sicherte ihr das Holz für den halben Winter. Aber es war schwierig gewesen, Stoff in guter Qualität zu einem günstigen Preis aufzutreiben. Und es musste schnell gehen. Die junge Frau wollte ja schon am gleichen Tag mit dem Bus nach Österreich fahren. Wohl zum letzten Mal. In Zukunft würde sie fliegen. Die Alte schaute nur kurz in das Kuvert, das ihr die Junge in die Hand gedrückt hatte. Ja, es war die ausgemachte Summe, sogar ein bisschen mehr. Sie ermahnte die Junge, das Kleid sofort wieder auszuziehen, damit es nicht schmutzig würde. Doch diese lachte, wendete sich dem Mädchen zu, das die Prozedur bisher schweigend und ernst beobachtet hatte. Also steckte sie das Kuvert ein, während die Junge vom Sessel herunterstieg. Die Alte beeilte sich, schließlich warteten die anderen Frauen im Bus. Schon seit Wochen hatten sie ihre Familien nicht mehr gesehen. Und der Bus musste ja pünktlich wieder zurück sein, um andere Frauen zu ihrer Schicht nach Österreich und Deutschland zu bringen. Diesmal würde auch eine Frau dabei sein, die nur für die Hinfahrt bezahlt hatte, die sich fest vorgenommen hatte, nie wieder in einen dieser Kleibusse zu steigen, wenn sie diese letzte, vielstündige Fahrt, zusammengepfercht mit anderen jungen Frauen, überstanden haben würde.
Kaum war die Alte gegangen, tänzelte die Junge im Zimmer auf und ab, drehte sich zu dem Mädchen.
»Schau, Anuschka, ist Mama nicht wunderschön in diesem Kleid? Du musst dir nur noch vorstellen, dass ich geschminkt bin und weiße Rosen ins Haar geflochten habe. Mama wird die allerschönste Braut sein, die es jemals gegeben hat. Und ich werde dir ganz viele Fotos mitbringen. Versprochen. Nein, vom Kuchen kann ich kein Stück für dich aufheben, der würde doch verderben. Aber dafür besorge ich eine Sachertorte für dich. Jetzt haben wir ja keine Geldsorgen mehr. Das Kleid hat auch der Mann bezahlt. Ich habe das Geld genommen und es hier machen lassen. Das ist viel billiger. Was übrig geblieben ist, habe ich der Oma gegeben, damit ihr euch etwas leisten könnt. Und so werden wir das immer machen. Ich kaufe mit dem Geld von diesem Mann bei uns hier ein und lasse euch den Rest da. Außerdem weiß er ja, dass ich die Oma unterstützen muss. Das ist in Ordnung für ihn.«
Das Mädchen drehte sich zum Fenster, die Ellenbogen auf das Brett gestützt, die Stirn an die Scheibe gedrückt.
»Er ist kein böser Mensch. Du weißt doch, wie er aussieht, ich habe dir das Bild gezeigt. Na eben, er hat gute Augen, ist sogar recht fesch. Und so alt ist er auch wieder nicht. Viele Frauen heiraten ältere Männer. Und er hat ein Haus in Wien und sogar eine Ferienwohnung am Neusiedler See. Komm, ich mach dir jetzt eine Aufsteckfrisur, damit du auch so schön bist wie Mama.«
Das Mädchen hatte sich wieder abgewendet.
»Geh, warum schmollst du? Ich werde doch ganz oft kommen, mindestens jeden zweiten Monat. Das ist überhaupt kein Problem, weil ich ja nach der Oma schauen muss, das weiß er. Vielleicht kommt er einmal mit. Dann gehst du zu Tante Viktoria. Das habe ich mit ihr schon ausgemacht.«
Die junge Frau zog vorsichtig das Kleid und den Unterrock aus, legte beide zusammen und zurück in die Schachtel, der Schleier kam obenauf. Statt der Kleiderschürze, die sie an einen Haken an der Tür hing, schlüpfte sie in Stretchjeans, ein neues T-Shirt mit einem Papagei aus bunten Pailletten darauf und weiße Turnschuhe mit rosa Schuhbändern. Das alte T-Shirt warf sie auf den Boden, nach kurzem Überlegen hob sie es auf und legte es in den Korb mit der schmutzigen Wäsche. Sie sah, wie das Mädchen auf den kleinen Koffer blickte, der neben dem Bett stand.
»Nein, du kannst nicht mit nach Wien kommen. Der Mann weiß doch nichts von dir. Darf er auch nicht. Das war von Anfang an klar. Er will jetzt eine eigene Familie gründen, solange er noch jung genug dazu ist. Dafür bekomme ich alles, was ich mir wünsche: Kleider, Schmuck, sogar ein eigenes Auto.«
Die junge Frau bürstete ihr langes, blond gefärbtes Haar, steckte es mit einer Klammer hoch. Ein kurzer Blick in den Spiegel über der Kommode: kein Makeup für die Fahrt. Aber Wimperntusche musste schon sein. Vielleicht war er noch zu Hause, wenn sie in der Früh in Wien ankam. Sie angelte nach ihrer Handtasche auf dem Bett. Das würde jetzt auch vorbei sein: keine nachgemachte Designerkleidung mehr, nur noch die echten Sachen. Gleich nach der Hochzeitsreise würde sie in diese Outlet-Center fahren. Und sie würde nie wieder alte Männer waschen, sie mit ihren Lieblingsspeisen füttern, es ertragen, dass sie ihr trotz aller Gebrechlichkeit immer noch an den Hintern fassten, beim Rasieren den Busen begrapschten.
Im Spiegel sah sie das Mädchen, das immer noch stumm mit hängenden Schultern mitten im Raum dastand.
»Nicht weinen, Anuschka. Ich bin doch bald wieder da. Außerdem: Wäre es dir lieber, wenn ich hier bleibe und wir wieder jeden Monat schauen müssen, wie wir das Geld für den Strom auftreiben? Nur Erdäpfel essen, an dein Kleid irgendeinen Fetzen anstückeln, wenn es dir zu klein geworden ist? Erinnere dich, wie dir die Füße wehgetan haben, weil du aus den Schuhen herausgewachsen warst und ich dir keine neuen kaufen konnte. Das ist jetzt alles vorbei. Und du wirst in die Schule gehen können, einen Beruf lernen, vielleicht sogar studieren.«
Die Haustür wurde geöffnet, fiel wieder ins Schloss. Oma war zurück vom Einkaufen. Am Wochenende, wenn die Frauen aus Österreich und Deutschland kommen, gibt es im kleinen Geschäft am Kirchenplatz etwas zu kaufen. Wenn man es sich leisten kann. Omas Tasche war heute sehr leicht, man hörte es am Geräusch, als sie diese neben der Küchenkredenz abstellte.
Die junge Frau würde jeden Monat Geld schicken, nahm sie sich vor, damit die Einkaufstasche jeden Samstag schwer auf dem Küchenboden aufschlug. Sie hockte sich vor das Mädchen, hielt sie an den Schultern.
»Na also, es ist doch besser so. Du bist ja mein großes Mädchen. Gib Mama ein Bussi und mach der Oma keinen Ärger. Ich bin bald wieder da, längstens in zwei Monaten. Versprochen.«
Dann warf sie die Handtasche über die linke Schulter, klemmte sich das Paket unter, fasste mit der rechte Hand den Koffer. Oma hatte in der Küche eine Kerze angezündet. Die junge Frau küsste ihre Mutter auf die Stirn, deutete ein Winken in Richtung des kleinen Mädchens an, öffnete mit zwei freien Fingern die Tür, trat sie mit dem rechten Fuß wieder zu.
Es ist dunkel geworden, trotzdem ist in kaum einem Haus Licht.
Deshalb ist nicht zu übersehen, dass der Kleinbus ganz pünktlich vor dem Häuschen halten wird.
Zum Wohl!
Liebe Mitbürger*innen,
danke, dass Ihr in den letzten Jahren so treu zu uns gestanden seid. Wie Ihr alle wisst, war unser Weg nicht leicht, und nun sind wir am Ziel. Zumindest vorläufig. Aber ich versichere Euch, dass ich meine ganze Kraft dafür einsetzen werde, unsere Erfolge mit allen Mitteln zu verteidigen und weiter auszubauen.
Eigentlich hatte ich an dieser Stelle einen Rückblick auf die vergangenen Jahre geplant. Doch wozu? Alte Wunden würden aufgerissen, und wir wollen uns doch in positivem Denken üben.
Sicher, vor unserem finalen Sieg konnten wir auf einigen Errungenschaften aufbauen, an denen ich – an denen wir – nicht ganz unbeteiligt waren. Daran möchte ich gerne erinnern: Schon vor mehr als zehn Jahren wurde das Tabakrauchen drastisch eingeschränkt. Zuerst wurden Raucher*innen in Restaurants, Kaffeehäusern und sonstigen Gaststätten eigene Räume zugewiesen. In öffentlichen Gebäuden und an Arbeitsplätzen in geschlossenen Räumen wurde Rauchen völlig verboten. Manche Firmen richteten eigene Raucher*innenbereiche ein, um das Verbot zu umgehen. Dieses Problem hat sich – wie Ihr wisst – schnell von selbst erledigt: Die Nichtraucher*innen klagten beim Arbeits- und Sozialgericht, dass sie viel weniger Pausen hätten, weil sie eben nie »schnell einmal auf eine Zigarette« gehen. Und sie bekamen recht!
Das totale Rauchverbot in allen Bewirtungsbetrieben war nach anfänglichem Widerstand der Betreiber*innen dann schnell umgesetzt. Vor allem, weil immer mehr Lokalbesitzer*innen aus unseren Reihen kamen. Oft waren es Quereinsteiger*innen, die frischen Wind in die muffige Szene brachten. Sie eröffneten vegetarische, oft sogar vegane Lokale, in denen Rauchen schon immer ein No-Go war.
Am generellen Rauchverbot im öffentlichen Raum – schließlich sollen Kinder und Jugendliche nicht durch negative Vorbilder beeinflusst werden – waren wir schon federführend beteiligt.
Nun war es also praktisch nur noch möglich, in der eigenen Wohnung, im eigenen Haus zu rauchen. Doch auch hier haben wir schon erste Erfolge erzielt, dies zu unterbinden. Immer mehr unserer Parteigänger*innen haben den Mut, gegen rauchende Nachbar*innen gerichtlich vorzugehen. Und immer öfter gewinnen sie diese Prozesse.
Liebe Freund*innen, ich bin stolz darauf, Euch mitteilen zu können, dass ein totales Rauchverbot kommende Woche im Parlament beschlossen werden wird! Da wir nun über mehr als zwei Drittel aller Sitze verfügen, ist die Abstimmung reine Formsache.
Aber wir sind eine Bewegung für die Bürger*innen, nicht gegen sie. Für sehr alte Menschen, achtzig aufwärts, die sich auf die neuen Zeiten nicht mehr einstellen können, wird es eigene Einrichtungen geben, wo sie ihren vertrauten, aber leider schädlichen Gewohnheiten nachgehen können. Wir denken an die Ansiedlung in strukturschwachen Gegenden, die so auch vor der gänzlichen Abwanderung gerettet werden. Einen Modellbetrieb gibt es bereits im nördlichen Waldviertel. Selbstverständlich bekommen Betreuer*innen und medizinisches Personal, das bereit ist, unter diesen erschwerten Bedingungen zu arbeiten, eine spezielle Sicherheitsausrüstung, die auch Gasmasken beinhaltet und eine erhöhte Gefahrenzulage, die gesetzlich festgeschrieben ist.
Doch diese Erfolge dürfen uns nicht darüber hinwegtäuschen, dass noch viel zu tun ist. Bei der Reduktion des Zuckergehalts in Getränken und Lebensmitteln haben wir schon erste Schritte gesetzt, auch eine flächendeckende Kennzeichnung sämtlicher allergenen Inhaltsstoffe haben wir durchgesetzt. Was allerdings noch aussteht, ist eine deutliche Reduktion des Fettgehalts unserer Lebensmittel. Vielen von Euch ist jetzt schon bewusst, dass versteckte Fette praktisch überall lauern. Liebe Freund*innen, tun wir uns und allen anderen etwas Gutes: Verbieten wir einfach diese Gefahrenquelle für unsere Gesundheit und damit unserem Wohlbefinden! Ich gebe Euch mein Wort: Wir werden alles in Bewegung setzen, um ein entsprechendes Gesetz durchzubringen. Da können alle Noch-anders-Denkenden sich gerne über eine »Schweinsbratensteuer« lustig machen.
Überhaupt muss der Fleischkonsum drastisch eingeschränkt werden. Er erzeugt nicht nur einen unverantwortlich großen ökologischen Fußabdruck, er ist auch schlecht für unseren Stoffwechsel, macht uns krank. Gänzlich verbieten wird sich das Fleischessen nicht lassen, weil sonst sofort der Verlust kultureller Identität moniert werden würde. Aber wir denken an eine Rationierung und sind gerade dabei auszuloten, ob sich die Menge des Fleischkonsums über die e-card steuern lässt. Unser Ziel ist es natürlich, dass wir uns in Zukunft nur noch rein pflanzlich, biologisch und ohne künstliche Zusatzstoffe ernähren. »Saisonal, regional, frisch zubereitet« dürfen keine leeren Schlagworte bleiben. Im Gegenteil: Sie müssen unser aller Lebensstil werden, soll unsere Erde weiterhin bestehen. Die Zeit, die wir länger in der Küche verbringen, ist gut investierte Zeit!
Doch es geht nicht ausschließlich um die Nahrung. Denkt nur an das Verkehrsverhalten vieler unserer Mitbürger*innen. Ihr habt schon das Bewusstsein erlangt, dass der motorisierte Verkehr weitestmöglich aus unserem Lebensraum verbannt werden muss. Ihr fahrt mit dem Fahrrad, führt eure Kinder im Anhänger, konstruiert sogar spezielle Lastenräder. Diese Haltung muss in der gesamten Gesellschaft nachhaltig verankert werden. Als erste Maßnahme werden wir – zumindest in dichtbesiedelten Gebieten – eine lückenlose Videoüberwachung einführen, um unnötige Autofahrten sofort zu registrieren und ahnden zu können.
Noch einer weiteren Gefahr müssen wir unsere Aufmerksamkeit schenken: Das Binnen-Sternchen war schon einmal fast selbstverständlich, zumindest in Schulen und allen amtlichen Texten. In den letzten Jahren ist allerdings die Fraktion derer, die für eine angeblich bessere Lesbarkeit von Texten plädiert, schriebe man nur die männliche Form, wieder stärker geworden. Dem muss Einhalt geboten werden! In unserer Gesellschaft sollen sich alle Geschlechter, ob weiblich, männlich, transgender oder mehrgeschlechtlich, wohlfühlen!
Wohlfühlen, das ist es schließlich, wofür wir angetreten sind und wofür Ihr uns gewählt habt. Jegliches Risiko, dass unser Wohlfühlen reduzieren könnte, muss minimiert werden. Darum werden wir Folgendes sofort umsetzen: Aus allen Bildungseinrichtungen – beginnend bei der Kinderkrippe bis zu Universitäten und Hochschulen – werden ab sofort alle Ideologien und Lehren verbannt, die unser Wohlbefinden einschränken könnten. Bildungseinrichtungen müssen Stätten des Wohlfühlens sein, damit wir uns den wichtigen Themen widmen können. Nicht Orte, an denen abweichende Geisteshaltungen unseren Lebensstil stören. Kritiker*innen werden einsehen, dass unsere Haltung die alleinig richtige ist.
Darum liebe Freund*innen: Wir werden alles daran setzen, dass Ihr Euch in Zukunft ungehindert, umfassend und total wohlfühlen könnt!
Danke für Eure Aufmerksamkeit. Auf in eine schönere Zukunft!