Czytaj książkę: «Das Paradies im Schnee»
Rudolf Stratz
Das Paradies im Schnee
Saga
Das Paradies im SchneeCopyright © 1928, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507308
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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– a part of Egmont www.egmont.com
An meine Söhne und Enkel. Zu öffnen ein Jahr nach meinem Tode.“
So habe ich auf den versiegelten Umschlag dieser Schrift geschrieben. Wenn Ihr die Siegel brecht — Ihr, meine Söhne — und Ihr vom übernächsten Geschlecht, so öffnet Ihr mit diesen dann längst vergilbten Blättern eine Beichte der Schuld und der Reue. Einer Schuld, die mein Leben lang in mir schlief. Einer Reue, die mein Leben lang in mir wachte.
Ihr, meine Söhne, habt dann vielleicht schon längst Euren Söhnen berichtet, was Euch selbst nur noch durch Hörensagen zukam: dass ich, Euer Vater, in jungen Jahren ein Mensch war, der das Leben unbedenklich in durstigen, allzu durstigen Zügen trank — gleichviel, wo seine Quellen schäumten —, für den Leben Lachen hiess und Lachen Lieben — und der über Nacht ein anderer wurde — unversehens — inmitten des fröhlichsten Walzertraumes, unter der heissen Wintersonne des Engadins — kurz vor seiner Hochzeit — und der das zeitlebens blieb, was er da wurde, der ernste Mann der Pflicht und Arbeit, als den Thr und seine Nächsten, seine Freunde, alle Welt ihn kennt.
Aber das Rätsel dieser Wandlung kennt von Euch allen keiner. Dies Rätsel lösen diese Blätter. Diese Blätter sollen beichten, was nur drei Menschen auf Erden, während ich dies schreibe, wussten und wissen. Ich — meine heissgeliebte Frau, Eure Mutter — und noch einer — den ich nicht kenne, von dem ich nicht weiss, wie er hiess — wer er war — von wo er kam und in mein Leben trat. . . .
Ich schreibe es nieder, wie es war. Es ist Zeit genug seitdem vergangen, dass ich mich selbst in der Entfernung der Jahre klar, fast als einen Fremden vor mir sehe — in doppelter Gestalt, Richter und Angeklagter zugleich.
Namen? Namen sind Schall und Rauch. Namen erben das Verhängnis vergangener Tage auf schuldlose Geschlechter fort. Ich nenne hier keinen Namen. Die Vornamen, die ich nenne, sind falsch.
Nur der Name meiner Frau ist echt — goldecht, wie sie selber. Du bleibst in diesen Blättern, wie du damals warst, du meine geliebte Frau — und was du mir seitdem warst — diese langen Jahre hindurch — und hoffentlich noch ein langes Leben lang, bis unsere Haare weiss geworden sind wie der Schnee des Engadins und unsere Herzen heiss geblieben sind zueinander wie die Sonne des Engadins.
Denn den Ort, wo alles geschah, will ich melden, Weil nur in seiner Umwelt das geschehen konnte, was geschah. Es ist die Winterwelt über den Wolken, der Süden unter blauem Himmel in weissem Schnee, es ist das Alpenhochland, in dem heisse Sonnenglut und eisiger Firnhauch ineinanderfluteten wie Tod und Leben. Und zwischen Tod und Leben ging damals mitten durch den bunten Jahrmarkt winterfrohen Treibens einher auch mein Weg in dem Alpendorf.
Es war eiskalter Winter, als ich durch die Schweiz dorthin fuhr. Nebel hingen in den tief verschneiten Tälern; durch fahles Grau der Luft und bleiches Weiss der Hänge wand sich der Zug aus Chur empor, neben sich zur Seite, zur Seite der Kehren und Galerien die finster starrende Wildnis der Albulaschlucht. Tunnel auf Tunnel. Eine Viertelstunde fast, eintönig donnernd, durch die Nacht eines Berges. Die Welt wird licht! Das war nicht mehr der kranke Tagesschein der Täler wie bisher. Goldbahnen der Sonnenfluten über dem Schnee. Tiefblau leuchtend wölbt sich der Himmel. Strahlende Helle — die Helle der Höhe — des Engadins — blendet die Augen.
Diese Augen des Malers, des Landschaftsmalers, der gekommen war, zu sehen und dem, was er sah, auf der Leinwand leuchtendes Leben zu geben.
Im Gepäcknetz oben, im Abteil, hatte ich mein nötigstes Handwerkszeug bei mir: Skizzenbuch und Pastellstifte, um die köstlichen, nur Minuten währenden Farbenspiele von Sonne, Luft, Licht, Schnee, Himmel, Gletscherglanz in fliegenden Strichen festzuhalten. Wasserfarben wären mir jetzt im Winter im Pinsel eingefroren. Staffelei, Palette, Ölfarben, das war die spätere Sorge im Atelier. Im Kampf mit dem grimmen Winter stand man draussen nur auf Vorposten der Kunst. Spähte, skizzierte, brachte hastig heim, was man dem Tod durch Frost und frühe Nacht in den haushoch verschneiten Bergschlünden geraubt. Neben der Skizzenmappe lag mein alter, bewährter Eispickel, der mich schon auf alle Gipfel Europas begleitet. Lag gerollt das rot durchwirkte, vom Alpenklub geprüfte Gletscherseil aus bestem Manilahanf, das, wenn es not tat, ohne zu zerreissen, zwei abgestürzte Menschenkörper hielt. Mein Koffer barg, neben dem Malgerät, die Ausrüstung eines Nordpolfahrers: Ohrenklappen — Pelz — hohe Filzstiefel. Mein riesiges neues Atelier war das Engadin. Meine künftigen Modelle die Bergungeheuer. Sie waren bequemer als andere. Sie wurden in alle Ewigkeit nicht müde. Sie hielten regungslos still. Denn sie waren tot. Aus ihnen kam der Tod . . . . Sein Hauch streifte in den nächsten Tagen nicht nur meinen Leib, sondern auch meine Seele.
Meine erste Frage im Hotel war, ob meine Braut mit ihren Eltern schon angelangt sei. Die Ungeduld des Verliebten gab mir die Frage ein. Eigentlich konnte ich Mara noch nicht erwarten. Sie kam vom Süden her — aus dem Frühling der oberitalienischen Seen. Sie hatte von Chiavenna aus mit dem Schlitten die Fahrt über Maloja durch das ganze Oberengadin vor sich. Es mochte Abend werden, bis ich sie in meine Arme schliessen konnte . . .
Indes war es noch klarer Spätnachmittag. Noch kaum ein Ahnen von Abendkälte und Mitternachtschwarz in der fast klaren, eisdünnen, von den Sonnenstrahlen durchzitterten, belebten, durchglühten Luft. In tiefen Zügen genoss ich diese trockene, herbe, das Blut durchpulsende, die Wangen rötende, das Herz aufmunternde, feurig wie Firnwein zu Kopf steigende Luft des Engadins, während ich vor den Gasthof trat — halb sommerlich gekleidet — ohne Mantel, wie hier alle Welt, die sich zwischen Schneehügeln auf den Bänken sonnte, auf den Wegen schlenderte, auf den Sportplätzen tollte und rundum stand und zusah. Lachen tönte. Laute in allen Sprachen. Rufe beim Spiel. Schellengeläute. Musik. Unten, fern, irgendwo in den Tiefen schon dämmernder Täler hausten Ungeheuer. Lindwürmer, die Not und Sorge — Drachen, die Tagesmüh, Krankheit, Weltschmerz heissen. Hier herauf wagten sie sich nicht. Die sonst unzertrennlichen Begleiter des Menschenlebens. Sie starben an dieser heissen Sonne, diesem hellen Lachen, diesem flinken Sprung und Schwung nervig gestählter Körper von Männern und Frauen. Sie verwehten wie Gespenster am hellen Tag.
Eine Welt des Augenblicks. Eine Welt des Glücks. Ich passte in sie hinein. Ich war glücklich. Jung, gesund, stark, sorgenfrei und schaffensfroh. Verliebt und verlobt. Ich streckte die Arme aus. Ich atmete aus tiefer Brust. Ich freute mich auf meine Braut. Ich freute mich über die Sonne und die Menschen unter der Sonne. Ich freute mich auf morgen. Ich freute mich des Lebens und auf das Leben. So ging ich hinaus in dies Paradies im Schnee . . .
Und mein Geschick erfüllte sich, dass der Schnee zu brennen anfing und Flammen aus dem Eis schlugen. . . .
Verborgen wie die Wasser der Gletscherschlünde unterirdisch durch die stille Nacht rauschen, so rinnen die Lebensläufe der Menschen. Ihre inneren. Ihre eigentlichen. Nicht, dass sie geboren wurden, eine Zeitlang da waren und starben. Das ist nur das Gleichnis und die Hülle für das stumme Irren und Suchen von Millionen von Seelen unter der Sonne, in das nur selten einmal ein klärender Lichtstrahl der Aussenwelt hineinleuchtet. Das meiste im Menschen rinnt in ewiger Nacht wie die Bäche im Gletscher, so wie sie, befreit durch das Eistor der Moränen, zu den Menschen strömen, so möge durch das Tor des Todes — wenn ich nicht mehr bin — das, was ich, den Menschen unbewusst, mitten zwischen ihnen durchlebte, zu den Menschen gelangen.
Ich schlenderte achtlos durch das Dorf. Ich dachte an meine Braut und lächelte. Ich dachte — vielleicht dachte ich an nichts . . . wozu immer denken? . . Denken die Sonnenlichter auf tausend körnig glitzernden Schneekristallen? Denkt diese windstille, nur ganz leise von Sonnenwärme durchzitterte Luft? Denkt der schlafende See da unten unter seinem verschneiten Eisspiegel? Eins sein mit der Natur — sie fühlen — in sich fassen — halten — sie im Bild erneuern — — wozu ist man Künstler, wenn man nicht mit offenen Augen träumen, sehen, suchen darf?
Suchen — finden — ohne dass man sucht, ohne dass man will, weil es das Schicksal will — das Schicksal führt — das Schicksal — gewaltig wie in der Griechensage über Göttern und Menschen — Und des Menschenschicksals Kern und Inbegriff: die Liebe . . .
Ich suchte nicht die Liebe. Ich besass sie ja. Ich war verlobt und verliebt — nein — mehr und besser: ich liebte meine Braut. Aus ganzer Seele und aus vollem Gemüt, so wie sie mich liebte und mit sehnendem Herzen jetzt unterwegs zu mir war. Und doch fand Liebe mich, und ich fand beinahe den Tod.
In was verliebt man sich bei einer Frau?
Man fragt es oft uns Künstler, die dem schönen Leib, man fragt die Dichter, die der schönen Seele der Frau in ihren Werken ewiges Leben schenken. Antwort fand noch keiner auf Erden.
Verliebt man sich in Gesicht und Gestalt? Tausend andere sind schöner! Verliebt man sich in die Stimme? In einen Blick aus tiefen Augen? Es gibt noch unergründlichere Augen in Evas Geschlecht. Verliebt man sich in ein Lachen? Eine Bewegung? Verliebt man sich in einen Zufall, der ein Menschenleben bestimmt?
Euch, die Ihr künftig diese Zeilen lest, will ich das Geheimnis vermachen, das, mir wenigstens, aus meinem Schicksal ahnend unbestimmt, unfassbar, als letztes Rätsel aller Dinge, vor der Seele steht, so wie es aus dem jähen Sturm und der Windstille jener Zeit in mir noch jahrelang seine Menschenaugen verborgenen Wellen schlug und erst langsam allmählich im Frieden und Glück meiner Ehe bis zur Ruhe und Reife meiner jetzigen Tage verebbte: man verliebt sich in die Erinnerung. . . .
Erinnerung? . . . An was? . . .
An irgendeinmal . . .
Irgendwo . . .
Nicht in diesem Leben. . . Lang — lang ist’s her . . . viel zu lange für Menschenhirn und Menschenherz, als dass sie es noch wüssten . . .
Aber ein Ahnen ist geblieben — ein unbestimmtes — in wirren Schattenbildern, wie beim Erwachen aus dem Traum . . .
Dem Erwachen von einem Leben zum andern. Im ewigen Rätsel der Welt.
Wir leben viele Leben. Ich bin kein Philosoph. Aber das scheint mir sicher. Nichts, was entsteht, geht zugrunde. Das lehrt die Wissenschaft. Also muss es sich in einer Form erneuern, die uns fremd scheint und die wir doch selber sind.
Wir leben viele Leben. So verkündet es schon Indiens uralte Weisheit. Wir vergessen eines über dem andern. Aber ein dunkles Bewusstsein bleibt, wie im Erwachsenen die Erinnerung an die erste Kindheitszeit. Ein dumpfes Sehnen will mitten in Luft und Leid der Welt um uns herum doch in einem nicht sterben. Das Haften des Herzens an irgend etwas längst Gewesenem — das Aufschrecken wie aus tiefem Schlaf, wenn das Gewesene wieder wach wird . . .
Sucherin ist die Menschenseele. Ewig sucht sie sich selbst. Sucht der Mann das Weib und das Weib den Mann — eins und doppelt — getrennt von dem grausamen Schnitt der Natur mitten durch nach jener letzten Lehre des griechischen Weisen Plato — und doch innerlich untrennbar, mit unsichtbaren Fibern und Fasern und Nerven zusammenhängend — eins sein wollen vom Urbeginn bis zum Ende — und doch selber nie eins werdend, sondern immer nur im nächsten, im neuen Geschlecht zu ewig neuem Spiel . . .
Als ich sie an jenem Nachmittag zum erstenmal sah, da erfüllte sich wieder einmal dieses geheimnisvolle Gesetz — dieser Vorgang im Innern, für den ich keine andere Erklärung finde . . .
Irgendeine Urwelt wurde wach . . . Von irgendwo nachwirkende Urkräfte nahmen von mir Besitz . . .
An sich war da wirklich nichts Besonderes: Sie sass am Anfang der Crestabahn oben, mit ihren drei Gefährten rittlings, abfahrtfertig auf dem Bobsleigh. Das Zeichen war gegeben. Aber der Schlitten kam trotz des Stosses, der Stiefelabsätze nicht von der Stelle. Ich war zufällig der einzige in der Nähe stehende Zuschauer. Sie wandte vom Boden her den Blick zu mir empor, einen gleichmütigen Blick blauer Augen, der halb Lächeln, halb Befehl war, den Schlitten anzuschieben. Ich bückte mich und half, den Bobsleigh in Schwung zu bringen. Dabei sahen wir uns eine Sekunde an . . .
Dann knirschten die Kufen, sauste der Schlitten, hoben sich die Arme, bogen sich die Oberkörper nach dem Takt des Vordermannes, hinter dem sie sass. Sie nickte im Davonhuschen freundschaftlich zu mir zurück . . .
Freundschaftlich — gewiss — im Sinne des Sports. Dank an einen fremden Gentleman für irgendeine kleine Mühe . . .
Und ich stand und sah ihr nach, wie der schwerbepackte Schlitten schief, scheinbar bis zum Kippen, auf halber Höhe der steilen Eiskurven hinschoss, immer kleiner wurde, verschwand.
Soll ich sagen, dass sie schön war? Sie war es. Aber mir war sie es in diesem Augenblick nicht. Das war sie mir erst später. Für ein Malerauge konnte sie es in diesem Augenblick immer nur in Umrissen, in der Ergänzung durch die Einbildungskraft sein. Die Vermummung des Wintersports raubt einer Frau nicht ihre Reize, aber sie verbirgt sie. Das reichste Haar verschwindet unter der farbigen Zipfelmütze, der zarteste Hals unter dem Schal, die schlankste Gestalt lässt sich unter den dicken Hüllen nur noch ahnen, die Hände stecken in fest gestrickter Wolle und Stulpen, die Füsse in überderben Schuhen.
Nur die Augen, die trugen keine Schneebrille wie bei Gletscherwanderungen. Die lachten, kalt und tiefblau wie der Winterhimmel über uns, mir über die Schulter beim Abfahren während des Bruchteils einer Sekunde kameradschaftlich zu.
Eine Kameradschaft — aber nicht von eben jetzt. Nicht von gestern. Da war auf einmal in mir diese übermächtige Empfindung — diese feierliche Helle: Wir haben uns wieder einmal gefunden — wir beide — wie schon so oft im früheren Leben . . .
Nicht, dass es mir bewusst wurde — aber irgend etwas dämmerte in mir: So haben wir beide schon zusammengekauert, in Renntierpelze gehüllt, in Höhlen der Eiszeit gesessen und das Mark aus den Knochen des Mammuts geschlürft. So stiegen wir vielleicht, blondmähnig, wild, Germane und Germanin, in die Völkerwanderung und diese Schneetäler hinab zu den Gefilden des Römerreichs. Für dich brach ich die Lanze in jenem Turnier, und es dunkelte im Sturz vom Ross wieder einmal vom Tod für dich vor meinen Augen. Glockenklänge summen dazwischen — düsteres Schicksalsläuten — von einer sündigen Nonne und einem gottvergessenen Mönch — sie mussten beide sterben — sie sind schon oft gestorben — miteinander — füreinander — sie leben immer wieder — sie finden sich immer wieder — unter der Larve des Tags — im bunten Maskentreiben des Lebens — in der Fastnacht auf dem Eis und in weissem Schnee — hier unter dem Zeichen des Engadins.
Ein Glücksgefühl? — Nein — ein seltsames, feierliches, über alles Irdische hinausgehendes Ahnen. Und in diesem Ahnen — so wunderlich es klingt — eine tiefe, gewaltige, die ganze Seele erfüllende Trauer. Das Nachzittern eines erhabenen und furchtbaren Schicksals, das schon einmal uns beide — sie und mich — ereilt hatte. Irgend etwas Entsetzliches war schon einmal — irgendwo und irgendwann mit uns geschehen. Das bebte in uns nach. Das lag in unserm stummen Erkennungsblick: Weisst du noch?
In ihren kühlen blauen Augen hatte ich nichts derlei gesehen. Das Merkwürdige war, dass ich mir darüber keine Gedanken machte, ich dachte überhaupt nicht nach. All das, was ich hier schreibe, wurde mir erst nachträglich klar. Ich war auch vollkommen ruhig. Ich handelte wie selbstverständlich und doch wie unter einem Zwang. Ich ging mit raschen Schritten hinunter ins Tal nach Cresta. Auf der Landstrasse, die von da nach dem Dorf emporführt, kam mir langsam ein Pferdeschlitten entgegen, in dem sass sie, der Bobsleigh baumelte leer hinten dran an einem Strick. Ihre drei Begleiter gingen in einiger Entfernung in einer Reihe zu Fuss hinterher.
Ich hielt ein winziges goldenes Zigarettendöschen in der Hand. Das hatte ich oben auf der Abfahrtsstelle im Schnee liegend glitzern gesehen und aufgehoben. Es musste ihr beim Aufsitzen auf den Rennschlitten entfallen sein. Ich hielt es in die Höhe. Sie sah es, sprang mit einem elastischen Satz aus dem Schlitten und kam über die Strasse auf mich zu. Nun, wo sie aufrecht in dem weissen Pullover und den schwarzen Breeches ging, sah man, dass sie gross und schlank war, von federndem Wuchs. Ihr schönes, von der kalten Luft belebtes Gesicht war selbst kalt und heiter wie der scheidende Sonnentag über Firn und Schnee.
„Gott sei Dank!“ sagte sie erfreut und griff nach dem Etui. Sie nahm sich gleich eine der Zigaretten, rauchte und bot auch mir eine an. Nebeneinander gingen wir zu dem Dorf hinauf.
Ich nenne sie Konstanze. Sie hiess anders. Es ist gleich. Ich sage nicht, ob sie Frau, Mädchen oder Witwe war. Denn es ist für diese Begebenheit hier ohne Belang. Sie lebt noch, während ich diese Zeilen schreibe. Ich weiss es. Sie — das heisst: derjenige Mensch, der sie wirklich war und ist — ein Mensch wie andere — nicht das Urbild — das Irrlicht seit Erschaffung der Welt, das mir in ihr in jenen Stunden zu Leben und Blut wurde. Ich fragte sie, wie die Fahrt verlaufen. Sie nickte lachend. Gut! Die Zeit war leidlicher Durchschnitt! Die Bahn konnte besser sein. Es gab rauhe Stellen. Ein Hündchen hatte sich darauf verirrt. Wegen so eines Köters konnte man Arme und Beine brechen. Wir schwatzten Sportgesimpel bis zum Hotel. Ganz unbefangen von ihrer Seite. Solange sie dicke Wolle, Doppelsohlen, Gletscherstrümpfe und bauschige, tuchene Kniehosen trug, schienen ihr die Männer gute Kameraden.
Und ich? . . . Ich trank die Schönheit ihres Gesichts. Ich versank in der blauen Tiefe ihrer Augen. Ich schlürfte ihre Stimme. Ihr Lachen. Ich war stumm und liess sie reden. Vor dem Hotel blieb sie stehen. Sie wohnte im gleichen Haus wie ich. Sie nickte mir flüchtig zu, während ihr Gesichtsausdruck dabei schon wieder etwas Fremdes und Gleichgültiges bekam, so wie man sich von irgendeinem Fremden trennt. Sie stampfte sich die Eisbrocken von den Schnürschuhen und trat ein. Ich stand noch draussen auf dem Platz im Schnee. Der Abend graute schon. Von allen Seiten kamen die Sportsleute heim und bevölkerten zunächst, ehe sie sich für den Abend umzogen, die Fünfuhrtees der Hotels und Konditoreien. Die fahlgewordene Luft, aus der alle verklärende Leuchtkraft der Sonne gewichen war, wurde rasch schneidend kalt. Aber in mir war eine zitternde Wärme. Ein tiefes, befreites Aufatmen. Ein Ruf — ein Echo aus weiter Ferne: Ich bin da! Ein unerklärliches: Endlich — endlich hab’ ich dich wieder . . .
Und darum nicht die Unrast — das Herzhämmern — das Freudvoll und Leidvoll des Verliebten — sondern eine erfüllte, grosse Ruhe. Eine Vollendung. Endlich ist die Welt vollkommen. Ich habe sie gefunden . . .
. . . und weiss, dass ich sie wieder verlieren werde — verlieren muss. Und daher die Tränen im Lachen. Die tiefe Wehmut im Glück. Der Durst nach dem Rausch der fliehenden Stunde. All das, was ich liebe, heisst . . .
Nein. Nicht Liebe. Leidenschaft!
Alles, was ich tat — oder vielmehr, was mit mir geschah, während eine fremde, schattenhafte Riesenhand die meine führte — alles war nur der Kampf zwischen Feuer und Wasser, Tag und Nacht, Leben und Tod — der Kampf zwischen Liebe und Leidenschaft, die beide zu gleicher Zeit in meiner Seele wohnten.
An jenem Abend, wie gesagt, war in mir noch kein Widerstreit der Gefühle und der Pflichten, wie er in den nächsten Tagen mich zerriss. Meine Braut war ja noch nicht da. Und in mir war nur eine tiefe, träumerische Müdigkeit, wie nach Erreichung eines langgesuchten Zieles . . .
Ein Mann trat, knapp die Mütze lüftend, auf mich zu. Er war in Lodenrock und Kniehosen, ein gerolltes Gletscherseil um die Schulter, den Eispickel in der Hand. Ich hielt ihn für einen Bergführer, der mir seinen Dienst anbieten wollte. Ich war daran, eben mit der Hand abzuwinken. Denn ich bedurfte keines Führers. Ich war seit Jahren gewohnt und geübt, allein in die Berge zu gehen. Nicht, um mit ihren Gefahren zu spielen, die jetzt im Winter die zehnfachen waren. Aber die Nähe dieser bärtigen, pfeiferauchenden, wetterbraunen, prächtigen Männer und Mietlinge verbannte mir alle guten Geister der Kunst und des Schauens, wenn vor mir in heiliger Höheneinsamkeit die weisse Märchenwelt ihre Wunder und ich andächtig die weissen Blätter meines Skizzenbuches öffnete.
Aber da erkannte ich: das war kein Führer. Das war ein Einzelgänger der Berge wie ich.
Ein Mann in meinem Alter. Das von der Gletschersonne verbrannte, bartlose Gesicht noch jung. Aber ein tiefer, stummer Ernst über seine Jahre hinaus um den Mund und in den Augen. Ich hatte diesen Mann nie anders als in diesem stillen Ernst gesehen. Getroffen hatte ich ihn wohl schon ein halbes dutzendmal — nicht unten in den Tälern — unter den Menschen — sondern in der Welt über den Wolken, in den einsamsten und entlegensten Klubhütten. Bei dem gemeinsamen Nachtlager auf der Pritsche unter Wolldecke, in tiefer Stille oder Sturmgeheul draussen vor den niederen Steinwänden hatten wir über dies und jenes geplaudert. Er sprach Deutsch wie ich. Aber welches seine Nationalität war, das war mir nicht bekannt. Er nannte sich Morris. Ich wusste und hatte es selbst gesehen, dass er für einen Gletschermann ersten Ranges gelten konnte.
„Sie wollen in die Berge?“ fragte er ohne Umschweife.
Ich bejahte. Zerstreut. Eigentlich dachte ich in dieser Stunde nicht an die Berge.
„Ich kam gestern an. Ich machte heute eine Rekognoszierung in das Bernina-Gebiet. Es liegt zu wenig Winterschnee. Die Gletscherspalten sind schwach überbrückt. Es ist dieses Jahr sehr gefährlich.“
„Gott sei Dank ist es gefährlich!“ sagte ich, nur mit halbem Ohr zuhörend; „sonst liefe ja jeder hinauf und störte einen.“
„Trotzdem wäre es ausnahmsweise besser, sich anzuseilen und zu zweit zu gehen!“
Während er das, sagte, fiel mir ein: Das ist ja kein treuherziger, ungebildeter Führer! Dieser ernste, wortkarge, zurückhaltende Mann verdirbt mir nicht die Stimmung! Er weiss, dass ich Maler bin. Seine Nähe, seine Ruhe, seine Bergerfahrung können mir von Nutzen sein.
„Einverstanden!“ sagte ich, und plötzlich schoss mir eine Welle heissen Bluts vom Herzen zum Kopf . . . „Aber morgen kann ich noch nicht aufbrechen. Ich erwarte meine Braut!“
Morris schaute nicht erst nach den Wolken an dem klaren Himmel, an dem schon die ersten Sterne strahlend funkelten. Er spähte in der hier stets unbewegten Luft nicht nach der Windrichtung, wie man es im Sommer, am Vorabend des Aufstiegs, in Grindelwald und Zermatt tut. Hier war jeder Tag wie der andere. Eine Dreifarbigkeit von Himmelblau, Sonnengold und Schneeweiss. Es kam auf einen Tag früher oder später nicht an.
„Gut Sprechen wir morgen um diese Zeit weiter darüber!“ sagte er und bückte sich auf die Erde nach seinem kleinen Dachshund. Dieser schwarzbraune Teckel — jetzt entsann ich mich — war sein unzertrennlicher Begleiter. Morris führte ihn bei Tag und Nacht mit sich. Wenn das Tierchen über Gletscher und auf Eishängen auf seinen vier eigenen Pfoten nicht mehr mitkonnte, steckte er es einfach in seinen Rucksack. Der kluge, kleine Krummbein war schon daran gewöhnt. Er war eine Art alpine Berühmtheit. Denn er war sicherlich der einzige Hund in Europa, der die Welt schon, geschäftig im Schnee schnoppernd, vom di Gipfel des Montblanc und des Matterhorns aus betrachtet hatte.
Morris hatte seinen kleinen Freund — vielleicht den einzigen, den er besass — eingepackt, grüsste und verschwand mit dem langsamen, schweren Schritt des müden Bergsteigers im Dunkeln. Ich ging ins Hotel. Man meldete mir, dass man noch nichts von meiner Braut und ihren Eltern wisse. Ich nickte wie im Traum. Ich fuhr im Lift in mein Zimmer hinauf und zog mich um wie im Traum. Ich stieg wieder hinunter wie im Traum.
Noch nichts von meiner Braut. Aber da unter der Palme in der Ecke war ein Wunder. Da sass sie. Die andere.
Nicht mehr der frische Sportkamerad der Männer von vorhin. — Jetzt war sie Weib. Ganz Weib. Die Winterröte war aus den Wangen gewichen. Sie war blass. Mit einem gesunden, leuchtenden, lebenden Perlmutterschimmer der Haut. Die Augen lachten nicht mehr blank wie das Eis da draussen. Sie waren weich und glänzend geworden. Sie blickten mich heiter an. Und doch dämmerte für mich — nur für mich — im Hintergrund dieser blauen Sterne eine leise Wehmut — das geheimnisvolle: Weisst du noch? . . . Ein Schauer von etwas Furchtbarem — Gewaltigem —, das einst, in alten Zeiten und längst vergangenen Tagen, unser beider Schicksal war und sich uns nun erneute — in ewiger Wiederkehr der Dinge, vor der die Zeit schwindet, der Raum zu nichts wird, alles, was wir sind und tun und leiden, zu einem unendlichen, unbewegt in sich ruhenden und unbegreiflichen Gleichnis wird. Mögen wir seine Lösung Gott nennen — Liebe — Tod — es ist alles ein und dasselbe. Ich bin darin begriffen. Du. Mein Ich versinkt in dir. Wir beide in etwas Unendlichem. Es kann uns nichts mehr geschehen. Denn wir sind ja selber das Schicksal. Wir sind die Unendlichkeit. Das waren die Schauer meiner Seele. Aug’ in Aug’ mit diesem fremden, jungen Weib, von dem ich nicht Namen, nicht Herkunft — nichts wusste und doch alles.
Ich zog einen Stuhl heran und setzte mich zu ihr. Sie liess es geschehen. Es schien ihr zu schmeicheln. Sie hatte wohl inzwischen erfahren, dass mein Name als der des damals schon weitbekannten Landschaftsmalers kein alltäglicher war. Denn sie fragte mich, ob ich hier im Winter, im Freien, zu malen gedenke. Das müsse doch furchtbar kalt sein . . .
Ich sah sie an. Sie hatte sich für den Abend schön gemacht. Was für ein Kleid sie trug — welche Frisur — wir Männer wissen das ja nie. Selbst ich als Künstler achtete nicht darauf. Mir erschien sie schön. Und sie war es wohl auch wirklich.
Denn es war um sie jenes Unfassbare, jenes leise elektrische Zittern — jene Wellen von Wärme — der Strahlungskreis einer schönen Frau. Die Blicke anderer Frauen auf sie — die Blicke der Männer — Zunicken von Bekannten — Zurufe im Vorübergehen — Winke von Freunden und Freundinnen. Sie schien hier die ganze Welt zum Freund zu haben. Die irdische Sonne des Wintersports, im Engadin, wie draussen ihre grosse, goldene Schwester am Himmel tagsüber über Gerechte und Ungerechte schien, und wenn jene gesunken war, abends selbst der strahlende Mittelpunkt im Gesellschaftstreiben der hell erleuchteten Säle. Fortwährend kamen Abordnungen. Zudringliche Herren und Damen. Da wurde sie hingebeten. Dort wurde sie ungeduldig erwartet. Hier hatte sie sich verabredet. Sie schüttelte nur immer, mit liebenswürdigem Lächeln und flüchtigem Augenaufschlag, den blassen, geheimnisvollen Kopf und plauderte mit mir. Wir sprachen vom Wetter . . .
Immerhin — keine Kleinigkeit für Sport und für Kunst, wenn man beides im Freien übte. Dazu brauchte man die Sonne. Aber die Sonne war ja hier das tägliche Brot. Sie stand jeden Tag am Himmel. Da war keine Sorge.
Aber wir brachten es doch fertig, darüber zu reden. Ich redete. Von der Sonne. Die Sonne war meine Freundin. Was ist ein Maler ohne Licht und ohne die leuchtende Himmelsleiter von Farbentönen, in denen das gebrochene Licht sich märchenhaft spaltet? Mögen andere die Welt grau in grau sehen und sie still und bleich, ohne Helle, ohne Schatten, auf die Leinwand bannen! Gott grüss’ die Kunst! Mach’ es jeder, wie er’s versteht. Auch da sind grosse Meister. Nur mit akademischer Kälte und wohltemperierter Atelierkomposition kann man mich jagen! Aber in meinem Pinsel loht die Leidenschaft! Die Farben schlagen aus ihm wie Flammen. Die Welt brennt, die ich male! Denn mein Künstlerherz, das sie empfindet, brennt mit! Weh dem Schaffenden, der sich nicht verschwenden kann an alles, alles, worin er das Widerspiel seines eigensten Wesens erkennt — in dem sich nicht Ich und Aussenwelt in einem Rausch der Selbstvernichtung zum Kunstwerk vermählen!
Das alles sagte ich ihr — feurig — eindringlich — hingegeben. Und hatte dabei das Gefühl: Das alles habe ich dir ja schon lange gesagt. Und du mir. Und tausend andere Dinge, die wir wieder vergessen haben — wie wir uns selbst vergessen haben und nun wieder aufeinander besinnen.
Sie lächelte. Sie hörte aufmerksam zu. Wir müssen lange miteinander gesprochen haben. Ich weiss es nicht mehr. Es erregte jedenfalls ringsum Aufmerksamkeit. Ihr schien es gleich. Wenn etwas auf ihrem Gesicht zu lesen war, dann war es höchstens ein kleiner Triumph, einen Mann von berühmtem Namen — einen Mann, der mehr bedeutete als alle die anderen unter diesem beschneiten Hoteldach, so an sich zu fesseln. Ich begriff, dass sie nach aussenhin sich solch eine Maske einer siegreichen Weltdame geben musste. Was sie darunter wirklich war, das war sie nur für mich . . .
Dann auf einmal sah ich, dass ihre glatten und freundlich gespannten Züge sich veränderten. Ein Schatten huschte darüber hin. Etwas Fremdes. Ich hatte mich zu ihr vorgebeugt und sprach halblaut, weltvergessen, Aug’ in Aug’ mit ihr, auf sie ein. Ich hatte unbewusst, im Eifer des Gesprächs, meine Hand auf die ihre gelegt. Soweit ich sah, war niemand in der Nähe. Sie beugte sich zurück.
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