Czytaj książkę: «Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)»
Rosa Luxemburg
Gesammelte Werke (Über 150 Titel in einem Band)
Sozialreform oder Revolution + Briefe aus dem Gefängnis + Die Revolution in Russland + Die Krise der Sozialdemokratie + Zur Frage des Terrorismus in Rußland + Kirche und Sozialismus + Karl Marx...

Books
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musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-7583-321-1
Inhaltsverzeichnis
Aufsätze und verschiede Schriften:
Kirche und Sozialismus
Massenstreik, Partei und Gewerkschaften
Die Akkumulation des Kapitals
Sozialreform oder Revolution?
Die Krise der Sozialdemokratie
Was will der Spartakusbund?
Wie entstand die Maifeier?
Der erste Kongreß der deutschen Bergarbeiter
Der Sozialismus in Polen
Der englische Bergarbeiterstreik
Possibilismus und Opportunismus
Eine taktische Frage
Hohle Nüsse
Kautskys Buch wider Bernstein
Unser leitendes Parteiorgan
Zur Verteidigung der Nationalität
Um die Beute
Die „deutsche Wissenschaft“ hinter den Arbeitern
Die sozialistische Krise in Frankreich
Der Parteitag und der Hamburger Gewerkschaftsstreit
Das belgische Experiment
Vor Ludwigshafen
Zur Frage des Terrorismus in Rußland
Der Achtstundentag auf dem Parteitag
Karl Marx
Im Rate der Gelehrten
Geknickte Hoffnungen
Organisationsfragen der russischen Sozialdemokratie
Krieg
Sozialdemokratie und Parlamentarismus
Aus dem literarischen Nachlaß von Karl Marx
Nach dem ersten Akt
Das Problem der „hundert Völker“
Die Revolution in Russland
Terror
Im Feuerscheine der Revolution
Die Debatten in Köln
Eine maßlose Provokation
Die Lösung der Frage
Die zwei Methoden der Gewerkschaftspolitik
Einführung in die Nationalökonomie
Was weiter?
Ermattung oder Kampf?
Die Theorie und die Praxis
Friedensutopien
Marokko
Kleinbürgerliche oder proletarische Weltpolitik?
Frauenwahlrecht und Klassenkampf
Karl Marx
Lassalles Erbschaft
Das Offiziösentum der Theorie
Nach dem Jenaer Parteitag
Die Bilanz von Zabern
Die alte Programmforderung
Noch eine Lehre von Zabern
Die andere Seite der Medaille
Zweierlei Maß
Keine Überraschung
Für die internationale Solidarität!
Parteidisziplin
Der Wiederaufbau der Internationale
Perspektiven und Projekte
Entwurf zu den „Junius“-Thesen
Die Politik der sozialdemokratischen Minderheit
Resolution über die Aufgaben sozialdemokratischer Abgeordneter für die Beendigung des Krieges
Die Lehre des 24. März
Hundepolitik
Was ist mit Liebknecht?
Liebknecht
Wofür kämpfte Liebknecht, und weshalb wurde er zu Zuchthaus verurteilt?
Friede und Schiedsverträge
Offene Briefe an Gesinnungsfreunde
Die Revolution in Rußland
Wilsons Sozialismus
Rückblick auf die Gothaer Konferenz
Brennende Zeitfragen
Zur russischen Revolution
Die Nationalversammlung
Parteitag der Unabhängigen SP
Nationalversammlung oder Räteregierung?
Was machen die Führer?
Versäumte Pflichten
Das Versagen der Führer
Kartenhäuser
Die Ordnung herrscht in Berlin
Briefe Aus Dem Gefängnis
Reden
Reden in der Diskussion über Fragen der Taktik
Rede über das Verhältnis der trade-unionistischen zum politischen Kampf
Rede in der Diskussion über Bernstein
Persönliche Bemerkung zur »Freiheit der Kritik in der Partei«
Rede in der Diskussion über den Militarismus
Über die Agitation der Partei gegen den Chinakrieg
Über die Notwendigkeit einer verstärkten Protestbewegung gegen den Chinakrieg
Über die Stellung der Sozialdemokratie zur Schutzzollpolitik
Über den Völkerfrieden, den Militarismus und die stehenden Heere
Über die Öffentlichkeit der Sitzungen des Parteitages
Protest
Über die sozialistische Taktik
Reden in der Debatte über die Maifeier
Rede in der Debatte über den politischen Massenstreik
Rede in der Debatte über den politischen Massenstreik
Rede in der Debatte über Gewerkschaften und Partei
Über die Revolution in Rußland von 1905 bis 1907
Verteidigungsrede vor dem Gericht in Weimar
Die Lehren der letzten Reichstagswahl
Über Ignaz Auer
Zur internationalen Bedeutung der ersten russischen Revolution
Über die Rolle der Bourgeoisie in der Revolution 1905/1906 in Rußland
Abschließende Worte
Zur Arbeit des Internationalen Sozialistischen Büros
Zum Resolutionsentwurf A. Bebels über die imperialistische Politik
Zur Frage der sozialdemokratischen Parteischule
Über den Ersten Mai als Kampftag der Arbeiterklasse
Zur Frage der Budgetbewilligung
Der preußische Wahlrechtskampf und seine Lehren
Zur Budgetabstimmung
Zur Frage des politischen Massenstreiks
Rede in der Generalversammlung der Freien Gewerkschaften in Hagen
Klassenkampf und Tagespolitik
Unser Kampf um die Macht
Zur Marokkoresolution des Parteivorstandes
Gegen die Passivität des Parteivorstandes in der Marokkokrise
Verteidigung gegen persönliche Angriffe
Dem Weltkrieg entgegen
Die politische Lage und die Sozialdemokratie
Unser Wahlsieg und seine Lehren
Über das Stichwahlabkommen
Die weltpolitische Lage
Der politische Massenstreik
Die Dämpfung ist eine Politik, wie sie nicht sein soll
Über die Taktik der Sozialdemokratie
Zur Steuerfrage
Verteidigungsrede vor der Frankfurter Strafkammer
Zum Frankfurter Prozeß
Freiburg im Breisgau
Über Militarismus und Arbeiterklasse
Imperialismus
Zum politischen Massenstreik
Gegen die Vertagung des Prozesses vor dem Berliner Landgericht
Die Stellung zur Internationale und zur zweiten Zimmerwalder Konferenz
Korreferat zur Politik der USPD
Schlussrede
Zur Beteiligung der KPD an den Wahlen zur Nationalversammlung
Zu einer wirtschaftlich-politischen Einheitsorganisation der Arbeiterbewegung
Unser Programm und die politische Situation
Die Russische Revolution 1905
Übersetzung
Die Geschichte meines Zeitgenossen (Wladimir Korolenko)
Biografie
Aufsätze und verschiede Schriften:
Inhaltsverzeichnis
Kirche und Sozialismus
(1905)
Inhaltsverzeichnis
I
II
III
IV
V
VI
VII
I
Inhaltsverzeichnis
Seit in unserem ganzen Land – ebenso wie in Rußland – die Arbeiter den unermüdlichen Kampf mit der zaristischen Regierung und den kapitalistischen Ausbeutern aufgenommen haben, hören wir immer häufiger, daß Priester in ihren Predigten gegen die kämpfenden Arbeiter auftreten. Besonders scharf wendet sich unsere Geistlichkeit gegen die Sozialisten, wobei sie sich mit allen Kräften bemüht, sie in den Augen der Arbeiter zu verunglimpfen. Immer häufiger geschieht es jetzt, daß gläubige Menschen, die an Sonn- und Feiertagen in die Kirche gehen, um Predigten zu hören und religiösen Trost zu finden, statt dessen eine scharfe, manchmal heftige Rede über Politik, über Sozialisten anhören müssen. Statt die durch ihr schweres Leben bekümmerten und verarmten Menschen, die gläubig zur Kirche kommen, zu stärken, wettern die Priester gegen die streikenden oder gegen die Regierung kämpfenden Arbeiter, reden ihnen zu, Not und Unterdrückung demütig und geduldig zu ertragen, und machen überhaupt aus Kirche und Kanzel einen Ort politischer Agitation. Jeder Arbeiter muß aus eigener Erfahrung zugeben, daß dieses kämpferische Auftreten der Geistlichkeit gegen die Sozialdemokraten ihrerseits durch nichts hervorgerufen wurde. Die Sozialdemokraten haben niemals den Kampf mit Kirche oder Geistlichkeit gesucht. Die Sozialdemokraten bemühen sich, die Arbeiter zum Kampf gegen das Kapital zu mobilisieren und zu organisieren, das heißt zum Kampf gegen die Ausbeutung der Unternehmer, die ihnen das Blut aussaugen, zum Kampf gegen die zaristische Regierung, die dem Volk auf Schritt und Tritt die Kehle zuschnürt, aber niemals ermuntern die Sozialdemokraten die Arbeiter zum Kampf gegen die Geistlichkeit und niemals versuchen sie, ihnen den religiösen Glauben zu nehmen. Im Gegenteil! Die Sozialdemokraten halten sich bei uns wie auf der ganzen Welt an den Grundsatz, daß Gewissen und Überzeugung des Menschen heilig und unantastbar sind. Jedem steht es frei, den Glauben und die Überzeugung zu haben, die ihn glücklich machen. Niemand darf die religiösen Überzeugungen der Menschen verfolgen oder beleidigen. So sagen die Sozialdemokraten. Und deshalb rufen sie auch unter anderem das ganze Volk zum Kampf gegen die zaristische Regierung auf, die das Gewissen der Menschen vergewaltigt und Katholiken, Unierte, Juden, Ketzer und Konfessionslose verfolgt.
So verteidigen gerade die Sozialdemokraten leidenschaftlich die Gewissensfreiheit und das Bekenntnis eines jeden Menschen. Und deshalb würde man meinen, die Geistlichkeit müsse die Sozialdemokraten fördern und begünstigen, da sie dem arbeitenden Volk Bildung bringen.
Aber damit nicht genug. Wenn wir uns überlegen, wonach die Sozialdemokraten überhaupt streben, und welche Lehren sie der Arbeiterklasse verkünden, so wird der Haß der Geistlichkeit gegen sie immer weniger verständlich.
Die Sozialdemokraten streben danach, die Herrschaft der reichen Schinder und Ausbeuter über das arme arbeitende Volk abzuschaffen. Aber dabei, so sollte man meinen, müßten die Diener der christlichen Kirche als erste die Sozialdemokraten unterstützen und ihnen die Hand reichen, denn die Lehre Christi, deren Diener die Priester sind, sagt doch, daß eher ein Kamel durch ein Nadelöhr geht, als daß ein Reicher in den Himmel kommt!
Die Sozialdemokraten streben danach, in allen Ländern eine gesellschaftliche Ordnung einzuführen, die sich auf Gleichheit aller Menschen, auf Freiheit und Brüderlichkeit gründet. Aber auch hierin müßte die Geistlichkeit mit Freuden die Agitation der Sozialdemokraten begrüßen, wenn sie aufrichtig dafür wäre, daß der christliche Grundsatz: „liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, im Leben der Menschheit angewendet würde.
Die Sozialdemokraten bemühen sich in unermüdlichem Kampf, das Arbeitervolk durch Bildung und Organisation aus Erniedrigung und Not emporzuheben, ihm ein besseres Leben und seinen Kindern eine bessere Zukunft zu sichern. Auch dafür – das muß jeder zugeben – müßten die Priester die Sozialdemokraten nur segnen, da doch Christus, dessen Diener die Priester sind, gesagt hat: „Was ihr diesen Geringsten tut, das tut ihr mir.“ Statt dessen sehen wir aber, daß die Geistlichkeit die Sozialdemokraten exkommuniziert und verfolgt und den Arbeitern zuredet, ihr Los geduldig zu ertragen, das heißt sich geduldig von den Reichen – den Kapitalisten – ausbeuten zu lassen. Die Geistlichkeit wettert gegen die Sozialdemokraten und redet den Arbeitern zu, sich nicht gegen die Regierungsgewalt „zu erheben“, das heißt geduldig die Unterdrückung einer Regierung zu ertragen, die wehrlose Menschen ermordet, die das Volk zu Hunderttausenden in den Krieg, also in ein entsetzliches Blutbad schickt, die Katholiken, Unierte und Altgläubige um ihres Glaubens und Bekenntnisses willen verfolgt.
So steht die Geistlichkeit, wenn sie die Reichen, wenn sie Ausbeutung und Unterdrückung verteidigt, im ausdrücklichen Gegensatz zur christlichen Lehre. Bischöfe und Priester treten nicht als Kaplane der Lehre Christi auf, sondern als Kaplane des goldenen Kalbes und der Knute, die Arme und Wehrlose geißelt. Außerdem weiß jeder aus Erfahrung, wie oft die Priester selbst das arme arbeitende Volk quälen, indem sie für Hochzeiten, Taufen und Beerdigungen dem Arbeiter manchmal den letzten Groschen abnehmen. Und wie oft ist es vorgekommen, daß ein Priester, der zu einer Beerdigung gerufen wurde, erklärte, er rühre sich nicht aus dem Haus, wenn man nicht im voraus soundsoviel Rubel auf den Tisch lege, und der Arbeiter mit Verzweiflung im Herzen davonging, schnell das letzte Möbel aus der Stube verkaufen oder verpfänden mußte, um religiösen Trost für seine Liebsten zu erkaufen!
Es gibt allerdings auch andere Geistliche. Es gibt auch solche, die voll Güte und Mitleid nicht auf den Verdienst schauen und bereit sind, selbst zu helfen, wo sie Not sehen. Aber jeder gibt zu, daß das Ausnahmen sind, weiße Raben. Die Mehrzahl der Priester hat ein lächelndes Gesicht und untertänige Verbeugungen für die Reichen und Mächtigen, denen sie jedes Unrecht und jede Ausschweifung schweigend vergibt. Für die Arbeiter jedoch hat die Geistlichkeit meistens nur unerbittliche Schinderei und strenge Predigten gegen ihre „Anmaßung“, wenn sie sich ein wenig vor der unverschämten Ausbeutung der Kapitalisten schützen wollen.
Dieser ausdrückliche Widerspruch zwischen dem Vorgehen der Geistlichkeit und der christlichen Lehre muß jeden denkenden Arbeiter verwundern, so daß er unwillkürlich fragt: wie kommt es, daß die Arbeiterklasse bei ihrem Streben nach Befreiung in den Dienern der Kirche nicht Freunde, sondern Feinde findet? Wie kommt es, daß die Kirche heute nicht Zuflucht der Ausgebeuteten und Unterdrückten ist, sondern Festung und Schutz des Reichtums und der blutigen Ausbeutung?
Um diese erstaunliche Erscheinung zu begreifen, muß man zumindest kurz die Geschichte der Kirche kennenlernen und sich ansehen, was sie einmal war und wozu sie dann im Laufe der Zeiten geworden ist.
II
Inhaltsverzeichnis
Einer der schwersten Vorwürfe, den die Geistlichkeit den Sozialdemokraten macht, ist der, daß sie den „Kommunismus“ einführen wollen, das heißt gemeinsames Eigentum aller irdischen Güter. Es wird hier vor allem interessant sein festzustellen, daß die heutigen Priester, wenn sie gegen den „Kommunismus“ wettern, eigentlich gegen die ersten Apostel der Christenheit wettern. Denn gerade sie waren die leidenschaftlichsten Kommunisten.
Die christliche Religion entstand bekanntlich im alten Rom zur Zeit des größten Verfalls dieses einstmals starken und mächtigen Reiches, das damals das ganze heutige Italien, Spanien, einen Teil Frankreichs, einen Teil der Türkei, Palästina und verschiedene andere Länder umfaßte. Die Verhältnisse, die in Rom zur Zeit der Geburt Christi herrschten, waren den heutigen Verhältnissen in Rußland sehr ähnlich. Einerseits eine Handvoll Reicher, die in Müßiggang unermeßlichen Luxus und Überfluß genossen, andererseits eine riesige Volksmasse, die in entsetzlicher Not zugrunde ging, und über allem eine Regierung von Despoten, die, auf Gewalt und moralische Verkommenheit gestützt, unsagbaren Druck ausübte und das Letzte aus der Bevölkerung herauspreßte; im ganzen Reich Zerrüttung, äußere Feinde, die den Staat von verschiedenen Seiten bedrohten, eine Soldateska, die in wildem Übermut die arme Bevölkerung traktierte, öde und entvölkerte Dörfer mit immer unfruchtbarer werdenden Äckern, die Stadt aber, die Hauptstadt Rom nämlich, überfüllt von abgezehrtem Volk, das voll Haß an den Palästen der Reichen rüttelte, von Volk ohne Brot, ohne Obdach, ohne Kleidung, ohne Hoffnung und Aussicht auf irgendeinen Ausweg aus dem Elend.
Nur in einer Hinsicht besteht zwischen dem verfallenden Rom und dem heutigen Reich des Zaren ein großer Unterschied. In Rom gab es damals keinen Kapitalismus, d.h. es gab keine Fabrikindustrie, die durch die Arbeit von Lohnarbeitern Waren zum Verkauf produzierte. Damals herrschte in Rom Sklaverei, und die Adelsfamilien befriedigten ebenso wie die Reichen und die Financiers alle ihre Bedürfnisse durch die Arbeit von Sklaven, die sie aus dem Krieg mitgebracht hatten. Diese Reichen rafften allmählich fast den ganzen Grundbesitz in Italien an sich, indem sie den römischen Bauern das Land raubten, und da das Getreide kostenlos als Tribut aus den unterworfenen Provinzen herangeschafft wurde, wandelten sie ihren eigenen Grundbesitz in riesige Plantagen, Gemüsegärten, Weinberge, Weiden und Lustgärten um, bestellt von einem großen Sklavenheer, das durch den Stock des Aufsehers zur Arbeit angetrieben wurde. Des Landes und Brotes beraubt, strömte die Landbevölkerung aus der ganzen Provinz in die Hauptstadt Rom, fand hier aber keinen Verdienst, weil auch jedes Handwerk von Sklaven betrieben wurde. So sammelte sich in Rom allmählich eine riesige Volksmenge ohne jedes Eigentum an – ein Proletariat, das jedoch nicht einmal seine Arbeitskraft verkaufen konnte, da niemand seine Arbeit benötigte. Dieses Proletariat also, das vom Lande hereinströmte, wurde nicht wie heute in den Städten von der Fabrikindustrie aufgesogen, sondern mußte in hoffnungslose Not und an den Bettelstab geraten. Da eine solche Vorstädte, Straßen und Plätze Roms füllende Volksmasse, ohne Brot und Dach über dem Kopf, eine ständige Gefahr für die Regierung und die herrschenden Reichen war, mußte die Regierung irgendwie ihre Not lindern. Von Zeit zu Zeit wurden also aus den Regierungsspeichern Getreide oder gleich Lebensmittel an das Proletariat verteilt, um für eine gewisse Zeit sein drohendes Murren zu besänftigen, auch wurden kostenlose Spiele im Zirkus veranstaltet, um Gedanken und Gefühle des erregten Volkes zu beschäftigen. So lebte das ganze riesenhafte Proletariat in Rom eigentlich vom Betteln, nicht so wie heute, da das Proletariat im Gegenteil durch seine Arbeit die ganze Gesellschaft erhält. Damals in Rom lag jedoch die ganze Arbeit für die Gesellschaft auf den Schultern der unglücklichen, wie Arbeitsvieh traktierten Sklaven. Und in diesem Meer von Not und menschlicher Erniedrigung feierte eine kleine Anzahl römischer Magnaten wilde Orgien des Überflusses und der Ausschweifung. Einen Ausweg aus diesen ungeheuerlichen gesellschaftlichen Verhältnissen gab es nicht. Das Proletariat murrte zwar und drohte von Zeit zu Zeit mit Aufstand, aber die Klasse der Bettler, die nicht arbeiteten und nur von den Knochen lebten, die ihnen vom Tische der Reichen und des Staates zugeworfen wurden, konnte keine neue gesellschaftliche Ordnung schaffen. Die Volksklasse aber, die durch ihre Arbeit die ganze Gesellschaft erhielt, die Sklaven waren zu sehr erniedrigt, zersprengt, ins Joch gespannt, standen allzusehr außerhalb der Gesellschaft, von ihr abgesondert wie heute Arbeitsvieh von Menschen, als daß sie eine Reform der ganzen Gesellschaft hätten zuwege bringen können. Die Sklaven erhoben sich zwar von Zeit zu Zeit gegen ihre Herren, versuchten, sich mit Feuer und Schwert aus dem Joch zu befreien, aber das römische Heer unterdrückte am Ende immer ihre Aufstände, und sie wurden dann zu Tausenden ans Kreuz geschlagen oder völlig niedergemetzelt.
Unter diesen entsetzlichen Bedingungen der verfallenden Gesellschaft, wo es für die riesige Volksmenge keinen sichtbaren Ausweg gab, keine Hoffnung auf ein besseres Los auf Erden, begannen die Unglücklichen, diese Hoffnung im Himmel zu suchen. Die christliche Religion erschien den Verachteten und Elenden als eine Rettungsplanke, als Trost und Linderung, und wurde vom ersten Augenblick an die Religion der römischen Proletarier. Und entsprechend der materiellen Lage dieser Volksklasse begannen die ersten Christen, die Forderung nach gemeinsamem Eigentum – den Kommunismus – zu verkünden. Natürlich: das Volk hatte keine Mittel zum Leben, ging aus Not zugrunde, daher rief die Religion, die dieses Volk verteidigte, dazu auf, daß die Reichen mit den Armen teilen sollten, daß die Reichtümer allen gehören sollten und nicht einer Handvoll Privilegierter, daß unter den Menschen Gleichheit herrschen sollte. Das waren jedoch keine Forderungen, wie sie heute die Sozialdemokraten stellen, daß die Werkzeuge und überhaupt die Produktionsmittel allen gemeinsam gehören sollen, damit alle gemeinsam arbeiten und von ihrer Hände Arbeit leben können.
Die damaligen Proletarier lebten, wie wir sahen, nicht von ihrer Arbeit, sondern von den Almosen der Regierung. Darum verkündeten die Christen die Forderung nach gemeinsamem Eigentum nicht hinsichtlich der Arbeitsmittel, sondern der Lebensmittel, das heißt sie forderten nicht, daß Ländereien, Werkstätten, überhaupt Arbeitswerkzeuge allen gemeinsam gehören sollten, sondern daß alle miteinander Wohnung, Kleidung, Nahrung und ähnliche fertige Gebrauchsgegenstände des Menschen teilen sollten. Woher diese Reichtümer kommen, darüber machten sich die christlichen Kommunisten keine Sorgen. Die Arbeit blieb Sache der Sklaven. Das Volk der Christen forderte nur, daß diejenigen, die Reichtümer besitzen, diese beim Übertritt zur christlichen Religion dem Eigentum der Allgemeinheit übergeben und daß alle brüderlich und in Gleichheit von diesen Reichtümern leben sollten.
So richteten sich auch die ersten christlichen Gemeinden ein.
„Für diese Leute“ – so beschreibt es ein Zeitgenosse – „bedeutet Reichtum nichts, dafür preisen sie sehr das gemeinsame Eigentum und es gibt keinen unter ihnen, der reicher wäre als andere. Sie halten sich an das Gesetz, daß alle, die in ihren Orden eintreten wollen, ihre Habe zum allgemeinen Eigentum aller abgeben müssen, darum findet man auch bei ihnen weder Not noch Überfluß, alle besitzen alles gemeinsam wie Brüder... Sie wohnen nicht abgesondert in irgendeiner Stadt, sondern haben in jeder Stadt ihre besonderen Häuser, und wenn Leute, die ihrer Religion angehören, aus der Fremde zu ihnen kommen, so teilen sie mit ihnen ihre Habe, über die diese wie über ihre eigene verfügen können. Diese Leute sind gegenseitig beieinander zu Gast, obwohl sie sich vorher nie gesehen haben, und verkehren so miteinander, als ob sie ihr ganzes Leben lang Freunde gewesen wären. Wenn sie über Land reisen, so nehmen sie nichts mit außer Waffen gegen Räuber. In jeder Stadt haben sie ihren Hofmeister, der Kleidung und Lebensmittel an die Ankömmlinge verteilt... Untereinander treiben sie keinen Handel, sondern wenn einer einem anderen etwas gibt, was dieser braucht, so erhält er dafür wiederum, was er selbst benötigt. Und sogar wenn einer nichts dafür anbieten kann, so kann er doch frei heraus von jedem das fordern, was er benötigt.“
In der Apostelgeschichte (IV, 32, 34, 35) lesen wir ebenfalls eine solche Beschreibung der ersten christlichen Gemeinde in Jerusalem:
„Keiner sagte von seinen Gütern, daß sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemein. Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wieviel ihrer waren, die da Acker oder Häuser hatten, die verkauften sie und brachten das Geld des verkauften Guts und legten es zu der Apostel Füßen; und man gab einem jeglichen, was ihm not war.“
Ebenso schreibt ein gewisser deutscher Historiker Vogel 1780 über die ersten Christen:
„Ein jeder Christ hatte nach der brüderlichen Verbindung ein Recht zu den Gütern aller Mitglieder der ganzen Gemeine und konnte im Fall der Not fordern, daß die begüterten Mitglieder ihm so viel von ihrem Vermögen mitteilten, als zu seiner Notdurft erfordert ward. Ein jeder Christ konnte sich der Güter seiner Brüder bedienen, und die Christen, die etwas hatten, konnten ihren dürftigen Brüdern den Nutzen und Gebrauch derselbigen nicht versagen. Ein Christ, z. E., der kein Haus hatte, konnte von einem ändern Christen, der 2 oder 3 Häuser hatte, begehren, daß er ihm eine Wohnung gebe, deswegen blieb er doch Herr der Häuser. Wegen der Gemeinschaft des Gebrauchs aber mußte die eine Wohnung dem ändern zum wohnen überlassen werden.“
Bewegliche Güter und Geld wurden in einer gemeinsamen Kasse gesammelt, und ein aus der christlichen Bruderschaft besonders gewählter Beamter verteilte die gemeinsame Habe unter alle. Damit nicht genug. Die Verbrauchsgemeinschaft wurde so weit getrieben, daß in den ersten christlichen Gemeinden gewöhnlich die tägliche Nahrung an gemeinsamen Tischen eingenommen wurde, wie es die Apostelgeschichte beschreibt Dadurch wurde das Familienleben der ersten Christen eigentlich zerstört, und alle einzelnen christlichen Familien einer Stadt lebten gemeinsam als eine große Familie. Schließlich muß man noch hinzufügen, daß das, was einige Priester in ihrer Dummheit oder Bosheit den Sozialdemokraten zuzuschreiben versuchen, nämlich den Wunsch, Frauengemeinschaft einzuführen, was den Sozialdemokraten aber natürlich nicht im Traume einfällt, da sie das für eine schändliche und tierische Entstellung des ehelichen Verhältnisses halten, tatsächlich teilweise bei den ersten Christen praktiziert wurde. Die Idee des gemeinsamen Eigentums, des Kommunismus, so anstößig und abscheulich für die heutige Geistlichkeit, war den ersten Christen so lieb, daß einige Sekten, wie z. B. die Gnostiker, bekannt unter dem Namen Adamiten, im 2. Jahrhundert nach Christus verkündeten, daß alle Männer und Frauen miteinander gemeinsam verkehren sollten, ohne Unterschied, und auch nach dieser Lehre lebten.