Czytaj książkę: «Indigene Religionen Südamerikas»
Die Religionen der Menschheit
Begründet von Christel Matthias Schröder
Fortgeführt und herausgegeben von
Peter Antes, Manfred Hutter, Jörg Rüpke und Bettina Schmidt
Band Band 7,1
Umschlagbild: Hocker, doppelköpfiger Vogel, geschnitzt und bemalt von Herrn Takumã und seinen Frauen, Kamayurá, Brasilien. Foto Wolfgang Günzel. Sammlung Weltkulturen Museum, Frankfurt a.M.
Mark Münzel (Hrsg.)
Indigene Religionen Südamerikas
Verlag W. Kohlhammer
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-034948-3
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-034949-0
epub: ISBN 978-3-17-034950-6
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Drei vordergründig widersprüchliche Fakten bestimmen das religiöse Bild Südamerikas: der traditionell starke Katholizismus, seit dem 19. Jh. erstarkte protestantische und pfingstkirchliche Denominationen und Religionen präkolumbischer Herkunft, die sich erhalten und weiterentwickelt haben. Der vorliegende Band beschreibt diese als lebendige Religionen heutiger Menschen, die von Ethnologen und Religionswissenschaftlern befragt werden können. Dabei folgt der Band der religionskundlichen Gliederung Südamerikas in zwei Räume: Der Zentralandenraum, wo schon in der Kolonialzeit voreuropäische Traditionen vielerorts ins lokale Christentum integriert wurden und das Gebiet östlich der Anden (in geringerem Maße die Nord- und Südanden), wo eigene Religionen autonomer erhalten blieben, allerdings im 20. Jh. durch neue, intensive christliche Mission einen Großteil ihrer Anhänger verloren haben.
Prof. Dr. Mark Münzel lehrte Völkerkunde an der Universität Marburg.
Inhalt
Einleitung: Die unendliche Vielfalt der Religionen
Mark Münzel
1 Vielfalt der Sprachen
2 Zwei Hauptregionen
3 Das Christentum
4 Indianer, Indios, Indigene, Ureinwohner, Aborigene?
5 Keine Vereinheitlichung, schon gar nicht eine einheitliche Theorie
6 Die Beiträge: Steinchen aus einem Kaleidoskop
Der Nabel der Welt – Religion, Mythen und Berichte eines Volkes in Amazonien
María Vutova
1 Region und Völker
2 Der Nabel der Welt
3 Der Prophet
3.1 Exkurs in eine andere Mythen- und Märchenwelt
3.2 Zurück zum Heiligen Geist in Venezuela
4 Durch den Spiegel
Vom Nichts zum Traum – Streiflichter auf Religionen im tropisch-subtropischen Südamerika östlich der Anden
Mark Münzel
1 Mythen
1.1 Ein Beispiel: Schildkröte und Tapir
1.2 Die flexible Wahrheit des Mythos
1.3 Neue Mythensammlungen und neue Mythen
1.4 Indigene Traditionen als Gleiche neben Christentum und Wissenschaft
2 Bedeutungsvolle Gegenstände
3 Das Nichts, höchstes Wissen, höchste Wesen
3.1 Creatio ex nihilo
3.2 Das höchste Wissen, Raum und Zeit
3.3 Das höchste Wesen
3.4 Alles durchdringende Prinzipien und Kräfte, teils freundlich, teils feindlich
3.5 Urheber
3.6 Gespenster, Monstren, Geister
3.7 Herrinnen und Herren der Natur
4 Verschiedene Welten oder Zeiten
4.1 Verkehrte Welten oder Zeiten
5 Der Mensch und seine Seelen
6 Schamanismus
6.1 Ein umstrittener Begriff
6.2 Schamanismus und Neoschamanismus in Südamerika
6.3 Schamanismus im Tiefland: Einige Grundlinien
Das Böse
Der Gute
6.4 Die Kunst des Träumens und die Überwindung der Illusion
7 Öffentliche Rituale
8 Im Text genannte indigene Ethnien: Lokalisierung, Sprachfamilien
9 Mythensammlungen: Kleine Auswahl
Tekó katú (Das gute Leben) – Versuch über die Religion der Kaiowá, Mbyá, Ñandéva (Guaraní) und Paĩ-Tavyterã
Graciela Chamorro und Isabelle Combès
1 Einführung: Sprachen und Völker
2 Indigene Sprecher von Guaraní-Sprachen
3 Religion
4 Theologie, wie sie sich in indigenen Erzählungen zeigt
4.1 , Lebenssubstanz
4.2 , und , Unser Vater, Unsere Mutter und die Weisheit
4.3 und , Unser Älterer Bruder und Unser Jüngerer Bruder
4.4 : Die Echten, Wahren, Guten Väter und Mütter des Wortes
4.5 Tekojára: Schutzherren des Lebens
4.6 , das Wort, das die Lebewesen ordnet und ihnen Sinn gibt.
Einschub zum Kreuz
Weiter mit der Zeichnung
5 Die Lebewesen und die Grundlage, auf der sie aufrecht stehen
5.1 Die erste und die zweite Erde
5.2 (oder ): Der Ort, wo man lebt
5.3 Geschmückter Körper und Erinnerung an die traditionellen Wirtschaftsformen
5.4 Widerstand und Erneuerung: Das Übel auf der Erde überwinden
6 Menschen zwischen animalisch und göttlich, und ihre Rituale
7 Ñe’ẽ: Das Wort als Mittelpunkt der Symbolik, und seine Rituale
7.1 Einige wichtige Rituale
Potyrõ
Guachiré
Taufe der Nahrungsmittel
Schwangerschaft und Geburt
Mitã mbo’éry
Nimongaraí
Kunumí pepý
Kuña kotý
Ñevangá
Ñemboaguyjevete (Danksagung)
Jepopichý
Begräbnisrituale
8 Schlussbetrachtung
Die indigenen Religionen im Gran Chaco
José Braunstein
1 Einführung
2 Himmelsgott und Mythologie
3 Die Welt und übermächtige Wesen
4 Sakralität und rituelle Praxis
5 Spezialisten für das Heilige
6 Gläubige und Seelen
7 Das Heilige in der Gesellschaft
8 Einige Schlussgedanken
Religionen des zentralandinen Südamerika
Francisco Miguel Gil García
1 Vorbemerkung
2 Wie nennt man die Religion in den Anden? Zum Diskussionsstand
2.1 Zur Forschungsgeschichte
3 Traditionelle Räume der religiösen Erfahrung
3.1 Die Berge: Symbolische und rituelle Dimensionen einer herausragenden religiösen Bühne
3.2 Der Körper als ritueller Raum: Die Konstruktion der Seele der andinen Person
4 Bewohner der spirituellen Welten
4.1 Apus/Achachilas
4.2 Pachamama
4.3 Gloria
4.4 Saxras
4.5 Gentiles
5 Andine Ritualexperten
6 Kultpraktiken
6.1 Der Jahreszyklus
6.2 Lebenszyklus
6.3 Patronatsfeste
6.4 Wallfahrten
6.5 , Opfergaben
7 Der große religiöse Umbruch in den Anden (I): Der »Sieg« des Katholizismus
7.1 Indigene Katecheten: »Diener des christlichen Gottes und der andinen Götter«
7.2 Der Heiligenkult: Kulturelle Matrix des andinen Volkskatholizismus
7.3 Das religiöse Cargosystem: Die soziale Dimension des Heiligenkultes
8 Der große religiöse Umbruch in den Anden (II): Der Erfolg des Protestantismus
9 Die andinen Religionen im Zeitalter der Globalisierung
10 Überlegungen zum Schluss
Die Religion der Mapuche
Ulrike Bieker
1 Vorbemerkung
2 Soziale Verhältnisse: Parlamente, Poesie und Urbanität
3 Von Vulkanen, dem Meer und den Alten: Mythen des Ursprungs und der Transformation
4 Ordnungsprinzip und belebte Welten
5 Individualität und Verwandtschaft
6 Gemeinschaftliche und individuelle Rituale
6.1 Die und ihre Rituale
6.2 Gemeinschaftliche Feste und Riten
6.2.1
6.2.2
6.2.3
7 Schlusswort
Autorinnen und Autoren
Verzeichnis der Karten und Abbildungen
Index
1 Personen
2 Völker und Ethnien
3 Glaubenswesen
4 Orte
5 Stichworte
Einleitung: Die unendliche Vielfalt der Religionen
Mark Münzel
»Wer diese Religion [nämlich das Christentum und seine Geschichte] nicht kennt, kennt keine, und wer sie sammt ihrer Geschichte kennt, kennt alle«, sagte der Kirchengeschichtler Adolf von Harnack 1901, gegen den Satz des vergleichenden Sprachwissenschaftlers Max Müller: »Wer eine kennt, kennt keine«.1 Das waren Eckpfosten einer religionsgeschichtlichen Kontroverse des 19. Jahrhunderts, in der es nicht um Südamerika ging, aber die Sätze gelten in ihrer Gegensätzlichkeit auch hier: Kennt man eine der in Südamerika entstandenen Religionen, so weiß man schon viel über die meisten anderen, wobei in allen auch der fünfhundertjährige Einfluss des Christentums wirkt. Auf der anderen Seite jedoch wartet jede einzelne unter diesen Religionen mit so viel Besonderem auf, dass man eben auch sagen muss: Kennt man eine, kennt man keine.
1 Vielfalt der Sprachen
Max Müller ging von der Vielfalt der Sprachen aus und hatte dabei einen Goethe-Satz im Kopf, vermutlich diesen: »Wer fremde Sprachen nicht kennt, weiß nichts von seiner eigenen.«2 Das übertrug er dann auf die Religionen. Auch auf Sprachen bezogen, passt sein Satz auf Südamerika. Schier unendlich ist die Vielfalt der hier schon vor der europäischen Konquista heimischen Sprachen, sogar heute noch, nachdem viele ausgestorben sind. Es existiert keine gemeinsame südamerikanisch-indianische Sprachfamilie, und selbst innerhalb einer einzelnen der vielen Sprachfamilien finden sich bisweilen ganz verschiedene Grammatiken. So umfasst die Tupí-Guaraní-Sprachfamilie mehrheitlich Sprachen des synthetischen (mit zahlreichen Affixen arbeitenden) Sprachtypus, daneben aber auch das Aché, das typologisch, fast ohne Affixe, dem isolierenden (oder analytischen) Typus etwa des Chinesischen nähersteht.
Die überwiegende Mehrzahl der südamerikanischen Sprachen voreuropäischen Ursprungs wird jeweils nur von kleinen und kleinsten Gruppen gesprochen, manchmal von nicht mehr als 50 Menschen. Nur drei haben mehr als 100.000 Sprecher: Quechua, Aymara und Guaraní (in seiner paraguayischen Variante, Guaraní paraguayo). Dabei ist aber Guaraní insofern ein Sonderfall, als es die Umgangssprache nicht allein indigener Guaraní ist, sondern auch eines Großteils der nicht-indigenen Paraguayer. Nur so erklärt sich die große Anzahl seiner Sprecher. Muttersprache von Millionen Indigenen sind nur Quechua und Aymara, beide in den Zentralanden.

Karte 1: Die größten südamerikanischen Sprachfamilien (Münzel 1976:171)
2 Zwei Hauptregionen
Die Zentralanden sind, ähnlich wie in sprachlicher Hinsicht, überhaupt auch kulturell relativ einheitlich, zumindest im Vergleich zu dem vielfältigen Kaleidoskop der Kulturen östlich der Anden. Das erklärt sich historisch durch Vereinheitlichungen im zentralen Andenraum, die getragen wurden von großen Reichen wie dem Inkareich oder zumindest von überregionalen politisch-ökonomischen Zusammenhängen schon Jahrhunderte vor den Inka.
In der Ethnologie ist die Grobunterscheidung zwischen andinen und extra-andinen Kulturen üblich, auch wenn solche schematische Gliederungen im Einzelnen selten ganz zu stimmen pflegen. Immerhin gab es auch östlich der Anden in voreuropäischer Zeit intensive überregionale Querkontakte, wie sich aus der Verbreitung von Keramikstilen archäologisch ablesen lässt. Auf der anderen Seite war die kulturelle Vereinheitlichung des zentralandinen Raumes nie vollständig, und zerfallen auch die Großsprachen Quechua und Aymara in zahlreiche regionale Varianten. Aber für die Orientierung ist das Schema nützlich: In den Zentralanden zwei schon voreuropäisch weit verbreitete Landessprachen und eine gewisse kulturelle Einheit; östlich davon selten eine politische Einheit über das Dorf hinaus, allenfalls gelegentliche Bündnisse mehrerer Dörfer. In den Nordanden (vor allem Kolumbien) lassen sich politische Gebilde historisch nachweisen, die zwar nicht Reichweite und Zentralisierungsgrad des Inkareiches besaßen, aber immerhin so etwas wie Regionalfürstentümer darstellten. In den Südanden (Chile, östlich daran angrenzende andine Teile Argentiniens) haben die Mapuche zwar kein Reich oder Fürstentum gebildet, aber Zusammenschlüsse in Kriegszeiten.
Gemeinsam ist allen heutigen südamerikanischen Religionen voreuropäischen Ursprungs, dass sie keine zentralen Instanzen besitzen, keine Kirchenorganisation, die eine religiöse Vereinheitlichung durchsetzen könnte. In voreuropäischer Zeit gab es zumindest Ansätze religiöser Zentralgewalt im Zentralandenraum, der ja auch politisch einer Vereinheitlichung unterworfen war, doch hat die europäische Konquista diese eigenständige Zentralisierung durch einen christlichen Zentralismus europäischer Herkunft ersetzt, der die indigenen Eigenentwicklungen nur überdacht und beeinflusst, aber nicht ersetzt. Heute gilt für die Religionen voreuropäischen Ursprungs, ob in den Anden oder östlich davon, dass individuelle Weiterentwicklungen nicht von einer Kirche kontrolliert werden, sondern von der jeweiligen kleinen Gemeinschaft.
3 Das Christentum
Die meisten heutigen Nachkommen der Ureinwohner Südamerikas sind Christen. Ihr Christentum ist allerdings vielfach von ihren vorchristlichen Wurzeln mitgeprägt. Sie sind darum keineswegs »Heiden« im Sinne einer Religion neben dem Christentum, aber europäische Christen sind sie auch nicht. So hat etwa eine der Autorinnen dieses Sammelbandes, Graciela Chamorro, die hier über die traditionelle Religion der Guaraní schreibt, an anderer Stelle (2016) die Herausbildung pfingstkirchlicher Religiosität bei den Guaraní beschrieben. Im Gran Chaco, dessen Ureinwohner heute allesamt Christen sind, findet José Braunstein zahlreiche eigenständige, aus der nicht-christlichen Vergangenheit weiterlebende Elemente (in diesem Sammelband, und etwa auch in Braunstein 2004), vor allem in evangelikalen und pfingstkirchlichen Gemeinden. Der christliche Prediger ist gleichsam auch ein Schamane.
Galten Süd- und Mittelamerika einschließlich Mexiko bis weit ins 20. Jahrhundert als der katholische Weltteil, so wird die einst vorherrschende Position der katholischen Kirche seit der Mitte des 20. Jahrhunderts nicht allein von dem schon seit dem 19. Jahrhundert mächtigen Laizismus erschüttert, sondern auch von religiösen Strömungen aus dem Protestantismus (überwiegend aus seinen nordamerikanischen Varianten), der Pfingstbewegung und spiritistischem Glauben (hauptsächlich dem Kardecismus). In Regionen mit hohem Bevölkerungsanteil afrikanischer Herkunft, am stärksten in Brasilien haben afrikanische Religionen sich mit dem Katholizismus verbunden, im 20. Jahrhundert auch vielfach mit dem Kardecismus. All diese Einflüsse blieben nicht ohne Wirkung auf die zuvor auf dem Kontinent heimischen Religionen. Doch sind Christentum und Spiritismus nicht das Thema dieses Bandes, wenn sie auch nicht völlig ausgeklammert werden – für diese sei nur, etwa, auf einen Sammelband zu Religionen in Brasilien verwiesen (Schmidt/Engler Hrsg. 2016), der vom Katholizismus über den Buddhismus, Islam, Pfingstkirchentum usw. bis hin zur Neureligion Santo Daime den ganzen Fächer religiöser Vielfalt ausbreitet. Oder man lese in diesem Sammelband hier den Aufsatz über die Religionen im Gran Chaco, die überwiegend eigenständige Weiterentwicklungen des Protestantismus bilden.
Diese religiöse Vielfalt erlaubt es oft kaum noch, einzelne Einflüsse in den aus voreuropäischer Zeit erhaltenen Religionen auseinander zu definieren. Für christliche Einflüsse lassen sich in einem jahrhundertelang christianisierten Kontinent gute Argumente finden. Der Erzähler Rigasedye vom Volk der Witoto, der dem Ethnologen Konrad Theodor Preuss schon 1914 berichtete, die Welt sei aus Illusion entstanden, hatte zuvor auf einer Missionsstation gelebt – hat er dort die christliche oder platonische Lehre von der Erde als Illusion aufgenommen? Ähnliche Gedanken finden sich auch bei anderen Erzählern seines Volkes, bei denen man ebenso wenig christlichen Einfluss ausschließen kann. Nur ist es nicht sehr wahrscheinlich, dass auf einer christlichen Missionsstation Anfang des 20. Jahrhunderts antike Philosophie gelehrt wurde. Die Bedeutung des Wortes als eines Grundprinzips der Welt (in diesem Sammelband von Chamorro/Combès für die Religionen der Guaraní beschrieben) ließe sich als Echo des Anfangs des Johannes-Evangeliums interpretieren: »Am Anfang war das Wort«. Doch ist im Einzelnen sehr genau darauf zu achten, in welchem Zusammenhang der gesamten Religion solche Ähnlichkeiten stehen. Wenn ein Schamane gen Himmel fährt, wäre zu untersuchen, ob diese Reise die gleiche wie die Himmelfahrt Jesu oder Mohammeds ist, oder ob sie zu ganz anderen Zielen und Bewusstseinszuständen führt. Und auch wenn die Vorstellung einer Himmelfahrt christlich sein könnte, so ist die Praxis doch eine ganz andere. In schamanischen Religionen ist die Himmelfahrt des Schamanen nicht alltäglich, aber doch so häufig, dass sie niemanden mehr verwundert; im Christentum und im Islam hingegen ist sie ein einmaliges, besonderes Ereignis. Eine Rückführung der schamanischen Reise auf die christliche oder islamische Himmelfahrt würde diese Unterschiede verkennen und letztlich wenig zum Verständnis des Schamanismus beitragen.
4 Indianer, Indios, Indigene, Ureinwohner, Aborigene?
Während die nordamerikanischen »Indianer« (Indians) meist kein Problem haben, sich so zu nennen, ist das entsprechende Wort (indio) ist in Hispanoamerika problematisch. In der jahrhundertelangen Geschichte von Diskriminierung bekam es einen verächtlichen Beiklang, ja wurde vielfach ein Schimpfwort (während andererseits indiano, keineswegs verächtlich, einen in Amerika reichgewordenen Spanier meint). So hat sich die auf Spanisch nicht als diskriminierend geltende Bezeichnung indígena eingebürgert, die freilich, ins Deutsche übersetzt (»Eingeborener«) merkwürdig klingt. In Ermangelung einer besseren Lösung folge ich hier diesem in politisch engagierten Kreisen bei uns seit den 1970er Jahren eingebürgertem Hispanizismus, auch wenn ich misstraue, dass damit zunächst vor allem Fremdsprachenkenntnis demonstriert werden sollte, um sich von der breiten Masse abzusetzen, die bis dahin »Indianer« sagte.
In Brasilien hat die portugiesische Wortvariante índio bis heute nur dann einen verächtlichen Klang, wenn ohnehin, mit welcher Bezeichnung auch immer, verächtlich von den Ureinwohnen gesprochen wird. Die so Bezeichneten verwendeten das Wort índio die meiste Zeit durchaus selbstbewusst als den zusammenfassenden Gesamtnamen ihrer vielen verschiedenen Völker. Erst in den letzten Jahren bürgert sich die (früher seltene) Bezeichnung indígena ein.
Überhaupt nicht einheitlich ist, wer in den verschiedenen Staaten als »indigen« klassifiziert wird. Würden in Paraguay die gleichen Kriterien wie in Bolivien angelegt, wo die indianische Sprache ein wichtiges Kriterium ist, so gäbe es in Paraguay prozentual wohl bald ebenso viele Indigene wie in Bolivien, nach paraguayischen Kriterien aber sind es viel weniger. Wir folgen den Kriterien des jeweiligen Staates, die immerhin insoweit gemeinsam sind, als diejenigen als Indigene angesehen werden, die in Gemeinschaften leben, die sich auf vorkolumbische Kulturen zurückführen lassen. Wichtig ist dabei außerhalb der Zentralanden der Begriff »Gemeinschaft«. Einzelpersonen, die nicht mehr in ihrer indigenen Dorfgemeinschaft (oder »Clan«, »Stamm« o. ä.) leben, sondern unter Nicht-Indigenen, fallen meist heraus. Diese Menschen nehmen gewöhnlich auch nicht mehr intensiv am religiösen Leben ihrer Herkunftsgemeinschaft teil, sondern orientieren sich eher in Richtung des Christentums (ob katholisch, protestantisch oder pfingstkirchlich) der Nicht-Indigenen, oder der neu entstanden Religionen teils indigenen, teils afrikanischen, teils europäischen (z. B. spiritistischen) Ursprungs. Auch die Baha’i-Religion findet Anhänger. Gerade die nicht-indigenen Neureligionen sind ein hochinteressantes Phänomen, das aber in diesem Sammelband nicht auch noch berücksichtigt werden kann.3
Das Beispiel dieser Namen zeigt, dass unsere Begriffe in ihrer Anwendung auf südamerikanische Kulturen nicht unschuldig im freien Raum schweben. Sie haben eine europäische Geschichte.