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Peter Kliemann

Glauben ist menschlich

Dr. theol. Peter Kliemann war bis zu seinem Ruhestand Professor am Staatlichen Seminar für Didaktik und Lehrerbildung (Gymnasium) in Tübingen. Er ist Autor zahlreicher Lehrwerke und Fachpublikationen.

Peter Kliemann

Glauben ist menschlich

Argumente für die Torheit vom gekreuzigten Gott

Calwer Verlag Stuttgart

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über https://www.dnb.de abrufbar.

Das Werk folgt der reformierten Rechtschreibung. Ausnahmen bilden Texte, bei denen künstlerische, philologische und lizenzrechtliche Gründe einer Änderung entgegenstehen.

eBook (epub): ISBN 978-3-7668-4538-2

ISBN 978-3-7668-4520-7

19., völlig neu überarbeitete Auflage 2020

© 1989 by Calwer Verlag GmbH Bücher und Medien, Stuttgart

Alle Rechte vorbehalten. Wiedergabe, auch auszugsweise, nur mit Genehmigung des Verlags.

Satz und Herstellung: Karin Class, Calwer Verlag

Umschlaggestaltung: Karin Sauerbier, Stuttgart

Umschlagmotiv: Gerhard Gellinger, Nürnberg

eBook-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim, www.brocom.de

Internet: www.calwer.com

E-Mail: info@calwer.com

Inhalt

Vorwort

Kapitel I: Was soll das alles?

Erste Überlegungen zur Frage nach dem Sinn des Lebens

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag / Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott / Um den Sinn des Lebens muss man streiten / Gott = Liebe?

Kapitel II: Gott? Gibt es den überhaupt?

Der neuzeitliche Atheismus als Herausforderung für den christlichen Glauben

»Lasst uns essen und trinken; denn morgen sind wir tot!« / Drei Argumente gegen Gott / Kann man die Existenz Gottes beweisen? / Ludwig Feuerbach: Gott – eine Projektion des Menschen / Rückfragen an Feuerbach / Karl Marx: Religion als Opium des Volkes / Rückfragen an Marx / Friedrich Nietzsche: Gott ist tot! / Nietzsche für Christen? / Noch einmal: Kann man die Existenz Gottes beweisen? / Albert Camus: Das Leben als Sisyphosarbeit / Von welchem Gott ist eigentlich die Rede?

Kapitel III: Fängt der Glaube da an, wo das Wissen aufhört?

Zum Verhältnis von Glauben, Theologie und Naturwissenschaften

Der Glaube an Gott und die Naturwissenschaften – ein unüberwindlicher Gegensatz? / 7 Tage oder 18 Milliarden Jahre? Wie entstand die Welt? / Wie Naturwissenschaftler arbeiten / Glaube und Theologie / Wie gläubig müssen Theologen sein? / Theologie – eine Wissenschaft? / Die historisch-kritische Methode / Theologie als Hermeneutik / Die Bibel: Gottes Wort oder Menschenwort? / Vom Nebeneinander zum Miteinander von Naturwissenschaft und Theologie: Gemeinsame Schritte ethischer Urteilsfindung

Kapitel IV: Sind alle Götter gleich?

Gottesglaube im Alten Testament

Warum Christen das Alte Testament lesen / »Jahwe« – ein Name als Programm / Die Zehn Gebote – ein Dokument der Befreiung / »Auge um Auge, Zahn um Zahn«? / Jahwe oder Baal? / Prophetischer Protest: z.B. Amos aus Thekoa / »Macht euch die Erde untertan!« / Exkurs: Gottes Ebenbild und die moderne Biotechnologie / Das Tun-Ergehens-Prinzip: »Wer eine Grube macht, der wird hineinfallen …« / Krise und Eschatologisierung des Tun-Ergehens-Prinzips / Wendezeit?

Kapitel V: Ein Hingerichteter als Retter der Welt?

Jesus von Nazareth, der Christus

Zur Quellenlage / Historisch gesicherte Fakten / »Siehe, das Reich Gottes ist mitten unter euch« / Müssen Christen an Wunder glauben? / Jesu Hinrichtung / Können Tote auferstehen? / Ehrentitel: Christus – Sohn Gottes – »von einer Jungfrau geboren« / Historischer Jesus – verkündigter Christus / Jesus aus nichtchristlicher Sicht I: z.B. Schalom Ben-Chorin / Jesus aus nicht-christlicher Sicht II: Wie sehen Muslime Jesus von Nazareth? / Zuspruch und Anspruch: Die Bergpredigt

Kapitel VI: Gott ist Liebe

Der christliche Glaube in einem Satz

Sex – Eros – Agape / Liebe überschreitet Grenzen / Agape zwischen »schon« und »noch nicht« / Kämpferische Liebe / Gott der Liebe – Gott des Gerichts / Trinitarische Liebe / Von der Theorie zur Praxis

Kapitel VII: Wie böse ist der Mensch?

Freiheit – Verantwortung – Sünde – Schuld: Das christliche Bild vom Menschen

Ein Bild vom Menschen hat jeder / Thomas Hobbes: Der Mensch ist von Natur aus böse / Wie friedlich ist der Frieden? Thomas Hobbes in der Kritik / Jean-Jacques Rousseau: Der Mensch ist von Natur aus gut / So gut ist der Mensch nicht! Jean-Jacques Rousseau in der Kritik / »… denn das Dichten und Trachten des menschlichen Herzens ist böse von Jugend auf« (1. Mose 8,21) / Wie die Sünde in die Welt kam (1. Mose 2–11) / Denkmodell Heilsgeschichte: Der Mensch als Entwurf seiner selbst / Martin Luther: Von der Freiheit eines Christenmenschen / Schlüsselbegriffe christlicher Anthropologie: Freiheit – Verantwortung – Sünde – Schuld / Zum Beispiel: Christsein in der Leistungsgesellschaft / Zum Beispiel: Christsein in Partnerschaft und Ehe / Zum Beispiel: Christsein in unverschuldetem Leid und Unrecht

Kapitel VIII: Politik – ein schmutziges Geschäft?

Zum Verhältnis von Kirche, Staat und Politik

Von den ersten christlichen Gemeinden zur Kirche / »Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist …« / Typen des Verhältnisses von Kirche und Staat / Martin Luther: Von weltlicher Obrigkeit … / Widerstand gegen die Obrigkeit? / Das »Landesherrliche Kirchenregiment« / Evangelische Kirche unter dem Hakenkreuz / Kirche und Staat in der Bundesrepublik Deutschland / Religionsunterricht als »ordentliches Lehrfach«? / Bewusste Wahrnehmung des Öffentlichkeitsauftrags der Kirche: Die Denkschriften der EKD / Zum Beispiel: Die Ostdenkschrift von 1965 / Gratwanderung: Evangelische Kirche in der DDR / Zukunft der Kirche – Kirche der Zukunft?

Kapitel IX: Was geht uns das an?

Zur sozialen Verantwortung der Christinnen und Christen

Was wir allzugern verdrängen / Auf der Seite der Armen und Entrechteten / Zum Beispiel: Die »Soziale Frage« des 19. Jahrhunderts / Kirchliches Versagen / Johann Hinrich Wichern / Karl Marx/ Friedrich Engels: Das Manifest der Kommunistischen Partei / Wie die Soziale Frage des 19. Jahrhunderts »gelöst« wurde / Lehren aus der Geschichte / Konsequenzen für die Gegenwart / Sonntag – ein Tag wie jeder andere?

Kapitel X: Gibt es eine christliche Ethik?

Handeln ist menschlich: Ethik, Ethos und Moral

Begriffliche Annäherungen: Moral ≠ Ethik / Alles determiniert? Alles relativ? / Der Ansatz des Utilitarismus: Was nützt das? / Immanuel Kant: Das moralische Gesetz in mir / Aristoteles: Ethik als Lebenskunst / Diskursethik: Lasst uns darüber reden / Gibt es eine spezifisch christliche Ethik?

Kapitel XI: Wie spät ist es?

Anmerkungen zu Zeit und Zukunft aus christlicher Sicht

Was ist Zeit? / Die Entdeckung der Zukunft: Zyklische und lineare Vorstellungen von Zeit / Apokalypse jetzt? Die Offenbarung des Johannes / Persönlich gefragt: Was kommt nach meinem Tod? / Chronos und Kairos

Kapitel XII: Soll jeder nach seiner Fasson selig werden?

Zum Dialog mit Andersdenkenden und Anhängern anderer Religionen

Wie hältst du’s mit der Mission? / Mission muss sein – aber in welcher Form? / Absolutheitsanspruch und Toleranz / Entwicklungshilfe contra Mission? / Synkretismus als Chance und Gefahr / Quintessenz

Anmerkungen

Stichwortverzeichnis

Vorwort

Wir unterscheiden in unserem Sprachgebrauch manchmal zwischen »gläubigen« und »ungläubigen« Menschen, so, als gäbe es Menschen, die an gar nichts glauben. Doch gibt es das wirklich? Glaubt nicht jeder Mensch tagein, tagaus an etwas oder jemanden? Glaube ich, wenn ich mit meinem Auto über eine Brücke fahre, nicht fest daran, dass die Brücke nicht unter mir zusammenbricht? Glaube ich, wenn ich einem Freund ein Geheimnis anvertraue, nicht fest daran, dass er es nicht weitererzählt? Glauben Schülerinnen und Schüler, die sich um gute Noten bemühen, nicht daran, dass diese Noten ihnen einmal bessere Ausbildungs- und Berufschancen eröffnen werden?

Insofern gilt zweifellos: Glauben ist menschlich. Oder wie Jörg Zink und Rainer Röhricht es in einem gemeinsam verfassten Gedicht formuliert haben:1

Es geht nicht ohne Glauben

Jeder Mensch glaubt irgend etwas,

auch wenn er meint, er glaube nichts.

Er kann nicht von dem leben,

was er sehen und beweisen kann.

Niemand kann einen Menschen lieben,

wenn er nicht glauben will,

denn der andere kann nicht ständig beweisen,

dass er es ernst meint.

Niemand kann einem anderen vertrauen,

wenn er nicht glauben will,

denn der andere kann ihm nicht beweisen,

dass er Vertrauen verdient.

Niemand kann etwas planen oder tun,

wenn er nicht glauben will,

denn er kann nicht wissen,

was die Zukunft bringt.

»Glauben« kann sich in unserer Sprache aber nicht nur auf einzelne Dinge, Personen oder Sachverhalte beziehen, sondern auch auf das Ganze des Lebens und das Ganze der Wirklichkeit. In diesem Sinn bekennen Christinnen und Christen, dass sie an Jesus Christus glauben. Der gekreuzigte Gott ist für sie Ursprung, Mitte und Ziel allen Lebens und aller Wirklichkeit. Andere Menschen vertrauen auf eine andere Sicht der Welt. Sie glauben zum Beispiel an die Kräfte des Marktes, an den Unterhaltungswert des Lebens, an Marx, an Freud, an den Zufall, an das Gesetz des Stärkeren oder einfach an sich selbst. Auch Paulus, der christliche Missionar des ersten Jahrhunderts, hatte wohl schon eine ähnlich plurale Situation vor Augen, wenn er in seinem ersten Brief an die Gemeinde der Hafenstadt Korinth schrieb, für andere Menschen sei »das Wort vom Kreuz« »ein Ärgernis« oder »eine Torheit«, für Christinnen und Christen jedoch »Gottes Weisheit« und »eine Gotteskraft« (vgl. 1. Kor 1,18–25).2

Im vorliegenden Buch soll nun versucht werden, den christlichen Glauben zu durchdenken, und zwar so, dass deutlich wird, was er mit anderen Arten des Glaubens gemeinsam hat und was ihn von anderem Glauben unterscheidet.

Dabei kann man sich sicher darüber streiten, wie wichtig es ist, den christlichen Glauben ausgerechnet zu denken. Ist es nicht viel wichtiger, dass wir an Jesus Christus glauben, und das mit ganzem Herzen und nicht so sehr mit dem Kopf? Und sollten wir unseren Glauben nicht viel mehr leben als lange über ihn nachzudenken? Wie immer man die Gewichte setzt: Dass der christliche Glaube auch gedacht und mit vernünftigen Argumenten begründet sein will, ist schon für das Neue Testament keine Frage. Im 1. Petrusbrief heißt es ganz unmissverständlich: »Seid allezeit bereit zur Verantwortung vor jedermann, der von euch Rechenschaft fordert über die Hoffnung, die in euch ist!« (1. Petr 3,15) So war es schon in neutestamentlichen Zeiten unerlässlich, vielen Mitmenschen überhaupt erst einmal zu erklären, worum es im christlichen Glauben inhaltlich geht. Und bereits damals kamen Christen um das Durchdenken ihres Glaubens auch schon deshalb nicht herum, weil sie untereinander keineswegs immer einig waren, wie der gemeinsame christliche Glaube denn nun konkret in Lebenspraxis umgesetzt werden sollte.

An der Notwendigkeit, den christlichen Glauben auch zu denken, hat sich bis heute kaum etwas verändert. In einem Zeitalter zunehmender Säkularisierung und Differenzierung des gesellschaftlichen Lebens ist sie nach 2000 Jahren Christentumsgeschichte eher noch dringlicher geworden.

Nun ist an theologischen Büchern sicherlich kein Mangel. Kaum ein Teilaspekt des christlichen Glaubens ist nicht gründlich untersucht worden, und auch an meditativen und erbaulichen Veröffentlichungen, an mehrbändigen Dogmatiken und detaillierten Nachschlagewerken ist die Auswahl groß. Was weitgehend fehlt, sind jedoch relativ knappe, aber doch umfassende, allgemein verständliche und doch begrifflich möglichst klare Gesamtdarstellungen für die »gebildete Laiin« und den »gebildeten Laien«.3 Dies wurde mir als Oberstufenlehrer an einem Gymnasium in Baden-Württemberg deutlich, und so entstanden die vorliegenden »Argumente«, die zunächst einmal für den internen Gebrauch gedacht waren und für mich selbst und meine Schülerinnen und Schüler eine thesenartige Zusammenfassung des Abiturstoffes im Fach Evangelische Religion bieten wollten.4 In überarbeiteter Form wenden sie sich jetzt nicht nur an Schüler und Lehrer5 der gymnasialen Oberstufe, sondern auch an interessierte Gemeindemitglieder, an Kolleginnen und Kollegen in anderen Schultypen, in der Erwachsenenbildung und in der Gemeindearbeit, an Studienanfänger sowie an all diejenigen, die sich nicht oder nicht mehr Christen nennen, die sich aber dennoch mit den Inhalten des christlichen Glaubens kritisch auseinandersetzen wollen.

Bemerkung zur 10. Auflage

Als ich »Glauben ist menschlich« schrieb, war in keiner Weise abzusehen, dass diese Publikation einmal so viele Auflagen erreichen würde. Da die allgemeine Resonanz auf mein Buch immer noch sehr positiv ist, habe ich auch für die 10. Auflage keinen Anlass für eine grundsätzliche Neufassung gesehen. Manche ungeschickte oder unklare Formulierung habe ich jedoch korrigiert, den einen oder anderen Abschnitt habe ich ergänzt und vor allem auch die Lektürehinweise im Anmerkungsteil auf den neuesten Stand gebracht. Ich wünsche dem Buch, das sich nun auch nach den Regeln der reformierten Rechtschreibung präsentiert, weiterhin viele zufriedene Leserinnen und Leser und bin für Anregungen und Verbesserungsvorschläge stets dankbar.

Für die geduldige, freundliche und äußerst kompetente Hilfe beim Durcharbeiten der Korrekturfahnen bin ich Friedemann Weitz aus Leutkirch im Allgäu sehr verbunden.


Tübingen, im Februar 2001Peter Kliemann

Bemerkung zur 19., völlig neu bearbeiteten Auflage

Seit der letzten Überarbeitung dieses Buches sind wiederum fast zwei Jahrzehnte vergangen, und die Nachfrage ist überraschenderweise ungebrochen. Immer wieder erreichen mich bis heute auch sehr persönliche Briefe und Mails, die zeigen, dass »Glauben ist menschlich« keineswegs nur für Schul- und Prüfungszwecke gelesen wird.

Dieses außergewöhnliche Interesse war für mich Anlass und Verpflichtung, mein »Jugendwerk« noch einmal gründlich zu überarbeiten. Der offensichtlich erfolgreiche Stil sollte dabei erhalten bleiben, aber ich habe manches auf den neuesten Stand gebracht und auch noch zwei neue Kapitel (Kapitel X: Gibt es eine christliche Ethik? und Kapitel XI: Wie spät ist es?) hinzugefügt.

Was mir aus dem Abstand der Jahre und nach vielen Reisen im europäischen und außereuropäischen Ausland auffällt, ist, wie stark »Glauben ist menschlich« aus der Perspektive des deutschen Luthertums geschrieben ist. Unterschiede zur römisch-katholischen Kirche werden nur am Rande thematisiert, von Calvin, Zwingli, den orthodoxen Kirchen, von Freikirchen und den sehr erfolgreichen Pfingstkirchen ist nicht die Rede. Auch Überlegungen zu den nicht-christlichen Religionen musste ich in eine andere Publikation auslagern. Ich habe es nach reiflichem Nachdenken bei dieser perspektivischen Zuspitzung belassen. Alles andere hätte den Rahmen und Umfang des handlichen Büchleins gesprengt. Anregungen und Verbesserungsvorschläge sind auch in Zukunft sehr willkommen. Und der letzte Satz der Bemerkung von 2001 gilt auch im Jahr 2020: Für die geduldige, freundliche und äußerst kompetente Hilfe beim Durcharbeiten der Korrekturfahnen bin ich Friedemann Weitz aus Leutkirch im Allgäu sehr verbunden!


Tübingen, im April 2020Peter Kliemann

Kapitel I

Was soll das alles?

Erste Überlegungen zur Frage nach dem Sinn des Lebens

Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag

■ Auch Menschen, die sich nicht als besonders religiös bezeichnen würden, für die Gott vielleicht gar kein Thema mehr ist, fragen gelegentlich nach dem »Sinn des Lebens«. Wer sich auf diese Frage ernsthaft einlässt, wird schnell merken, dass sie nur die Überschrift für eine Fülle von weiteren, zum Teil eher theoretischen, zum Teil aber auch sehr existentiellen Fragen ist, die traditionellerweise im Rahmen von Religion und Theologie formuliert und reflektiert wurden:

Warum bin ich überhaupt auf der Welt? Gibt es einen Ursprung und ein Ziel allen Lebens? Oder ist letztlich alles Zufall? Welchen Unterschied macht dies für meine konkrete Lebensgestaltung? Wie hängt mein Leben mit dem Leben der anderen zusammen? Ist es egal, ob ich so oder anders lebe? Gibt es Kriterien für Gut und Böse? Gibt es überhaupt so etwas wie »den Sinn des Lebens«? Kann ich für mich und andere befriedigend leben, wenn ich davon ausgehe, dass das Leben gar keinen Sinn hat? Was ist ein erfülltes, geglücktes Leben, was ein missglücktes? Wie gehe ich mit Leid, Unrecht und Schicksalsschlägen um? Gibt es ein Leben nach dem Tod? Ändert die Antwort auf diese Frage etwas an dem Leben vor dem Tod?

Man könnte also, ohne Andersdenkende und Andersgläubige vereinnahmen zu wollen, sagen, dass es sich bei der Sinnfrage – der Frage nach dem Woher, Wohin und Wozu des Lebens – um eine neuzeitliche säkularisierte Fassung der Gottesfrage handelt.6

■ Dass der Mensch überhaupt nach dem Sinn seines Lebens fragt, unterscheidet ihn aus der Sicht heutiger Verhaltensforschung vom Tier.7 Während Tiere in ihrem Verhalten weitgehend durch ihre Instinkte geleitet werden, sind diese Instinkte beim Menschen verkümmert. Der Mensch ist ein »Mängelwesen«, das einerseits die einmalige Freiheit hat, andererseits aber auch dazu gezwungen ist, sich zu entscheiden, wie es sein Leben gestalten will. Da die Möglichkeiten hierzu zwar nicht für jeden Einzelnen, aber doch für die Gattung Mensch nahezu unbegrenzt sind, sind auch die Lebensentwürfe und Lebensmodelle der Menschen je nach historischen, gesellschaftlichen und biographischen Gegebenheiten sehr unterschiedlich und vielfältig.

■ Die Frage nach dem Sinn des Lebens stellt man nicht jeden Tag. Wir können lange Zeit sehr gut von einem vorläufigen Ziel, von einem Termin und Projekt zum anderen leben, ohne uns über tiefgründige Fragen philosophischer oder theologischer Art überhaupt Gedanken zu machen. Es wäre schlimm, wenn es anders wäre. Denn wenn sich einem die Frage nach dem Sinn des Lebens aufdrängt, dann ist dies in der Regel ein Signal dafür, dass die bewährten Wahrnehmungs- und Handlungsmuster des Alltags durcheinandergeraten sind, dass nicht mehr klar ist, warum und wie man eigentlich leben soll. Wer plötzlich schwer krank wird, wer einen Freund oder Verwandten verliert, wer in der Schule oder im Beruf versagt, wer arbeitslos ist, wer ein behindertes Kind zur Welt bringt, wessen Beziehung in die Brüche geht, der fragt nach dem Sinn des Lebens, und zwar nicht selten recht verzweifelt.

Weil kein Mensch gegen solche Situationen gefeit ist und weil Verzweiflung ein schlechter Ratgeber ist, ist es gut, die Frage nach dem Sinn des Lebens auch schon einmal dann zu stellen und zu durchdenken, wenn man nicht unter einem akuten Sinndefizit leidet.

Woran du dein Herz hängst, das ist dein Gott

■ Auch wer nicht ständig über den Sinn des Lebens nachdenkt, unterstellt nichtsdestoweniger immer schon einen bestimmten Sinn. Martin Luther hat dies in seinem Großen Katechismus von 1529 in der Auslegung zum 1. Gebot so formuliert:

»Was heißt ›einen Gott haben‹ bzw. was ist ›Gott‹? Antwort: Ein ›Gott‹ heißt etwas, von dem man alles Gute erhoffen und zu dem man in allen Nöten seine Zuflucht nehmen soll. ›Einen Gott haben‹ heißt also nichts anderes, als ihm von Herzen vertrauen und glauben; in diesem Sinn habe ich schon oft gesagt, dass allein das Vertrauen und Glauben des Herzens einem etwas sowohl zu Gott als zu einem Abgott macht. Ist der Glaube und das Vertrauen recht, so ist auch dein Gott der rechte Gott, und umgekehrt, wo das Vertrauen falsch und unrecht ist, da ist auch der rechte Gott nicht. Denn die zwei gehören zusammen, Glaube und Gott. Das nun, sage ich, woran du dein Herz hängst und worauf du dich verlässest, das ist eigentlich dein Gott.«8

Luther fasst an dieser Stelle die Begriffe »Glauben« und »Gott« sehr weit. Man kann sich kaum einen Menschen vorstellen, der in diesem Sinn nicht an etwas glaubt, der sein Herz nicht an etwas hängt, der nicht irgendwo einen bewussten oder unbewussten Orientierungspunkt hat, für den nicht irgendetwas oder irgendjemand im Leben das Wichtigste ist. Auch ein Atheist glaubt nach Luthers Verwendung des Begriffs also an etwas, auch wenn er es vielleicht gar nicht benennen kann und will.

Wenn das, »woran du dein Herz hängst …, eigentlich dein Gott« ist, dann ist damit allerdings noch nicht ausgemacht, um was für einen Gott es sich handelt, ob er wirklich den Namen Gott verdient oder nur ein Scheingott (»Abgott«) ist und ob er »in allen Nöten« auch wirklich hält, was man sich von ihm verspricht.

Wir hängen unsere Herzen, meist ohne uns dessen richtig bewusst zu sein, an Geld, Beruf, Karriere, Eigenheim, Hobbies, Ehepartner, Freunde, Kinder, Schönheit, Unterhaltung, Kleidung, soziales Ansehen und anderes, das nützlich und erstrebenswert sein mag, bei dem sich in schwierigen Lebenssituationen aber sehr schnell zeigt, dass wir falschen Gottheiten und Abgöttern gedient haben, die keineswegs »in allen Nöten« eine »Zuflucht« bieten (vgl. dazu auch schon das Gleichnis vom reichen Kornbauern, Lk 12,16–21). Was alles den Sinn des Lebens nicht garantiert, lässt sich also bei einiger Selbstkritik relativ leicht erkennen, wesentlich schwieriger ist es hingegen, zu diesem Thema etwas Positives zu formulieren.

Um den Sinn des Lebens muss man streiten

■ In früheren Jahrhunderten bot in unserem Kulturkreis die biblisch-christliche Tradition ein in Einzelheiten zwar immer auch heftig umstrittenes, insgesamt aber doch allgemein akzeptiertes Erklärungsmodell für die verschiedenen Fragen und Situationen des alltäglichen Lebens, aber auch für die Bewältigung von individuellen, familiären und gesamtgesellschaftlichen Krisen. Dieses Erklärungsmodell ist heute vielen Menschen nicht mehr oder nur ungenügend bekannt, und schon gar nicht mehr von allen als selbstverständlicher Bezugs- und Orientierungsrahmen akzeptiert. Das biblisch-christliche Erklärungsmodell ist fraglich geworden; an seine Stelle ist jedoch bisher kein gleichwertiger Ersatz getreten, so dass ein weltanschauliches Vakuum entstanden ist, das sowohl im Leben des Einzelnen als auch im politischen Leben in einer oft nur notdürftig durch Geschäftigkeit und Krisenmanagement überdeckten Orientierungslosigkeit zum Ausdruck kommt.

In einer Gesellschaft, die sich nur langsam wandelte, war die Anzahl der möglichen Lebensmodelle noch überschaubar. In unserer sich mit rasantem Tempo, aber ohne klar erkennbare Zielrichtung verändernden Gesellschaft übersteigt die Vielfalt von z.T. nur sehr kurzlebigen, oft auch von den Massenmedien, der Werbung und der Unterhaltungsindustrie gezielt ins Spiel gebrachten Lebensentwürfen nicht selten die Wahrnehmungs- und Strukturierungsfähigkeit des Einzelnen.

■ Das entstandene weltanschauliche Vakuum versuchen u.a. verschiedene wissenschaftliche Disziplinen, vor allem die Sozialwissenschaften, zu füllen, indem sie immer wieder Modelle geglückten Lebens entwerfen. Dabei kann allerdings nicht übersehen werden, dass es kaum möglich ist, die gewachsene und im Alltag auch einfacher Menschen fest verankerte Tradition von Religionen einfach durch das nüchterne und notwendigerweise distanziert-kritische Kalkül wissenschaftlicher Forschung zu ersetzen.

Immerhin kann man aus sozialwissenschaftlichen Untersuchungen z.B. lernen,

– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass die Kommunikation mit anderen Menschen gelingt (was natürlich genauer zu definieren wäre!);

– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass der Mensch sich realisierbare Aufgaben stellt, dass er sich für etwas engagiert;

– dass es für menschliches Leben wichtig ist, dass der Mensch sich mit der Endlichkeit seines Lebens, mit seinen Schwächen, mit dem Tod und der Möglichkeit von Schicksalsschlägen auseinandersetzt;

– dass die Erfahrung von Sinn nicht durch bloße Reflexion herstellbar ist, sondern vor allem auch durch emotionale und unbewusste Faktoren mitbestimmt wird;

– dass das, was der eine als sinnvolles Leben empfindet, für den anderen noch lange nicht sinnvoll sein muss;

– dass einem Menschen, der am Sinn des Lebens zweifelt, menschliche Zuwendung mehr nützt als alle Theorien über den Sinn des Lebens.

■ Weil der Mensch – heute mehr denn je – den Sinn seines Lebens erst suchen muss, kann kein einzelner Mensch oder keine Menschengruppe sich anmaßen, den Sinn des Lebens für alle Menschen in allen Situationen zu kennen. Jeder kann nur artikulieren und versuchen, anderen plausibel zu machen, worin er aufgrund seiner Erfahrungen und seines Wissens den Sinn des Lebens sieht. Wer sich damit nicht zufrieden geben und Eindeutigkeit um jeden Preis erzielen will, läuft Gefahr, anderen Menschen physisch oder psychisch Gewalt anzutun, ihre Andersartigkeit und Vielfalt zu unterdrücken und diktatorischen oder inquisitorischen Verhältnissen den Weg zu bereiten.

Ist bei der Behandlung der Sinnfrage also grundsätzlich Toleranz und Offenheit für die Lebensäußerungen anderer Menschen angezeigt, so darf diese Haltung jedoch nicht mit Beliebigkeit und Gleichgültigkeit verwechselt werden. Weil meine Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens in ihren Auswirkungen meine Mitmenschen konkret berührt und weil ihre Antworten auch auf mich unter Umständen unangenehme Folgen haben, können wir uns nicht damit zufrieden geben, dass eben jeder sein Leben so leben soll, wie er gerade Lust hat. Müsste insbesondere in unserer heutigen Welt, die in ihrer Gesamtheit von ökologischen, militärischen, ernährungspolitischen und medizinischen Katastrophen unvorstellbaren Ausmaßes bedroht ist, nicht jeder Mensch bestrebt sein, seine vorläufige Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens mit den Antwortversuchen anderer Menschen zu konfrontieren und mit ihnen gemeinsam um den richtigen Weg zu einem lebenswerteren Leben zu streiten?

Die folgenden Bemühungen, die Sinnfrage aus christlicher Sicht zu beantworten, verstehen sich als ein Beitrag zu solch einem Dialog.

Gott = Liebe?

■ Sollte ich in einem Satz zusammenfassen, worin für mich als Christ der Sinn des Lebens liegt, so würde ich in Anlehnung an den 1. Johannesbrief sagen: In der Liebe. In der Liebe, die Gott uns schenkt und die wir Menschen weitergeben sollen. Solch eine Behauptung ist natürlich erklärungsbedürftig, denn es gibt nicht viele Wörter in der deutschen Sprache, die vieldeutiger und missverständlicher sind als die Begriffe »Gott« und »Liebe«. Man könnte die folgenden Arbeitsthesen deshalb als eine ausführliche, in vielerlei Variationen durchbuchstabierte Paraphrase des neutestamentlichen Satzes »Gott ist Liebe« (1. Joh 4,8.16) ansehen.9

■ Wer die These »Gott ist Liebe« aufstellt, muss sich am Anfang des 21. Jahrhunderts zunächst einmal bewusstmachen, dass viele Zeitgenossen die Existenz Gottes überhaupt bestreiten oder doch zumindest anzweifeln. Im nächsten Kapitel wird es deshalb darum gehen, zu erklären, was eigentlich für oder gegen die Existenz eines göttlichen Wesens spricht.

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450 str. 1 ilustracja
ISBN:
9783766845382
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Właściciel praw:
Bookwire
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