Czytaj książkę: «Eveline Gedeon»
Paul Keller
Elveline Gedeon
Zwei Erzählungen
Saga
Eveline Gedeon
© 1914 Paul Keller
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517383
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
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Eveline
Denk mal, Mama,“ sagte die fünfjährige Grete, „denk mal, wie dumm der Hans ist. Er sagt, unser Onkel Heinrich ist ein Mann.“
„Nu, Grete, ist er denn keiner?“
„Ach wo! Wo er doch immer mit uns in der Stube rumkriecht und großer Hund und kleiner Hund und großes Kamel und kleines Kamel spielt. Da kann er doch kein richtiger Mann sein.“
„Da glaubst du also, er sei noch ein Junge?“
„N — ein! Ein Junge auch nicht. Weil er doch eine Brille trägt, und weil er Zigarren raucht und so. Weißt du, Mama, ich denke: der Onkel Heinrich ist eben — ein Onkel Heinrich.“
„Ja, mein Schatz! Da hast du recht! Er ist eine Sorte Mensch für sich.“ — — —
Dieser seltsame Heinrich, der seiner Gattung nach ein Onkel war und bei den zwei Kindern seiner Schwester den Vertrauensposten eines großen Hundes und großen Kamels bekleidete, hatte noch ein kleines Nebenamt: er war Arzt.
Wie er nun einmal seine Nachmittagssprechstunde hatte und schon eine Reihe von Patienten verabschiedet war, gewahrte er draußen im Wartezimmer seine Nichte Grete. Sie hielt, gut in ein Tuch eingehüllt, die Puppe auf dem Schoß, die er ihr zu Weihnachten geschenkt hatte, und machte ein Gesichtlein so voll Wichtigkeit und Kümmernis, daß er gleich ahnte, sie sei gekommen, ihn zu konsultieren.
Nachdem also endlich der letzte große Patient gegangen war, öffnete er die Tür zum Wartezimmer, steckte den Kopf halb durch die Spalte und sagte:
„Bitte, meine Dame, treten Sie ein!“
Die „Dame“ trat langsamen und fürsichtigen Schrittes ins Sprechzimmer.
„Du, Onkel Heinrich, meine Puppe —“
Der Arzt unterbrach sie.
„Ach was, wenn man in die Sprechstunde kommt, sagt man nicht Onkel Heinrich, da sagt man Herr Doktor!“
„Du, Herr Doktor, denk mal an, meine Puppe ist krank. Die Eveline!“
„So! Na, da nehmen Sie mal Platz, liebe Frau! Was fehlt denn der Kleinen?“
„Nu, Onkel — nu, Herr Doktor, weißt du, sie — sie kriegt gar nicht mehr die Augen auf — ja — und dann — dann hat sie den Keuchhusten, und dann — dann hat sie so Margrine oder wie das heißt — und dann hat — hat sie den Ziegenpeter und die Schafblattern, und dann — dann hat sie im linken Fußel die Lungenentzündung.“
„Verflixt ja,“ sagte der Doktor und ging mit großen Schritten erregt im Zimmer auf und ab, „verflixt, das is ’n schwieriger Fall! Nu, sagen Sie mal, liebe Frau, wie konnte denn das Kindel so krank werden? Da haben Sie gewiß nicht gut aufgepaßt, da wird halt das arme Wurm mal längere Zeit feucht gelegen haben.“
„Ach nein,“ sagte die junge Mutter eifrig, „ach nein, so was kommt bei meinen Kindern überhaupt nicht mehr vor.“
Der Doktor grunzte und steckte die Hände in die Hosentaschen.
„M—ja, liebe Frau, da muß ich halt mal Ihr Kind untersuchen.“
Er band sich einen runden Spiegel vor die Stirn und betrachtete die kranke Eveline.
„Ja, es stimmt! Augen geschlossen, Keuchhusten, Margrine, Ziegenpeter, Schafblattern und im rechten Fußel die Lungenentzündung.“
„Nein, im linken!“
„Ach so — ja, im linken. Das kommt übrigens nicht so genau drauf an. Da muß man nicht so peinlich sein!“
„Ja, und dann hat die Eveline aber auch noch Zahnschmerzen, und dann hat sie nervös und die Masern und die Wassersucht und —“
„Schon gut, liebe Frau! Für heute genügt das schon. M—ja, es steht wirklich sehr schlimm mit Ihrem Kinde.“
Und der Doktor schüttelt heftig den Kopf. Doktoren müssen immer heftig den Kopf schütteln, wenn es schlimm steht.
„Ja, Herr Doktor, weißt du, aber hauptsächlich mußt du noch dran horchen und klopfen.“
„Ja, natürlich muß ich das.“
Er nimmt das Stethoskop und horcht an Evelinens Brust.
„Hmhm!“ brummt er. „Hmhm!“
Wenn Doktoren „Hmhm“ brummen, steht die Sache meist schlecht.
„Mußt aber auch ja nicht vergessen, zu klopfen!“
„I, wo werd’ ich.“
Und der Doktor stellt Evelinen aufs Knie, macht den Finger krumm und klopft an ihren Rücken. Als er aber sieht, daß ihm viele Sägespäne auf die schwarzen Beinkleider stöbern, hört er lieber auf zu klopfen und macht den Finger wieder gerade.
„M—ja, liebe Frau. Schlimm, schlimm! Der Unterleib ist auch nicht in Ordnung. Ich muß Ihnen leider sagen, daß Kinder, die zu gleicher Zeit Augenkrankheit, Keuchhusten, Margrine, Ziegenpeter, Schafblattern, Lungenentzündung, Zahnschmerzen, nervös, Masern, Wassersucht und Unterleibskrankheiten hatten, machmal daran gestorben sind. Solche Fälle sind ziemlich ernst. Na ja, legen sie das Kind zu Bett und geben sie ihm jetzt bald eine Tasse recht guter Milchschokolade zum Schwitzen?“
„Mit Schlagsahne?“
„Ja, natürlich mit Schlagsahne! Schlagsahne ist besonders gegen die Wassersucht gut. Ja, und dann jede Stunde ein großes Honigbonbon. Das vergessen Sie nur ja nicht, liebe Frau.“
„O nein!“ sagte die „liebe Frau“ mit glücklichem Lächeln.
„Gegen Abend, wenn das Fieber stärker wird, lassen Sie sich für das Kind ein Tellerchen Preißelbeeren geben.“
„Mit junger Sahne?“
„Ja, selbstverständlich! Ohne junge Sahne hilft das Mittel nichts.“
„Kann ich nicht auch dem kranken Kinde zum Spielen ein Glockenspiel, ein neues Schäfchen, ein Bilderlotto und Bilderbogen und eine Spieluhr —“
„Ach nein, liebe Frau, so viele neue Sachen könnten das Kind zu sehr aufregen. Dagegen empfehle ich Ihnen sehr kalte Umschläge —“
„Aber nicht mir!“ schrie Grete.
„Ach wo! Von Ihnen ist doch gar nicht die Rede! Der Eveline machen Sie Umschläge. Aber nur auf den Kopf! Ja nicht auf den Leib! Dort würde es schädlich wirken. Und nun auf Wiedersehen, liebe Frau! Ich habe nämlich noch andere Patienten, die ich jetzt in der Stadt besuchen muß. Wenn ich fertig bin, sehe ich mal bei Ihrer Eveline zum Rechten!“
*
Als abends gegen sieben Uhr Onkel Heinrich erschien, kam ihm Grete aufgeregt entgegengelaufen.
„Denk mal — denk mal, die Eveline ist gestorben.“
„Wer sagt das?“
„Hans sagte es!“
„Ja,“ behauptet Hans freudig, „sie is schon kalt! Und ganz steif!“
Der Arzt beugt sich über die Puppenwiege.
„M—ja!“ sagte er. „Sie ist tot! Nichts mehr zu machen!“
Als Grete ein bißchen den Mund verzieht, bereut er sein Diktum und will es schon widerrufen. Aber er überlegt es sich anders.
„Wein’ nicht, Grete, sterben müssen alle einmal. Und bei den vielen Krankheiten war’s ja eigentlich zu erwarten,“ sagte er mit Grabesstimme.
Darmowy fragment się skończył.