Czytaj książkę: «Die drei Ringe»
Paul Keller
Die drei Ringe
Saga
Die drei Ringe
© 1924 Paul Keller
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711517420
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Numerum liberorum finire aut quemquam ex agnatis necare flagitium habetur, plusque ibi boni mores valent, quam alibi bonae leges.
Die Zahl der Kinder zu beschränken oder eines der nachgeborenen zu töten, bringt Schande, und mehr wirken dort (bei den Germanen!) gute Sitten als anderwärts gute Gesetze.
Tacitus, Germania cap. 19.
1. Teil.
Der Julitag verglüht so langsam, wie ein schweres Feuer ausgeht. Zur Veranda herauf, ob sie auch nach Osten gelegen ist, kommt immer noch kein kühler Hauch aus dem grossen Park. Die Frau Kommerzienrat, die im Lehnstuhl liegt, atmet mühsam. Wie soll jemand, der schwer am Herzen leidet, in solcher Luft bestehen?
Die Hände der Frau spielen nervös mit einem Buche. Einmal schlägt sie das Titelblatt auf. Da steht: „Todsünde! Ein Buch wider alle Mörder von Kindern, der geborenen wie der ungeborenen.“ —
Die Frau friert plötzlich. Die schmalen Schultern zucken; die unglücklichen Augen schauen hinunter nach dem hellen Park, ob ihr nicht von da Wärme komme.
Das Buch gleitet auf den Fussboden.
Eine rüstige, etwa vierzigjährige Dienerin erscheint mit einer Giesskanne.
„Gnädige Frau, darf ich jetzt die Blumen begiessen?“
„Ja. Und danach kommen Sie mal her zu mir, Frau Scholz!“
Die Frau begiesst eine Anzahl von Blumentöpfen; dann kommt sie heran.
„Gnädige Frau wünschen?“
„Setzen Sie sich auf den Stuhl neben mich, Frau Scholz. Erzählen Sie mir mal etwas von Ihrer Ehe.“
„Ach Gott, gnädige Frau, von der Ehe armer Leute ist nicht viel zu erzählen. Er schindet sich, sie schindet sich; die Kinder wachsen halt so mit auf. Immer von der Hand in den Mund — das ist alles!“
„Wieviel Kinder haben Sie?“
„Fünf, gnädige Frau!“
„Und das war alles? Ich meine, es ist nie, was wir Frauen unter uns so nennen, ‚daneben‘ gegangen?“
Frau Scholz sagt erstaunt: „Nie. Ich war immer ganz gesund.“
„Ja, und so selbst etwas getan, wieder befreit zu werden — ich meine, Sie hatten es doch schwer — Sie konnten sich doch keine weiteren Kinder wünschen —“
„Nie, gnädige Frau! Das hätt’ ich, Gott bewahr mich, nicht gewollt — und mein Mann auch nicht.“ Die Frau Kommerzienrat sagt mit leiser Stimme:
„Ja, ja, das ist freilich schön. — Wieviel verdient denn Ihr Mann am Tage? Er ist Dachdecker, wie ich hörte.“
„Ja, Dachdecker. Im Sommer verdient er manchmal fünf Mark am Tage; aber im Winter ist halt keine Arbeit, höchstens, wenn einmal ein Sturm die Dächer sehr zerreisst.“
„Haben Sie Freude an Ihren Kindern gehabt?“ „Wie’s bei Kindern geht, gnädige Frau — Freude und Sorge und Arbeit, halt so alles durcheinander. Hergeben tät ich keines. Der Kleinste wäre uns beinahe einmal gestorben. Da hat mein Mann geheult, und ich habe gepflegt. In solchen Krankheitsfällen taugen die Männer nichts. Na, der Junge ist jetzt schon acht Jahre. Und die beiden ältesten sind siebzehn und sechszehn und verdienen schon, sind uns schon zur Hälfte von der Tasche; sind brav, halt gerade, dass sie Zigaretten rauchen. Aber mein Mann sagt, ein bisschen was vom Leben wollen sie auch haben. Das Mädel ist dreizehn, dann der andere Junge elf. Ach, gnädige Frau, wenn das Mädel nächstes Jahr aus der Schule kommt und gnädige Frau wollten es als Dienstmädchen aufnehmen —“
„Ich will schon gern ein Kind von einer so guten Frau und einem so braven Manne in mein Haus nehmen.“
„Gnädige Frau —“
Die Frau Kommerzienrat wehrt einen Handkuss ab und sagt in plötzlicher Erregung: „Nein, nein, Frau Scholz, Sie sind ein viel besseres Weib als ich. — Gehen Sie! Schicken Sie Annemarie!“
Die Dienerin sieht die Herrin erschrocken an und eilt davon.
*
Da kommt Annemarie. Sie ist von guter Figur. Ihre Augen sind schön, aber umschattet; die dunkelblonden Haare umrahmen ein blasses, weiches Gesicht.
„Gnädige Frau sind doch nicht wieder unwohl?“
„Bin ich jemals wohl?“
Annemarie hebt das Buch auf, das am Fussboden liegt.
„O, wieder dieses Buch! Wenn gnädige Frau darin lesen, wird es allemal schlimmer. Der Arzt hat es schon dreimal verboten.“
Die Frau lächelt müde.
„Der Arzt! Für mich ist es ganz gleichgültig, ob es überhaupt Ärzte auf der Welt gibt. Helfen kann mir keiner. Und das einzige, was mich noch interessiert, ist dieses Buch.“
Annemarie sitzt beklommen da. Die Frau fragt: „Welches Datum haben wir heute?“
„Den 31. Juli.“
„Den 31. Juli 1914! Wenn ich dieses Jahr noch sterbe, bin ich gerade 49 Jahre alt geworden — “ Annemarie, leise aufschluchzend: „Ich bitte Sie, gnädige Frau —“
Die Frau: „Nein, nicht weinen, Annemarie! Es stimmt! Ich bin 1865 geboren. Wenn ich in diesem Jahre 1914 sterbe, bin ich gerade 49 Jahre alt geworden. Alt genug, Annemarie, alt genug für mich!“
*
Es entsteht Lärm auf der Strasse.
Die Frau fragt: „Was ist das? Was schreien diese Leute?“
Annemarie lauscht gespannt nach der Parkmauer hin.
„Gnädige Frau — oh! ‚Krieg‘ schreien sie. — Krieg! — Nieder mit Frankreich und Russland! — Was ist geschehen?“
„O Gott, nun trommeln sie — nun läuten auf einmal die Glocken. Laufen Sie nach der Strasse, Annemarie; sehen Sie nach, was geschehen ist —“
„Ach kann Sie nicht allein lassen, gnädige Frau —“
„Gehen Sie — das drückt mich nicht nieder, das ermuntert mich. Eilen Sie!“
*
So eilt Annemarie durch den Park. Am Toreingang trifft sie mit Helmut Enzenberg zusammen. Der ist der Sohn des Hauses, Reserveleutnant, Doktor der Rechte und was die einzige Hauptsache ist, ein aufrechter, junger Mann.
Helmut fasst Annemarie am Handgelenk.
„Annemarie, es wird Krieg. Krieg mit Russland und dann natürlich auch mit Frankreich und weiss Gott noch mit wem. Morgen muss ich fort.“
Das Mädchen wird sterbensbleich.
„Fort — du? — Helmut, und ich?“
Er steht wie gelähmt da. Schleppend sagt er: „Ja — du! Es ist furchtbar! — Annemarie — das muss heute noch in Ordnung gebracht werden — heute noch mit dem Vater — morgen ist’s zu spät. Komm mit — komm ganz still mit — setz dich in einen Winkel — warte! Ich geh zu ihm und bring’s ihm bei, ihm und der Mutter —“
„Nicht der Mutter — es geht ihr heute wieder sehr schlecht. Sage es nicht der Mutter!“
„Ja, wer soll’s ihr denn sagen?“
Der junge Mann strafft sich.
„Annemarie, es wird Krieg. Glaubst du, ich fürchte mich? Nein! O, ich will den Hunden, die unser Vaterland anbellen, schon ein Ordentliches auf den Pelz hauen helfen. Aber der Vater! Er ist der einzige Mann — Ach was, darf ich mich vor Granaten und Maschinengewehren nicht fürchten, werde ich mich vor seinem Gepoltere auch nicht fürchten. Weine nicht, mein Mädel! Ich heirate dich. Das ist ganz selbstverständlich. Beim ersten Urlaub heirate ich dich. Auch im Kriege wird’s mal Urlaub geben. Und bis dahin wird mich wohl der Schlachtengott beschützen. Man müsste meinen, er tut’s, wenn er weiss, dass einer in der Heimat noch eine so schwere Pflicht zu erfüllen hat.“
Das Mädel klammert sich leidenschaftlich an ihn. „Du — du — es war doch nur Liebe — es war doch alles nur Liebe — nicht Leidenschaft — nur Liebe!“
„Ja, es war nur Liebe! Weine nicht, mein Mädel; es wird noch alles gut werden; setz dich in einen Winkel — warte — ich gehe zu ihm.“
„Ich muss zu deiner Mutter. Sie hat mich ausgeschickt um Nachricht. Sie wartet.“
„So gehe zur Mutter. Beherrsche dich. Tröste sie wegen des Krieges!“
*
Wieder auf der Veranda.
Die Kommerzienrätin: „Nun, was ist?“
Annemarie: „Krieg, gnädige Frau, Krieg mit Russland und Frankreich!“
Die kranke Frau: „Krieg? (Sie lächelt.) Wenn ich dieses Jahr noch sterbe, wird ein Grab für mich werden; das ist eine schmale Tür, die aus dieser Welt in eine andere führt. An dieser Tür werden die Kanonen donnern und die Leute schreien, aber ich werde schnell hineingehen. Die Totendiener werden in weniger als einer halben Stunde die Tür hinter mir zumachen und ich werde nichts mehr hören. — Warum weinst du so herzzerbrechend, Annemarie? Weil Krieg wird?“
Annemarie sagt ausser sich:
„Gnädige Frau — Helmut — Verzeihung, ich wollte sagen, Ihr Herr Sohn, Dr. Helmut, muss schon morgen fort —“
„Helmut? Wohin — wohin muss er?“
„In — in den Krieg, gnädige Frau!“
„Wer sagt das?“
„Er selbst. Ich traf ihn am Parktor.“
Die Kommerzienrätin sinkt in den Lehnstuhl zurück. Sie flüstert in jähem Schrecken;
„Helmut in den Krieg — daran dachte ich zuerst nicht — Jetzt weiss ich bestimmt, dass ich dieses Jahr noch sterbe (Sie lacht krankhaft und tippt sich auf die linke Brust). Freue dich, Herz, altes marodes Ding, freue dich, jetzt wird bestimmt Feierabend!“
Annemarie sitzt wortlos da. Sie ringt die blassen Hände ineinander. Minuten langen Schweigens.
Die Frau fragt endlich: „Wo ist er jetzt?“
„Beim Vater! Verzeihung, ich wollte sagen, beim gnädigen Herrn.“
„Was will er denn dort?“
Annemarie (mit letzter Kraft): „Ich — ich glaube — er hat etwas — etwas Wichtiges mit ihm zu besprechen —“
Frau: „Ja, natürlich. Morgen muss er ja fort. Morgen kann ja alles schon zu spät sein.“ — Abermals lange Pause. —
Die Frau: „Annemarie, ich habe vorhin eine Unwahrheit gesagt. Siehe, wenn ich auch durch die schmale Tür, die aus diesem Leben ins andere führt, durch bin, und wenn auch die Totendiener diese Tür in einer halben Stunde fest verschliessen, — glaube mir, Annemarie, so lange Helmut im Kriege ist, werde ich das Ohr an die geschlossene Tür halten und horchen, ob draussen immer noch der Kanonendonner geht, oder ob er einmal an mein Grab kommt und sagt: ‚Mutter, der Krieg ist aus. Ich bin gesund geblieben.‘ Dann erst werde ich mein Ohr von der Tür wegnehmen können.“ Annemarie stürzt der Frau zu Füssen.
„Gnädige Frau — Sie sind eine Heilige!“
Die Frau antwortet in feierlichem Ernst:
„Liebes Kind, ich bin keine Heilige! Wenn man an der dunklen Tür steht, von der ich sprach, dann heuchelt man nicht mehr; dann beichtet man! — Ich bin keine Heilige — nein — nein!“ Die ältere Frau umschlingt die jüngere mit den Armen. Ihre Körper zucken gegeneinander und die Tränen rinnen.
Die Frau: „Wollen wir uns nicht beichten, Annemarie?“
Annemarie leidenschaftlich aufschluchzend: „Gnädige Frau — gnädige Frau — Helmut zieht in den Krieg und ich — ich — gnädige Frau — ich trag ein Kind von ihm — ein Kind!“
Das junge Weib umklammert die Kniee der älteren Frau und weint in ihrem Schosse. — Schwüle Stille. Was zu hören ist, ist ferner Trommelwirbel, dumpfes Geläute, ein Spielen schwachen Sommerwindes in ermatteten Gipfeln und das silberzarte Tropfen von Tränen einer Mutter und das herzwehste Weinen eines Mädchens.
Die Frau sagt endlich mit gütiger Stimme: „Annemarie — ich habe es schon seit Wochen geahnt, nein, nicht geahnt, sondern gewusst!“ Annemarie: „Gnädige Frau — erbarmen Sie sich — verwerfen Sie mich nicht — o, haben Sie Erbarmen —“
Die Frau: „Ich verwerfe dich nicht! Letzten Endes verwerfen darf nur Gott. Jenseits der dunklen Tür. Hier — hier — darf niemand verwerfen! Annemarie, Du hast mir gebeichtet. Du trägst ein Kind meines Sohnes, das du nicht tragen solltest. Du wirst wissen, dass man solch unerwünschte Frucht beseitigen kann. Willst du das?“
Annemarie springt auf und ruft heftig: „Nie! Nie! Um alle Freuden und Qualen der Welt nicht!“
Die Frau sitzt lange da, ehe sie ein neues Wort findet. Sie fasst nach der Hand des vor ihr stehenden Mädchens, streichelt sie sanft und sagt endlich: „Annemarie, du wirst ein Kind bekommen und sein Vater wird draussen im Felde sein. Du bist nicht verheiratet. Ein Mass von Unflat wird über dich kommen. Aber tröste dich; die Unflätigen und Unbarmherzigen sind nicht mehr wert wie der Kot der Gasse, der eben aufspritzt, wenn man geht und die Schuhe verschmutzt. Die Schuhe putzt jeder Haushälter. Annemarie, du hast mir gebeichtet; ich wollte dir auch beichten. Ich kann es jetzt nicht; meine Kräfte sind am Ende — —. Ich beichte ohnehin alle Tage und Nächte der Finsternis des Grabes und dem, was hinter dieser Finsternis steht. Aber, Annemarie, halte dein — Kind halte dein Kind — etwas Anderes und Besseres weiss ich, eine Schuldige — hörst du, — eine Schuldige und darum eine gebrochene Frau dir nicht zu sagen!“
*
Harte, eilige Schritte schallen aus dem Hause. Ein Wütender kommt. Der Kommerzienrat! Hoch und drohend richtet er seine hagere Gestalt an der Tür auf.
„Da ist ja das Frauenzimmer —“
„Vater!“
Helmut erscheint hinter ihm.
„Jawohl, das Frauenzimmer! Ins Haus aufgenommen wie eine Tochter und nun diese Schande — diese Schande — zum Dank!“ Er geht mit erhobenen Fäusten auf Annemarie zu. Er ist ausser Fassung. Das Mädchen kniet vor ihm. Sie kann nur flüstern:
„Verzeihung — Gnade — erbarmen Sie sich, Herr Kommerzienrat!“
„Nein, kein Erbarmen! Hinaus! Hinaus sofort aus diesem ehrbaren Hause!“
Er stösst mit dem Fusse nach ihr. Er schwingt völlig ausser sich die Fäuste über ihrem Kopfe. „Was soll ich denn tun? O Gott, was soll ich denn tun?“
„Das wird jedes liederliche Mädel wissen, was sie in solchem Falle zu tun hat. Das Geld dazu werde ich geben. Weg mit dem Bams!“
Annemarie richtet sich auf vom Fussboden, steht ein Weilchen still. Sie blickt in tödlicher Scham und Angst auf die Frau, die ihr mitleidig zunickt. Dann sagt sie leise, aber fest: „Herr Kommerzienrat, was Sie wollen, werde ich nicht tun. Und auch Geld werde ich von Ihnen nicht annehmen.“
„Was? Soll der Balg zur Welt kommen? Was soll er auf der Welt? Meint irgend jemand, ich würde so ein Kind als Enkel anerkennen; ich würde jemals das zugeben, was dieser unreife Bursche da, ob er sich gleich Doktor und Leutnant nennt, wünscht, nämlich, dass er diese hergelaufene Schulmeisterstochter heiratet, dass er sich sein und mir mein Leben verhunzt? Wäre so etwas nicht Wahnsinn? Niemals, niemals solche Schande!“
Helmut tritt neben Annemarie.
„Vater, du bist von einer widerlichen Brutalität! Annemarie, geh’ auf dein Zimmer. Packe deine Koffer; ich schicke dir einen Dienstmann. Und weine nicht so sehr; — beim nächsten Urlaub heirate ich dich —.“
Der Kommerzienrat gurgelt auf: „Nein!“
Darmowy fragment się skończył.