Czytaj książkę: «Abheben»
WERNER SCHUSTER OSKAR HANDOW
ABHEBEN
VON DER KUNST, EIN TEAM ZU BEFLÜGELN.

Für Annika, Jonas und Jannik
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1. Auflage
© 2021 Ecowin Verlag bei Benevento Publishing Salzburg – München, eine Marke der Red Bull Media House GmbH, Wals bei Salzburg
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Medieninhaber, Verleger und Herausgeber:
Red Bull Media House GmbH
Oberst-Lepperdinger-Straße 11–15
5071 Wals bei Salzburg, Österreich
Umschlaggestaltung, Design und Satz: b3K design,
Andrea Schneider, diceindustries
Covergestaltung: wir sind artisten
Coverfoto: Dominik Angerer / EXPA / picturedesk.com Bildnachweis: Icon Skispringer: shutterstock.com/Aleksandr Sulga S. 16, 20, 21, 22, 29, 51, 85, 143, 152, 215, 231, 249, 256, 257, 269, 277, 306, 315, 317: Werner Schuster (privat); S. 43: imago images / PPS/Furtner; S. 58: Manzoni / NordicFocus; S. 64: Frank Leonhardt / dpa / picturedesk.com; S. 101: imago images / Gerhard König; S. 106: Robert Parigger / APA / picturedesk.com; S. 127: Felgenhauer / NordicFocus; S. 135: Daniel Karmann / dpa / picturedesk.com; S. 158: imago images / Sven Simon; S. 166: imago images / Luka Dakskobler; S. 194: imago images / Eckehard Schulz; S. 201: imago images / MIS; S. 208: Panther Media GmbH / Alamy Stock Foto; S. 217, 226: JFK / EXPA / picturedesk.com; S. 240: GEPA pictures / Mathias Mandl; S. 242: byRitchie.com; S. 254: Newspix / EXPA / picturedesk.com; S. 260 oben: Hauke-Christian Dittrich / dpa Picture Alliance / picturedesk.com; S. 260 unten: Marvin Ronsdorf; S. 265: imago images / ZUMA Wire; S. 286: imago images / Picture Point; S. 300: Eibner / EXPA / picturedesk.com; S. 303: VALDRIN XHEMAJ / EPA / picturedesk.com; S. 305: Daniel Karmann / dpa / picturedesk.com; S. 325: imago images / Sven Simon

INHALT
VORWORT: Der Kreis schließt sich
von Gregor Schlierenzauer
PROLOG: Am Ziel und doch am Start
KAPITEL 1: Sich seiner Wurzeln bewusst sein
KAPITEL 2: Am Anfang steht das System
KAPITEL 3: Vorbild sein – Profil zeigen
KAPITEL 4: Erste Erfolge sichtbar machen – quick wins realisieren
KAPITEL 5: Visionen haben – realistische Ziele setzen
KAPITEL 6: (Knifflige) Entscheidungen treffen
KAPITEL 7: Aus Fehlern lernen
KAPITEL 8: Ständiges Hinterfragen
KAPITEL 9: Führung – mit Spannungsfeldern umgehen
KAPITEL 10: Leistung auf den Punkt bringen
KAPITEL 11: Motivation erhalten
KAPITEL 12: Den richtigen Zeitpunkt zum Aufhören finden
EPILOG: Gedanken und ein letzter Titel
BIOGRAFIEN

VORWORT
DER KREIS SCHLIESST SICH
von Gregor Schlierenzauer
Meine erste Begegnung mit Werner war 2005. Ich war damals Schüler des Schigymnasiums Stams, er hatte unsere Trainingsgruppe übernommen. Unter seiner Regie bin ich dann ein Jahr später Juniorenweltmeister geworden und habe meine ersten Weltcupsiege feiern dürfen.
Sein unermüdlicher Einsatz, die Individualität »seiner« Sportler und Teams zu formen und zu fördern, ebnete mir bereits in jungen Jahren den Weg in die Weltspitze. Unsere erfolgreiche Zusammenarbeit führte Werner 2007 dann in die Schweiz. Ein Jahr später erfolgte das Engagement als Bundestrainer in Deutschland. Seine Erfolgsbilanz dort ist ebenso bekannt wie beeindruckend.
Werner hatte schon immer verstanden, wie er mich nehmen und »führen« muss, wann es welche Dosierung braucht. Er ist ein Mensch der Klarheit, er sagt, was er denkt, und bleibt dennoch immer empathisch. Er sagt dir nicht das, was du hören willst, sondern das, was Sache ist. Das kann manchmal hart und unbequem sein, ist für den sportlichen Prozess und die persönliche Entwicklung aber unausweichlich. Eine gewisse Nähe aufzubauen und trotzdem die nötige Distanz zu bewahren ist in einer sensiblen Sportart wie dem Skispringen besonders knifflig. Sein diesbezügliches Fingerspitzengefühl, gepaart mit einem enormen Weitblick ist für mich besonders beeindruckend. Im persönlichen Gespräch zeigt er ungeahnte Möglichkeiten auf und findet individuelle Konzepte für eine kraftvolle Umsetzung des auf den ersten Blick nicht Machbaren.
Es steht außer Frage, dass ich von Werners Führungspersönlichkeit und seinem Coaching sportlich wie menschlich extrem profitiert habe. Er war eine absolute Schlüsselfigur in meiner Karriere – umso dankbarer bin ich, dass wir seit 2019 wieder gemeinsam an einem Strang ziehen und sich somit der Kreis unserer Zusammenarbeit schließt. Die Entwicklung bleibt im Vordergrund, es ist ein ständiger Prozess, auf wie auch abseits der Schanze, der mir immer wieder neue Zugänge eröffnet und mich in allen Lebenslagen wachsen lässt. Damals wie heute ist es ein spannender und sehr erfüllender Weg, der von einer großen gegenseitigen Wertschätzung und jeder Menge wertvollen Erfahrungen geprägt ist. Ich bin davon überzeugt, dass weitere spannende Erfahrungen folgen werden und schätze mich absolut glücklich, Werner als Weggefährten an meiner Seite zu wissen.

PROLOG
AM ZIEL UND DOCH AM START
Der letzte Springer ist am Ablauf: Nur der polnische Routinier Stefan Hula kann den Olympiasieg von Andi Wellinger noch verhindern. »Er wird doch nicht gerade heute noch so einen guten Sprung wie im ersten Durchgang auf die Schanze zaubern?«, geht es mir durch den Kopf. Dazu bräuchte er erst einmal guten Aufwind … Die zwei Norweger knapp gescheitert, der überragende Kamil Stoch zu kurz. Hula? Er geht in die Spur, hebt ab – ich starre gebannt auf den kleinen Monitor, der provisorisch für die Trainerbelegschaft aufgestellt wurde. Die grüne Linie im Blick. Ist er hoch genug in der Luft? Wird er die Markierung überspringen? Knapp davor! Was sagen die Windpunkte? Das kann eigentlich nicht reichen. Gebanntes Warten auf die Punktevergabe.
Andi Wellinger ist Olympiasieger!
Er hat es geschafft. Wir haben es geschafft. Ein Traum wird wahr. Andi reißt im Zielraum die Arme hoch. Seine Kollegen fallen ihm um den Hals. Tränen fließen.
Mein Assistent Jens Deimel und ich liegen uns in den Armen. Trainerkollegen gratulieren – von herzlich bis förmlich. Die Polen ziehen enttäuscht davon. Alexander Stöckl, Cheftrainer der Norweger und ein langjähriger Freund und Weggefährte, und ich strahlen über das ganze Gesicht. Gold für Deutschland, Silber und Bronze für Norwegen auf der Normalschanze bei den Olympischen Spielen 2018 in Pyeongchang.
Das Ganze läuft in meinem Kopf tatsächlich ab wie in einem Film. Zeitraffer. Von den Emotionen überwältigt führt man mechanisch Aktivitäten aus, nimmt weitere Gratulationen entgegen, möchte am liebsten baden im Glück, und gleichzeitig kommt die nüchterne Stimme der Vernunft: Geh runter zum Athleten. Bedanke dich bei allen Mitstreitern und Kollegen. Bediene die Presse. Erste Interviews.
Der Weg vom Trainerturm in der Nähe des Schanzentisches hinunter zum Auslauf ist weit. Zu den Athleten, zu den Medien, zu den Kollegen, zu allen Verantwortlichen. Eine schmale Treppe neben dem Aufsprunghügel führt uns zum Epizentrum des Glückes.
Es ist kalt – minus 15 Grad Celsius, dazu ein beißender Wind. 15 Minuten nach Mitternacht Ortszeit. Knapp drei Stunden sind vergangen seit der Startnummer 1. Viele windbedingte Unterbrechungen kennzeichneten den Bewerb. Der zweite Wertungsdurchgang: ein Tanz auf der Rasierklinge. Die Windgeschwindigkeit darf vier Meter pro Sekunde nicht überschreiten, sonst ist die Sicherheit der Sportler nicht mehr gewährleistet. Ein Geduldsspiel. Der vierfache Olympiasieger Simon Ammann, eingehüllt in eine Wolldecke, musste mehrmals wieder vom Startbalken zurück und wird zum Synonym für die extremen Bedingungen.
Wir, Team Deutschland, lagen nach dem ersten Durchgang mit unseren vier Springern auf den Plätzen vier, fünf, sieben und acht. Eine fantastische Mannschaftsleistung, aber bei Olympia zählen in der Öffentlichkeit nur die Medaillenränge. Was wäre bei einem Abbruch passiert? Wie hätten die Verantwortlichen im Skiverband und im DOSB (Deutscher Olympischer Sportbund), die Presse und die Fans reagiert? Wären wir getröstet oder zerrissen worden? Wir werden es nie erfahren.
In den Pausen am Trainerturm hatte ich Zeit gehabt, meine Presseaussagen im Falle eines Abbruchs gedanklich vorzubereiten. Ich bin seit zehn Jahren im Amt. Ich kenne die Mechanismen. Die kritischen Fragen. Die Zuspitzung auf Hero oder Zero! Gedanklich war ich voller Trotz. Ich hätte versucht, mich offensiv zu befreien und wäre nicht müde geworden zu betonen, wie stolz ich auf das Team und die Sportler sei …
Unser Servicemann Erik Simon holt mich auf der Treppe am Weg nach unten ein und fällt mir um den Hals. Er hat Tränen in den Augen. Olympiasieger! Wir sind Olympiasieger! Die ganze Spannung fällt ab. Wie oft waren wir bis drei Uhr morgens bei nicht nur einem Bier gesessen. Hatten unsere Wunden geleckt nach herben Enttäuschungen. Ideen geschmiedet, wie wir der Konkurrenz eine Nasenspitze voraus sein könnten.
Der Servicemann der Norweger kommt dazu. Zwei Medaillen für seine Jungs. Wir gratulieren uns, lachen, juchzen und stapfen die Treppe hinunter. Viele andere haben auch hart gearbeitet. Vielleicht noch härter. Wer weiß das schon. Aber sie gingen leer aus. Heute ist unser Tag!
»Jetzt haben wir wieder für ein Jahr einen Arbeitsplatz«, rutscht es mir heraus. Nicht dass ich grundsätzlich das Gefühl hatte, mein Arbeitsplatz sei gefährdet (und der von unserem Servicemann schon gar nicht), aber die Intensität des Abends hatte mich doch ans Limit gebracht. Viel hatte ich schon erlebt in meiner Trainerlaufbahn, aber nie zuvor wurde mir das Spannungsfeld von bitterer Niederlage bis hin zur freudvollen Ekstase so bewusst wie an diesem Abend: Gewonnen hat heute eindeutig der aktuell beste Springer. Andi Wellinger war nicht nur an diesem Tag die Nummer eins auf dieser Schanze, er hatte auch schon am Vortag die Qualifikation gewonnen und im Training mehrmals seine Extraklasse unter Beweis gestellt. Doch wäre das Springen nach dem ersten Durchgang abgebrochen worden, stünde er als Nummer fünf auf der Ergebnisliste, und Hula hätte gejubelt.
Immer noch auf der Treppe auf dem Weg nach unten bleibe ich kurz stehen, starre in den kalten koreanischen Abendhimmel und versuche, das Erlebte zu ordnen. Alles kommt hoch in diesem einen Moment. Zu viel, um es an Ort und Stelle zu verarbeiten. Vor der Presse brauche ich aber einen klaren Kopf. Meine Aussagen werden mehrfach gesendet, zitiert und gehen durch die Sportwelt. Ich verspüre einerseits eine tiefe Dankbarkeit angesichts des überwältigenden Ereignisses, andererseits frage ich mich: Willst du das wirklich noch weitere vier Jahre mitmachen? Willst du dich bei den nächsten Olympischen Spielen wieder diesem Spannungsbogen aussetzen? Wir haben viel gewonnen in den vergangenen zehn Jahren, seit ich die Leitung des deutschen Springerteams übernommen habe: Einzelweltcupsiege, Teamweltcupsiege, Gesamtweltcupsieg, Nationencupsieg, Weltmeister, Skiflugweltmeister, Teamolympiasieg. Wir haben auch viele Niederlagen eingesteckt. Medaillen um ein paar Zehntel verpasst, Verletzungen, Enttäuschungen. Manchmal selbst verschuldet, manchmal unglücklich.
Ich habe Erfahrung im Bewältigen dieses Spannungsbogens, und trotzdem ist der heutige Tag anders. Der erste Olympiasieg eines deutschen Skispringers seit 24 Jahren verändert meine Wahrnehmung von Sieg und Niederlage. Einerseits bin ich am Ziel meiner Träume: der Einzelsieg beim Weltsportereignis Olympia. Andererseits macht sich in diesem so bedeutungsvollen Moment eine Leere breit.
Peking 2022 ist weit weg. Zu weit für mich.
Was für ein verrückter gedanklicher Spagat. Im Moment dieses unfassbar emotionalen Erfolges, der mehrfach auf der Kippe stand, befinde ich mich in einem geistigen Vakuum und denke erstmals ernsthaft über das Aufhören als Bundestrainer der deutschen Skispringer nach. Auf der Treppe der HS 109 von Pyeongchang.
Die Pflicht ruft. Runter! Ich muss runter! Zu den Sportlern, zum Staff, zur Presse, zu den Verantwortlichen. Zuschauer sehe ich nur mehr wenige, die Koreaner haben nicht so viel am Hut mit Skispringen. Keine Nationalhelden – kein Interesse. Und diejenigen, die sich an die Schanze verirrt hatten, sind vermutlich durchgefroren frühzeitig nach Hause gegangen. Nur mehr der harte Kern an Protagonisten ist noch im Stadion. Kein Wunder, es ist ja schon nach Mitternacht und immer noch unglaublich kalt.
Nach der kurzen Pause laufen die nächsten Minuten wieder im Zeitraffer ab. Gratulieren. Umarmen. Small Talk hier, Small Talk da. Keine Zeit für Tiefe. Man spult ein Programm hinunter und versucht, allem gerecht zu werden. Funktioniert wie ein Roboter. Ich versuche trotzdem den Moment, wo ich meinen Goldjungen endlich umarmen kann, zu genießen. Ich bin sehr stolz auf ihn! Aber der Moment ist kurz. Zu viele wollen jetzt etwas von ihm.
Die Gespräche mit der Presse sind euphorisch. Erfolg »verkaufen« ist einfach. Alle freuen sich mit, und die kritischen Fragen bleiben aus. Jeder will ein Stück vom Kuchen. Schließlich mussten die deutschen Journalisten 24 Jahre auf diesen Moment warten. Um mich herum nicht nur Sieger. Die Polen lecken ihre Wunden und stellen die Regularität des Bewerbes infrage. Die Österreicher, die Slowenen, die Japaner, die Schweizer – alle gehen sie mit leeren Händen nach Hause. Ich versuche wieder, kurz innezuhalten, denn ich kenne auch diese Kehrseite der Medaille nur zu gut.
»Kannst du bitte zu dem Herrn Bundespräsidenten kommen? Er möchte dir gerne persönlich gratulieren«, höre ich eine DOSB-Mitarbeiterin in meinem Rücken. Ich? Zum Bundespräsidenten? Präsident Steinmeier war durchgefroren, aber er hatte tatsächlich drei Stunden in der Kälte durchgehalten, und die Freude war ihm und seiner bibbernden Frau merklich anzusehen. Wahnsinn, was so ein Triumph für Wellen schlägt!
Wenn abgebrochen worden wäre … Ich verdränge den Gedanken wieder.
Materialkontrolle, zusammenpacken, Flower-Zeremonie, Dopingkontrolle. Das Stadion ist schon gespenstisch leer. Mit Glück ergattern wir noch einen Shuttle zu den Umkleidekabinen. »Hoffentlich schließen sie nicht ab und machen das Licht aus«, scherzt unser Teamarzt Mark Dorfmüller.
»Das Deutsche Haus wartet«, sagt mir Florian Schwarz, unser Pressebetreuer. Es ist der erste Tag bei den Spielen, und Biathletin Laura Dahlmeier hat wenige Stunden zuvor ebenfalls Gold geholt. Doppelgold für Team Deutschland, was für ein Auftakt! Und wir Skispringer mittendrin. Ich starre ein letztes Mal auf die hell beleuchtete Schanze und denke kurz an »meinen« Moment auf der Treppe, aber da klopft mir schon Florian Schwarz auf die Schulter und macht mir klar, dass wir jetzt losmüssen.
Überschwänglich ist die Stimmung im Deutschen Haus. Wildfremde Menschen liegen sich in den Armen und sind angesichts der Uhrzeit – es ist schon fast zwei Uhr morgens – erstaunlich wach. Sekt spritzt. Laute Musik. Gegröle. Feierlaune. Es wird getrunken, gelacht, gesungen. Unbekannte Menschen wollen mir gratulieren und ein paar Worte wechseln. Nach zehn Jahren als Gesicht des deutschen Skispringens kennen mich viele Leute und wollen ein Stück weit die Freude mit mir teilen. Stolz mache ich meine Runde, aber gleichzeitig verfolgt mich der Gedanke, was bei einem Abbruch des Springens gewesen wäre.
Gold-Feier: Andi Wellinger und Laura Dahlmeier im Deutschen Haus
Ich hole mir noch ein Bier, setze mich um fünf Uhr morgens alleine auf die Terrasse und starre in die Ferne. Zutiefst zufrieden nippe ich an meinem Getränk, unendlich dankbar für diesen Tag, und plötzlich ist es wieder da, das Gefühl der Leere. Es kommt mir etwas seltsam vor, im Augenblick des größten Triumphes meiner Trainerkarriere nicht voller Ekstase und Energie zu stecken. Ist das normal? War es das alles wert? Möchte ich das noch einmal erleben? Möchte ich etwas anderes machen?
Zum Glück läuft mein Vertrag noch ein Jahr, bis 2019. Peking 2022 ist auf jeden Fall ganz weit weg!

KAPITEL 1
SICH SEINER WURZELN BEWUSST SEIN
Kreuzungen im Leben: über Prägungen und Werte
Freiheit mit viel Schnee – Meine Eltern – Heimat Mahdtalegg – Stams, was sonst – Internatserfahrungen eines Einzelkindes – Liss – Erste Erfolge – Matura, und jetzt? Auf dem Lkw des Bundesheeres – Muss ich jetzt echt studieren – Die Erfolge bleiben aus – Student Schuster und das neue Umfeld – Den V-Stil verschlafen und mit einer Verletzung bestraft – Von der Ersatzbank in den Weltcup – Übergang ins wirkliche Leben
Es war einer dieser Wintertage in den Achtzigern im touristisch gut gefüllten, aber für mich beschaulichen heimatlichen Kleinwalsertal. Gut ein halber Meter Schnee war über Nacht gefallen, und ich musste in die Schule. Die Straße war noch nicht vollständig geräumt, aber ich war besessen von dem Gedanken, wieder mit dem Fahrrad zur Bushaltestelle zu fahren. Das war weder logisch noch vernünftig, aber spannend allemal.
Ich hatte ein Klapprad, schwarz lackiert und aufgerüstet mit Stollenreifen – BMX Marke Eigenbau. Das sollte doch allwettertauglich sein und mich diese 500 Meter zur Bushaltestelle bringen – dem halben Meter Schnee zum Trotz. Meine Mutter hatte kurz versucht, mich davon abzuhalten, dann ließ sie mich fahren. Ich durfte immer meine eigenen Erfahrungen machen, und dafür bin ich dankbar!
Es wollte nicht so recht vorwärtsgehen im tiefen Schnee. Kaum war ich außer Sichtweite unseres Hauses, musste ich absteigen und schieben. Eine Blöße wollte ich mir nicht geben. Niemand sollte mitkriegen, dass es beschwerlich war. Spaß hat es trotzdem gemacht. Ich hatte mir in den Kopf gesetzt, jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule zu fahren, und da lässt man sich von frischem Neuschnee nicht die Schneid abkaufen.
Meine Familie hatte und hat eine kleine Vermietung von Privatzimmern und Ferienwohnungen. Einen Parkplatz mit fünf Stellplätzen. Schneeräumung war Familiensache. Die glich oft einer Sisyphusarbeit. Das Haus meiner Eltern steht an einer Hanglage, und zum Glück konnten wir den üppig vorhandenen Schnee in das Feld des Nachbarn, eines Landwirtes, entsorgen. Dort entwickelten sich ordentliche Plattformen, man muss schon fast sagen, natürliche Rampen, von denen man spektakuläre Sprünge in den Tiefschnee machen konnte. Manchmal stellte ich ein Sparschwein auf, und die Touristen am vorbeiführenden Wanderweg blieben stehen und konnten Sprünge bei mir »bestellen«. Auf Wunsch gab es einen Salto oder einen Bauchfleck zu sehen, und dafür warfen sie eine Mark in das Sparschwein.
Erste Sprünge im Kleinwalsertal
Ich liebte den Schnee. In meiner Kindheit gab es ihn noch üppig, und er kam verlässlich spätestens im Dezember, und auf über 1000 Meter Seehöhe ging er auch nicht weg vor April. Nach der Schule waren wir den ganzen Winter auf den Skipisten unterwegs. Als mir das Skifahren zu langweilig wurde, entwickelten sich aus dem Hüpfen vor Touristenpublikum ernst zu nehmende Sprünge. Mein Vater, ein Mann der Tat, baute mithilfe seines großzügigen Partners, eines Hoteliers, eine richtige Skisprungschanze.
In kürzester Zeit hatte sich diese Freizeitbeschäftigung herumgesprochen, und wir waren eine Gruppe von mehr als 15 Kindern, die dankenswerterweise von meinem Vater, früher selber Skispringer, alle mitbetreut wurden. Wir nahmen an Wettkämpfen in Österreich, Deutschland und der Schweiz teil und waren binnen kürzester Zeit eine gefürchtete Truppe. Aufgrund der optimalen »Zutaten« Schnee, Schanze, Lift, fachgerechte Betreuung und freudvoll agierende Kinder entwickelte sich der SV Casino Kleinwalsertal in Windeseile zu einem Vorzeigeverein. Und das Schöne daran war: Wir haben diese Nachmittage nicht als Training wahrgenommen. Alles lief spielerisch ab. Dank der großzügigen Art meines Vaters und des Hoteliers, denn alle Kinder fuhren unentgeltlich am Lift und die Betreuung war inkludiert, verbrachten wir Tag für Tag, Wochenende für Wochenende, Winter für Winter am Mahdtalegg.
Mein Vater Willy (links) mit der stolzen Truppe des SV Casino Kleinwalsertal