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Der rote Diamant: Erika Lust-Erotik

Lust

Der rote Diamant: Erika Lust-Erotik Übersetzt von Kirsten Evers Originaltitel Den røde diamant Copyright © 2018, 2019 Olrik und LUST All rights reserved ISBN: 9788726112894

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von LUST gestattet.

Der rote Diamant

Es war etwa 11 Uhr vormittags, an einem grauen Tag mitten im Oktober, verhangen von trüben Regenwolken, die nur darauf warteten, die Stadt zu überschwemmen.

Ich legte das Telefon zurück auf die Gabel und hing in Gedanken dem eben abgeschlossenen Gespräch mit der jungen Dame nach, die mich angerufen und um Hilfe angefleht hatte.

Ich bin Privatdetektiv, und die „Hilfe“, die ich anbiete, ist nicht die Art von Hilfe, die man von der Polizei erwarten kann. Obwohl ich eigentlich ehemaliger Polizist bin.

Die Tageszeitung lag aufgeschlagen vor mir. Der russische Satellit Sputnik war noch immer in aller Munde. Die Amis waren von der Neuigkeit völlig überrannt worden und dieser Tage waren die Zeitungen voll von sensations-heißenden Erklärungsversuchen der Situation und wie in aller Welt es den Russen gelungen war, die amerikanische Raketenindustrie zu überholen.

Mir taten sie nicht leid. Jeder von ihnen hatte sein festes Gehalt, seine Villa, seinen dicken Schlitten und sein niedliches Fräulein zu Hause. Währenddessen saß ich hier in meinem Büro mit einem ausziehbaren Sofa als Schlafzimmer. Selbst das lausige Zimmer, das ich mir in einem nahegelegenen Motel geleistet hatte, musste weggespart werden.

Aber jetzt gab’s Kundschaft. Fräulein Agnethe Augustivo, die am Telefon nicht hatte preisgeben wollen, um was es ging, die aber eine Stimme mit genug Sexappeal gehabt hatte, dass ich zu einem Treffen nicht nein sagen wollte.

Selbstverständlich warteten die schweren Regenwolken mit ihrer explosiven Vorstellung bis zu dem Augenblick, als ich auf die Straße trat. Hastig winkte ich ein Taxi heran und fuhr dann tropfnass zum Paradiso, der Bar, die sie mir als Treffpunkt vorgeschlagen hatte.

Ich kannte das Paradiso. Es war eines der Art Lokale, über die brave Mädchen nicht einmal hinter vorgehaltener Hand sprechen. Von außen war es ein Jazzclub, der einst jeden Abend brechend voll gewesen war. Jetzt war die Bar vor allem für ihre Hinterzimmer berüchtigt, in denen die Mafia und andere zwielichtige Gestalten ihre schmutzigen, geheimen Geschäfte tätigten. Für ein junges Fräulein mit einem so exklusiven Familiennamen war das Paradiso eine wahrlich merkwürdige Wahl für ein Treffen.

Sie saß bereits an der Bar. Wesentlich jünger, als ich nach meiner telefonischen Begegnung mit ihrer rauchigen, sexy Stimme angenommen hatte. Aber unglaublich hübsch. Sie hatte ein etwas spanisches Aussehen, trug ein schwarzes Kleid und einen kleinen Hut mit schwarzem Schleier, der eindeutig signalisieren sollte, dass sie trauerte. Oder zumindest den Anschein erwecken wollte zu trauern. Der knallrote Lippenstift auf den vollen Lippen ließ jedoch erahnen, dass sie höchstwahrscheinlich andere Pläne für den weiteren Verlauf des Abends hatte als lediglich die Mitternachtsmesse.

Nach vielen Jahren als Polizist und später als Detektiv bekommt man irgendwann ein Gespür dafür, ob die Leute wirklich aufrichtig sind, oder ob sie sich die Wahrheit, die am besten zur gegebenen Situation passt, selbst zusammenzimmern – und nicht zuletzt ihre Rolle in gegebener Situation. Die junge Frau gehörte eindeutig zur letzteren Kategorie.

Sie reichte mir eine behandschuhte Hand.

„Ich bin so erleichtert, dass Sie mich treffen können. Sie haben ja keine Ahnung, was mir Ihre Hilfe bedeutet.“

Sie atmete dramatisch ein, sodass ihr letztes Wort zu einem kleinen Seufzer verkam.

Ich nickte nur. Ihre Schauspielerei – denn das war es, ein Schauspiel – hatte auf mich keine Wirkung.

„Ich habe mir erlaubt, Ihnen ein Getränk zu bestellen“, sagte sie und nickte dem Barkeeper zu, der mir einen Appletini hinstellte. Ich schob ihn behutsam wieder über die Theke.

Der zuckrige Kram war noch nie mein Geschmack gewesen. Stattdessen bestellte ich einen Jack on the rocks und sah sie erst jetzt direkt mit fragend angehobenen Augenbrauen an.

Sie neigte mir den Oberkörper zu. Teils, um die Geheimniskrämerei der Situation zu unterstreichen, vielleicht auch um die Musik zu übertönen – hinter uns improvisierte ein Trompetenspieler – aber hauptsächlich und eindeutig, weil Agnethe, falls das überhaupt ihr richtiger Name war, es gewöhnt war, ihren Körper einzusetzen, wenn es darum ging, im Umgang mit Männern ihren Willen zu bekommen. Und es fiel mir keinen Augenblick schwer zu glauben, dass sie mit dieser Strategie normalerweise Erfolg hatte.

„Meine Mutter ist tot.“ Wieder hauchte sie das letzte Wort heraus, sodass es mehr Seufzer als Adjektiv wurde. „Und auf ihrem Totenbett hat sie mir den Ring vermacht, den sie immer trug. Einen kleinen Goldring mit rotem Stein. Aber meine Tante hat den Ring an sich genommen und behauptet nun, dass sie nicht weiß, wo er ist.“

Darmowy fragment się skończył.