Czytaj książkę: «Die wichtigsten Dramen von Ödön von Horváth»

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Ödön von Horváth

Die wichtigsten Dramen von Ödön von Horváth

Geschichten aus dem Wiener Wald + Kasimir und Karoline + Zur schönen Aussicht + Der jüngste Tag…


Books

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musaicumbooks@okpublishing.info

2017 OK Publishing

ISBN 978-80-272-2640-5

INHALTSVERZEICHNIS

Mord in der Mohrengasse

Zur schönen Aussicht

Die Bergbahn

Sladek der schwarze Reichswehrmann

Rund um den Kongreß

Italienische Nacht

Geschichten aus dem Wiener Wald

Kasimir und Karoline

Die Unbekannte aus der Seine

Hin und Her

Mit dem Kopf durch die Wand

Don Juan kommt aus dem Krieg

Figaro lässt sich scheiden

Pompeji

Ein Dorf ohne Männer

Der jüngste Tag

MORD IN DER MOHRENGASSE

Inhaltsverzeichnis

Personen

Erster Akt

Zweiter Akt

Dritter Akt

PERSONEN

Inhaltsverzeichnis

HERBERT MÜLLER

ILSE KLAMUSCHKE

MUTTER KLAMUSCHKE

MATHILDE KLAMUSCHKE

PAUL KLAMUSCHKE

WENZEL KLAMUSCHKE

DREI DIRNEN

EIN VERWACHSENER

DIE ALTMODISCHE

EIN POLIZIST

EIN EISENBAHNER

SEIN WEIB

EIN SECHZEHNJÄHRIGER

SIMON KOHN

ZWEI POLIZISTEN

BARGÄSTE

EIN KOMMISSAR

POLIZISTEN

ZWEI DETEKTIVE

Spielt innerhalb zwölf Stunden.

ERSTER AKT

Inhaltsverzeichnis

Bürgerliches Wohnzimmer. Im Hintergrunde zwei Türen: die rechts führt in ein kleines Vorzimmer und ist sie offen wird die Haustüre sichtbar. Links über einem runden Tische die Lampe. Rechts ein Fenster neben einem Sofa. An den Wänden Familienfotografien in goldenen Rahmen. Spätnachmittag.

Herbert Müller am Fenster, wartet; erblickt auf dem Tische einen Teller Backwerk; fixiert ihn; nähert sich ihm; lauscht – steckt sich rasch ein Stück in den Mund, kaut. Ilse Klamuschke achtzehnjährig altklug; tritt durch die linke Türe ein.

Müller schluckt.

ILSE

Sogleich kommt Mama. Sogleich.

MÜLLER

verlegen, nur um etwas zu sagen: Ilse. Ich dachte mir eben wieder: in zwei Jahren.

ILSE

unterbricht ihn: Man soll nie Pläne machen.

MÜLLER

Man muß Pläne machen! Freilich: ob selbe Körperlichkeit annehmen steht in einem besonderen Kapitel. Ilse verbeißt ein Lachen. Denkt an das Backwerk. Warum lachst du?

ILSE

Sei nicht böse, bitte. Nur: unlängst fiel mir auf wie häufig du das Wort »Kapitel« gebrauchst. Hör ich es nun, muß ich lachen.

MÜLLER

atmet unterdrückt erleichtert auf: Folglich erscheine ich dir häufig lächerlich. Danke.

ILSE

Aber!

MÜLLER

gereizt: Folglich ist ein Kapitel für sich, daß – Er stockt da. Ilse ihn erschrocken anstarrend. Lächelt. Hast es nicht gehört?

ILSE

Was?

MÜLLER

Das Wort.

ILSE

Nein.

MÜLLER

innig und eitel: Ilselein. Siehst du: Mann soll der Mann sein und die Frau überhört ihr eigenes Lachen und –

ILSE

gereizt: Quatsch! Ich hab es doch gehört!

MÜLLER

Was?

ILSE

Das Wort. Wähle nun: lachen oder lügen? Müller starrt sie an.

MUTTER KLAMUSCHKE

tritt durch die linke Türe ein: Es freut mich Sie endlich begrüßen zu können, Herr Müller. Meine Tochter hat mir vieles über Sie erzählt und ich habe Sie also bereits gekannt eh ich Sie sah. Müller verbeugt sich und lächelt überlegen. Mutter setzt sich und bietet ihm Platz an. Müller setzt sich. Stille. Seit mein Mann starb ist es still bei uns geworden, obwohl mein Sohn mit seiner Frau zu uns zog. Sie kennen ja meinen Sohn? Früher: vom Schwimmverein. Das ist nun auch vorbei. Er ist den ganzen Tag über in der Bank beschäftigt. Wir eigentlich warten nur auf ihn. Stille. Ich hörte Sie arbeiten an einem wissenschaftlichen Werke –

MÜLLER

Oh.

MUTTER

Sie tanzen wohl gerne?

MÜLLER

Manchmal. Wichtig. Ich behandle gegenwärtig auf Grund intuitiver Beobachtungen das Ketzer- und Hexenwesen mit besonderer Berücksichtigung der Schwangerschaft. Seit frühester Kindheit reizt mich nämlich das Verbrecherische irgendwie. Es dämmert stark. Ilse dreht das Licht an. Mutter starrt ihn an. Es ist sehr interessant. Mutter nickt.

MÜLLER

weicht ihrem Blicke aus, betrachtet seine Schuhspitzen; dann die Lampe.

MUTTER

erhebt sich: Sie müssen mich entschuldigen. Es ist sehr interessant. Doch: wenn Ilse noch essen will bevor Sie tanzen gehen –

MÜLLER

verabschiedet sich: Versteht sich! Dann: in einer guten Stunde hole ich Fräulein Ilse ab. Gnädigste!

ILSE

begleitet ihn ins Vorzimmer; schließt die Türe. Mutter allein; denkt nach, nickt, murmelt; setzt sich.

MUTTER KLAMUSCHKE

ist schwanger im siebenten Monat; tritt von linksher ein; leise: Ist er fort?

MUTTER

erhebt sich wie geweckt: Ja.

MATHILDE

Wo nur Paul so lange bleibt?

MUTTER

Monatsende, Abschluß: das gibt Arbeit. – Hast du die Kartoffeln schon geschält?

MATHILDE

Alle Kartoffeln?! Ilse soll doch auch –

ILSE

ist wieder eingetreten; unterbricht sie: Ich tu schon! Tu schon.

MATHILDE

Aber nichts Richtiges! Bücher lesen und so!

ILSE

Du Kuh!

MUTTER

Schweigt! Der Müller hört das noch ins Treppenhaus! Stille.

ILSE

Ich zieh mich jetzt um.

MATHILDE

Und ich soll die Kartoffeln schälen.

ILSE

Ach, du Aschenbrödel!

MATHILDE

reißt sich die Schürze vom Leibe: Eher verhunger ich!

ILSE

Einmal geht man aus.

MUTTER

Zieh dich nur um. Ilse ab durch die linke Türe.

MATHILDE

Was ist denn dieser Müller für ein Mensch?

MUTTER

Er scheint recht klug zu sein.

MATHILDE

Klüger als Ilse?

MUTTER

ruhig: Sag: kannst du klagen, daß ich mein eigenes Kind besser behandle?

MATHILDE

boshaft: Welches Kind?

MUTTER

starrt sie an: Bist ein schlechter Mensch, Thilde.

MATHILDE

Vielleicht bin ich einer geworden. Gewesen bin ichs nicht. Doch, wenn man sieht – und ständig diese Leichenhausmiene seit das Kind unterwegs –

MUTTER

unterbricht sie: Das ist nicht wahr!

MATHILDE

Doch, das ist wahr. Niemand kennt Rücksicht: muß genau so kochen, räumen, schuften –

MUTTER

Wer übernahm die Führung meines Hauses?

MATHILDE

Nie wollt ich dich verdrängen.

MUTTER

Aber du hast es getan.

MATHILDE

Glaub: auch ich könnt mich beklagen.

MUTTER

Dann nörgle nicht! Sondern tus!

MATHILDE

Nein. Es ist ja zwecklos: er ist den ganzen Tag über in der Bank – und ich hätte die Hölle.

MUTTER

Die haben wir alle.

PAUL KLAMUSCHKE

tritt in Hut und Mantel verstört von rechtsher ein; läßt die Vorzimmertüre offen.

MATHILDE

Endlich! – Was ist dir denn?

PAUL

zur Mutter: leise: Er steht drunten.

MUTTER

Wer? Begreift, verstummt; dann leise: Hast ihn gesprochen?

PAUL

barsch: Nein, das weißt du! – Nur gesehen: unten am Gitter. Schien zu überlegen ob er uns beehren soll.

MATHILDE

Daß er immer wieder kommt!

PAUL

Als hätten wir Geld! Als hätt er uns noch zuwenig bestohlen!

MATHILDE

Still!

Die Drei lauschen. Stille; dann ertönt kurz die Glocke.

MUTTER

Laßt mich allein.

PAUL

unterdrückt: Aber gib ihm nichts!

MUTTER

nickt nein: Mathilde: die Kartoffeln.

MATHILDE

Nein. Ich werde Wurst aufschneiden. Ab mit Paul nach links.

MUTTER

allein; geht langsam durch das Vorzimmer und öffnet die Haustüre.

WENZEL KLAMUSCHKE

verwahrlost; tritt ohne Gruß an ihr vorbei in das Wohnzimmer; geht umher; bleibt manchmal vor einem Gegenstande stehen und lächelt.

MUTTER

folgte ihm mit den Blicken: Was willst du?

WENZEL

Ja –

MUTTER

Geld hab ich keins.

Wenzel fixiert sie. Stille.

WENZEL

Schäm dich nicht.

MUTTER

Meinst du ich schämte mich vor dir?

WENZEL

Ach so. Er geht wieder umher. Vor mir darf man sich ja nicht schämen. Bin ja ein Dieb. Hab vom fremden Tellerchen gegessen. Und – Freilich, freilich. Aber dieser Tisch! Am Sonntag gab es Rostbraten mit Endiviensalat. Oder Endiviensalat mit Rostbraten. Und dann stritt man sich dort um den Eckplatz am Sofa. Einer schrie, einer gab nach und las Lokalnachrichten: immer wieder. Jeden Tag. – Eine soll mir sogar ähnlich sehen wurde behauptet.

MUTTER

Bist nur gekommen um wieder weh zu tun?

WENZEL

sachlich: Nein. Ich wollte auch nie weh tun. Jedoch es ist mein Fehler, daß ich laut denke und tue. Bin nämlich der verlorene Sohn, nur möcht ich wissen wer mich verloren hat.

MUTTER

Wie gerne du dich reden hörst.

WENZEL

Ja: wenn man unverstanden bleibt.

MUTTER

Boshaft wie immer.

WENZEL

Nein: dumm.

Mutter horcht auf. Stille.

MUTTER

leise: Wenzel –

WENZEL

unterbricht sie: Jetzt geh ich.

MUTTER

schlägt um: So geh! Wir haben doch nichts miteinander gemein.

WENZEL

Glaubst du?

Stille.

MUTTER

Was willst du noch hier?

WENZEL

sieht um sich: Wollte nur sehen – wie es euch geht. Er grinst.

MUTTER

starrt ihn an: Jetzt wird mir bange.

WENZEL

leise: Es ist nichts geschehen. Nichts. – Ich ging nur vorbei – Er geht an die Haustüre und öffnet sie; überlegt einen Augenblick, schlägt die Türe von innen zu und bleibt während des Folgenden im Vorzimmer stehen von Niemandem bemerkt. Paul von linksher.

MUTTER

dumpf: Wieder gehorcht.

PAUL

Ja. Er hätte dich auch wieder schlagen – Er stockt da.

ILSE

in einem billigen Ballkleid eintritt; zur Mutter: Da: bitte: den Knopf krieg ich nicht zu.

MUTTER

knöpft ihr am Rücken einen Knopf zu. Ruft. Mathilde! Das Essen!

MATHILDE

tritt eben mit Schüssel und Tellern ein: Zu Befehl, gnädiges Fräulein! Zu Befehl! Sie deckt den Tisch. Alle setzen sich um ihn und essen. Wenzel hinter der rechten Türe, sieht ihnen eine kleine Weile zu; geht dann indem er die Haustüre geräuschlos öffnet und schließt. Die Vier essen.

ZWEITER AKT

Inhaltsverzeichnis

Mohrengasse. Von links nach rechts: Ein geschlossener Laden mit Schildaufschrift: Diamanten. Gold. Simon Kohn. Kauf. Verkauf. Eine schmale Hoteltüre, die in einen matt erleuchteten Korridor mündet. Vor dem ersten Stocke halbkreisförmig trübelektrische Buchstaben: Hotel. Eine Bar. Hinter der schmutzigen Fensterscheibe, auf der ein altes Plakat klebt, geigt ein Schatten. Man hört aber keine Musik. Es ist Nacht und still.

Drei Dirnen, zwei rechts, eine links vor dem Laden; horchen.

ERSTE

Klopf nochmal.

ZWEITE

klopft an den Laden.

EIN VERWACHSENER

tritt aus der Bar und läßt die Türe offen; gedämpft Musik: Wie lange –

ERSTE

unterbricht ihn: Pst! Schließ die Türe!

Verwachsener schließt sie und horcht. Stille.

ZWEITE

Niemand. Er ist nicht zuhause.

VERWACHSENER

Wie lange wollt ihr noch warten? Versetzt. Ich sags.

ZWEITE

nähert sich den anderen: Das tat er noch nie. Der alte Schuft!

DRITTE

Vielleicht ist etwas geschehen.

ERSTE

Was denn?

DRITTE

Man kann nie wissen.

ZWEITE

Pah!

Stille.

ERSTE

Ich weiß nur: hab kalte Füße und kann kaum mehr stehen. Und nun kommt so nichts mehr.

VERWACHSENER

sieht auf die Uhr: Was Richtiges sicher nicht.

ZWEITE

Still! Es kommt wer.

Verwachsener verschwindet in der Bar. Die Drei stellen sich bereit, verstellen die Gasse. Die Altmodische gekleidet nach der Mode vor fünfundzwanzig Jahren und dichtverschleiert; kommt von links und bleibt vor der Hoteltüre stehen. Die Drei beobachteten sie, sehen sich nun an – Eine seufzt boshaft – kichern und eilen in die Bar. Ein Polizist erscheint rechts und sieht sich um. Die Altmodische klebt regungslos an der Wand.

POLIZIST

erblickt sie; hält langsam auf sie zu; leise: Ihre Papiere. Seit wann sind Sie hier?

ALTMODISCHE

kramt geziert umständlich ihren Ausweis hervor; gefällig: Seit heute, mein Herr.

POLIZIST

gutmütig: Sie sollen sich aber nicht so auffallend anziehen. Das ist verboten.

ALTMODISCHE

Auffallend?! Ein einfaches Straßenkleid!

POLIZIST

lächelt: Aus Urgroßmutters Zeiten.

ALTMODISCHE

Ich habe kein anderes.

POLIZIST

Das gibt es doch gar nicht! Er blickt in ihre Papiere. Der Schein. Stimmt. Er blättert; mechanisch. Gestern entlassen? Aus welcher Strafanstalt?

ALTMODISCHE

Sankt Lazarus.

Polizist horcht auf; liest. Altmodische wird unruhig. Wenzel von rechts; will nach links; erblickt den Polizisten, zögert und bleibt vor dem alten Plakate am Barfenster stehen, als würd er lesen.

POLIZIST

spricht nun noch leiser: Also: zweiundzwanzig Jahre waren Sie dort. Und: weshalb?

ALTMODISCHE

Das muß ich nicht sagen. Bin begnadigt.

POLIZIST

Das tut nichts zur Sache! Ich muß wissen wen ich im Revier habe.

ALTMODISCHE

tonlos: Aufforderung zum Mord.

POLIZIST

Den Schleier. Lüften. Altmodische hebt ihn, ein maskenhaft leeres Antlitz umrahmen grauweiße Haare. Weicht etwas zurück; vergleicht rasch. Es ist schon gut. Und: die Vorschrift kennen Sie ja. Er geht an Wenzel vorbei nach rechts ab. Wenzel ohne Blick für die Altmodische langsam nach links ab. Altmodische allein; lehnt den Kopf an die Wand und wimmert; verstummt und horcht; rafft sich verschleiert empor. Ein Eisenbahner von linksher mit seinem Weibe.

WEIB

leise: Ich weiß du liebst mich nicht mehr.

EISENBAHNER

blickt nach der Altmodischen: Quatsch doch nicht immer solch Zeug!

WEIB

dumpf: Es ist schon so. Wirst schon sehen –

EISENBAHNER

lächelt: Willst mich vergiften? Dummes Ding – Wart, hol nur Zigaretten. Ab in die Bar.

Weib sieht sich scheu um. Altmodische glotzt sie an. Wenzel kommt langsam wieder von linksher. Weib rasch an die Bartüre; will hinein, doch –

EISENBAHNER

tritt soeben heraus; Zigarette im Mundwinkel. Was hast du denn schon wieder?

WEIB

Angst. Komm – Laß mich nur nicht allein.

EISENBAHNER

Ja, wer das könnte.

WEIB

Will auch nichts mehr sagen.

EISENBAHNER

gähnt: Bin auch müde. Der ewige Dienst – Ab mit ihr nach rechts. Wenzel steht nun wieder vor dem Plakate.

ALTMODISCHE

nähert sich ihm: Pst! Hören Sie –

WENZEL

unterbricht sie: Nein.

Stille.

ALTMODISCHE

Wollen Sie kein liebes Frauchen?

Wenzel schweigt. Neben ihm; liest laut das Plakat. Wohltätigkeitsfest. Unter dem Protektorate Ihrer Hoheit. Tombola und Tanzturnier. Bazar. Montag am zweiten – Das war doch schon.

WENZEL

Ja.

ALTMODISCHE

Und trotzdem lernen Sies auswendig?

WENZEL

Ja.

ALTMODISCHE

Nein. Sie schauen in den Spiegel. Das soll man nie in der Finsternis: man wird verrückt oder sieht den Satanas neben sich.

WENZEL

Ich sehe Sie.

ALTMODISCHE

Und ich Sie. Wir gehören zusammen.

WENZEL

Jawohl.

ALTMODISCHE

Also: wollen wir nichts unternehmen?

WENZEL

Ich hab kein Geld.

ALTMODISCHE

Ich noch weniger. Das Leben ist zu teuer für die kleinen Frauen.

WENZEL

wendet sich ihr zu: Hören Sie: Sie werden sich doch etwas erspart haben: in zweiundzwanzig Jahren.

ALTMODISCHE

prallt zurück: Woher wissen Sie das?

WENZEL

Zufällig. Zuvor. Verzeihen Sie mir, daß ich es hörte.

ALTMODISCHE

Nichts wissen Sie!

WENZEL

Wieso?

ALTMODISCHE

Du kannst umsonst! Wann du willst – nur wissen Sie nichts! Wissen Sie nichts!

Wenzel lacht irr. Ein Sechzehnjähriger blaß hochaufgeschossen; erscheint links und bleibt unschlüssig stehen.

WENZEL

zum Sechzehnjährigen: Nach Ihnen! Umsonst –

ALTMODISCHE

Bist verrückt?!

WENZEL

Herr! kauen Sie nicht an den Fingernägeln! Spucken Sie aus und treten Sie näher! Es kostet nur das Zimmer!

ALTMODISCHE

zischt: Ich bete für dich.

WENZEL

Nur Wohltätigkeit! Unter meinem Protektorate!

ALTMODISCHE

zum Sechzehnjährigen: Komm! So komm! Es ist doch umsonst! Ab ins Hotel. Sechzehnjähriger folgt ihr verschüchtert.

WENZEL

Fahrwohl! Auch ich war ein Jüngling mit lockigem Haar. Sentimental und mit Pickeln im Gesicht. Gute alte Zeit! Der Tisch, der Tisch – ich werde verrückt, verrückt! Er preßt die Stirne an das Barfenster. Siehst du den Satanas? Nur dich selbst! Kein Teufel, da kein lieber Gott! Nur zwei Augen, Nase, Mund, eine Stirne, niemals zwei, ein Hut um sechsfünfzig und die Gnade nur selten von der Wahrheit besucht zu werden. Das ist alles. Oder nichts. Bist erkannt du Dreck! Erkannt! – Doch ich will nicht mit Trauerfahnen jubilieren.

Ein Hotelfenster wird hell. Sieht empor. Hm. Jetzt betritt er das Zimmer. Kostet zwei Mark. Teuer. Und billig. Jetzt zieht sie den Vorhang vor – bald leckt das Mysterium hündisch vier Sohlen. Und unerschöpflich strömt die Latrine der Ewigkeit über die Planetensysteme. Wir sind der Dung. Wie seelisch unser Tun blüht! Er lächelt irr; starrt dann vor sich hin. Alles ist hohl und leer. Die Häuser riechen nach Leichen und Sauerkraut. Man sollte sich selber erbrechen können. – Alles ist tot.

Stille; dann geht er langsam an den Laden und liest. Diamanten. Gold. Kauf. Verkauf. Simon Kohn – Kennt ihr Simon Kohn? Der tat nur kaufen und verkaufen: Splitter und Staub aus Afrika. Und tat es unters Kopfkissen und überall glitzerte das Falsche. Die Imitation – Er spricht unterdrückt in den Laden hinein. Herr Kohn. Lassen Sie mit sich reden. Ruhig reden. Ich irrte. Reden, Herr Kohn! Wollte ja alles anders, immer alles anders! Wollte doch nur einbrechen, den Schmuck stehlen, ich schwöre: wollte nur stehlen! Hören Sie mich? Stehen Sie doch wieder auf, liegen ja unterm Pult! Setzen Sie sich wieder! Und nehmen Sie Stock und Hut! Stehen Sie auf, auf – Er trommelt an den Laden.

SIMON KOHN

mit Hut und Rohrstöckchen; erscheint links und tippt mit dem Stöckchen auf Wenzels Schulter. Fährt um. Herr Kohn!

KOHN

Leise, junger Mann, leise. Wir vertragen den Lärm nicht. – Sie haben sich geirrt? Haben die Imitation mitgenommen?

WENZEL

reicht ihm ein Schmuckkassettchen: Hier –

KOHN

unbeweglich: Sie wollen mir den Schmuck zurückbringen?

WENZEL

Nehmen Sie! Nehmen Sie!

KOHN

Die Imitation? Sie schlugen um den echten zu und wollen es mit dem falschen wieder ungeschehen machen? Hihihi.

WENZEL

Sie sind ja wieder –

KOHN

unterbricht ihn: Immer! Und überall! Hier, im Bett, am Tisch – aber auch: unterm Pult! Ich schlürfe durch die Lüfte, obs windstill ist oder braust, und bade mitten im Meere. Und bin dabei doch unterm Pult!

WENZEL

Herr Kohn: verflucht sei das Weibsbild.

KOHN

unterbricht ihn: Das interessiert mich nicht!

WENZEL

Aber mich! Denn sie war es, die mich tun ließ, was sie nie getan hätte. Nie tun wollte: wie ich! Und doppelt büß ich, da ich weder bereuen kann, weil ich nichts zu bereuen habe, noch Opfer bin, da Jene für die ich mich opfere selbst geopfert werden. Sie liebt mich nämlich.

KOHN

lächelt: Was Sie nicht sagen.

WENZEL

Es ist nur die Reihenfolge. Sehe so klar, daß mir die Sprache schwindet – Lachen Sie nur, lachen Sie! Wenn man nur lieben könnte! Irgendetwas. Fratzen! Masken! Orchester ohne Ton! Unecht wie Ihr Schmuck!

KOHN

toternst: Nur, daß Simon Kohn unterm Pulte liegt bleibt echt. Sehen Sie: wies klafft? Echt. Er lüftet den Hut.

WENZEL

starrt ihn an: Schlagen Sie zu Simon Kohn.

KOHN

hebt langsam das Stöckchen: Echt! Echt! – Haben Sie Angst? Hihihi! Er läßt das Stöckchen sinken und sticht schäkernd nach ihm. Angst hat er! Angst! Um den Trug! um das Hohle! um den Dung! um die Nase! die Augen – Hihihi! die Kreatur! Soll ich die Polizei holen? Hihihi – Reihenfolge, junger Mann! Mein Kamel ist bereits durchs Nadelöhr – Hihihi! die Kreatur! Er verschwindet.

Zwei Polizisten erscheinen rechts; wechseln unhörbar Worte; halten auf Wenzel zu.

ERSTER

Können Sie sich ausweisen?

Im Hotelzimmer erlischt das Licht. Die Zwei sehen empor.

WENZEL

Ich stehe nur so hier. Nur so.

ERSTER

Was taten Sie hier am Laden: zuvor?

WENZEL

Nichts.

ZWEITER

Aber wir haben beobachtet – Er stockt, da eben der Sechzehnjährige aus dem Hotel tritt; rasch ab nach rechts. Altmodische aus dem Hotel; erblickt die Polizisten; erschrickt; will zurück.

ERSTER

Halt! Sie bleiben!

ZWEITER

Sie haben Jugendliche angelockt!

Wenzel ab nach links.

ALTMODISCHE

in größter Angst: Ich habe niemanden angelockt!

Zweiter lacht.

ERSTER

Schreien Sie nicht! Kommen Sie! Gehen wir!

ALTMODISCHE

Nein!!

ERSTER

ergreift ihren Arm : Nein? Was erlauben Sie sich?!

ALTMODISCHE

schreit : Ihr sollt mich nicht wieder! Laßt mich doch, laßt –

Alle Gäste treten auf den Lärm hin aus der Bar.

ZWEITER

Halten Sie Ihr Maul!

ALTMODISCHE

Zweiundzwanzig Jahre! Ihr habt mich schon einmal begraben! Zweiundzwanzig, zweiundzwanzig! Sie schlägt um sich, verliert Hut und Schleier.

Alle weichen etwas zurück.

ZWEITER

Das ist Widerstand!

ALTMODISCHE

Begrabt mich! Verscharrt mich!

Zweiter führt sie nach rechts ab.

Einige folgen den beiden.

ERSTE DIRNE

Immer das gleiche: Kleine hängen, Große –

POLIZIST

unterbricht sie: Das verbiet ich mir! Wir tun unsere Pflicht!

Alle murmeln.

DRITTE DIRNE

Dann schauen Sie mal nach: da drüben: beim Kohn.

Stille.

POLIZIST

Was wollen Sie damit sagen?

VERWACHSENER

zur Dritten; gereizt : Was weißt denn du?

DRITTE

Nichts! Aber er hat uns noch nie versetzt. Klopft man gibt er keine Antwort. Und er ist doch immer zuhause.

Polizist tritt an den Laden .

Ein leiser Wind hebt an .

VERWACHSENER

Das kommt über uns.

Polizist klopft an den Laden.

Alle horchen.

Stille.

POLIZIST

zur Dritten; leise : Wo ist denn der Eingang?

DRITTE

Hinten: um die Ecke.

Polizist ab.

VERWACHSENER

Aas! Mußt quatschen!

DRITTE

Es ist doch etwas geschehen!

VERWACHSENER

Eben deshalb! Eine Türe wird eingedrückt. Alle lauschen. Zur Dritten. Komm!

POLIZIST

kommt wieder; bleich, ernst; zur Dritten: Halt! Was wissen Sie über den Fall?

DRITTE

Über welchen Fall?

POLIZIST

Sie sagten doch – Er pfeift Alarm. Alle ziehen sich etwas zurück. Dritte will sich unauffällig entfernen. Sie bleiben!

VERWACHSENER

zur Dritten: Hörst es?

POLIZIST

zum Verwachsenen: Und Sie auch. Er pfeift nochmals.

DRITTE

Was ist denn geschehen?!

POLIZIST

Mord.

Polizisten darunter ein Kommissar eilen herbei. Polizist berichtet unhörbar dem Kommissar. Verwachsener horcht.

KOMMISSAR

zum Polizisten indem er die Dritte und den Verwachsenen fixiert: Also: das Schloß war beschädigt? Und ausgekannt muß er sich haben – Sie warten hier! Er begibt sich mit einem Polizisten um die Ecke in den Laden.

ZWEITE DIRNE

zum Polizisten: Herr, jetzt fällt mir ein: sah hier einen herumlungern –

POLIZIST

Richtig! Er sieht sich forschend um. Nicht mehr da.

Im Laden wird das Licht angezündet. Alle treten hin und spähen durch Ritzen hinein, murmeln; verstummen. Totenstille.

SIMON KOHN

kommt langsam von links; unterdrückt zum Polizisten: Sehen Sie nicht hin! Er sieht her. Dort drüben: unterm Haustor. Dort steht einer –

POLIZIST

schielt vorsichtig nach links: Aha. Er winkt unauffällig einem Polizisten und eilt mit ihm plötzlich nach links ab. Man hört »Halt!« rufen. Alle starren nach der Richtung. Man hört Laufen und Rufen; dann wie einer stolpert, zur Erde sinkt und festgehalten wird. – Das Licht im Laden erlischt.

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
13 listopada 2024
Objętość:
880 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788027226405
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: