Czytaj książkę: «Kopenhagener Blues oder Gott bist du das der das Saxofon spielt?»
Morten Seifert
Kopenhagener Blues
oder
Gott, bist du das, der das Saxofon spielt?
[1984]
– Was glaubst du, in welcher von unseren Nummern könntest du das längste Solo spielen? fragte Tejs vom Vordersitz. Er stützte den Arm auf Jes’ Fahrersitz, um sich zu uns anderen Dreien umzudrehen, während er redete. Trotzdem musste er fast schreien, um durch den Motorenlärm des Transporters zu dringen.
Ich überlegte kurz. Eigentlich dachte ich, dass mehrere unserer Nummern super für Soli waren und es war leicht, sie in die Länge zu ziehen. Blues war für Soli einfach wie gemacht.
– Bring It On Home, antwortete ich dann.
– Warum gerade die? Er schob seine Baskenmütze etwas zurück, um sich im mittelblonden Haar, das in einem Pferdeschwanz zusammengebunden war, zu kratzen.
Ich dachte nochmal nach.
– Ich glaube, das ist etwas mit diesem pumpenden Herzrhythmus. Wenn ich darin ein Solo spiele, verschwinde ich ganz, etwas anderes übernimmt dann irgendwie. Ich fühle, dass ich einfach weiter- und weitermachen kann.
– Weiter- und weitermachen … Was soll das heißen? Wie lange, glaubst du?
– Ich denke, ich könnte zehn Chorusse spielen, wenn es sein müsste.
In der Dezemberdunkelheit rasten Leitplanken und Straßenmarkierungen an den schmutzigen Fensterscheiben des Autos vorbei. Jes fuhr das alte Auto sicher und konzentriert.
– Zehn Chorusse? Ja, das könntest du vielleicht wirklich, aber das Publikum würde sich zu Tode langweilen, wenn du zehn Chorusse solo spielst. Denk dran, das Solostück hat sechzehn plus zwölf Takte in jedem Chorus. Niemand hat Lust, so lange einem heulenden Saxofon zuzuhören. Du meinst das nicht ernst.
– Doch, das meine ich ernst. Zehn Chorusse, während ich das Publikum die ganze Zeit festhalte. Ich denke schon, dass ich das könnte.
– Ja aber, das ist doch nur Blues, Mann. Die gleichen drei Akkorde wieder und wieder. Wie solltest du da immer weiter etwas Neues spielen können? Drei Chorusse. Vielleicht vier. Allerhöchstens fünf. Dann ist auch das ausgereizt.
– Natürlich sind es die gleichen drei Akkorde, aber die Akkorde sind ja nur der Weihnachtsbaum. Das Interessante ist nicht der Baum, sondern der Schmuck, den du dranhängst.
– Schön, von mir aus, aber zehn von den langen Chorusse aus Bring It On Home … Vergiss es!
– Gut, wir können ja um einen Kasten Bier wetten. Dann mache ich es heute Abend.
Ich streckte meine Hand vor.
– Ein ganzer Kasten Bier?
Tejs lächelte fragend und hob beide Augenbrauen über den hellgrauen Augen, so dass die Baskenmütze ein wenig wippte.
– Ok, dann. Also zehn Chorusse, bei denen das Publikum die ganze Zeit mitgeht.
– Klar, Mann. Und 500 Kronen obendrauf, wenn ich fünfzehn mache? Ich grinste. Wusste nicht ganz, ob ich das Letzte wirklich meinte.
– Fünfzehn? Habt ihr gerade Michael Brecker hier gehört, Jungs? Fünfzehn? Fünfzehn Solo-Chorusse in Bring It On Home. Was sagt ihr?
Er schaute die anderen beiden an.
– Ohne, dass die Leute anfangen, etwas nach ihm zu werfen.
– That’s Rock’n’Roll! sagte Lennart und schlug seine schmächtige Faust gegen den Venylbezug des Daches.
– Verdammt, fünfzehn Chorusse in Bring It On Home. Das ist ja fast Slowblues, sagte Ulf mit seiner ruhigen klangvollen Stimme. Er saß zwischen Lennart und mir auf dem Rücksitz. – Das wird ja eine Viertelstunde oder mehr dauern. Na, meinetwegen kein Aufstand. Go ahead and try. Aber ich glaube nicht, dass sich das machen lässt. Versprich mir, dass du aufhörst, wenn das Publikum nicht dabei ist. Du wirst den Abend nicht wegen einer Wette ruinieren.
– Ich werde den Abend nicht ruinieren. Denn wenn die Leute keine Lust haben, das zu hören, habe ich sowieso verloren. Dann breche ich das Solo ab. So einfach ist das.
Tejs grinste:
– Ok, dann sagen wir fünfzehn Chorusse mit Vollgas. Sonst schuldest du mir 500 Kronen und einen Kasten.
Er streckte die Hand vor. Ich nahm sie und schlug ein.
– Top.
Noch zwei Stunden, dann wären wir in Aarhus. Es waren bestimmt Medizin- und Chemiestudenten, die die Party veranstalteten. Sie müssten dort so langsam schon angefangen haben. Gegen halb zehn würden wir da sein. Eine Stunde Zeit zum Aufbauen und dann einfach loslegen. So waren wir in der neuen Bluesband. Nicht den ganzen Nachmittag brauchen, um den Sound zu testen. Einfach mit den Instrumenten rein, Stecker reinstecken, stimmen und dann Vollgas geben.
Ulf, unser Sänger und Gitarrist, und Lennart am Schlagzeug waren sicher die besten zusammenspielenden Musiker, mit denen ich bisher gespielt habe. Sie sind einander über viele Jahre in verschiedene Bluesbands gefolgt, und machten zeitweise auch etwas Punk. Sie sind in der Musik vollständig zusammengewachsen. Und das komische war, dass sie gleichzeitig so unterschiedlich aussahen. Ulf war groß wie ein Wikinger und seine langen, glatten, kupferroten Haare umrahmten ein Gesicht mit regelmäßigen, starken Zügen und blauen Augen. Lennart war blutarm, dunkel und schmal. Er hatte einen Überbiss und eine Habichtsnase mit einem Höcker in der Mitte. Seine Haare waren mattschwarz, halblang und struppig, und mit seinen fast schwarzen Augen ähnelte er ein bisschen einem hässlichen Indianer. Aber er war ein fantastischer Schlagzeuger, bestimmt der fähigste Musiker von uns.
Tejs spielte Bass, ich selbst meistens Saxofon, aber auch Tasten bei ein paar Nummern.
Tejs und ich waren neu im Bluesmilieu. Wir waren beide Ausbrecher aus einer ambitionierten Funkband, die ihre Basis in Rungsted hatte. In vielerlei Hinsicht war sie ein Erfolg gewesen, die Funkband.
Wir haben auf Festen von Gymnasien in Nordseeland gespielt, privaten Festen in Villengärten da oben und Hafenfesten in Rungsted und Vedbæk.
Über die Grundbesetzung hinaus – Bass, Gitarre, Keyboard und Schlagzeug – hatten wir sowohl einen Percussionisten aus Barbados als auch eine hübsche Sängerin mit Nougathaut und tiefen, braunen Augen, in die sich alle verliebt haben. Es war alles genau nach den Regeln. Wir waren außerdem eines der wenigen Funkorchester in Dänemark mit vollständiger Bläsersektion, von der ich eben ein Teil war. Vier Hörner im Ganzen. Bariton, Tenor und alles, und dann eine Trompete, um den Riffs diesen metallischen Earth, Wind and Fire-Touch zu verleihen.
Alles musste in dieser Band unter Kontrolle sein. Wir hatten Aktenmappen in Ringbindung mit unseren Tabs, Notenpartituren und abgetippten Liedtexten. Während der Konzerte verwendeten wir Notenständer mit kleinen Lampen und hefteten die vielen Zettel mit Klammern fest.
Im Probenraum spielten wir nach Metronom und wir konnten stundenlang die Phrasierung eines Wortes im Lied oder den genauen Klang einer Kuhglocke diskutieren. Wir imitierten wie verrückt schwierige Bands wie Yellow Jackets, Spyro Gyro und Brecker Brothers.
Es hat auch eine Plattenfirma gegeben, die Interesse hatte, aber wir waren noch nicht ganz reif, meinten sie. Das würde kommen. Ganz sicher.
Darmowy fragment się skończył.