Czytaj książkę: «Vollmond - Kurzkrimi»
Mischa Bach
Vollmond - Kurzkrimi
Saga
Vollmond - KurzkrimiCopyright © 2004, 2019 Mischa Bach und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726086690
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Vollmond
August.
Am Tag nach dem Vollmond zog sie ein. Monatelang hatte die Wohnung nebenan leer gestanden, monatelang hatte sich niemand außer mir und Sally ins Dachgeschoß des alten Hauses verirrt. Ich allein war der Herr der Dächer gewesen, und so fluchte ich erst mal, als mich der Lärm der Möbelpacker in der Früh weckte. Sally hob ihren Kopf, blinzelte mich verschlafen und fragend an. Ich stand leise auf, schlurfte zur Tür und sah durch den Spion. Ein breiter Rücken versperrte die Sicht, dann kam ein großer Schreibtisch und schließlich eine weitere, breite Schulter. Immerhin kein Klavier, dachte ich, und ging in die Küche. Sallys kalte Hundeschnauze erinnerte mich freundlich, aber bestimmt daran, dass es Zeit fürs Frühstück war.
Während der Kaffee durch den Filter tropfte - ich kann Kaffeemaschinen genausowenig wie Elektroherde ausstehen - und Sally sich über ihren Napf hermachte, ging ich ins Bad. Gestern Nacht war es zu spät zum Saubermachen gewesen, und so sah es noch aus wie im Saustalll Ich fluchte leise vor mich hin - normalerweise schlief ich nach einer Vollmondnacht bis zum Mittag und hatte mindestens die ersten zwei Tassen Kaffee nebst Zigaretten hinter mir, wenn ich das Bad betrat, aber, sei’s drum. Bei neuen Nachbarn wusste man nie, was sie womöglich brauchen würden ...
Später, nachdem der Umzugswagen vor der Tür verschwunden war, ging ich mit Sally nach draußen. Ich nahm den Bus raus aus der Stadt, raus zu den Industriebrachen am Fluss, wo einen niemand störte oder Fragen stellte. Wo man höchstens mal ein paar Punks begegnete, halbe Kinder noch, mit deren Hunden Sally rumtoben konnte, und mit denen ich rumsitzen und rauchen konnte, ohne reden zu müssen. Und ohne dass jemand auf mich oder mein Feuer aufmerksam wurde. Heute war niemand da, vermutlich gab es irgendwo eine spontane Fete oder sie hatten sich an den Baggersee verzogen, bei der Hitze kein Wunder. Auch gut, denn am Tag nach dem Vollmond blieb ich am liebsten allein.
Liebste Helen,
du hattest Recht - eine Wohnung, die so lange leer steht, riecht wie ein Grab. Es hat fast eine Woche Durchlüften gebraucht, um das loszuwerden. Jetzt habe ich alle Fenster aufgerissen, draussen zwitschern die Vögel, Kinder spielen lärmend, in der Ferne rauscht der abendliche Verkehr, und so wird das Ganze allmählich bewohnbar, fast angenehm.
Natürlich hattest du auch Recht, was Dachschrägen angeht - ich habe sie unterschätzt und konnte meinen Kleiderschrank nur im Flur aufstellen. Was aber so unpassend nicht ist, denn ein Flur ist sonst nichts als toter Raum, und so werden meine beiden Zimmerchen wenigstens ein bisschen größer.
Ach, Helen, du merkst sicher schon, ich rede mir die Dinge mal wieder schön. Liebste Helen, wenn ich das nächste Mal wegen einem Kerl die Stadt verlassen will, halt mich fest, bind mich an, leg mich in Ketten, lass es einfach nicht zu! Ich hasse es, von vorne anfangen zu müssen, neue Wohnung; neue Nachbarn, neue Kollegen, neue Läden, neue Kneipen, nichts stimmt mehr, alleine auf der Welt und das auch noch ohne ein vertrautes Zuhause, das mir ein Rückzugsort sein könnte!
Ein Szeneblatt, klar, da wollte ich schon immer mal arbeiten. Die Kollegen sind auch sehr nett, viel angenehmer als in der Stadtredaktion, und es hat was für sich, einen monatlichen statt einen täglichen Redaktionsschluss zu haben. Nur, dass ausgerechnet ich über einen Serienmörder schreiben soll, dass ich ausgerechnet bei einem linken, ansonsten eher kulturlastigen Blatt so ein Thema übernehmen soll, das hätte ich mir nicht träumen lassen. Den Werwolf nennen die Leute ihn. Morde passend zu Redaktionsschluss, meint mein Chefredakteur nur, aber ich find’s schauderhaft. Nun ja, aber ich will dir ja keine schlaflosen Nächte bereiten. Die Kulturfabrik würde dir übrigens sicher gefallen, liebste Freundin, viel Exotisches aus der Tanzszene, auch darüber schreibe ich jetzt - und schreibe ich viel lieber als über Kaninchenzucht- und Bürgervereine. Aber jetzt, jetzt bin ich müde, also, schreib mir schnell, wie es dir geht und wann du mich besuchen kommst! Deine Lizzy
Elisabeth heißt sie, Elisabeth Deutschmann. Steht auf ihrem Türschild. Ich hab sie ein paar Mal gesehen in den zwei Wochen, seit sie eingezogen ist. Aus dem Fenster und vom Dach aus sah sie aus wie ein Mädchen, ein Kind. Dabei dürfte sie älter sein als ich, Ende zwanzig, vielleicht Anfang dreißig.
Sie scheint niemanden zu kennen hier, muss neu in der Stadt sein, bekommt keinen Besuch. Gut so, schlimm genug, dass sie gegenüber wohnt. Nicht, dass sie Lärm machen oder mich belästigen würde. Ist nicht wie im Haus der Alten, wo alle Naselang ein neugieriger Nachbar die Nase reinsteckte und doch nichts sah, nur störte. Eigentlich stört sie gar nicht, und genau das ist das Problem. Sie dringt in meine Gedanken ein, manchmal sitze ich in der Küche, höre leise Geräusche von nebenan und frage mich, was sie wohl macht. Stelle mir vor, wie sie sich leichtfüßig durch ihre Wohnung bewegt - sie bewegt sich wie eine Katze, das konnte man sogar vom Dach aus sehen - stelle mir sie vor, stelle mir sie und mich vor, und könnte heulen. Solange ich das Haus nur mit den Leuten unter mir teilte, die nichts von mir wissen wollen und ich nichts von ihnen, solange ging es. Ich war allein und das war gut so. Schließlich war ich schon immer allein, egal, wie viele Typen früher . . . ich war allein, einsam, okay, ja das auch, aber es war nicht schlimm. Es gab ja niemanden, den ich in meiner Nähe wollte. Außer Sally natürlich, halb Wolf, halb Hund, so weiß wie meine Seele schwarz ist. Sally, die es nicht kümmert, wenn ich tagelang nicht spreche, Sally, die nichts von mir verlangt, als dass ich da bin und die selbst immer da ist. Selbst Sally bemerkt die Veränderung - die vier Treppen hat sie stets auf einmal genommen, erst vor unserer Tür gehalten, aber jetzt bleibt sie schwanzwedelnd vor der Tür gegenüber stehen.
Darmowy fragment się skończył.