Czytaj książkę: «Hilflose Augen»
Max Herrmann-Neiße
Hilflose Augen
Saga
Hilflose Augen Vier Geschichten: "Himmelfahrt zu 'Gott Vaterlos'", "Des Kreuzwegs letzter Stern", "Die Wunde des Ludwig Perls" und "Hilflose Augen"Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1920, 2020 Max Herrmann-Neiße und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726614596
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Hilflose Augen
Über den Jugendirrtum, daß gleiche Einsicht in die tatsächlichen Vorgänge auch gleich Handlungsweisen verbürgen müsse, war er geraume Zeit hinaus. Als ihm die Überzeugung beigebracht ist, daß für bald Gefahr droht, fühlt er sich mit dem ebenso bedrohten Nachbar keineswegs solidarisch. Die Wandelbaren der eignen Partei werden gefährlicher als die Gegner mit grundsätzlich verschiedenem Standpunkt. Am augenblicklichen Überschwang kann der Unzuverlässigen zukünftiges Renegatentum nach Spannung und Stärke sicher gemessen werden.
Nach den drei ersten, durch solch schmerzhafte Erkenntnisse verwüsteten Jahren seines Mannesalters rettete sich Gerhart in einen Staat, der den Menschen keinerlei Verleugnung ihrer gütigsten Gefühle abzuzwingen wagte. In einer endgültig letzten Rückschau durchlebte er noch einmal die ganze Qual, und das Schwerste schien ihm, daß er aus Notwehr schließlich so weit gekommen war, auf eine seiner fanatischen Wahrheitsreinlichkeit weltenfremde Art hinterhältig zu sein. In seinem Lande hatte jede Liebe zu Lügen geführt, und noch vor das Heiligtum Gott war überall eine heimliche Falle gestellt. Dort bedrängte die Stickluft so seine Seele, daß er gar nicht mehr imstande gewesen war, das Leben harmlos durch die Straßen zu tragen: immer nahm Abwehr und Sichbewahren alles in Anspruch, war ihm die bloße Funktion des Gehens schon derart mit Leistung beladen, daß für einen Blick auf den Weg oder gar zum Himmel hinauf kein Aussetzen blieb. Das Schlimme mit Vorbehalt über sich ergehen lassen, war hier noch nicht einmal der verächtlichste Ausweg, und sogar die Sanftmütigen sollten in triftigere Schuld verstrickt werden. Der Bann, unter dem sie in dieser Sphäre rettungslos gebeugt blieben, machte sie unmerklich brutal, indem er ihrer Milde eine Kämpferstellung aufnötigte, die ihrem eigenen Prinzip widersprach. Bald war ihr Tun der Sünde des Systems verfallen, das ihr Herz verwarf. Völlig damit beschäftigt, sich selbst nicht zu verlassen, merkten sie bald gar nicht, wie sehr ihr freilich berechtigter Verfolgungswahn sie das Recht der Wesen, die zufällig dieselben Pfade beschreiten mußten, mißachten ließ. Und in Wahrheit behielten sie gar nicht ihr Selbst, ja sie erkannten es nicht einmal, denn der wahnsinnige Tanz, der sie immer nur um den einen hartnäckigen Verteidigungspunkt wirbelte, war ebenso ein Raub an dem, was am meisten not tat. Mit dem Trick, mit dem sie sich der Weise der Mitwelt zu entäußern trachteten, waren sie ihr desto fester verfallen. Indem sie irgend etwas zu sich in Beziehung brachten, gaben sie ihm ein Recht auf ihre Teilnahme, und immer endete es mit dem Verbrechen, daß sie den Schmerz des Geborenwerdens mit der Hingabe des ganzen Menschen einzulösen sich nicht für gebunden hielten.
Ein fast durchschnittliches Ereignis, nicht viel mehr als ein Abbild der großen Zwiespältigkeit, hatte für Gerhart zuletzt ganz deutlich gemacht, an welchem Scheidewege er stand. Zur Zeit der ersten Verzweiflung und Niedergeschlagenheit über erbarmungsloses Hellsehen hatte er es geschehen lassen, daß eine Dogge mehr als der zweifelhafte Bruder Mensch bei ihm blieb. Und in Tagen, die vor keinem Gericht des Verstandes sich behaupten ließen, war es so sehr Rettung geworden, sich dem stummen Geschöpf ganz zu ergeben, daß kaum noch eine Handbreit Spielraum zwischen ihren Kreatürlichkeiten blieb. Es gab Blicke vom Hund zum Menschen und vom Menschen zum Hunde zurück, die die Eintracht eines ganzen zwecklosen Tagwerkes bestätigte. Dieses Paradies versank allzu rasch. Gerhart wurde in Situationen verwickelt und ihnen untertan, die ihm vorspiegelten, im tätigen Dienst für Glückhaftigkeiten, welche eine Generation immer wieder vergebens für die nachfolgende als schönere Realität sich ausmalt, könnte sein Heil und seine Heiligkeit errungen werden. Er lieferte sich dem neuen Phantom mit einem Heißhunger der Gesinnungstreue aus, daß jede Verpflichtung der Vergangenheit jäh vor ihm tot war. Nun bedeutete ihm die Dogge ein Hindernis und eine Mahnung an Schuld, die nicht einzulösen ging. Was zuvor als Erlösung galt, hieß jetzt Störung, und jede Zuneigung wurde Anmaßung im trüben Spiegel von Gerharts Verblendung. Das Tier empfand, daß der heimlich geschlossene Pakt vom menschlichen Partner nicht mehr gehalten wurde, und versuchte bedrohlichem Ausgeliefertsein nach seinem Instinkte vorzubeugen. Gerhart kehrte den Bändiger heraus, gebrauchte das verzerrende Wort »tückisch« wie eine Hetzpeitsche wider besseres Wissen, wurde unberechenbar, schroff und zärtlich zur Unzeit, daß der Hund in einen Irrgarten von Vergewaltigung gesperrt schien. Längst begriff Gerhart, in welche neue Sackgasse der Gefühle er sich verrannt hatte, aber mit dieser zweiten Mündigkeit, die ihm so schwer wurde, wuchs das Reizbare seiner verlassenen Seele, er suchte sein Besseres und fand es nicht mehr.
Er hetzt über die Felder; die Dogge hinter ihm. Gerhart springt, ohne sich umzuwenden, über einen Bahndamm, knapp hinter ihm fährt ein Güterzug vorüber, endlos. Die Dogge, noch auf der anderen Seite, wartet; Wagen rollen und rollen. Gerhart fühlt, er ist allein, knirscht: »Verfluchtes Vieh!« eigensinnig, boshaft rennt er, pfeift schrill ohne sich umzukehren. Die Dogge, noch einmal in besinnungslose Treue gebannt, stürzt ihm nach – ein Wagen schleift einen kreischenderen Wirbel, etwas schneidet wie ein stumpfes Messer durch die Luft, ein Schaffner schreit etwas hinter Gerhart her, der knirscht, noch einmal sich mit Eigensinn panzernd: »Verfluchtes Vieh!«, rennt wie mit Scheuklappen geradeaus – und schon treibt im Wind eine kleine, zerfetzte Tierseele Gottvaters Händen zu.
In dieser Nacht lag ein von allem und von sich selbst verlassener Mensch schluchzend über einem blutigen Bündel, das einen formlosen Kadaver enthielt. Ihm gegenüber starr, blaß hockte auf einem Packen Bücher ein Unbekannter, doch ihm Ähnlicher, der am Morgen gehängt werden sollte. Und Gerhart und der Delinquent hielten mit den seltsam zirpenden Stimmen von Käfern im Gebälk Zwiesprach, gleich den Ärmsten, die durch Kerkerdielen verbotne Zeichendialoge führen. Gerhart sagte: »Nein, ich hab es nicht ermordet, das nicht! Aber daß es mich geliebt hat und ich es doch allein ließ, und nun alles zu spät ist. Es hatte ja nichts als mich und wußte kein andres Echo, und nun stand es mit einemmal in einem Raume, in dem sich ihm nichts zur Orientierung hergab. Ich aber, um eines Wahnes willen, verriet es an das unsagbare Entsetzen. Verriet es und mich selber. Und du? Was hast du getan?«
Und der Andere erzählte monoton: »Was soll ich getan haben? Ich nahm ein Weib, mit ihr glücklich zu sein. Aber immer war mir der Traum köstlicher, als das Erwachen, und alle Erfüllung machte mich leer. So war mir auch dieses Glück nicht genug, und ich trachtete nach einem andern, das ich mein Werk nannte. Sie aber welkte neben mir, und ein Tag nach dem andern starb für sie hin, ohne daß sie ein Fünkchen von seiner Wärme erhascht hätte, und sie duldete stumm. Aber ich hoffte, aus noch größerem Schweigen sollte mir das neue wahrhaftige Glück geboren werden, und kein Preis schien mir zu teuer dafür, ich Tor, nun hab’ ich mich selber zum ewigen Stummsein verdammt.«
Gerhart bekam unwillkürlich den gleichen Tonfall: »Zum ewigen Stummsein verdammt ... nicht wahr? Immer ist uns der Partner im Wege, und fehlt er endlich, so fehlt uns doch auch die Kraft zu reden. Solange wir mit ihm lebten, nicht wahr, da schien es uns, daß wir für ihn lebten, wir sehnten uns, unabhängig zu sein, und tauschten doch immer nur Titel und Rolle. Denn was wir unsere eigenste Pflicht und unsere Losung zu nennen beliebten, das war doch immer noch nicht unser Ich, war immer noch etwas von außen Gegebenes, etwas Fremdes, das uns beherrscht. O ewiger Fluch, daß wir verlernten zwecklos und ziellos in Blüte zu stehn!«
Der Andre wiegte den kahlgeschorenen Schädel. »Alles erschlagen, was uns noch stört, was außer uns einen Laut noch gibt! Es läßt uns keine Ruhe mehr, bis Totenstille sich wie ein Schneefeld um unsre verzweifelten Nerven breitet. Totenstille – du lieber Gott! Was bleibt uns schließlich am Ende zu tun, als unsre eigene Stimme zu erdrosseln!«
Darmowy fragment się skończył.