Czytaj książkę: «Fast Perfekt»

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Mark Baug

Fast perfekt

© 2016 Mark Baug

Alle Rechte vorbehalten.

ISBN:

www.markbaug.de

Inhalt

Ein windiger Sommer Mitte der Achtziger

Heiligabend fünf Jahre später

Frühjahr 1992

2006

Januar 1992

Überraschung 2006

2007

2012

Viele Untersuchungen später und bisher ratlos

Sein perfekter Tag

Ihr perfekter Tag

Über den Autor

Ein windiger Sommer Mitte der Achtziger

Eigentlich ist alles so perfekt, dachte sie und streichelte über seine blonden Brusthaare. Wie braun seine Haut durch die Sonne ist! Sie schaute auf ihre zarten Hände und trotz der Dunkelheit sah sie, wie blass ihre im Gegensatz zu seiner war.

Sie waren gestern Abend zusammen eingeschlafen. Beide hatten auf der Matratze in seinem Auto gelegen – es war ein alter Bulli, in dem er lebte und der für ein Auto sehr geräumig war.

Sie hatte einen wunderschönen Traum in ihrer ersten gemeinsamen Nacht. Nun war sie vor ihm wach geworden, lag in seinen Armen und spürte, wie er atmete. Sein Brustkorb hob ihre Hand leicht an, wenn er einatmete, und senkte sie, wenn er ausatmete. Sie beobachtete, wie er friedlich schlief. Kein Muskel war angespannt. Er lag neben ihr und war wie in eine tiefe Entspannung eingetaucht.

Die Sonne würde in wenigen Minuten aufgehen, die Dämmerung schickte schon das erste Licht über die Dünen. Es ist ein schöner Moment, dachte sie, mein schönster Moment. Als dann das erste Licht durch das Fenster fiel, hatte sie Angst, dass dieser Moment schon bald wieder vorbei sein würde. Ihre Hand lag immer noch auf seiner Brust. Sie sollte federleicht sein und ihn nicht stören, aber sie sollte dort liegen, damit sie spüren konnte, wie friedlich er atmete. Sie betrachtete ihn sehr genau. Sie wollte sich jedes Detail einprägen. Draußen pfiff der Wind und die Brandung hatte einen anderen Rhythmus als seine Atmung.

Sie wunderte sich nach wie vor, dass er sich vor zwei Tagen auf ihren Vorschlag so schnell eingelassen hatte, einfach zu zweit rauszufahren. An diesem einsamen Strand waren die Wellen höher, die Brandung härter und der Wind stärker. Sie merkte, dass es sein Strand war. Sie spürte, dass er hier schön häufiger war und nun hatte er sie mitgenommen und sie lagen in seinem alten Bulli. Sie hatte seine ganze Aufmerksamkeit. Das war anders als vorhin, als er mit seinen Kumpels abhing. Er brüllte häufig an. Er wollte ihre Aufmerksamkeit und sie gaben sie ihm, indem sie ihm genauso laut antworteten.

Für ihnen sind die Wellen das Wichtigste, so viel wusste sie. Er übte Sprünge mit seinem Surfbrett, wie sie vorher noch keiner gefahren war.

Vor zwei Wochen hatte sie den Auftrag bekommen, ein Interview mit ihm zu führen. Nun hatte sie nur noch diese Woche. Der Redaktionsschluss war gesetzt, an diesem ließe sich nichts verändern, sagte ihr Redakteur. „Das verstehen Sie doch, oder?“, fragte er sie, obwohl es nicht als Frage gemeint war. Eine Frage wie ein Befehl. Sie war keine Journalistin, sondern eine Studentin, die einen Job für den Sommer suchte. Wenn sie nicht rechtzeitig liefern würde, würde sie sich nicht wegen des Geldes ärgern, sondern weil sie es nicht geschafft hatte. Etwas nicht zu schaffen, das kam bei ihr nicht vor.

In den ersten Tagen kam sie nicht an ihn heran – an den aufgehenden Stern der Windsurfer-Szene. Ihr Auftrag war eindeutig: einen Artikel über Maik zu schreiben.

„Und kommen Sie mir nicht mit Ausreden, einer Ersatzstory über die anderen Surfer, einen wunderschönen Strand als Geheimtipp oder irgendetwas anderem. Ich will ein Interview mit ihm, nur mit ihm“, sagte ihr Redakteur, als sie sein Büro verließ.

Zu viele Jungs waren um ihn, vor allem zu viele laute Jungs, die alle um seine Aufmerksamkeit buhlten. Und vor allem waren da auch noch die vielen jungen Frauen. Sie sahen alle aus wie Playmates, verhielten sich wie Groupies und schienen nur ein Ziel zu haben: Maik. Das schien sie mit ihnen gemeinsam zu haben. Aber ansonsten? Sie fiel nicht auf, das war ihr von Anfang an klar. Sie war ganz anders als diese Mädchen. Ihre Figur war zierlich, sie hatte blasse Haut und studierte Jura. Diese gut aussehenden Frauen fuhren den Jungs zu Wettkämpfen nach oder besuchten sie beim Training. Egal, was diese Frauen sonst machten, dies war nicht ihre Hauptbeschäftigung. Über solche Frauen rümpfte sie sonst die Nase, Surfer konnte sie nur aus der Ferne und wäre nie auf die Idee kommen, mit ihnen Zeit zu verbringen. Es schienen zwei verschworene Gemeinschaften zu sein und sie stand dazwischen und war nirgendwo richtig dabei. Was dachte sich nur mein Redakteur dabei, mich auszusuchen? Es war gleichzeitig faszinierend, es war neu, aber sie gehörte nicht dazu, das wusste sie und das wussten die anderen. Sie musste aber diesen Artikel schreiben, denn sie wollte etwas Neues machen, sich ausprobieren, erfahren, was sie besonders konnte. Dies schien aber nicht dazuzugehören. Seit fünf Semestern studierte sie nun Jura, fing in diesem Sommer diesen Job bei diesem Surfer-Magazin an, weil sie mal etwas anderes machen wollte, als nur im Büro die Akten zu wälzen. Ihr Vater, ein anerkannter Anwalt in Hamburg, wusste nichts von diesem Job – und selbstverständlich noch weniger von dieser Nacht.

Gut, sie war die meiste Zeit brav, nicht nur in seinen Augen, sondern sie hatte bisher auch nichts zu verbergen gehabt. Sie war sich sicher, dass sie aber etwas Neues, vor allem etwas Eigenes wagen wollte. Aber dass es so weit gehen würde, hätte sie sich nicht gedacht. Dass es zu dieser Nacht kommen würde, hätte sie nicht mal gewagt zu träumen.

Vor zwei Tagen nahm sie ihren ganzen Mut zusammen und ging einfach auf ihn zu, als er mit seinen Jungs über Wind, Wellen und das richtige Tuch sprach. Eine andere Chance sah sie nicht mehr. Tagelang hatte sie keine Möglichkeit gefunden, um mit ihm zu sprechen.

„Hi, Maik.“ Sein vollständiger Name war Michael. Sie hatten sich alle eine amerikanische Variante ihres Vornamens zugelegt. „Kannst du mal kurz mitkommen?“ Dieser Satz hat sie viel Überwindung gekostet, ihren ganzen Mut, aber sie sagte sich, jetzt oder nie. Sie sah keine andere Möglichkeit, zu viel Zeit hatte sie damit verbracht, ihn zufällig alleine zu erwischen. Nun sprach sie ihn an vor allen Jungs und Frauen und er kam einfach mit. Als ob drauf gewartet hätte, dachte sie.

Sie erzählte ihm, was sie wollte. Einen Artikel schreiben und zwar über ihn – und nur über ihn. Nicht über die Surfer-Gemeinschaft und schon gar nicht über die anderen Jungs. Das war nicht nur ihr Wunsch, sondern auch ihr Auftrag. Und sie wollte ein paar gute Fotos von ihm allein machen. Der ganze Rummel störte sie. Die Anderen waren ständig um ihn herum, sodass er nie alleine war. Am liebsten wollte sie ihn aber alleine. Die Anderen einfach abpellen wie eine Schale, damit sie ihn freilegen konnte wie eine Frucht.

Sie wolle ihn, sagte sie, und nicht die Motten, die das Licht umflattern. Die wollen nur im Rampenlicht stehen. Und er ist die aufgehende Sonne, den ihre Leser sehen wollten. Und das Geflattere der anderen nerve sie. Sie wusste, dass sie übertrieb, aber andere Argumente hatte sie nicht. Sie setzte alles auf eine Karte, sah in sein Gesicht und war gespannt auf seine Reaktion, das sollte er aber nicht merken.

„Ja, gut!“ Mehr sagte er nicht und ging. Eine Stunde später war sein Bulli gepackt, die Bretter und die Segel auf dem Dach des Autos verstaut. Sie stieg ein. Zu ihm. Sie fuhren los ohne große Verabschiedung. Von ihr hätte sich keiner verabschieden wollen. Es ging einfach los, als ob sie etwas kurz besorgen würden.

„Wo fahren wir hin?“

„Weg!“

Mehr bekam sie aus ihm nicht heraus. Am Strand quatschte er mit jedem und viel, nur jetzt schwieg er. Sie saß vorne neben ihm, schaute mal aus dem Fenster und mal ihn an. Ab und zu sah sie sich im Bulli um, denn irgendetwas musste sie ja schreiben. Vielleicht entdeckte sie etwas Besonderes, falls er nichts sagen würde, dann könnte sie immer noch über diese Situation schreiben und Rückschlüsse ziehen. Das Auto war zugemüllt. Überall lag irgendetwas rum, ein Briefumschlag, ein paar Taue und Musikkassetten. Abgesehen von dem ganzen Zeug zum Campen und Surfen, was sonst noch so rumflog. Sie griff eine der Kassetten, um etwas Persönliches zu entdecken.

Mal sehen, was so ein Surfer hört, dachte sie, als sie entdeckte, dass die Kassette nicht beschriftet war. Sicherlich typische Surfer-Mucke, schloss aus der fehlende Beschriftung, aber vielleicht ist diese Leichtigkeit besser als diese Stille?

„Wollen wir Musik hören?“, fragte sie ihn.

Er schaute sie an, griff mit einer geübten Handbewegung ins Handschuhfach. Er war ihr auf einmal ganz nah. Sie schaute verlegen auf die Straße, während er nach einer bestimmten Kassette kramte.

„Gut!“, sagte er, öffnete die Hülle mit beiden Händen, während er das Lenkrad nur mit den Knien steuerte und steckte sie ihn den Rekorder.

„Ich hoffe, du hörst so was“, sagte er und sie war sich sicher, dass sie mit ihrer Vermutung zu seinem Musikgeschmack Recht behalten würde. Sie war überrascht, als sie melancholische klassische Klaviertöne hörte.

„Oh, was ist das?“ Sie griff nach der Kassettenhülle und sah, dass sie sehr abgenutzt war.

„Brahms! Ich kann dabei prima entspannen.“ Durch die Musik fing er an zu erzählen, dass sein Vater Komponist war und drauf bestand, dass er Klavier lernen müsste. Jeden Tag saß er mindestens eine Stunde am Klavier und musste üben. Sein Vater war nicht besonders erfolgreich und nahm sich viel Zeit für die musikalische Ausbildung seines Sohnes. Je erfolgloser er war, desto mehr musste er üben. Er hatte es gehasst und doch sind ihm diese Klänge heute so vertraut. Mit der Zeit bekam er Mitleid mit seinem Vater. Als er älter wurde und mitbekam, wie unzufrieden dieser war, da spielte er für ihn, weil es die Traurigkeit seines Vaters milderte.

„Er war nicht einfach“, sagte er, „und ein strenger Lehrer, man sah ihm sein Unglück an. Und ich wusste, wie ich ihn für eine kurze Zeit glücklich machen konnte.“ Einen kurzen Blick warf ihr zu und sah, dass er ihre ganze Aufmerksamkeit hatte. Das hatte er noch nicht vielen erzählt, eigentlich keinem.

„Als mein Vater starb“, sagte Maik, „hörte ich auf zu spielen und habe seitdem nie wieder gespielt. In diesen Tagen der Leere fing ich mit dem Windsurfen an.“ Nun war sie diejenige, die schwieg.

Nachdem die erste Seite der Kassette durchgelaufen war, drehte er sie um und sie fragte ihn, wo er herkomme, was er vor dem Surfen gemacht habe. Was er liebe, worüber er sich ärgere. Die Musik lief weiter und er redete. Sie saß neben ihm und hörte ihm zu. Sie schrieb nichts mit. Ihr Diktiergerät war im Kofferraum bei ihrem Gepäck. Sie wollte diese lockere Atmosphäre nicht zerstören. Sie würde alles aus dem Gedächtnis aufschreiben. Sie war überrascht, wie offen er zu ihr war.

Es schien für ihn kein Interview zu sein. Sie hörte Persönliches, was niemand ins Mikrophon diktieren würde. Es war ihr so, als ob sie eine versteckte Seite entdeckt hätte. Wie diese Musikkassette, die keiner kennen durfte und die wohl vor den anderen im Handschuhfach versteckt wurde – so war es jetzt mit dem, was sie hörte. Sie kam sich wie auf einer Entdeckungsreise vor. Nicht nur was seine Geschichte anging, sondern weil sie doch zuhören konnte. Der sonst so kalt wirkenden Jurastudentin, hatte bisher noch keiner so etwas erzählt. Und sie fand sich in seiner Erzählung wieder. Sie vergaß, dass sie einen Artikel schreiben wollte. Auch sie hatte eine intensive Beziehung zu ihrem Vater und stellte während des Zuhörens fest, dass nicht alles Bewunderung war, wie sie sonst dachte, sondern auch viel Mitleid, weil sie ihn auch nicht unglücklich sehen wollte.

Warum erzählt er mir das alles, fragte sie sich, steckt mehr dahinter? Kann er nicht anders? Sind wir seelenverwandt? Sie erschrak vor diesem Gedanken.

Sie betrachtete seine blonden Locken und sein stoppeliges braunes Gesicht. „Kann das sein?“, fragte sie sich, während er ihr von seinen Erinnerungen erzählte, „wie lange muss man sich einen Menschen anschauen, um ihn zu kennen? Oder muss man einfach nur genauer hinschauen?“. Er war groß, sportlich und attraktiv. Er war ein anderer Typ als sie. Und doch spürte sie mit jedem gefahrenen Kilometer eine Vertrautheit, die ihr neu war. War es vielleicht ein Date für ihn, dachte sie kurz. Das kann er unmöglich annehmen – oder bin ich vielleicht nur ein weiteres Groupie für ihn, die einfach anders erobern will? Diese Gedanken waren neu für sie. Sie fühlte sich geschmeichelt, wenn er so etwas vorhaben wollte. Es schien jedoch sehr unwahrscheinlich, weil solche Jungs in ihrem Leben eigentlich keine Rolle spielten. Oder gespielt hatten …

Schließlich fragte er sie, was sie vom Meer halte, welchen Kick sie suche.

Es ist ihm bewusst, dass ich keine richtige Journalistin bin, dachte sie. Sie wusste in etwa, wie man ein Interview führte, das hatte ihr ihr Redakteur eingetrichtert. Dies hier war mehr, das spürte sie und sie bekam ein Bild von ihm, über das sie gerne schreiben würde. Sie wusste nicht, ob es die fremde Welt des Surfers war, in die sie eintauchte, oder der Mensch, der sie zu diesen Gedanken inspirierte.

Nach einiger Zeit kamen sie an, wo auch immer sie jetzt waren. Sie wusste nur, dass sie viele dänische Fahnen auf der Fahrt gesehen hatte, aber wo genau sie waren, wusste sie nicht, es war ihr auch egal. Er fuhr direkt an den Strand und ihr Gespräch schien beendet. Den Bulli parkte er zwischen Strand und Dünen. Diese Stelle schien er gut zu kennen. Sie konnte weit und breit niemanden sehen.

„Sammelst du Holz?“ Er schickte sie einfach so los, ohne Erklärung. Er baute alles um seinen Bulli auf. Ob wir zu viel gesprochen haben, überlegte sie sich, und ging in Richtung der Dünen, um trockenes Holz zu finden.

Sie war ein bisschen enttäuscht, dass ihr Gespräch so abrupt beendet war. Als sie zurückkam mit guter Ausbeute, wie sie meinte, war sie erstaunt, was er alles aufgebaut hatte. Es sah nicht mehr nach dem unaufgeräumten Bulli aus. Es ist richtig häuslich, dachte sie. Wie lange sie wohl weg war? Er hatte diesen Fleck am Strand zu einem Campingpatz werden lassen. Stühle standen unter dem Vorzelt, in der Mitte ein Klapptisch mit einer Kerze. Der Tisch war gedeckt. Er hatte Spagetti Carbonare gekocht. Es wirkte eher wie ein Zelturlaub mit ihrer Tante als eine Surfer-Unterkunft. Den Chianti hatte er schon geöffnet. Eine Feuerschale stand in der Nähe des Bulli. Nur ihr Feuerholz fehlte noch. Er hatte ein Nachtlager wie für einen langen Familienurlaub aufgeschlagen. Sie aßen und erzählten, wo sie aufgehört hatten. Er machte Feuer und sie setzen sich an die Feuerschale. Die Sonne ging unter, während sie Rotwein tranken.

„Wären das nicht schöne Fotos?“ Wieder stellte er eine Frage, die eigentlich als eine Aufforderung für sie zu verstehen war. Wie beim Holzsammeln, dachte sie. Aber er hatte Recht, so unterbrachen sie das Gespräch, sie holte ihre Kamera und machte Fotos. Sie hatte sich für Schwarz-Weiß entschieden, alles andere wäre kitschig gewesen. Er war Surfer und ihre Leser wollten etwas von seinem Lebensgefühl und keine bunten Urlaubsbilder mit Sonnenuntergang. War das hier sein Lebensgefühl, fragte sie sich. Sie traute sich aber nicht, das laut auszusprechen. Er redete gerade vom Wind und dem Meer, aber sie wusste, dass er eigentlich über sich redete. Das wollte sie festhalten. Sie fotografierte die Weite des leeren Strandes, die ihn umgab. Er saß am Feuer, am Bulli und schaute zum Meer. Es wehte kein Lüftchen und das Meer schien spiegelglatt. Es wirkte ruhig, nicht bedrohlich. Sie arrangierte die Fotos so, dass er am Rand noch zu erkennen war, aber im Mittelpunkt stand etwas anderes – etwas, das ihn ausmachte. Die melancholische Weite, die sie bei ihm immer deutlicher ausmachte.

Die Zeit verging. Als die Sonne untergegangen war, schaute sie einfach weiter auf das Meer, das Feuer wärmte sie.

„Wir müssen morgen früh arbeiten“, sagte er. „Wir werden guten Wind haben. Und die Morgensonne gibt das beste Licht.“ Er stand ohne Vorwarnung auf und ging zu Bett. Sie war über diesen unerwarteten Abbruch enttäuscht. Sie schlief drinnen und er draußen unter dem Vorzelt. Vielleicht hoffte sie auch, dass noch mehr zwischen ihnen passieren würde. Nicht dass sie mehr erwartet hätte, aber sie hatte so ein Gefühl, dass da noch etwas war.

Am nächsten Morgen weckte er sie früh, damit sie rechtzeitig anfingen.

„Komm raus, wir wollen das Morgenlicht nutzen.“

Sie war überrascht, wie arbeitsam er war und er meinte alles ernst. Sie wollte nicht so früh aufstehen, denn sie spürte noch den Rotwein, der sie müde machte. Er schien voller Energie zu sein. Seine Coolness war mit der Abwesenheit der anderen Surfer-Jungs wie verflogen. Sie erkannte einen arbeitssamen jungen Mann, den sie auch im Jurastudium hätte treffen können. Gestern war er noch ein Surfer, dem alles so leicht viel. Das war ihr Eindruck, den sie die letzten Tage gewonnen hatte, und nun stellte sie fest, dass er permanent übte und sich immer wieder kritisch hinterfragte, wenn ihm etwas nicht gelang. Diese Rolle legte er auch nicht ab, es war nicht nur ein Moment. Vielmehr erinnerte sie das an das, was er ihr gestern erzählte hatte, dass er früher stundenlang Klavier übte für seinen Vater. Genau diesen Eindruck bekam sie von ihm. Dass er sehr diszipliniert übte. Er hatte ein Ziel und das galt es zu erreichen. Sie fragte sich schon, ob ihr Aktenstudium als Juristin da nicht abwechslungsreicher wäre. Maik ging gerade einem Job nach. Sie fotografierte ihn. Ihre Filme füllten sich wie von selbst, weil er auch hier sehr facettenreich war. Sein Ehrgeiz zeigte viele Gesichter.

Wenn er mal Pause machte, schaltete er total ab, zog sich zurück. Er schien erschöpft und war ganz in sich gekehrt. Seine Umwelt nahm er nicht wahr. Teilweise schien sein Körper, jede Bewegung einzeln durchzugehen. Sie musste schmunzeln, weil er so verloren aussah, wenn er nicht auf dem Brett im Wasser stand. Er sah sie nicht an, sein Körper schien sich an jede Sekunde auf dem Meer zu erinnern, obwohl er am Strand stand. Sie war überrascht, dass er in diesen Momenten so in sich zu ruhen schien. Es gab dann nur ihn. Er nahm sie nicht wahr. Er hatte alles ausgeblendet. Erst nach einer Zeit der Ruhe sprach er sie wieder an und war zu hundert Prozent zurück. Sie fotografierte ihn in seinen ganzen Facetten, die so offen vor ihr lagen. Er störte sich nicht dran. Er blieb die ganze Zeit er selbst.

Es waren keine vierzwanzig Stunden, die sie hier zusammen verbracht hatten. Sie hatte den Eindruck, dass sie ihn schon viel länger und besser kannte als so manchen anderen, so intensiv nahm sie ihn war. Er war faszinierend, nicht wie er surfte, sondern wie er auf sie wirkte. Dies war auch der Grund, warum sie sich auf ihn einließ. Sie suchte gerade seine Nähe. Er war anders, als sie erwartet hatte, deshalb war sie glücklich.

An ihrem zweiten Abend saßen sie wieder am Feuer, sahen auf das Meer und sie sprach ihn drauf an, was er in diesen Momenten dachte. Sie sprachen über die Arbeit, Ziele, die sie erreichten wollten, aber auch über die Schönheit des Moments, wenn sich gerade alles perfekt anfühlt.

Was ihn antrieb, begeisterte sie. Vor allem, dass er so unermüdlich an sich arbeitete. Ihr Abend wurde länger als der vorherige und mit der Zeit immer vertrauter. Es war nicht so, dass er ihr erster war, aber der Erste, von dem sie sich so angezogen fühlte. Diese Vertrautheit, die sie nie so direkt angesprochen hatten, aber doch immer für sie beide spürbar war. Es war kein erstes Date, sondern es war ihr erstes Date. Sie schliefen diesmal beide im Bulli. Sie schliefen miteinander. Es war nicht die letzte Konsequenz ihres vertrauten Tagesablaufs gewesen, sondern es war etwas Neues und das spürte beide in diesem Moment. Es schien nur sie beide zu geben – nicht mal den leeren Strand mit seiner Brandung.

An all das dachte sie, als sie so neben ihm lag und ihn anschaute. Seine Konturen sah sie, wie er sich im Schlaf bewegte. Das Tageslicht leuchtete sie beide im Bulli aus. Sein Gesicht sah so konzentriert aus, als ob er immer noch an den optimalen Sprung dachte. Im nächsten Moment entspannte er wieder, wie sie ihn im Gespräch am Feuer erlebt hatte. Sie fand jede Emotion des Tages in seinem Schlaf wieder. Was er wohl träumt, fragte sie sich.

„Hey, du bist ja wach.“ Er öffnete die Augen, als die Sonne gerade über den Horizont geklettert war und das Licht seine ganze Helligkeit gefunden hatte.

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Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
80 str.
ISBN:
9783741822841
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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