Czytaj książkę: «Wirbel im Internat»
Marie Louise Fischer
Wirbel im Internat
SAGA Egmont
Wirbel im Internat
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1971 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719558
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Tweedy
Es war der letzte Tag der großen Ferien.
Auf dem Schloßinternat Hohenwartau, sehr malerisch in den oberbayerischen Voralpen gelegen, herrschte lebhafter Betrieb. Ein Auto nach dem anderen rollte über das bucklige Kopfsteinpflaster in den Schloßhof und spuckte Internatsschülerinnen zwischen zehn und zwanzig Jahren aus.
Die meisten Mädchen wurden von ihren Eltern gebracht. Je nach ihrem Naturell nahmen sie gefaßt, erleichtert oder tränenreich Abschied von ihren Lieben. Ungeduldig ließen sie die allerletzten Ermahnungen über sich ergehen – „Schreib von nun an regelmäßig und, bitte, nicht immer nur dann, wenn du was brauchst!“ – „Zieh dich warm an, du weißt, wie leicht du dich erkältest!“ – „Gib dir ein bißchen Mühe, damit du deine Mathematiknote verbesserst!“ – Dann erstürmten sie, kaum aus der Sicht der Eltern, lachend und lärmend, die schweren Koffer von Stufe zu Stufe donnernd, die uralte, aber mit jedem Komfort der Neuzeit ausgestattete Burg.
Jetzt gesellten sich auch die anderen Mädchen dazu, die zu dreien, vieren oder fünfen in je einem Taxi von dem einige Kilometer weit entfernten Bahnhof Niederwartau eingetrudelt waren. Es gab ein großes Begrüßungshallo, aber das Wichtigste war nicht das Wiedersehen, sondern der Wettlauf um die besten Räume. Jede Klasse kam zu Beginn eines neuen Schuljahres in einen anderen Schultrakt, in dem die Zimmer und Betten nach der Devise verteilt wurden: „Wer zuerst kommt, mahlt zuerst.“
Helga und Yvonne, die beiden durch und durch verschiedenen Freundinnen aus der zwölften Klasse, hatten Glück. Es gelang ihnen, ein großes Eckzimmer zu erobern, von dessen Fenstern man einen herrlichen freien Blick über den Schloßpark, die Tennisplätze und das Schwimmbad auf die nahen Alpengipfel hatte.
„Hurra, das wäre geschafft!“ rief Yvonne und warf ihren Koffer mit viel Schwung aufs Bett.
„Ja, da haben wir wirklich Glück gehabt“, bestätigte Helga und riß ein Fenster auf, „die Aussicht ist bombig.“
Yvonne betrachtete ihr hübsches, ebenmäßig braungebranntes Gesicht mit den hellblauen Augen und dem weichfallenden blonden Haar wohlgefällig in dem kleinen Taschenspiegel. „Nur werden wir wohl wegen der furchtbaren Lernerei nicht allzuviel davon haben!“ gab sie zu bedenken.
„Ach, mach dir nur deshalb keine Sorgen!“ Helga ließ das Fenster offen und machte sich daran, ihren Koffer auszupacken. „Ich werde dir schon helfen!“
„Wollen wir’s hoffen.“ Yvonne seufzte abgrundtief. „Möchte bloß wissen, wozu das alles gut sein soll.“
„Damit wir das Abitur machen.“ Helga gab ihr einen freundschaftlichen Puff. „Nun hab’ dich bloß nicht so. In zwei Jahren haben wir’s geschafft!“
„Ja, aber dann sind wir neunzehn und könnten schon längst verheiratet sein.“
Helga stapelte Unterwäsche in die Fächer ihres Schrankes. „Hältst du das denn für so erstrebenswert?“
„Kommt drauf an, wen man sich angelt. Wenn es einem gelingt, sich einen reichen und schicken Knaben an Land zu ziehen, dann hat man das große Los gezogen. Nur darf man natürlich nicht so blöd sein wie meine Frau Mama und unentwegt im Geschäft mitarbeiten, anstatt die Wohltaten des Reichtums zu genießen.“
„Wahrscheinlich tut sie’s gerne“, erklärte Helga.
„Das ist ja eben das Blöde!“ Yvonne zog einen knallgelben Pulli und eine ebenfalls knallgelbe Baskenmütze aus dem Koffer. „Du, hier hab ich übrigens was für dich! Als ich die Sachen im Schaufenster sah, bin ich drauf geflogen. Ich wäre gestorben, wenn ich sie mir nicht hätte leisten können. Nachträglich mußte ich aber leider feststellen, daß sie mir zu meinem blonden Haar überhaupt nicht stehen.“ Sie warf der Freundin Pulli und Mütze zu.
Helga fing beides geschickt auf, und ihre großen braunen Augen strahlten vor Freude. „Du, die sind aber wirklich schnafte!“ rief sie begeistert. „Schmatz, schmatz! Fühl dich moralisch geküßt!“ Sie stülpte die Mütze auf ihr braunes Haar, hielt sich den Pullover vor und rannte in den Waschraum, um sich im Spiegel zu betrachten. Sie stellte fest, daß ihr das knallige Gelb tatsächlich wunderbar stand.
„Wenn ich dich nicht hätte, Yvonne!“ erklärte sie, als sie in das Eckzimmer zurückkehrte, „ich wüßte nicht, womit ich meine spießige Garderobe auf möbeln könnte.“
„Warum läßt du dir nicht mal zur Abwechslung von deinen Eltern ein Superding schenken?“ schlug Yvonne vor.
„Ach, denen …”, sagte Helga und verstaute Pulli und Mütze sehr sorgfältig, „mag ich mit so etwas gar nicht kommen. Du weißt, außer mir sind noch fünf Geschwister zu Hause. Da muß meine Regierung froh sein, wenn sie uns mit dem Notwendigsten versorgen kann. Ich habe es ja schon gut getroffen, weil ich die Älteste bin und von den anderen wenigstens keine abgetragenen Klamotten zu erben brauche.“
„Sechs Kinder!“ Yvonne rümpfte mißbilligend das Näschen. „Das ist aber auch reichlich ausschweifend. Von einer Empfängnisverhütung haben deine Leute wohl nie etwas gehört?“
Helga lachte, ohne eine Spur gekränkt zu sein. „So altmodisch sind sie nun doch nicht! Bloß … sie wollen gerne viele Kinder haben, und ich würde mich nicht wundern, wenn noch ein siebtes käme.“
„Ach du heiliger Bimbam!“ rief Yvonne in komisch übertriebenem Entsetzen. „Und da läßt sich gar nichts gegen tun?“
„Wie denn?“ gab Helga gelassen zurück. „Und außerdem: Ich finde es ja selber nett, einen ganzen Stall voll Geschwister zu haben.“
„Dann ist dir nicht zu helfen!“ erklärte Yvonne im Brustton der Überzeugung.
„Stimmt“, bestätigte Helga lächelnd.
Zehn Minuten später – Helga und Yvonne waren gerade beim Überziehen der Betten angelangt – stürmte Barbara Miller zu ihnen herein. Sie wurde Babsy genannt und war ein langbeiniges, ebenholzschwarzes Negermädchen.
Babsy nahm sich nicht die Zeit, die beiden zu begrüßen. Sie rief aufgeregt mit ihrer warmen, musikalischen Stimme: „Kinder, eine Sensation! Kommt rasch! Ein neuer Lehrer!“ Und schon war sie wieder draußen.
Helga und Yvonne stürzten ihr nach in das große gemeinsame Wohnzimmer, dessen Fenster zum Hof hinausführten. Ellen, ein muskulöses Mädchen mit honigblondem Haar und braunen Augen – ihr Vater lebte als Botschafter in Afrika – lehnte weit über die Brüstung und starrte hinunter. Babsy hatte sich neben sie gequetscht, und die rothaarige Uschi öffnete gerade das zweite Fenster und spähte hinab. „Wo? Wo? Wo?“ rief sie aufgeregt.
Yvonne drängte sie unbekümmert zur Seite. „Nimm dir ein Vergrößerungsglas, dann wirst du ihn schon entdecken!“
Die kurzsichtige Uschi, die aus Eitelkeit wieder mal keine Brille trug, reagierte empfindlich: „Ich kann sehr gut sehen! Wenn ihr bloß nicht so gemein sein und mir sagen würdet …“
Ellen fiel ihr ins Wort: „Peil das knallrote kleine Auto genau gegenüber an! Der junge Mann mit der Tweedjacke, der ist es!“
Uschi konnte nichts als einen verschwommenen roten Fleck erkennen. Sie raffte sich nun doch dazu auf, in ihr Zimmer zu laufen und sich ihre Brille zu holen.
Yvonne hatte sich auf die Brüstung geschwungen: „Eine tolle Type“, stellte sie fest. „Wie der seinen Regenmantel über dem Arm trägt, einfach lässig.“
Helga war nicht so leicht zu beeindrucken. „Sieht nicht schlecht aus“, gab sie zu, „aber woher wollt ihr überhaupt wissen, daß er ein Lehrer ist?“
„Das kannst du dir doch an deinen fünf Fingern abzählen!“ erklärte Babsy. „Er ist zu jung, um Vater einer Schülerin zu sein, und außerdem ist er auch ganz allein gekommen …“
„Vielleicht will er eine kleine Tochter für eines der nächsten Jahre anmelden!“
„Ausgerechnet heute?“ fragte Ellen. „Nein, das ist nicht sehr wahrscheinlich. Dr. Hansemann ist im vorigen Jahr ausgeschieden, und ich wette, Tweedy ist unser neuer Lehrer für Deutsch und Englisch.“
Ihr war selber nicht bewußt, daß sie in diesem Augenblick für den jungen Mann in der sportlichen Tweedjacke den Spitznamen gefunden hatte, der sofort in den Wortschatz ihrer Kameradinnen überging.
„Dein Wort in Gottes Ohr“, sagte Yvonne, „ein schnafter Lehrer, das wäre endlich mal ein Lichtblick in unserem trüben Dasein!“
Die anderen lachten.
Tweedy stand einen Augenblick unschlüssig unten im Hof und versuchte, sich in dem Gewimmel von Eltern, Schülerinnen und Erzieherinnen zu orientieren. Sein blondes, langes Haar, das sich glatt um seinen markanten Hinterkopf schmiegte, schimmerte in der Sonne wie ein goldener Helm.
„Süß!“ hauchte Uschi, die nun endlich ihre Brille aufhatte und den sensationellen Neuling des Schloßinternats erkennen konnte.
Helga wollte ihr gutmütig ihren Fensterplatz überlassen. „Komm, rutsch vor, dann kannst du besser sehen!“
Aber Uschi wehrte ab. „Nein, nein, ich halte mich lieber im Hintergrund!“
„Kamel“, sagte Helga, denn sie begriff, daß Uschi Angst hatte, der junge interessante Lehrer könnte einen Blick zu ihnen heraufwerfen und sie mit ihrer Brille entdecken.
Unten tat sich etwas Neues. Fräulein Gertrud Pförtner, Turn- und Handarbeitslehrerin des Internats, die Tochter des Direktors, trat auf den Neuling zu und begrüßte ihn mit Handschlag.
„Seht! Seht!“ rief Yvonne. „Trudchen kennt ihn!“
„Das ist doch klar, wenn ihr Vater ihn engagiert hat“, sagte Ellen nüchtern.
Trudchen war eine anziehende junge Frau, die geradezu blendend hübsch hätte aussehen können, wenn sie nicht auf jegliches Make-up verzichtet und ihre schlanke, sportliche Figur nicht unter allzu weiten und allzu langen Kleidern verborgen hätte.
Jetzt sprach sie lächelnd auf Tweedy ein. Was die beiden sagten, konnten die Mädchen oben nicht verstehen. Dann sah sie zu, wie er seinen Gepäckraum aufschloß.
„Sieht aus, als wenn es ihr in allen Fingern juckte, ihm einen Koffer abzunehmen!“ rief Yvonne. „Tu’s nicht, Trudchen! Vergiß nicht, daß du eine Dame bist!“
Drei weitere Schülerinnen der zwölften Klasse, Margot, Hannelore und Ilse, polterten vom Treppenhaus her mit ihrem Gepäck in das Wohnzimmer. „Wir haben einen neuen Lehrer!“ riefen sie gleichzeitig und durcheinander. „Doktor Herbert Jung heißt er!“ – „Unterrichtet Deutsch und Englisch!“ – „Trudchen begrüßt ihn gerade!“
„Was ihr nicht sagt!“ gab Babsy zurück. „Glaubt ihr, wir wären blind? Wir beobachten Tweedys ersten Auftritt schon seit fünf Minuten von unseren Logenplätzen aus.“ Babsys Eltern waren berühmte Opernsänger. Ihre Mutter war in Mailand, ihr Vater in München engagiert, und so lag ihr der Vergleich mit den Gegebenheiten des Theaters sehr nahe.
„Jedenfalls ist er Klasse“, stellte Yvonne fest, „und ich bin wild entschlossen, ihn mir anzubändigen.“
„Ausgerechnet du? Also da möchte ich doch ohne falsche Bescheidenheit zu bedenken geben, daß ich größere Chancen habe”, erklärte Hannelore. Sie war schon neunzehn Jahre alt, eine sehr elegante Erscheinung mit kastanienrot getöntem Haar und einigen Erfahrungen.
„Ich warne euch! Macht euch auf meine Konkurrenz gefaßt!“ sagte Margot. „Euretwegen trete ich nicht zurück!“
„Das ist doch die Höhe!“ rief Yvonne. „Ich denke, du bist glücklich verlobt!“
„Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich nicht doch was Besseres findet!“ sagte Margot achselzuckend.
„Wenn eine von uns eine echte Chance hat, dann bin ich es“, behauptete die strohblonde, sommersprossige Ilse.
Yvonne und Margot lachten Hohn.
„Bevor du dir so was einredest, solltest du doch mal in den Spiegel sehen“, rief Margot.
„Doktor Jung ist Lehrer, das bedeutet, er ist ein intelligenter Mensch. Er sieht also bestimmt nicht zuerst auf die äußeren, sondern auf die inneren Vorzüge. Und ihr müßt zugeben, in dieser Hinsicht bin ich euch allen weit voraus!“ widersprach Ilse, ohne sich einschüchtern zu lassen. „An meine Schulleistungen kann keine von euch nur tippen.“
„Na wenn schon“, sagte Ellen, „aber man weiß doch nicht …“
Helga drehte sich zu den anderen um, die alle versuchten, aus einer möglichst günstigen Position heraus einen Blick auf den Lehrer zu werfen. „Kinder, mir scheint, ihr seid komplett verrückt! Bildet ihr euch denn wahrhaftig ein, daß Tweedy mit einer von euch einen Flirt anfangen würde? So bekloppt ist er bestimmt nicht, das würde ihn ja seine Stellung kosten! Ganz abgesehen davon finde ich, daß ihr doch ein bißchen zu alt sein solltet für so eine blödsinnige Schwärmerei!“
„Das ist keine Schwärmerei, das ist Liebe auf den ersten Blick!“ schrie Yvonne.
Kicki, die Jüngste der Klasse, ein pummeliges Chinesenmädchen, kam gemächlich herein und blieb verdutzt stehen, als sie die anderen alle an den Fenstern hängen sah. „Was ist denn los? Was gibt es da zu sehen?“
„Komm rasch!“ rief Ellen. „Letzte Gelegenheit! In der nächsten Sekunde ist er aus unserem Blickfeld!“ Sie winkte Kicki heran.
Aber ehe die kleine Chinesin dieser Aufforderung noch folgen konnte, brauste Fräulein von Zirpitz, die Erzieherin der zwölften Klasse, in das Wohnzimmer. „Meine Damen, meine Damen!“ rief sie und klatschte laut in die Hände. „Was muß ich da sehen? Unerhört! Eine Schande für die ganze Schule. Ich sehe mich gezwungen, dieses unqualifizierte Betragen dem Herrn Direktor zu melden!“
Die Mädchen verließen eilig ihre Fensterplätze und bestürmten Fräulein von Zirpitz, genannt die Zirpe, mit Entschuldigungen und Bitten um Gnade, ohne jedoch das geringste damit zu erreichen.
„Nein, nein, nein!“ wehrte sie ab. „Halten Sie mich, bitte, nicht länger auf. Machen Sie sich lieber sofort daran, Ihre Sachen auszupacken und die Betten zu überziehen. In einer halben Stunde werde ich die Zimmer inspizieren.“ Sie rauschte davon.
„So eine alte Zimtzicke“, sagte Kicki, das Chinesenmädchen, ohne eine Spur von asiatischer Höflichkeit. „Ich war doch gar nicht am Fenster.“
„Tu dir bloß nichts darauf zugute!“ Helga klopfte ihr freundschaftlich auf die Schulter. „Daß du nicht dabei warst, verdankst du nur deiner Trägheit, nicht deinem Anstand. Also ist es nur gerecht, wenn du mit uns zusammen leidest.“
Kicki dachte einen Augenblick nach, dann sagte sie gutmütig: „Auch wieder wahr!“
Aber dann blieb keine Zeit mehr zum Schwatzen. Alle sahen zu, daß sie in ihre Zimmer kamen. Sie begannen in rasender Eile, sich einzurichten.
Der Alltag des Internatslebens hatte begonnen.
Unruhe um einen Aufsatz
Gleich am ersten Schultag hatte die zwölfte Klasse in der dritten Stunde Deutschunterricht. Als der neue Lehrer den Raum betrat, hielten die Mädchen vor Spannung und Erwartung den Atem an. Würde er wirklich von Angesicht zu Angesicht so attraktiv wirken, wie er ihnen auf den ersten Blick vom Schloßfenster hinunter erschienen war?
Sie hatten sich nicht getäuscht. Tweedy, wie sie ihn nannten, oder Dr. Herbert Jung, wie er sich selber vorstellte, war ein ungeheuer sympathischer junger Mann. Er war zwar durchaus keine Schönheit, dafür aber männlich und interessant. Seine Nase war ein wenig zu groß, seine Stirn breit und ausdrucksvoll, und die hellen grauen Augen, die einen auffallenden Kontrast zu seinem sommerlich braungebrannten Gesicht bildeten, waren von winzigen, weißen Lachfältchen umgeben.
Den Schülerinnen wurde es ganz anders zumute, als sie sich, eine nach der anderen, von diesen durchdringenden grauen Augen gemustert sahen. Selbst Helgas Herz tat ein paar rasche, flatternde Schläge, als er sie, wie die anderen, nach ihrem Namen fragte, und sie hatte ihre Stimme nicht ganz in der Gewalt. Doch das fiel nicht weiter auf, denn ihre Mitschülerinnen waren alle noch viel aufgeregter.
Alle hatten sich auf diese erste Begegnung vorbereitet. Alle trugen ihre kürzesten Röcke, die engsten Pullover, die spitzesten Büstenhalter. Und alle hatten soviel Makeup aufgelegt, wie es unter der strengen Kontrolle von Fräulein von Zirpitz gerade noch möglich war.
Seltsamerweise aber schien Dr. Herbert Jung gegenüber all diesen Reizen völlig unempfänglich zu sein. Er stürzte sich sofort in den Unterricht und ließ seine Blicke nie auch nur einen Zentimeter tiefer als bis zur Augenhöhe seiner Schülerinnen gleiten, so daß es gar keinen Zweck hatte, die Brust herauszustrecken oder den Minirock noch ein Stückchen höher rutschen zu lassen. Aber gerade diese Gleichgültigkeit machte ihn für die jungen Mädchen nur noch anziehender.
Tweedy war der einzige gut aussehende Mann in jüngeren Jahren im ganzen Schloßinternat, und die anfängliche Begeisterung der Mädchen steigerte sich in eine regelrechte Schwärmerei. Margot knipste ihn heimlich und trug sein Foto Tag und Nacht in einem goldenen Medaillon auf der Brust. Ellen und Kicki tätowierten sich seinen Spitznamen mit einem Tintenstift in den Unterarm. Uschi gelang es, ihm einen Faden aus der Tweedjacke zu zupfen, den sie wie eine Reliquie bewahrte. Die sommersprossige Ilse schließlich, die Streberin vom Dienst, versuchte, sich im Unterricht bei Dr. Jung auf eine Art und Weise hervorzutun, die für die anderen geradezu unerträglich wurde. Nur Helga und Babsy hielten sich zurück. Helga, weil sie das, was sie selber für den Lehrer empfand, durch die Schwärmerei ihrer Mitschülerinnen ins Lächerliche gezogen fühlte; Babsy, weil sie einsichtig genug war, sich zuzugeben, daß ihre Eltern eine Beziehung zwischen ihr und einem weißen Mann niemals dulden würden.
Hannelore hatte schon einige, wenn auch nicht sehr glücklich verlaufene Beziehungen zu Jungen gehabt. Sie bildete sich fest ein, eine Sexbombe zu sein. Für den neuen Lehrer dachte sie sich etwas Besonderes aus.
Die zwölfte Klasse nahm im Deutschunterricht das Drama „Faust“ von Goethe durch. Nach der Stunde trat Hannelore nach vorn an den Lehrertisch, wo Dr. Jung gerade seine Sachen in die Mappe schob, und fragte mit ganz tiefem Augenaufschlag und vertraulich flüsternder Stimme: „Herr Doktor, hier steht ein Wort, dessen Bedeutung ich nicht kenne!“ Sie lehnte sich gegen ihn, so daß er die Wärme ihres jungen Körpers spüren mußte, und tippte mit dem Zeigefinger auf die betreffende Stelle. „Was heißt das, bitte … Hure?”
Sie hoffte, den Lehrer in Verlegenheit zu bringen.
Aber er fragte nur ganz gelassen zurück, mit erhobener Stimme, daß die ganze Klasse ihn hören konnte: „Beherrschen Sie das Abc?“
„Aber ja, natürlich“, versicherte Hannelore eifrig.
„Dann würde ich Ihnen raten, in einem Lexikon nachzuschlagen!“
Er hatte die Lacher auf seiner Seite, und Hannelore war wütend. Sie schwor ihm ewige Rache, vergaß das aber schon am nächsten Tag.
Vier Wochen später wurde der erste Aufsatz geschrieben. Dr. Herbert Jung stellte ein Thema zur eigenen Wahl frei, als zweites die Beschreibung eines Kupferstiches und als drittes einen Vergleich zwischen Faust und Mephisto. Die Mädchen versuchten, soweit sie sich in Tweedys verwirrender Gegenwart konzentrieren konnten, ihr Bestes zu geben.
Nachher, in der großen Pause, sagte Helga zu ihrer Freundin: „Gott, bin ich froh! Mir ist eine Menge eingefallen. Was für ein Thema hast du denn gewählt?“
„Ich habe Tweedy einen Liebesbrief geschrieben“, erklärte Yvonne mit größter Selbstverständlichkeit.
„Bist du wahnsinnig geworden?“ Helga bekam bei der bloßen Vorstellung einen roten Kopf.
„Aber wieso denn?“ erwiderte Yvonne schnippisch. „Er ist ein bißchen schüchtern, der Gute! Jetzt weiß er wenigstens, wie es um mich steht!“
Yvonne war überzeugt, mit ihrem Liebesbrief in Aufsatzform ein Meisterwerk geliefert zu haben. Helgas ehrliches Entsetzen und die schaudernde Bewunderung, die ihre Klassenkameradinnen über den kühnen Streich an den Tag legten, bestärkten sie nur noch in ihrem Hochgefühl.
Aber in der Nacht, als sich Fräulein von Zirpitz auf ihrem letzten offiziellen Rundgang durch die Schlafzimmer der zwölften Klasse vergewissert hatte, daß alles dunkel war, sah die Sache für Yvonne auf einmal ganz anders aus. Jetzt wurde das, was sie getan hatte, zu ernem wahren Alpdruck. Sie bekam es mit der Angst zu tun. War sie nicht doch zu weit gegangen? Vergebens versuchte sie sich jedes Wort des fatalen Aufsatzes ins Gedächtnis zu rufen, aber sie war sich nicht mehr ganz sicher, ob sie nur in Gedanken oder auch in Worten tatsächlich so kühn gewesen war, wie sie es sich jetzt vorstellte.
Ruhelos warf sie sich in ihren Kissen hin und her und bemühte sich verzweifelt, Schäfchen zu zählen, um sich so zu beruhigen und endlich in den Schlaf hinüber zu finden. Doch sie konnte ihre Gedanken nicht von dem verliebten Aufsatz lösen.
Von ihrem Gestrampel wurde endlich sogar Helga wach. „Was ist denn los?“ murmelte sie schlaftrunken. „Hast du Bauchschmerzen?“
„Nein“, sagte Yvonne mit kläglicher Stimme.
„Dann gib endlich Ruhe. Morgen schreiben wir eine Mathe-Arbeit. Du brauchst deinen Schlaf so gut wie ich.“
„Als wenn ich das nicht wüßte!“
„Na dann … warum schläfst du nicht endlich?“
„Du hast gut reden!“
Eine Weile lag Helga ganz still und dachte nach. Sie war inzwischen wieder hellwach geworden, und es fiel ihr ein, worüber Yvonne sich Sorgen machen könnte.
„Ist es … wegen des Aufsatzes?“ fragte sie endlich.
Yvonne nickte.
Aber da Helga ihr Nicken in der Dunkelheit nicht sehen konnte, wiederholte sie ihre Frage.
„Du hast es erfaßt“, gab Yvonne zu, mit einem Anflug ihrer gewohnten Keßheit, „was mache ich bloß, wenn Tweedy meine Liebeserklärung in den falschen Hals kriegt?“
„Ach, er wird schon nicht“, tröstete Helga.
„Das sagst du so!“
„Nein, das sage ich nicht nur so, das meine ich ehrlich. Ich bin todsicher, daß er zumindest soviel Humor hat, deinen vearückten Einfall nicht krummzunehmen.“
„Aber als ich dir heute morgen davon erzählte, warst du selber ganz entsetzt!“
„Nicht entsetzt, sondern überrascht“, behauptete Helga. Ihr erschien Yvonnes Liebeserklärung an Dr. Herbert Jung zwar immer noch als etwas völlig Verrücktes. Aber nun, da es geschehen und nicht mehr rückgängig zu machen war, wollte sie ihr das Herz nicht noch schwerer machen.
Doch Yvonne war nicht so leicht zu beruhigen. „Und wenn er nun meine Eltern antanzen läßt?“ fragte sie mit ganz leiser Stimme.
„Ich bitte dich! Erstens tut er das nicht, denn es wäre eine Bankrott-Erklärung seiner pädagogischen Fähigkeiten, und zweitens … selbst wenn er es täte … mit deinen Eltern bist du doch immer noch fertig geworden.“
„Stimmt schon! Aber es wäre so blamabel!“
„Quatsch! Du kannst doch einfach so tun, als wenn du ihn nur hättest hochnehmen wollen!“
Statt einer Antwort seufzte Yvonne tief.
„Warte“, sagte Helga, „ich mache dir jetzt ein Glas ganz starkes Zuckerwasser, danach schläfst du unter Garantie ein.“
Sie schlüpfte aus dem Bett, angelte im Dunkeln mit den Füßen nach ihren Pantoffeln, öffnete das Eßfach ihres Schrankes, tastete nach der Zuckertüte und huschte damit über den Flur, auf dem ein blaues Notlicht brannte. Im Bad ließ sie das Wasser laufen, bis es ganz kalt war, füllte ein Glas, schüttete es halb voll Zucker und rührte die Flüssigkeit mit dem Stiel ihrer Zahnbürste um und um. Sie lief in das Schlafzimmer zurück und reichte Yvonne das Glas, bevor sie den Zucker wieder verstaute.
„Danke“, flüsterte Yvonne, „du bist so lieb zu mir. Wenn ich nur schlafen könnte.“
„Jetzt kannst du es. Ganz bestimmt. Halte dich einfach an die Devise: Glücklich ist, wer vergißt, was nun nicht zu ändern ist!“
Darmowy fragment się skończył.