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Marie Louise Fischer

Unruhige Mädchen

Roman

Saga Egmont

Unruhige Mädchen

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og RInghof A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1970 by Lichtenberg Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711719213

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Romy Forster stand vor dem Frisiersalon Kleemüller und wartete auf ihre Zwillingsschwester Mae. Sie wirkte sehr schmal und sehr schlank in dem durchgeknöpften blauen Leinenkleid mit dem kleinen weißen Kragen, ein nettes, aber durchaus unauffälliges junges Mädchen.

Ungeduldig blickte sie auf ihre Armbanduhr. Es war sieben Uhr vorbei, und sie mußten noch nach Hause, sich umziehen und schön machen. Heute abend durften sie den Vater, Prokurist bei ›Heinemann & Co.‹, zum Betriebsfest seiner Firma begleiten, ein Ereignis, auf das sie sich schon seit Wochen freuten.

Trotzdem sah es Mae natürlich ähnlich, daß sie das, schusselig wie sie war, vergessen hatte. Deshalb hatte Romy der Mutter versprechen müssen, Mae vom Frisiersalon, in dem sie tätig war, abzuholen.

Romy versuchte, durch die Schaufensterscheibe in das Innere des Geschäftes zu blicken. Wurde drinnen noch gearbeitet? Oder war es möglich, daß Mae sich schon früher losgeeist und sie sie verpaßt hatte?

Sie kämpfte mit sich, ob sie eintreten und sich vergewissern sollte, was los war. Sie wußte, das wäre das Vernünftigste gewesen. Aber sie konnte sich nicht dazu überwinden und verwünschte einmal mehr ihre Schüchternheit.

Sie zuckte zusammen, als sie angesprochen wurde – oder galt dieses fröhliche »Hallo« gar nicht ihr? Langsam drehte sie sich um.

Ein Porsche hatte am Straßenrand gebremst, der Fahrer winkte ihr vergnügt zu. Sie erkannte den jungen Norbert Heinemann, den Juniorchef ihres Vaters, spürte voll Entsetzen, daß sie über und über rot wurde.

»Guten Tag, Herr Heinemann«, sagte sie, ohne ihn anzublicken.

Er schwang sich aus dem Auto, kam auf sie zu.

»Fräulein Forster, fein, daß ich Sie treffe! Sie kommen doch heute abend?«

Romy wurde es warm ums Herz, »Ja«, sagte sie, »ganz bestimmt!«

Sie blickte scheu zu Norbert Heinemann auf. Sie mochte den jungen Mann, den sie nur flüchtig kannte, nicht besonders. Er war ihr zu selbstbewußt, zu sehr von sich eingenommen. Trotzdem schmeichelte ihr sein Interesse.

»Ich freu mich schon«, sagte er. »Hoffentlich spielen sie nicht lauter Walzer und Tangos für die alten Herrschaften … Sie twisten doch sicher unverschämt gut, Mae?«

Romy war es, als wenn ihr ganzes Blut mit einem einzigen Schlag zum Herzen zurückwich. Sie fühlte, wie sie blaß wurde, aber sie warf den Kopf in den Nacken und zwang sich, Norbert Heinemann gerade in die Augen zu sehen.

»Ich bin nicht Mae!« – Trotz aller Anstrengung klang ihre Stimme brüchig.

Der junge Mann hob die Augenbrauen. »Machen Sie keine Witze, Mädchen!«

Romy hörte, wie hinter ihrem Rücken die Ladentür klirrend ins Schloß geworfen wurde, und sie wußte sofort, daß nur ihre Zwillingsschwester sich so temperamentvoll anzukündigen pflegte.

»Da kommt Mae«, sagte sie, ohne sich umzusehen.

»Hei, Norbert« schrie Mae fast im gleichen Augenblick. Sie tanzte auf die beiden zu, das strahlende, lebensvolle Abbild ihrer Schwester.

Norbert Heinemann blickte sie entgeistert an. Maes Haar war um einen Ton goldener als Romys, sie trug es kunstvoll, nicht so schlicht wie die Schwester frisiert, ihre Lippen waren voller und leuchteten korallenrot, aber dennoch war die Ähnlichkeit der beiden Mädchen fast unglaublich.

»Donnerwetter!« sagte er verblüfft.

Mae verstand ihn falsch. »Gefall’ ich Ihnen?« rief sie. »Na, dann passen Sie nur gut auf, daß Ihnen heute abend nicht die Augen aus dem Kopf fallen … ich hab’ nämlich vor, mich ganz groß in Schale zu werfen!«

Norbert Heinemann lächelte und warf einen bedeutungsvollen Blick auf den tiefen spitzen Ausschnitt ihres Sommerpullovers, der den Ansatz ihres runden Busens preisgab. »Hübscher als jetzt können Sie sich gar nicht machen!«

Mae genierte sich durchaus nicht, im Gegenteil, sie schob die Brust noch einen Zentimeter mehr heraus. »Wetten, daß?«

»Mit Ihnen wette ich nicht! Sie sind mir zu gerissen!«

Mae lachte. »Ihr Glück!« Sie faßte die Schwester bei der Hand. »Komm, Romy, steh nicht rum! Wir müssen nach Hause!«

»Wenn ich die Damen vielleicht heimbringen darf?« erbot sich Norbert Heinemann.

»Nein, danke«, sagte Romy rasch. »Wir gehen lieber zu Fuß!« Sie versuchte die Schwester mit sich zu zerren.

»Auch recht«, sagte der junge Mann ungerührt. »Also dann … bis heute abend?«

Mae drehte sich, schon im Gehen, noch einmal um. »Tschüüs!«

»Du bist mir doch nicht böse«, fragte Romy, als sie sich ein paar Schritte entfernt hatten, »daß ich sein Angebot abgelehnt habe?«

»Woher denn!« sagte Mae. »Man muß die Männer zappeln lassen, besonders so eitle Affen wie Norbert Heinemann!«

Romy warf ihrer Schwester einen raschen Seitenblick zu. »Ich dachte, er gefällt dir?«

»Eben. Norbert ist ein Typ, der jedem Mädchen gefällt. Darum darf man es ihm nicht zeigen.«

»Ach so!«

Mae blieb stehen. »Was hast du eigentlich mit ihm gehabt?« fragte sie mißtrauisch, »bevor ich aus dem Laden kam?«

»Gar nichts. Er hat mich mit dir verwechselt.«

Mae lachte. »So ein Trottel! Der sollte sich mal eine Brille verschreiben lassen!«

Romy wußte, daß die Schwester es nicht böse meinte, dennoch empfand sie einen kleinen stechenden Schmerz in der Herzgegend.

»Hast du heute ’was Interessantes erlebt?« fragte sie, um das Thema zu wechseln.

Mae begann sofort zu erzählen, von schwierigen Kundinnen, von modernen Haartönungen, großzügigen und kleinlichen Trinkgeldern. Romy warf hin und wieder ein Wort dazwischen, aber sie war nicht bei der Sache.

Seit jeher war es ihr peinlich gewesen, sich an der Seite der Schwester sehen zu lassen, und auch jetzt berührten die erstaunten, die neugierigen, die belustigten Blicke der Passanten sie unangenehm. Mae schien gar nichts davon zu merken. Sie schritt eilig aus, schwätzte dabei ununterbrochen. Sie war es gewohnt, Aufsehen zu erregen, und sie genoß es geradezu.

Aber Romy empfand es immer noch als ein Spießrutenlaufen. Das war schon so gewesen, als die Mutter die beiden Blondköpfe im breiten Kinderwagen spazierenfuhr und als sie, Hand in Hand und immer gleich gekleidet, die ersten Schritte taten. Damals wurden sie noch Rose und Marie gerufen, wie ihre Eltern sie sinnigerweise getauft hatten. Mae war es gewesen, die diese Namen als altmodisch abgetan und die Umbenennung eigenwillig und energisch durchgeführt hatte. Romy, die ihren richtigen Namen ganz hübsch fand, hatte sich, gutmütig wie immer, der Schwester gefügt.

Aber in einem Punkt waren sie sich völlig einig: seit sie flügge geworden waren, lehnten sie es entschieden ab, die gleiche Kleidung zu tragen, und jetzt, mit siebzehn, hatte jede ihren eigenen Geschmack entwickelt. Ganz bewußt verzichteten die beiden Schwestern auf alles, was ihre Ähnlichkeit hätte unterstreichen können.

Dennoch wurden sie immer wieder miteinander verwechselt, und Romy konnte es beim besten Willen nicht einfach komisch finden, wie Mae es tat. Sie hatten beide die gleichen geraden, kleinen Nasen, glatte, leicht gewölbte Stirnen – Maes war eine Idee breiter, Romys wirkte höher – und ihre Augen zeigten das gleiche tiefe Blau. Aber Maes Augen wirkten größer und strahlender, ihr Blick war keck und selbstbewußt. Sie verstand es prächtig, die Schönheit ihrer Augen zur Geltung zu bringen, durch Wimpernflattern und Liderklappern, große Blicke und ein geschicktes Make-up.

Romy hatte oft das Gefühl, daß sie beide verschiedene Ausfertigungen des gleichen Modells waren – sie, Romy, der erste zaghafte, nicht ganz gelungene Versuch, Mae das prächtige Endprodukt. Romy war eine halbe Stunde vor Mae geboren, dennoch hielten die meisten Menschen Mae und nicht sie für die Ältere.

Während sie Mae mit halbem Ohr lauschte, versuchte Romy vergebens, nicht auf die langgezogenen Pfiffe der Bewunderung zu achten, die nicht ihr galten, nicht auf die Blicke, die immer zuerst die Schwester trafen und dann erst zu ihr hinüberglitten.

Als sie in die Prinz-Eugen-Straße einbogen, in der sie bei ihren Eltern wohnten, hielt Romy sich unwillkürlich einen Schritt zurück. Hier, wo sie alle kannten, empfand sie den ständigen Vergleich, den ihr gemeinsames Auftreten herausforderte, als noch quälender.

Sie betrachtete die Schwester, die vor ihr herging, die runden Hüften, die der gerade geschnittene Rock eng umspannte und die bei jedem Schritt hin- und herschwangen, ob sie sich wohl selber auch so herausfordernd bewegte, ohne es selber zu merken? Nein, nie im Leben! Maes Rock war so kurz, daß er die schmalen Kniekehlen und den Ansatz der Oberschenkel sehen ließ. Unwillkürlich errötete Romy für die Schwester, senkte den Blick.

So war sie völlig überrascht, als sie fast in ein Hindernis hineinlief, Erst als sie den Kopf hob, erkannte sie, was los war. Drei Jungen aus der Nachbarschaft, Freddy, Tom und Conny, hielten sich an den Händen und bildeten eine Kette, um Mae und ihr den Durchgang zu versperren.

»He, was soll das?« rief Mae ärgerlich.

»Hör mal«, sagte Freddy, der älteste der drei, »puste dich nicht gleich auf! Wir wollten nur noch einmal mit euch reden …«

»Wegen heute abend«, fügte der schmächtige, semmelblonde Conny hinzu.

»Gebt’s auf. Es hat keinen Zweck,« sagte Mae.

»Aber du weißt doch …« versuchte Tom es.

» … unsere Party war schon seit Wochen geplant!« ergänzte Conny, der davon überzeugt zu sein schien, daß die anderen ohne seine Hilfe keinen vernünftigen Satz zustande brächten.

»Ihr mit eurer blöden Party«, sagte Mae verächtlich. Sie schlug mit einer unvermutet heftigen Bewegung die Hände von Tom und Conny auseinander, schaffte sich freie Bahn.

Romy blieb, obwohl niemand sie mehr aufhielt, bei den Jungen stehen. Sie kannte die drei seit vielen Jahren, Mae und sie hatten als Kinder mit ihnen zusammen gespielt, und es schien ihr nicht richtig, die Freunde so kaltherzig abzuschütteln.

»Es geht wirklich nicht, wißt ihr«, sagte sie. »Unser Vater besteht darauf, daß wir ihn begleiten … es tut uns ja selber leid.«

»Könnt ihr nicht früher abhauen?« fragte Tom. Er war ein schlanker Junge von achtzehn Jahren, Romy mochte ihn von allen am liebsten. Er sah sehr gut aus mit seinem schwarzen Haar und den großen grauen Augen, die von dunklen, sehr dichten Wimpern umgeben waren.

»Vielleicht«, sagte sie.

»Denk dir irgendwas aus, wie du Mae loseisen kannst«, drängte Conny, »wir brauchen sie doch! Ohne sie ist die ganze Party Scheibenkleister!«

»Natürlich«, dachte Romy, »es geht ihnen um Mae, nicht um mich!« Aber sie verzog keine Miene. »Könnt ihr die Party nicht verschieben?« fragte sie.

»Ausgeschlossen«, sagte Freddy, »alle sind benachrichtigt. Außerdem … meine alten Herrschaften sind ja nur heute abend weg.«

»Ja, dann«, sagte Romy, »es tut mir leid!«

»Uns erst mal, verdammt noch mal!« rief Conny.

»Kommst du endlich?!« mahnte Mae ungeduldig von der Haustür her.

Romy nickte den dreien freundlich zu. »Ihr seht, ich muß schieben … viel Spaß für heute abend!« Sie lief Mae nach.

»Bist du wahnsinnig geworden, mit diesen Idioten noch zu verhandeln?« sagte Mae böse. »Es ist die allerhöchste Eisenbahn für uns …« Sie hatte die Haustür schon aufgeschlossen, den Fuß dazwischengestellt, jetzt schob sie sie auf.

»Es sind doch unsere Freunde, Mae«, sagte Romy versöhnlich.

Sie folgte der Schwester in das dunkle Treppenhaus.

»Schöne Freunde, pah!« rief Mae verächtlich. »Dämliche kleine Jungens sind das!«

»Mit Norbert Heinemann«, sagte Romy, »können sie sich natürlich nicht vergleichen.«

Mae lachte unbekümmert. »Du sagst es!«

Sie sprang Romy voran die ausgetretenen Stufen hinauf, und Romy überfiel eine jähe Angst, ein drückendes Verantwortungsgefühl. Es war ihr, als wenn sie die Schwester vor einer drohenden Gefahr schützen müßte.

»Mae«, sagte sie atemlos, als sie sie vor der Wohnungstür erreichte, »Mae!«

»Ja …?«

»Mae, bitte, gib auf dich acht … mach keine Dummheiten!«

Mae umarmte die Schwester zärtlich. »Keine Bange, Schätzchen, mir passiert schon nichts! Ich bin ja nicht von gestern!«

Eine halbe Stunde später drängten sich Romy, Mae und Frau Forster in dem schmalen Gang, der zwischen den Ehebetten und dem großen Schrank im Elternschlafzimmer zum Spiegel führte. Die beiden Schwestern hatten zwar ein sehr hübsches eigenes Zimmer, aber nur in diesem einen Raum gab es einen großen Spiegel, in dem man sich von Kopf bis Fuß sehen konnte.

Herr Forster war ins Bad geflüchtet, wo er sich, zum zweitenmal an diesem Tag, rasierte.

Romy kniete neben der Schwester am Boden und war damit beschäftigt, den Saum von Maes eng anliegendem, leuchtend rotem Twistkleid aufzunähen. »Bitte, paß auf, Mutti«, sagte sie undeutlich, denn sie hatte sich eine Stecknadel zwischen die Lippen geschoben, »du hättest mich beinahe getreten!«

»Wann wirst du endlich fertig?« fragte die Mutter. »Ich möchte schließlich auch mal einen Blick in den Spiegel werfen!«

Ja, beeil dich, Romy«, drängte Mae und trat von einem Fuß auf den anderen, »lange halt ich es nicht mehr aus!«

»Bleib stehen«, mahnte die Schwester, »sonst dauert es doppelt so lange … wenn du dein Kleid früher in Ordnung gebracht hättest, wäre dir das alles erspart geblieben!«

»Das stimmt wirklich«, sagte Frau Forster mit sanftem Vorwurf, »deine Schlamperei kann einem wirklich auf die Nerven gehen, Mae! Übrigens … ich finde, das Kleid macht dich zu blaß … rot ist doch keine Farbe für ein junges Mädchen!«

»Gerade, Mutti, davon verstehst du nichts! Rot ist der letzte Schrei … was sagst du, Romy?«

Romy biß den Faden ab. »Ich finde, du siehst fabelhaft aus!«

Mae musterte sich kritisch. »Mir fehlt was … oben herum!«

»Steck dir eine Blume an!«

»Nein, das ist nicht das Richtige! Ob du mir wohl deine Perlenkette leihen würdest, Romy? Bitte, sei lieb, tu mir den Gefallen!«

Romy hatte zwar vorgehabt, diese Perlenkette, ihren einzigen wirklichen Schmuck, das Geschenk ihrer Patentante, heute abend selbst anzulegen, aber sie gab nach. Sie wußte aus Erfahrung, daß Mae zum Schluß doch mit Schmollen, Bitten und Drohen ihr Ziel erreichen würde, deshalb schien es ihr besser, gleich ja zu sagen.

»Du bist wirklich süß«, sagte Mae begeistert. »Hol mir die Kette, ja? Daß ich sie gleich anprobieren kann!«

Romy stand auf und drängte sich an der Mutter und der Schwester vorbei aus dem Zimmer. Sie war noch nicht dazu gekommen, sich selber fertig anzuziehen, trug einen Büstenhalter und einen Pettycoat. Sie benutzte die Gelegenheit, um in ihrem Zimmer rasch das hellblaue Seidenkleid mit der tief gezogenen Taille und dem weiten, artgekräuselten Rock überzuziehen, das seit einer Stunde ausgebreitet auf ihrem Bett auf sie wartete. Dann nahm sie die Perlenkette aus dem Etui und eilte ins Elternschlafzimmer zurück.

Auf der Schwelle blieb sie einen Augenblick stehen. Sie war gespannt, was Mutter und Schwester zu ihrem Kleid sagen würden – sie hatte es noch nie getragen und war nicht sicher, ob es ihr so gut stand, wie es ihr beim Einkauf vorgekommen war.

Aber Mae und Frau Forster schenkten ihr keinen Blick. Sie waren beide völlig mit sich selber beschäftigt. Frau Forster hatte hektische rote Flecke auf den runden Wangen, versuchte, über Maes Schulter blickend, sich ein Löckchen tiefer in die Stirn zu ziehen.

Romy kam näher. »Hier ist die Kette!«

»Leg sie mir um, bitte«, sagte Mae, »geh zur Seite, Mutti, damit Romy durch kann!«

Erst als Romy hinter die Schwester trat, um ihr die Kette um den Hals zu legen, merkte Mae, daß sich die Schwester schon angezogen hatte.

»Bist du verrückt?!« rief sie. »Du bist ja noch gar nicht frisiert …«

»Das kommt noch«, erklärte Romy ruhig und drückte den Sicherheitsbügel fest.

»Soviel solltest du schon wissen, daß man sich das Kleid zuletzt anzieht!«

Ich lege mir einen Frisierumhang um …« erwiderte Romy, »bitte, Mutti, machst du mir den Reißverschluß zu? Und das Häkchen? Ich bin nicht ganz hinten hochgekommen!«

Während Frau Forster den Reißverschluß von Romys Kleid zuzog, betrachtete Mae sich kritisch im Spiegel, schob die Kette hin und her. Die Perlen schimmerten auf ihrer braunen, glatten Haut.

»Nein«, sagte sie, »das ist doch nicht das Richtige! Zu mickrig für mich!«

Romy war alles andere als beleidigt. »Kann ich sie selber haben?« fragte sie erfreut.

»Von mir aus! Bitte, mach sie mir wieder los … rasch!«

Romy beeilte sich, der Schwester zu helfen, aber sie war nicht schnell genug für Maes Ungeduld. Mae zerrte an der Kette … sie zerriß, fiel zu Boden.

Unwillkürlich stieß Romy einen kleinen Schrei aus.

»Oh, tut mir leid«, sagte Mae reuevoll, »das wollte ich nicht!«

Romy beugte sich nieder, hob die Kette und die einzelne Perle, die sich gelöst hatte, auf. »Macht ja nichts«, sagte sie gefaßt, »man kann sie wieder reparieren, die Perlen sind einzeln verknotet … aber du zahlst mir das, Mae!«

»Na klar«, sagte Mae friedfertig, »am nächsten Ersten! Die Frage ist jetzt nur …« Sie stockte mitten im Satz, rief: »Mutti!«

Beide Schwestern starrten auf Frau Forster, die sich auf die Bettkante hatte sinken lassen, die Hand gegen das Herz gepreßt. Ihr Gesicht, das sich gefährlich gerötet hatte, wurde von einer Sekunde zur anderen leichenblaß, die Augen sanken in die Höhlen.

Romy kniete sich, ohne Rücksicht auf ihr schönes neues Kleid, neben die Mutter, umschlang sie mit beiden Armen. »Mutti … was ist dir?«

»Meine Tropfen, rasch«, stöhnte Frau Forster.

Mae stürzte zum Toilettentisch, auf dem Frau Forsters Medizin stand, gleichzeitig rannte Romy ins Bad, um dem Vater Bescheid zu sagen und ein Glas Wasser zu holen. In Sekundenschnelle waren beide wieder bei der Mutter. Mae tröpfelte ihr die Medizin in einen Löffel, Romy reichte ihr das Glas Wasser zum Nachtrinken.

»Geht es dir besser?« fragten die Schwestern gleichzeitig, als Frau Forster ihre Medizin geschluckt hatte.

»Ich glaube«, murmelte Frau Forster mit geschlossenen Augen, »ich muß mich hinlegen. Die Aufregung … es war zuviel für mein Herz!«

Mae riß die großen blauen Augen auf. »Was für eine Aufregung?« fragte sie verdutzt.

»Halt die Klappe«, sagte Romy schärfer, als es sonst ihre Art war, »hilf lieber Mutti langlegen!«

Sie betteten die Mutter, stopften ihr das Kopfkissen unter die Füße.

Herr Forster polterte ins Zimmer. Er hatte sich beim Rasieren geschnitten und preßte sich einen mit Alaun getränkten Wattebausch gegen das Kinn. »Also, was ist?« fragte er, »seid ihr endlich soweit?«

»Aber du weißt doch«, sagte Romy, »Mutti ist es nicht gut!«

»Verdammte Weiberwirtschaft! Habt ihr also wieder einmal eure Mutter so lange aufgeregt, bis sie …«

»Stimmt ja gar nicht, Väterchen«, unterbrach ihn Mae, »das schafft sie ganz allein!«

Herr Forster schob die beiden Mädchen beiseite, beugte sich über seine Frau. »Sehr schlimm, Anna?« fragte er, und seine Stimme klang besorgt.

»Ziemlich.«

»Du kannst also nicht mit?«

Mae und Romy starrten gebannt auf die Mutter. Sie wußten, wieviel für sie alle von der Antwort abhing, die Frau Forster nun geben würde.

Die Mutter öffnete die Augen. »Es tut mir so leid«, flüsterte sie, »ich wollte euch wirklich nicht den Spaß verderben …«

»Unnsinn, Anna, Spaß oder nicht Spaß, das ist doch nicht wichtig! Es geht hier nur um dich und deine Gesundheit.«

Frau Forster tastete nach seiner Hand. »Lieb von dir, Bernhard!«

»Können wir dich denn allein lassen?« Herr Forster richtete sich auf, sah seine beiden Töchter an.

Mae drehte sich flink zur Seite, wich dem Blick ihres Vaters aus.

»Also?« fragte Herr Forster, die Augen auf Romy gerichtet.

Romy sah in das verfallene Gesicht ihrer Mutter.

Es kostete sie ungeheure Überwindung, aber sie begriff, sie hatte keine Wahl – unmöglich konnte sie sich in dieser Situation gegen den Wunsch des Vaters auflehnen oder mit der Schwester streiten. »Ich bleibe«, sagte sie tonlos.

Mae wirbelte auf sie zu, drückte ihre frisch bemalten Lippen auf ihre Wangen. »Wenn wir dich nicht hätten, Romy, du bist wirklich ein Schatz!«

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Mae schien völlig vergessen zu haben, daß sie eben noch eifrig nach einem passenden Halsschmuck gesucht hatte. Sie drängte nur noch fort, als wenn sie befürchtete, doch noch im letzten Augenblick zurückgehalten zu werden. Es gab noch ein letztes hektisches Suchen nach Schlüsseln, Handschuhen, Portemonnaie und Halstuch. Herr Forster tätschelte Romy leicht verlegen zum Abschied den Kopf. Es war, als wenn er noch etwas sagen wollte, aber er unterließ es dann doch, weil er nicht die richtigen Worte fand.

Mit einem Knall schlug die Tür hinter Vater und Tochter ins Schloß. Romy blieb allein mit der kranken Mutter in der Wohnung, die plötzlich sehr still und sehr leer geworden war.

Langsam zog sie sich das schöne neue Kleid aus, hängte es sorgfältig über einen Bügel in den Schrank. – »Ob ich wohl je Gelegenheit haben werde, es zu tragen?« schoß es ihr durch den Kopf.

Sie ging zu Frau Forster zurück, die immer noch mit geschlossenen Augen dalag. »Kann ich etwas für dich tun, Mutti?« fragte sie.

»Ja. Setz dich zu mir. Ich … ich habe solche Angst!«

Romy zog sich einen Stuhl zum Bett, nahm die Hand der Mutter. »Es wird gleich besser werden, Mutti, bestimmt! Du hast doch schon oft solche Anfälle gehabt …«

»Es ist jedesmal wieder … so schrecklich!«

Romy schwieg, denn sie wußte, daß ihre Worte weder Hilfe noch Trost sein konnten. Sanft und beruhigend streichelte sie die Hand der Mutter.

»Romy …« sagte Frau Forster nach einer Weile.

»Ja, Mutti?«

»Glaubst du, daß Mae heute abend Erfolg haben wird?«

»Ganz bestimmt«, sagte Romy mühsam – sie fühlte sich sehr elend, und ihr Herz lag schwer wie ein Stein in ihrer Brust.

Für Mae Forster begann das Betriebsfest mit einer gewissen Enttäuschung.

Die Firma Heinemann hatte für diesen Abend ein Gartenlokal draußen vor der Stadt gemietet. Auf den kleinen, weiß gedeckten Tischen in dem großen Park flackerten Windlichter, bunte Lampions schaukelten in den Bäumen, eine gute Band spielte zum Tanz, und festlich gekleidete Paare bewegten sich auf der runden Tanzfläche. Es war alles wunderschön – es hätte wunderschön sein können, wenn Norbert Heinemann sich um Mae gekümmert hätte, wie sie es erwartet hatte.

Aber gerade das tat er nicht. Er beachtete sie überhaupt nicht, weder als sie an der Seite ihres Vaters den sommerlichen Garten betrat, noch später, als sie an einem Tisch in der Nähe der Tanzfläche Platz gefunden hatten. Norbert Heinemann tanzte unentwegt, aber nicht ein einziges Mal mit Mae.

Doch sie war nicht das Mädchen, das sich durch so etwas deprimieren ließ. – ›Na warte, du Schuft‹, dachte sie, ›du kannst was erleben! Wenn du glaubst, daß du mich mit dieser Taktik weich machen kannst, hast du dich geirrt. Dir werde ich es schon zeigen!‹

Sie lächelte, flirtete, kokettierte nach allen Seiten, ohne nun ihrerseits Norbert Heinemann auch nur einen einzigen Blick zu schenken. Selbst als sie auf der Tanzfläche einmal mit ihm und seiner Partnerin – einer Sekretärin seines Vaters – beinahe zusammengestoßen wäre, sah sie durch ihn hindurch, als wenn er Luft wäre. Sie war sich ihres Erfolges ganz sicher, und sie hatte Erfolg.

Als die Band eine Pause einlegte, kam er an ihren Tisch. Herr Forster hatte sich mit zwei Kollegen zu einem gemütlichen Skat zurückgezogen. Fritz, Lehrling bei der Firma Heinemann und Herr Scheurer, ein gutaussehender junger Angestellter, dessen Frau ein Baby erwartete und die deshalb nicht mitgekommen war, leisteten ihr Gesellschaft.

Norbert Heinemann beugte sich lächelnd zu ihr herunter. »Guten Abend, Fräulein Forster!«

Mae tat erstaunt. »Oh, Herr Heinemann, Sie sind auch hier?«

Norbert Heinemann war irritiert. »Aber das wußten Sie doch!«

»Daß Sie kommen wollten ja, … aber ich habe Sie den ganzen Abend noch nicht gesehen!«

Das war eine faustdicke Lüge, aber Norbert Heinemann mußte sie schlucken. Er geriet aus dem Konzept.

»Ihre Schwester ist nicht hier?« fragte er.

»Wie Sie sehen«, entgegnete Mae schnippisch.

»Darf ich sicherheitshalber fragen, wen ich vor mir habe … Mae oder Romy?«

»Dreimal dürfen Sie raten!«

Fritz und Herr Scheurer lachten, verstummten aber sofort wieder unter dem Blick des Juniorchefs.

»Sie sind ganz schön frech«, sagte Norbert Heinemann gereizt.

»Dann wissen Sie ja auch, wer ich bin … jedenfalls nicht Romy, das Lämmchen!«

Wenn Mae in ihrem leuchtendroten Kleid nicht so zauberhaft und aufreizend gewirkt hätte, hätte sich Norbert Heinemann bestimmt zurückgezogen, wie er es am liebsten getan hätte. So brachte er es einfach nicht über sich.

Die Band hatte ihre Pause beendet, intonierte einen Letkiss.

Norbert Heinemann machte eine Kopfbewegung zur Tanzfläche. »Wollen wir?«

»Leider«, behauptete Mae, »diesen Tanz habe ich schon Fritz versprochen!«

Fritz, ein schlaksiger, unsicherer Junge, wurde über und über rot. »Aber, Mae!« sagte er.

Sie sprang auf, reichte ihm die Hand. »Kommen Sie, Fritz?«

»Ich … ich möchte mich nicht aufdrängen«, stotterte der Junge.

»Na also!« Norbert Heinemann packte Mae beim Handgelenk und zog sie mit sich.

Sie folgte ihm mit wiegenden Hüften. »Hanni, Fanni, ralala … letkiss, kiss, kiss, kiss!« trällerte sie unbekümmert vor sich hin.

Auf der Tanzfläche blieb er stehen, legte ihr die Hände auf die Schultern. »Hören Sie, Mae …«

Sie schaute aus großen Augen auf, fragte im sanftmütigen Ton einer braven Schülerin. »Ja, Herr Heinemann?«

»Mit mir können Sie solche Witze nicht machen!«

Ihre Füße bewegten sich im Rhythmus der Musik. »Sie haben keinen Humor?« erkundigte sie sich interessiert.

»Doch! Aber ich hasse Tricks!«

»Ich nicht«, erwiderte sie vergnügt, »aber ich falle nicht darauf rein … Sie können sie sich also in Zukunft bei mir sparen!«

Sie hopsten gerade aufeinander zu, und er packte ihren Kopf, drückte ihr einen festen Kuß auf die Lippen. »Kanaille!« sagte er.

»Gleichfalls«, erwiderte sie ungerührt.

Er lachte. »Mir scheint, wir passen ganz gut zueinander!«

Sie genoß die faszinierten Blicke Norbert Heinemanns, die Musik, die bunten Lichter, den ganzen wunderbaren Abend … es war herrlich, jung, begehrenswert und erfolgreich zu sein und zu wissen, daß das Leben voller Verheißungen vor einem lag.

Romy Forster hatte eine gute Stunde am Bett der Mutter gesessen. Dann, als sie merkte, daß der Anfall vorüber war, hatte sie sich auf Zehenspitzen aus dem Zimmer geschlichen.

Es war jetzt halb zehn Uhr. Sie hätte eigentlich ins Bett gehen können, aber sie wußte, daß sie keinen Schlaf finden würde. Sie hatte auch keine Lust, zu lesen, zu handarbeiten oder Schallplatten zu hören. Tatsächlich hatte sie zu überhaupt nichts Lust. Zwar hatte sie den Schock der Enttäuschung schon überwunden, aber sie kam sich furchtbar überflüssig vor.

Mit müden Schritten ging sie in die Küche und begann, um sich zu beschäftigen und abzulenken, das Geschirr vom Abend zu spülen. Sie erwartete kein Lob dafür, aber vielleicht würde sich die Mutter doch ein wenig freuen.

Sie hatte einen blauen Kittel angezogen und steckte bis zu den Ellenbogen im Spülwasser, als sie ein seltsames Geräusch, fast wie einen Sprung, vom Balkon her hörte. Sie fuhr herum.

Die Balkontür wurde von außen aufgestoßen, beinahe hätte sie laut aufgeschrien, aber dann erkannte sie Tom.

Er grinste sie ein wenig schuldbewußt an. »Hei, Romy!«

»Wie kommst du denn hierher?«

»Über den Balkon gestiegen, wie denn sonst!«

»Also hör mal«, sagte Romy, »das ist doch wirklich ein tolles Stück! Außerdem, ich dachte, du wärst auf der Party …«

»War ich auch. Ein ganz trüber Laden.«

Endlich glaubte sie zu begreifen. »Mae ist nicht hier«, sagte sie rasch.

»Weiß ich doch!« Er trat dicht auf sie zu, seine klaren grauen Augen mit den dichten schwarzen Wimpern waren dicht vor ihrem Gesicht. »Laß Mae aus dem Spiel, Romy … deinetwegen bin ich gekommen!«

Romy Forster wich unwillkürlich zurück, bis sie mit dem Rücken gegen die Kante des Spülsteins stieß. Wie immer, wenn sie mit einem Jungen allein war – selbst wenn sie ihn so gut kannte wie Tom – überfiel sie eine lähmende Unsicherheit, die sie vergebens zu bekämpfen suchte.

Toms Grinsen wurde noch breiter. »Du bist wirklich süß, Baby!«

»Besonders, wenn man dran knabbert!« Sie gab sich alle Mühe, sich ihre Verlegenheit nicht anmerken zu lassen. »Sag, was du willst, und dann hau ab!«

Er trat noch dichter auf sie zu, so daß sie zwischen ihm und dem Spülbecken geradezu eingekeilt war. »Hast du etwa Angst vor mir?«

»Quatsch. Du gehst mir nur auf die Nerven.«

»Dann leg die Waffen nieder!«

»Die … was!?« Sie blickte auf ihre Hände, entdeckte, daß sie den feuchten Spüllappen krampfhaft festhielt. »Ach so! Ich glaube, du hast Angst, daß ich ihn dir um die Ohren haue!«

»Es wäre mir immerhin nicht angenehm«, gab er zu.

»Also bleib mir vom Leibe!«

Er zog sich zurück, schwang sich rittlings auf einen Küchenstuhl, legte das Kinn auf die Hände und sah sie an. »Kein sehr liebenswürdiger Empfang, wenn man bedenkt, daß ich mein Leben für dich riskiert habe! Diese Kletterpartie über die Balkone war gar nicht so ungefährlich.«

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