Czytaj książkę: «Und so was nennt ihr Liebe»
Marie Louise Fischer
Und so was nennt ihr Liebe
Roman
SAGA Egmont
Und so was nennt ihr Liebe
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1974 by Heyne Verlag, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719190
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
»Angeklagter, stehen Sie auf, wenn ich mit Ihnen rede!« donnert der Staatsanwalt.
Jürgen Molitor erhebt sich langsam, mit deutlichem Widerstreben. Er spürt, daß die Blicke aller Anwesenden im großen Schwurgerichtssaal des Düsseldorfer Landgerichtes sich an ihm festsaugen, aber es macht ihm nichts mehr aus. Die Zeiten sind vorbei, da er rot wurde, sobald ihn jemand aufs Korn nahm.
Mein Junge, denkt Gisela Molitor, mein armer, großer, dummer Junge! – Und hastig steckt sie ihr tränenfeuchtes Spitzentaschentuch zwischen die Lippen, verbeißt sich darin, um das Schluchzen, das in ihr aufsteigt, zu unterdrükken. Nur durch einen Schleier sieht sie ihn, den schlaksigen, hochaufgeschossenen jungen Mann in dem braven dunkelblauen Anzug, zu dem ihm der Verteidiger geraten hat, in dem weißen, am Hals offenen Hemd. Warum schaut er mich denn nicht an? fragt sie sich verzweifelt. Bin ich denn nicht mehr seine Mutter, daß er mich nicht anschaut?!
Aber Jürgen Molitor sieht niemanden an, weder seine Mutter noch seinen Vater, seine Schwester, seinen Klassenlehrer oder Senta Heinze, das Mädchen, das er liebt. Dennoch ist er sich mit jeder Faser bewußt, daß sie alle auf der Zeugenbank sitzen, daß er sich vor jedem einzelnen von ihnen verantworten muß, vor allem vor den Eltern von Gerd Singer, der sein Opfer wurde.
»Angeklagter«, sagt der Staatsanwalt, durch dessen offensichtlichen Mangel an Respekt gereizt, »ich habe den Eindruck, daß Sie die Bemühungen des Gerichtes als Belästigung empfinden!« Jürgen wirft sich mit einem heftigen Ruck eine blonde Strähne aus der Stirn. »Ich finde das viele Gerede verdammt unnötig, wenn Sie es genau wissen wollen«, platzt er heraus. »Ich habe Gerd Singer erschossen, ich gebe es ja zu. Was verlangen Sie denn noch weiter? Ich möchte wirklich wissen, wozu die ganze blöde Fragerei noch nötig ist!«
Martina, seine Schwester, schlägt sich die Hand vor den Mund, um nicht hysterisch loszukichern – ausgerechnet im Strafprozeß, bei dem es um Kopf und Kragen ihres einzigen Bruders geht! Nein, daran ist wirklich nichts Komisches, sie braucht sich nur vorzustellen, daß Gerd, der reiche, verwöhnte, sorglose Gerd, seit Monaten unter der Erde liegt. Sie senkt den Kopf, daß ihr blondes, schulterlanges Haar wie ein Vorhang vor ihr Gesicht fällt. Das sieht diesem Bengel wieder mal ähnlich, denkt sie, gibt freche Antworten, statt sich mit dem Richter gutzustellen. Dämlicher kann er’s wohl nicht mehr anstellen.
»Sie scheinen den Ernst der Situation immer noch nicht begriffen zu haben«, braust der Staatsanwalt auf, »ich bitte mir einen anderen Ton aus, wenn Sie mit mir sprechen!«
Der Angeklagte zuckt die Achseln, seine Lippen sind weiß und schmal wie ein Strich. Er macht eine Bewegung, als wenn er die Hände in die Hosentaschen stecken wollte, unterläßt es dann aber. Die Ärmel seines dunkelblauen Anzuges und seines weißen Hemdes sind ihm ein ganzes Stück zu kurz, seine kräftigen Handgelenke ragen daraus hervor.
Mein Sohn, denkt Helmuth Molitor, das ist nun mein einziger Sohn, dieser verstockte, trotzige Junge. War denn alles umsonst? Was habe ich denn nicht alles getan, damit ihm so etwas erspart bliebe. Er sollte es besser haben als ich, nicht die Schwierigkeiten durchmachen, die ich hatte. Ich wollte nicht, daß er erfährt, wie hart und gemein das Leben ist. Hatte er nicht alles, was er sich wünschte? Und geht trotzdem hin und macht solche Sachen – ruiniert sein ganzes Leben und unseres dazu? Was hat ihn nur dazu gebracht? Ich kann es nicht begreifen. Ich werde es niemals begreifen. Es muß wohl doch an der Zeit liegen, denkt er, es ist ihm zu gut gegangen, das wird es wohl sein. Und er zupft mit nervösen Bewegungen die messerscharfe Bügelfalte seiner Hose zurecht.
Der Verteidiger hat sich halb zu dem Angeklagten umgewandt. »Entschuldigen Sie sich! Aber sofort!« flüstert er ihm zu. »Hier können Sie keine Lippe riskieren!«
»Entschuldigen Sie, bitte, Herr Staatsanwalt«, sagt der Angeklagte, aber es klingt eher verächtlich als reuevoll.
»Moment bitte!« Der Richter unterbricht die Vernehmung durch den Staatsanwalt. »Jetzt hören Sie mir einmal gut zu, mein Junge«, sagt er in beherrschtem, fast väterlichem Ton. »Sie haben einen Menschen getötet. Das ist kein Spiel mehr und kein Spaß. Sie können nicht von uns erwarten, daß wir das auf die leichte Schulter nehmen. Sie haben einen jungen, hoffnungsvollen Menschen getötet! Können oder wollen Sie nicht begreifen, was das bedeutet?«
»Und ob!« stößt Jürgen hervor. »Erschießen Sie mal Ihren besten Freund, dann werden Sie wissen, wie einem danach zumute ist!«
»Es tut Ihnen also leid? Sie bereuen Ihre Tat?«
Die Hände des Jungen krampfen sich um die Anklagebank, seine Knöchel werden weiß, seine Nasenflügel beben. »Du lieber Himmel«, preßt er hervor.
»Was heißt das?« fragt der Richter. »Ich muß Sie doch bitten, sich so auszudrücken, daß wir alle hier …«, und er macht eine Geste, die seine beiden Nebenrichter und alle Anwesenden mit einschließt, »daß wir alle hier Sie verstehen können!«
Diese Juristen! denkt Dr. Georg Opitz, Jürgens ehemaliger Klassenlehrer, und streicht sich mit der Hand über Wangen und Kinn. Begreifen sie denn gar nichts!? Sie halten sich für immens gescheit und merken nicht einmal, daß der Junge vollkommen fertig ist! Er ist am Ende. Am liebsten würde er vor Verzweiflung heulen, wenn er sich nur getrauen würde. Kann man denn so mit Blindheit gegenüber den Jungen geschlagen sein? War ich es auch, solange Jürgen noch in meiner Klasse saß? Ihm und auch seinen Kameraden gegenüber?
Der Richter klopft mit dem Kugelschreiber auf den Tisch. »Wir warten auf Ihre Erklärung, Angeklagter!«
»Was hilft es denn, wenn ich es bereue«, sagt Jürgen Molitor mühsam, »davon wird Gerd doch nicht mehr lebendig. Es ist geschehen, daran läßt sich nichts ändern!«
Der Richter lehnt sich zurück, schlägt die Arme übereinander, überläßt dem Staatsanwalt das Wort. Der kann sich eine gewisse Ironie nicht verkneifen. »Sie irren sich, wenn Sie glauben, wir sind hier zusammengekommen, um die Toten aufzuerwecken«, sagt er, »es geht bei diesem Prozeß um Sie, Angeklagter, um eine Beurteilung und Bewertung Ihrer Tat. Sie haben also allen Grund, uns bei der Rechtsfindung zu unterstützen.«
Jürgen sieht vom Richter zum Staatsanwalt und schweigt.
»Sie haben nicht nur getötet«, fährt der Staatsanwalt unerbittlich fort, »Sie haben auch den Menschen, die Ihnen am nächsten standen und stehen, schweres Leid zugefügt!«
Jetzt, zum ersten Mal, gleiten Jürgens Augen ab, zur Zeugenbank hinüber, begegnen Senta Heinzes Blick – nur für den Bruchteil einer Sekunde – außer den beiden jungen Menschen merkt es niemand.
Das Mädchen versucht alles in ihren Blick zu legen, was sie ihm geben möchte: Ermutigung, Zuspruch, Kraft, Verständnis. Unwillkürlich drückt sie beide Daumen, hebt die fest geschlossenen Fäuste vor die Brust.
Dann ist es schon vorbei, er hat sich wieder abgewandt, seine Augen sind weiter gewandert, zu Gerds Eltern hin, die sehr gerade dasitzen, hoch aufgerichtet, fast starr, und in ihrer Bewegungslosigkeit wie Schaufensterpuppen wirken. Sie lehnen sich nicht an, sind darauf bedacht, daß der Abstand zwischen ihnen gewahrt bleibt.
»Reue allein«, sagt der Staatsanwalt, »nutzt wenig, da haben Sie vollkommen recht. Was wir alle hier von Ihnen erwarten, ist ehrliche Einsicht!«
Ich hätte es verhindern müssen, denkt Senta Heinze, ich hätte mich mehr um ihn kümmern, ich hätte ihm Halt geben müssen! Aber hätte ich es gekonnt? Egal, wenn ich es überhaupt nur versucht hätte! Die bräunliche Haut über ihren hochstehenden Backenknochen strafft sich, ihre schwarzen, schräg stehenden Augen sind ganz schmal vor Erregung.
»Ich habe gestanden, was wollen Sie denn noch von mir?« fährt Jürgen heftig auf.
Aber der Staatsanwalt läßt sich nicht beirren. Als er sieht, wie es in diesem weißen, verzerrten Gesicht zuckt, stößt er nach: »Wann haben Sie die Tat zum ersten Mal geplant! Antworten Sie!«
»Geplant?« wiederholt der Junge gedehnt. »Überhaupt nicht. Wie kommen Sie denn darauf? Sie wissen doch genau, daß ich es niemals vorhatte.«
»Es ist bewiesen, daß Sie lange zuvor den Revolver aus dem Schreibtisch Ihres Vaters entwendet haben! Geben Sie nur zu, daß Sie es mit der vollen Absicht taten, Ihren Klassenkameraden zu töten!«
»Nein!« Jürgen Molitor schreit es heraus. »Nein! Das ist nicht wahr!«
Der Staatsanwalt beugt sich vor. »Warum haben Sie es getan? Warum? Seit zwei Tagen verhören wir jeden Menschen, der Sie und Ihr Opfer gekannt hat! Keiner hat uns ein einigermaßen plausibles Motiv für diese furchtbare Tat angeben können! Jetzt wollen wir es von Ihnen wissen! Warum haben Sie den jungen Mann getötet, den Sie selber Ihren besten Freund genannt haben?«
Die Stille im Gerichtssaal wird atemlos, alle warten auf die entscheidende Antwort. Aber sie kommt nicht.
»Wenn ich das wüßte«, sagt Jürgen tonlos und schlägt die geballten Fäuste gegeneinander, »wenn ich das nur wüßte! Ich kann mich nicht erinnern. Nur, daß er lachte … er lachte mich durch einen roten Nebel an! Und ich zielte, zog den Hahn durch. Es gab einen Knall. Dann lachte er nicht mehr. Sein Gesicht wurde ganz erstaunt. Er preßte die Hände auf den Magen. Und dann fiel er um.«
»Sie geben also zu, daß Sie auf ihn gezielt haben?«
»Ja«, sagt Jürgen Molitor leise, »ja, das habe ich. Ich wollte ihn töten. Ich … ich konnte sein Lachen nicht mehr ertragen.« – Er schlägt die Hände vor das Gesicht, senkt den Kopf, die blonden Haare fallen ihm in die Stirn, sein Körper bebt.
Der Verteidiger springt auf. »Ich beantrage, den psychiatrischen Sachverständigen anzuhören!« Und als er merkt, daß Richter und Staatsanwalt noch zögern, fügt er in einem kollegialen und gleichzeitig beschwörenden Ton hinzu: »So kommen wir doch nicht weiter!«
Nach kurzem Wortwechsel wird seinem Antrag stattgegeben. Der Psychiater, Prof. Dr. Josef Goldmann, wird hereingerufen. Er tritt ein, einen blauen Aktenhefter in der Hand. Er verbeugt sich leicht.
»Hohes Gericht«, beginnt er, »bevor ich mein Gutachten abgebe, möchte ich vorausschicken, daß der Angeklagte Jürgen Molitor während seiner Untersuchungshaft über einen Monat lang in meiner Klinik zur psychiatrischen und psychologischen Untersuchung stationär war und daß ich mich während dieser Wochen täglich mit ihm beschäftigt habe. Ich glaube zu wissen, was in ihm vorgeht, was in ihm vorging, als er die Tat beging.«
Professor Goldmann macht eine kleine Pause, schlägt den Aktenhefter auf, blättert darin. »Zuerst stand auch ich vor einem Rätsel. Ein junger Gymnasiast hat einen anderen Menschen getötet, anscheinend kaltblütig niedergeschossen. Dabei handelt es sich bei dem Täter keineswegs um einen Jungen aus asozialen oder zerrütteten Familienverhältnissen, nein, seine Familie ist intakt, eine ganz normale mitteleuropäische Durchschnittsfamilie. Der Vater hat es durch Fleiß und Strebsamkeit dahin gebracht, seinen Angehörigen einen gewissen Wohlstand zu schaffen. Die Mutter hat, noch bevor der heutige Angeklagte zur Welt kam, ihren beruflichen Ehrgeiz aufgegeben und seitdem nur für ihren Mann und ihre Kinder gelebt. Eine ideale Familie also, möchte es fast scheinen. Auch anlagemäßig ist der jugendliche Täter vollkommen normal, der Grad seiner Intelligenz entspricht seinem Alter, wenn auch eine gewisse Konzentrationsschwäche bemerkbar ist. Zweifellos befindet er sich körperlich und seelisch noch in dem schwierigen Stadium der Pubertät. Aber nichts deutet auf ein gestörtes Triebleben, nichts auch auf krankhafte Veranlagung. Ist er also für seine Tat voll verantwortlich zu machen?« Professor Goldmann legt eine kleine Pause ein, schlägt den Aktendeckel zu, den Zeigefinger zwischen zwei Seiten, sieht die Richter nacheinander durch die Gläser seiner randlosen Brille an. »Ja, und auch wieder nein. Eines steht fest, selbst wenn wir diese Frage bejahen, so können und dürfen wir ihm die Verantwortung auf keinen Fall allein zuschieben. Es stimmt, er hat in einer entscheidenden Situation seines Lebens versagt. Aber dazu wäre es niemals gekommen, wenn nicht seine Umwelt, wir alle, am meisten aber die Menschen, die ihm am nächsten standen, ebenfalls versagt hätten, denn nur so konnte es passieren, daß der jugendliche Täter in diese für ihn nicht mehr selbstverantwortlich zu bewältigende Situation geriet.«
Er wendet sich dem Staatsanwalt zu, sagt kampfbereit: »Es ist falsch, das Motiv der Tat in einer Auseinandersetzung zwischen Jürgen Molitor und seinem Opfer zu suchen, in Rivalität, Eifersucht, einem jäh entflammten Streit, Reibereien irgendwelcher Art, nein, die Ursachen zur Tat liegen tiefer und … ganz woanders.«
1.
Es war Martina, die an diesem Sonntag den Funken ins Pulverfaß warf allerdings ohne jede böse Absicht und vor allen Dingen, ohne zu ahnen, daß sie eine Kettenreaktion auslösen würde.
Die Familie Molitor hatte in dem großen, gemütlichen Zimmer ihrer Altbauwohnung in der Markgrafenstraße in Düsseldorf-Oberkassel friedlich bei einem sehr späten und sehr reichlichen Frühstück zusammengesessen. Noch etwas verdöst vom ungewohnt langen Schlaf und vom eintönigen Rauschen des Frühjahrsregens, der draußen niederging, hatten sie ausgiebig und ziemlich schweigsam gegessen. Nur Martina war mit fröhlichen kleinen Bemerkungen bemüht gewesen, für eine gute Stimmung zu sorgen.
Als die Mutter aufstand, um den Tisch abzuräumen, war sie sofort zugesprungen. »Warte, Mutti, ich helfe dir!«
Ihre Mutter hatte mit leichtem Erstaunen die Augenbrauen gehoben, denn sie war eine derartige Hilfsbereitschaft bei ihren Kindern keineswegs gewohnt. Aber sie enthielt sich jeden Kommentars, sagte nur: »Nett von dir.«
Martina war in die Küche geeilt, mit dem großen Tablett wiedergekommen und hatte eifrig begonnen, es vollzustellen. Als sie es forttragen wollte, hatte es die Mutter ihr abgenommen, »Laß mich lieber!«
Jürgen, in Manchesterhosen und Sporthemd, Sandalen an den bloßen Füßen, hatte sich vor den Radioapparat gehockt und an den verschiedenen Knöpfen herumgedreht. Aber außer kirchlichen Sendungen und klassischer Musik konnte er ihm nichts entlocken. »Immer derselbe Mist«, raunzte er, »ausgerechnet, wenn man mal Zeit hätte …«
Der Vater hatte sich eine Zigarette angezündet, leerte seine Kaffeetasse, stand auf und ging zur Türe.
Martina, die Pfeffer- und Salzstreuer in den Schrank geräumt hatte, war sofort alarmiert. »Was ist los, Papa?« rief sie. »Wo willst du hin?«
»Mir eine Sonntagszeitung besorgen.«
Sie holte ihn mit sanfter Gewalt zurück. »Komm, bleib sitzen. Du mußt nicht selbst gehen, bei dem Regen.« Damit bugsierte sie ihn in seinen Lieblingssessel. »Ich werde sie dir holen …«
Helmuth Molitor sah mit einem kleinen, belustigten Zwinkern zu ihr auf. Es war ihm klar, daß sie etwas im Schilde führte. Aber es gefiel ihm, wie sie ihn umschmeichelte und dabei ihre strahlenden braunen Augen, die sie geschickt durch kühne Lidstriche optisch noch vergrößert hatte, auf kindlichste Weise aufriß, die Lippen zu einem Babymund schürzte. Er fand, daß sie alles in allem recht attraktiv sei, doch in seinen Stolz als Vater mischte sich leises Bedauern darüber, wie groß seine Kinder schon waren – beinahe schon erwachsen –, ein Bedauern, das er sich jedoch selber niemals eingestand.
Er gab ihr zärtlich einen kleinen Klaps. »Ich dachte, du wolltest deiner Mutter helfen?«
»Mach ich ja auch, aber das hindert mich doch nicht, dir die Zeitung zu holen.« Sie hockte sich neben ihn auf die Sessellehne, legte ihren Arm um seine Schultern und rieb schmeichelnd die Wange an seinem sorgfältig gebürsteten Haar, das sich an den Schläfen und am Hinterkopf bereits zu lichten begann. »Vor allem aber möchte ich mit dir sprechen«, sagte sie.
»Aha«, sagte er, darauf bedacht, sich das Vergnügen nicht anmerken zu lassen, das ihm ihre Zärtlichkeiten bereiteten.
»Ich möchte dir nämlich einen Vorschlag machen«, sagte sie und zauste ihn, bis ihm das Haar in einem Schopf zu Berge stand.
Er drückte seine Zigarette aus, tat so, als wollte er zur Brieftasche greifen. »Wieviel?«
»Tu bloß nicht so ekelhaft überlegen, es muß sich ja nicht immer nur um Geld handeln, oder?«
In diesem Augenblick kam die Mutter wieder herein. Der Anblick Martinas, die mit ihrem Vater schmuste, versetzte ihr einen leichten Stich, über dessen Beweggründe sie sich keine Rechenschaft gab. Sie hatte gerade eben noch im Vorbeigehen in den Garderobenspiegel geschaut und sich jung und anziehend gefunden.
Das kurzgeschnittene blonde Haar saß einwandfrei, und ihre Haut war so glatt und so rein, daß sie sich auch ohne einen Hauch von Make-up und Puder sehen lassen konnte.
Jetzt aber, als sie Martina an ihren Vater geschmiegt fand, die noch etwas zu kompakten Beine in den giftgrünen Häkelstrümpfen sorglos baumelnd, fühlte sie sich auf einmal alt. »Wo bleibst du denn?« fragte sie, schärfer als notwendig gewesen wäre. »Ich warte auf dich!«
Martina lächelte sie mit größter Seelenruhe an. »Gedulde dich, o holdes Weib, dies ist gewiß kein Zeitvertreib … gut, was? Von mir! Ich hab’ noch ’ne Kleinigkeit mit dem Hausherrn zu besprechen.«
Ihr Vater lachte. »Ein bißchen mehr Respekt, junge Dame«, sagte er, aber es klang durchaus nicht ärgerlich.
Seine Frau atmete tief durch, um ihre Gereiztheit zu bewältigen. »Darf ich vielleicht auch hören, um was es geht?«
»Na klar, es ist durchaus kein Staatsgeheimnis. Meine Freundin Senta fährt in den großen Ferien mit ihren Leuten an die Adria, sie haben ein richtiges Haus für sich gemietet …«
Helmuth Molitor runzelte die Stirn. »Was geht uns deine Freundin Senta an?«
»Moment, darauf komme ich schon! Ihr wißt doch, daß Senta jede Menge Geschwister hat, auf einen mehr oder weniger kommt es da gar nicht an, und deshalb war Frau Heinze sofort einverstanden, als Senta ihr vorschlug, mich mitzunehmen …« Martina hatte diesen langen Satz ohne Atem zu holen herunter gehaspelt, jetzt kam sie nicht mehr weiter.
»Das kann doch nicht dein Ernst sein!« rief ihre Mutter. »Du wirst doch nicht mit fremden Leuten verreisen wollen?!«
»Heinzens sind doch nicht fremd! Schließlich ist Senta meine beste Freundin!«
»Und unter der unübersehbaren Schar ihrer Geschwister«, sagte ihr Vater in gutmütigem Spott, »wird sicher auch ein Junge sein, der gern bereit ist, dein bester Freund zu werden!«
Martina sprang von der Sessellehne. »Ihr habt Begriffe! Wolfgang, Sentas Bruder, ist siebzehn, ein gutes halbes Jahr jünger als Jürgen! Ihr werdet doch wohl nicht glauben, daß so etwas Unausgegorenes für mich überhaupt in Frage käme!«
Der Vater betrachtete seine Tochter mit deutlichem Wohlgefallen. »Hoffentlich«, sagte er, »aber wie dem auch sei, wenn diese Frau Heinze dich tatsächlich einladen will, so muß sie sich an uns wenden, an mich und an deine Mutter. Falls sie uns eine gewisse Garantie dafür geben kann, daß du …«
»Oh, Boy!« schrie Martina. »Das wirst du mir doch nicht antun, Vati! Damit würdest du mich in Grund und Boden blamieren!«
»Womit? Das kann ich durchaus nicht einsehen!«
»Aber, Papa, verstehst du denn nicht!?« Martina griff zum letzten Mittel, sie zauberte Tränen in ihre weit aufgerissenen Augen. Helmuth Molitor stand entschlossen auf. »Nein«, erklärte er energisch, »ich denke nicht daran, mich auf weitere Debatten einzulassen. Jetzt werde ich endlich das tun, woran du mich bisher gehindert hast, ich werde mir meine Sonntagszeitung holen. Schließlich habe ich wohl ein gewisses Recht, nachdem ich die ganze Woche für euch gearbeitet habe, mein freies Wochenende zu genießen.« Er warf einen Blick zum Fenster, an dem noch immer der Regen herunter lief. »Soweit das bei dem Wetter möglich ist.«
Jürgen hatte dem Gespräch bis jetzt schweigend, aber mit wachsender Aufmerksamkeit gelauscht. Er hatte auf ein günstiges Stichwort gewartet, das nie kam, hatte im Geist blendende Sätze formuliert, mit denen er bei jeder Diskussion Erfolg hätte haben müssen. Doch als die Auseinandersetzung sich zuspitzte und er nur noch die Wahl hatte, entweder den Mund zu halten oder alles zu riskieren, da fehlten ihm plötzlich die Worte.
»Wenn ich auch mal was sagen darf …«, begann er ungeschickt. Aber Helmuth Molitor hörte nicht auf ihn. Er mußte gegen den Impuls ankämpfen, seine Tochter zurückzuhalten und tröstend in die Arme zu nehmen, die, als sie merkte, daß auch ihre Tränen nichts nutzten, schluchzend aus dem Zimmer stürmte.
»Vater!« stieß Jürgen rauh und fordernd heraus.
Helmuth Molitor blieb stehen, drehte sich zögernd zu dem großen Jungen um, den er nicht mehr übersehen konnte. Wie immer, wenn er gezwungen war, sich mit Jürgen zu befassen, empfand er ein Unbehagen, das ihm den Magen zusammenzog, seine Kehle verkrampfte. Niemandem, nicht einmal sich selbst, hätte er zugegeben, daß er sich seines eigenen Sohnes schämte, dieses langen schlaksigen Bengels mit den unfertigen Gesichtszügen, dem finsteren Ausdruck und, was für ihn das Schlimmste war, dem üppigen Haar, das genauso golden war wie das seiner Schwester und, wie es ihm schien, fast genauso lang.
»Wann gehst du endlich zum Friseur?« fragte er.
Jürgen zuckte bei dieser Frage, die er nur zu oft und bei jeder Gelegenheit zu hören bekam, zusammen. »Das auch«, sagte er, »aber …«
»Also, wann?«
»Mußt du immer wieder mit diesem alten Quatsch anfangen?« brach es aus Jürgen heraus. »Können wir denn wirklich nicht einmal vernünftig miteinander reden?«
»Jürgen, bitte!« mahnte seine Mutter und trat schnell zu ihm hin, als wenn sie ihn vor dem Zorn des Vaters schützen müßte.
»Ich kann mich nicht erinnern, je etwas Vernünftiges aus deinem Mund gehört zu haben«, sagte dieser scharf.
»Weil du mich nie zu Wort kommen läßt!«
»Ah, wirklich? Nun, wenn’s daran liegt, sollst du Gelegenheit haben.« Helmuth Molitor lehnte sich mit übereinander geschlagenen Armen gegen den Wohnzimmerschrank. »Sprich dich nur aus. Du hast volle Narrenfreiheit.« Er wußte, daß sein Verhalten dem Sohn gegenüber nicht gerecht war, und das machte ihn noch zorniger.
»Ich will ebenfalls nicht mit euch verreisen!« platzte Jürgen heraus.
»Sieh mal an! Und darf ich fragen, welche Pläne du für deine Ferien verfolgst?« fragte der Vater mit zynischer Gelassenheit.
»Ich will arbeiten!«
»Gar keine schlechte Idee.« Helmuth Molitor löste die Arme, klopfte Jacke, Weste und Hose auf der Suche nach seinen Zigaretten ab. »Du willst also versuchen, deine Wissenslücken durch eisernen Fleiß während der Ferien aufzufüllen«, sagte er, seinen Sohn absichtlich mißverstehend.
»Nein. Ich will arbeiten, um Geld zu verdienen!« Jürgen richtete sich kerzengerade auf, suchte den Blick des Vaters.
Aber Helmuth Molitor tat ihm den Gefallen nicht, er hätte ja zu dem Jungen, der einen halben Kopf größer war als er, hinaufsehen müssen. »Du bist also der Meinung, daß du zu wenig Taschengeld bekommst?« fragte er provozierend.
»Nein, das nicht. Für Kleinigkeiten reicht es. Aber ich werde im Juni achtzehn, Vater!« Jürgen sagte das so beschwörend, als wenn es sich um eine magische Zahl handelte.
Doch Helmuth Molitor wollte ihn nicht verstehen. »Na und?« fragte er und griff nach dem Zigarettenpäckchen, das auf dem kleinen Tisch neben dem Sessel lag.
»Dann kann ich endlich meinen Führerschein machen, Vater! Und für ein paar hundert Mark kriege ich ein gebrauchtes Auto. Soviel kann ich mir leicht in den Ferien verdienen, wenn ich ein bißchen Glück habe und einen guten Job erwische!«
»Aber, Jürgen«, sagte Gisela Molitor, »für was brauchst du denn ein Auto?«
»Um in die Penne zu fahren! Weil ich es satt habe, mich dauernd immer bloß mitnehmen zu lassen!«
Sein Vater hatte sich eine Zigarette angezündet. »Auf die Idee, daß man auch mit der Straßenbahn fahren kann, bist du wohl noch nicht gekommen, was?«
»Natürlich kann man, Vater! Ich bin doch schließlich kein Idiot! Aber die ist immer so überfüllt und außerdem … was würdest du sagen, wenn du mit der Straßenbahn zu deiner Bank fahren müßtest?«
»Ich würde es tun, wenn es sein müßte. Ich habe noch ganz andere Unbequemlichkeiten auf mich genommen, als ich so jung war wie du. Aber davon hast du ja keine Ahnung! So etwas lernt ihr ja nicht in der Schule, deshalb seid ihr auch alle solche eingebildete Besserwisser geworden!« Er verlor die Nerven, wurde laut. »Achtzehn Jahre alt, und da muß der Bengel unbedingt ein Auto haben! Weißt du, was los war, als ich achtzehn war? Ich hätte meinem Vater mal mit so etwas kommen sollen …«
»Aber darum geht es doch gar nicht!« gab Jürgen zurück. »Es interessiert mich einen Dreck, was in deiner Jugend los war! Das sind doch alles olle Kamellen, die du uns auftischst, damit wir dir dauernd dafür danken sollen, wie gut wir es haben! Aber ich brauche einfach ein Auto! Ich bin für die anderen der letzte Mensch, wenn ich kein Auto kriege!«
»Daß du der Letzte bist, das glaube ich dir gerne! Aber daran ist nicht die Tatsache schuld, daß du kein Auto hast, sondern daß deine Leistungen unter aller Kritik sind! Setz dich gefälligst erst mal auf den Hosenboden und zeig uns, daß du etwas kannst, bevor du Forderungen stellst! Achtzehn Jahre und ein Auto, das ist wirklich der Gipfel!«
»Aber es würde dich doch gar nichts kosten, im Gegenteil, ich will mir das Geld ja selbst verdienen!«
»Das möchte ich erleben!« Helmuth Molitor verschluckte sich am Rauch seiner Zigarette, mußte husten, drückte sie wütend aus. »Herrgott, warum bin ich mit einem solchen Idioten von Sohn geplagt! Wenn du wenigstens rechnen könntest! Aber nein, bei dir reicht es nicht einmal, zwei und zwei zusammenzuzählen! Sonst würdest du nämlich wissen, daß es mit den Anschaffungskosten nicht getan ist! Ein Auto kostet Steuern, Versicherung, braucht Benzin, Öl, Reparaturen! Darf ich fragen, womit du das bezahlen willst?«
Jürgens Gesicht war krebsrot angelaufen. »Von meinem großartigen Taschengeld natürlich!« konterte er mit erstickter Stimme. Helmuth Molitor holte aus und schlug seinem Sohn ins Gesicht, »So, das ist die Antwort auf deine Frechheit!« brüllte er. »Dir werde ich die Unverschämtheit noch austreiben, du … du …« Jürgen starrte seinen Vater den Bruchteil einer Sekunde mit schwimmenden Augen an. Dann machte er eine jähe Bewegung, als wenn er sich auf ihn stürzen wollte – wandte sich aber ab und rannte aus dem Zimmer. Die Türe schlug krachend hinter ihm zu.
Gisela Molitor war ganz blaß geworden. Unter ihren Augen zeigten sich bläuliche Schatten. »Das hättest du nicht tun dürfen, Helmuth«, sagte sie tonlos.
»Verlangst du etwa von mir, daß ich mir die Frechheiten deines Herrn Sohnes einfach gefallen lasse?« Helmuth Molitor rieb sich das Gelenk der rechten Hand, das ihn von dem heftigen Schlag schmerzte. »Ihm vielleicht noch ein Auto schenken? Für seine fabelhaften Schulleistungen?«
»Natürlich nicht, Helmuth. Aber man hätte doch …« Gisela Molitors Stimme zitterte. »Man hätte doch alles in … in Ruhe besprechen können.«
»Ich weiß nicht, was es da überhaupt zu besprechen gibt!«
»Aber, Helmuth … nein, glaube nicht, daß ich das gutheiße … aber es ist doch offensichtlich, daß beide, Martina und Jürgen, nicht mehr mit uns zusammen verreisen wollen, und da müssen wir uns doch überlegen …«
Er unterbrach sie hart: »Wenn es nach dir ginge, sollten wir ihnen wohl ihren Willen lassen, was? Du hast eine sehr seltsame Auffassung von Erziehung, das muß ich schon sagen. Seit Jahren bin ich es, der darum kämpft, daß die Familie nicht auseinanderfällt. Aber sei ohne Sorge, ich werde es weiter tun, auch wenn ich nicht die geringste Unterstützung bei dir finde.«
»Aber, Helmuth«, sagte sie hilflos, »du weißt doch genau …«
»Daß du unfähig bist, deine Kinder zu erziehen, ja, das weiß ich. Aber solange ich lebe, ich …«, er schlug sich auf die Brust,»… werde ich Gehorsam und Respekt verlangen. Und solange die Kinder nicht erwachsen sind und auf eigenen Füßen stehen, werden sie mit uns verreisen, obwohl ich selber wüßte, was ich lieber täte.«
»Was heißt das?« fragte sie. »Was tätest du lieber?«
»Auch mal allein unterwegs sein wie andere Männer! Bildest du dir ein, es macht mir Spaß, jeden Urlaub die gesamte Familie mitzuschleppen? Glaubst du, das wäre eine Erholung?«
»Helmuth«, sagte sie, »ich dachte … wir haben uns doch immer so auf den gemeinsamen Urlaub gefreut! Das ganze Jahr Pläne gemacht und …« Sie mußte schlucken. »Du bist auch nicht mehr gerne mit uns zusammen? Ist das wahr, Helmuth?« Sie trat auf ihn zu, mit leicht erhobenen Händen.
Er wußte, er hätte sie jetzt in die Arme nehmen und beruhigen müssen. Aber er war noch viel zu gereizt und zu verärgert, unzufrieden mit sich und der Welt. »Ich rede niemals einfach etwas daher«, sagte er kalt, »so gut solltest du mich doch schon kennen.« Er übersah ihre flehende Geste und verließ das Zimmer. Sie stand ganz still, hörte nach einiger Zeit die Wohnungstüre zuschlagen. Dann war nichts mehr zu hören als der Regen, der gegen die Fensterscheiben trommelte.
Der Eßtisch, an dem sie vorhin so friedlich gesessen hatten, war noch nicht ganz abgedeckt. Sie ließ ihren Blick über den hellen Schrank mit der gläsernen Schiebetüre gleiten, den runden weißen Tisch mit den weißen Sesseln, die Stehlampe mit dem goldgelben Schirm, die gemütliche Sitzecke, das Gemälde von Achenbach – ein stark nachgedunkeltes Stilleben, das sie mit in die Ehe gebracht hatte –, und alles, was ihr noch am Morgen so vertraut gewesen war, schien ihr plötzlich fremd.