Czytaj książkę: «Kein Vogel singt um Mitternacht - Liebesroman»
Marie Louise Fischer
Kein Vogel singt um Mitternacht - Liebesroman
Saga
Kein Vogel singt um Mitternacht – LiebesromanCoverbild / Illustration: Shutterstock Copyright © 1986, 2020 Marie Louise Fischer und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726444841
1. Ebook-Auflage, 2020
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
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Es war ein Samstagmorgen im April. Trotzdem hatte Beate sich den Wecker gestellt. Sie stand kurz vor dem Abitur, und sie konnte es sich nicht erlauben, auch nur einen einzigen Tag auf ihre Studien zu verzichten. Jedenfalls glaubte sie das.
Punkt acht betrat sie frisch geduscht und mit Jeans und T-Shirt bekleidet die Küche. Sie war überrascht, als sie ihren Bruder Udo am geöffneten Eisschrank stehen sah.
»Nanu? Schon auf?«
»Wie du siehst«, gab er auf seine gewohnt unfreundliche Art zurück.
»Guten Morgen!« sagte sie fröhlich.
Zur Antwort bekam sie nur ein Brummen.
Sie bemerkte, daß er gerade dabei war, den eigentlich fürs Abendbrot bestimmten Aufschnitt herauszunehmen. Ihr Erscheinen hatte ihn offensichtlich gestört. Er zögerte kurz, machte eine Bewegung, als wollte er die Tüte, die er schon in der Hand hatte, wieder zurücklegen, warf sie dann aber doch auf die Ablage neben der Spüle. Dabei nahm sein noch sehr unfertiges, rundes Gesicht einen Ausdruck an, den er selber wohl für hochmütig oder arrogant halten mochte, der in Wahrheit aber nur trotzig war. Obwohl mehr als einen Kopf größer als seine Schwester, wirkte er mit seinen sechzehn Jahren wesentlich jünger.
Jetzt erwartete er offensichtlich, daß sie Einspruch erheben würde.
Aber sie tat ihm nicht den Gefallen, denn sie wußte aus Erfahrung, daß es sinnlos war, mit ihm zu streiten. Sie war für ihn keine Autoritätsperson, und das konnte sie, da sie nur knapp zwei Jahre älter war, auch kaum verlangen. Statt dessen fragte sie: »Soll ich dir einen Kaffee machen? Willst du dich nicht setzen?«
Die Küche war ein sehr großer Raum mit einer gemütlichen Eßecke, in der sie als Kinder mit den Eltern manchmal »Mensch-ärgere-dich-nicht«, »Malefiz« und später »Monopoly« gespielt hatten. Aber er zog es vor, an der Theke stehen zu bleiben, zerrte Wurst- und Schinkenscheiben zwischen den dünnen Papieren heraus und stopfte sie sich in den Mund.
Sie stellte die Brotmaschine an.
Er nahm die Schnitte ohne Dank entgegen, biß aber wenigstens hinein. »Hab’s eilig«, verkündete er mit vollem Mund.
»Was hast du vor?«
»Wirst du dir schon denken können.«
»Du willst Fußball spielen?«
»Was denn sonst?«
Zwar fiel jetzt ein heller Strahl der Morgensonne in die Küche und ließ die kupfernen Model an der Wand aufleuchten, doch am Abend zuvor hatte es noch geregnet.
»Der Platz wird naß sein«, erklärte Beate.
»Mir doch egal.« Udo hatte seine improvisierte Mahlzeit beendet, drehte den Wasserhahn auf und hing den Kopf darunter. Nachdem er getrunken hatte, wischte er sich mit dem Handrücken über den Mund und erklärte beiläufig:
»Bin zum Mittagessen nicht da.«
»Wozu haben wir dann vier Steaks aufgetaut?«
»Meins kann ich immer noch essen.«
»Heute abend?«
»Weiß noch nicht.« Udo wandte sich zur Tür.
»Komm bloß nicht zu spät! Vater . . .«
Er ließ sie nicht aussprechen. »Der kann mich mal.«
Seufzend räumte Beate den Rest des Aufschnitts in den Kühlschrank zurück und wischte die Theke ab. Es war ein Kreuz, daß Udo und der Vater sich so gar nicht verstanden. Woran es lag, war klar. Er, ein hochintelligenter Mann, fast ein Genie – im geheimen hielt sie ihn dafür, und er selber sich wohl auch–, stellte zu hohe Ansprüche an seinen Sohn. Udo hätte sie wohl auch mit bestem Willen nicht erfüllen können. Längst versuchte er es schon gar nicht mehr. Der Vater hatte ihm die Lust zum Lernen gründlich ausgetrieben. Für Udo gab es jetzt nur noch seinen geliebten Fußball, und er war überzeugt, das Zeug zu einem Profi zu haben. Aber der Vater erlaubte ihm nicht einmal, in einen Club einzutreten. Für Thomas Kronberger war Fußball »proletarisch«. Artur, Beates Verlobter, dachte übrigens genauso. Sonderbar, schoß es ihr durch den Kopf, wo doch die gesamte übrige Männerwelt für Fußball zu schwärmen schien.
Beim Gedanken an Artur erhellte sich ihr Gesicht. Heute abend würden sie sich treffen. Natürlich hätte er lieber das ganze Wochenende mit ihr verbracht. Aber er sah ein, daß sie lernen mußte. Er hielt es für ganz richtig, daß sie erst das Abitur machte, bevor sie heirateten. Ganz anders als die grünen Knaben, mit denen sich ihre Freundinnen abgaben, war er so verständnisvoll. Immerhin war er ja auch schon achtundzwanzig Jahre und Ingenieur bei Siemens.
Beate legte bunte Baumwollsets auf den Küchentisch und begann damit, ihn für sich und ihren Vater zu decken. Mutter würde wie immer erst gegen elf herunterkommen. Das hatte sie so eingeführt, seit sie zu arbeiten begonnen hatte. Sie hatten sich daran gewöhnen müssen, und es war gar nicht so schlimm, obwohl sie alle anfangs dagegen gemeutert hatten.
So würde sie heute morgen also eine gemütliche Stunde mit ihrem Vater allein haben. Eigentlich war es ein Glück, daß Udo aus dem Haus war und nicht dazwischenplatzen konnte. Natürlich würde Vater das nicht passen. Aber sie würde ihn schon auf andere Gedanken bringen.
Beate überlegte, ob sie die Kaffeemaschine anstellen oder noch warten sollte, als es an der Haustür klingelte.
Einen Augenblick blieb sie ganz still mitten in der Küche stehen; sie war so überrascht, daß sie nicht sofort reagieren konnte. Sollte der Vater die Schlüssel vergessen haben? Aber das war ihm noch nie passiert.
Es klingelte wieder, und sie lief hinaus, um zu öffnen. Zwei Männer in der grünen Uniform der bayerischen Polizei standen vor ihr. Unwillkürlich wich Beate einen Schritt zurück. Beide grüßten höflich.
»Entschuldigen Sie, daß wir Sie schon so früh am Morgen stören«, sagte der Jüngere – er wirkte auf Beate sehr jung, fast jungenhaft, jünger jedenfalls als ihr Verlobter.
»Ja, was gibt es denn?«« fragte sie und erschrak plötzlich. Sie wurde blaß, und ihre klaren grünen Augen weiteten sich. »Hat Vater etwa . . . einen Unfall?«
»Nein, nein, wir kommen nicht wegen Ihres Vaters«, sagte der ältere Beamte rasch.
»Dürfen wir, bitte, eintreten?«
Beate blieb nichts anderes übrig, als die Beamten eintreten zu lassen. Sie führte sie ins Wohnzimmer, einen eleganten Raum, ebenso groß wie die Küche, mit Gruppen niedriger Sitzmöbel und Tischen ausgestattet und in warmen Farben gehalten.
Die Polizisten hatten ihre Mützen abgenommen; der jüngere hatte blondes, strubbeliges Haar, der ältere eine Halbglatze.
»Warum«, fragte der junge Beamte, »warum machen Sie sich Sorgen um Ihren Vater?« Er sah Beate aus grauen, intelligenten Augen forschend an.
»Weil«, begann sie verunsichert, »er ist beim Joggen. Er macht das jeden Morgen, wenn das Wetter einigermaßen ist.« Sie war einen Blick auf ihre schmale, sportliche Armbanduhr. »Er sollte eigentlich schon zurück sein.«
»Dann werden wir auf ihn warten«, entschied der Ältere.
»Warum? Wer sind Sie überhaupt? Was wollen Sie?«
»Wir kommen von der Polizeiinspektion München-Riem«, erklärte der junge Polizist und stellte sich mit einer leichten Verbeugung vor, »Polizeiobermeister Peter Hertling.«
»Polizeihauptmeister Steiner«, sagte der andere.
»Ja . . . und?«
»Wir möchten mit Ihrem Vater sprechen.«
»Mein Vater hat bestimmt nichts getan.«
»Darum geht es ja gar nicht.«
»Um was dann?«
»Das werden wir Ihrem Vater sagen«, erklärte Polizeiobermeister Hertling sehr ruhig.
»Wenn unsere Anwesenheit Sie stört, können wir auch draußen warten«, fügte sein älterer Kollege hinzu.
»Handelt es sich um etwas Persönliches? Etwas, das ich nicht wissen darf? Sie können sonst ruhig offen mit mir sprechen. Ich bin erwachsen.«
Die beiden Männer wechselten einen Blick.
Hertling zog ein Notizbuch aus der Brusttasche seiner Uniformjacke. »Ihre Mutter ist doch Frau Sibylle Kronberger?«
»Ja.«
»Und sie fährt einen Renault fünf?« Hertling las ein Münchner Kennzeichen ab.
»Stimmt.« Beate hatte sich von ihrem Schreck erholt.
»Soll das heißen, daß Sie hierhergekommen sind und Theater machen, weil sie bei Rot über die Kreuzung gefahren ist? Sie hat es bestimmt nicht mit Absicht getan.«
»Fräulein Kronberger«, sagte der Polizeihauptmeister Steiner sehr freundlich, »Sie sind doch ein intelligentes Mädchen . . .«
»Was soll das denn nun wieder?«
»Glauben Sie wirklich, daß wir zu zwei Mann hoch hier aufkreuzen würden, wenn es sich um eine Verkehrsübertretung handeln würde?«
»Ich weiß überhaupt nicht mehr, was ich glauben soll. Als nächstes werden Sie wohl verlangen, daß ich Mutter wecke. Aber das werde ich nicht tun.«
Wieder sahen sich die beiden Männer kurz an.
»Ihre Mutter schläft?« fragte Hertling dann. »Sind Sie da ganz sicher?«
»Ja.«
»Wissen Sie, wann sie nach Hause gekommen ist?«
»Nein. Darauf achte ich nicht.«
»Fräulein Kronberger«, sagte Hertling, »ich denke, Sie sollten sich setzen.«
»Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen keinen Platz angeboten habeaber ich dachte nicht . . .« Wieder sah sie nervös auf ihre Armbanduhr.
Polizeihauptmeister Steiner drückte sie sanft in einen der Sessel.
Die beiden Männer nahmen ihr gegenüber Platz und legten ihre Mützen auf ein neben ihnen stehendes Tischchen.
Hertling hatte bei der niedrigen Sitzgelegenheit Schwierigkeiten mit seinen langen Beinen. »Es handelt sich um folgendes«, begann er behutsam, »das Auto Ihrer Mutter ist heute nacht an der Erdinger Landstraße aufgefunden worden.«
»Verstehe ich nicht. Wie ist es denn dort hingekommen?«
»Man hat es gefahren.«
»Wer?«
»Vermutlich eine Frau.«
»Was soll das heißen . . . vermutlich?«
»Die Fahrerin hatte einen Unfall. Das Auto ist in einer leichten Rechtskurve von der Fahrbahn abgekommen und hat einen Baum gerammt. Der Wagen ist völlig ausgebrannt.«
Endlich begriff Beate, worauf die beiden Männer hinauswollten. »Aber das kann nie und nimmer meine Mutter gewesen sein!« behauptete sie spontan.
»Sind Sie da so sicher?«
»Ja! Auf der Erdinger Landstraße . . .« Sie unterbrach sich. »Wo liegt die denn überhaupt?«
»In Daglfing.«
»Da hatte meine Mutter bestimmt nichts zu tun. Außerdem ist sie eine gute, eine eher zu vorsichtige Fahrerin! Sie würde nie mit überhöhter Geschwindigkeit . . .«
Jetzt fiel Hertling ihr ins Wort. »Davon spricht ja niemand. Die Unfallursache werden wir erst nach der kriminaltechnischen Untersuchung wissen. Hoffentlich. Das Wrack ist zum Landeskriminalamt gebracht worden.«
»Trotzdem. Ich glaube es einfach nicht.«
Die beiden Männer schwiegen.
Beate sah von einem zum anderen und las aus Hertlings Augen ein Mitleid, das sie schmerzte.
Sie sprang auf. »Könnte sie ihr Auto nicht ausgeliehen haben?«
»Das wäre eine Möglichkeit«, bestätigte der junge Mann ruhig.
»Ob Sie unter diesen Umständen nicht doch nach Ihrer Mutter sehen sollten?« schlug Steiner vor.
»Das werde ich nicht! Zeigen Sie mir doch einfach ein Bild von der Leiche! Sie werden doch Fotos gemacht haben. Ich denke, das ist so üblich.«
»Fräulein Kronberger, verstehen Sie nicht: Das Auto ist gänzlich ausgebrannt.« »Die Person ist völlig unkenntlich«, fügte Steiner härter hinzu.
»Völlig?« wiederholte Beate entsetzt.
»Ja. Sogar die Papillaren sind vernichtet.«
»Die . . . was?«
»Mein Kollege meint die Haut der Fingerkuppen. Sie wissen sicher, daß diese feinen Riffelüngen, die man Papillarlinien nennt, bei jedem Menschen verschieden sind«, erklärte Hertling.
»Jetzt gehe ich doch nach oben!« Beate drehte sich auf dem Absatz um, lief hinaus in die kleine Diele gegenüber der Haustür und die Treppe zum ersten Stock hinauf.
Polizeihauptmeister Hertling folgte ihr, ohne daß sie es bemerkte.
Trotz ihrer Erregung öffnete sie die Tür zum Schlafzimmer ihrer Mutter sehr leise, noch darauf bedacht, sie nicht zu wecken. Das Bett war leer. Es war abgedeckt und für die Nacht aufgeschlagen. Aber es war offensichtlich nicht benutzt worden.
Obwohl sie darauf hätte gefaßt sein müssen, war Beate es nicht. Der Anblick dieses freundlichen, hellen, aber leeren Zimmers, in dem jedes Ding an seinem Platz stand und an ihre Mutter erinnerte, war für sie wie ein Schock. Es wurde ihr schwarz vor Augen, und die Knie gaben unter ihr nach. Wenn Hertling sie nicht aufgefangen hätte, wäre sie gestürzt.
Er legte sie behutsam auf das Bett, zog ihr die Schuhe von den Füßen und stopfte ihr Kissen unter die Beine, so daß sie höher lagen als ihr Kopf. Dann sah er sich um, entdeckte die Tür zum Bad – einem großen Bad, das Sibylle Kronberger offensichtlich gemeinsam mit ihrem Mann benutzt hatte –, ließ kaltes Wasser in ein Zahnputzglas laufen und ging damit zu Beate zurück.
Sie hatte schon wieder die Augen geöffnet und machte Anstalten aufzustehen. »So was ist mir noch nie passiert«, sagte sie, als müßte sie sich entschuldigen. Ihr langes, aschblondes Haar, das sie zuvor streng zurückgebunden getragen hatte, breitete sich jetzt auf dem rosa Laken aus. »Lassen Sie sich Zeit! Ein paar Minuten. Sonst klappen Sie gleich wieder zusammen.« Da stand dieser junge Mann in Uniform neben dem Bett und schien so ganz und gar nicht in das sehr feminine Schlafzimmer von Sibylle Kronberger hineinzugehören.
Jetzt erst fiel ihr auf, wie groß und wie breitschultrig er tatsächlich war. Er wirkte ein wenig ungelenk, wie er dastand, einen Schritt von ihr entfernt, das Zahnputzglas in der Hand. Aber wahrscheinlich lag das nur an der merkwürdigen Situation, in die er geraten war.
Obwohl sie keinen Durst verspürte, streckte sie den Arm aus, um ihm das Glas abzunehmen. Aber als sie erst einmal zu trinken begonnen hatte, leerte sie es bis auf den Grund. »Danke«, sagte sie und stellte es auf dem Nachttisch ab, »ich habe heute morgen noch nicht gefrühstückt.«
»Wir hätten später kommen sollen.«
»Glauben Sie, daß es wirklich meine Mutter war, die auf der Erdinger Landstraße verunglückt ist?«
»Wir werden es feststellen, Fräulein Kronberger.«
»Aber wie, wenn die Tote doch . . .« Sie brachte es nicht über sich, den Satz zu Ende zu sprechen.
»Am Gebiß. Jedes Gebiß ist einmalig.«
»Darüber habe ich noch nicht nachgedacht.«
Unten im Haus wurden Stimmen laut.
»Mein Vater! Ich muß . . .« Beate sprang auf, ohne an die Warnung des jungen Polizeibeamten zu denken.
Es wurde ihr schwindelig, und sie schwankte ein wenig.
Er packte sie bei den Oberarmen, hielt sie dabei vorsichtig auf Distanz, als wäre sie etwas Zerbrechliches, und mahnte: »Langsam, immer langsam!«
»Danke. Ich bin schon in Ordnung.«
»Ich werde vor Ihnen die Treppe hinuntergehen. Bleiben Sie dicht hinter mir und halten Sie sich am Geländer fest!« Er wartete besorgt, bis sie die letzte Stufe genommen hatte, und sagte dann: »Am besten kochen Sie sich jetzt eine Tasse Kaffee!«
»Aber mein Vater . . .«
». . . kann bestimmt auch einen Kaffee vertragen. Ich übrigens auch. Wenn es möglich ist, kochen Sie eine ganze Kanne. Wir hatten Nachtdienst.«
Beate zögerte. Aber dann verstand sie, daß die Polizeibeamten wohl zuerst allein mit ihrem Vater sprechen wollten, und sie wandte sich zur Küche.
»Ich werde Ihnen helfen«, erbot sich Hertling.
»Werden Sie«, fragte sie mit einer Kopfbewegung zum Wohnzimmer hin, »da drinnen denn nicht gebraucht?«
»Sie brauchen mich mehr«, behauptete er ernsthaft.
Beate widerspach ihm nicht. Sie fühlte sich sehr schwach, war immer noch verwirrt und empfand es als beruhigend, ihn in ihrer Nähe zu wissen.
Thomas Kronberger war ein stattlicher Mann und besaß unter normalen Umständen ein sehr sicheres Auftreten. Jetzt aber hockte er zusammengebrochen in seinem Sessel und hätte, dachte der Polizeihauptmeister, eher ein Stadtstreicher sein können als der Besitzer dieses schönen Hauses in der Odinstraße. Sein Haar, insgesamt dunkel, war an den Schläfen schon weiß, war vom Laufen verschwitzt, und er hatte es sich, ohne es selber zu merken, vor Verzweiflung zerrauft. Die dunklen Augen waren tief in die Höhlen gesunken, und seine Lippen hingen schlaff. Verstärkt wurde der heruntergekommene Eindruck noch dadurch, daß er sich vor dem Sport nicht die Mühe gemacht hatte, sich zu rasieren; Kinn und Wangen waren stoppelig. Er murmelte unverständliche Sätze vor sich hin wie ein Betrunkener.
Steiner ließ ihm Zeit, sich zu fassen. »Sie haben mich doch richtig verstanden, Herr Kronberger? Noch wissen wir nicht mit Bestimmtheit, ob es sich bei der Toten tatsächlich um Ihre Frau handelt.«
Kronberger machte den Versuch, sich zusammenzureißen, richtete sich auf und reckte die Schultern, Er öffnete den Mund, brachte aber kein Wort heraus.
Steiner wartete.
»Doch«, sagte Kronberger endlich, »machen Sie mir nichts vor! Es ist Sibylle.«
»Wie können Sie da so sicher sein?« Kronberger rappelte sich hoch, schwankte zu einem gläsernen Bartisch, schenkte sich einen Cognac ein und leerte das Glas mit einem Zug. Erst dann fragte er: »Sie auch?«
Steiner lehnte ab.
Kronberger goß sich noch einmal ein und ging mit dem Glas in der Hand zu seinem Sessel zurück; er schien sich besser zu fühlen. Seine Stimme war rauh, als er sagte:
»Ich hätte das nie zulassen dürfen.«
»Was?« fragte der Polizeibeamte. »Wovon sprechen Sie?«
»Aber ich konnte nichts dagegen tun!« Kronberger spreizte die freie Hand mit einer resignierenden Gebärde. »Einfach nichts dagegen tun. Sie wollte auf mich nicht hören.«
»Sie wissen also, wo Ihre Frau gestern nacht war?«
»In Daglfing. Das haben Sie mir doch selber gerade erklärt.«
»Aber Sie haben es schon vorher gewußt?«
»Woher sollte ich?« Er nahm noch einen Schluck.
»Wann hat Ihre Frau gestern das Haus verlassen?«
»Wie jeden Abend. Um neun Uhr.«
»Jeden Abend?«
»Außer an den Wochenenden.« Kronberger öffnete eine silberne Dose, nahm eine Zigarette heraus und wollte sie mit einem Tischfeuerzeug anzünden. Aber seine Hände zitterten zu stark.
»Warten Sie! Ich mach’ das für Sie.« Steiner nahm ihm das Feuerzeug ab.
Kronberger nahm einen tiefen Zug. »Sie hat es für nötig gefunden zu arbeiten«, erklärte er mit Verbitterung.
»Waren Sie in finanziellen Schwierigkeiten?«
»Vorübergehend. Ja.«
»Und Ihre Frau hat nachts gearbeitet?«
»Ja. Als Putzfrau.«
»Wo?«
»Ich weiß es nicht. Ich wollte nichts darüber hören. Sie hatte eine Stelle bei einer Gebäudereinigungsfirma angenommen.«
»Name?«
»Ich weiß es nicht.«
»Dann darf ich Sie mal etwas ganz anderes fragen, Herr Kronberger: Wo arbeiten Sie?«
»Hier. In diesem Haus. Ich habe im Keller eine komplette Werkstatt, natürlich nicht ganz so ausgestattet, wie sie sein sollte. Ich kann mir nicht das gleiche leisten wie ein großer Betrieb. Aber darauf kommt es nicht an. Das einzige, was zählt, ist das hier.« Er klopfte sich mit der Hand, die die Zigarette hielt, auf die Stirn.
»Ich verstehe nicht ganz«, gestand Steiner.
»Ich bin dabei, einen Katalysator zu entwickeln, der wesentlich wirkungsvoller und dazu einfacher und billiger zu installieren sein wird als die herkömmlichen.«
»Wer zahlt Ihnen das?«
»Ich habe meine Ersparnisse in diese Sache hineingesteckt. Eines Tages, schon bald, wird sie mir das ganz große Geld bringen.«
Steiner war zu verblüfft, um etwas dazu sagen zu können.
Um seine Verwirrung zu kaschieren, strich er sich mit der Hand über den blanken Schädel.
Kronberger schien seine Fassung zurückgewonnen zu haben. »Sie halten mich wohl für einen Spinner?«
»Nein, wie könnte ich! Ich kann doch gar nicht beurteilen . . .«
»Bis vor zwei Jahren habe ich bei den Bayerischen Motorenwerken gearbeitet, in leitender Stellung. Sie dürfen mir also schon glauben, daß ich von Autos etwas verstehe.«
»Daran zweifle ich nicht. Hat man Ihnen gekündigt? Das ist ja heutzutage keine Schande mehr.«
Kronberger drückte die Zigarette in einem gläsernen Aschenbecher aus. »Ich bin aus freien Stücken gegangen«, erklärte er nicht ohne Würde.
»Um Ihren Katalysator zu erfinden?«
»Nein. Ich hatte ein neues Modell entworfen, das Idealmodell eines wirklich modernen Autos. Mit allen nur denkbaren Errungenschaften. Es würde zu weit führen, das einem Laien wie Ihnen zu erklären. Alle, denen ich es vorgeführt habe, waren begeistert, auch die Firmenleitung. Dennoch weigerte man sich, es in Serie herzustellen.« Verächtlich verzog er die Mundwinkel. »Es entspräche nicht dem Geschmack der Verbraucher, hieß es.«
»Pech für Sie«, sagte Steiner und war sich bewußt, daß dies sicher nicht die Reaktion war, die Kronberger erwartet hatte.
»Geschmack des Verbrauchers!« grollte der Hausherr.
»Was für eine lahme Ausrede! Als ob irgendwer den Geschmack des Käufers wirklich kennen würde, bevor eine Ware auf dem Markt ist.«
Steiner versuchte, das Gespräch wieder auf die Realität zurückzuführen. »Sie sind also ausgestiegen«, resümierte er, »und nach einiger Zeit wurde das Geld knapp. War es so?«
»Wenn wir das Haus verkauft hätten, hätten wir noch Jahre sorglos leben können.«
»Aber das wollte Ihre Frau nicht?«
»Nein.«
Der Hauptwachtmeister verbiß sich die Frage, warum Kronberger nicht selber daran gedacht hatte, eine neue Stellung zu suchen. Er wußte, daß das für einen Mann in diesem Alter – Kronberger konnte nicht jünger als Ende Vierzig sein – nicht einfach gewesen wäre, zumal er offensichtlich große Ansprüche stellte. »Aber warum ausgerechnet Gebäudereinigung?« fragte er statt dessen.
»Sibylle hat nichts gelernt. Sie war sehr jung, als wir geheiratet haben. Die Arbeit wurde gut bezahlt, und sie hatte den Vorteil, daß sie tagsüber für die Familie . . . genauer gesagt: für die Kinder dasein konnte.« Kronberger zuckte die Achseln. »So hat sie es mir jedenfalls erklärt. Machen Sie sich selber einen Reim darauf.« Er leerte sein Glas, überlegte, ob er sich noch einmal einschenken sollte, stellte es dann aber beiseite und griff zu den Zigaretten. Diesmal waren seine Hände ruhig genug, daß er sich selber Feuer geben konnte.
Polizeiobermeister Hertling kam herein.
»Du störst nicht«, sagte sein Vorgesetzter, »ich habe den Eindruck, daß Herr Kronberger alles gesagt hat, was er weiß. Oder?«
»Meine Frau hatte sich in letzter Zeit sehr verändert. Ich kann Ihnen das schwer erklären. Sie . . . sie ließ niemanden mehr an sich herankommen.«
»Der Kaffee ist fertig«, meldete Hertling.
Kronberger drückte seine gerade erst angerauchte Zigarette aus. »Gut. Wir kommen.«
Die Polizeibeamten ließen ihn vorangehen, so daß er die Küche als erster betrat. Beate schmiegte sich an ihn. Die Bewegung wirkte wie der rührende Versuch, Trost zu spenden.
Aber der Vater schob sie von sich. »Keine Szenen jetzt.
Wir sind nicht allein.«
»Aber, Vater . . .«
»Die Geschichte ist fatal genug. Es ist nicht nötig, daß wir uns noch zusätzlich bloßstellen.« Er setzte sich und forderte die anderen mit einer fahrigen Bewegung auf, ebenfalls Platz zu nehmen.
Beate goß Kaffee ein. Der Tisch war hübsch gedeckt wie zu einem gemütlichen Familienfrühstück. Aber nur Kronberger aß, er tat es sogar mit Heißhunger. Beate beobachtete es mit Verwunderung. Steiner verstand, daß er versuchte, den allzu schnell auf nüchternen Magen getrunkenen Alkohol auf diese Weise zu neutralisieren.
»Aber, bitte, greifen Sie doch zu!« ermunterte Beate die beiden Beamten. »Sie müssen hungrig sein.«
Sie wären der Aufforderung gern gefolgt, lehnten aber ab, weil es ihnen unpassend schien, es sich in Gegenwart der vom Schicksal getroffenen Familie schmecken zu lassen, und hielten sich an den Kaffee.
»Sie sollten etwas zu sich nehmen, Fräulein Kronberger!« mahnte Hertling.
»Ich weiß.« Sie lächelte schwach. »Aber der Magen ist mir wie zugeschnürt.«
Hertling bestrich eine Scheibe Brot mit Butter, befand, daß Wurst oder Schinken im Augenblick nicht das richtige für Beate sein konnten, bestreute sie mit Salz und schnitt sie in kleine Häppchen. So hatte seine Mutter es gemacht, als er noch klein war. »Bitte!« sagte er und wechselte mit ihr den Teller.
»Aber nur, wenn Sie auch etwas essen.«
»Gut. Das mache ich. Aber nur, wenn Sie mit gutem Beispiel vorangehen.«
Beate schob sich eines der Häppchen in den Mund und begann tapfer zu kauen. Es ging besser, als sie gedacht hatte.
»Wieso gibt es eigentlich Aufschnitt zum Frühstück?« fragte Kronberger plötzlich. »Nur weil die Polizei im Haus ist?«
»Ja, Vater, nur deshalb!« Beate stiegen Tränen in die Augen.
Hertling dachte, daß es ihr sicher guttäte, wenn sie sich ausweinen könnte, hoffte dennoch, daß es nicht passierte. Beate beherrschte sich, hörte aber auf zu essen. Hertling drängte sie nicht weiter, denn er verstand es.
Kronberger klopfte seinen Jogginganzug ab, offensichtlich auf der Suche nach Zigaretten. Hertling stand auf, ging ins Wohnzimmer und brachte ihm die silberne Dose und das Tischfeuerzeug.
»Danke, sehr liebenswürdig.« Er zündete sich eine Zigarette an, seine Hände zitterten nur noch leicht. »Und nun, meine Herren, ist es wohl Zeit, daß Sie uns verlassen. Weitere Auskünfte kann ich Ihnen nicht geben.«
Steiner wandte sich an Beate. »Sie wissen auch nicht, für welche Firma Ihre Mutter gearbeitet hat?«
Das junge Mädchen schüttelte den Kopf.
»Hat sie denn niemals mit Ihnen darüber gesprochen?«
»Ich weiß nicht. Es tut mir leid. Ich kann mich nicht erinnern. Vielleicht habe ich auch einfach nicht zugehört.«
»Wenn Sie erlauben, Herr Kronberger, würde ich mir gern mal die Papiere Ihrer Frau ansehen«, bat Hertling.
»Was für Papiere?«
»Was man so hat. Kontoauszüge . . .«
»Meine Frau hatte kein eigenes Konto.«
»Vater! Rede doch nicht so, als ob sie tot wäre! Wir wissen ja noch gar nichts Genaues!«
»Natürlich haben wir keinen Hausdurchsuchungsbefehl oder so etwas«, sagte Hertling, »ich verlasse mich auf Ihr Entgegenkommen, Herr Kronberger. Aber wenn Sie uns jetzt Einblick in die Unterlagen geben könnten, brauchten wir Sie nicht wieder zu belästigen.« Bedeutungsvoll fügte er hinzu: »Auch nicht die Kriminalpolizei.«
Kronberger wechselte die Farbe. »So weit ich es bis jetzt verstehe, handelt es sich um einen simplen Unfall.«
»Simpel bestimmt nicht, bevor die . . .« er stockte und verbesserte sich: ». . . das Opfer nicht unzweifelhaft identifiziert und die Todesursache festgestellt worden ist, das müssen Sie doch verstehen. Je schneller wir Klarheit haben, desto besser für alle Beteiligten.«
»Sie glauben, daß Sie die Todesursache aus irgendwelchen ominösen Papieren herausschnüffeln können?« fragte Kronberger mit einem Anflug von Ironie, der geradezu zynisch wirkte.
Hertling blieb gelassen. »Das ist Aufgabe von Professor Spahn vom kriminalmedizinischen Institut. Aber es würde uns ein gutes Stück weiterhelfen, wenn wir die Firma wüßten, bei der Ihre Frau gearbeitet hat . . . und die Adresse ihres Zahnarztes.«
»Die weiß ich!« erklärte Beate rasch.
»Ja?« Hertling zog sein Notizbuch und zückte einen Bleistift.
»Doktor Herbert Wörner, Effnerstraße.«
»Danke.«
»Und wenn Mutter irgendwelche Unterlagen hat, dann sind sie bestimmt in ihrem Schreibtisch.«
»Würden Sie ihn mir bitte zeigen, Herr Kronberger? Ich versichere Ihnen, ich werde nichts anrühren, was nicht unmittelbar mit dem Fall zu tun hat. Sie dürfen mir ruhig auf die Finger schauen.«
»Nein!« sagte Kronberger spontan, aber der unbewegte Blick des jungen Polizeibeamten brachte ihn dann doch dazu, nachzugeben. »Schließlich . . . warum auch nicht?
Nur lassen Sie mich dabei aus dem Spiel. Ich will mich jetzt endlich duschen und umziehen. Meine Tochter ist bestimmt gern bereit, Ihnen alles zu zeigen, was Sie sehen wollen.« Er übersah den Porzellanaschenbecher, den Beate ihm hingeschoben hatte, drückte seine Zigarette auf dem benutzten Teller aus, stand auf und verließ grußlos die Küche.
»Sie müssen das verstehen«, sagte Beate entschuldigend, »mein Vater ist sonst nicht so. Diese Geschichte hat ihn aus dem Gleichgewicht geworfen.«
Der Schreibtisch von Sibylle Kronberger stand in ihrem Schlafzimmer; ein zierliches Möbel mit geschwungenen Beinen aus rötlich schimmerndem, poliertem Holz. Daneben, nicht davor, prunkte ein Backensessel unter einer Stehlampe mit einem Schirm aus plissierter rosa Seide. Die Ecke sah aus, als hätte Sibylle Kronberger sich dorthin zurückgezogen, wenn sie allein sein wollte. Die Platte des Schreibtisches war leer bis auf eine chinesische Vase mit weißen Seidenblumen. Den Polizeibeamten schwand die Hoffnung, hier interessante Entdeckungen zu machen.
Beate zog die Schublade auf und griff hinein. Es kam eine mit grauem Stoff überzogene Mappe zum Vorschein, deren Ränder gelocht und mit roten Lederstreifen umflochten waren. »Die habe ich gemacht, als ich noch klein war«, erklärte Beate und errötete leicht, als sie die Mappe Hertling übergab.
Er schlug sie auf. Es lagen einige Kassenzettel darin von Einkäufen, die Sibylle Kronberger in den letzten Monaten gemacht hatte. Sie stammten hauptsächlich von Modehäusern, zwei von einem Eisenwarengeschäft. Hertling blätterte sie durch und fand die Kopie einer Zahnarztrechnung vom November vergangenen Jahres. Sie lautete über mehrere tausend Mark.
»Ein ansehnlicher Betrag«, sagte er.
»Mutter hat sich Jacketkronen machen lassen«, erklärte Beate, »wir sind in einer privaten Krankenversicherung.« »Aber die Rechnung ist nicht von dem Zahnarzt, den Sie mir angegeben haben. Wie war doch der Name?«