Czytaj książkę: «Im Internat gibt's keine Ruhe»
Marie Louise Fischer
Im Internat gibt‘s keine Ruhe
SAGA Egmont
Im Internat gibt’s keine Ruhe
Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de) represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)
Originally published 1967 by F. Schneider, Germany
All rights reserved
ISBN: 9788711719565
1. Ebook-Auflage, 2017
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Eine unerhörte Neuigkeit
Auf dem Schloßinternat Hohenwartau war große Pause.
Über das bucklige, uralte Kopfsteinpflaster des Schloßhofes rannten, hüpften, jagten und stießen sich die kleinen Mädchen, während die älteren, kichernd oder in ein ernsthaftes Gespräch vertieft, auf und ab spazierten.
Einige Schülerinnen der zwölften Klasse hatten sich die breite Rampe erobert, die schräg zum Burgtor hinaufführte. Hier saßen sie nun dicht nebeneinander, aufgereiht wie die Schwalben. Die meisten hatten den Kopf in den Nacken gelegt und blinzelten in den föhnblauen Himmel hinauf und zu den bayrischen Voralpen, auf deren Gipfeln über Nacht der erste, sehr weiße Schnee gefallen war. Sie genossen die wärmenden Strahlen der Herbstsonne, die Hunderte von großen und kleinen Fenstern des Schlosses aufblitzen ließ, während der Hof selber schon im Schatten lag.
Sie merkten nicht, daß sich unter ihren Mitschülerinnen eine sonderbare Unruhe auszubreiten begann. Die kleinen Mädchen, die eben noch getobt und gespielt hatten, rotteten sich in Gruppen zusammen, und auch die Spaziergängerinnen blieben stehen und tuschelten miteinander.
Kicki, ein zierliches Chinesenmädchen, Schülerin der Zwölften, kam um die Ecke gesaust und schrie: “Herhören, Kinder! Eine Riesenneuigkeit!”
Ihre Klassenkameradinnen fühlten sich unsanft aus ihren Träumen gerissen.
“Um Himmels willen, schrei nicht so”, mahnte Yvonne und bemühte sich, sie mit ihren vom Licht noch halb geblendeten blauen Augen beschwörend anzusehen. “Wir sind ja nicht taub!”
“Scheint mir aber doch so”, erwiderte Kicki keck, “sonst wärt ihr nicht die letzten, die davon erfahren!”
“Wie meinst du das?” fragte die braungelockte, sehr natürliche Helga ohne sonderliches Interesse.
“Na, seht euch doch mal um! Begreift ihr immer noch nicht, was passiert ist?”
Die muskulöse, sportlich durchtrainierte Ellen schwang sich elegant mit den Füßen auf die Rampe. “Hm, sieht aus wie ein Aufruhr im Bienenhaus”, stellte sie fest.
“Du hast es erfaßt!” bestätigte Kicki.
“Jetzt bitte ich dich, mach es nicht ganz so spannend, Kicki”, drängte Babsy, eine amerikanische Negerin, die mit den anderen schon seit Jahren auf Hohenwartau war. Ihre Eltern waren beide berühmte Sänger und in Europa engagiert.
Kicki hätte die anderen gerne noch länger auf die Folter gespannt, aber sie konnte sich nicht zurückhalten. “Tweedy hat sich verlobt!” platzte sie heraus.
“Was?” rief Hannelore, die sich sonst immer viel auf ihre Erfahrung und ihre Seelenruhe zugute tat, ganz verblüfft.
Den anderen verschlug es die Sprache. Dr. Herbert Jung, genannt Tweedy, war zu Beginn des Schuljahrs als Lehrer für Deutsch und Englisch nach Hohenwartau gekommen, und es gab nicht eine unter den Schülerinnen der zwölften Klasse, die nicht mehr oder weniger heimlich für ihn geschwärmt hatte. Helga und Yvonne, die früher die besten Freundinnen gewesen waren, hatten sich sogar seinetwegen ernstlich zerstritten.
“Wollt ihr denn gar nicht wissen, mit wem?” fragte Kicki.
“Menschenskind, red endlich!” rief Margot. “Du machst uns noch wahnsinnig!”
“Dich?” fragte Kicki zurück. “Ich dachte immer, du wärst verlobt!”
“Das nimmt mir doch nicht das Recht, neugierig zu sein!” sagte Margot.
“Ganz bestimmt nicht”, mischte die rothaarige Uschi sich ein, ”ich gehöre auch nicht zu denjenigen, die sich Hoffnungen auf ihn gemacht haben, aber trotzdem …”
“Also los! Wer ist es?” Ellen sprang von der Rampe, packte die um einen Kopf kleinere Kicki bei den Schultern und schüttelte sie kräftig. “Sprich, oder du kannst was erleben!”
“Aua! Laß mich los, oder du erfährst kein Wort!”
Ellen lockerte ihren Griff.
Kicki holte tief Atem und sagte mit heller, überkieksender Stimme: “Trudchen!”
“Das ist nicht möglich!” Helga starrte sie fassungslos an. “Das ist doch einfach nicht möglich!”
“Ich glaub‘s auch nicht”, erklärte Yvonne, seit langem zum ersten Mal wieder einer Meinung mit der ehemaligen Freundin.
“So einen schlechten Geschmack kann Tweedy bestimmt nicht haben.”
“Trudchen könnte ganz gut aussehen, wenn sie sich nur etwas besser zurechtmachte”, wandte Uschi ein. “Zumindest hat sie eine tadellose Figur!”
“Ach was, darauf kommt es doch gar nicht an”, erklärte Margot. “Laßt euch mal was von einer erfahrenen Frau erzählen: Trudchen ist immerhin die Tochter des Direktors, und Tweedy kriegt nicht nur sie, sondern alles, was damit zusammenhängt, das ganze Internat mit allem Drum und Dran! Und für einen Lehrer ist das schon ein lohnender Happen!”
“Du meinst, er hat sie ihres Geldes wegen genommen?” Babsy rollte die blitzenden Augen. “Das wäre doch wirklich die größte Gemeinheit des Jahrhunderts!”
Sie diskutierten eifrig weiter, und nicht nur die Schülerinnen der zwölften Klasse, sondern auch die älteren und die jüngeren bis hinab zu den ganz neuen kannten heute nur das eine Thema: das Gerücht über Dr. Herbert Jungs Verlobung.
Es wurden Wetten darüber abgeschlossen, ob es wirklich stimmte oder nur eine Internatsente war. Niemand spielte mehr, niemand warf noch einen letzten Blick in ein Schulbuch, sondern alle standen in kleinen und großen Gruppen beieinander und besprachen das Ereignis.
Die Zwölfte konnte die Nachricht noch nicht glauben.
“Fragen wir doch einfach Tweedy, ob es wirklich stimmt”, schlug Yvonne vor.
“Unmöglich”, widersprach Uschi und bekam schon bei dem bloßen Gedanken an eine solche Kühnheit einen roten Kopf.
“Warum denn nicht? Das ist doch das allereinfachste”, behauptete Yvonne.
Ellen dämpfte ihr Selbstgefühl: “Gib nicht so an, du traust dich ja doch nicht!”
“Und außerdem”, gab Babsy zu bedenken, “woher sollen wir denn wissen, ob er uns die Wahrheit sagt. Wenn er uns bis heute an der Nase herumgeführt hat, dann ist ihm doch auch zuzutrauen, daß er uns auch weiter beschwindelt.”
“Das hat er nie getan”, versuchte Helga den geliebten Lehrer zu verteidigen, aber es kam nicht sehr überzeugend heraus; seit Kickis Eröffnung fühlte sie sich geradezu körperlich elend, so groß war ihr Schmerz.
“Natürlich hat er das!” widersprach Margot. “Er hat uns den Junggesellen vorgespielt, dabei war er in Wirklichkeit längst gebunden. Oder glaubt ihr etwa, daß er sich aus heiterem Himmel mit Trudchen verlobt hat?”
“Ganz bestimmt nicht!” rief Ellen. “Erinnert ihr euch, wie sie ihn damals, am ersten Schultag, bei seinem Auto begrüßt hat? Die beiden haben sich gekannt, bevor er hier ankam, und wahrscheinlich hat er überhaupt nur ihretwegen in Hohenwartau angefangen!”
“So ein Schuft!” stieß Uschi hervor.
“So ein elender, gemeiner Halunke!” zischte Yvonne.
“Aber vielleicht stimmt ja alles gar nicht”, wandte Helga verzweifelt ein. ”Vielleicht ist es nur ein dummes Gerücht. Ihr wißt doch, wieviel hier geredet und getratscht wird.”
“Somit wird mein Vorschlag wieder akut”, stellte Yvonne fest, “wir müssen ihn fragen.”
In diesem Augenblick kam Ilse, die Klassenbeste, angefegt, ein untersetztes Mädchen mit glanzlosem, strohblondem Haar und zahllosen Sommersprossen auf Nase und Stirn.
“Habt ihr schon gehört…” begann sie.
Hannelore winkte ab. “Ja, alles. Wir überlegen gerade, ob wir Tweedy fragen sollen, ob es wirklich stimmt.”
“Nein, wenn schon, dann sie!” erklärte Margot. “Wenn Trudchen ihn sich wirklich geangelt hat, dann wird sie viel zu stolz darauf sein, um es abzuleugnen.”
“Und wenn sie es ableugnet”, behauptete Helga mit zaghafter Hoffnung, “können wir sicher sein, daß es nur ein Gerücht ist.”
“Nur nicht so hastig!” warnte Ilse. “Es kommt auch darauf an, wie sie nein sagt, findet ihr nicht? Wir müssen sie genau beobachten, wenn wir die Wahrheit herausbringen wollen.”
”Sehr richtig”, stimmte Margot zu. ”Ich bin ausnahmsweise deiner Meinung. Jetzt nur noch eines: Wer hat das Herz, Trudchen zur Rede zu stellen?”
”Ich natürlich”, erwiderte Yvonne prompt. ”Ihr braucht mich gar nicht so anzustaunen. Was ist denn schon dabei? Schließlich ist Hohertwartau eine Privatschule, und das bedeutet, daß sie vom Geld unserer Eltern existiert. Wieso sollten wir da Angst vor ihr haben? Das heißt”, fügte sie mit einem boshaften Blick auf Helga hinzu, ”abgesehen von denjenigen, die gnadenweise als Stipendiatinnen hier sind.”
”Glaub nur nicht, daß du mich damit triffst”, parierte Helga, ”mir ist es lieber, ich verdanke den Aufenthalt auf Hohenwartau meiner Intelligenz als, wie gewisse andere, nur dem Geld der Eltern!”
”Bitte, nun zankt euch nicht schon wieder”, versuchte Babsy zu vermitteln, ”das sind doch olle Kamellen.”
”Angst haben wir ja auch nicht”, sagte Ellen nachdenklich, ”jedenfalls nicht in dem Sinne, daß wir fürchten, sie könnte uns beißen. Aber zwischen Mut und Unverschämtheit klafft eben doch eine erhebliche Lücke. Mir kommt es taktlos vor, so direkt zu fragen.”
Yvonne warf ihr blondes Haar in den Nacken. ”Na, wenn ihr meint, es gehört sich nicht, dann verzichten wir eben. Obwohl ich eigentlich nicht einsehe, warum.”
”Ich auch nicht”, erklärte Margot rasch. ”Frag sie nur, Yvonne, und hör nicht auf Ellens Meckerei. Wir anderen sind dir ja dankbar, daß du dich traust, nicht wahr? Du doch auch, Helga?”
”Ja”, gestand Helga ehrlich, ”ich möchte es auch wissen, und zwar so schnell wie möglich!”
Die letzte Stunde an diesem Tag war Handarbeit bei der Tochter des Direktors. Keinem der Mädchen entging es, daß sie einen funkelnagelneuen goldenen Ring mit einem kleinen Brillanten am Ringfinger der linken Hand trug. Alle warteten gespannt auf den großen Augenblick, da Yvonne fragen würde.
Aber in den ersten zehn Minuten ergab sich keine Gelegenheit, denn Fräulein Pförtner ließ sich des längeren und des breiteren über die katastrophale Unordnung im Handarbeitsschrank aus und versuchte, den Mädchen klarzumachen, daß Ordnung und Sauberkeit die grundlegenden Voraussetzungen für jede gute Handarbeit seien.
Endlich aber mußte sie doch einmal Luft holen, und Yvonne erhob sich langsam und mit Nachdruck.
”Na, was gibt es?” fragte Fräulein Pförtner, da Yvonne beim besten Willen nicht zu übersehen war.
”Ich habe nur eine kleine Frage …”
Die anderen Mädchen hielten den Atem an und ließen die Strickereien sinken.
”Kommen Sie mit Ihrem Muster nicht zurecht?”
”O doch, Fräulein Pförtner, es handelt sich um eine private Frage.”
”Dann stellen Sie sie mir, bitte, nach dem Unterricht. Ich stehe Ihnen im Konferenzzimmer zur Verfügung.”
”Danke, Fräulein Pförtner”, erwiderte Yvonne mit bewundernswürdiger Gelassenheit, ”aber es handelt sich um eine Frage, die nicht nur mich brennend interessiert.” Und rasch, ehe Fräulein Pförtner dazu kam, sie noch einmal zu unterbrechen, fügte sie hinzu: ”Stimmt es, daß Sie sich mit Doktor Herbert Jung verlobt haben?”
“Ja”, sagte Fräulein Pförtner nur, aber dieses eine kleine Wort schlug wie eine Bombe ein.
”Also doch!” stieß Yvonne hervor, plötzlich gar nicht mehr gelassen.
Fräulein Pförtner tat, als ob sie den Schock, den sie den Mädchen verpaßt hatte, nicht bemerkte. “Ja, Sie dürfen mir gratulieren“, erklärte sie lächelnd. “Die offizielle Verlobung wird zwar erst unter dem Weihnachtsbaum stattfinden, aber Doktor Jung wollte nicht mehr so lange warten. So haben wir gestern schon die Ringe getauscht.”
“Na dann, herzlichen Glückwunsch”, sagte Margot, aber es klang alles andere als begeistert.
Helga war es plötzlich, als wenn der ganze Raum sich erst langsam, dann immer schneller um sie zu drehen begänne.
”Helga, was haben Sie denn?” rief Fräulein Pförtner besorgt.
”Die Luft”, brachte Helga mühsam hervor, ”es ist so … so stickig!”
”Machen Sie die Fenster auf!”
Helga fühlte sich links und rechts gepackt und zu einem der geöffneten Fenster geschleppt. Die schneidend kalte Luft tat ihr gut. Sie atmete tief durch, und die Welt um sie herum kam zum Stillstand.
Aber der wehe, nie zuvor gefühlte Schmerz in ihrer Brust blieb und bohrte sich tiefer und tiefer.
Als Fräulein Pförtner nach der Stunde das Klassenzimmer verlassen hatte, sprang Yvonne auf einen der vorderen Tische.
”So leicht wollen wir es Tweedy nicht machen!” rief sie. ”Wir werden ihm einen Denkzettel verpassen! Wer ist dafür? Wer ist dagegen?”
”Dem tunken wir’s ein“, rief Kicki.
“Jawohl, der kann sich auf was gefaßt machen!” stimmte Babsy zu.
“Und wenn ich mir meine Noten verderbe, ich mache mit!” erklärte Ilse.
Rache für Tweedys Verrat!
Die ganze zwölfte Klasse war dafür, Rache an Dr. Herbert Jung zu nehmen. Alle Schülerinnen fühlten sich von ihm an der Nase herumgeführt, auch diejenigen, denen er niemals besondere Aufmerksamkeit geschenkt hatte. Auch sie hatte er durch sein bloßes Auftreten, seine anziehende männliche Erscheinung, seine klugen grauen Augen und die sympathischen Lachfältchen zu Träumen verfuhrt, in die sie sich nicht hineingesteigert haben würden, wenn sie von vornherein gewußt hätten, daß er schon in festen Händen war.
Margot, Hannelore und Helga schien es zwar kindisch, den Ärger über ihre Enttäuschung durch einen Streich abzureagieren, aber keine von ihnen wollte sich gegen die Allgemeinheit stellen. Helga, die wohl am tiefsten getroffen war, fühlte sich immer noch ganz verwirrt und erledigt und sehnte sich danach, endlich mit ihren Gedanken allein zu sein. Sie hätte im Augenblick beim besten Willen nicht die Kraft aufgebracht, sich für den geliebten Lehrer einzusetzen.
So kam es, daß Yvonnes Vorschlag einstimmig angenommen wurde. Nur über die Art des Denkzettels, den man Dr. Herbert Jung verpassen wollte, konnte man sich nicht so rasch einigen, und die Sitzung wurde vorerst durch den Gong, der zum Mittagessen rief, unterbrochen.
Aber ohne daß eine bestimmte Verabredung getroffen worden war, fanden sich alle in der Freizeit wieder zusammen, und zwar unter der großen Ulme im Park. Der dicke Stamm des alten Baumes war von einer runden hölzernen Bank umgeben, bei der sie sich schon in den ersten Jahren ihrer Internatszeit zu treffen pflegten, als das Heimweh sie noch geplagt hatte und sie Pläne schmiedeten, wie sie am besten ausreißen könnten. Die Vorliebe für diesen Platz war ihnen seitdem geblieben.
Heute stand die Ulme entlaubt, die Bank war feucht, und der Wind pfiff um den Stamm, so daß die Mädchen sich unwillkürlich zusammenduckten, denn sie froren in ihren Jacken und Anoraks.
Yvonne sah von einer zur anderen. ”Puh, wie seht ihr aus! Nun macht gefälligst mal andere Gesichter.”
”Wir sind alt geworden, Yvonne”, erklärte Helga, und sie empfand es wirklich so; sie fühlte sich wie eine uralte, vom Leben enttäuschte Frau.
”Wahnsinn!” rief Babsy. ”Nun zieht bloß kein Drama ab. Es ist bloß lausig kalt hier, das ist alles.”
”Dann laßt uns doch ins Gewächshaus flüchten”, schlug Kicki vor.
Damit waren alle einverstanden, und sie trabten mit eingezogenen Köpfen, hochgeschlagenen Jackenkragen und. Kapuzen, die Hände tief in die Taschen gebohrt, zur Gärtnerei.
Das Treibhaus war so niedrig, daß die größeren der Mädchen nur gebückt stehen konnten. Dafür aber war es hier drinnen mollig warm, und es roch angenehm nach schwarzer feuchter Erde und nach blühenden Blumen. Sie schoben sich ein paar leere Kisten zurecht und hockten sich in den engen Gang.
Wieder war es Yvonne, die als erste das Wort ergriff. ”Meine Damen”, rief sie, ”wir sind uns, wie wir heute früh durch Abstimmung festgestellt haben, alle darin einig, daß Dr. Herbert Jung, genannt Tweedy, schändlich und verräterisch an uns gehandelt hat und deshalb Strafe verdient hat. Die Frage ist jetzt nur noch: Was wollen wir ihm antun?”
”Vielleicht”, sagte Kicki und hob eifrig ihren schlanken gelben Finger, als säße sie in der Klasse, ”vielleicht könnten wir ihm die Ärmel und Hosenbeine seines Schlafanzuges zusammennähen oder … oder ihm einen nassen Schwamm ins Bett legen!” Sie war ganz erstaunt, als die anderen sie auslachten.
”Was gefällt euch denn daran nicht?” fragte sie. ”Das wäre doch eine gute Idee!”
”Nein, Kicki”, sagte Yvonne energisch, ”das wäre einfach kindisch.”
”Wir wollen ihn ja demütigen”, erklärte Babsy. ”Und mit so einem dummen Streich würden wir höchstens erreichen, daß er uns für alberne Gänse hält.”
”Das hat er wahrscheinlich von Anfang an getan”, sagte Helga bitter.
”Dich vielleicht!” platzte Yvonne heraus. ”Aber mich bestimmt nicht!”
”Nein, dich nicht!” bestätigte Babsy mit gespielter Bewunderung. ”Für dich hat er sich ehrlich interessiert, schöne Yvonne, in dich war er sogar wie verrückt verliebt… deshalb hat er sich dann ja auch mit Trudchen verlobt.”
Alle lachten. Yvonne bekam einen roten Kopf.
”Kinder, Kinder, seid friedlich”, mahnte Ellen, ”wenn wir uns jetzt untereinander streiten, können wir unseren Racheplan gleich aufgeben.”
”Ellen hat recht”, stimmte Margot zu, ”überlegt euch, was ihr wollt: euch gegenseitig bekriegen oder gemeinsam auf Tweedy losgehen. Nur Einigkeit macht stark.”
”Na schön”, sagte Yvonne. ”Ich nehme hiermit feierlich zurück, was ich gesagt habe, und behaupte das Gegenteil: Tweedy hat es mit mir genauso wenig ernst gemeint wie mit jeder anderen.” Sie warf einen Seitenblick auf Helga. ”Jetzt zufrieden?”
Helga war mehr als zufrieden. Sie gestand sich, daß sie selber kaum in der Lage gewesen wäre, ihre Niederlage so rückhaltslos zuzugeben. Aber ehe sie noch etwas sagen konnte, kam Babsy ihr zuvor.
”Na klar!” rief sie. ”So genau nehmen wir es ja gar nicht. Aber wenn ich jetzt mal einen Vorschlag machen darf: Wie wäre es, wenn wir seinem Pferd Pfeffer unter den Schwanz streuen würden, so daß es mit ihm durchgeht? Ich meine natürlich, wenn er darauf sitzt.”
”Wie willst du denn das bewerkstelligen?” fragte Yvonne.
”So weit habe ich noch gar nicht gedacht”, mußte Babsy zugeben.
”Das mit dem Pferd ist jedenfalls gar nicht schlecht”, erklärte Uschi. ”Man müßte es irgendwie erschrecken, so daß es in die Luft geht und er es kaum noch bändigen kann.”
”Wäre das nicht zu gefährlich?” warf Helga ein. ”Wenn er sich nun das Genick bricht?”
”Quatsch”, sagte Yvonne. ”Denk mal nach: Wie oft bist du schon vom Pferd gefallen und hast dir niemals was gebrochen!”
”Ist mein Vorschlag also angenommen?” fragte Babsy hoffnungsvoll.
”Nein, abgelehnt”, erklärte Ellen, ”wegen völliger Undurchführbarkeit. Tweedy ist nie allein in der Reitbahn sondern immer mit Herrn Künzel, dem Reitlehrer, Trudchen, dem Direx und meist noch Doktor Meyr, unserem Physikus, zusammen. Wenn wir also einen Knallfrosch losließen oder so etwas, würden alle Pferde scheuen, nicht nur das arme Viech, auf dem er sitzt. Wenn wir dem Pferd Pfeffer in den Potsch streuten, würde es unruhig, noch bevor er aufsteigt. Und da er sich, wie wir wissen, sein Pferd immer selber sattelt und aufzäumt, ist es ausgeschlossen, irgend etwas Stechendes unter den Sattel zu praktizieren. Auch wenn es ginge, wäre ich dagegen, denn was kann der gute ’Sultan’ dafür, daß wir’ne Wut auf den Tweedy haben?”
Es wurden noch verschiedene Vorschläge gemacht. Einige waren sehr harmlos und nichts anderes als ganz gewöhnliche Schulstreiche: Tinte auf dem Lehrerstuhl ausschütten oder den Sitz mit Uhu bestreichen, Heftzwecken ausstreuen, einen Wecker aufziehen und im Klassenschrank verstecken und was dergleichen Witze mehr sind. Andere aber wurden schon gefährlicher: Die Luft aus den Reifen seines Autos lassen, die Bremsleitung beschädigen, ihm Steine durch die Scheiben ins Zimmer werfen. Aber die Mädchen konnten sich auf nichts einigen.
”Ich glaube, ich glaube”, sagte Yvonne endlich und strich sich nachdenklich mit dem Finger über den Rücken ihres hübschen Näschens, ”Babsy war vorhin doch auf dem richtigen Wege. Es müßte ihm etwas beim Sport passieren, das wäre das beste. Nur eben mit Pferden geht es nicht.”
”Dann eben beim Schwimmen!” rief Babsy.
”Das ist das Ei des Columbus!” Uschi hopste so aufgeregt hoch, daß sie fast mit ihrem Kopf die Scheibe des Treibhauses durchstoßen hätte. ”Tweedy schwimmt manchmal abends mutterseelenallein einige Runden, ich habe das schon ein paarmal zufällig beobachtet …”
”Wirklich zufällig?” fragte Yvonne sofort. ”Oder wolltest du dich nicht vielmehr an seinem behaarten Männerkörper erfreuen?”
“Keine persönlichen Spitzen, Yvonne”, mahnte Kicki. Babsy meinte arglos: ”Aber er ist doch gar nicht behaart!”
Alle lachten.
“Schwimmbad ist gut”, sagte Ellen, “soviel steht fest. Aber was können wir im Bad mit ihm anstellen? Ihn runterschubsen, wenn er auf das Sprungbrett tritt?”
”Nein, nein, zu kompliziert”, sagte Yvonne. ”Ich weiß etwas viel Einfacheres. Wir müssen ihm auflauern. Wenn er mal wieder einsam seine Runden zieht, stürzen wir uns alle gleichzeitig auf ihn und tunken ihn unter.”
”Aber nicht zu lange”, mahnte Helga.
”Natürlich nicht, du Dummchen”, sagte Yvonne, ”wir wollen ihn ja nicht umbringen. Er soll es nur mit der Angst zu tun bekommen und merken, daß er mit uns nicht so umspringen kann.”
“Ausgezeichnet”, stimmte Ellen zu, ”laßt uns darüber abstimmen!”
”Moment mal”, wandte Helga ein, ”ich weiß nicht, ob das wirklich ganz das Richtige ist! Wäre es nicht besser, wir würden einfach in eine Art … Sprechstreik ihm gegenüber treten? Uns in seinen Stunden überhaupt nicht mehr melden? Und wenn er uns aufruft, ihn bloß angucken und schweigen?”
Diese Idee fanden alle großartig.
”Das ist goldrichtig, Helga”, rief Yvonne, ”aber allein ist es nicht wirkungsvoll genug. Ich schlage vor, daß wir beide Methoden koppeln. Wir treten bei Tweedy in den Sprechstreik und tunken ihn bei nächster Gelegenheit unter.” Sie blickte Helga aus funkelnden Augen an. ”Oder hast du etwa Mitleid mit ihm? Willst du ihn schonen?”
”Nein”, behauptete Helga. Sie verstand selbst nicht, warum sie, trotz allem, was geschehen war, Tweedy immer noch schützen wollte.
”Dein Glück”, erklärte Yvonne. ”Also nun … wie steht es? Können wir jetzt zur Abstimmung schreiten?”
Alle Mädchen waren für die beiden zur Debatte stehenden Rachefeldzüge.
”Also abgemacht!” rief Yvonne triumphierend. ”Tweedy soll sich noch wundern. Die Sitzung ist hiermit geschlossen, das heißt, ihr könnt natürlich hocken bleiben, solange ihr wollt. Ich habe noch etwas zu erledigen.”
Helga hatte das bestimmte Gefühl, daß Yvonne im Begriff stand, eine große Dummheit zu machen. Wäre sie noch so befreundet mit ihr gewesen wie früher, ehe die Rivalität um die Gunst des Lehrers sie auseinandergebracht hatte, wäre sie ihr sicher nachgelaufen. Sie hätte sie mit Fragen bestürmt und sie gegebenenfalls gewarnt. So aber unterließ sie es. Sie fühlte sich nicht mehr für die ehemalige Freundin verantwortlich.
Yvonne aber rannte durch den Park zum Schloß zurück und lief die breite steinerne Treppe hinauf durch den Wohnraum und in ihr Zimmer. Rücklings auf dem Bett liegend verfaßte sie einen langen Brief an ihren Vetter Hans.
Hans Mayr war ein gutaussehender junger Mann, der – und das war das Wichtigste für Yvonne – sie seit Jahren heiß verehrte. Zwar war er nicht gerade eine geistige Leuchte: Obwohl er schon zwanzig Jahre alt war, sah es nicht so aus, als ob er in absehbarer Zeit das Abitur schaffen würde. Aber seine Eltern waren reich, so daß seine Schulleistungen keine große Rolle spielten. Später würde er doch die väterliche Firma übernehmen und, falls er nicht ausgesprochenes Pech hatte, bis ans Ende seiner Tage gesichert sein.
Aber daran dachte Yvonne jetzt gar nicht, sondern nur daran, daß er immerhin in greifbarer Nähe, nämlich im Schullandheim Marquartstein war. Er würde auf einen Wink von ihr zu jeder Dummheit bereit sein. Außerdem fuhr er ein schickes, knallrotes Sportauto, so daß man ihn wirklich nicht als einen gewöhnlichen Schuljungen einstufen konnte.
Bei jedem zärtlichen Wort, das sie zu Papier brachte, mußte sie vor sich hinlächeln. Sie stellte sich vor, was Hans für ein Gesicht machen würde, wenn er diesen Erguß las. Er war nicht an Liebeserklärungen von ihr gewöhnt.
Gleichzeitig aber hatte Yvonne auch das Gefühl – obwohl sie mit dem Verstand wußte, daß sie sich nur selber etwas vormachte –, Tweedy dadurch zu kränken und zu verletzen. Und so bereitete ihr dieses Schreiben, das ihr bestimmt nicht aus dem Herzen kam, dennoch in doppelter Hinsicht Genugtuung.
Darmowy fragment się skończył.