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Marie Louise Fischer

Im dunklen Land der Träume

SAGA Egmont

Im dunklen Land der Träume

Genehmigte eBook Ausgabe für Lindhardt og Ringhof Forlag A/S

Copyright © 2017 by Erbengemeinschaft Fischer-Kernmayr, (www.marielouisefischer.de)

represented by AVA international GmbH, Germany (www.ava-international.de)

Originally published 1988 by Heyne Verlag, Germany

All rights reserved

ISBN: 9788711718933

1. Ebook-Auflage, 2017

Format: EPUB 3.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt og Ringhof und Autors nicht gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Als sie die düstere Eisenbahnunterführung an der Rosenheimer Straße verließ, hatte die Sonne die tiefen Frühlingswolken am Münchener Himmel durchbrochen, und der flimmernde Glanz blendete Saskia für Sekunden. Unwillkürlich schloß sie die Augen. Als sie sie wieder öffnete, war die Sonne nicht verschwunden, wie sie fast gefürchtet hatte, sondern ihr Schein war noch intensiver geworden.

Saskia freute sich. ›Der Beginn eines neuen Lebens!‹ schoß es ihr durch den Kopf.

Doch sogleich wies sie sich zurecht. Sie wollte nicht übertreiben, nicht einmal vor sich selber. Von einem neuen Leben konnte keine Rede sein. Sie war jetzt 24 Jahre alt und fühlte sich, auch wenn sie wieder bei ihrer Mutter lebte – nur vorübergehend, darin waren sie sich einig – als erfahrene Frau. Sie stand im Begriff, eine neue Stellung anzutreten, das war alles. Und es wäre falsch gewesen, sich zuviel davon zu versprechen. Auf große Hoffnungen folgten immer nur Enttäuschungen, zwangsläufig, wie sie wußte. Also hieß das Gebot der Stunde: sachlich, ruhig und nüchtern bleiben.

Aber das war leichter gedacht als getan. Sie konnte ihrem Herzen nicht verbieten, schneller zu schlagen.

Als sie in die Friedenstraße einbog, tauchte schon der Sitz der Firma vor ihr auf, ein großes graues Haus mit einer eleganten, von Bogenfenstern durchbrochenen Fassade. Moser Chips und Snacks verkündeten Riesenbuchstaben vom flachen Dach her. Ein Messingschild neben der Einfahrt wies sich bescheidener als Moser Compagnie aus. Saskia wußte, daß Moser führend in Deutschland war. Der Parkplatz vor dem Gebäude war noch nicht belegt. Saskia hatte an ihrem ersten Arbeitstag unbedingt pünktlich sein wollen, und das hatte sie geschafft. Daß sie zu früh gekommen war, machte ihr nichts aus. Immerhin war die schwere, polierte Tür, gegen die sie etwas zaghaft drückte, schon geöffnet. Sie brauchte nicht zu klingeln und stand gleich danach in der Eingangshalle. Der Raum war so hoch wie die dahinter liegende Fabrik, die unsichtbar blieb, wenn auch das Rattern der Maschinen zu hören und ein leichtes Beben fühlbar waren, das auf seltsame Weise erregend wirkte.

Aber die Halle war klein, geradezu eng. Die beiden Aufzüge lagen gegenüber der Tür, nur wenige Schritte von ihr entfernt. Linker Hand standen ein Sofa, ein niedriger Tisch, mit Prospekten belegt, rechts ein Empfangspult, das noch nicht besetzt war. Bei Moser wurde nichts verschwendet, nicht einmal Raum.

Saskia überlegte, ob sie abwarten sollte. An der Wand zwischen den Aufzügen und dem Pult waren Messingtafeln angebracht, die die Tätigkeiten in den einzelnen Stockwerken auswiesen. Saskia versuchte, sich auf ihnen zurechtzufinden.

Plötzlich spürte sie, daß sie nicht mehr allein war, obwohl sie keine Schritte gehört hatte. Sie zuckte zusammen und drehte sich um. Ein junger Mann stand vor ihr. Sie sah in fröhliche braune Augen, entdeckte ungebärdiges dunkles Haar und einen dicken Schnauzbart über einer festen Unterlippe.

»Oh, hallo!« sagte er, deutlich überrascht, einer Unbekannten zu begegnen.

»Könnten Sie mir bitte sagen …«, begann sie zögernd.

»Wohin Sie wollen?« ergänzte der junge Mann scherzhaft.

Saskia strahlte. »Das weiß ich schon! Nur nicht, wo das ist!«

»Im zweiten Stock«, erklärte er prompt.

»Danke, vielen Dank! Nett von Ihnen.« Plötzlich stutzte sie. »Woher wissen Sie?«

Sein Lächeln verstärkte sich, kräftige Zähne wurden sichtbar. »Dank meiner Menschenkenntnis. Sie sind Fotomodell.«

»Nein! Bin ich nicht!« widersprach sie prompt.

Sein Lächeln erlosch. »Nein?« wiederholte er enttäuscht; er klang fast beleidigt.

Saskia wußte selber nicht, wie schön sie war. Sie haßte ihr helles, von Natur aus krauses Haar, das sie nur bändigen konnte, wenn sie es auf große Wickler drehte, fand ihren Mund zu breit, die Nase unbedeutend und hätte lieber blaue Augen gehabt als braune.

Unwillkürlich sah sie an sich herab, um zu entdecken, wodurch sie einen so falschen Eindruck erweckt hatte. Ihr sandfarbenes Kleid mit dazu passender Jacke in Leinenstruktur waren ganz unauffällig. Sie war jetzt froh, daß sie einen Büstenhalter trug, den sie ihrer Meinung nach nicht nötig hatte. Aber sie hatte dem Drängen der Mutter nachgegeben.

»Du hast freche Spitzen«, hatte Hertha Bittner gemahnt, »und die solltest du nicht sehen lassen, zumindest nicht bei der Arbeit.«

An den Füßen trug sie bequeme, schon ein wenig ausgelatschte Laufschuhe, und unter dem Arm eine lederne Reisetasche.

»Ach, wegen der großen Tasche!« rief sie erleichtert. »Sie denken, ich habe wer weiß was da drin. Aber es sind nur Schuhe zum Wechseln und ein paar Kleinigkeiten für das Büro. Ich bin nämlich neu hier.«

Der Mann mit dem Schnauzbart unterbrach sie schroff. »So genau«, sagte er, »wollte ich es eigentlich gar nicht wissen.«

Das war beleidigend, und sie mußte schlucken. Aber sie sagte sich schnell, daß er es nicht so gemeint haben konnte. Endlich entschlossen, drückte sie auf den Schalter des Aufzugs, vor dem sie standen, und die Türen schoben sich zur Seite. Sie trat in die Kabine, drehte sich um und verbarg ihre Verletztheit hinter einem freundlichen Lächeln.

»Sind Sie im Marketing-Bereich?« fragte er.

Sie nickte.

»Dann müssen Sie in den fünften Stock.«

Sie drückte auf den entsprechenden Knopf und erwartete, daß der junge Mann jetzt zu ihr einsteigen würde.

Aber er tat es nicht, sondern murmelte etwas wie: »Ich nehme lieber die Treppe.« Damit verschwand er aus ihrem Gesichtsfeld.

Die Türen begannen sich zuzuschieben.

»So warten Sie doch!« rief eine schrille weibliche Stimme.

Saskia drückte auf ›Stop‹.

Atemlos und erhitzt zwängte sich eine Frau in die Kabine, noch bevor sich die Türen wieder vollkommen geöffnet hatten. »So, jetzt können wir!« befahl sie dann.

Sie war blond wie Saskia, aber einen guten Kopf kleiner, so daß sie ihren breiten dunklen Scheitel sehen konnte. Ihre Formen waren hübsch und rund, wirkten aber, als wäre ihr Körper in einen zu engen Body gezwängt. Vielleicht entstand dieser Eindruck dadurch, daß sie ein weiches kleines Doppelkinn hatte.

Während sich der Lift in Bewegung setzte, musterte sie Saskia, die sich ihre Reisetasche zwischen die Füße gestellt hatte, aus blauen Augen abschätzend und mit unverhohlener Neugier. »Wer sind Sie denn?« fragte sie sehr direkt.

Saskia stellte sich vor.

»Ach, Sie sind also die Neue in der Werbung! Freut mich, Sie gleich kennenzulernen.« Sie streckte Saskia die Hand hin. »Ich bin Ute Frühauf, Produktmanagerin«, sagte die andere, »im Bereich Snacks.«

Saskia war beeindruckt. »Klingt toll!«

Frau Frühauf lächelte geschmeichelt. »Ist eine gewaltige Aufgabe. Da haben Sie ganz recht. Verlangt Verantwortungsgefühl und größte Selbständigkeit.«

»So was würde ich mir noch lange nicht zutrauen«, gestand Saskia.

»Brauchen Sie ja auch nicht, Kindchen!« meinte die Frühauf.

Die diminuierende Anrede paßte Saskia nicht, aber sie hütete sich, dagegen zu protestieren; sie ging davon aus, daß es freundlich gemeint war.

»Was haben Sie sich denn zum Ziel gesetzt?« wollte Frau Frühauf wissen.

»Oh, nichts Besonderes. Ich will meine Arbeit so gut wie möglich machen.«

»Sehr schön. Sie scheinen eine vernünftige Person zu sein. Mal jemand, der keine großen Flausen im Kopf hat.«

Der Aufzug hielt, sie waren im fünften Stock angekommen. Saskia hatte sich ihre schwere Tasche wieder unter den Arm geklemmt und ließ der anderen beim Aussteigen den Vortritt.

Sie standen in einem Vorraum mit einem Empfangspult, das aber unbesetzt war. Die Wände waren mit bunten Plakaten geschmückt, die die Produkte der Moser Compagnie anpriesen. Es gab einen niedrigen Tisch und drei Sessel. Ein Gang führte nach links, ein anderer nach rechts.

»Kennen Sie sich schon aus?« fragte Frau Frühauf.

»Leider nicht. Ich dachte, jemand würde …« Saskia warf einen Blick auf das verlassene Empfangspult und verstummte.

»Da ist nie jemand«, erklärte die Frühauf rasch, »wir haben beschlossen, daß wir hier niemanden brauchen. Besucher werden von der Halle aus gemeldet, das genügt.«

»Ja, natürlich.«

»Es ist unangenehm, eine Person hier sitzen zu haben, die hin und wieder mal den Hörer abnimmt, aber ansonsten damit beschäftigt ist, sich die Fingernägel zu polieren.«

Dazu hätte Saskia einiges zu sagen gewußt, sie schwieg jedoch, weil sie sich mit ihrer neuen Bekanntschaft nicht anlegen wollte. »Wo muß ich hin?« fragte sie statt dessen.

»Ich zeige es Ihnen!«

»Riesig nett! Aber wenn Sie mir nur erklären würden …«

Doch Frau Frühauf ließ es sich nicht nehmen, Saskia persönlich in ihr Büro zu führen. Es war das vorletzte Zimmer auf dem rechten Gang. Es war ein zweckmäßig, aber höchst einfach eingerichteter Raum mit einem rundbogigen Fenster und einer zweiten Tür, die offenstand und nach nebenan führte.

»Das also ist jetzt Ihr kleines Reich!« erklärte Frau Frühauf mit einer weit ausholenden Handbewegung. »Ich hoffe, daß Sie sich hier wohl fühlen werden.«

Saskia wuchtete ihre Tasche auf den Schreibtisch. »Das Fenster ist hübsch«, bemerkte sie und spürte selber, daß das etwas kläglich klang.

»Nicht zufrieden?« hakte die Frühauf sofort ein.

»O doch! Natürlich. Ja!«

»Aber?«

»In meiner vorigen Stellung hatte ich einen Computer.«

Frau Frühauf wies auf die geöffnete Tür. »Sie können den von Mister Pee benutzen.«

»Mister Pee?« wiederholte Saskia und kam sich selber töricht vor.

Frau Frühauf lachte fröhlich. »Paul Potters, Chef der Werbeabteilung. Wir nennen ihn gern so. Ein kleiner Scherz, verstehen Sie. Und er nimmt das auch gar nicht übel. Ein sehr umgänglicher Mann, auch wenn er bei Satchi und Satchi gearbeitet hat, worauf er sich einiges zugute hält. Aber ansonsten – sehr sympathisch. Sie werden gut mit ihm zurechtkommen. Überhaupt – wir sind hier alle wie eine große Familie.«

Saskia zwang sich zu einem Lächeln. »Klingt gut.«

»Sie werden sich schon bei uns wohl fühlen, Kindchen.« Verschmitzt fügte die Frühauf hinzu: »Auch ohne Computer.«

»Ja, natürlich. Ist ja auch gar nicht so wichtig. Es fiel mir nur auf …« Saskia hatte das Gefühl, zuviel zu erklären – es gab ja keinen Grund, sich dafür zu entschuldigen, daß ihr der Computer fehlte – und stockte, ohne den Satz zu beenden.

»Immerhin«, sagte die Frühauf mit einer Kopfbewegung zum Beistelltisch hin, »steht Ihnen ja ein Laptop zur Verfügung. Der sollte Ihnen fürs erste genügen.«

Saskia machte sich daran, ihre Reisetasche zu öffnen. »Ja. Stimmt«, sagte sie nachgiebig.

»So, jetzt lasse ich Sie aber mal allein«, erklärte Frau Frühauf.

Doch sie blieb stehen, bis Saskia den Inhalt ihrer Tasche ausgeräumt hatte: ihre Handtasche, ein Paar elegante Schuhe, einen Schal, eine Strickjacke, Unterhöschen und einen Duden.

»Zwischen zehn und elf gehen wir meist in die Lounge«, erzählte sie, »eine Tasse Kaffee trinken und eine Zigarette rauchen. Vielleicht kommen Sie dann auch.«

»Ja, gerne! Aber wo ist die Kantine?«

Die Frühauf überlegte kurz und sagte dann: »Wissen Sie was? Ich werde Sie einfach abholen.«

»Aber wenn ich dann keine Zeit haben sollte?«

»Dann sagen Sie es mir rund heraus! Nur keine Hemmungen. Die Arbeit geht in diesem Haus natürlich immer vor.«

Mit diesen Worten verließ sie Saskia, die sich auf den Stuhl hinter ihrem Schreibtisch sinken ließ. Es war ein körpergerechter, bequemer Stuhl, wie sie mit Erleichterung feststellte. Immerhin konnte sie also damit rechnen, daß sie von Rückenschmerzen verschont bleiben würde.

Jetzt sah sie sich noch einmal gründlich um, um das Zimmer innerlich in Besitz zu nehmen. »Ihr kleines Reich«, hatte die Frühauf es genannt, eine reichlich bombastische Bezeichnung für diesen bescheidenen Raum. Saskia hatte einen schmalen Wandschrank gefunden, in den sie ihre Sachen eingeräumt hatte. Die Handtasche hatte sie in einer Schreibtischschublade verstaut, den Duden neben den Laptop gelegt.

In den nächsten Tagen würde sie einen Blumentopf mitbringen und ihn auf das Fensterbrett stellen. Das würde ihrem Büro eine freundliche Note geben. Wasser konnte sie sich sicher aus der Toilette besorgen. Aber wo war die Toilette? Das hätte sie Frau Frühauf fragen sollen. Ach was, das würde sie früher oder später auch selber herausfinden.

In Berlin hatte sie ein Foto in einem breiten Silberrahmen auf ihrem Schreibtisch stehen gehabt. Ein Foto ihres Freundes. Den schönen Silberrahmen hatte sie immer noch. Aber mit Veit war es aus. Es gab niemanden, dessen Bild sie sonst hätte hineinstecken mögen, ohne sich lächerlich zu machen. Eins aus der Kindheit? Sie mit ihren Eltern? Mit ihrem Hund? Nein, lieber nicht. Wenn sie auch bedauerte, daß sie nichts Persönliches in ihrem Büro hatte.

Vielleicht war es aber auch besser so. Dieser Ute Frühauf war durchaus zuzutrauen, daß sie indiskrete Fragen stellen würde.

Aber durfte sie ihr einen Vorwurf daraus machen? Ohne es selber zu merken, schüttelte Saskia heftig den Kopf. Nein, die junge Managerin hatte jedes Recht, neugierig zu sein und so viel wie möglich über einen Menschen in Erfahrung bringen zu wollen, den man gerade erst kennengelernt hatte und mit dem man in Zukunft womöglich tagtäglich zu tun haben würde. Nein, sie durfte nicht schlecht von ihr denken, denn sie hatte ja allen Grund, ihr dankbar zu sein. Ute Frühauf hatte sich redlich bemüht, ihr den Anfang leichtzumachen, und es hatte zwischen ihnen ja auch wunderbar geklappt.

Dagegen hatte es mit dem Schnauzbärtigen beinahe einen regelrechten Zusammenstoß gegeben. Ein bißchen war das auch ihre eigene Schuld, das wußte sie. Sie hätte sich sofort und eindeutig vorstellen sollen. Eigentlich wurde das von einer Dame zwar nicht erwartet, aber in ihrem Fall hätte es jeden Irrtum von vornherein ausgeschlossen.

Ausgerechnet sie, Saskia, ein Fotomodell? Einfach lächerliche.

Aber so peinlich hätte ihm das auch nicht zu sein brauchen. Es war ja keine Beleidigung, sondern eher ein Kompliment gewesen. Doch hatte er sich offensichtlich so darüber geärgert, daß er die Fassung verloren hatte. Nicht einmal den Aufzug hatte er mit ihr zusammen benutzen wollen. Denn nur das konnte der Grund gewesen sein, daß er sich entschlossen hatte, die fünf Stockwerke hinaufzulaufen.

Andererseits wäre es ihr natürlich auch nicht angenehm gewesen, in der gleichen Kabine mit ihm eingesperrt zu sein. Was hätten sie sich noch sagen sollen? Oder hätten sie stumm aneinander vorbeigesehen, wie es so oft bei solchen Gelegenheiten geschah? Das wäre eher peinlich gewesen!

Allerdings wären sie auf der Fahrt nach oben kaum allein gewesen, da Ute Frühauf sich zu ihnen gesellt hätte, und der munteren jungen Frau wäre es wahrscheinlich sogar gelungen, die Fäden zu entwirren und die Situation zu entspannen.

Aber es war anders gelaufen, ausgesprochen dumm, und daran war nun nichts mehr zu ändern.

Saskia seufzte tief, streifte ihre Trotteurs ab, verstaute sie im Wandschrank und schlüpfte in die Pumps. Sie überlegte, ob sie auch die Jacken wechseln sollte, unterließ es dann aber doch. Es schien ihr richtiger, für die erste Begegnung mit Paul Potters sehr formell angezogen zu sein.

Er kam eine halbe Stunde später.

Sie hörte ihn nebenan rumoren, und sie erwartete, daß er im nächsten Moment bei ihr hereinschauen würde. Aber er tat es nicht.

Vielleicht war es besser so. Wenn er hereinkommen würde, konnte sie nicht gut aufspringen, denn das hätte womöglich zu beflissen oder gar lächerlich gewirkt. Sitzen zu bleiben hätte den Eindruck gemacht, daß sie sich als Dame aufspielen wollte. Nach diesen Überlegungen stand sie erst einmal auf.

Um sich mit etwas zu beschäftigen, trat sie vor ein Regal mit nach Inhalt und Jahreszahlen geordneten Disketten. Offensichtlich handelte es sich um Werbeunterlagen. Sie hätten ihr sicherlich geholfen, in die Materie einzudringen, wenn ihr ein Computer zur Verfügung gestanden hätte, um sie abzuspielen. So konnte sie nur die eine oder andere in die Hand nehmen und wieder zurückstellen. Immerhin boten sie vielleicht einen Anknüpfungspunkt, wenn Paul Potters dann doch erscheinen würde.

Aber er ließ sich nicht blicken.

Endlich entschloß sie sich, selber den Anfang zu machen. Sie klopfte vernehmlich gegen die halb geöffnete Tür, stieß sie dann vollends auf und trat ein.

Wie erwartet war der Raum des Werbechefs erheblich größer als ihrer; es war ein Eckzimmer, und es gab zwei Bogenfenster, durch die das helle Licht des Frühlingstages fiel.

Paul Potters saß an seinem Schreibtisch und arbeitete am Computer. Überrascht blickte er auf.

»Grüß Gott«, sagte sie nach bayrischer Art, »ich bin die neue Werbeassistentin.« Es sollte nur ja nicht wieder zu einem Mißverständnis kommen. »Mein Name ist Saskia Bittner.«

Er erhob sich langsam, fast widerwillig, ein großer schlanker Mann, ganz in Schwarz gekleidet, doch sehr elegant im Designerstil. Das volle schwarze Haar, nur an den Ecken zurückweichend, hatte er aus der Stirn gebürstet und, wie Saskia gleich vermutete, im Nacken zu einem Pferdeschwanz zusammengebunden.

Saskia strahlte ihn an. »Sie sind Herr Paul Potters, nicht wahr?« sagte sie und reichte ihm die Hand.

Er nahm sie, sein Griff war fest, die Finger lang, trocken und kühl. »Sie müssen mich entschuldigen«, sagte er, »natürlich hätte ich Sie gleich willkommen geheißen, wenn ich gewußt hätte, daß Sie …« Er ließ den Satz unvollendet.

Saskia staunte. »Herr Potters, Sie haben gar nicht gewußt, daß ich heute bei Moser anfange?«

Er lächelte schief. »Sie haben recht. Eigentlich müßte ich es gewußt haben. Wahrscheinlich hat man es mir auch gesagt. Aber unverzeihlicherweise werde ich es wohl vergessen haben. Wie Sie sehen …«Er wies mit einer ausladenden Handbewegung auf die mit Ausdrucken und Prospekten voll gepackte Schreibtischplatte » … stecke ich tief in der Arbeit.«

»Vielleicht kann ich Ihnen helfen.«

»Wollen wir’s hoffen«, sagte er, aber es klang nicht überzeugend, sondern eher skeptisch.

»Wenn Sie mir nur sagen würden, worum es geht«, erbot sie sich eifrig.

Wieder verzog er die schmalen Lippen zu einem schiefen Lächeln. »Um Chips und Snacks, um was denn sonst?« Jetzt schaltete er den Computer aus. »Aber setzen Sie sich erst mal hin und erzählen Sie mir etwas über sich selbst. Lebenslauf, Ausbildung, Interessen. Aber nur ganz kurz, wenn ich bitten darf. In großen Zügen sozusagen.«

»Ich weiß, Sie haben keine Zeit«, rutschte es Saskia heraus.

Seine Augen wurden schmal. »Wollen Sie sich über mich lustig machen?«

Sie erschrak. »Aber nein! Bestimmt nicht. Das würde mir doch im Traum nicht einfallen!«

»Das will ich für Sie hoffen.«

Er hatte hinter dem Schreibtisch Platz genommen, sie im Besuchersessel ihm gegenüber. Es gab zwar noch eine hübsche, moderne Sitzecke in seinem Büro, aber er betrachtete Saskia natürlich nicht als Besucherin, sondern als Mitarbeiterin, die sie ja auch war.

Jetzt achtete sie darauf, ihre langen Beine in den hochhackigen Schuhen hübsch aber züchtig hinzustellen, die Knie eng beieinanderzuhalten, und dann legte sie los, ohne auf eine weitere Ermunterung zu warten. »Ich habe hier in München Abitur gemacht, und zwar im Max-Josef-Stift, einem staatlichen Internat, in dem ich während der Woche untergebracht war. Meine Mutter war und ist berufstätig, so daß sie nicht viel Zeit hatte, sich um die Familie zu kümmern.«

»Weiter!« sagte er ungeduldig.

»Dann habe ich begonnen, Philologie zu studieren, weil Deutsch immer meine Stärke war, bin aber bald zur Kommunikationswissenschaft übergewechselt, weil ich denn doch nicht Lehrerin werden wollte. Nach dem fünften Semester ging ich nach Berlin, bekam dort in den Ferien einen Job in der Agentur Mercator. Mir gefiel es dort gut. Ich arbeitete mich rasch ein, und als man mir eine feste Stellung anbot, hängte ich mein Studium an den Nagel und schlug ein.«

»Und warum flogen Sie raus?«

Seine Direktheit schockierte sie. »Aber nein, nicht doch! Ich habe von mir aus gekündigt.«

»Ach ja?« fragte er skeptisch. »Eine gute Stellung gibt man meiner Erfahrung nach nicht so leichten Herzens auf. Jedenfalls nicht heutzutage.«

Sein Ton reizte sie. »Wie kommen Sie darauf, daß es leichten Herzens geschah? Das habe ich nicht behauptet.«

»Entschuldigen Sie, aber es hörte sich ganz so an.«

Sie sah keinen Grund, ihm auf die Nase zu binden, daß sie tatsächlich Knall auf Fall gegangen war, und behauptete: »In Wahrheit habe ich mir die Sache lange überlegt. Aber meiner Mutter ging es nicht sehr gut, und es zog mich nach Hause zurück.«

Er hob die rechte Hand vor seine Augen und betrachtete angelegentlich seine wohl manikürten Fingernägel. »Wahrscheinlich haben Sie sich dann schon von Berlin aus um eine Stellung hier im Raum bemüht«, bemerkte er beiläufig.

Sie wollte schon bejahen, denn diese Frage schien ihr ganz und gar unwichtig, witterte dann aber die Falle und gab zu: »Nein, habe ich nicht.«

»Ein bißchen leichtsinnig?« Jetzt musterte er die Fingernägel seiner anderen Hand.

»Nein, überhaupt nicht. Ich sah keine Schwierigkeit darin, eine neue Stellung zu finden.«

Jetzt ließ er die Hände sinken und schlug die Arme übereinander. »Und, wie man sieht, hat’s ja auch geklappt.«

»Natürlich bin ich froh, gerade hier bei der Moser Compagnie untergekommen zu sein.«

»Verstehen Sie denn etwas von diesem Geschäft?«

Sie strahlte ihn an. »Nicht so viel, wie ich möchte. Immerhin weiß ich, daß die Chips aus Kartoffeln hergestellt werden oder auch aus Früchten. Damit sie schmecken, müssen sie in reinem Erdnußfett frittiert werden.«

Sie holte Atem und sah ihn Anerkennung heischend an. Doch er äußerte sich nicht, hielt seinen Oberkörper nur weiter fest umklammert.

»Die Snacks dagegen«, fuhr sie fort, »sind sogenannte Extruder oder Pellet-Produkte. Sie werden aus einem Teig hergestellt, zum Beispiel auf Erdnußbasis oder aus Maismehl oder Weizenmehl. Geschmack kriegen sie durch künstliches Aroma. Sie können durch Düsen in bestimmte Formen gepreßt werden, Muscheln, Monde, Vierecke, oder man kann sie auch ausstanzen, und zwar in alle möglichen Formen, zum Beispiel Männchen, Bären oder Krokodile. Danach werden sie frittiert oder auch gebacken.«

Jetzt winkte er ab. »Danke, Frau Bittner, das reicht. Ich muß zugeben, Sie haben Ihre Hausaufgaben gut gemacht.« Er legte seine ausdrucksvollen Hände vor sich auf den Tisch.

»Das habe ich schon bei Mercator gelernt, das und noch mehr. Wir haben unter anderem auch Bahlsen betreut.«

»Sehr gut. Dann kann ich mir ja lange Erklärungen sparen, Frau Bittner. Sie können sofort mit der Arbeit beginnen.«

Saskia begriff, daß dies das Ende der Besprechung war, und stand auf. »Was soll ich tun?« fragte sie.

»Ich habe da eine sehr hübsche kleine Aufgabe für Sie. Die Firma plant im Sommer einen neuen Snack auf den Markt zu bringen. Und zwar was ziemlich Ausgefallenes: süß-sauer.«

»Den würde ich gern erstmal probieren!«

»Warten Sie.« Paul Potters bückte sich, zog die unterste Schublade seines Schreibtisches heraus und brachte eine metallfarbene Packung ohne Aufschrift zutage; sie war bis über die Hälfte geleert und oben sorgfältig und vielfach zugekniffen. »Da haben Sie!« Er reichte sie Saskia über den Tisch. »Nicht mehr ganz frisch, aber hoffentlich doch noch knusprig.«

»Danke, Herr Potters.« Auf unerklärliche Weise fühlte sich Saskia in ihre Kindheit versetzt und geriet fast in Versuchung, einen Knicks zu machen.

»Sie können jetzt gehen«, beschied er sie – völlig unnötigerweise, wie Saskia fand, denn es gab für sie ohnehin keinen Grund, länger zu bleiben.

Sie schlüpfte hinaus und ließ die Tür hinter sich halb geöffnet, wie sie sie vorgefunden hatte. Wenn es ihn störte, sollte er sie selber schließen. Noch im Stehen knibbelte sie die Packung auf und zog einen der Snacks heraus. Er war dünn und braun und sicher kreisrund gewesen, bevor ein Stück an der Seite herausgebrochen war. Sie führte ihn dicht an die Nase und schnüffelte. Er roch appetitlich, leicht säuerlich. Als sie ihn in den Mund steckte und auf die Zunge legte, stellte sie fest, daß er tatsächlich sehr deutlich süß-sauer schmeckte.

Trotz Mister Pees Ankündigung überraschte sie das ein wenig, aber angenehm. Es war leichter, ein prägnantes Produkt zu empfehlen als eines, das sich von den anderen marktgängigen im Grunde kaum unterschied.

Während sie ihre elegante Jacke auf den Bügel im Wandschrank hängte und statt dessen ihre leichte, bequeme Strickjacke überzog, zerkaute sie den zweiten Snack. Er war immer noch knusprig genug, obwohl er sicher schon ein paar Tage alt war.

›Moser ist eben Klasse!‹ dachte sie zufrieden. Dann setzte sie sich an ihren Laptop und machte sich an die Arbeit, die hauptsächlich aus Nachdenken bestand.

Kurz nach zehn Uhr hörte sie aus Mister Pees Zimmer eine fröhliche Frauenstimme: »Hi und Hallo! Nein, keine Sorge, ich will Sie nicht stören, Paul. Ich weiß doch, wie sensibel ihr Kreativen seid.«

Saskia horchte auf; es war die Stimme von Ute Frühauf.

»Sie haben es erkannt«, gab Paul Potters zurück – etwas mürrisch und ohne eine Miene zu verziehen, wie Saskia sich vorstellte.

»Ich möchte nur fragen«, fuhr die Frühauf einschmeichelnd fort, »ob es genehm ist, das Fräulein Bittner zu einer kleinen Pause zu entführen.«

»Wen?« fragte er schroff zurück.

Die Frühauf lachte perlend. »Aber ich bitte Sie, Paul! Ihre neue Assistentin! Die können Sie doch nicht vergessen haben! Oder haben Sie sie etwa noch gar nicht kennengelernt?«

»Sie entschuldigen schon, Ute. Aber ich habe andere Dinge im Kopf.«

»Aber ja doch! Wie könnte jemand das vergessen! Zumal Sie uns immer wieder darauf aufmerksam machen.«

»Dann halten Sie mich, bitte, auch nicht länger auf. Zischen Sie mit der Kleinen ab – da Sie ja offensichtlich Zeit für einen Tratsch erübrigen können.«

Ute Frühauf zeigte nicht die Spur von Gekränktheit. »Vielfach innigsten Dank, Onkel Brummbrumm!« rief sie vergnügt.

Saskia war inzwischen schon aufgestanden und hatte ihre Handtasche aus dem Schreibtisch geholt.

»Ein kleiner Rat zum Schluß«, säuselte die Frühauf, »ein Auslüften des Hirns dürfte auch Ihnen, großer Meister, von Zeit zu Zeit recht guttun.«

Dann kam sie in das Büro von Saskia getänzelt, die sich fragte, ob sie wohl immer in diesem Ton mit Paul Potters umging, oder ob sie sich vor ihr hatte produzieren wollen. Sie empfand diese Möglichkeit als schmeichelhaft.

»Ich bin bereit«, sagte sie fröhlich.

»Fein, Kindchen.«

Auf dem Gang wollte Saskia nach links zum Aufzug hin.

Ute Frühauf zupfte sie am Jackenärmel. »Andere Richtung. Wir nehmen die Treppe. Das ist näher.«

Tatsächlich lag das Treppenhaus gleich hinter dem Zimmer von Paul Potters. Die Stufen führten entlang einer Wand aus Glasscheiben, die mit dunklem Metall gefaßt waren. Während sie hinunterstiegen, wurde Saskia an den Schnauzbärtigen erinnert, der, wohl auch um ihr auszuweichen, in der Frühe diesen Weg nach oben genommen hatte. Sie beschloß, sich nach ihm zu erkundigen. Aber im Augenblick schien ihr nicht die richtige Gelegenheit dazu.

»Wieso standen oben so viele Türen offen?« fragte sie statt dessen.

»Das ist bei uns so Usus. Stärkt den Teamgeist, wenn jeder bei jedem ein und aus gehen kann.«

»Aha«, sagte Saskia und spürte selber, daß das nicht gerade überzeugt klang; das würde für sie bedeuten, zwei Türen offenzuhalten, die zu Mister Pees Zimmer und die zum Flur. Das stellte sie sich alles andere als gemütlich vor.

Die Frühauf schien ihre Bedenken zu ahnen. »Wenn man sich ganz stark konzentrieren muß, macht man natürlich zu. Auch wenn man in einer wichtigen Besprechung steckt. Geschlossene Tür bedeutet, daß man nicht gestört werden will. Das wird dann auch respektiert. Es sollte natürlich nicht zu oft geschehen. Sonst kann man leicht in den Ruf geraten, ein Eigenbrödler zu sein.«

»Ich muß mich eigentlich immer furchtbar konzentrieren, wenn mir was einfallen soll!«

»Versuchen Sie es bei offener Tür. Reine Gewohnheitssache, glauben Sie mir. Es ist ja nicht so, daß dann jeden Augenblick jemand zu Ihnen hereingestürzt käme.«

»Im Moment«, erklärte Saskia aufrichtig, »wäre mir noch jede Unterbrechung recht.«

Sie waren im vierten Stock angekommen, und Frau Frühauf blieb stehen und sah Saskia an. »Was für eine Arbeit hat Mister Pee Ihnen denn aufgehalst?«

Saskia verzog das Gesicht zu einer komischen kleinen Grimasse. »Süß-saure Snacks.«

Die Frühauf lachte. »Ach die! Mit denen plage ich mich schon seit Wochen herum.«

»Dann ist Ihnen doch sicher schon was eingefallen.«

Schalkhaft legte die Frühauf den Zeigefinger auf die Lippen. »Streng geheim.« Sie stieß die breite Schwingtür auf, vor der sie standen, und hielt sie offen, damit Saskia hinter ihr eintreten konnte. »So, da wären wir.«

Ein heller, freundlicher Raum tat sich vor ihr auf, so groß, daß er sich wohl unter fünf Büros erstreckte. Im Vordergrund, auf dickem grauen Teppichboden, standen mehrere bequeme Sitzgruppen. Linker Hand gab es eine Theke mit einem Ständer, gefüllt mit bunt verpackten Moserprodukten. Hinten, auf glänzendem Parkett, entdeckte Saskia drei kleine, weiß gedeckte Tische.

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ISBN:
9788711718933
Wydawca:
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Bookwire
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