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Maria Helleberg
Die Kurtisane des Kaisers - Ein historischer Roman
Saga
Die Kurtisane des Kaisers - Ein historischer Roman ÜbersetztKerstin Schöps Copyright © , 2019 Maria Helleberg und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726350845
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Während eines Gelages, als man schon viel getrunken hatte und vom Weine ziemlich erhitzt war, ergriff die Berauschten eine wahre Raserei. Es sagte nämlich eine von den Weibern in der Gesellschaft, namens Thaïs, daß unter Alexanders Taten in Asien jene die schönste wäre, wenn er einen Bacchantenzug, einen Komos, mit ihnen anführen würde und die Königsburg in Brand steckte, so daβ die Herrlichkeit der Perser durch Weiberhände in kurzer Zeit vernichtet würde. Man kann sich denken, daβ auf diese Worte, zu jungen Männern gesprochen, die durch den Wein die Besonnenheit verloren hatten, sogleich die Gäste »Wohlan« riefen, und begehrten, man sollte die Fackeln anzünden und den an den Tempeln der Griechen verübten Frevel rächen. (...)
Der König selbst wurde durch diese Reden Feuer und Flamme, und so sprang die ganze Trinkgesellschaft auf und erklärte, als Siegesfeier eine Prozession zu Ehren Dionysos veranstalten zu wollen. Bald waren viele Fackeln herbeigebracht, und der Zug begann, da Musikerinnen an der Trinkgesellschaft teilgenommen hatten, unter Gesang und Pfeifen- und Flötenspiel. Der König ging voran, und die Hetäre Thaïs leitete das Ganze. Sie war es, die als zweite nach dem König eine brennende Fackel in die Königsburg schleuderte. Dasselbe taten dann die anderen, und schnell war die Burg und alles ringsumher von den gewaltigen Flammen verzehrt. Das Bemerkenswerte daran war nun, daß, was der gottlose Perserkönig Xerxes der Burg der Athener angetan hatte, durch ein einziges Weib, eine Bürgerin der von dem Unglück betroffenen Stadt, viele Jahre später aus purem Vergnügen mit derselben Münze heimgezahlt wurde.
(Diodor Von Sizilien, Universalgeschichte,
Buch xvii, 72)
Als er im Frühjahr im Begriff war, erneut gegen Dareios zu ziehen, nahm er noch eine Einladung seiner Freunde zum Zechen und Feiern an. Bei diesem Gelage nahmen auch Frauen teil, um dort ihre Liebhaber zu treffen. Unter ihnen genoß Thaïs besonderes Ansehen, die Geliebte des späteren Königs Ptolemaios, eine Bürgerin Attikas von Geburt.
Im Verlauf der Feier hob sie an und machte Alexander mal Komplimente, mal scherzte sie mit ihm, und ließ sich endlich im Rausch zu einer Rede hinreißen, die wohl die Haltung ihres Vaterlandes widerspiegelte, aber ihrem Stand nicht angemessen war. Sie sagte nämlich, daß sie für die Mühseligkeiten, die sie auf der langen Reise durch Asien erduldet habe, an jenem Tag den Lohn empfange, an dem sie in dem stolzen Königspalast der Perser feiern dürfe. Noch lieber aber würde sie hinziehen und das Haus des Xerxes, der Athen niedergebrannt habe, in Brand stecken und selber vor den Augen Alexanders die Fackel hineinwerfen, damit es unter den Nachkommen heiße, daß sich die Weiber im Gefolge Alexanders härter an den Persern für die griechischen Leiden gerächt hätten als ihre Generäle.
Ihre Rede wurde mit lautem Klatschen begrüßt. Die Freunde des Königs feuerten ihn so lange an, bis er sich schließlich überreden ließ, aufsprang, sich eine Fackel griff und mit einem Kranz auf dem Haupt den Zug anführte. Die übrigen Festteilnehmer folgten ihm mit Geschrei und umringten tanzend den Palast.
(Plutarch, Lebensbeschreibungen, Alexandros, 38)
Der erste tag des vierten monats im 54. Jahr nach der gründung alexandrias
Von Menandros, Dem Soeben Ernannten Vorsteher Der Verschlossenen Königlichen Archive Im Museion Von Alexandria
Ein Kurzes Vorwort Zu Dem Hier Eingemauerten Manuskript, Mit Besonderer Genehmigung Des Königs
Heute, unmittelbar nach meinem Amtsantritt, ist es meine Pflicht, dieses Manuskript einzumauern, das indirekt das Schicksal des Reiches und meines Lebens beeinflußt hat.
Nichts von alldem, was mir widerfahren ist, seitdem Demetrios von Phaleron meine Wenigkeit unter Hunderten von jungen Schreibern im Museion auserwählt hat, hätte in der Alten Welt der Königinmutter Thaïs geschehen können. Freiheit war in dieser untergegangenen Welt nur sehr wenigen vorbehalten. Mein Aufstieg ist nur hier in Alexandria möglich gewesen, in der Neuen Welt, der sie so sehr mißtraute.
Die Erinnerungen eines einzelnen Menschen lenken meinen Blick nun zurück auf die Alte Welt. Niemand außer mir, dem König und seiner Gemahlin kennt Thaïs’ Erinnerungen. Das verbindet uns.
Es ist im Interesse der Königin Arsinoë, daß meine Kenntnisse – jetzt, da ich Minister und ein Freund des Königs geworden bin – versiegelt und verborgen werden. Aber es hat mir großes Vergnügen bereitet, mich bei Tagesanbruch von meiner Vergangenheit zu verabschieden und zukünftigen Lesern die wahre Geschichte zu erzählen. Ich hoffe, daß es mir gelungen ist.
Ich empfehle hiermit den kommenden Generationen, aus diesem exklusiven Wissen zu lernen und dem Begründer der Dynastien, dem göttlichen Ptolemaios I. Soter, dem Erlöser, nachzueifern und nicht seinem Sohn, Ptolemaios Keraunos, dem Donnerkeil.
1.
Der fünfte Tag des Monats hekatombaion im 44. Jahr nach der Gründung Alexandrias
Von Menandros, Schriftführer Ersten Ranges an den Vorsteher Der Verschlossenen Königlichen Archive im Museion von Alexandria, Demetrios Von Phaleron
Erst nach langen Überlegungen wage ich es heute, dieses Material an das Archiv zurückzusenden. Nachdem ich nun zwei Jahre versucht habe, den Auftrag der Zweiten Abteilung des Reichsarchivs im Museion zu erfüllen, muß ich feststellen, daß wir zu keinem Ergebnis gekommen sind.
Dies sind meine vorläufigen Erträge, die ich nur äußerst ungern in der gegenwärtigen Form abliefere, aber ich mußte feststellen, daß die Königinmutter keinerlei Interesse hat, die Arbeit zu beenden.
Ich habe mich dieser Aufgabe anfangs mit den besten Absichten und Wünschen gewidmet. Heute ist es genau zwei Jahre her, daß Ptolemaios Soter mich auserwählte, die Lebensgeschichte der Hetäre Thaïs niederzuschreiben, und ich habe mein Bestes gegeben, um diesem ehrenhaften Befehl nachzukommen. Als meine Familie mich damals in die Obhut der Eunuchen gab, war mir niemals der Gedanke in den Sinn gekommen, daß ich mein Wissen und Können vielleicht eines Tages in den Dienst des Königs stellen dürfte.
Ich habe mich allen Forderungen bedingungslos unterworfen. Sieben Jahre lang habe ich von den besten Lehrern im Museion die Kunstfertigkeit des Schreibens und Verfassens erlernt und fühlte mich danach in der Lage, diese Aufgabe zu übernehmen. Doch auch Gehorsam hat seine Grenzen, und meine sind seit langer Zeit erreicht.
Mein Nachfolger sollte folgendes wissen: Es gibt weder ein Arbeitszimmer noch Mitarbeiter oder besondere Hilfsmittel. Es wird erwartet, daß man die mündlichen Erinnerungen der betreffenden Person mitstenographiert und danach den Text nach allen Regeln der Kunst ausformuliert. Den Befehl für diese Arbeit erließ Demetrios von Phaleron, der wiederum den Auftrag vom König selbst erhalten hat. Darum muß ich die Umstände genauer beschreiben.
Die Dame wohnt in dem größten Haus südlich des Palastes im Stadtteil Brucheion, mit Aussicht auf das Mausoleum des Alexander, das wir Alexandriner nur »das Grab« nennen. Es ist derselbe Alexander, den sie beständig als »ihren Freund« bezeichnet. Sie ist zwar schon sehr betagt, aber im Besitz eines erstaunlichen Erinnerungsvermögens, das sich auch auf Tagebucheinträge und Aufzeichnungen stützt. Sie leidet nicht unter Altersschwäche. Vielleicht wäre meine Aufgabe leichter gewesen, wenn sie vom Alter gezeichnet gewesen wäre.
Sie ist es gewohnt, ihren Willen zu bekommen, und begegnet allen Männern entweder ausgesprochen argwöhnisch oder mit einer noch nicht erloschenen Glut ihrer Verführungskünste. Mir mißtraute sie tief in ihrem Inneren. Sie glaubte offensichtlich nicht, daß ich gekommen sei, um ihren Text zu redigieren, sondern um ihre Erinnerungen auszuradieren. Ich, der ich seit meiner frühesten Kindheit auserwählt war, die Erinnerungen anderer für die Nachwelt zu bewahren!
Sie nannte sich selbst eine Perfektionistin, und ich muß ihr darin vollends recht geben. Im Laufe dieser Monate habe ich mindestens zwanzig Versionen durchgelesen, korrigiert und abgeliefert. Und wir sind noch weit vom eigentlichen Kern der Geschichte entfernt!
Kein Mensch kann einem solchen Druck standhalten!
Ich bitte um eine schnelle Antwort und um die Entbindung von meinem Posten.
Dionysos Pserenkare, Stellvertretender Vorsteher Der Verschlossenen Königlichen Archive, An Menandros, Schriftführer Ersten Ranges
Mit großer Bekümmerung habe ich deinen Brief gelesen, in dem du um Befreiung von deiner Aufgabe ersuchst, die dir von unserem König, Ptolemaios Soter, durch unsere Abteilung zugeteilt worden ist. Mir bereitet diese Befehlsverweigerung größtes Unbehagen, und ich kann dich nur auffordern, deine Arbeit fortzusetzen. Aber zuallererst verlange ich von dir, daß du die Hintergründe für deine Weigerung darlegst und ich umgehend eine vollständige Ausführung des Manuskriptes in seiner jetzigen Form erhalte, wie unfertig es auch sein mag.
Die Tragödie, die das königliche Haus und das Museion durch Demetrios von Phalerons überstürzte Abreise in Begleitung des verstoßenen Königssohnes, Ptolemaios Keraunos, erlebten, darf keinen Einfluß auf deine Aufgabe nehmen. Selbst in seiner Verbannung bei den Schlammbauern auf dem Land in Oberägypten wird Demetrios von Phaleron von deiner Weigerung gehört haben. Sein Wort ist Gesetz. Kein Eunuch im Museion darf sich seinem Befehl verweigern. Wir sind darum gezwungen, deinen Brief an den König weiterzureichen und ihm die Bemessung deiner Strafe zu überlassen. In meinem Haus läuft man nicht vor einer unerledigten Arbeit davon!
Für die Zukunft wünsche ich nicht nur den eigentlichen Text für die Reinschrift und Archivierung zu erhalten, sondern überdies einen vertraulichen und persönlichen Bericht über den Charakter der einzelnen Treffen und die Entwicklung der Geschichte. Wie mir bekannt ist, fertigen alle meine Schreiber solche Berichte für ihren eigenen Gebrauch an. Ich wünsche die Leinen zur Einsicht, eventuell bereits in Reinschrift als Anhang zu dem eigentlichen Text.
Im übrigen möchte ich noch an die Tatsache erinnern, daß Ptolemaios Soter einen Termin für die Abgabe des Werkes festgesetzt hat.
Ich bin mir vollkommen über die Natur der Aufgabe und die Fallgruben bewußt, die ein Berichterstatter umgehen muß. Aber gerade die erfolgreiche Bewältigung einer so widerspenstigen Aufgabe unterscheidet den guten von dem herausragenden Berichterstatter. Darum befehle ich dir hiermit unmißverständlich, die Aufgabe unverzüglich wiederaufzunehmen, das bereits zurückgesandte Material wieder abzuholen, zu sortieren und in einer vernünftigen Form erneut abzuliefern. Das geschieht zum Wohl des Auftraggebers, des Schriftführers und der Archivarbeiter.
Von Menandros, Schriftführer Ersten Ranges, an Dionysos Pserenkare, Vorsteher Der Verschlossenen Königlichen Archive im Museion von Alexandria
Hiermit akzeptiere ich demütigst Ihre Forderungen und sende anbei den ersten Auszug aus den Erinnerungen der Königinmutter. Dennoch muß ich um Verständnis bitten, daß aus dem vorliegenden, von ihr freigegebenen Material noch keine chronologische Erzählung entstanden ist.
Menandros’ Notizen zu dem Text:
Ich hatte weder die Wahl zu gehorchen noch mich zu verweigern. Gewaltsam wurde ich zum königlichen Palast im Brucheion gebracht und zwischen zwei stumme Diener plaziert, die nach Schweiß und billigem Öl rochen.
Dort begegnete ich zum ersten Mal Ptolemaios Soter, dem ersten seines Namens. Zwar hatte ich ihn schon unzählige Male zuvor gesehen, als er durch die Stadt getragen wurde oder sich als Oberster Richter zeigte, aber bislang schien er mir einem Gott ähnlicher zu sein als einem Menschen.
Der Mann, der sich vor mir aufbaute, war uralt und groß wie ein Scheunentor. Eingehüllt in einen golddurchwirkten Stoff, der die Umrisse seines Körpers verdeckte, stützte er sich auf zwei Stöcke und gelangte so zu einem riesigen hölzernen Thron. Viel zu spät erkannte ich, daß er meine Hilfe benötigte, aber als ich mich ihm näherte, winkte er mich irritiert beiseite.
»Du verstehst, wie verlautet wird, nicht, warum ich die Erinnerungen der Königinmutter niederschreiben zu lassen wünsche«, sagte er mit einer Stimme, die aus den Tiefen seines gewaltigen Körpers emporzusteigen schien, und heftete dabei seinen Blick auf mich. Wo Zeus seine tödlichen Blitze schleudert, benutzen Könige dafür ihre Augen. Er hielt meinen Blick fest, und ich ging in die Knie, um ihn nach allen Regeln der Kunst zu begrüßen. Ich erkannte sein Gesicht von den Münzen und zahlreichen anderen Abbildungen wieder: das dichte, lockige Haar und die vollen Lippen, die breiten Wangen und hervorstehenden Augen. Und doch war er ein Zerrbild seiner selbst. Götter altern nicht.
»Laß mich versuchen, dir meine Beweggründe zu erläutern«, sagte er und trocknete sich seine Mundwinkel. »Ich bin als einfacher makedonischer Bauernsohn geboren worden und werde als König von Ägypten sterben. Ich kenne die Alte Welt, ihre guten und schlechten Seiten. Jene Welt, die Thaïs erhöht und weit über Gebühr bewundert und verehrt. Das Fundament jener Neuen Welt, die sie und ich zusammen mit einer Handvoll von Makedonen aus dem Nichts erschaffen haben, besteht aus den wunderbaren hellenistischen Idealen, die Thaïs verficht. Zumindest in der offiziellen Version. Ich bin der einzige, der die ganze Wahrheit kennt. Denn nur ein König darf Einsicht in diese untergegangene Welt nehmen. Thaïs hat unzähligen Schreibern von der wundervollen ›Freiheit‹ in den hellenistischen Stadtstaaten vorgeschwärmt. Aber diese Freiheit war mörderisch und brachte Chaos und Ungerechtigkeit mit sich. ›Freiheit‹ in den hellenistischen Stadtstaaten bedeutete in Wirklichkeit, daß alle außer den freien Männern in noch größerer Unfreiheit lebten als unsere Sklaven in Alexandria. Hier haben wir eine Neue Welt für sie erschaffen, in der wahre Freiheit viel mehr zählt. Die Frauen in meiner Stadt können sich ihre Ehemänner selbst aussuchen, sich wieder von ihnen scheiden lassen und ihr Eigentum ohne Vormund selbst verwalten. In dem von Thaïs so geliebten Athen war selbst die vornehmste Frau ihr Leben lang unmündig. Erinnere sie daran, wenn sie sich wieder in Lobeshymnen über die Vergangenheit verliert!«
Ich war zunächst wie gelähmt, beeilte mich dann aber, seine Worte niederzuschreiben, um später seinen Rat befolgen zu können. Mir fiel auf, daß der König sie schlicht bei ihrem Namen nannte – für ihn war sie nicht die Königinmutter, sondern Thaïs. Er liebt sie noch immer, schoß es mir durch den Kopf.
Wer von den beiden hat nun recht mit seiner Einschätzung, sie oder der König? Ich weiß es noch immer nicht, aber neige dazu, dem König recht zu geben. Mein eigenes Schicksal kann als Bestätigung seiner Aussage gelesen werden. In Athen hätte ich kein Stimmrecht gehabt, ich wäre so unmündig gewesen wie ein Kind oder eine Frau. In Alexandria allerdings gibt es gar keine Abstimmungen, dem König gehört die Stadt, so wie ihm auch seine Untertanen und ganz Ägypten gehören. Seine Gerechtigkeit ist göttlich.
In Alexandria gibt es auch keinen Bürgerkrieg, hier wird kein hochgeehrter Politiker abgesetzt und durch die Stadt gejagt, während seine Wähler ihn bespucken und wüst beschimpfen. Hier wird auch kein Politiker gezwungen, den Schierlingsbecher zu leeren. Dafür kann der König sogar seinen ältesten Sohn verbannen, wie er es mit Ptolemaios Keraunos, dem Donnerkeil, getan hat. Die brutale Macht und Gewalt versammelt sich hier im Hause des Königs und seiner Nachkommen, und doch ist es hier viel besser als in Athen, wie ich verwundert feststellen muß, jetzt, da es zu spät ist, um ihre Antwort zu hören.
Und damit stehen wir unmittelbar vor dem Tag, an dem ich zum ersten Mal Thaïs aus Athen, die Königinmutter, traf. Das liegt jetzt zehn Jahre zurück.
Der neunte Tag des ersten Monats im 44. Jahr nach der Gründung Alexandrias
Von Menandros, Schriftführer Ersten Ranges, an den Vorsteher Der Verschlossenen Königlichen Archive im Museion von Alexandria
Bei unserer ersten Begegnung zog Thaïs eine Reihe von Aufzeichnungen aus der Schublade, die ihrer Meinung nach das Gerüst der Erzählung bilden könnten. Aber wie es für eine Frau ohne richtige Ausbildung charakteristisch ist, verkannte sie offenbar das Problem einer so komplizierten literarischen Arbeit wie des Aufzeichnens persönlicher Erinnerungen, die sich über fast achtzig Jahre erstreckten.
Zunächst mußte ich mich mit ihrer Person vertraut machen und darum fragte ich, wann sie die Bekanntschaft mit Ptolemaios Soter gemacht und ob sie bereits damals sein besonderes Wesen erkannt habe. Ich hatte den öffentlich zugänglichen Unterlagen im Archiv entnehmen können, daß sie bereits befreundet waren, als Ptolemaios Soter noch ein junger Mann war. Und darum ging ich davon aus, daß seine Göttlichkeit sie damals so betört hatte, daß sie ihm nach Makedonien folgte.
Sie verstand mich nicht, glaube ich, aber sie lachte.
Da hier die Rede von einer (mindestens) achtzigjährigen Frau ist, die nicht mehr im Besitz besonders vieler Zähne war, ist Gelächter nur eine weitere Verunstaltung, die sich zu den anderen gesellte. Dennoch überraschte sie mich. Sie erklärte ihr Verhalten nicht, sondern bat mich, andere Fragen zu stellen, die einfacher zu beantworten seien.
»Den König habe ich nämlich nie kennengelernt«, fügte sie hinzu.
Es ist an der Zeit, etwas über ihre Erzählweise zu sagen, die mir von Anfang an meine Arbeit erschwert hat. Thaïs spricht sehr langsam und deutlich und flötet beinahe die Vokale. Als ich eine Bemerkung über ihre Sprache fallenließ, lachte sie geschmeichelt und erwiderte, daß sie Attisch sprechen würde, die echte, reine Muttersprache, die ihre Landsmänner über Jahrhunderte feingeschliffen hätten. Sie spreche das gleiche Attisch wie Aischylos, fuhr sie fort und rezitierte einige Zeilen. Ich erkannte den Ausschnitt aus Pindars Olympischen Oden wieder.
Ich erinnere mich genau, wie sie ihre knochigen, aber noch immer schönen Hände behutsam übereinanderlegte, so wie sie es bestimmt schon vor sechzig Jahren gemacht hatte. Sie brachte sie nicht nur in eine bestimmte Position, sie präsentierte sie regelrecht. Nicht ihre Ringe, ihr Alter oder ihre Gebrechen, sondern ihre Anmut. Alles, was sie tut, geschieht, um beim Gegenüber Behagen auszulösen und ihrer Schönheit Ausdruck zu verleihen.
Ich bemerkte den Glanz in ihren Augen: Meine Unwissenheit amüsierte sie und regte sie an, mich damit zu necken. Darum fragte ich sie, ob sie den Grund kenne, warum wir im Reichsarchiv des Museions den Auftrag erhalten hätten, ihre Erinnerungen aufzuschreiben und sie in den Verschlossenen Königlichen Archiven aufzubewahren.
»Warum sollten sie das nicht wollen?« lautete ihre Gegenfrage. »Er ist doch wie Alexander vor ihm auch Perser geworden!«
Ich antwortete wahrheitsgemäß, daß die Archive bisher nur die Aufzeichnungen von Ptolemaios Soters Autobiographie sowie das Originalmanuskript seiner Beschreibung vom Feldzug Alexanders des Großen beherbergten. Und in dieser Gesellschaft erschienen mir die Erinnerungen einer ehemaligen Hetäre doch etwas fehl am Platz.
Da erhob sie sich und schlug mit dem Stock zu, auf den sie sich beim Gehen stützt. Das geschah so unerwartet, daß ich keine Zeit hatte auszuweichen, so daß ich lange mit einem zugeschwollenen Auge herumlaufen mußte und starke Schmerzen in meiner rechten Gesichtshälfte spürte.
»Ich habe Persepolis niederbrennen lassen!« schrie sie mich an. »Man tut gut daran, mich mit Vorsicht zu behandeln!«
Ich bezweifle nicht, daß ein Gesprächspartner mit mehr Erfahrung und Würde sie bezwungen hätte. Aber ich war und wurde (und bin es immer noch) nun einmal der für diese Aufgabe Auserwählte.
Eine Frau kann also offenbar auch Erfahrungen gesammelt haben, die es wert sind, andere daran teilhaben zu lassen, selbst wenn sie in ihrer Bedeutsamkeit wohl kaum die eines Mannes erreichen können. Folglich ist weder die Fülle des Materials noch seine Bedeutsamkeit verantwortlich dafür, daß das Werk unvollendet ist, sondern lediglich die Widerspenstigkeit und Sturheit der Erzählerin.
Sie ist es gewohnt, über Männer zu gebieten und mit ihnen zu spielen. Jetzt hat sie aber nur mich, und ich besitze zu wenig Erfahrung, um ihr den Widerstand zu bieten, den sie einfordert und den ihre Geschichte verdient hätte.
Bericht von der zweiten Begegnung
Sie bat mich – nach dem Zwischenfall mit dem Stock –, sie eines späten Abends bei sich im Garten aufzusuchen, der bis hinunter zum Fluß reicht. Ihr Haus war größer, als ich es erwartet hatte, und bereits bei unserem ersten Treffen hatte sie mir erklärt, daß sie niemals auf Luxus verzichtet habe. Sie habe zu den ersten Griechen und Makedonen gehört, die nach Alexandria gekommen seien, und habe damals selbst die Grenzen ihres Grundstückes bestimmen können. Ich ahnte das Schlimmste und hoffte das Beste.
Während wir stumm im Garten saßen und den unzähligen Booten zusahen, die träge den grauen Fluß hinabtrieben, wartete ich darauf, daß sie mit ihrem Bericht beginnen würde. Aber erst als die Dunkelheit sich über uns gesenkt hatte, fing sie an zu sprechen. Ich konnte ihr Gesicht nicht mehr erkennen, nur ihre Stimme hören.
Die kleine Öllampe neben meiner Papyrusrolle spendete gerade soviel Licht, daß ich meine Schrift sehen konnte. Ich hatte gehofft, daß sie ihre Lebenserinnerungen schlüssig und zusammenhängend vortragen würde.
Aber Frauen werden, wie auch die Priester wissen, in weit größerem Ausmaß von ihren Gefühlen und plötzlichen Eingebungen beherrscht. So begann die Dame mit einemmal von den Straßen in Baktrien zu plaudern und von den Bergen Sogdiens, die so grau wie die Erde seien und mit Schwefel überzogen. Sie erzählte von den Flöten der Hirten in den engen Flußtälern, vom Lachen der kleinen Jungen auf den Rücken der Elefanten in Indien und vom Geräusch des Quellwassers in den schmalen Schluchten. Und von der Wüste sprach sie, von der Gedrosischen Wüste, die am Ende doch noch ihren Geliebten und sein ausgehungertes Pferd freigegeben hatte. Sie beschrieb diese Einzelheiten so lebendig, daß ich zum Schluß den Faden verlor.
Dann verstummte sie, trank und wartete ab. Auch ich wartete, ohne zu wissen, was sie von mir wünschte. So kann man unmöglich eine Lebensgeschichte beginnen! dachte ich. Aber hätte ich ihr das sagen können?
Meine hervorragende Ausbildung und Erziehung im Museion lehnten sich dagegen auf. Ich wußte, daß ich recht hatte. Man muß den Wert von Ordnung anerkennen und lernen, Prioritäten zu setzen. Sie überhörte alle meine Einwände geflissentlich, oder vielmehr: sie übertönte sie – wenn ich so frei sein darf.
»Bist du ein Eunuch, kleiner Schreiber?« fragte sie milde. Es gab keinen Grund, das zu leugnen, und meine Antwort zauberte ein Lächeln in ihr Gesicht und ließ ihren Blick erneut liebkosend an mir herabgleiten, dieses Mal meinen Nacken hinunter.
»Das soll dich nicht bekümmern, mein Freund, du bist sicherlich glücklicher ohne diese Unruhe, die alle anderen erfüllt«, sagte sie und brach in ein höhnisches Gelächter aus.
»Sag mir, da du ja im Brucheion und in dem neuen Palast ein und aus gehst, ob du weißt, mit wem der König zur Zeit zusammenlebt? Ist es seine Halbschwester, die Tochter seiner vorherigen Frau oder seine Stieftochter?«
Ich versuchte stumm mein Entsetzen zum Ausdruck zu bringen, was aber nur einen erneuten Lachanfall bei ihr auslöste. Ich solle mich daran erinnern, setzte sie hinzu, daß sie Ptolemaios Soter seit seinem zwanzigsten Lebensjahr kenne.
»Ich habe gesehen, wie sich der gute Wille in Gewalt verwandelt hat, wie Größe sich erniedrigen ließ«, sagte sie, als ich mich verabschiedete. Und dabei zeigte sie auf ein Bild des Alexander, als würde sie es nicht wagen, seinen Namen laut auszusprechen.
»Ich bin keine Greisin, die Hülle trügt«, sagte sie. »Ich bin noch immer die junge Thaïs. Glaube mir. Jede Nacht träume ich von meinem schönen großen Haus in Athen und von meinem kleinen weißen Haus in Dion. Und dann bin ich wieder dreißig Jahre alt und sitze eingehüllt in dicke Wolldecken, um der Kälte zu trotzen. Und ich warte darauf, daß mein Geliebter zurückkehrt und meinem Leben einen Sinn gibt. Doch etwas nagt an meiner Seele, ich weiß nicht mehr, was es ist. Das Haus, das ich vor mir sehe, hat keine
Wände, ist zu allen Seiten offen. Ich sehe hohe graue Berge, die nicht in Makedonien stehen, und in der Halle der Hundert Säulen schwelt es noch an vielen Stellen, meine Kinder spielen und lachen, aber ich kann sie nicht sehen. Ich habe Angst, daß sie sich verbrennen, hinfallen und sich verletzen könnten, aber die Decken sind so eng um meinen Körper geschlungen, daß ich nicht aufstehen kann und dennoch alles sehe und weiß. Ich weiß, daß ich niemals nach Dion zurückkehren werde, daß mein Leben ein anderes ist und daß ich selbst dafür gesorgt habe, daß es ein anderes wurde. Doch die Fäden der Erinnerung werden dünner und dünner. Aber noch halten sie, ich will nicht fort von Dion. Dann erwache ich, erschöpft und verschwitzt von meiner Erinnerung, und erkenne, daß ich in Alexandria bin, sehe mein tatsächliches Alter und begreife, daß ich noch nicht einmal mehr singen kann. Ich bin freier als zu jedem anderen Zeitpunkt in meinem Leben, aber diese Freiheit hat einen bitteren Beigeschmack bekommen.
Weißt du, wann ich zum ersten Mal gestorben bin, kleiner Eunuch? Als meine Stimme verstummte, und das sage ich ohne jede Übertreibung. Als meine Stimme verstummte, wie das im Alter leider geschieht, da starb ein Teil von mir.«
Was hätte ich ihr nur sagen können? Ich war ein Eunuch und kannte nur mein eigenes junges Leben und die Schriften, die ich abschrieb, wieder und immer wieder! Sie hat keine Vorstellung davon, wie festgelegt mein Leben ist, daß ich von jetzt an und bis zu meinem Tod immer und immer wieder dasselbe abschreiben würde, denn das Museion verdient Geld mit dem Verkauf dieser Kopien.
Sie nahm mich mit in die Stadt. Sie selbst war in der großen Sänfte verborgen, aber sie steckte ihre kleine, vom Alter gezeichnete Hand heraus, zeigte auf dies und jenes und führte mich so durch die Stadt. Und wenn sie fand, daß ich zu begriffsstutzig war, nahm sie meinen Kopf in ihre Hände und drehte ihn in die entsprechende Richtung.
Als Alexander und sein Heer Ägypten erreichten, befand sich an der Stelle des heutigen Alexandria nur ein kleines Fischerdorf namens Rakotis. Inzwischen sind die Straßen so breit, daß die Garde des Königs dort marschieren kann, sieben Männer Schulter an Schulter. In einem der Tempel hängt ein Streitwagen aus Bronze unter der Decke, der von Magneten gehalten wird. Im Museion befinden sich Abschriften aller bekannten Manuskripte, Theaterstücke und wissenschaftlichen Abhandlungen. Keine andere Stadt außer unserer besitzt eine solche Bibliothek oder verfügt über so viele Wissenschaftler. Nirgendwo sonst werden die Menschen so alt wie hier, essen so gut und können so gut ausgebildete Ärzte aufsuchen.
Aber hier herrsche keine Freiheit, wiederholte sie unablässig. In Athen habe man wirkliche Freiheit gekannt. In Athen gäbe es freie Bürger, die sich in der Führung des Staates abwechseln würden. In Ägypten würde dem König alles gehören, das Land und die Menschen. Der Staat sei sein Eigentum, ihm würden auch die Götter gehören, er hätte ja sogar selbst eine Gottheit erschaffen, die überall angebetet werde.
Diese Neue Welt sei zu ihren Lebzeiten entstanden. In Ägypten, Syrien, Persien, Makedonien und Kleinasien würde jetzt Griechisch gesprochen werden, es seien dort griechische Tempel und Theater errichtet worden.
Die Königsschlösser hingegen wären persisch, behauptete sie. In Athen gäbe es auch keine Eunuchen, nur freie Männer oder Sklaven.
Die Könige in Athen würden auf der Akropolis leben, ihr Schloß sei verschwunden. Nur Athens Stadtgöttin Athene würde noch oben auf dem Felsen wohnen, die einzige Frau, vor der sich die Athener verneigen.
»Die Geschichte hat mein Leben geschrieben«, sagte sie. »Das Leben aller Menschen, die in irgendeiner Form mit Alexanders Feldzug in Berührung kamen, hat sich verändert. Ich lebte so nah bei ihm, daß ich zu einem Teil des Krieges wurde. Der Wendepunkt in meinem Leben ist also auf große historische Ereignisse zurückzuführen. Darum kann man die Geschichte des Reiches und meines Lebens in einem Zug erzählen.«
Da dachte ich zum ersten Mal, daß dies ihrer Meinung nach der Grund war, warum wir ihre Erinnerungen aufschrieben.
Thaïs weiß nicht genau, wann und wo sie geboren wurde. Aber ihre Eltern kennt sie: Der Vater war ein erfolgreicher Schildhersteller in Athen, und die Mutter stammte aus Milet, war also eine Metökin. Die Eltern waren verheiratet, aber die gemeinsamen Kinder erhielten dennoch kein volles Bürgerrecht. Die Mutter starb zuerst, worauf der Vater eine athenische Bürgerstochter heiratete.
Nur ein Jahr später starb auch er, und Thaïs, noch ein Kind, wurde weggeschickt. So entging ihr ein großes Erbe, das ihr Leben und ihre Möglichkeiten entscheidend verändert hätte. Sie selbst formulierte es so: »Wenigstens bin ich niemals auserwählt worden, im Tempel von Brauron eines von Athens Bärenjungen zu sein.« Was das auch immer bedeuten mochte, ich wagte nicht, sie danach zu fragen. Andere Völker haben sonderbare Bräuche, die sie selbst als etwas ganz Natürliches empfinden. So war das bestimmt auch früher bei den Athenern.