Czytaj książkę: «Für ein Alter, das noch was vorhat»

Czcionka:

Der rüffer&rub Sachbuchverlag wird vom Bundesamt

für Kultur mit einem Strukturbeitrag für die Jahre

2016–2020 unterstützt.

Erste Auflage Herbst 2019

Alle Rechte vorbehalten

© 2019 by rüffer & rub Sachbuchverlag GmbH, Zürich

info@ruefferundrub.ch | www.ruefferundrub.ch

Bildnachweis Umschlag: © Galina Peshkova | 123rf.com Bildnachweis Autorenporträt: © Tanja Gschwandl

Gedicht Seite 97: »Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité«, aus: Bertolt Brecht, Werke. Große kommentierte Berliner und Frankfurter Ausgabe, Band 15: Gedichte 5. © Bertolt-Brecht-Erben / Suhrkamp Verlag 1993.

Design E-Book: Clara Cendrós

ISBN Book: 978-3-906304-53-3

ISBN E-Book: 978-3-906304-60-1

Inhalt

Mitwirken – ein Plädoyer zur Einstimmung

I. Die neue Dramaturgie des Alterns: zwischen Vitalitätsrekorden und Demenz, irdischer Fristerstreckung und metaphysischer Obdachlosigkeit

II. Was tun mit 25 geschenkten Jahren? Permanent Urlaub? Sind wir Endverbraucher unserer Lebenschance oder Akteure einer Zukunft?

1. Carpe diem. Unterwegs im Unruhestand

2. Bis(s) zum Ende. Im Endlosigkeitstraum

3. Wirken. Akteur im eigenen Theater

4. Mitwirken. Mit reaktivierter Altersweisheit

III. Die Lizenz zu vertrotteln Am Ende hilft, wenn überhaupt, Galgenhumor, vornehmer gesagt: ironische Einwilligung in die Endlichkeit

Anhang

Erwähnte und weiterführende Literatur

Biografie


Noch kürzlich nahm die Kurve des Alters nur eine Richtung: abwärts. Schrumpfen, Serbeln, Sterben. So ab 50 ging es bergab – mit der Karriere, der Gesundheit, der Lebensfreude. Heute zeichnen Glücksforscher unsere Lebenskurve in U-Form: Mit 70 sind wir so gut drauf wie mit 18, nur dazwischen hängen wir durch, mit Tiefpunkt um die 46. Die Logik dahinter: Mit 18 lädt das Leben zu all seinen Optionen, wir leben in der Möglichkeitsform. Danach legt uns die Realität nach und nach fest: privat, beruflich, in Lebensart wie Status. Mit 70 wird das Wünschen wieder frei.

Befreit vom Takt des Erwerbslebens haben die meisten von uns Zeit und Geld, können tun und lassen, wie es gefällt – Reisen, Zweitstudium, Jassen, Sport, Kino, Schlauchbootabenteuer, neue Liebe, Yoga, Safari, Grillparty. Und da wiederum die meisten der Arbeitswelt erstaunlich unbeschadet entkommen, auffällig frisch und vital ins Pensionsalter treten, denkt das schöne neue Alter an alles, bloß nicht ans Ende. 90 wird bald normal. Das macht dann 25 geschenkte Jahre. Rentenmathematiker sind darüber mäßig entzückt. Auch die Jungen rümpfen die Nase, sie werden unseren Spaß später wohl bezahlen. Dass die Rechnung nicht aufgeht, ist dutzendfach durchgerechnet – doch nicht einmal Mathematik hat eine Chance gegen unser Dinosauerierwunschprogramm. Das ist hier allerdings nicht das Thema.

Mich interessiert die sogenannte Sinnfrage hinter der Ökonomie: Was braucht ein Mensch, um seines Alters froh zu werden? Reisen, Erlebnisse sammeln, noch einmal in die kanadischen Wälder, alles prima. Wie Urlaub halt. Doch 25 Jahre Urlaub? Hält das ein Mensch aus? Kein Problem, dachten wir damals, eingespannt in die Arbeitswelt, wir träumten von großen Ferien, von der Sehnsucht, nicht länger in beruflichen Zweckwelten zu funktionieren, sondern Selbstzweck zu werden, selber Regie zu führen, nach unserer Manier glücklich zu werden.

Wie Reto Gschwend, der gibt sein Fahrradgeschäft auf, lese ich im Lokalblatt; über Jahrzehnte war er als Fahrradhändler tätig, mit Leib und Seele, heißt es, seine Kunden fühlten sich super beraten und bedient, als Radprofi war er eine Wucht. Nun, mit 61 Jahren, wolle er sich »auf sich selbst konzentrieren«, wolle »mehr Zeit für sich«. Moment. War Reto wirklich in seinem Element als Velohändler? Warum hört er denn jetzt auf? Wer hat ihm »mehr Zeit für sich« eingeredet? Eine Talk-Show? Der Zeitgeist persönlich? Irgendwann haben wir alle genug von der Mühle der Fünftagewoche. Doch eine interessante Arbeit aufgeben, um »sich auf sich selbst zu konzentrieren«: Was bringt denn so was? Dass ein Fahrradhändler mit 61 noch ein paar Jahre Postautos über die Alpen steuern möchte, sein geerbtes Haus im Jura für die ganze Familie umbauen oder auf Privatdetektiv umsatteln, das leuchtet ein, das klingt nach frischen Plänen, tönt wie das Gegenteil von »mehr Zeit für mich« – mehr Zeit für das, was ihn belebt: neue Interessen, neue Tätigkeiten, neue Leute.

Was wir »Sinn« nennen, ist nur ein Wort für den Fall, dass etwas prächtig aufgeht, dass wir uns so richtig belohnt, ja verwöhnt fühlen für das, was wir tun. Das passiert am ehesten, wenn wir kräftig mitwirken, wenn ich für mein Boccia-Team mit der letzten Kugel punkte, wenn wir eine Tischgesellschaft anregen, wenn wir mit Kindern den Wald durchstreifen. Dann fragt keiner nach Sinn und Wert des Lebens, dann ist der Augenblick erfüllt, weil sonnenklar ist: Ich bin nicht allein, nicht überflüssig, es braucht mich, ich spiele mit, ich bin keine Schachfigur neben dem Spielfeld.

Wirkt verdächtig einfach. Ist es vermutlich auch. Allein, wir Älteren kommen nur mühsam weg von alten Mustern. Unsere Vorfahren wollten, wenn sie nach Jahren der Plackerei noch lebten, ihre Ruhe haben, zu sich kommen, ihren Frieden machen mit sich und den Umständen. Jetzt reden wir von zusätzlichen 25 Jahren. Auch geben wir keine Ruhe, wir sind als »aktive Senioren« berüchtigt. Das schützt uns allerdings nicht davor, auf unseren letzten Runden zu vereinsamen, uns nur um uns selber zu drehen. Die heitersten Alten, die ich kenne, bringen mehr in Bewegung als sich: Vereine, Unternehmen, Enkel, junge Talente, Behinderte im Tixi-Taxi. Aus Vergnügen, nicht aus Pflicht. Weil die rastlose Jagd nach Erlebnissen leerläuft. Weil es ungleich befriedigender wirkt, an etwas mitzuwirken, das bedeutender ist als mein hinfälliges Ich.

Selbst habe ich das Glück, noch gebraucht zu werden, als Autor, als Redner. Bin ich demnächst nicht mehr gefragt, werde ich in der Schule der Gemeinde anklopfen: Habt ihr ein Dutzend Balkankids, mit denen ich Deutsch üben könnte oder Mathe? Es gibt kein Glück, sagt Arthur Schopenhauer, außer im Gebrauch seiner Kräfte. Welche Kräfte wir haben, spielt keine Rolle. Es kommt einzig darauf an, sie zu brauchen; solange die mitmachen, möglichst alle: Kopf. Herz. Hand.

Der Mensch ruht nicht in sich. Er ist keine Blume, kein Esel, kein Engel. Eher dynamisch dazwischen, halb Esel, halb Engel. Hin- und hergezogen, daher die ewige Unruhe, die Leidenschaft, die Langeweile, die Gier. Der Mensch hält es mit sich nicht aus. Er ist, so nennen es Philosophen, das exzentrische Wesen; er muss aus sich heraus, über sich hinweg, er ist nicht, er hat zu sein, er lebt davon, dass er etwas vorhat. Im Alter aber hat er immer weniger vor, seine Zukunft schrumpft, sein Leben wird zur Galgenfrist. Für dieses Dilemma – dass der Mensch auf Zukunft angelegt ist, das Alter aber kaum mehr Zukunft hat – gibt es nur eine Lösung: Ich wirke an einer Zukunft mit, auch wenn die nicht mehr meine sein wird. An einer Zukunft, die mich überdauern wird, der Zukunft der Familie, der Gemeinde, der Bienen, der Traditionen, der Biodiversität, der Poesie – an der Zukunft unserer Menschenwelt.

Davon handelt dieses Plädoyer: für ein Alter, das noch etwas vorhat. Kapitel I sondiert das Terrain. Zwei traditionelle Konditionen verschwinden: die Kürze des Lebens und eine Perspektive danach. Stattdessen: Langlebigkeit und Übererwartung ans Diesseits. Altern dauert, neu als Endstation. Kapitel II diskutiert die Folgen: Was fangen wir klugerweise an mit so vielen Jahren, damit unser Alter nicht nur angenehme »Lebensqualität« hat, sondern auch Inhalt, dass es um etwas geht, dass wir eine Bedeutung haben, eine Rolle spielen? Vier Varianten bringe ich ins Spiel: Unterwegs sein, solange es geht; an der eigenen Endlosigkeit basteln; nützlich werden in der Seniorenprovinz; mitwirken in der Welt der Jüngeren. Meine Favoriten: Wirken, Mitwirken! 25 Jahre Passivmitgliedschaft sind eine bescheuerte Perspektive – für uns selbst, für die Gesellschaft. Irgendwann, nach dem sogenannten Dritten Alter, hört der Spaß sowieso auf, dann beginnt das Vierte Alter mit chronischen Krankheiten und Gebrechen, mit Verwirrung und Niedergeschlagenheit. Kapitel III lädt abschließend ein zu Galgenhumor: zu ironischer Einwilligung in die Endlichkeit.

Der Form nach ist diese Schrift ein Essay, kein Sachbuch. Ich stehe nicht über der Sache, ich engagiere mich – für ein Alter mit Zukunft. Ich bin kein Gerontologe wie Markus Leser, der uns in »Herausforderung Alter« kundig über all die Areale späterer Jahre führt. Auch bin ich nicht – wie Otfried Höffe – zuständig für »Die hohe Kunst des Alterns«. In meiner Wahrnehmung hängen wir die Kunst zu altern eher zu hoch – und werden prompt unglücklich, sobald das Knie schmerzt. Also tiefer hängen! Näher hin zu einem praktischen Menschenbild. Nicht jeder taugt zum kleinen Seneca. Gelassenheit wird dann zur Tugend, wenn uns einzig bleibt, das Unerträgliche geduldig hinzunehmen. Bis dahin empfiehlt sich das unphilosophische Vergnügen, nach Kräften am Leben teilzunehmen.

Zur vorsorglichen Klärung noch dies: Es gibt alte Menschen, die passen nicht in die Schablonen aktiver Senioren, sie sind hilfsbedürftig, haben kein Geld zu reisen, keine Kraft mitzuwirken. Sie kommen in diesem Buch trotzdem kaum vor. Ich entwerfe kein Panorama des Alterns. Ich schreibe ein Plädoyer. Damit spreche ich die an, die noch die Wahl haben, was sie mit ihren Altersjahren anfangen wollen. Und zu denen, die ihr Alter erst vor sich haben.



»Wie ist es so mit dem Älterwerden?«, fragte der Reporter. Marianne Faithfull, eben 70 geworden, nahm einen Schluck Whisky, zog an ihrer Zigarette und sagte mit dunkler Reibeisenstimme: »Nun, wie Bette Davis stets sagte, es ist nichts für Weicheier.«

Da muss ich widersprechen. Ich zähle 75 und gehöre zur verwöhntesten Generation, die je ins Rentenalter kam. Ab 1945 ging es stets aufwärts, mit der Freiheit, dem Wohlstand, dem Wachstum. Mehr Bildung, mehr Freizeit, mehr Komfort, mehr Sicherheit, steigende Renten, Autos für alle, Farbfernseher, Internet, Smartphones, Spitzenmedizin, Spitex. Und weil die Menschenseele mit der Zeit die Farbe und Tonart der Umgebung annimmt, begannen wir zu glauben, es gehöre sich so, wir hätten das sozusagen verdient, das sei alles unsere Leistung, nicht unser Glück, die Welt schulde uns dies – und künftig noch einiges obendrein: Care Teams hinter jeder Straßenbiegung, die konstante Rente trotz umgekehrter Alterspyramide, und bitte demnächst alle 500 Meter einen Defibrillator. Sonst könnten wir am Ende janoch sterben am Leben. So schaffen auch Weicheier das Älterwerden.

Nicht dass meine Generation faul wäre. Wir waren fleißig am Werk, oft richtig tüchtig. »Verwöhnt« nenne ich uns, weil die Geschichte uns gewogen war. Von Kriegen verschont, erlebten wir die Welt wie eine moralische Anstalt, es ging darin – grosso modo – gerecht zu und her, Tüchtige sahen sich belohnt, Faule und Dummköpfe bestraft. Jeder Generation vor uns war klar: Gerechtigkeit? Zum Lachen! Seuchen, Hungersnöte, Wirtschaftskrisen schlugen stets willkürlich zu, sie trafen Gerechte wie Halunken. Nach 1945 vergaßen wir in Zentraleuropa, was »Schicksal« bedeutet, wir erfuhren die Welt als kalkulierbare Vergütungsanstalt. Wo sie lückenhaft blieb, sprang der Staat als Versorgungsbetrieb ein. Und da das Menschenhirn sich an das hält, was es kennt, denkt meine Generation: Im Prinzip geht alles mit rechten Dingen zu, und wo das mal nicht der Fall ist, hat jemand versagt – die Schule oder die Gesellschaft oder der Staat. Dann erwarten wir, dass der Schlamassel ordentlich ausgebügelt wird.

So stellen wir vermutlich die harmloseste Ausgabe der Menschheit, die je ins Alter kam. Wir passen zur Fantasie vom »Ende der Geschichte«, wie Francis Fukuyama sie 1992 entworfen hatte: Dass der Zusammenbruch der Sowjetunion nicht nur die Zeit des Kalten Krieges beendete, sondern die uralte Abfolge antagonistischer Epochen überhaupt. Dass damit die große Weltsolidarität einsetze, dass der liberale Geist in Wirtschaft und Politik automatisch Freiheit fördere, auch Demokratie, Wohlstand, Menschenrechte, selbst wenn die liberalen Köpfe konkret nur auf Profit und Wachstum aus sind. Dass absehbar alle glücklich und zufrieden würden, dass sie alles wollten, bloß keinen Wandel, weshalb die Geschichte an einen Punkt gelange, wo an der Oberfläche noch allerlei zu variieren, im Kern jedoch nichts mehr zu verändern sei. Dass die Menschheit sich in der marktwirtschaftlich orientierten Demokratie systematisch vollende und absolut keinen Grund mehr finde, sich für Neuerungen in Unkosten zu stürzen.

Diese Erzählung war die perfekte Projektion unseres Selbstverständnisses. Wir fühlten uns sicher, frei und satt, unser Leben war entdramatisiert, die Gemütslage entspannt. Mit einer ungewissen Zukunft rechnete kaum einer, wir setzten auf Fristerstreckung der Gegenwart. Jedenfalls bis 2008. Damals stürzten die Banken ab und zogen unser Alterskapital mit in das Debakel. Das Schicksal meldete sich zurück. Die Geschichte machte plötzlich wieder Sprünge, technisch durch Digitalisierung, politisch durch nationalistischen Eigensinn, global durch Migration. Mit gesättigter Gegenwartszufriedenheit war Schluss. Darum sind wir Alten insgeheim erleichtert, schon älter zu sein. Die Jungen beneiden wir kaum, die Welt, die sie übernehmen, wird mühsam zu gestalten sein – auch weil wir eher rücksichtslos über den Planeten fuhrwerkten. Dass es absehbar keine Insekten mehr gibt, ist unser Beitrag, ein Teil des Klimawandels wohl auch, von den künftig miesen Aussichten auf Altersrente nicht zu reden. Wir dagegen sind noch davongekommen, das erzeugt ein so angenehmes Lebensgefühl, dass wir gerne endlos weiter mit ihm unterwegs wären. In der Verantwortung sehen wir uns nicht mehr, wir sehen uns als Passivmitglieder der Gesellschaft. Oder – bitte! – als geschätzte Ehrenmitglieder.

Um 1900 lebten unsere Vorfahren in der Schweiz durchschnittlich 46 Jahre. Das verdoppeln wir noch nicht, sind aber nahe dran. Frauen erreichen heute 85, Männer gegen 82 Jahre. Die nächste Generation dürfte drei bis vier Jahre zulegen. Jedes vierte Mädchen mit Jahrgang 2017 darf damit rechnen, dereinst 100 Jahre alt zu werden. Der Genetiker und Harvard-Professor David Sinclair kündigt bereits »Das Ende des Alterns« an. Bei Labortieren hat er durch epigenetische Reparatur das Altern nicht nur verlangsamt, sondern umgekehrt. Nun macht er sich mit der Methode an den Menschen – mit Zuversicht: »Der Mensch, der 150 Jahre alt wird, ist schon geboren.« Schöne Aussichten – mit neuen lästigen Fragen. Wie finanzieren wir die Langlebigkeit? Damit werden sich unsere Enkel befassen müssen.

Wer spricht von Lebensabend?

Wir machen Siesta im großen Nachmittag

unseres Lebens.

Mich interessiert, wie die Dramaturgie des Alterns sich derzeit verändert. Bis vor Kurzem galten drei Konstanten: Erstens bedeutete Altern körperlichen Verfall, dauerte also eher kurz. Zweitens beanspruchten die körperlich zunehmend gebrechlichen Alten einen gesellschaftlich respektierten Sonderstatus, den sie wiederum rechtfertigen mussten durch Vorzüge wie »Altersweisheit«, mit denen sie sich nützlich machen konnten. Drittens ertrugen Alte ihren Zerfall am ehesten durch eine Perspektive über den Tod hinaus, auf ein Leben danach. Unter diesen drei Konditionen spielte traditionell der letzte Akt des Menschenlebens. Jede Kultur variierte sie auf ihre Weise, doch alle verbindet dieselbe Dramaturgie: Erstens machte sich keine Kultur Illusionen über die Strapazen des Alters. Zweitens respektierte und nutzte jede Kultur altersbedingte Sonderqualitäten wie Erfahrung, Besonnenheit, Unparteilichkeit. Drittens imaginierte und ritualisierte jede Kultur Aussichten auf ein Weiterleben, sei es im Reich der Ahnen, im Hades für Schattenexistenzen, im Paradies für Gerechte, in der Hölle für Ungläubige, im Purgatorium für Halunken.

Diese Koordinaten werden heute neu gezogen. Das Skript des Alters will, mit Blick auf Langlebigkeit, umgeschrieben werden. Vorläufig und pauschal lässt sich die Veränderung so beschreiben: Unsere irdische Frist dehnt sich, die Jenseits-Perspektive schrumpft. Was bis vor Kurzem »Lebensabend« hieß, die Zeit des Rückzugs und Abschieds, rückt stets weiter nach hinten. Das gibt Raum für einen »Lebensnachmittag«, eine ausgedehntere Zwischenzeit unter Parolen wie »alt und vital«. Wer sich in diesem »Nachmittag« zurechtfinden will, kann also nicht einfach zurückgreifen auf tradierte Altersexerzitien, auf Spaziergänge in der Bibliothek kluger Gedanken, auf abendländische Intellektuelle wie Seneca, Boethius, Montaigne. Für den Lebensabend bleiben sie hingegen unvermindert empfehlenswert.

Unter dem Motto »Vita brevis – ars longa« finden wir bei Seneca wie bei christlichen Denkern die drei herkömmlich verbindlichen Klugheitsregeln für Erdenbürger im letzten Abschnitt ihres Lebens. Erstens: Memento mori! Das Leben ist flüchtig und eitel. Zweitens: Zieh dich zurück aus dem Weltbetrieb, konzentriere dich auf deine Altersintelligenz. Drittens: Betrachte dein Leben »unter dem Gesichtspunkt der Ewigkeit«; du bist eine Eintagsfliege, von Bedeutung ist das große Ganze, die kosmische Ordnung.

Heute altern wir unter neuer Regie. Die Anweisungen fallen vergleichsweise harmlos aus – etwa so: Sei der Schmied deines Glücks. Zweitens: Halte dich fit und up to date, solange du kannst. Drittens: Genieße, was dein Leben hergibt. Neu daran ist: Alles dreht sich ums Ich. Die Spannung von »Vita brevis – ars longa« löst sich auf in der individuellen »Vita longa«; die schluckt auch die alte metaphysische Dimension. Ars longa wird zur Ars vivendi, quasi zur Kunst, 25 Jahre Siesta zu machen. Was wird aus der »Altersweisheit«? Sie war stets auch eine Kunst, sich selbst zu relativieren. Hat sie damit noch eine Chance, wo eher »Selbstoptimierung« oder doch »Selbstsorge« gefragt sind? Dass die schiere Länge des Lebens noch keine existenzielle Substanz begründet, ist uns klar. Wohl auch das damit verbundene Risiko, uns in aufwändigen Leerläufen zu verlieren, ohne deren nihilistische Logik (»Halt dich fit, damit du noch lange fit bleibst«) wahrnehmen zu wollen. Im Zweifelsfall hängen wir einfach am Leben, begehren wir nichts so sehr wie Gnadenfrist. Originell ist das nicht. Der Traum vom ewigen Leben ist so alt wie die Menschheit. Den Tod austricksen wollten Menschen schon immer. Erfolgsmeldungen sind rar. Ernüchternd schon der Fall des altgriechischen Jünglings Tithonos: Eos, die Göttin der Morgenröte, entführte den jungen Prinzen, heiratete ihn und erbat für ihn von Zeus die Unsterblichkeit. Allerdings vergaß sie, auch um die ewige Jugend zu bitten. So alterte Tithonos, unfähig zu sterben, er schrumpfte mit der Zeit dermaßen, dass ihn Zeus in eine Zikade verwandelte, um ihm ein halbwegs würdiges Seniorendasein zu ermöglichen.

Das zeigt, in welches Dilemma gerät, wer am ewigen Leben bastelt. Verlängern lässt sich das Leben schon, fragt sich nur, was dabei schrumpft. Der Körper absehbar, die Vitalität ebenso sicher. Damit auch der Lebenssinn? Wer oder was hilft uns gegen das Schrumpfen? Die Biologie gewiss nicht. Sie ist keine Freundin langer Leben. Interessiert am Überleben, investiert sie in die Jungen – und schiebt die überflüssigen Alten ab. Die Religion? Himmelsfreuden als Entschädigung fürs irdisch durchzogene Leben? Das war bisher das erfolgreichste Konzept. Meinen Eltern erleichterte es das Leben wie das Sterben. Nichts spricht dagegen, das weiterhin so zu praktizieren. Nur emigriert dieses Konzept ins Individuum, als gesellschaftliche Verbindlichkeit pausiert es. An seine Stelle tritt immer deutlicher die Medizin als Hightech-Agentur für Aufenthaltsverlängerung. Sie bügelt manche Verluste aus, mit neuem Knie, raffinierten Hörhilfen, Herz-Taktgebern. Neuerdings macht sie sogar Lahme gehen und Blinde sehen.

Die großen Heilsversprechen stecken noch in Kinderschuhen: Personalisierte Medizin wechselt mit der Immuntherapie die Strategie, sie attackiert nicht länger direkt Krebszellen, sie rüstet das Immunsystem auf, das es dem Krebs dann besorgt. Seit die Kunde zirkuliert, wollen wir Älteren natürlich so lange fit bleiben, damit wir noch in den Genuss dieser sagenhaften personalisierten Therapie kämen, falls uns ein Krebs erwischt. Sagenhaft werden allerdings auch die Kosten, bis zu einer Viertelmillion pro Patient. Eine volkswirtschaftliche »Zeitbombe«, fürchten selbst Pharma-Manager. Doch wer will von Finanzen reden, wenn Medizin unser Leben verlängert? Lebensdauer wird zum absoluten Wert, koste sie, was sie wolle. Nur kritische Geister wie die Schriftstellerin Ruth Schweikert in »Tage wie Hunde«, fragen sich nach der Brustkrebsoperation, die über 50 000 Franken kostete, wer denn bestimme, dass ihr Leben so viel wert sei. Die meisten finden es selbstverständlich, dass ihr Leben zu jedem Preis noch einmal gerettet wird. Unverständlich ist ihnen nur, dass es noch immer diese skandalösen Zufälle gibt, dass der Hirntumor aus heiterem Himmel zuschlägt, nicht selten bei hoffnungsvollen sportlichen Leuten. Dass das Herz plötzlich stillsteht, dass sich ausgerechnet auf einer harmlosen Wanderung Plaque in der Arterie löst. Da wären wir dann um unsern Lebensnachmittag betrogen, selbst wenn wir uns speziell für ihn geschont hatten. Nein, die Option Langlebigkeit taugt noch nicht als Retterin. Auch wenn wir sie wie eine Göttin hätscheln, sie hilft uns nicht, die Schatten der Endlichkeit zu überspringen, die das menschliche Dasein wirft.

Darum richtet sich unsere Hoffnung auf neue Digitaltechnik. Alphabet, der Dachkonzern von Google, betreibt das Projekt »Calico« mit dem erklärten Ziel: »Ewiges Leben«. Am Tage der Lancierung erklärte der Google-Boss Larry Page, sie wollten sich an eine große Sache wagen, jedoch nicht, wie viele andere, nur Krebs bekämpfen. Das wäre eine gute Sache, doch keine große; es wären bloß mickrige drei bis vier Jahre Lebensgewinn. Er und Google dächten in anderen Dimensionen: Sie bekämpfen den Tod, nicht eine Krankheit. Ganz absurd ist das nicht. Topleute aus Medizin und Biochemie sind ernsthaft am Werk. Ihre Idee: Aus dem Ozean von medizinischen Daten, die Google speichert, ließe sich die Schnittstelle zwischen gesund und krank herausdestillieren, sozusagen der allererste unscheinbare Anfang unserer Hinfälligkeit. Nicht mehr Therapie ist gefragt, die kommt eh zu spät, meint Google, es geht darum, unsere Körper dank lückenloser digitaler Überwachung gar nicht in die prekäre Lage der Therapiebedürftigkeit schlittern zu lassen. So wäre die Langlebigkeitsdoktrin vielleicht doch zu retten.

Sofern die Biologie mitspielt. Darauf zählen wir besser nicht, denn sie reagiert eher abweisend, neuerdings mit Demenz. Für Optimisten der Langlebigkeit ein krasser Dämpfer, weil er sie grundsätzlich ausbremst – mit dem Argument: Unser Genom hat keine Erfahrung mit so langem Leben. Damit wäre Demenz dann weniger eine Krankheit, eher eine natürliche Überforderung. Unser evolutionär eingespieltes Binnenleben ist leicht zu irritieren. Zum Beispiel zeigen Chronobiologen wie Gregor Eichele und Till Roennenberg: In uns ticken hundert Millionen Jahre alte »Uhren«, deren Einstellung vom Licht-Dunkel-Rhythmus der Erdrotation herrührt. Es ist naiv zu glauben, wir könnten diese wie einen Wecker stellen, so auf ein Alter von hundert Jahren. Jedes Organ arbeitet zu seiner eigenen Zeit, sodass in unserem Körper stets eine chaotische Vielfalt aus Rhythmen, Frequenzen und Perioden herrscht. Damit daraus schließlich ein kooperatives Konzert entsteht, steuert ein oberster Dirigent die einzelnen Zelluhren und synchronisiert sie mit der Außenwelt: Der »suprachiasmatische Nucleus« dirigiert Stoffwechsel und Hirnaktivität – eine so unfasslich komplexe Leistung, dass wir uns nicht wundern sollten, wenn sie mit der Zeit hapert oder aussetzt.

Am Horizont das Menetekel Demenz –

der Disput um die Würde des Alters

In der Schweiz leben gegen 148 000 an Demenz Erkrankte, jährlich kommen rund 28 000 hinzu. Fast jeder Zehnte der über 65-Jährigen, mindestens jeder Dritte der über 90-Jährigen soll von Alzheimer oder einer andern Demenzvariante betroffen sein. Demenz ist seit Jahren der häufigste Grund der Pflegebedürftigkeit. Als meine Mutter nach Jahren der Demenz starb, sank bei mir und meinen Geschwistern schlagartig der Appetit auf rekordlanges Leben. Die Wissenschaft sendet keine Hoffnungssignale. Zwei Pharmafirmen, die seit Jahren Alzheimer erforschen, teilten 2019 mit, ihr Medikament erfülle die Hoffnungen nicht. Roche und AC Immune führen ihre Studien mit insgesamt 1500 Patienten nicht weiter; der getestete Wirkstoff Crenezumab bewirkte keine Verbesserung im Hirn. Meldungen über das Scheitern neuer Demenz-Medikamente sind seit Jahren die Regel. Auch der US-Konzern Biogen stellte seine Experimente mit dem Antikörper Aducanumab ein. Mit über hundert Substanzen ist schon geforscht worden – sämtliche erfolglos.

Das Ziel lautet seit einigen Jahren nicht nur, die Symptome erträglicher zu machen. Die Forscher wollen an der Ursache der Krankheit ansetzen, sie wollen das Nervensterben beenden. Und müssen – mit Andreas Monsch, dem Leiter der Memory Clinic am Felix-Platter-Spital Basel – eingestehen: »Wir kennen den Mechanismus, wie Alzheimer entsteht, nicht.« Besonders irritierend waren Experimente im Jahr 2010: Das neue Mittel wirkte verblüffend, die verklumpten Proteine, die angeblich das Vergessen verursachen, lockerten sich im Gehirn der Versuchspersonen merklich – allein, die Patienten selber merkten nichts davon, sie waren so verwirrt wie zuvor.

Damit kehrt – noch vor dem Tod – das Schicksal unübersehbar zurück ins Alter. Komplett verdrängen konnten wir es ohnehin nie, doch insgeheim hofften wir, die Wissenschaft bekomme es in den Griff. Sie hielt zwar schon im vergangenen Jahrhundert keinen Termin ein, auf den sie selbst den »Sieg über Krebs« angekündigt hatte. Immerhin bewegt sie sich auf diesem Feld: Sie versteht Krebs immer besser, und immer mehr Menschen überleben ihre Krebserkrankung. Die Zahl der an Krebs Erkrankten steigt nur, weil die Überlebensrate massiv angestiegen ist; bei bald jedem Zweiten liegt die Krebsdiagnose zehn Jahre und mehr zurück. Es besteht also Hoffnung – auch auf den methodischen Strategiewechsel, das Immunsystem anzustacheln statt Krebszellen direkt anzugreifen. Der steckt noch in den Anfängen, zeigt aber bereits – mindestens im Falle von Hautkrebs – einige Wirkung. Für uns aktuelle Alte kommen diese Fortschritte zu zäh voran, fürs künftige Alter nähren sie den Traum eines garantiert unversehrten langen Lebens.

Doch am Horizont zieht Unheil auf: Demenz weckt uns schonungslos. Die Ohnmacht der Wissenschaft ist einstweilen zurück, am Ende des Lebens hat das Schicksal wieder die Macht. Das Alter dauert zwar stets länger, es läuft aber nach wie vor ins Unverfügbare, nicht nur in die mögliche demente Verdunkelung, auch in eine Polymorbidität, wie eh und je, bloß später. Wie reagieren wir darauf? Sind wir für geschenkte 25 Jahre derart dankbar, dass wir die späten Eintrübungen leichter akzeptieren, sozusagen als Preis für die ausdauernde Vitalität? Das Gegenteil ist der Fall. Alle Umfragen zeigen: Dass Erkrankungen uns erst spät erreichen, stimmt uns kein bisschen freundlicher, eher ruiniert es rückwirkend unsere Zufriedenheit mit dem Leben. Die Logik kennen wir: Wer jahrzehntelang nie krank war, den erschüttert die eine Krankheit gründlicher als diejenigen, die schon immer mal erkrankten. Dieselbe Wirkung zeigt unser anwachsendes Alter: Je länger wir quasi jung leben, desto weniger wollen wir wirklich alt werden. Je länger wir unser Leben selber bestimmen, desto weniger ertragen wir altersbedingte Kontrollverluste. Je höher wir das Prinzip Selbstverwirklichung hängen, desto unerträglicher erscheint uns eine hinfällige Existenz.

Von da ist es dann nur ein kleiner Schritt zur anschwellenden Suizid-Debatte: Je schlechter unsere seelische Widerstandskraft im Ertragen von Schmerz und Elend trainiert ist, desto rascher denken wir an Exit, sobald uns ein Alter droht, das wir nicht mehr im Griff haben. Nicht nur das Menetekel Demenz, dieser Schrecken, uns bei lebendigem Leibe allmählich abhandenzukommen, befördert die Bereitschaft, das Ende selber zu bestimmen. Es ist generell die Angst, wir könnten unserer Selbstbestimmung entgleiten, die uns drängt, rechtzeitig unser Schicksal selber an die Hand zu nehmen. Es reicht vielen nicht, ihres Glückes Schmied zu sein. Sie wollen auch ihres Schicksals Herr werden. Todesanzeigen, die in der Ich-Form sprechen, wirken heiter bis triumphal: »O ja, Freunde, ich habe gelebt!« Noch die »letzte Reise« wollen wir zunehmend selber organisieren. Ja nichts dem Schicksal überlassen, bloß kein Leiden abwarten. Denn: Leiden verliert in diesem prosaischen Lebenskalkül jede Bedeutung.

Wir lesen die Geschichte eines Paares, das jahrzehntelang gemeinsam durchs Leben ging, jetzt wollten die beiden auch gemeinsam sterben. Der Titel der Reportage: »Der Countdown«. Es bleibt noch ein letzter Monat. Zeit, Abschied zu nehmen. Danach schlafen sie friedlich ein, Hand in Hand. Fühlen sich nun auch die Weiterlebenden erleichtert? Oder alleingelassen mit der Frage, ob das wirklich der Todeswunsch war oder eher eine Depression – oder auch Rücksicht auf die Hinterbliebenen, ihnen nicht zur Last fallen zu wollen?

Die »Freitod«-Diskussion ist nicht hier zu führen. Wohl aber die Frage: Schaffen wir – mit Langlebigkeit und Exit-Kultur – erstmals in der Geschichte das Alter ab? Oder gab es das ähnlich schon einmal, in der Antike, angeleitet durch die Stoa mit ihrem »Gelassenheit«-Postulat? Stoiker wie Zenon, Seneca, Epiktet, philosophisch wirkungsmächtige Autoren, raten zu Autarkia (Selbstgenügsamkeit) und Ataraxia (Unerschütterlichkeit) – gerade mit Blick aufs Sterben. Sie lehnen es ab, das »gute Leben« mit dem langen Leben gleichzusetzen, sie unterscheiden unzimperlich zwischen mehr oder minder erstrebenswertem Leben und favorisieren entschieden das autarke, das nicht irritierbare, nicht gängelbare Leben. Dass sich das nicht unter allen Umständen aufrechterhalten lasse, sahen sie durchaus, darum empfahlen sie: Wer von Schmerzen oder Armut erniedrigt, wer von Tyrannen schikaniert werde, solle besser freiwillig aus dem Leben scheiden. Ihr Maßstab waren nicht Güter wie Wohlbefinden und Gesundheit, das Kriterium war das Ideal Würde: Verliere ich unter widrigen Umständen meine Selbstachtung, lohnt sich das Weiterleben nicht. Seneca selbst, der berühmteste Stoiker, schnitt sich im Bad die Pulsadern auf. Er hatte den berüchtigten Kaiser Nero erzogen, was diesen nicht davon abhielt, ihn der Verschwörung anzuklagen und zum Suizid zu drängen, was Seneca prompt ausführte, angeblich mit stoischer Ruhe.

Darmowy fragment się skończył.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
02 sierpnia 2024
Objętość:
138 str. 15 ilustracji
ISBN:
9783906304601
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: