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Lisa Vild
Einzelgänger: Erotische Novelle
Lust
Einzelgänger: Erotische Novelle ÜbersetzerAlina Becker Original EnsamvargCopyright © 2018, 2019 Lisa Vild und LUSTAll rights reservedISBN: 9788726157048
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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Einzelgänger
In den Bäumen vor dem Fenster von Sofias Wohnung rauscht der Wind. Drinnen ist es stockdunkel, es ist schon nach zwei Uhr nachts und alle Lampen sind aus. Nicht einmal das orangefarbene Licht der Straßenlaternen dringt bis zu Sofia durch, die im Schneidersitz auf dem Sofa hockt.
Warum, warum, warum nur hatte sie Markus zurückgenommen? Jetzt sitzt sie wieder da, heulend, in ihrem gemütlichsten und zugleich hässlichsten Schlafanzug, mitten in der Nacht. Allein. Verlassen. Und das Traurigste ist, dass sie tatsächlich geglaubt hatte, er hätte sich verändert. Dreimal im letzten Jahr hatte sie ihn wieder zurückgenommen, und jedes Mal hatte es in Tränen geendet.
Ein Schluchzen entrinnt Sofias Kehle, und ihr steigt erneut das Wasser in die Augen. Sie bricht einen Riegel von ihrer Schokoladentafel ab, stopft ihn sich komplett in den Mund und zerkaut die süße Masse, während ihr die Tränen die Wangen herunterlaufen. Dass man von Schokolade Pickel bekommt, juckt sie nicht – wenn niemand da ist, der sich für einen interessiert, muss man keine Gedanken an Äußerlichkeiten verschwenden.
Der Bildschirm ihres Smartphones leuchtet auf und zeigt all die Nachrichten an, die Sofia den Tag über von Freunden und Verwandten bekommen hat, Nachrichten, auf die sie nicht antworten konnte, weil sie tief in ihrem Inneren wusste, dass keiner sie verstehen würde. Schließlich war auch niemand in Begeisterungsstürme ausgebrochen, als sie allen erzählt hatte, dass sie wieder mit Markus zusammen war. Keiner hatte es für eine gute Idee gehalten, dass sie ihrem Ex immer und immer wieder verzieh.
„Du bist dreißig, bildschön und Single. Du kannst jeden haben, den du willst. Warum muss es wieder dieser Versager sein?“, hatte ihre beste Freundin Jonna schon gesagt, als er sie das erste Mal verlassen hatte. Sofia hatte nichts darauf erwidert, aber der Kommentar war nicht spurlos an ihr vorbeigegangen.
Jetzt, wo sie wieder schlaflos und mit gebrochenem Herzen dasitzt, fallen ihr Jonnas Worte natürlich ein. Sofia schluckt schwer und wischt sich über die Wangen. Dann streckt sie sich nach der Stehlampe aus und knipst sie an. Das sanfte Licht erhellt ihr Wohnzimmer mit dem edlen Designsofa, dem schönen Holzboden und dem bis obenhin mit Büchern vollgestopften Regal, der riesigen Zimmerpflanze und den grauen Wänden. Sofia liebt ihre Wohnung. Aber hier zu sein fällt ihr schwer – alles, was sie liebt, erinnert sie an Markus. Der Kratzer auf dem Boden, von dem einen Mal, als ihm sein Handy heruntergefallen war, sein Lieblingsplatz auf dem Sofa, auf dem noch die Abdrücke seines Körpers zu erkennen sind, seine Lieblingsbücher auf dem Regal, die Wände, die sie zusammen gestrichen und die Pflanze, die sie zusammen gekauft hatten.
Nein, hier kann sie unmöglich bleiben. Vor allem, weil sie weiß, dass Markus in ein paar Tagen in seinem besten Hemd mit Schokolade, einem Blumentstrauß oder einem lang ersehnten Buch an der Tür klingeln wird. Und dann wird er beten und bitten, dass sie ihn wieder zurücknimmt. Und sie wird es tun. Deshalb muss sie gehen. Sofia kann ihr zerschundenes Herz nicht ein weiteres Mal dazu zwingen, sich zerquetschen zu lassen. Das muss endlich ein Ende finden. Widerwillig muss sie sich eingestehen, dass Jonna recht hat. Markus ist ein Versager – wenn auch ein scheißattraktiver und unterhaltsamer. Perfekt im Bett. Mit schönen haselnussbraunen Augen. Nein. Er ist ein Versager und sie wird nie wieder zulassen, dass er auf ihr herumtrampelt. Ein und für allemal.
Sofia schließt die Wohnungstür hinter sich ab. Den Schlüssel steckt sie in einen Umschlag und wirft ihn bei den Nachbarn in den Briefkasten. Im Kuvert befindet sich außerdem eine genaue Beschreibung, wer sich den Schlüssel wann abholen wird. Sofia ist nervös, als sie das Wohngebäude hinter sich lässt und sich auf den Weg zum Bahnhof macht. Sie weiß gar nichts über diese Leute. Was, wenn sie ihre Wohnung betreten und zerstören? Oder was, wenn es überhaupt kein Ferienhaus in Småland gibt? Welch eine dumme Idee, die Sache mit dem Wohnungstausch. Eine Idee, die ihr mitten in der Nacht durch den Kopf geschossen und in den nächsten vierundzwanzig Stunden zu einem voll ausgereiften Plan geworden war. Aber jetzt ist es zu spät für einen Rückzieher. Schließlich hat sie bereits eingewilligt, ihre Wohnung in Malmö für einen Monat gegen ein Häuschen mitten im Nirgendwo zu tauschen. Was hat sie sich nur dabei gedacht?
Das ältere Paar, das in ihrer Wohnung leben wird, scheint nett und ordentlich zu sein. Den Eindruck hatte Sofia jedenfalls, als sie sich am Telefon mit ihnen unterhalten und die Schlüsselübergabe abgesprochen hatte. Die Dame am anderen Ende der Leitung war nett und beschrieb das Häuschen in Småland als malerisch: Sie sprach von Schafen, Blaubeeren im Wald, einer Eiche am See und einem kleinen Gemüsegarten, und vor allem erwähnte sie nur einen einzigen Nachbarn, der es vorzöge, für sich zu bleiben. Alles in allem ein Heiligtum, wie Sofia es sich gewünscht hatte.
Sie setzt sich in das ruhigste Zugabteil, das sie finden kann, und schließt die Augen. In ungefähr vier Stunden wird sie dort sein. Zuerst geht es mit dem Zug nach Växjö, dann muss sie den Bus nach Tingsryd nehmen. Dort angekommen wartet ein Taxi für das letzte Stück des Weges. Sie hat einen langen Tag vor sich, aber trotz allem schafft sie es, nicht den Kopf hängen zu lassen. „Das ist gut so“, versucht sie, sich einzureden. „Das ist genau das, was ich jetzt brauche.“
Die Stunden fliegen ebenso schnell an ihr vorbei, wie die Welt draußen vor dem Zug- und Busfenster. Sofia hört Hörbücher, löst Kreuzworträtsel und nutzt die Gelegenheit, den verpassten Schlaf nachzuholen. Sie hält sich beschäftigt, um nicht an ihn denken zu müssen. Trotzdem wandern ihre Gedanken zu Markus, immer dann, wenn sie es am wenigsten erwartet. Dann, wenn ein Paar Hand in Hand an ihr vorbeigeht, und sie denkt, das könnten sie sein, sie und Markus. Oder wenn sie glaubt, den Duft von Markus Rasierwasser wiederzuerkennen, ihn in der Nähe vermutet, nur um dann zu realisieren, dass es natürlich jemand anders ist. Egal wie sehr sie versucht, nicht an ihn zu denken, ihre Gedanken driften immer wieder zu ihm ab.
Anstatt sich gegen die Erinnerungsflut zu wehren, lässt sie sich hineinfallen, lässt zu, dass der Kummer über sie hinweg schwappt und die alten Gedanken wieder zurückkommen. Warum mag er sie einfach nicht? Was ist los mit ihr? Was soll sie tun, um ihn wieder für sich zu gewinnen – und zu halten?
Der Bus hält und Sofia erwacht allmählich aus ihren Gedanken. Auf einem Schild steht Tingsryd geschrieben, und sie steht schnell auf, stößt sich den Kopf an der Hutablage und steigt mit ihrem schweren Koffer aus dem Bus. Draußen ist es fast ein wenig kühl. Als sie Malmö am Morgen verlassen hatte, war die Luft stickig gewesen, und das Atmen war ihr schwergefallen. Jetzt braucht sie nur einzuatmen, um ihre Lungen mit frischer Luft zu füllen. Sie spürt, wie sich die Anspannung in Schultern und Nacken löst. Es wird gut. Es muss gut sein.
Das Taxi wendet auf dem schmalen Feldweg und fährt davon. Sofia bleibt allein mit ihrem Gepäck zurück. Ist sie hier richtig? Das Taxi ist schon aus ihrem Sichtfeld verschwunden, und auch das Geräusch der Reifen auf dem Kiesweg entfernt sich immer weiter, bis sie es nicht mehr hören kann. Dafür bemerkt sie das Rauschen des Windes in den Baumkronen, den Gesang der Vögel, das Summen der Fliegen und ihr eigenes Atmen. Das ist alles. Zu Hause in Malmö war sie von dem ständigen Lärm der Autos, Fahrräder, Menschen und Musik umgeben gewesen. Stille gab es dort nie.
Sofia folgt dem Weg in den Nadelwald hinein. Nach einer Viertelstunde werden die Bäume spärlicher und sie sieht ein rotes Häuschen inmitten des grünbraunen Meeres von Bäumen. Sofia läuft schneller, plötzlich angetrieben von einer kindlichen Begeisterung. Sie freut sich darauf, sich vor einem Kaminfeuer auf die Couch zu setzen, ihr mitgebrachtes Thunfischbaguette zu genießen und eine Flasche Wein zu entkorken. Aber zuerst muss sie den Nachbarn aufsuchen, um sich den Schlüssel zur Hütte zu holen. Vor ihrem inneren Auge sieht sie einen grauhaarigen, älteren Mann. Stark und zerfurcht von Alter und Grimm. Die Worte der Frau fallen ihr wieder ein: „Er bleibt meistens für sich.“ Sie atmet aus. Gut so. Denn Sofia will auch nur für sich sein – deshalb ist sie hierhergefahren.
Darmowy fragment się skończył.