Czytaj książkę: «Der lebende Leichnam»
Lew Tolstoi
Der lebende Leichnam
Mit zwölf Bildern

Veröffentlicht im Good Press Verlag, 2020
EAN 4064066114978
Inhaltsverzeichnis
Personen
Erster Akt
Erstes Bild
Zweites Bild
Zweiter Akt
Drittes Bild
Viertes Bild
Dritter Akt
Fünftes Bild
Sechstes Bild
Vierter Akt
Siebentes Bild
Achtes Bild
Fünfter Akt
Neuntes Bild
Zehntes Bild
Sechster Akt
Elftes Bild
Zwölftes Bild
Fußnoten
Personen:
Inhaltsverzeichnis
| Fjodor Wasiljewitsch Protasow (Fedja). | ||
| Jelisaweta Andrejewna Protasowa (Lisa), seine Frau. | ||
| Mischa, der Sohn der beiden. | ||
| Anna Pawlowna, Lisas Mutter. | ||
| Sascha, ein junges Mädchen, Lisas Schwester. | ||
| Viktor Michailowitsch Karenin. | ||
| Anna Dmitrijewna Karenina. | ||
| Fürst Sergei Dmitrijewitsch Abreskow. | ||
| Mascha, eine junge Zigeunerin. | ||
| Iwan Makarowitsch, ein alter Zigeuner | } | Maschas Eltern. |
| Nastasja Iwanowna, eine alte Zigeunerin | ||
| Ein Offizier. | ||
| Ein Musiker. | ||
| Erster Zigeuner. | ||
| Zweiter Zigeuner. | ||
| Eine Zigeunerin. | ||
| Zigeuner und Zigeunerinnen (Chor). | ||
| Ein Arzt. | ||
| Michail Andrejewitsch Afremow. | ||
| Stachow | } | Freunde Fedjas. |
| Butkewitsch | ||
| Korotkow | ||
| Iwan Petrowitsch Alexandrow. | ||
| Wosnesenski, Karenins Sekretär. | ||
| Pjetuschkow, ein Künstler. | ||
| Artemjew. | ||
| Ein Kellner in einer chambre séparée. | ||
| Ein Kellner im Restaurant. | ||
| Der Wirt des Restaurants. | ||
| Ein Schutzmann. | ||
| Der Untersuchungsrichter. | ||
| Melnikow. | ||
| Der Protokollführer des Untersuchungsrichters. | ||
| Ein Gerichtsdiener. | ||
| Ein junger Rechtsanwalt. | ||
| Petruschin, Rechtsanwalt. | ||
| Eine Dame. | ||
| Ein Offizier. | ||
| Ein Gerichtsbeamter. | ||
| Die Kinderfrau bei Protasows. | ||
| Das Stubenmädchen bei Protasows (Dunjascha). | ||
| Afremows Diener. | ||
| Ein Diener bei Karenins. |
Erster Akt
Inhaltsverzeichnis
Erstes Bild
Inhaltsverzeichnis
Die Handlung spielt in Moskau, in Protasows Wohnung. Die Szene stellt ein kleines Speisezimmer vor.
Erster Auftritt
Anna Pawlowna, eine korpulente, grauhaarige Dame, sitzt im Korsett allein am Teetisch.
Zweiter Auftritt
Anna Pawlowna und die Kinderfrau, die mit einer Teekanne hereinkommt.
Kinderfrau: Kann ich bei Ihnen etwas heißes Wasser bekommen?
Anna Pawlowna: Jawohl. Was macht der kleine Mascha?
Kinderfrau: Er ist sehr unruhig. Es ist recht übel, daß die gnädige Frau ihn selbst nährt. Sie hat so ihren Kummer, und das Kind leidet darunter. Was muß das für eine Milch geben, wenn die gnädige Frau bei Nacht nicht schläft, sondern immerzu weint.
Anna Pawlowna: Aber ich denke, sie hat sich jetzt beruhigt?
Kinderfrau: Gott bewahre! Es zieht einem das Herz zusammen, wenn man sie ansieht! Sie hat da etwas geschrieben und dabei immerzu geweint.
Dritter Auftritt
Anna Pawlowna, die Kinderfrau und Sascha, welche eintritt.
Sascha (zur Kinderfrau): Lisa sucht Sie.
Kinderfrau: Ich geh schon, ich geh schon. (Ab.)
Vierter Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha.
Anna Pawlowna: Die Kinderfrau sagt, sie weint immerzu. Daß sie sich immer noch nicht beruhigen kann!
Sascha: Nein, Mama, über Sie muß man sich wirklich wundern. Sie soll sich von ihrem Manne, dem Vater ihres Kindes, lossagen, und Sie verlangen, sie solle dabei ruhig sein!
Anna Pawlowna: Daß sie dabei ruhig sein soll, verlange ich nicht. Aber was geschehen ist, das ist geschehen. Wenn ich als Mutter es nicht nur zugelassen habe, sondern mich sogar darüber freue, daß meine Tochter sich von diesem Manne lossagt, so muß er das doch wohl verdienen. Nicht grämen sollte sie sich, sondern sich freuen, daß sie von einem so schlechten Subjekte, von einem solchen Goldmenschen frei kommt.
Sascha: Mama, warum reden Sie so? Sie wissen ja doch, daß das nicht wahr ist. Er ist kein schlechter, sondern im Gegenteil ein vortrefflicher, ganz vortrefflicher Mensch, trotz seiner Schwächen.
Anna Pawlowna: Na ja, ein vortrefflicher Mensch! Sobald er nur Geld in die Hände bekommt, sei es eigenes oder fremdes ...
Sascha: Mama, er hat nie fremdes Geld genommen.
Anna Pawlowna: Ganz egal, das Geld seiner Frau.
Sascha: Aber er hat ja doch sein ganzes Vermögen seiner Frau hingegeben.
Anna Pawlowna: Warum hätte er es ihr auch nicht hingeben sollen, da er ja wußte, daß er sonst doch alles durchbringen würde.
Sascha: Ob er es nun durchbringt oder nicht, ich weiß nur, daß man sich von seinem Manne nicht scheiden lassen darf, und am wenigsten von einem solchen wie Fedja.
Anna Pawlowna: Nach deiner Meinung muß man damit warten, bis er alles durchgebracht hat und seine Zigeunerliebsten ins Haus bringt?
Sascha: Er hat keine Liebsten.
Anna Pawlowna: Das ist eben das Malheur, daß er euch alle irgendwomit behext hat. Nur mich nicht; ich durchschaue ihn, und er weiß das. An Lisas Stelle würde ich mich nicht erst jetzt von ihm losmachen, sondern ich hätte es schon vor einem Jahre getan.
Sascha: Wie Sie das nur so leichten Herzens sagen können!
Anna Pawlowna: Nein, nicht leichten Herzens. Mir als Mutter ist es ein Schmerz, meine Tochter als geschiedene Frau zu sehen. Glaube mir, daß mir das ein großer Schmerz ist. Aber es ist doch immer noch besser, als daß sie ihr junges Leben zugrunde richtet. Nein, ich danke Gott, daß sie sich jetzt entschlossen hat, und daß nun alles zu Ende ist.
Sascha: Vielleicht ist es doch noch nicht zu Ende.
Anna Pawlowna: Ach was! Wenn er nur erst in die Scheidung einwilligt.
Sascha: Was soll daraus Gutes hervorgehen?
Anna Pawlowna: Nun, sie ist noch jung und kann noch glücklich werden.
Sascha: Ach, Mama, es ist schrecklich, was Sie da sagen; Lisa kann doch keinen andern liebgewinnen.
Anna Pawlowna: Warum sollte sie das nicht können? Wenn sie erst frei sein wird? Es gibt Männer, die tausendmal besser sind als euer Fedja, und die sich glücklich schätzen werden, Lisa zur Frau zu bekommen.
Sascha: Mama, es ist nicht recht von Ihnen, so zu reden. Ich weiß, Sie denken dabei an Viktor Karenin.
Anna Pawlowna: Warum soll ich nicht an ihn denken? Er liebt sie schon zehn Jahre lang, und sie liebt ihn.
Sascha: Sie liebt ihn, aber nicht so wie ihren Mann. Das ist eine Jugendfreundschaft.
Anna Pawlowna: Diese Jugendfreundschaften kennt man! Wenn nur erst die Hindernisse beseitigt sind.
Fünfter Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha. Das Stubenmädchen kommt herein.
Anna Pawlowna: Was willst du?
Stubenmädchen: Die gnädige Frau hat den Hausknecht mit einem Briefe zu Viktor Michailowitsch geschickt.
Anna Pawlowna: Welche gnädige Frau?
Stubenmädchen: Jelisaweta Andrejewna, unsere gnädige Frau.
Anna Pawlowna: Nun, und?
Stubenmädchen: Viktor Michailowitsch hat sagen lassen, er werde sogleich selbst herkommen.
Anna Pawlowna (erstaunt): Eben erst haben wir von ihm gesprochen. Ich verstehe nur nicht, warum sie ihn hat rufen lassen. (Zu Sascha:) Weißt du es nicht?
Sascha: Vielleicht weiß ich es, vielleicht aber auch nicht.
Anna Pawlowna: Immer Geheimnisse.
Sascha: Lisa kommt gleich; die wird es Ihnen sagen.
Anna Pawlowna (kopfschüttelnd zu dem Stubenmädchen): Der Samowar muß wieder in Glut gesetzt werden. Nimm ihn mit, Dunjascha! (Das Stubenmädchen nimmt den Samowar und geht hinaus.)
Sechster Auftritt
Anna Pawlowna und Sascha.
Anna Pawlowna (zu Sascha, die aufgestanden ist und hinausgehen will): Es ist gekommen, wie ich gesagt habe. Sofort hat sie ihn rufen lassen.
Sascha: Vielleicht hat sie ihn in ganz anderer Absicht rufen lassen.
Anna Pawlowna: In welcher Absicht denn?
Sascha: Jetzt, in diesem Augenblicke, ist Karenin ihr ebenso gleichgültig wie jeder andere.
Anna Pawlowna: Nun, du wirst ja sehen. Ich kenne sie doch. Sie läßt ihn rufen, um sich von ihm trösten zu lassen.
Sascha: Ach, Mama, wie wenig kennen Sie sie, wenn Sie denken können ...
Anna Pawlowna: Du wirst ja sehen. Ich freue mich sehr; sehr freue ich mich.
Sascha: Wir werden ja sehen. (Sie geht, vor sich hinsingend, ab.)
Siebenter Auftritt
Anna Pawlowna allein.
Anna Pawlowna (schüttelt den Kopf und murmelt): Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Sehr schön; lassen wir sie nur gewähren. Ja ...
Achter Auftritt
Anna Pawlowna und das Stubenmädchen, welches eintritt.
Stubenmädchen: Viktor Michailowitsch ist gekommen.
Anna Pawlowna: Nun schön; bitte ihn hereinzukommen und sage es der gnädigen Frau. (Das Stubenmädchen geht hinaus.)
Neunter Auftritt
Anna Pawlowna und Viktor Karenin.
Viktor Karenin (tritt ein und begrüßt Anna Pawlowna): Jelisaweta Andrejewna hat mir einen Brief geschickt mit der Aufforderung herzukommen. Ich hatte sowieso die Absicht, heute abend bei Ihnen vorzusprechen, und habe mich daher sehr gefreut ... Befindet sich Jelisaweta Andrejewna wohl?
Anna Pawlowna: Sie befindet sich wohl; aber das Kindchen ist ein bißchen unruhig. Sie wird gleich kommen. (In traurigem Tone:) Ja, ja, es ist eine schwere Zeit. Sie wissen ja wohl alles?
Karenin: Allerdings. Ich war ja vorgestern hier, als sein Brief ankam. Aber ist denn das wirklich unwiderruflich beschlossen?
Anna Pawlowna: Aber selbstverständlich. Das alles noch einmal durchzumachen wäre doch schrecklich.
Karenin: Ein solcher Trennungsschnitt will doch zehnmal überlegt sein. Ins lebendige Fleisch zu schneiden, das ist doch eine schwere Aufgabe.
Anna Pawlowna: Natürlich ist es eine schwere Aufgabe. Aber die Ehe der beiden war ja schon längst halb zerschnitten. Und daher war die vollständige Trennung weniger schwer, als es scheint. Er sieht selbst ein, daß nach allem Geschehenen seine Rückkehr ein Ding der Unmöglichkeit ist.
Karenin: Wieso?
Anna Pawlowna: Aber wie können Sie das nur für möglich halten nach all den garstigen Dingen, die er begangen hat, und nachdem er geschworen hat, dergleichen werde nicht wieder vorkommen, und wenn es doch vorkäme, so verzichte er auf alle seine Rechte als Ehemann und gebe ihr ihre volle Freiheit wieder ...
Karenin: Ja, aber was will die Freiheit einer Frau besagen, die durch die Ehe gebunden ist?
Anna Pawlowna: Es soll die Scheidung erfolgen. Er hat ihr die Scheidung versprochen, und wir werden darauf bestehen.
Karenin: Ja, aber Jelisaweta Andrejewna hat ihn so geliebt ...
Anna Pawlowna: Ach, ihre Liebe ist so harten Prüfungen ausgesetzt gewesen, daß von ihr kaum etwas übriggeblieben ist. Es fallen ihm Trunksucht, Hintergehung und Untreue zur Last. Kann man denn einen solchen Mann lieben?!
Karenin: Der Liebe ist alles möglich.
Anna Pawlowna: Sie reden von Liebe; aber wie kann man denn einen solchen Waschlappen lieben, auf den gar kein Verlaß ist? Was hat er noch jetzt eben für einen Streich begangen! (Sie sieht sich nach der Tür um und beeilt sich mit ihrer Erzählung.) Der ganze Haushalt ist ruiniert, alles versetzt, kein bares Geld vorhanden. Da schickt ihm sein Onkel endlich zweitausend Rubel, um die Zinsen der Schulden zu bezahlen. Er entfernt sich mit diesem Gelde und ist verschwunden. Seine Frau sitzt mit dem kranken Kinde da und wartet; endlich erhält sie einen Brief, sie möchte ihm Wäsche und andere Sachen seines persönlichen Bedarfes schicken.
Karenin: Ja, ja, ich weiß.
Zehnter Auftritt
Anna Pawlowna, Karenin. Lisa und Sascha treten ein.
Anna Pawlowna: Nun, siehst du, Viktor Michailowitsch ist auf deine Aufforderung erschienen.
Karenin: Ja, ich wurde ein wenig aufgehalten. (Er begrüßt die Schwestern.)
Lisa: Ich bin Ihnen sehr dankbar. Ich habe an Sie eine große Bitte. Und ich kann mich damit an niemand wenden als an Sie.
Karenin: Ich werde alles tun, was in meinen Kräften steht.
Lisa: Sie wissen ja doch wohl alles?
Karenin: Ja, ich weiß es.
Anna Pawlowna: Ich werde euch also allein lassen. (Zu Sascha:) Komm, wir wollen die beiden allein lassen. (Sie geht mit Sascha hinaus.)