Czytaj książkę: «Krebs beim Hund»

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ISBN der gedruckten Ausgabe: 978-3-95464-243-4

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Dem LEBEN gewidmet …

Inhaltsverzeichnis

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Am Anfang steht wie so oft eine Geschichte

Viel Weiß, wenig Schwarz: Krebs als Zufallsdiagnose

Ersatzhandlung

Schuldgefühle

Auf dem Weg zu neuen Perspektiven

1. Ein anderes LEBEN

Erfolg beginnt im Kopf

Bewusst positiv denken!

Information schafft Vertrauen

Wir fassen zusammen

2. Kleine Tumorbiologie

Bausteine des Lebens: Gene, Proteine und Zellen

Der Aufbau der Zelle

Vom Gen zum Protein

Der genetische Code und seine Aktivierung

Tumoren und ihre biologische Vielfalt

Unterscheidungsmerkmale gutartiger und bösartiger Tumoren

Tumoren entstehen aus unterschiedlichem Ursprungsgewebe

Eine Krebszelle entsteht

Der lange Prozess der Karzinogenese

Onkogene, Suppressorgene und Reparaturgene

Malignes Tumorgeschehen: zellbiologische Risiken

Vom Karzinogen zum Tumor

Wie Viren unkontrollierte Zellteilung initiieren

Hormone und Gewebewachstum

Wir fassen zusammen

3. Prävention

Risikofaktoren meiden = primäre Prävention

Ein bisschen Statistik

Prädispositionen in der Rassehundezucht

Bekannte Karzinogene meiden

Chronische Entzündungen vermeiden!

Von der Arbeit des Immunsystems: Tumorrisiko Stress

Ernährungsfragen: Übergewicht – wertvolle Zusätze – Kohlenhydrate

Hormone als Karzinogene

Die Entwicklung des Mammakarzinoms

Früherkennung und Nachsorge = sekundäre und tertiäre Prävention

Früherkennung als sekundäre Prävention

Tumorkontrolle als tertiäre Prävention

Wir fassen zusammen

4. Diagnose

Keine Halbheiten!

Diagnostik als einzig verantwortbare Entscheidungsgrundlage

Prognose und Überlebenszeit

Entzündlich oder tumorös? FNAB ermöglicht erste Antworten

Die Gewebediagnose: Entscheidungsgrundlage für alle weiteren Schritte

Den pathohistologischen Befund verstehen

Mastzelltumor – wie bösartig ist er?

Genaue Lymphomdiagnostik sichert optimale Therapie

Mutationsanalysen: die genetischen Wurzeln des Tumors

Metastasensuche im Staging

Staging auch beim Hund nach Vorgaben der WHO

Die bildgebende Diagnostik

Beispiel Osteosarkom: Das biologische Verhalten bestimmt die Wahl der diagnostischen Verfahren

Spezifische und unspezifische Tumormarker

Spezifische Tumormarker in der tertiären Prävention

Unspezifische Tumormarker

Von Erfahrung, Vertrauen und Visionen

Unspezifische Tumormarker richtig deuten

Aus dem Alltag 1

Vertrauen in den „State of the Art“

Neue Wege gehen

Aus dem Alltag 2

Wir fassen zusammen

5. Therapie

Tumortherapie heute

Erfolgreiche Therapie durch Vertrauen, Offenheit und Teamwork

Von der Diagnose zur Therapie

Kurative oder palliative, lokale oder systemische Therapie?

Die Multimodalitätstherapie

Lokale Therapien

Die Chirurgie

Die „chirurgische Dosis“

Der Sicherheitsabstand

Neue medikamentöse Therapie statt Operation bei bestimmten Mastzelltumoren

Die „chirurgische Dosis“ beim Mammakarzinom

Minimalinvasive Eingriffe in der Tumorchirurgie

Grenzen der Tumorchirurgie

Die Strahlentherapie

Strahlentherapie als lokale Tumorbehandlung

Therapieziel bestimmt Strahlendosis

Indikationen für eine Strahlentherapie als primäre Therapie oder als Teil einer Multimodalitätstherapie

Die Technik hinter der Therapie

Wirkungsmechanismus über Sauerstoffradikale

Gesundes Gewebe wird geschont

Nebenwirkungen für geschenktes LEBEN

Systemische Therapien

Die Chemotherapie

Einsatz und Indikationen einer Chemotherapie

Der Zellteilungszyklus

Wirkungsmechanismus führt zum geplanten Zelltod

Wirkung in verschiedenen Phasen des Zellteilungszyklus

Wirkungen bedingen Nebenwirkungen

Knochenmarksuppression als limitierender Faktor

Geringere Dosis als in der Humanmedizin

Nebenwirkungen maskieren

Therapieziel und Zeitverlauf

Palliative Chemotherapie

Kortison ist keine Alternative!

Zielgerichtete Therapien

Entschlüsselung des Hundegenoms: die Zukunft hat begonnen

Der richtige „Schlüssel“ zur Therapie

Tyrosinkinaseinhibitoren in der Tiermedizin

Spezifische immunologische Therapien

Komplementärmedizinische Hilfe

Von der Kraft des Placeboeffekts

Von der heilenden Kraft der Worte

Liebe leben …

Wir fassen zusammen

6. Grenzen und Visionen

Grenzen des Möglichen

Vorbereitung auf den letzten Tag

Der Tod ist Teil dessen, was wir lieben …

Jenseits von Angst

Visionen verschieben Grenzen: die „EINE Medizin“

„Wo aber Gefahr ist, wächst das Rettende auch“: vergleichende Krebsforschung

Neue Therapien und Diagnosemöglichkeiten durch vergleichende Forschung

Wir fassen zusammen

Literatur

Über die Autorin

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

Die höchste Motivationsquelle im Leben ist die Liebe. Gemeinsam mit vielen anderen positiven Emotionen ist sie die wichtigste Kraft, die uns und unseren vierbeinigen Partner gerade dann besonders intensiv begleitet, wenn das Leben zur Herausforderung wird und die Selbstverständlichkeit dessen, was unser Dasein tagtäglich ausmacht, in Frage gestellt ist. Eine Krebserkrankung unseres besten Freundes auf vier Pfoten kann zu einer derartigen Herausforderung werden, auch wenn sie – abhängig von der Art des Tumors und vom Zeitpunkt der Diagnose – in vielen Fällen lange kontrollierbar oder manchmal sogar heilbar ist.

Das Zusammenleben mit meinen Boxern ließ die Thematik der Krebserkrankungen beim Hund im vergangenen Jahrzehnt zu einem nahezu selbstverständlichen Bestandteil meines Lebens werden. Dabei ließen mich die Gedanken, was ich einst bei meiner Boxerhündin Anna versäumt habe, lange nicht los. Die Erkrankung ihrer Tochter Aurora schenkte mir schließlich Empfindungen, Erfahrungen und Einsichten, die mir vielleicht in keiner anderen Lebenssituation zuteilgeworden wären. Aurora war es, die während der Zeit ihrer Krankheit ein neues Bewusstsein für den Wert des Lebens in mir weckte und die mich lehrte, unsere Welt mit all ihren bunten und vielschichtigen Facetten in einer mir bisher unbekannten Intensität wahrzunehmen. Damals schöpfte ich gerade daraus tagtäglich neue Kraft, um meine Hündin in den Monaten ihrer tumorbedingten Behinderung zu begleiten, und bis heute empfinde ich dies als ein unermesslich großes Geschenk, das Aurora mir hinterlassen hat.


Aufgrund eines Tumors im Rückenmark war Aurora wie querschnittsgelähmt. In dieser Situation stand der Rollwagen für Mobilität und Lebensfreude, für Abwechslung und Unternehmungslust! Für Aurora und mich bedeutete er ein Stück Freiheit, dem wir unzählige Ausflüge verdankten. Ohne den Rollwagen hätten wir viele Momente stillen Glücks, die nur uns beiden gehörten, niemals gelebt. Gemeinsam ließen wir keine Möglichkeit aus, diese Lebensform in allen Facetten zu genießen.

Auch in den Tagen, als Auroras damals knapp sechsjährige Tochter Cordelia, die an einem malignen (bösartigen) Lymphom litt, mich gerade für immer verlassen hatte und ihre ältere Schwester Braganza wegen eines Osteosarkoms (ein Tumor, der vom Knochengewebe ausgeht) zur gleichen Zeit in eine umfassende onkologische Therapie ging und meine ganze Aufmerksamkeit und Fürsorge benötigte, war ich unendlich dankbar, eine scheinbar grenzenlose Energie in mir spüren zu dürfen. In jedem Moment war mir vollkommen bewusst, dass die unerschütterliche Motivation und tiefe emotionale Basis all dessen, was ich dachte und tat, die Liebe war. Diese Überzeugung vermochte mir selbst in diesen Wochen der sich überschlagenden Ereignisse ein beständiges Lächeln zu schenken, wenn Braganza und ich an der Universitätsklinik in Wien oder im heimatlichen Garten in der Steiermark gemeinsam auf der Wiese saßen und die wärmenden Sonnenstrahlen spürten, die uns aus einem tiefblauem Himmel trafen. Voller Geborgenheit und Harmonie lebten wir jeden einzelnen dieser so wundervollen und einzigartigen Momente und fühlten uns sicher und geborgen.

Verbiete Dir die Liebe nicht! – Diese Momente voller Vertrauen und Liebe, die wir in diesen Situationen leben, sind einzigartig und auch für uns, die wir eines Tages allein zurückbleiben, eine wertvolle Erfahrung, die uns niemand nehmen kann und die für immer in unserem Denken und Tun präsent bleiben wird. Die Liebe wird in diesen Tagen der Krankheit zur wichtigsten Kraftquelle für unseren vierbeinigen Partner und für uns selbst, und diese Energie benötigen wir, um unserem geliebten Freund auf vier Pfoten während dieser Zeit zur Seite zu stehen – und gleichzeitig bewusste, das heißt rational bestimmte und ethisch verantwortbare Entscheidungen für ihn und sein Leben zu treffen. So entstand dieses Buch, das keinerlei Anspruch auf wissenschaftliche oder medizinische Vollständigkeit erhebt, sondern ein Ratgeber für Besitzerinnen und Besitzer von an Krebs erkrankten Hunden sein möchte, um ein Verständnis für Krebserkrankungen und ihre Behandlungsmöglichkeiten zu schaffen.

Mein besonderer Dank gilt heute …

… meinen Boxern, deren Umgang mit ihren Erkrankungen mich unendlich viel lehrte und die mir Erfahrungen schenkten, die mein Leben veränderten und reicher machten.

… der Veterinärmedizinischen Universität Wien, wo ich in den unterschiedlichsten Vorträgen und Veranstaltungen sowie in der Therapie meiner eigenen Hunde immer wieder erkennen durfte, was Ambition und Leidenschaft in der modernen Tiermedizin bewegen können.

… Herrn Dr. med. vet. Michael Willmann (Onkologische Abteilung der Internen Klinik für Kleintiere der Veterinärmedizinischen Universität Wien) für das Vertrauen, mich bei der Arbeit an diesem Buch von Beginn an zu unterstützen.

Ottendorf, im Februar 2021

Kerstin Piribauer

Am Anfang steht wie so oft eine Geschichte

Mitte Oktober. Die letzten warmen, farbenfrohen Tage des Jahres schienen bereits Vergangenheit. Kalt war es geworden und dichtes Nebelgrau hing über dem oststeirischen Hügelland. Dennoch spielten zwei unserer Boxer – Mutter und Sohn – fröhlich und ausgelassen auf einer großen Wiese. Anna, gerade sieben Jahre alt geworden, und der knapp dreijährige Apoll waren wie immer ein Herz und eine Seele, und der aufgeweckte junge Boxermann wusste seine Mutter im Spiel stets ordentlich herauszufordern.

In diesen Tagen begann Anna zu husten. Litt sie eventuell an einer Erkältung? Angesichts der Jahreszeit und des nasskalten Wetters in den zurückliegenden Tagen schien dieser Gedanken keineswegs abwegig. Am nächsten Tag stellten wir Anna dem Tierarzt vor. In der klinischen Untersuchung zeigten sich keinerlei nennenswerte Auffälligkeiten, aber angesichts des Hustens bestätigte der Tierarzt unsere Vermutung einer Infektion der oberen Luftwege und verordnete Anna ohne eine weitere und genauere diagnostische Abklärung der Symptome ein Antibiotikum. Eine wirkliche Besserung war trotz dieses Therapieversuchs in den kommenden Tagen nicht erkennbar, im Gegenteil, Anna hustete bald zunehmend blutigen Schleim aus. Vier Tage später wirkte sie zudem sehr müde und lustlos, zeigte einen merkwürdig aufgeblähten Bauch. Bei einer neuerlichen Vorstellung in der Tierklinik führte nun eine Ultraschalluntersuchung des Bauchraums zu der vagen Äußerung, dass die Leber „etwas komisch“ aussähe. Das sei „kein schönes Gewebe“. Wir sollten die Antibiotika weiterhin geben.

Während der Autofahrt nach Hause kam mir der Gedanke, Anna an der Veterinärmedizinischen Universitätsklinik in Wien vorzustellen. Was konnte sie an der Leber haben? Was heißt „komisches Gewebe“? Könnte das eine Umschreibung für „Krebs“ sein? Aber selbst, wenn Anna einen Tumor haben sollte, gäbe es an der großen Universitätsklinik sicherlich die Möglichkeit einer Operation. Ich rief in Wien an. Leider war es schon spät am Nachmittag und an der Kleintierklinik niemand mehr für eine Terminvereinbarung erreichbar. Ich möge doch bitte am nächsten Morgen wieder anrufen, bat mich eine freundliche Stimme in der Telefonvermittlung.

Viel Weiß, wenig Schwarz: Krebs als Zufallsdiagnose

Abends verweigerte Anna ihr Essen, sie schien zunehmend apathisch. Wieder rief ich in unserer Haustierklinik an, und eine halbe Stunde später waren wir dort. Zur Ergänzung der Ultraschalluntersuchung vom Nachmittag wurde nun ein Röntgenbild des Bauchraums angefertigt, und wir warteten auf dessen Entwicklung. Was dann zu sehen war, ließ den diensthabenden Tierarzt und damit auch uns den Bauch und die Leber allerdings erst einmal vollkommen vergessen. Ein kleiner Teil der Lunge war auf dem Bild noch zu sehen: nicht schwarz, wie sich die Luft in einer gesunden Lunge am Röntgenbild darstellt, sondern weiß gefleckt. Viel Weiß mit kleinen schwarzen Zwischenräumen. Der Tierarzt machte ein besorgtes Gesicht, sprach von „Lungenkrebs“ und fertigte eine zweite Röntgenaufnahme an, diesmal nur von der Lunge.

Dieses Bild zeigte nun sehr viel Weiß in Annas Lunge. Das alles seien Krebszellen, erklärte uns der Tierarzt und fügte korrekterweise den Hinweis hinzu, dass das, was er gerade mache, im Grunde keine Tumordiagnostik sei, aber die Sache sei klar. – „Was tun?“ – „Keine Chance! Gar nichts tun!“ – „Wie lange noch?“ – „Vielleicht drei Wochen, vielleicht vier.“ – „Es muss doch eine Möglichkeit geben! Ich habe heute Nachmittag ohnehin beschlossen, morgen in Wien an der Universitätsklinik einen Termin zu vereinbaren, um Anna dort vorzustellen.“ – „Warum? Warum wollen Sie dem Hund die vielen Kilometer antun? Machen Sie ihr lieber eine schöne Zeit.“ – Noch ließ ich nicht locker. „Aber vielleicht gibt es noch eine Chance! Vielleicht gibt es die Möglichkeit einer Chemotherapie?“ – „Chemotherapie? Aber ich bitte Sie! Wollen Sie Ihrem Hund das wirklich ANTUN?“


Auf diesem Röntgenbild von Annas Lunge sind die Metastasen überdeutlich erkennbar.

Warum blieb damals nur dieser eine Satz in mir hängen? Warum ließ ich mich davon derart lähmen und habe nicht die Kraft gehabt, bei meinem Vorsatz vom Nachmittag zu bleiben, am nächsten Tag wie vereinbart in Wien anzurufen? Warum habe ich nichts getan, was Anna vielleicht noch hätte helfen können, was uns eventuell noch einige Wochen, Monate, vielleicht ein Jahr Leben geschenkt hätte? Ob dem so gewesen wäre – niemand kann mir heute darauf eine Antwort geben. Mit Sicherheit aber hätten weitere diagnostische und therapeutische Schritte zumindest mehr Klarheit in die gesamte Situation und eine eindeutige Diagnose gebracht. ANTUN?! Nein, ANTUN wollte ich Anna sicher nichts, aber es entsprach auch nicht meinem Naturell, gar nichts zu tun. Das war ausgeschlossen für mich.

Ersatzhandlung

Die in unserer Haustierklinik damals ohne weitere Diagnostik, Diskussion und Abwägung noch am späten Abend sofort eingeleitete Kortisontherapie schien mir schon seinerzeit eine mehr oder weniger hilflose Alibiaktion, von der ich mir keinerlei Besserung versprach – zu Recht, wie ich heute weiß. Also begann ich, genauso wie unzählige andere Hundebesitzer dies auch heute noch tun, „Doktor Google“ zu befragen und im Internet nach alternativen Tumortherapien zu suchen. Dabei stieß ich auf ein Mistelpräparat, das ein angeblicher Tumorspezialist anbot, der sogar in unserer Nähe praktizierte. 50 Kilometer würde ich Anna ja doch noch ANTUN können, und so fuhren wir mit den Röntgenbildern unserer Klinik zu diesem Arzt, der uns anschaulich, wort- und farbenreich die Wirkungsweise, die Vorteile und „Risiken“ einer Misteltherapie darstellte, für die wir uns dann auch entschieden. Aus heutiger Sicht eine reine Ersatzhandlung! Statt 175 Kilometer nach Wien nur knapp 50 Kilometer, statt einer genauen diagnostischen Abklärung mit den Möglichkeiten der modernen Veterinärmedizin und statt einer eventuell noch sinnvollen Therapie nur eine komplementärmedizinische Misteltherapie! Noch heute macht mich der Gedanke, damals so entschieden zu haben, fassungslos. Seinerzeit war ich zumindest sicher: Damit konnte und würde ich Anna nichts ANTUN! Heute ist mir klar, dass die in Zusammenhang mit Tumorerkrankungen oftmals empfohlene Misteltherapie ihren Sinn unter anderem in einer unspezifischen Aktivierung des Immunsystems findet, indem die natürlichen Inhaltsstoffe der Mistel die körpereigene Abwehr verstärkt motivieren können, um dann vielleicht auch gegen Tumorzellen im Organismus vorzugehen. Heute weiß ich auch um den geistigen Hintergrund und das Gedankengerüst des anthroposophischen Heilungsansatzes der Misteltherapie. Das mag eventuell als unterstützende und begleitende – eben komplementärmedizinische – Maßnahme hilfreich sein, es ernsthaft als Ersatz oder Alternative zu einer etablierten evidenzbasierten Behandlungsform zu betrachten und anzubieten, erscheint mir persönlich heute durchaus als ethisch bedenklich.

Zumindest aber brachte dieser zweite Tierarzt damals so viel Licht in die Gesamtsituation, dass er nicht an einen bei Hunden eher seltenen primären Lungentumor glaubte, sondern uns erklärte, dass das, was das Röntgenbild zeige, Metastasen seien, wahrscheinlich von unentdeckten Mammatumoren. Er tastete Anna ab und machte mich auf eine kaum spürbare und sehr versteckt liegende steinharte Verdickung neben einer ihrer hinteren Zitzen aufmerksam, gerade einmal so groß wie ein Stecknadelkopf. Beim weiteren Abtasten fand er im Bereich des vorletzten und letzten Milchdrüsenkomplexes drei solche Gebilde und erklärte diese für die Ursache des Ganzen. War es wirklich so? Ich erinnere mich noch ganz genau, wie sich die Verhärtungen anfühlten. Steinhart. Wenig größer als ein Stecknadelkopf. Sehr gut abgegrenzt. Passte das wirklich zu der These, dass es sich hier um bösartige Mammatumoren handeln sollte, die in die Lunge metastasiert hatten? Noch hatte ich meine Zweifel, und im Grunde meines Herzens bin ich vielleicht noch immer auf der Suche nach einer Antwort auf all diese Fragen …

Wir ließen das Mistelpräparat bestellen. Es sollte in unsere Haustierklinik geliefert und dann den Angaben des zweiten Arztes entsprechend verabreicht werden. Anna verstarb wenige Tage später, noch bevor das Medikament in der Klinik eingetroffen war. Sie war sehr schwach an jenem letzten Morgen, hatte nahezu weiße Schleimhäute und wollte kaum aufstehen. Während Anna in der Klinik eine Infusion erhielt, die den Organismus eigentlich stärken sollte, verschlechterte sich ihr Zustand zusehends. Aber auch jetzt erfolgte kein zielgerichteter Versuch, um herauszufinden, was aktuell in ihrem Körper vorging. Keine Diagnose, kein Ansatz einer Lösungsmöglichkeit, und so stimmte ich seinerzeit zu, ihrem Leben ein Ende zu setzen – angesichts der damaligen Gesamtsituation zwar nachvollziehbar, aber bis heute trage ich das gefühlte Wissen in mir, dass dies eine der großen Fehlentscheidungen meines Lebens war.

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0+
Objętość:
318 str. 47 ilustracji
ISBN:
9783954642526
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
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