Czytaj książkę: «Moderne Helden»
MODERNE
HELDEN
WELTEN RETTEN MIT OLD SHATTERHAND, SUPERMAN, GANDALF, MR. SPOCK UND SHERLOCK HOLMES
VON
KATHARINA MAIER
Herausgegeben von Bernhard Schmid
© 2018 Karl-May-Verlag, Bamberg
Alle Urheber- und Verlagsrechte vorbehalten
Deckelbild: Marko Brock
eISBN 978-3-7802-1628-1
KARL-MAY-VERLAG
BAMBERG · RADEBEUL
INHALT
Vorwort von Helmut Schmiedt
Helden. Eine altmodische Idee
Über dieses Buch
Vier Versuche über Helden
Heldenreise
Das Schöne, Wahre, Gute
Superhelden am Lagerfeuer
Warum sich Superman, Iron Man & Co. im Mayversum wie zu Hause fühlen würden
Das Zeitalter der Helden
Aus großer Macht folgt große Verantwortung
Kleider machen Leute
Mit Fes, Charme und Kaftan
Ich bin Iron Man
Eine altmodische Vorstellung
Batman contra Superman
Der gute Mensch von Brooklyn
Von Zweien, die auszogen, um Helden zu sein
Earth’s Mightiest Heroes
Eine unerwartete Reise
J. R. R. Tolkien und Karl May: Über die Zeitlosigkeit zweier fantastischer Welten
Jugendlektüre
Über Hobbits
Sekundäre Welten
Von Reitern und Waldläufern
Nicht alles, was Gold ist, glänzt
Bis die Welt sich wandelt
Das Ewig-Weibliche zieht uns hinan
Die Herrin des Schildarms
Ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden
Eine ziemlich gute Wendung
Der Große Feind
Die Straße gleitet fort und fort …
Old Shatterhand trifft Sherlock Holmes
Alte Helden neu erzählt
Wiederkehr mit Unterschied
The Game Is On – Spielbeginn
Willkommen im Multiversum
Elementar, mein lieber Watson
Des Sherlocks neue Kleider
Freunde fürs Leben
Eine Seele in zwei Körpern
Dr. John Watson trifft Hadschi Halef Omar
Winnetou im Weltraum
Was Star Trek und die Große Reiseerzählung gemeinsam haben
Unendliche Geschichten, unendliche Weiten
To boldly go
Zurück zum Anfang
Was noch nicht ist, kann ja noch werden
Jenseits der Dunkelheit
Unendliche Vielfalt in unendlichen Kombinationen
Ein Gedankenspiel: Im Lande Hulm
Die Königin des Weltalls
Das Weib siegt
Die Tochter der Mutter
Schwarzgraukariert
Ein Eselsjunge
Im Auftrag der Frau Häuptling
Die Träger der Utopie
Ich war und werde es immer sein …
Ein Muss
Anmerkungen
Literaturverzeichnis
Vorwort
Ein Held im traditionellen Sinne ist jemand, der herausragende physische und psychische Leistungen vollbringt. Figuren dieser Art tauchen schon in den ältesten literarischen Werken auf, von denen wir Kenntnis haben; die Ilias und die Odyssee Homers sind voll davon, ebenso die großen Epen des Mittelalters. Auch in jüngerer Zeit haben die Heroen an Ausstrahlungskraft nichts eingebüßt. Das Hollywood-Kino z. B. erweckt in kurzen Abständen alte Comic-Helden zu immer neuem Leben auf der Leinwand, und ein riesiges Publikum harrt schon seit Beginn der 1960er-Jahre der Abenteuer, die ein gewisser James Bond regelmäßig in demselben Rahmen vollbringt. So allgegenwärtig sind diese Figuren, so ausgeprägt ist offenbar das Bedürfnis, ihnen bei der Arbeit zuzusehen, dass Theorien zum innersten Kern literarischer Fantasien mit ihnen argumentieren können. Sigmund Freud etwa hat in seinem Aufsatz Der Dichter und das Phantasieren „Seine Majestät das Ich, den Helden aller Tagträume wie aller Romane“ ins Zentrum der Überlegungen zum wunscherfüllenden Charakter der Literatur gerückt.
Bei der genaueren Durchleuchtung von Heldenfiguren bewährt sich die Beachtung dessen, was die Literaturwissenschaft Intertextualität nennt. Gemeint ist damit, dass literarische Werke immer auch in einer Beziehung zu anderen literarischen Texten stehen, sei es, dass sie mehr oder weniger deutlich auf sie reagieren, sei es, dass in der Sache interessante Relationen existieren, ohne dass von einer gezielt herbeigeführten Nähe die Rede sein kann. Natürlich wurden auch schon die Heroen Karl Mays regelmäßig unter diesen Vorzeichen beobachtet. Heinz Stolte beispielsweise hat in der ersten Dissertation, die über Karl May verfasst wurde (Der Volksschriftsteller Karl May, 1936), Parallelen gesehen zwischen der Siegfriedsage und den ersten Auftritten des späteren Old Shatterhand, die in Winnetou I geschildert werden; und mehr oder weniger jeder Indianerhäuptling aus der historischen Realität oder der Literatur, der in die Zeit vor Winnetou zu datieren ist und sich eines auch nur halbwegs freundlichen Nachrufs erfreut, wurde als mögliches Vorbild für diese inzwischen berühmteste Figur Karl Mays ins Spiel gebracht.
Katharina Maier ist eine Autorin, die einen Hang zu unkonventionellen Themen hat bzw., genauer gesagt, eine Neigung dazu, bestimmten Themen auf eine besonders originelle und dabei zu neuen Erkenntnissen führende Weise zu begegnen. Vor einigen Jahren hat sie ein Buch mit dem Titel Nscho-tschi und ihre Schwestern (Karl-May-Verlag, 2012) vorgelegt, das mit großer Überzeugungskraft der verbreiteten These widersprach, weibliche Personen spielten im abenteuerlichen Kosmos Mays eine völlig nebensächliche Rolle: Der genaue Blick zeigt, dass die quantitative Geringfügigkeit ihres Auftretens nicht gleichzusetzen ist mit einer grundsätzlichen Vernachlässigung, dass vielmehr Frauenfiguren und die Komponente des Weiblichen in Mays Erzählungen oft eine viel größere Bedeutung besitzen, als man bei der oberflächlichen Lektüre wahrnimmt.
Eine Arbeit mit einem Titel wie beim vorliegenden Buch wirkt nicht sogleich ähnlich spektakulär. Aber auch diesmal geht es um eine überraschende Perspektive, denn die Helden Karl Mays werden hier nicht – wie bisher meistens, wenn es in seinem Fall um das Phänomen Intertextualität ging – im Hinblick auf etwaige literarische Ahnenreihen, d. h. ältere literarische Werke, betrachtet, sondern hinsichtlich ihres Verhältnisses zu neueren Figuren der populären Kultur. Um Superhelden vom Schlage Batmans, Supermans und Iron Mans geht es im ersten Vergleich, im zweiten um J. R. R. Tolkiens Fantasy-Epos Der Herr der Ringe. Anschließend wendet sich die Autorin Sherlock Holmes zu, dem von Arthur Conan Doyle geschaffenen Meisterdetektiv, und am Ende wird die Saga vom Raumschiff Enterprise behandelt, von der uns die Star Trek-Serie erzählt. Welche Beziehungen gibt es zwischen Winnetou, Old Shatterhand & Co. und diesen weltweit bekannten Gestalten? Für welche Ideale stehen sie, und wie verhalten sie sich? Wie steht es um die Modernität der literarischen Entwürfe Mays, wenn wir in diesen zentralen Punkten Ähnlichkeiten und Analogien finden?
Das Thema ist insofern zusätzlich kompliziert, als populäre Helden aus neuerer Zeit fast immer in verschiedenen Gestaltungen existieren und dabei regelmäßig Grenzen des Mediums überschritten werden. Aus ursprünglichen Roman- und Comicfiguren werden Filmhelden, und die wiederum werden im Zuge von sich ständig verändernden Konzepten präsentiert und von unterschiedlichen Schauspielern verkörpert. Wer etwa in den letzten Jahren die Darstellungen des Sherlock Holmes miteinander verglich, die Benedict Cumberbatch für eine Fernsehserie und Robert Downey jr. für die Kinoleinwand jeweils mit großer Resonanz boten, wäre ohne den gemeinsamen Rollennamen möglicherweise nicht zwingend darauf gekommen, dass es sich im Kern um ein und dieselbe Figur handelt. Katharina Maier trägt diesem Umstand Rechnung und lässt z. B. gleich in der Einleitung erkennen, dass sie im Fall des Detektivs primär an den Adaptionen interessiert ist.
Dabei ist es nicht ihr Ziel, so zu tun, als seien die Figuren Mays und die anderen einander zum Verwechseln ähnlich. Die ausführlichen, von souveräner Kenntnis zeugenden Beobachtungen und Überlegungen, die sie den neueren Figuren widmet, sorgen dafür, dass diese auch so etwas wie ein Eigenleben gewinnen. Sie laufen nicht Gefahr, als ahnungslose Winnetou-Derivate oder dergleichen abgestempelt zu werden – damit täte man denjenigen, die sie in die Welt gesetzt haben, denn doch Unrecht.
Alles in allem: Der Leser erhält einen umfassenden Einblick in die Welt populärer Heldenfiguren des 20. und 21. Jahrhunderts und wird darüber informiert, was sie mit denjenigen verbindet, die Karl May seinem Millionenpublikum nahegebracht hat – ein Projekt, das in der May-Forschung konkurrenzlos dasteht. Dass das Ergebnis sich gut lesen lässt – unterhaltsam und anspruchsvoll zugleich –, versteht sich bei dieser Autorin ganz von selbst.
Helmut Schmiedt
Helden. Eine altmodische Idee
Über dieses Buch
„Elementar, mein lieber Shatterhand“, sagt Sherlock Holmes und zieht an seiner Pfeife. Die Flammen des Lagerfeuers werfen tiefe Schatten auf sein hageres Gesicht unter dem Deerstalker-Hut. „Wir leben im Zeitalter der Helden.“
Bevor Old Shatterhand, andernorts auch bekannt als Kara Ben Nemsi, antworten kann, tönt ein raues Lachen über die Lichtung. Es klingt ein wenig, als hätte jemand seinen Asthma-Inhalator vergessen. „Helden?“, schnarrt die dunkle Gestalt auf der anderen Seite des Lagerfeuers. „Die Helden sind tot. Tot und nutzlos.“
„Faszinierend“, meint der Vulkanier zu Sherlocks Rechten mit erhobener Augenbraue. „Und unlogisch. Der Tod und der Nutzen eines Helden stehen in keinem kausalen Zusammenhang.“
„Offensichtlich nicht, mein lieber Spock“, entgegnet der Detektiv und sieht die dunkle Gestalt auf der anderen Seite des Lagerfeuers scharf an. Sie trägt einen schwarzen Umhang, und ein schwarzer Helm verbirgt ihr Gesicht. Old Shatterhand meldet sich endlich zu Wort, ein amüsiertes Zucken um die Mundwinkel: „Außerdem seid Ihr der beste Beweis, Mr. Vader: Totgesagte leben länger.“
„Weil unsere Geschichten etwas bedeuten“, wirft ein tapferer, kleiner Hobbit ein. Er sitzt neben Old Shatterhand und sieht ein wenig wie Hadschi Halef Omar aus. „Denn es gibt Gutes in der Welt. Und dafür lohnt es sich zu kämpfen.“
„Ich bin Batman“, sagt Batman aus der Dunkelheit des Waldes, und dem hat selbst ein so ikonischer Bösewicht wie Darth Vader nichts entgegenzusetzen.
Vier Versuche über Helden
Helden, das ist so eine Sache. Heutzutage verwenden wir eigentlich eher neutralere Begriffe, um die handelnden Figuren einer Geschichte zu beschreiben. ‚Protagonist‘ zum Beispiel oder ‚Hauptfigur‘, ‚das Zentrum der Handlung‘ oder ‚Agens‘. Alles eben, wenn es nur nicht ‚Held‘ ist. Aber es fällt mir schwer, die Gestalten, die das große Abenteueruniversum von Karl May bevölkern, mit einem anderen Wort zu bezeichnen. Keines der eben genannten scheint mir wirklich zutreffend. Denn Karl May schrieb nun einmal Heldengeschichten, spannende Erzählungen über tapfere, unschlagbare Heroen, die voller Tatendrang in die Welt hinaus- und dort gegen das Böse ins Feld ziehen. Eine altmodische Vorstellung, könnte man sagen, und genau das will Darth Vader, der Inbegriff aller modernen Bösewichte, unseren Helden am Lagerfeuer auch weismachen. Nur hat er sich dazu die Falschen ausgesucht. Denn Sherlock Holmes, der Superdetektiv, Mr. Spock, der ultra-logische Vulkanier, der ausgefuchste Batman, der unerschütterliche Hobbit namens Samweis Gamdschi und nicht zuletzt der scharfsinnige Old Shatterhand lassen sich nicht so leicht hinters Licht führen. Würden sie in unserer „primären Welt“ leben, statt in frei erfundenen „sekundären Welten“1, dann wüssten sie die Spuren bestimmt zu deuten. Es sind schließlich ziemlich breite Fährten, die selbst einem Greenhorn nur schwer entgehen könnten: Fantastische oder futuristische Romane wie Harry Potter, Die Tribute von Panem und Ein Lied von Eis und Feuer (die Buchvorlage für die bahnbrechende TV-Serie Game of Thrones)2 stürmen die Bestsellerlisten. Fantasy-, Science-Fiction und Superheldenfilme wiederum teilen sich die Kino-Blockbuster untereinander auf, während Fernsehserien aus eben jenen Genres ein weltweites Publikum mitreißen3. Das mag nicht jeder begrüßenswert finden, aber es zeigt doch eines: dass die Menschen ein schier unstillbares Bedürfnis nach großartigen, ikonischen Helden haben, die unerschrocken für das Gute einstehen.
Sherlock Holmes, Weltraumsagas wie Star Trek und Krieg der Sterne, Tolkiens Herr der Ringe und die zahlreichen Superhelden, die sich in letzter Zeit auf den Kinoleinwänden die Klinke in die Hand geben, haben allesamt schon einige Jahre auf dem Buckel. Nicht ganz so viele wie die Kreationen Karl Mays vielleicht, aber in manchen Fällen schon beinahe. Trotzdem inspirieren und begeistern sie die Menschen nach wie vor. Fans tragen die Storys weiter, verkleiden sich als ihre Lieblingsfiguren und lernen erfundene Sprachen, gehen zu Conventions (Fan-Messen), denken sich eigene Geschichten aus, und wenn sie erwachsen und/oder erfolgreich geworden sind, kreieren manche von ihnen aus dem alten Stoff sogar neue sekundäre Welten.
Wie die Menschen sich einst immer wieder Geschichten über den Trojanischen Krieg, die Ritter der Tafelrunde, das Schicksal der Nibelungen und andere Mythen und Sagen erzählten, so verbreiten und wiederholen wir heute die Geschichte dieser modernen Helden. Manchmal schöpfen wir sie sogar nach oder interpretieren sie neu. Auf alle Fälle genießen wir sie wieder und wieder, und eine Generation gibt sie an die nächste weiter. Und warum? Vermutlich, weil sie uns helfen, uns wichtige Dinge über uns selbst und über unsere Welt zu erzählen. Ganz bestimmte Dinge, die andere Geschichten, die keine ‚altmodischen‘ Helden haben, uns nicht genauso begreifbar machen.
Immerfort werden diese neuen Mythen wieder- und weitererzählt, neugedacht und uminterpretiert. Im Zentrum stehen unverwechselbare Protagonisten mit einem unerschütterlichen Moralkodex, außergewöhnlichen Fähigkeiten, jeder Menge Humor und einem oft ziemlich schrägen Outfit. Karl Mays große und kleine Helden und Heldinnen fügen sich mühelos in die Reihe dieser modernen Heroen ein.
Diese Beobachtung stand am Anfang von Moderne Helden. Sie führte zu vier Vergleichen, die der Modernität der Mayhelden nachspüren. Jeder dieser Vergleiche ist in sich abgeschlossen und kann für sich gelesen werden. Doch auch zusammen ergeben die vier Teile dieses Buches ein rundes Bild. So befasst sich das erste Kapitel mit der Frage, ob Karl May nicht eigentlich Superheldengeschichten geschrieben hat, und nimmt die derzeit beliebtesten Comic- und Filmfiguren aus diesem Genre unter die Lupe. Die Gemeinsamkeit zwischen Mayheroen und ‚Metahumans‘4 sind mannigfaltig. Und wenn man all diese „Superhelden am Lagerfeuer“ versammelt, zeigt sich, was Superman und Winnetou, Captain America und Old Shatterhand, Tony Stark und Tante Droll uns heute noch so alles zu sagen haben.
Der zweite Teil, „Eine unerwartete Reise“, wagt einen Vergleich zwischen Mays großer Reiseerzählung und J. R. R. Tolkiens gewaltigem Fantasy-Epos Der Herr der Ringe. Denn das Mayversum – wie ich die große Abenteuerwelt Karl Mays nenne, in der so manche wundersame, wenn nicht gar märchenhafte Begebenheit passiert – ist genauso ein fantastisches Reich wie Tolkiens imaginärer Kosmos von Mittelerde. Doch das steht nicht im Zentrum der „Unerwarteten Reise“. Vielmehr treten bei diesem Ausflug ins Fantastische zahlreiche Ähnlichkeiten zwischen den Heldenfiguren zutage, denen diese beiden Giganten der Vorstellungskraft Leben eingehaucht haben. Sie alle verbindet eine Liebe zur Schöpfung und eine zeitlose Sehnsucht.
Der dritte Teil, „Old Shatterhand trifft Sherlock Holmes“, widmet sich trotz seines augenzwinkernden Titels in erster Linie der Jetztzeit. Arthur Conan Doyles berühmter Meisterdetektiv und Mays Weltläufer sind zwar durchaus zwei Helden vom gleichen Schlag; im Mittelpunkt des Kapitels stehen aber die zahlreichen Adaptionen, die die Abenteuer des Ermittlers aus der Baker Street allein in den letzten Jahren erfahren haben. Sie sind Anlass, die Lust am Neuerzählen zu ergründen, dem Phänomen der ‚Bromance‘5 nachzugehen und die Frage nach der Modernisierbarkeit der May’schen Heroen zu stellen. Denn wenn Sherlock Holmes und Dr. Watson schon immer ihrer Zeit voraus waren, wie eine der erfolgreichsten Neuerzählungen behauptet6, könnte dann das Gleiche nicht auch für Mayhelden wie Kara Ben Nemsi und Hadschi Halef Omar gelten?
Das Buch schließt mit dem Vergleich zwischen Karl Mays Romanen und der galaktischen Reiseerzählung Star Trek, die in gewisser Weise stellvertretend für die großen Science-Fiction-Sagas der letzten 50 Jahre steht. So lange fliegt das Raumschiff Enterprise nämlich schon in die unendlichen Weiten des Weltraums hinaus, um dort Abenteuer zu finden, „neue Welten zu erforschen, neues Leben und neue Zivilisationen“ – und eine Botschaft des Friedens und der Toleranz zu verbreiten.
Die Star-Trek-Helden sind Träger einer utopischen Philosophie, die mit der Ideologie der May’schen Heroen fast deckungsgleich ist. Beide Geschichten erzählen auf die Unendlichkeit hin und haben uns Wichtiges für die Zukunft mitzugeben. Doch bevor wir in all diese fantastischen Welten eintauchen, gilt es noch einer Frage nachzugehen: Was ist eigentlich ein Held? Und genauer gefragt: Was ist ein Mayheld?
Heldenreise
Ein Held sein ist gar nicht so einfach. Das fängt schon mit dem Titel an: Denn was ist eigentlich ein Held?
Ganz banal könnte man sagen: Der Held einer Geschichte ist derjenige, dem die Geschichte passiert. Aber schon das ist nicht wirklich richtig. Denn wenn jemandem etwas passiert, dann ist er passiv, dann wird etwas mit ihm getan, ohne dass er wirklich Einfluss darauf hätte. Ist das aber nicht genau das Gegenteil eines Helden? Natürlich gibt es Geschichten mit Hauptfiguren, die vom Schicksal gebeutelt werden, von übermächtigen Kräften, die sie nicht kontrollieren können. Oder Gestalten, die sich durch ihren Alltag treiben lassen und die höchstens versuchen, auf das zu reagieren, was ihnen widerfährt. In gewisser Weise könnte man sagen: Solche Figuren sind nicht das Subjekt ihrer Geschichte, sondern das Objekt. Ihnen wird etwas getan, anstatt dass sie etwas tun. Sie sind Patiens, der ‚Betroffene‘ der Handlung, statt Agens, der Handelnde selbst. Sie erleiden ihre Geschichte, statt sie zu gestalten. Sie sind nicht aktiv und tätig, sondern passiv und reaktiv. Es gibt in Literatur und Film unzählige exzellente Geschichten über solche Anti-Helden. Im Mayversum allerdings haben sie wenig verloren. Dort sind sie allenfalls bedauernswerte Geschöpfe, die in Gefahr geraten, die von den Stürmen des Schicksals gerüttelt und von den wahren Westmännern oder Orientrittern gerettet werden.
Natürlich widerspricht das bloße Leiden an sich noch nicht der Grundkonstitution eines Helden. In den klassischen Mythen ist es sogar ein grundlegendes Charakteristikum der Heroen, dass sie einer Macht unterworfen sind, die größer ist als sie selbst und noch dazu recht gefühllos oder rachsüchtig agiert. Bestes Beispiel dafür ist Odysseus, auch der ‚große Leidende‘ genannt. Er ist wohl eine der berühmtesten Figuren der griechischen Antike, nicht nur in Sachen Kampfkraft, sondern vor allem auch in Sachen Intelligenz. Schließlich war es die Idee des ‚Listenreichen‘, die Trojaner mit einem riesigen hölzernen Pferd aus ihrer Stadt herauszulocken. Dieser Trick bescherte den Griechen den Sieg im Trojanischen Krieg, aber Odysseus auch den Zorn Poseidons und einiger anderer Götter, die seinen an Hybris grenzenden Übermut zu bestrafen gedachten. Zehn Jahre lang bleibt es Odysseus verwehrt, seine Heimatinsel Ithaka zu betreten. Er irrt auf Beschluss der Götter heimatlos umher und kann erst zurückkehren, wenn seine Strafe abgegolten ist (dass er mehrere dieser Jahre in den Armen halbgöttlicher Frauen verbringt, wollen wir hier einmal außer Acht lassen). Odysseus, so kann man argumentieren, ist der ultimative ‚Erleidende‘. Er hat keinerlei echten Einfluss auf den Ausgang seiner Geschichte; egal, was er tut, er wird Ithaka erst wieder betreten, wenn die Götter es ihm erlauben.
Odysseus ist also ein Opfer gleichgültiger bis missgünstiger Schicksalsmächte, und auch seine letztendliche Errettung geschieht von ‚oben herab‘: Eine Meeresgöttin und seine Gönnerin Pallas Athene, die Göttin der Weisheit, ermöglichen ihm die Heimkehr. Und doch ist Odysseus nicht passiv. Er kann nichts gegen sein Schicksal tun, aber dennoch ist er unentwegt tätig, beweist sich immer wieder als wackerer Kämpfer und kluger Mann. Er rettet seine Männer vor der Zauberin Circe und einem Zyklopen, es gelingt ihm, den Sirenen zu lauschen, ohne von ihrem Gesang in den Tod getrieben zu werden, und er behauptet sich angesichts von Scylla und Charybdis. Und zum Schluss, als er endlich nach Hause zurückkehren und die angenommene Identität eines blinden Bettlers ablegen kann, gönnt er sich die Genugtuung, die unverschämten Freier seiner Frau, die ihn tot glaubten und seinen Königshof in eine Spelunke verwandelt haben, hinzumetzeln. Natürlich bewaffnet mit einer angemessenen Waffe: einem mächtigen Bogen, den nur Odysseus selbst spannen kann.
Dass man höheren Mächten ausgeliefert ist, mag man sie nun ‚Götter‘, ‚Schicksal‘ oder ‚das Leben‘ nennen, beeinträchtigt also noch nicht das Heldentum einer Figur. Joseph Campbell arbeitet in seinem bahnbrechenden Buch Der Heros in tausend Gestalten7 sogar heraus, dass jeder Held, der in ein Abenteuer aufbricht, erst einmal von einem ‚auslösenden Ereignis‘ aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen werden muss – und dieser entscheidende Vorfall kommt oft in Gestalt eines schweren Schicksalsschlags daher. Jemand, der der Figur nahesteht, kommt ums Leben, dem Helden selbst widerfährt ein großes Unrecht, eine Krankheit bricht aus, sein Heim wird zerstört. Ohne den Schicksalsschlag würde der Held gar nicht in die ‚große, weite Welt‘ aufbrechen, sondern schön sicher zu Hause bleiben (selbst, wenn dieses Zuhause nicht ideal ist, z. B. von Hunger, Unrecht oder Langeweile geprägt). Die Launen des Lebens sind laut Campbell also unerlässlich für das Heldentum.
Der May’sche Hauptheld, das große Ich Old Shatterhand bzw. Kara Ben Nemsi, ist da von einem anderen Kaliber. Für ihn braucht es keinen großen Schicksalsschlag, um in die große, weite Welt aufzubrechen; er tut es ganz von selbst. Er erwähnt zwar ab und zu eine gewisse finanzielle Not seiner Familie, aber die Gesamtgeschichte dieses großen Ich-Helden lässt wenig Zweifel daran, dass er, ähnlich wie Odysseus mit Körperkraft, Kampfgeschick, Abenteuergeist und Gewitztheit ausgestattet, auch zu Hause eine Möglichkeit gefunden hätte, seine Familie zu ernähren und Karriere zu machen. Nur: Die Karrieren, die ihm zu Hause offenstehen, scheinen wenig verlockend. Allein die des Schriftstellers reizt ihn – aber um Schriftsteller sein zu können, muss der Ich-Held, so ist er überzeugt, erst hinaus in die Welt, sie sehen und darin tätig sein. Er will ein „Weltläufer“ werden, wie er sich selbst in Von Bagdad nach Stambul nennt8. Denn wer nichts erlebt, der kann auch nichts niederschreiben. „Schreib (über das), was du kennst“, heißt eine häufig zitierte Maxime des modernen Kreativen Schreibens9. Der Ich-Erzähler von Karl Mays Romanen, der Reiseschriftsteller, der das aufzeichnet, was er unter den Namen Old Shatterhand und Kara Ben Nemsi sieht, erlebt und vollbringt, hat sich diese Devise 100 Jahre vor ihrem Entstehen voll und ganz zu eigen gemacht. Sein Autor, Karl May, praktizierte natürlich das genaue Gegenteil. May reiste in seiner Imagination und schuf daraus Geschichten, die Generationen mitrissen.
Den Ich-Helden der ‚Großen Reiseerzählung‘, den ich hier der Einfachheit halber ‚Kara Shatterhand‘ nennen möchte, treibt keine Schicksalsmacht in die Welt hinaus. Er muss kein traumatisches Erlebnis durchmachen, ihn motiviert auch keine sonderliche materielle Not; alle Menschen, die ihm in der Heimat nahestehen, sind relativ wohlbehalten, und er lebt auch in keinem Unrechtsstaat. Wenn es zu Hause nur nicht so langweilig und zivilisiert wäre!
Das junge Ich beginnt also aus reinem Wissensdurst und Abenteuerlust die Welt zu bereisen. Denn dort, jenseits des ‚zivilisierten‘ Europas, kann man noch wahrhaft tätig sein und durch Körperkraft, Fähigkeiten, Fertigkeiten und Verstand viel bewerkstelligen. Die Ambitionen des werdenwollenden Weltläufers sind also, ein aktiver Held zu sein – ein ‚Action-Held‘. Zu Hause kann er nur mit Feder und Papier wirken, und auch dieser Herausforderung stellt er sich. Aber in der Fremde kann er seine Fähigkeiten nicht nur in Worte umsetzen, sondern auch in Taten. In diesem Sinne ist Mays Weltläufer sogar der absolute Inbegriff eines Helden: Er ist ein Held, weil er kann.