Czytaj książkę: «Blut und Wasser»

Czcionka:

Jurica Pavicic

Blut und Wasser

Übersetzt von Blanka Stipetic


Deutsche Erstausgabe

© Schruf & Stipetic GbR, Berlin 2020

www.schruf-stipetic.de

Titel der Originalausgabe:

Crvena voda

(Profil Zagreb 2017)

© 2017 Jurica Pavicic

ISBN: 978-3-944359-49-6

Covergestaltung: Kathrin Mock

Foto: Stevan Aksentijevic, pixabay

Das Buch erscheint mit finanzieller Unterstützung des Ministeriums für Kultur der Republik Kroatien.

Vervielfältigung und gewerbliche Nutzung nur nach ausdrücklicher Genehmigung der Schruf und Stipetic GbR.

Inhalt

Erster Teil: Silva ist verschwunden

1 Vesna (1989)

2 Mate (1989)

3 Jakob (1989)

4 Mate (1989)

5 Jakob (1990)

Zweiter Teil: Scheidewege

6 Vesna (1991)

7 Adrian (1995)

8 Mate (2001)

9 Gorki (2004)

10 Brane (2005)

11 Jakob (2007)

12 Elda (2008)

13 Mate (2012)

Dritter Teil: Silvas Rückkehr

14 Jakob (2015)

15 Gorki (2015)

16 Elda (2015)

17 Gorki (2015)

18 Vesna (2015)

Vierter Teil: Blut und Wasser

19 Gorki (2016)

20 Ursula (1989)

21 Gorki (2016)

22 Ursula (2016)

23 Mate (2017)

Erster Teil

Silva ist verschwunden

1 Vesna (1989)

Zuerst erinnert sich Vesna immer an das Wetter. Altweibersommer, als würde der Himmel sich ins Fäustchen lachen. Den ganzen Nachmittag über wehte vom Meer her ein leichter Mistral und erfrischte den warmen Septembertag. Als es dunkel wurde, kroch angenehme Kühle durch die Gassen, Küchen und Zimmer, ein erster Bote des Herbstes.

Doch Vesna erinnert sich nicht nur an das Wetter. Sie erinnert sich auch an die Umgebung.

Sie erinnert sich an das Haus auf der Anhöhe, in der Gasse hinter der Kirche, das Haus, in dem sie den größten Teil ihres Lebens verbracht hat. Wenn sie die Augen schließt, sieht Vesna ganz deutlich die Zimmer, Möbel und Einrichtungsgegenstände. Die Eingangstür oben an der Treppe, die verglaste Veranda, das Wohnzimmer, die Terrakottafliesen in der Küche. Im Wohnzimmer stand ein Tisch mit einem abgewetzten Sofa. Im Flur ein Garderobenständer aus Metall, daneben die Tür. Die Tür zu Silvas Zimmer, an der Silva ein Schild angebracht hatte: KEEP OUT.

Vesna erinnert sich, wie das Wohnzimmer an diesem Tag aussah. In einer Ecke stand der Fernseher, auf dem Sessel lag ein Haufen ungebügelter Wäsche. An der Wand hing ein Kalender mit kanadischen Landschaften und über der Küchentür eine Oleografie. Das Bild zeigte Jesus mit feuchten und verträumten Augen, mit gewelltem Barthaar, gesenktem Kopf und erhobenem Zeigefinger, als wollte er sie vor den kommenden Ereignissen warnen.

So sah ihr altes Haus an jenem 23. September 1989 aus.

Es war ein Samstag, und wie jeden Samstag aßen sie gemeinsam zu Abend. Alle vier saßen sie am Tisch. An der Stirnseite Jakob, ihm gegenüber Vesna und an der Längsseite zur Terrasse hin ihre beiden Kinder, die Zwillinge Silva und Mate.

Daran erinnert sich Vesna. Sie sind alle vier zu Hause und sitzen am Tisch. Vor ihnen steht das Essen, das sie gekocht hat. Es gibt gedünstete grüne Bohnen, frittierte Sardinen und dazu Brot. Zu viert sitzen sie am Tisch und essen, ein ganz gewöhnliches Abendessen wie viele zuvor.

Im Fernsehen laufen die Nachrichten. Es sind bewegte Zeiten: Chinesische Studenten demonstrieren auf dem Tiananmen-Platz, die Rumänen rebellieren, die slowenische Kommunistische Partei hat eine Verfassungsänderung durchgeführt und fordert eine Reform der jugoslawischen Föderation. Die Ereignisse erhitzen die Gemüter. Aber Jakob und Vesna interessieren sich nicht für Politik. Sie leben in dem festen Glauben, wenn sie sich nur von Schwierigkeiten fernhalten, werden sich die Schwierigkeiten auch von ihnen fernhalten.

Vesna erinnert sich an alles: Gerüche, Geschmäcker, Bilder. Sie erinnert sich an die weichen Innereien der Sardinen, die im Mund zergingen. An die Bohnen, die sie mit etwas Knoblauch zubereitet hatte. Sie erinnert sich an Jakob, der wie immer langsam und wenig aß. Daran, wie Silva gierig die kleinen Fische verschlang und Gräten aus dem Mund pulte. Natürlich erinnert sie sich auch an Mate. Wie er langsam und vorsichtig die Sardinen zerkaute, die großen Gräten ordentlich am Tellerrand nebeneinander ablegte, wie Leichen. Mate hat schon immer so gegessen. Langsam, methodisch zerlegt er sein Essen in kleine Stücke, als müsste er einen Liliputaner füttern.

Vier Gestalten, über den Tisch gebeugt, saugen an kleinen Fischen und pulen Gräten aus dem Mund. So erinnert sich Vesna an den Abend. Sie erinnert sich bis zum heutigen Tag.

Denn heute weiß sie, was sie damals nicht wusste.

Dies war der letzte Abend ihres normalen Lebens.

* * *

Im September 1989 waren Jakob und Vesna fast achtzehn Jahre verheiratet. An einem Samstag im Herbst 1971, drei Wochen vor Weihnachten, schlossen sie im Standesamt von Misto die Ehe. Die Feier fand im Saal des einzigen Hotels am Ort statt, und die Hochzeitsnacht verbrachten sie in einem feuchten und kalten Hotelzimmer.

Einen Tag nach der Hochzeit zogen sie zu Vesnas Tante Zlata in das Haus hinter der Kirche. Einen Monat später musste sich Vesna eines Morgens übergeben. Die Woche darauf sagte ihr Hausarzt, dass sie schwanger sei. Drei Tage später hatte ihr Gynäkologe in Split eine weitere frohe Botschaft: Sie erwartete Zwillinge.

Mate und Silva waren zweieiige Zwillinge. Wenn man sie genauer betrachtete, konnte man die Ähnlichkeit aber erkennen, die gleichen Augenbrauen, die gleiche Nase.

Tante Zlata lebte still und unsichtbar bei ihnen, bis sie 1978 eines Nachmittags reglos auf dem Küchenboden lag. Schlaganfall. Sie beerdigten Zlata, wie es sich gehörte, warteten eine Woche, räumten dann ihr Zimmer aus und Silva zog ein.

An jenem Nachmittag 1989 wohnte Silva noch immer in diesem Zimmer. Hier verwahrte sie ihre Kleidung, ihren Modeschmuck und ihre jugendlichen Geheimnisse.

Auch wenn Mate und Silva sich äußerlich ähnlich sahen, waren sie in ihrem Wesen ganz unterschiedlich. Mate war ein ruhiger, verantwortungsbewusster Junge, auf den man sich verlassen konnte und von dem Vesna sicher war, dass sie im Alter auf ihn würde zählen können. Silva jedoch war anders. Silva, hatte Tante Zlata immer gesagt, war eine Rebellin. Silva wird es weit bringen, sagte Jakob einmal. Weil sie es versteht, ihren Willen durchzusetzen.

Im September 1989 waren Silva und Mate fast volljährig. Mate sollte im Sommer darauf sein Fachabitur machen und sich dann an der Uni für Schiffsbau einschreiben. Silva besuchte eine Wirtschaftsschule. Doch auf die Frage nach ihren weiteren Plänen, wand sie sich und wechselte schnell das Thema. Beide gingen seit der neunten Klasse in Split zur Schule. Da Mate seit der neunten Klasse einen Job hatte, den er nicht verlieren wollte, blieb er in Misto wohnen. Er stand jeden Morgen um sechs Uhr auf und fuhr mit dem Überlandbus eine halbe Stunde lang die Küstenstraße entlang zur Schule. Silva hingegen wohnte im Schülerinnenwohnheim in der Kyrill-und-Method-Straße in Split. Nach Misto kam sie jeden Samstag. So war es auch an diesem Samstag, am letzten Sommerwochenende.

In diesem September 1989 war Jakob zweiundvierzig Jahre alt. Er bekam Geheimratsecken, war aber noch immer schlank, sein Bauch flach, und darauf war er besonders stolz.

In diesem September 1989 hatte er noch eine Stelle als Buchhalter in einer Kunststofffabrik. Die Fabrik befand sich in einer Halle aus Glas und Metall oberhalb der Küstenstraße, heute steht dort nur noch eine Ruine. Die Fabrik stellte alles Mögliche aus Kunststoff her – Bälle, Bootswände, aufblasbare Gummiboote. Jakob arbeitete in der Lohnbuchhaltung. Er erledigte seine Arbeit gewissenhaft, gründlich, aber ohne Ehrgeiz. Wenn er nach Hause kam und gegessen hatte, legte er sich auf das Sofa und las Zeitung. Dann ging er in den Schuppen und widmete sich der Tätigkeit, der seine ganze Leidenschaft galt: Amateurfunk. In jeder freien Minute lötete und schraubte Jakob, er baute Geräte, die Vesna geheimnisvoll und magisch erschienen. Und dann, wenn es dunkel wurde, arbeitete sich Jakob durch die Frequenzen und unterhielt sich stundenlang auf Englisch mit Menschen, die er nie treffen würde. Vesna hörte manchmal zu, wenn ihr Mann mit fremden Menschen auf der anderen Seite des Globus sprach. Den Sinn dahinter hat sie nie verstanden. Aber das hatte sie Jakob nie gesagt, denn Männer brauchen schließlich eine Spinnerei.

1989 war Vesna achtunddreißig Jahre alt. Seit vierzehn Jahren unterrichtete sie Erdkunde in der Grundschule. Von Montag bis Freitag brachte Vesna den Kindern im Ort bei, was der Golfstrom ist, welche Länder Erdöl exportieren und welche Flüsse durch Jugoslawien fließen. Da der Ort klein war, traf sie ihre Schüler auf der Straße und im Supermarkt und die Eltern nickten ihr sonntags in der Kirche zu. Als sie angefangen hatte zu unterrichten, war sie überzeugt gewesen, die Schule und Kinder zu lieben. Mit der Zeit war sie sich da nicht mehr so sicher. Immer öfter ging sie mit unterdrückter Ungeduld in den Unterricht und die Ungezogenheiten der Kinder machten sie schrecklich wütend. Nach vierzehn Jahren hatte Vesna immer öfter den Eindruck, dass Kinder in ihrem Wesen nicht gut sind.

Im Jahr darauf würde Vesna vierzig werden. Manchmal dachte sie an diese hässliche Ziffer vier, mit der in Zukunft ihr Alter beginnen würde. Sie dachte daran, dass sie in den letzten Jahren zugenommen hatte, wie sie sich in ihrer Arbeit und in ihrer ruhigen, aber auch langweiligen Ehe eingerichtet hatte. Damals dachte Vesna, wenn auch nur selten, dass sie noch Vieles aus ihrem Leben machen könnte. Sie konnte den Job wechseln oder den Wohnort. Sie konnte abnehmen, Chinesisch lernen oder die Frisur ändern. Doch diese Gedanken beschäftigten sie nicht lange. Vesna wollte eigentlich keine Veränderungen, und das galt auch für Jakob. Sie führten ein gutes Leben. Von Montag bis Freitag arbeiteten sie in ihren langweiligen, aber sicheren Jobs. Nachmittags saßen sie auf dem Sofa, wenn es nicht zu kalt war, auf der Veranda, sie mit einem Buch, er mit der Zeitung, und im Sommer gingen sie an den Strand. Samstags kauften sie unten am Hafen frischen Fisch. Sonntags machten sie Feuer und grillten Fisch, Bratwürste oder Koteletts. Jakob hantierte gerne am Feuer. Wenn er es entzündete, wurde seine Stirn bald ganz rot und über den Augenbrauen sammelten sich dicke Schweißtropfen. Er grillte das Fleisch zu lange und verdarb den Fisch, aber Vesna ließ ihn machen, solange es ihm Freude machte.

Wenn der Tag zu Ende ging, setzten sie sich zusammen auf das Sofa und öffneten eine Flasche Wein. Gegen zehn fielen Vesna die Augen zu. Jakob machte den Fernseher aus und brachte sie ins Bett. Damals, im September 1989, schliefen sie noch miteinander. Nicht oft, aber bedächtig, routiniert, als wäre der Körper des anderen ein vertrautes, oft verwendetes Instrument.

In diesem Moment, an diesem Tag im September 1989, war Vesna noch immer eine glückliche Frau.

An all das erinnert sich Vesna. Sie erinnert sich an die vier Menschen am Küchentisch unter dem verträumten Jesus und dem Kalender mit kanadischen Landschaften. Die Dämmerung legt sich auf Misto und vom Hafen hört man den Soundcheck für das Fischerfest. Sie erinnert sich an vier Schatten, die essen, schlürfen, Wein einschenken, sich unterhalten. Gleich wird Jakob aufstehen, die Teller in die Küche tragen und den Wein in den Schrank stellen. Silva wird aufstehen, sich wohlig strecken und in ihr Zimmer verdrücken.

Was dann folgt, spult sich immer und immer wieder wie ein Film in Vesnas Kopf ab. Sie erinnert sich, wie sie selbst in der Küche Teller spült. An Mate, der die Tischdecke ausschüttelt und Krümel vom Boden aufhebt. An Jakob, der sich über ein Kreuzworträtsel in der Slobodna Dalmacija beugt. Währenddessen kommt Silva in Ausgehgarderobe aus ihrem Zimmer zurück. Vesna sieht noch genau, was sie trägt: ein viel zu kurzes geblümtes Kleid, halbhohe Converse, eine sackartige Tasche und unter dem Arm einen roten Anorak. Es ist zwar Altweibersommer, doch abends kann es am Meer frisch werden.

Das ist der Moment. Silva steht an der Wohnzimmertür, in einem geblümten Kleid und Turnschuhen, als erwartete sie Beifall. Und dann sagt sie: Ich gehe jetzt.

»Mit wem triffst du dich?«, fragt Jakob. »Mit Brane?«

»Heute nicht«, antwortet Silva. »Er ist in Rijeka, um sich an der Uni einzuschreiben. Er kommt erst morgen zurück.«

»Und wohin gehst du dann?«, fragt ihr Vater.

»Ich gehe runter zum Fest«, antwortet sie. »Wartet nicht auf mich. Es wird bestimmt spät.«

»Pass auf dich auf«, sagt Jakob.

Vesna fragt sich bis heute, warum er das gesagt hat.

Silva richtet ihren Träger, nimmt ihre Tasche und sagt: »Tschüss dann!« Schnell und lautlos wie ein Windhauch schlüpft sie zur Tür hinaus.

Jakob achtet nicht mehr auf seine Tochter. Als sie das Haus verlässt, sitzt er am Tisch und ist wieder mit seinem Kreuzworträtsel beschäftigt. Er hebt nicht einmal den Kopf. Als ihre Tochter das Haus verlässt, trocknet Vesna Teller ab. Bis heute weiß sie nicht, ob sie Silva überhaupt angeschaut hat. Sie ist sich aber sicher, dass sie nichts auf das Tschüss ihrer Tochter geantwortet hat.

Denn damals konnte sie es nicht wissen. Aber heute weiß sie es. Dieser Moment, als Silva sagte: Tschüss dann! und mit wehendem Kleid zur Haustür ging, das war das letzte Mal, dass sie Silva sahen.

2 Mate (1989)

Mate erwachte mit einem Kater. Die Zimmerdecke über ihm schwankte und von seinen Schläfen zog sich ein dumpfer Alkoholschmerz zur Stirn.

Er öffnete die Augen und schloss sie gleich wieder, weil seine Kopfschmerzen von dem grellen Morgenlicht noch schlimmer wurden. Mit geschlossenen Augen blieb er liegen und versuchte, noch einmal einzuschlafen, in der Hoffnung, dass seine Kopfschmerzen dann nachlassen würden. Aber dafür war es zu spät. Das Licht und die Geräusche vertrieben den Schlaf, und so lag er mit geschlossenen Augen im Bett und lauschte auf die Geräusche der Außenwelt.

Gegen sieben hörte er im Flur die Schritte seines Vaters. Dann lief das Wasser in der Dusche, dann wieder Schritte. Sein Vater unterhielt sich leise mit seiner Mutter. Aus der Küche wehte der verführerische Duft von Kaffee herüber.

Er hörte Schritte auf der Treppe, dann, wie sein Vater den Schuppen öffnete. Von dort kamen schon bald Arbeitsgeräusche. Wie jeden Sonntagmorgen klebte und lötete sein Vater.

Um Viertel nach acht rief die Glocke von St. Spyridon zur Morgenmesse. Wieder hörte Mate Schritte auf der Treppe. Vesna ging zur Messe. Vesna kam von der Messe zurück. Sie hustete im Flur und klapperte mit Geschirr. Dann öffnete sie die Tür zu Silvas Zimmer, wieder Schritte auf der Treppe und das Knarren der Tür des Schuppens.

Dann, es war kurz vor zehn, hörte Mate aus dem Garten den Satz, mit dem das Unglück seinen Lauf nahm. Klar und deutlich hörte Mate, wie Vesna sagte: Silva ist weg. Sie ist nicht in ihrem Zimmer.

Es war Sonntag, der 24. September, morgens um zehn vor zehn.

Sie waren nicht wirklich besorgt. Wenn Mate später daran zurückdenkt, findet er das schrecklich, aber so war es. Weder sein Vater noch seine Mutter, noch er selbst machten sich Sorgen.

Silva ist am Abend zuvor irgendwo hängengeblieben, hat bei jemandem übernachtet oder ist früh aus dem Haus. Sie wird schon wiederkommen. Es kann nichts Schlimmes passieren. Sie leben ja nicht in einer amerikanischen Großstadt, hier gibt es keine Entführungen, Überfälle oder Serienmörder. Das hier ist Misto – und in Misto ist noch nie jemandem etwas passiert.

Als Mate aufgestanden ist und geduscht hat, fragt seine Mutter ihn besorgt, ob er wisse, wo seine Schwester sei. Mate erzählt, was er weiß. Silva war auf dem Fischerfest, so wie er. Auf dem Fest hat eine Band gespielt, und nach dem Konzert hat DJ Robi Musik aufgelegt. Silva hat getanzt. Da hat er sie das letzte Mal gesehen: als sie gegen elf Uhr tanzte.

Aber Mate erzählt seiner Mutter nicht alles. Er sagt nicht, dass er und seine Clique das Fest gegen elf verlassen haben, weil sie ein paar Flaschen Brandy und gutes Gras hatten. Er sagt nicht, dass er den Rest der Nacht am Strand in der Travna-Bucht verbracht und versucht hat, ein Mädchen aus Novi Sad mit sexy vojvodinischem Akzent rumzukriegen. Er sagt seiner Mutter nicht, dass er zum Joint fast einen Liter italienischen Brandy getrunken hat und jetzt tierische Kopfschmerzen hat.

Er sagt seiner Mutter auch nicht, dass um elf, als er das Fest verlassen hat, Silva gerade mit Adrian tanzte, dem Sohn des Bäckers. Auch nicht, dass der DJ für Silva erst einmal und dann noch einmal Red Red Wine von UB40 auflegte und dass Silva sich in Adrians Armen im langsamen Reggae-Rhythmus wand. Auch Silva würde gegenüber den Eltern nichts von seinen Dummheiten verraten. Deshalb hält er dicht.

Seine Mutter nickt tadelnd und geht zurück in die Küche, um die Kartoffeln zu schälen. »Wahrscheinlich ist sie bei Brane. Sie wird schon auftauchen«, sagt Jakob und geht zurück in seine Werkstatt, gelassen und unbesorgt.

Eine Stunde und fünfzig Minuten verbringt Jakob im Schuppen, konzentriert auf seine Amateurfunkerei. Vesna schiebt Kartoffeln und Hähnchen in den Ofen, setzt sich dann an den Küchentisch und liest die Samstagsausgabe der Zeitung. Mate nimmt heimlich eine Kopfschmerztablette und zieht sich in sein abgedunkeltes Zimmer zurück, wo er einschläft. Beim Aufwachen sind seine Kopfschmerzen weg. Er schaut auf die Uhr: Viertel nach eins.

Um halb zwei betritt er die Küche. Teller, Salat und eine Flasche Weißwein stehen auf dem Tisch. Aus dem Ofen kommt der verlockende Duft von gebratenem Hähnchen. Aber Silva ist noch immer nicht zu Hause. Mate erinnert sich an den Moment. Denn jetzt ist er das erste Mal ein bisschen, nur ein kleines bisschen, beunruhigt.

Um Viertel nach zwei ist sie immer noch nicht da. Vesna lehnt am Kühlschrank und man sieht ihr an, wie wütend sie ist. Mates Vater steht am gedeckten Tisch und schaut auf die Wanduhr, deren großer Zeiger sich der Vier nähert. Schließlich, um zwanzig nach zwei, sagt er: »Mate, lauf mal hinunter ins Dorf und such nach ihr. Irgendwo muss sie ja stecken.«

»Such nach ihr«, sagt sein Vater um zwanzig nach zwei, am 24. September 1989.

Damals wusste Mate es noch nicht. Aber heute weiß er es. An diesem Tag, in dieser Minute, begann seine Suche.

* * *

Um zwanzig nach zwei schlüpft Mate in seine Turnschuhe und verlässt das Haus, um seine Schwester zu suchen. Er läuft zum Kirchplatz, dann die steile Gasse hinter der Bäckerei der Lekajs hinunter, wo der Genossenschaftslaster steht. Am Fischerhafen schlägt er den Uferweg zum Dorfausgang ein, wo die Kaimauer endet und nur noch wenige Häuser stehen. Aus dem asphaltierten Weg wird ein Schotter und schließlich ein Trampelpfad.

Im Mai 1989 waren Brane Rokkov und Silva ein Paar geworden. Eines Abends nach einer Party mit Wein und Gras verschwanden Brane und Silva in der Dunkelheit. Eng umschlungen kamen sie wieder und Brane strahlte vor Glück. »Ich und deine Schwester sind jetzt zusammen«, sagte er am nächsten Tag und Mate brachte vor Überraschung keinen Ton heraus.

Er wusste schon lange, dass Silva Brane gefiel. Aber Silva gefiel allen Männern in Misto. In der neunten Klasse waren sie einmal alle zusammen zum Muscheltauchen in die Travna-Bucht gefahren. Fünfzehn Leute mit drei Booten, Einheimische und Touristen. Als sie genügend Muscheln geerntet hatten, machten sie die Boote fest und entzündeten in der Bucht ein Feuer. Ein paar Jungs aus Zagreb spielten Gitarre, und eine Flasche Wein kreiste ums Feuer. Irgendwann bemerkte Mate, wie Brane Silva anschaute, so als wollte er sie mit Blicken verschlingen. Doch an dem Abend hatte es Silva auf einen der Jungs aus Zagreb abgesehen. Sie ließ sich von ihm umarmen, und gegen zehn begannen sie, sich zu küssen, und die Hand des Jungen steckte irgendwo weit unter Silvas Taille. Mate schaute vor lauter Verlegenheit weg und sein Blick fiel auf Brane. Brane stand grimmig und verzweifelt am Feuer.

Im September ging Silva wieder nach Split zur Schule und Brane hatte sich wieder beruhigt, wie es schien. Doch seine Geduld zahlte sich aus. Im Mai des folgenden Jahres kamen Brane und Silva endlich zusammen, und diese Beziehung hielt trotz Silvas Abwesenheiten und Aufenthalten in der Stadt. Von Montag bis Freitag war Silva in Split und führte ihr eigenes Leben. An den Wochenenden kam sie nach Misto, und dann waren sie und Brane zusammen. Brane holte sie zu Hause ab und sie gingen in eins der zweieinhalb Cafés, aus denen das Nachtleben des Ortes bestand. Brane hatte zwar den Wunsch, möglichst die ganze Zeit alleine mit Silva zu verbringen. Doch Silva hatte andere Pläne. Sie schleppte ihn dorthin, wo es Gesellschaft, Alkohol und Spaß gab und wo Mate war. Mate schien es manchmal, dass das Brane nicht gefiel. Doch schnell begriff er, dass bei diesem Paar Silva die Anführerin war und Brane der ergebene Gefolgsmann.

Nach kurzer Zeit erreicht Mate eine kleine Kapelle und damit die Spitze der Halbinsel, die Stelle, an der das Land am weitesten ins Meer ragt. Nach Süden hin ist die Bucht offen und die grauen, nackten, von Salz angefressenen Felsen schieben sich hoch ins Land. Früher hatte es geheißen, diese Landspitze sei gefährlich für Seeleute. Deshalb hatten sie hier wohl die Kapelle errichtet, die der Beschützerin der Seeleute geweiht ist. Die Kapelle ist klein, gerade mal so groß wie eine Hundehütte oder ein gemauerter Grill. Sie kauert an der Landspitze über den scharfen Felsen. Auf dem spitzen Dach thront ein rostiges Kreuz. Unter dem Giebel steht in schnörkeliger Schrift: STELLA MARIS. In der vergitterten Öffnung steht eine hölzerne Marienfigur, und für Mate sieht es so aus, als sitze die heilige Muttergottes in ihrem eigenen kleinen Gefängnis.

Hinter der Kapelle läuft Mate zwischen Felsen und einer hohen Trockenmauer weiter. Auf der einen Seite graue, von der Brandung geschliffene Felsen. Auf der anderen Seite, hinter der Mauer, ein riesiges brachliegendes Gelände voller Dornengestrüpp und wild wuchernder Olivenbäume. Dieses Gebiet ist nach Branes Familie benannt: Rokkovs Land. Mate läuft über Rokkovs Land, bis er Branes Elternhaus erreicht.

Das Haus der Rokkovs stand einsam auf einer Ebene am Meer. Vor dem Haus führte eine Bootsrampe ins Wasser, eine schräge Betonfläche mit Schienen in der Mitte. Branes Vater Tonko hatte Rampe und Handwerk von seinen Vorfahren geerbt. Er reparierte Boote, flickte Kunststoffboote wieder zusammen, verstärkte die Wände und sanierte die Oberfläche. Das war eine laute, schmutzige Arbeit, oft mit giftigen Stoffen, die er nur an einem Ort weitab von anderen Wohnhäusern und anderen Menschen verrichten konnte.

Als Mate sich dem Haus nähert, hört er die Schleifmaschine. Er geht näher und ruft einen Gruß. Die Schleifmaschine verstummt und hinter einem der Boote taucht Tonkos Kopf auf. Haare und Bart sind weiß von feinem Staub, als wäre er ein schlecht verkleideter Nikolaus. Er bedeutet Mate mit einem Nicken, ins Haus zu gehen.

Das Haus der Familie Rokkov war nicht einfach ein Haus. Als Kind hielt Mate es für ein Schloss. Es war groß, mit einem Hof, der von einer Mauer eingefasst wurde. Den Hof betrat man durch einen Torbogen. Oben am Bogen hatte ein Vorfahr eine Inschrift eingeritzt: ROCCO ROCCOV I GNEGOVA DJECA 1812 – Rokko Rokkov und seine Kinder 1812. Die Buchstaben waren ungelenk, als hätte jemand sie geschrieben, der des Schreibens kaum mächtig war.

Doch auch wenn das Haus von außen wie ein Schloss wirkte, verflüchtigte sich dieser Eindruck, sobald man drinnen war. Mate war an Vesnas Ordnung gewöhnt, die manchmal an Pingeligkeit grenzte. Deshalb war er jedes Mal von Neuem irritiert von der allumfassenden Unordnung in Branes Haus. Auf dem Hof lagen überall Bretter, Nägel, Metallteile und Schrauben herum, daneben Außenbordmotoren ohne Abdeckung. Hier fanden sich auch geöffnete Spachteltuben und Rollen eines weißen, filzigen Materials, das Tonko zum Ausbessern von Kunststoffbooten benutzte. Der Eindruck einer Hexenhöhle wurde durch volle Einmachgläser verstärkt. Ursula Rokkov legte Zwiebeln, Kapern, Silberzwiebeln, Oliven und Meerfenchel ein. Die vollen Einmachgläser standen überall – auf dem Boden, der Treppe und der Veranda, der Inhalt war grün, braun und dunkelrot.

Mate betritt den Hof, horcht, ob er Silvas und Branes Stimmen hört, und schaut sich nach ihnen um. Doch der Hof ist leer. Da er nicht weiß, was er sonst tun soll, ruft er nach Brane.

Eine schlanke Frau in den Vierzigern mit langen schwarzen Haaren erscheint auf der Veranda im ersten Stock, Ursula, Branes Mutter. Als sie Mate erkennt, lächelt sie freundlich.

»Brane schläft noch«, sagt sie. »Er ist heute Morgen aus Rijeka zurückgekommen. Er war an der Uni, um sich einzuschreiben. Ist es wichtig?«

»Vielleicht«, antwortet Mate. »Wir wissen nicht, wo Silva steckt.«

»Bei uns ist sie nicht«, erwidert Ursula. »Brane ist heute Morgen angekommen und hat sich gleich hingelegt. Warte, ich wecke ihn.«

Ursula geht ins Haus und Mate schämt sich auf einmal. Brane war gestern nicht in Misto. Er hat die ganze Nacht im Bus gesessen. Und seine Freundin, Mates Schwester, hat sich mit Whiskey-Cola volllaufen lassen und zu Red Red Wine mit Adrian rumgemacht. Mate will Brane fragen, wo Silva steckt, dabei ist er es, der vor Brane ein hässliches Geheimnis hütet.

»Er kommt gleich«, sagt Ursula, die jetzt wieder auf der Veranda steht. »Er ist noch schnell im Bad.« Sie kommt nicht hinunter in den Hof und bittet ihn auch nicht herein. Sie sieht ihn nur mit ihren hellen, graublauen Augen an, die sie immer noch zu einer attraktiven Frau machen.

Vor dreißig Jahren war Ursula das hübscheste Mädchen in Misto, behauptete Mates Vater. Das sagte er vor Vesna, aber Mate hatte nie den Eindruck, dass Vesna deswegen eifersüchtig war. Man bewunderte Ursulas Schönheit so, wie man eine griechische Vase bewunderte oder ein archäologisches Artefakt: etwas Schönes, dessen Zeit längst und unwiederbringlich vergangen ist. Wer hätte gedacht, dass sie einmal dort landen würde, am Ende des Dorfes, antwortete Vesna dann immer. Wir dachten alle, die wird es weit bringen, und jetzt? Jetzt ist sie auf Rokkovs Land, mit Tonko, in einem schmuddeligen Haus, bedeckt von einer Schicht aus Plastikstaub.

So reden Mates Eltern über Ursula. Und während Mate auf Brane wartet, sieht er seine Umgebung durch die Augen seiner Eltern. Überall Unordnung, Rost und Schmutz. Ein Haus, das zerfällt und die Dachziegel verliert. Und mittendrin sie: eine Frau, die sich trotz ihres Alters stolz und aufrecht hält, deren blaugraue Augen ihre einstige Schönheit verraten.

So bleiben sie stehen, Ursula oben auf der Treppe und Mate unten, bis aus dem Haus Schritte ertönen, dann Wasserrauschen. Schließlich kommt Brane raus, frisch gekämmt und mit feuchtem Gesicht. Als er sieht, wer auf ihn wartet, wird er ganz rot im Gesicht. Bei Silvas Bruder will Brane immer einen guten Eindruck hinterlassen.

»Ich suche Silva«, sagt Mate. »Weißt du, wo sie ist?«

»Nein«, antwortet Brane. »Ich bin heute Morgen aus Rijeka gekommen. Ich wollte sie anrufen, wenn ich ausgeschlafen habe.«

»Wann hast du das letzte Mal mit ihr gesprochen?«

»Vorgestern.«

»Weißt du vielleicht, wo sie gestern war?«

»Sie wollte am Abend zu Hause bleiben.«

Das hat sie aber nicht gemacht, denkt Mate, aber er sagt nichts.

»Hoffentlich ist nichts passiert«, sagt Brane.

»Bestimmt nicht«, antwortet Mate und verabschiedet sich.

An der Kapelle dreht er sich um. Ursula steht immer noch auf der Veranda und sieht ihm nach.

Vom Haus der Rokkovs läuft Mate bis zur Kirche, die jedoch verschlossen ist. Er klappert alle Cafés ab. Es ist ein warmer Sonntag und viele Dorfbewohner sitzen draußen. Seeleute auf Urlaub, Studenten, die Ferien haben, die örtlichen Looser mit Ray-Bans. Die Dorfbewohner aalen sich in der Sonne wie Geckos, palavern über Politik, schlürfen Kaffee. Nur Silva ist nicht unter ihnen.

Schließlich geht Mate an den einzigen Ort, an dem er noch nicht gewesen ist, zur Bäckerei von Adrians Vater. Es ist Nachmittag und die Bäckerei ist geschlossen. Er betritt den Garten von der Hinterseite und findet Adrians Vater, der nach der nächtlichen Arbeit in der Backstube unter dem Feigenbaum ein Nickerchen macht. Mate grüßt und der alte Lekaj antwortet mit einem verschlafenen Murmeln. Mate geht weiter ins Haus.

Sobald er Adrian sieht, weiß er, dass Silva nicht mehr bei ihm ist.

Adrian liegt in kurzer Adidas-Sporthose und mit nacktem Oberkörper auf dem Sofa und schaut Fußball. Er ist überrascht.

Es ist ihm unangenehm, dass Mate nach Silva fragt.

Adrian weiß nichts. Zugegeben, sie sind am Abend zuvor zusammen gewesen. Ja, sie haben bis elf getanzt. Gegen elf habe Silva vorgeschlagen, irgendwohin zu gehen, wo sie alleine wären. So drückt Adrian es aus, wo sie alleine wären, und es ist ihm deutlich anzusehen, wie peinlich ihm das Gespräch ist. Bis ungefähr zwei seien sie zusammen gewesen, auf Krizev Rat. Beim großen Kreuz, oben auf dem Hügel.

Sie sind also am Aussichtspunkt beim Kreuz gewesen. Dem Ort, den Generationen von Dorfbewohnern für Sex und Intimitäten genutzt haben. Sobald Adrian das ausgesprochen hat, schämt Mate sich. Manchmal versteht er seine Schwester nicht. An dieses Gefühl kann er sich heute noch erinnern.

»Wann seid ihr auseinandergegangen?«, fragt er und bemüht sich, sachlich zu bleiben.

»Vielleicht halb zwei oder zwei. Silva hat gesagt, sie habe es eilig und müsse los.«

38,95 zł
Ograniczenie wiekowe:
0+
Data wydania na Litres:
16 lipca 2025
Objętość:
341 str. 2 ilustracji
ISBN:
9783944359595
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania: