Czytaj książkę: «Herbst der Amateure»

Czcionka:

Der Herbst der Amateure
Jürgen Petschull

Roman

Saga

Für Anne, Eva und Peter

»Ich möchte etwas darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan wurden, von denen man öffentlich sagt, sie wären für das Vaterland getan worden.«

Georg Christoph Lichtenberg

Die Handlung dieses Romans ist nicht frei erfunden. Sie ist der Wirklichkeit nachempfunden. Die Hauptpersonen existieren tatsächlich. Sie heißen anders. Ihre Schicksale habe ich zum Teil verändert und aus dramaturgischen Gründen Lebenswege miteinander verbunden, die sich nicht gekreuzt haben.

Mit den Männern, die mir als Vorbild für Tasarow, Dillon und Lohmer dienten, habe ich gesprochen, und die Geschichte von Rosenblatt ist in den USA recherchiert – denn der Mann, der Rosenblatt ist, darf wegen Gefährdung nationaler Sicherheitsinteressen noch immer nicht reden.

Die historischen Hintergründe und die politischen Ereignisse im Herbst 1989 in Deutschland entsprechen der Realität.

JP

1.

1

Donnerstag, 28. September 1989

Es war die Zeit zwischen Ebbe und Flut. Der Strom stand still zwischen den Deichen, hielt den Atem an und konnte sich eine Weile nicht entscheiden, ob er weiter zum Meer oder wieder zurück ins Land fließen sollte.

Lohmer saß auf seinem Lieblingsplatz, auf dem Stamm einer vom Sturm gefällten Stockweide, die mitten ins mannshohe Reet gestürzt war. Er saß vornübergebeugt, das unrasierte Kinn in die Hände, die Ellenbogen auf die Knie gestützt. Seine Stiefel standen auf der Abbruchkante über dem Schlick, der silbrigblaurot schimmerte. Die Gläser seiner Brille blinkten in der tiefstehenden Sonne. Im glatten Wasser sah er das Spiegelbild des anderen Ufers: den Schattenriß von Kühen und Schafen auf der Deichkrone, den Turm der Dorfkirche, die Masten eines alten Schoners, der auf der kleinen Werft instandgesetzt wurde. Seine Augen folgten einer Düsenmaschine, die zur Landung auf dem 80 Kilometer entfernten Hamburger Flughafen ansetzte; der orangeleuchtende Kondensstreifen durchschnitt gleichzeitig Himmel und Wasser, bis ein paar Fische nach Mücken sprangen und der untere Strich in kreisenden kleinen Wellen zu einer zittrigen Zickzacklinie verschwamm.

Von seinem Platz aus konnte Lohmer, wenn er den Kopf nach rechts wandte, gleich hinter dem Deich und vor einer Kastanie, das Strohdach seines Hauses sehen. Aus dem Schornstein stieg dünner Rauch. Seine Frau hatte Feuer im Kamin gemacht. Bald würde seine kleine Tochter nach ihm rufen, damit er ihr vor dem Einschlafen noch eine Geschichte erzählte.

Es war die Stunde des Tages, in der er ein glücklicher Mann war. Es war ihm gelungen, den Anblick des toten Jungen zu verdrängen, der sich ausgerechnet in der Friedhofskapelle den »Goldenen Schuß« gesetzt hatte; und die Auseinandersetzung mit seinem Chef, der eine Dienstreise nach Berlin nicht genehmigen wollte; und auch seinen Ärger über die Tennisniederlage gegen den arroganten, jungen Zahnarzt, die ihn auf der Rangliste des Clubs zurückgeworfen hatte.

»Papa! Du sollst kommen, mir eine Geschichte erzählen ...«

Die sechs Jahre alte Eva stand, bereits im Schlafanzug und Hausschuhen, auf dem Deich, winkte und versuchte ein Schaf zu streicheln, das erst neugierig näher kam, dann aber davonlief, weil Bonnie, der Zwergdackel, wütend dazwischenkläffte.

Als Lohmer aufstand, sah er das Boot.

»Geh schon vor, Spatz«, rief er. »Ich komme gleich!«

Die kleine Motorjacht tauchte in der Biegung des Flusses vor einer Pappelreihe auf. Sie kam mit dem nun gurgelnd und strudelnd ablaufenden Wasser näher, langsam und leise.

Lohmer interessierte sich für Boote. Er wollte im nächsten Frühjahr einen Anleger bauen und, wenn die Ersparnisse reichten, eine kleine, gebrauchte Motorjacht kaufen. Die da wäre genau die richtige: sechs bis sieben Meter lang, der Rumpf aus beigefarbenem Kunststoff, eine kleine Kajüte für etwa vier Leute, ein blaues Faltverdeck über dem Ruderplatz. Das Boot legte sich quer zur Strömung, als ob es wenden wollte, schwenkte jedoch wieder mit nickendem Bug in die Stromrichtung zurück. Es hatte vermutlich einen Dieselmotor, vierzig oder sechzig PS stark, genug für Törns den Fluß hinunter, über die Elbe und an der Küste entlang zu den nordfriesischen Inseln oder nach Dänemark. Lohmer fiel auf, daß kein Motorengeräusch zu hören war.

Eine handtuchgroße schwarzrotgoldene Fahne hing schlaff am Heck. Darunter stand Dörte III, Otterndorf, Kreis Cuxhaven. Trotz der einsetzenden Dämmerung waren keine Positionslampen gesetzt. Als das Boot auf seiner Höhe war, hörte Lohmer eine Stimme. »... sind in Leipzig etwa sechstausend Menschen auf die Straße gegangen, um erneut gegen die Manipulationen bei den Kommunalwahlen und gegen die Feierlichkeiten zum bevorstehenden 40. Jahrestag der DDR zu protestieren ... in die Botschaft der Bundesrepublik in Prag und Warschau haben sich in den vergangenen 24 Stunden insgesamt mehr als eintausend DDR-Bürger geflüchtet ... Das waren die Nachrichten von Radio FFN aktuell.«

An Deck war niemand zu sehen. Nachdem die kleine Jacht schon mehr als fünfzig Meter vorbei war, drehte sie sich plötzlich in einem großen Strudel um die eigene Achse, trieb schlingernd auf das Ufer zu, rammte ein an einem Baumstumpf vertäutes Ruderboot und verfing sich schließlich im Schilf und Schlick der flach ausgespülten kleinen Bucht vor der Wettern-Schleuse. Aus dem Radio wehte eine Swingmelodie herüber.

Lohmer bahnte sich mit vorgestreckten Armen einen Weg durch das dichte Schilf, scheuchte dabei ein paar Enten auf und lief am Fuß des Deiches über trockenes, knackendes Treibholz zur Schleusenbucht.

»Hallo!« rief er zu dem Boot hinüber. »Ist da jemand?!«

Niemand antwortete. Aus dem Bootsradio kam ein Verkehrshinweis.

»Der Stau auf der Autobahn A7, Richtung Flensburg, vor dem Hamburger Elbtunnel, hat sich aufgelöst ...«

Lohmer angelte mit einem langen Stock nach dem Tau, das über die Bugreling hing, packte es und zog daran. Er stand breitbeinig, den Oberkörper weit über das Geländer vorgebeugt. Seine alte Lederjacke rutschte ihm fast unter die Achseln.

»Schönes Boot. Ich dachte, du wolltest dir erst im nächsten Jahr eines kaufen.«

Lohmer drehte den Kopf. Im Zwielicht erkannte er Alfred Broders, der ein paar Häuser weiter hinter dem Deich wohnte.

Der beinahe zwei Meter große Mann sah mit Anfang Fünfzig aus, wie man es bei seinem Beruf und seinem Hobby erwarten konnte – wie ein malender Seemann oder ein seefahrender Maler: mit dunklem Vollbart und aquarellblauen Augen im abgewetterten Gesicht. Professor Alfred Broders, von der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, war mit seinem großen schwarzen Hund vom Abendspaziergang zurückgekommen und blickte vom Deich zu ihm herunter. Broders hatte sich vor vielen Jahren eine Kate am Fluß als Wochenendsitz umgebaut, in einer Scheune ein Atelier eingerichtet und eine seetüchtige Segeljacht gekauft. Nun lebte und arbeitete er fast das ganze Jahr über hier draußen und fuhr nur noch zweimal in der Woche in die Stadt, um Vorlesungen über Kunst und Architektur zu halten.

»Faß mal mit an, Professor!« rief Lohmer.

Gemeinsam zogen sie das Boot ein Stück den Schlick herauf. Dann vertäute es Broders fachmännisch mit dem Bugtau am Schleusengeländer und mit dem Hecktau an einem Baumstumpf. Er ließ genug Leine, damit es bei Ebbe nicht auf Grund fiel.

»Wo hast du das denn her?« fragte er.

Lohmer erzählte, wie er das Boot gefunden hatte, und sagte, offenbar sei niemand an Bord.

»Wird sich irgendwo losgerissen haben«, sagte Broders.

Sein Hund rannte in den Schlick, machte den Hals ganz lang und schnupperte am Bug, bellte, sprang im Matsch und Wasser aufgeregt hin und her, sprang sogar mit den Vorderpfoten die Bordwand hoch.

»Was hat der bloß?« wunderte sich Broders.

Die beiden Männer zogen ihre Schuhe aus, krempelten die Hosenbeine hoch und glitschten barfuß ein paar Schritte durch den Schlick. Sie kletterten über die seitlich eingehängte Badeleiter an Bord. Broders leuchtete mit der Taschenlampe, die er um diese Jahreszeit auf seinen Abendspaziergängen mitnahm.

Es war fast dunkel geworden. Ein halber Mond schien auf eine Nebelschicht, die über das Wasser waberte. Ein Fischreiher kehrte von einem späten Beuteflug heim. Laut schnatternd folgte ein Entenpaar dem großen Bogen des Flusses nach Norden. Noch immer kam Musik aus einem Radio. In einer Halterung vor der überdachten Außenwand der Kajüte entdeckte Lohmer einen Weltempfänger und schaltete ihn aus.

»Ist hier jemand?« rief er noch einmal.

Es blieb still. Broders richtete seine Taschenlampe auf den kleinen Steuerstand mit Ruder, Echolot und Kompaß und entdeckte daneben ein gehämmertes Messingschild. »Boots- und Jachtvermietung Heinz-Hennig Paulsen, Otterndorf, Jachthafenstraße 88.«

»Da haben wir ja den Besitzer. Das Boot hat wohl jemand gechartert«, sagte er.

Lohmer fand den Hauptschalter für die batteriegespeiste Bordbeleuchtung. Er legte den kleinen Hebel um. Die messingverkleideten Schiffslampen über dem Steuerplatz, in der Kajüte und am kurzen Mast gingen an. Backbord- und Steuerbordlampe warfen rote und grüne Reflexe auf das Wasser. Die halbhohe Tür zum Kajütenabgang stand offen. Lohmer kletterte mit eingezogenem Kopf fünf Stufen hinunter. In dem kleinen Spülbecken neben dem einflammigen Gaskocher stand benutztes Plastikgeschirr. Ein paar Bücher lagen am Boden, zwei angebrochene Zigarettenschachteln und ein aufgeplatztes Salzpaket. Auf einer der beiden herausklappbaren Sitzbänke neben dem maßgeschnittenen Tisch standen zwei Einkaufstüten und ein grauer Samsonite-Koffer mit allerlei abgeschabten Aufklebern von Fluggesellschaften und Hotels. »Four Seasons-Hotel, Washington, Georgetown«, entzifferte Lohmer. Dann entdeckte er die dunklen Flecken. Auf der Tischplatte, auf den hellen Sitzkissen, auf dem Holzfußboden. Einige waren verwischt und trocken, andere tropfenförmig klein und noch feucht. Lohmer bückte sich, leckte seinen Zeigefinger an und tupfte vorsichtig darüber. Seine Fingerkuppe färbte sich braunrot. Er schnupperte wie ein Spürhund. Er fand weitere Flecken: auf der Treppe, auf dem verwitterten Teakholzboden an Deck, vor der Badeleiter.

»Verdammter Mist«, sagte er, schüttelte den Kopf und betrachtete wieder seinen Zeigefinger.

»Was ist denn los?« fragte Broders, der sich inzwischen interessiert den Dieselmotor angesehen hatte.

»Faß nichts an!« sagte Lohmer. »Ich fürchte, es gibt Arbeit.«

Er nahm Broders die Taschenlampe aus der Hand und beleuchtete die Flecken. Dann richtete er den Lichtstrahl auf die Sohlen seiner nackten Füße. Sie waren braunrot beschmiert.

»Was ist denn das?« fragte Broders, der ihn erstaunt beobachtete.

»Was hast du denn?«

»Einen Scheißberuf habe ich«, sagte Hauptkommissar Manfred Lohmer, griff nach einem Lappen und wischte sich das Blut von den Füßen.

»Es reicht nicht, daß ich tagsüber von einem Tatort zum anderen renne – jetzt kommen die Tatorte schon zu mir! Und das auch noch nach Feierabend ...!«

2

Donnerstag, 28. September 1989

Die beiden Männer gingen von Bord, wie sie gekommen waren. Broders tätschelte seinen Hund, der noch immer jaulte und an der Leine zerrte und sich erst allmählich unter der Hand seines Herrn beruhigte.

»Kannst du eine Weile hierbleiben und auf das Boot aufpassen?« fragte Lohmer.

»Selbstverständlich, Herr Kommissar! Stehe stets zu Ihrer Verfügung!«

Broders bemühte sich angestrengt um einen lockeren Ton.

»Vielleicht hat sich jemand beim Rasieren geschnitten?«

»Kann sein«, sagte Lohmer. »Kann auch sein, daß sich jemand sonst irgendwie verletzt hat und von Bord gegangen ist, um einen Arzt zu suchen und in der Aufregung das Boot nicht richtig festgemacht hat ... Vielleicht hat’s an Bord einen Streit mit Schlägerei gegeben. Oder einer hat sich selbst umgebracht. Kann aber auch sein, daß jemand überfallen, ausgeraubt und über Bord geworfen worden ist – dann sind dies hier die Spuren eines Mordes! Alles möglich, Professor. Jedenfalls sind seltsame Blutspuren an Bord einer herrenlosen Jacht das, was wir in meinem Job einen ›Anfangsverdacht‹ nennen. Und da muß ich leider dienstlich werden. Erstmal telefonieren jedenfalls.«

Lohmer ließ Broders und seinen Hund am Ufer zurück und ging über den Deich und über den schmalen Weg zu seinem Haus, an dem seine Frau längst die Außenbeleuchtung eingeschaltet hatte.

»Wo bleibst du denn bloß? Ich hab ein paarmal gerufen. Deine Tochter ist schon ohne dich eingeschlafen! Du hättest mir auch ausnahmsweise ein bißchen helfen können. Oder hast du vergessen, daß meine Eltern gleich zum Essen kommen?«

Natürlich hatte er das vergessen. Seine Frau war wütend. Sie stand in der Küchentür, aus der es nach Braten roch. Der Tisch in der Diele war mit dem guten Service und mit den neuen Weingläsern gedeckt. Im Kamin knackten brennende Holzscheite. Ingrid Lohmer hatte sich feingemacht, den neuen Hosenanzug angezogen, die Haare hochgesteckt und Schmuck angelegt.

Sie waren jetzt bald acht Jahre verheiratet, und Lohmer fand, daß sie sich unnötig Sorgen wegen einiger Fältchen machte. Er liebte seine Frau noch immer, ihr Äußeres ebenso wie die meisten ihrer Eigenschaften. Aber es gab auch Dinge, die trafen seine Nerven wie ein Zahnarztbohrer: zum Beispiel ihr schriller, fast schon hysterischer Tonfall, wenn sie sich stritten.

»Und wie du aussiehst! Deine Hose ist ja von oben bis unten mit Dreck bekleckert ...! Wo hast du dich bloß herumgetrieben? So kannst du doch nicht bleiben!«

»Ich kann überhaupt nicht bleiben!« sagte Lohmer kurz angebunden. »Ich muß gleich weg. Dienstlich.«

»Jetzt noch ...? Das hab ich mir doch gedacht! Immer, wenn meine Eltern kommen, kommt dir ganz plötzlich was dazwischen ... aber wenn mein Vater bei der Bank was für uns tun soll – dann spielst du den lieben Schwiegersohn ...«

Lohmer hatte keine Lust mehr, seiner Frau zu erklären, was draußen am Deich geschehen war. Er warf die Tür seines Arbeitszimmers zu und nahm sich vor, bei der nächsten Zinsfestlegung für die Haushypothek nicht mehr die Dienste seines Schwiegervaters in Anspruch zu nehmen, auch wenn die Kreissparkasse ein halbes Prozent teurer sein würde.

Er drückte die Selbstwähltaste mit der Nummer seiner Dienststelle. Es war halb acht Uhr abends. Im Kriminalkommissariat Cuxhaven war nur noch die K-Wache im Erdgeschoß des vierstöckigen Polizeigebäudes an der Kammannstraße besetzt. Hilbert hatte Dienst, ein neuer, junger Kollege, frisch von der Polizeischule. Als Lohmer den Fundort des Bootes am Ostedeich genau erklärte und sagte, er solle sofort einen Wagen der Schutzpolizei mit zwei Mann zur Bewachung des Bootes schikken und Jens Feldhusen von der Spurensicherung auftreiben, da knallte der Neue beinahe hörbar die Hacken zusammen, sagte »Jawohl, Herr Hauptkommissar!« und »Wird gemacht, Herr Hauptkommissar!« und »Einen schönen Abend noch, Herr Hauptkommissar!«

Den müssen wir noch ein bißchen lockerer machen, dachte Lohmer.

Erst als er den Hörer auflegte, merkte er, daß Bonnie, der Dackel, den Zeigefinger seiner linken Hand ableckte, mit dem er auf dem Boot über das Blut gestrichen war. Lohmer wusch sich sorgfältig die Hände. Dann ging er über den schmalen Flur in den ausgebauten Tennenteil des Bauernhauses, ins Zimmer seiner Tochter. Wie immer brannte nachts eine kleine Lampe, weil Eva Angst vor völliger Dunkelheit hatte. Sie seufzte tief und hielt ihr Lieblingstier, einen Plüsch-Pinguin, fest in der Hand. Lohmer strich ihr das Haar aus dem Gesicht.

»Ich muß nach Otterndorf zu einer dringenden Vernehmung«, sagte er eine Spur zu eilig zu seiner Frau. Sie wandte den Kopf ab und sagte nichts.

Im Garten roch es nach feuchtem Herbstlaub und nach späten Heckenrosen. Lohmer ging noch einmal zu Broders, der sich auf einen Baumstumpf gesetzt hatte und rauchte.

»Hast du noch ein bißchen Zeit? Du wirst gleich von zwei richtigen Polizisten abgelöst«, sagte er. »Ich fahre noch mal schnell nach Otterndorf, zu diesem Bootsverleiher.«

Broders sagte, er könne warten, er habe sowieso nichts vor, und seine Frau sei bei einer Freundin in Hamburg.

Lohmer fuhr mit seinem alten BMW den schmalen Weg am Deich entlang. Auf der asphaltierten Kreisstraße kamen ihm kurz nacheinander zwei Fahrzeuge entgegen, ein grünweißer VW-Passat mit eingeschaltetem Blaulicht, aber ohne Sirene und ein älterer beigefarbener Mercedes. Er hoffte, daß ihn seine Schwiegereltern nicht gesehen hatten.

Nach einer Viertelstunde erreichte er Otterndorf, eine kleine idyllische Stadt mit einer Hauptstraße, übergroßer Backsteinkirche und liebevoll restaurierten Fachwerkhäusern. Lohmer mußte halten, als ein paar Kinder mit bunten Laternen die Straße überquerten und »Laterne, Laterne ... Sonne, Mond und Sterne« sangen. Er fuhr aus der Stadt hinaus zum Jachthafen. Im Elbterrassenrestaurant, einem flachen, bungalowartigen Bau mit großen Fenstern zur Elbe hin, roch es wie immer nach Scholle mit Speck. Lohmer fragte nach dem Bootsverleiher Paulsen. »Vielleicht ist der noch unten am Anleger«, sagte jemand.

Der flaschenförmige Jachthafen, dessen schmaler Hals zur Elbe führt, war um diese Jahreszeit nur noch zur Hälfte belegt. Große Motor- und Segeljachten für eine halbe Million und kleine Boote mit Außenbordmotor lagen nebeneinander. Aus einigen Kajüten fiel mattes Licht. Lohmer ging über die auf dem dunklen Wasser schwankenden Holzplanken. Er mußte nicht lange suchen, dann entdeckte er eine kleine Motorjacht mit beigefarbenem Kunststoffrumpf und blauer Persenning. Derselbe Typ wie das Boot auf der Oste. Dörte I, Otterndorf Kreis Cuxhaven, stand am Heck. An Bord brannte Licht.

Durch das Kajütenfenster sah Lohmer einen schweren Mann mit grauem Haarkranz auf einem sonnenroten Schädel. Der Mann saß am Tisch, über allerlei Papiere gebeugt, griff zu einer Flasche Korn, schraubte umständlich den Verschluß ab, schenkte ein Wasserglas viertelvoll und kippte es sich in den Hals. Er trug einen blauen Seemannspullover mit geöffnetem Reißverschluß am Rollkragen. Trotz seines massigen Kopfes hatte er einen spitzen Adamsapfel, der beim Schlucken auf- und abtanzte.

Lohmer klopfte an die Bordwand. Der Mann hustete, setzte das Glas ab und zwängte sich umständlich hinter dem Tisch vor, machte die Kajütentür auf und blickte mißtrauisch zu Lohmer auf.

»Was is’n los?«

Lohmer fragte, ob er der Bootsverleiher Heinz-Hennig Paulsen sei, und als der Mann nickte, nannte er seinen Namen und Dienstrang.

»Was is’n los?«

Er brauche nur ein paar Auskünfte, sagte Lohmer.

»Wofür? Was is’n los, um diese Zeit noch?«

Paulsen hatte plötzlich eine Taschenlampe in der Hand. »Sind Se irgendwo reingefallen?«

Der Lichtkegel fiel auf Lohmers mit getrocknetem Schlickwasser bekleckerte Hose. Zu blöd. Er hatte vergessen, sich umzuziehen. Als er fragte, ob er reinkommen könne, weil man sich drinnen wohl besser unterhalten könne, schüttelte Paulsen den Kopf, sagte »mit der Dreckshose sowieso nicht«, er habe nämlich gerade erst die Sitzpolster gereinigt.

Lohmer klopfte an seiner Hose herum und unterdrückte seinen Ärger. Dann fragte er Paulsen, ob er der Eigner der Motorjacht Dörte III sei und an wen er die zur Zeit vermietet habe. Der Bootsverleiher streckte den Kopf vor und sah ihn noch mißtrauischer an.

»Ham Se mal nen Ausweis, ne Marke oder sowas?«

Umständlich erklärte er, vor einem Jahr sei schon mal »so’n Schnüffler« bei ihm gewesen, er habe sich auch als Kripomann ausgegeben und nach einem Pärchen gefragt, das ein Boot gemietet hatte – und ein paar Monate später sei er als Zeuge zu einem Scheidungsprozeß geladen worden. »Der Kerl war nämlich Privatdetektiv, wissen Se, und hinter nem Liebespaar her, und mit sowas will ich nix mehr zu tun haben.«

Lohmer kam sich immer alberner vor. Natürlich hatte er weder Dienstmarke noch Dienstausweis in seiner Freizeitkleidung. Er versuchte, das zu erklären, gab’s aber auf.

»Also gut, Herr Paulsen, wenn Sie wissen wollen, was mit der Dörte III passiert ist, dann kommen Sie morgen früh um acht zur Polizeidienststelle Cuxhafen, Kriminalkommissariat, zweiter Stock, Zimmer 220. Lohmer ist mein Name, Hauptkommissar Manfred Lohmer.« Er drehte sich um und rief noch im Gehen: »Wenn Sie nicht pünktlich da sind, laß ich Sie mit einem Streifenwagen zur Vernehmung abholen!«

Paulsen kam an Deck.

»Also, was ist mit meinem Schiff los?«

Lohmer kam zurück.

»Können wir uns jetzt unterhalten oder nicht?«

»Kommen Se rein, aber Vorsicht mit der Hose ...«

Lohmer quetschte sich auf eine der beiden Sitzbänke. Paulsen schenkte sich einen Korn ein, bot Lohmer auch einen an und deutete, als der ablehnte, mit seinem Glas in der Hand auf die Papiere. »Alles für die Steuer, alles korrekt hier.«

»Seit wann haben Sie die Dörte III vermietet, Herr Paulsen, und an wen?«

»Vor drei Tagen, an nen Ami. Warten Se. Den Vertrag hatt ich eben noch inne Finger ...« Paulsen wühlte beidhändig in seinen Papieren und hielt nach einer Weile triumphierend einen ausgefüllten Vordruck hoch. »Sehn Se, Herr Kommissar, bei mir herrscht Ordnung.«

Lohmer streckte seine Hand aus. »Kann ich mal sehen?«

»Erst sagen Se mal, wat nu eigentlich los ist.«

Lohmer erzählte, wie er die Motorjacht gefunden hatte, daß niemand an Bord sei und sie nun sicher festgemacht war. Die Blutflecken erwähnte er nicht.

»Da bin ich Sie aber sehr dankbar, Herr Kommissar«, sagte Paulsen und klemmte sich einen kalten Zigarrenstummel zwischen die Lippen.

Lohmer griff nach dem Vertragsformular, las es durch und machte sich Notizen. Die Motorjacht war laut Vertrag vor drei Tagen für eine Woche an einen gewissen »William J. Berrigan, geboren 3. 5. 1954 in Boston, wohnhaft ebenfalls in Boston, amerikanischer Staatsbürger«, verchartert worden.

»Der Mann hat als Sicherheit 3000 Mark in bar hinterlegt«, sagte Paulsen.

»Haben Sie irgendwelche Papiere mit einem Foto von ihm?«

»Klar. Seinen Paß. Laß ich mir von Ausländern immer geben.«

Der Bootsverleiher schichtete wieder seine Papiere um, fischte schließlich einen US-Paß hervor. Lohmer klappte den Ausweis auf und starrte auf die Stelle, wo das Foto gewesen sein mußte – es war herausgerissen, offenbar so heftig, daß auch die obere Seitenecke des Dokumentenpapiers fehlte.

»Hier ist kein Foto mehr, Herr Paulsen!«

Lohmer knallte den Paß auf die Tischplatte. Der Bootsverleiher zuckte zusammen, nahm das Dokument und betrachtete es ungläubig von allen Seiten.

»Ich schwöre, Herr Kommissar! Als mir der Ami den Paß gegeben hat, war da ein Bild drin ...« Paulsen beschrieb seinen Kunden. »Der hat nich wie ein Ami ausgesehen, mehr wien Student, älteres Semester. Mitte Dreißig. Mittelgroß. Mit Brille. Eine mit Goldrand, nee, ohne Rand. Der hat perfekt Deutsch gesprochen, Herr Kommissar. Der wollte mit der Dörte III ne Woche Urlaub machen, hat er gesagt, auf der Elbe und auf den Nebenflüssen rumpütschern. Nach der Ostemündung hat er noch gefragt, da wollt er wohl rein. Vorher hat er sich nach nem Lebensmittelladen erkundigt.«

Paulsen schüttete wieder Schnaps nach.

»Ach ja, Herr Kommissar, fast hätt ich dat vergessen: ich hab dann nachher zufällig gesehen, wie die Dörte III bei Hochwasser aus dem Hafen ausgelaufen ist – da war plötzlich ne Frau an Deck. Lange rote Haare hatte die und ne weiße Windjacke, sah toll aus von weitem, kam mir irgendwie bekannt vor, wien Filmstar oder so, aber ich komm nich drauf.«

Lohmer schrieb ein kleines Kalenderblatt voll, das der Bootsverleiher ihm gegeben hatte, dann verabschiedete er sich und sagte, die Dörte III werde erst einmal sichergestellt. Paulsen protestierte. Lohmer meinte, es werde nur ein paar Tage dauern.

Im Elbterrassenrestaurant ging gerade das Licht aus, als er vorüberging. Die Herbstnacht war kühl und klar geworden. Vom Außendeich aus konnte er kilometerweit über die Elbmündung blicken. Der große Schatten eines hochbeladenen Containerschiffs zog vorüber. Am anderen Ufer waren die Lichter des Industriegebietes Brunsbüttel zu sehen, weiter südlich der Atomreaktor Brokdorf. Hauptkommissar Lohmer stieg in seinen Wagen, an dessen Heckscheibe der Aufkleber Atomkraft – Nein danke! klebte. Im Autoradio sagte der Nachrichtensprecher, in Leipzig und Ostberlin seien nach Protest-Versammlungen in mehreren Kirchen und nach gewaltfreien Demonstrationen mehrere Dutzend DDR-Bürger vom Staatssicherheitsdienst und von der Volkspolizei festgenommen worden.

Schon von weitem konnte Lohmer einen hellen Widerschein hinter dem Ostedeich sehen. Kurz vor seinem Haus parkte ein Streifenwagen halb in einem Gebüsch. Ein paar Leute standen auf der Deichkrone. Er erkannte einige Nachbarn. Auch seine Frau und seine Schwiegereltern waren dabei. Sie gaben ihm frostig die Hand. »Tut mir leid, daß ich weg mußte. Ich war deswegen unterwegs«, sagte er und zeigte zum Boot hinüber.

Im weißblauen Licht von zwei Halogenscheinwerfern war an Deck der Motorjacht ein einzelner Mann bei der Arbeit zu beobachten: Jan Feldhusen von der Spurensicherung. Er schabte sorgfältig mehrere der braunroten Flecken ab und strich das getrocknete Blut in verschiedene Reagenzgläser. Er bestäubte das Ruder und andere Stellen mit grauem Graphitpuder, entdeckte einige Fingerabdrücke und machte von ihnen Abzüge auf einem Spezial-Plastikklebestreifen. Er kennzeichnete einige Kratzer mit Zahlenschildchen, machte eine Übersichtsaufnahme und fotografierte sie dann ganz aus der Nähe mit einer Pentax mit Makroobjektiv. Er fuhrwerkte mit einer Art Autostaubsauger auf dem Boden, auf Sitzen und Tischen, sogar in den Kojen herum und sammelte auf diese Weise Textilfussel, Haare, Kippen, Knöpfe und allerlei Partikelchen vor dem Spezialfilter des Staubbeutels. Schließlich trug er die Beute in seinen Dienstwagen. Es war kurz vor Mitternacht, als die Scheinwerfer erloschen.

Lohmer konnte in dieser Nacht schlecht schlafen. Sein Instinkt sagte ihm, daß die Sache mit dem Boot ein ungewöhnlicher Fall werden könnte: Wenn der Bootsverleiher nicht das Bild aus dem Paß des Amerikaners gerissen hatte, dann blieb nur eine Erklärung: dieser Mister Berrigan aus Boston hatte seinen Ausweis abgegeben und das Foto nachher bei günstiger Gelegenheit selber herausgerissen.

Warum?

Lohmer beschloß, gleich morgen früh den Polizeizeichner zu dem Bootsverleiher zu schicken. Der sollte nach dessen Personenbeschreibung ein genaues Portrait des Amerikaners malen. Vielleicht würde man es bald für ein Fahndungsplakat brauchen ...

Am nächsten Morgen, kurz vor acht, schloß Lohmer sein Büro in der zweiten Etage des vierstöckigen Polizeigebäudes in der Cuxhavener Kammannstraße auf. »Hauptkommissar Manfred Lohmer, Tötung und Brand« stand an der Tür, hinter der sich deutsches Behördenzimmer-Design verbarg: Schreibtisch, Schreibmaschinentisch, Aktenregale, abschließbarer Schrank, alles aus Kiefernholznachbildung. Ein Drehstuhl, zwei Besucherstühle aus Vierkantstahlrohr mit grünen Sitzpolstern. Blaugrauer Linoleumboden, nach Reinigungsmittel riechend. Der gerahmte Druck an der Wand »Abend im Teufelsmoor« von Otto Modersohn war Privateigentum, und natürlich auch das gerahmte Farbfoto auf der Fensterbank: Lohmer mit Frau und Tochter an einem Sommertag vorm Reetdachhaus am Ostedeich.

»Moiijn Kollege Lohmer!«

Kriminalrat Kohlschmidt, sein Chef, grüßte durch die halboffene Tür und schlurfte mit pensionsreifen Schritten in das Zimmer nebenan.

Kohlschmidt machte die Verwaltungsarbeit im Kriminalkommissariat Cuxhaven, in dem 26 unterbezahlte Kriminalbeamte in der Stadt und im nördlichen Landkreis etwa »120 000 Leute in Schach halten« mußten, wie Kohlschmidt zu sagen pflegte. Manfred Lohmer, stellvertretender Leiter des KK und Chef der Abteilung »Tötung und Brand«, war der eigentliche Kriminalist in diesem Außenposten der deutschen Gesetzeshüter an der Nordseeküste. Er leitete von Fall zu Fall die MoKo und die SoKo – die »Mordkommission« und die »Sonderkommission« –, wenn kapitale Verbrechen aufzuklären waren. »Der Kojak von der Küste« hatte ihn die Lokalzeitung genannt, als er sich vor ein paar Monaten seinen hufeisenförmigen Haarkranz abrasiert hatte. Lohmer hatte den Bildreporter des Blattes zum Teufel gejagt, der ihm für ein Foto auch noch einen Lolli in die Hand drücken wollte. Seither ließ er sich auf dem Kopf und im Gesicht durchschnittlich drei Tage altes Stoppelhaar stehen und einen gepflegten Schnauzbart wachsen. Das gab ihm, zusammen mit seiner legeren Kleidung, Jeans, Sporthemd, Sakko oder Wildlederjacke, ein asphalt-cowboyartiges Aussehen. Jedenfalls wirkte Lohmer einige Jahre jünger, als er war. Er war 43.

Lohmer hatte sich mit dem Gedanken vertraut gemacht, daß Cuxhaven die letzte Sprosse seiner Karriereleiter sein würde. Anders als noch vor ein paar Jahren beunruhigte ihn dieser Gedanke keineswegs. Seiner Karriere in der Landeshauptstadt Hannover trauerte er nicht mehr nach. Da war er beim 14. K gewesen, beim Staatsschutz. Der größte Fall, den er aufgedeckt hatte, war eine versuchte Gefangenenbefreiung aus der Strafanstalt Celle: Bombenleger hatten ein Loch in die meterdicke Außenmauer gesprengt – ein verurteilter Terrorist, Mitglied der RAF, sollte durch das später sogenannte »Celler Loch« nach draußen klettern. Die Ladung ging hoch, aber der Häftling kam nicht rechtzeitig raus. Statt dessen schlugen die Ermittlungsergebnisse von Lohmer und seinen Kollegen wie eine Bombe ein: der Sprengsatz an der Knastmauer war nämlich vom Verfassungsschutz gelegt worden. Der wollte den Gefangenen, der dem Terrorismus längst abgeschworen hatte, auf diese Weise aus dem Knast bringen und als Informanten in die RAF einschleusen. Der Fall wurde zum politischen Skandal, und Lohmer wurde verdächtigt, einem befreundeten Journalisten ein paar Tips für eine Enthüllungsstory darüber gegeben zu haben. Das konnte ihm zwar nicht nachgewiesen werden, dennoch wurde er ein paar Monate später zum Hauptkommissar und so weit von Hannover weg befördert, wie es im Lande Niedersachsen nur geht: an die Nordseeküste nach Cuxhaven.

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
480 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711460412
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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