Czytaj książkę: «Portrait»
Inhaltsverzeichnis
Cover
Impressum
Autor und Klappentext
Titelseite
Buchanfang MARIEDL GABRIEL SARA
Leseproben Jürgen Bauer - Das Fenster zur Welt Jürgen Bauer - Was wir fürchten Jürgen Bauer - Ein guter Mensch
Gefördert von der Stadt Wien Kultur.
© 2020, Septime Verlag, Wien
Alle Rechte vorbehalten.
EPUB-Konvertierung: Esther Unterhofer
ISBN: 978-3-903061-80-4
Lektorat: Stefanie Jaksch
Umschlag und Satz: Jürgen Schütz
Umschlagbild: Portrait, Öl auf Leinwand © 2020, Jürgen Bauer
Printversion: Hardcover, Schutzumschlag, Lesebändchen
ISBN: 978-3-902711-93-9
www.septime-verlag.at
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Jürgen Bauer
geboren 1981, lebt in Wien. Im Rahmen des Studiums der Theater-, Film- und Medienwissenschaft in Wien, Amsterdam und Utrecht spezialisierte er sich auf Jüdisches Theater und veröffentlichte hierzu zahlreiche Artikel und Buchbeiträge. 2008 erschien sein Buch No Escape. Aspekte des Jüdischen im Theater von Barrie Kosky. Seine journalistischen Arbeiten zu Theater, Tanz und Oper erscheinen regelmäßig in internationalen Zeitungen und Zeitschriften. Jürgen Bauer nahm mit seinen Theaterstücken zwei Mal am Programm »Neues Schreiben des Wiener Burgtheaters« teil. Debütroman: Das Fenster zur Welt(Septime, 2013)
2014 wurde ihm das Aufenthaltsstipendium für junge deutschsprachige Autorinnen und Autoren des Literarischen Colloquiums Berlin zugesprochen.
2015 erschien sein zweiter RomanWas wir fürchten. 2016 wurde er zum »Festival Neue Literatur« in New York sowie zum »Festival Zeitgeist« in Washington, D.C. eingeladen.
Klappentext:
Ein großer Unbekannter steht im Mittelpunkt von Ju¨rgen Bauers neuem Roman. Drei Menschen erzählen Georgs Biografie, drei Stimmen geben ein ganzes Leben wieder, doch wie viel kann man von einem anderen Menschen eigentlich wirklich wissen und welche Aspekte bleiben dem Blick von außen verborgen?
Seine Mutter Mariedl erinnert sich an die Geburt ihres Sohnes in den letzten Tagen des Zweiten Weltkriegs, an das Aufwachsen auf einem ärmlichen Bauernhof und an einen Jungen, der so gar nicht in die harte Umgebung passen wollte. Sein Geliebter Gabriel erinnert sich an einen Mann, der ihn im turbulenten Wien der siebziger Jahre von der Straße auflas, an erbitterte Auseinandersetzungen zwischen politischen Kämpfen und einem Rückzug ins Private. Seine Ehefrau Sara schließlich, eine gescheiterte Opernsängerin, erinnert sich an einen Mann, den sie nach ihren Vorstellungen formen und dessen Karriere sie gestalten konnte, bis Georg eines Tages selbst aktiv wurde.
Doch wer ist dieser Georg wirklich? Können eine Mutter, ein Liebhaber und eine Ehefrau das Portrait eines Menschen schaffen, oder erzählen wir letztendlich doch immer nur von uns selbst, wenn wir von anderen erzählen?
Jürgen Bauer
PORTRAIT
Roman | Septime Verlag
»Denn kein Mensch kann für längere Zeit sich selbst das eine und der Menge ein anderes Gesicht zeigen, ohne am Ende in Verwirrung zu geraten, welches das echte ist.«
Nathaniel Hawthorne
MARIEDL
Was glaubst du eigentlich, wer du bist? Schau mich an, wie alt ich geworden bin, und da soll ich nochmal Erinnerungen hervorholen? Damit es dem feinen Herrn besser geht? Du hast nix mehr mit mir zum tun haben wollen, und jetzt soll ich mich bemühen und mir was zusammendenken, von früher. Ich werd dir schon sagen, wer du bist. An meinen Sohn, an den kann ich mich schon noch erinnern, auch wenn ich auf die Neunzig zugeh, seinen Sohn vergisst man nicht. Und wenn ich was erzähl, dann nur aus einem Grund. Jetzt bist du nämlich dort, wo ich dich einmal haben hab wollen. Wo ich immer schon gewesen bin. Im Vergessen. Wer denkt denn jetzt noch an dich? Doch nicht deine studierten Freunde. Jetzt denk nur mehr ich an dich. Die, die du zurückgelassen hast. Freilich, es reden auch andere, zerreißen sich das Maul, aber das hat nichts zu sagen, hörst du? Die kennen dich nicht, nicht wirklich. Erzählen soll ich, hat sie gesagt, deine Frau, und natürlich erzähl ich dir was, ich hab dich ja immer noch lieb, bin immer noch deine Mutter.
Neun Monate hab ich dich in meinem Körper getragen, schwanger bin ich in den Stall. Schwanger aufs Feld. Ohne deinen Vater. Im Mutterleib hast mich schon getreten, als tätest du radeln, immer und immer wieder, hast gestrampelt wie ein Wilder. Hast mir Schmerzen gemacht, nicht zum Aushalten. Dein Bruder hat die Hand auf meinen Bauch gelegt und gesagt: Mama, dein Bauch explodiert. Und ein Gschau hat er gehabt dabei, da hab ich müssen lachen. Nein, hab ich ihm gesagt, mein Bauch explodiert nicht, aber das da drinnen, das wird ein Wildfang, wirst schon sehen, mit dem kleinen Ding werden wir noch was Ordentliches zum tun haben. Immer wieder hat dein Bruder dann die Hand auf den Bauch gelegt, weil es da drinnen so umeinander rumort hat, das hat ihm halt gefallen. Da hat es draußen schon gekracht und alles ist zusammengebrochen. Die Flieger sind über uns drüber und ich hab mir nur gedacht: Lass mich das überleben, die Bomben da draußen und die Geburt von dem Buben. Ich hab nämlich von Anfang an gewusst, dass du ein Bub wirst, weil so viele Scherereien machen nur die Männer. Lass es wirklich einen Buben sein, hab ich mir gedacht, immer wenn es besonders wehtan hat. Bitte, noch einen Buben, der mithelfen kann, wenn der Vater nicht zurückkommt. Zu dritt, ja, zu dritt, da schaffen wir das irgendwie. Nur kein Mäderl, um das man sich kümmern muss. Weil dass ein Mäderl so eine wird wie ich, eine die anpackt, das kannst ja nur hoffen, aber nicht erwarten. Und dann ist es so weit gewesen. Warst ja nicht mein erstes Kind, ich hab mir gedacht: Das wird schon gehen. Aber was red ich? Von Anfang an hast mir nur Schmerzen bereitet, ich hätt mir freilich denken können, dass das keine leichte Geburt wird.
Die Wehen haben im Stall angefangen, bei den Kühen. Ich bin auf dem Schemel gesessen, wie es zum stechen angefangen hat. Da hab ich gewusst, was passiert. Nur bist halt zu früh gekommen. Nicht viel, aber trotzdem zu früh. Na ja, ich bin ja verhungert gewesen, am Ende vom langen Krieg, kein Fett mehr am Körper hab ich gehabt, keinen Bauch mehr und keine Brüste, gar nix, wahrscheinlich bist deswegen so früh raus. Wirst dir gedacht haben: Da drinnen krieg ich nix Gscheites zu essen, probiere ich es einmal heraußen. Und recht hast gehabt. Nur dass es heraußen auch nicht viel mehr gegeben hat, aber woher hättest du kleiner Wurm das wissen sollen? Überrascht bin ich halt trotzdem gewesen, wie die Wehen losgegangen sind, die Schmerzen sind von jetzt auf sofort gekommen, nicht wie bei den anderen Kindern. Ich hätt wissen können, dass es bald losgehen wird, schon Tage vorher hab ich dich nicht mehr gespürt in mir. Wahrscheinlich ist das die Ruhe vor dem Sturm gewesen, hast dich noch einmal gut ausgeruht, bevor es auf die Welt geht. Hab ich eine Angst gehabt, ganz ohne deine Treterei? Ah geh wo denn. Ich bin ganz ruhig gewesen, hab gewusst, so ganz tief in mir drinnen, dass du nicht tot bist, dass du dich nur vorbereitest, auf was auch immer da auf dich zukommen sollt. Ich bin also auf dem Schemel gesessen und hab die Kuh fertiggemolken, trotz der Schmerzen, die Kuh kann ich ja nicht büßen lassen, weil du es so eilig hast, den Schmerz hab ich schon ausgehalten, zäh bin ich immer gewesen, kannst ja nicht überleben anders. Dann bin ich aufgestanden, hab noch die Milch weggebracht, den Schemel genommen und bin raus aus dem Stall, in den Hof, Richtung Stube.
In die Winterküche bin ich gestapft, so schnell es irgendwie gegangen ist. In die Winterküche, weil die Sommerküche noch zu kalt gewesen ist im März. Dort hab ich nach deinem Bruder gerufen, der ist irgendwo auf den Feldern gewesen, wie am Spieß hab ich brüllen müssen, bis er mich endlich gehört hat, auf dem Acker hinterm Hof. Ich hab ihn dann weggeschickt, zur Tante, dass die kommt und mir hilft. Eine halbe Stunde hat die Tante weggewohnt, so lange werd ich dich schon drinnen halten können, hab ich mir gedacht. Und so bin ich dagelegen und hab gewartet, auf der Eckbank, das frisch überzogene Bett hab ich nicht wollen dreckig machen. Raufgeschaut hab ich, auf den Herrgott im Winkerl. Auch so ein Bankert, das ohne Vater auf die Erde gekommen ist. Ich hab noch wollen zusammenräumen, falls die Hebamme kommen muss, aber das hab ich nicht mehr geschafft, also hab ich die Holzbalken an der Decke angestarrt und gehofft, dass die Tante bald kommt, auch wenn ich sie nicht hab leiden können und sie mich genauso wenig, aber die Tante ist die einzige Frau gewesen, die mir auf die Schnelle eingefallen ist. Gekommen ist dann aber der Onkel, weil die Tante in der Stadt gewesen ist, ausgerechnet. Ich hab schon nach der Hebamme geschickt, hat er gesagt, haltest noch durch, Mariedl, so halt doch noch durch. Immer und immer wieder, mehr Angst hat er gehabt als wie ich. Gell, haltest eh noch durch, Mariedl? Wie ein Pascha ist er dagesessen, aber ein Pascha, der auf einmal nimmer weiß, was er machen soll. Und da hab ich nur gesagt: Was scheißt dir denn in die Hose? Den Rindern hast früher die Kälber hinten rauszogen, wenn wir dich braucht haben, und vor mir hast Angst? Jetzt reiß dich zsamm, sonst setzt es was, so viele Wehen kann ich gar nicht haben. Der Onkel hat geschaut und gelacht, der Onkel mit seinem hatscherten Fuß und der Hand mit den abgerissenen Fingern. Die hat es ihm im 14er Krieg zertrümmert. Und wie ich so dalieg und dein Onkel so dasitzt und ich auf seine Hand schau, auf die rote Wulst, wo früher einmal seine schönen Finger gewesen sind, da hör ich plötzlich ein Geräusch von draußen, vor der Tür. Ich hab ja nicht rausgesehen von der Kuchlbank aus, aber das Tor ist versperrt gewesen, da hat keiner reinkönnen, also wer soll das sein, der da so schnauft? Der Onkel hat rausgeschaut, durch das kleine Glasfenster in der Tür, vor dem die selbst gestickten Vorhänge gehangen sind, er hat rausgeschaut und ist kasweiß geworden. Jessas, hat er geflüstert, der Bulli. So ein Blödsinn, sag ich, was soll denn der Bulli vor der Kuchltür? Aber wirklich, wie ich mich aufrappel und mich mit den Armen nach oben stemm, da steht er leibhaftig da. Scheinbar ist er die paar Holzplanken vor der Tür hinaufgetrippelt wie eine Ballerina und ist einfach dagestanden: Nasenlöcher, Augen, Nebel vom Atem, mehr hast nicht sehen können durch das Fenster. Unser einziger Stier, ein Riesenviech. Friedlich hat er ausgeschaut, aber lass dich von dem Ausschauen ja nicht täuschen, in einer Sekunde hätt dich der umgebracht, da kennt so ein Viech nix. Und wie das Glas von seinem Schnaufen beschlagen hat, da ist es mir eingefallen. Ich muss das Gatter offen gelassen haben, aber beim Bulli, da war eigentlich immer versperrt, muss er also durch sein Gatter durchgebrochen sein und dann raus durch das offene bei den Kühen. Ich bring ihn zurück in den Stall, hat dein Onkel gesagt. Der Pascha, auf einmal wieder mutig. Macht dem so ein riesiger Stier weniger Angst als wie meine Wehen. Na so sind die Männer. Also raus aus der Kuchltür und nach hinten. Wie er weg ist, da lug ich nach draußen. Lass dich wegen dem blöden Vieh nicht umbringen, hab ich nur gedacht, ich brauch dich noch. Aber der Onkel nimmt den Stier bei den Hörnern, ganz langsam, fast wie man ein Kind nimmt, wenns noch ganz klein ist, das hat er können, obwohl er selber noch fast ein Kind gewesen ist, wie er das letzte Mal in einem Stall gearbeitet hat, und dann führt er den Bulli weg. Und der rennt ihm nach wie ein Katzerl, das man selber mit der Milch aufgezogen hat. Und wie ich das seh, da werd ich ganz ruhig, ich schau auf den riesigen Bulli, wie der mit langsamen Schritten neben deinem Onkel herlauft, und es ist mir, als gäb es nix Schöneres auf der ganzen Welt. Ein bisserl später fangen die vermaledeiten Wehen wieder an. Ich hab gebrüllt wie am Spieß, da ist dein Onkel schon wieder in die Kuchl gekommen und hat die Tür zum Schlafzimmer aufgestoßen, aber dort hab ich nicht wollen rein. Ich hab erst müssen den Stier einsperren, hat er gesagt, es tut mir leid, Mariedl, und das Gatter reparieren, zumindest mit zwei Brettern, dass der Bulli nimmer rauskann. Na ist schon gut, hab ich gesagt, aber jetzt gehts halt los, ich kann nix mehr machen. Und wie ich mich zurückleg, ein Schreien nimmer in der Gurgel halten kann, da steht auf einmal dein Bruder in der Kuchl, und ein Gesicht hat er gehabt wie ein Geist, wie ein kleines Kind hat er ausgeschaut, nicht wie der elfjährige Bub, der er ja schon gewesen ist. Noch bevor ich was sagen kann, hat ihn dein Onkel gepackt und in die Speis gesperrt, Tür zu, Schlüssel umgedreht, der Bruder hat geschrien da drinnen, er muss sich ja gedacht haben, der Onkel sticht mich ab wie die Sau. Gebrüllt hat er hinter der Speistür: Lass die Mama in Ruh, tu der Mama nicht weh! Das Herz hat’s mir zerrissen, aber es ist gut gewesen, dass der Onkel ihn eingesperrt hat, so wie ich ausgeschaut hab. Und immer wieder: Tu der Mama nicht weh, ich bitt dich, tu der Mama nicht weh. Er hat sich halt schon immer gesorgt um mich, dein Bruder, nicht wie du. Und ich hab mich wollen zusammenreißen, wie ich ihn da schreien hab hören hinter der Tür, damit er sich nicht solche Sorgen macht um mich, aber ich hab’s nicht geschafft, beim besten Willen nicht. Ich hab gebrüllt aus Angst, nicht wegen der Schmerzen, die Schmerzen hab ich können aushalten, Schmerzen machen mir nix. Ich hab gebrüllt vor lauter Angst: Was passiert, wenn was schief geht? Mit deinem Bruder, mit dem Hof? Und ewig hat es gedauert, bis endlich die Hebamme gekommen ist, da ist es draußen schon dunkel gewesen.
Ich denk nicht gern an die Geburt zurück, das kannst mir glauben. Du hast mir alles zerrissen da drunten. Sie haben mich zusammengenäht wie einen Braten, sogar zum Arzt hab ich deswegen müssen. Gleich wie du auf die Welt gekommen bist, bist in Scheiße und Blut gelegen wie alle anderen auch. Es hat gestunken, dreckig ist es gewesen, und da kannst später noch so auf Saubermann im Anzug machen, so bist halt auf die Welt gekommen. Und dann hab ich dich auf der Brust gehabt, voller Blut und Schleim und grauslich hast ausgeschaut, aber so ist das bei den kleinen Kindern, und geatmet hast. Deine Augen hast schon offen gehabt, genau wie deinen Mund. Und gebrüllt, nicht auszuhalten. Kalt ist es gewesen, ich hab dich in eine Windel von deinem Bruder gewickelt und mir nur gedacht: Lass den Buben überleben, weil zwei zusätzliche Hände können wir sicher gebrauchen in den Jahren, die jetzt kommen werden. Und gestreichelt hab ich dich, da kannst mir noch so sehr vorwerfen, dass ich dich nicht liebgehabt hab. Und in deine Augen hab ich geschaut, ganz dunkel sind sie gewesen und irgendwie unheimlich. Und dann hab ich es laut gesagt, zu deinem Onkel: Hoffentlich überlebt er, der Bub. Vor dem Krieg hab ich ja zwei Kinder verloren gehabt, am Friedhofshügel sind sie gelegen, der eine nur ein Jahr alt geworden, der andere notgetauft. Das kann man sich heute ja gar nimmer vorstellen, heute stirbt man nimmer so schnell, heute leben alle so unendlich lang. Vier Kinder hab ich auf die Welt gebracht, aber nur du und dein Bruder haben überlebt. Dabei hab ich immer eine große Familie wollen. Immerhin zwei Kinder, zwei Burschen, Gott sei Dank. Nach dir hab ich keine Kinder mehr kriegen können, es wär eh keiner da gewesen, der mir welche gemacht hätt. Aber jetzt hab ich dich erst einmal gehalten, ich hab dich angeschaut und mir gedacht: Was soll nur aus dir werden, in der schlechten Zeit? Ich hab dich dann nach deinem Onkel genannt, weil ohne deinen Onkel, da hätt ich das alles nicht überlebt, das kannst mir glauben.
Der Onkel ist der Bruder gewesen von deinem Vater. Ein großer, ein bärenstarker Mann, bis es ihn im Krieg erwischt hat, aber selbst dann hätt sich keiner mit ihm angelegt, da hat die Hand noch so hin sein können. Er ist ein herzensguter Mensch gewesen, tief drinnen, auch wenn sie nachher gesagt haben, in seiner Fabrik wär es nicht mit rechten Dingen zugegangen, er hätt die Leute schlecht behandelt. Dauernd ist wer da gewesen und hat in den Fabriken herumgestierlt, aber gefunden haben sie nichts, und die Arbeiter haben immer gesagt, dass das ein Blödsinn ist, den die Leute erzählen, dass es ihnen gut geht, dass sie ihm dankbar sind, und warum hätten die sollen lügen? Wie er dann schon lang tot gewesen ist, da sind noch andere Gerüchte aufgekommen, dass was mit dem Geld nicht stimmt, dass er da was Illegales gedreht hat, lauter so Sachen halt, die immer aufkommen, wenn den Großkopferten fad ist und sie zu wenig Arbeit haben. Mir wär sowas nicht eingefallen, einen guten Menschen so zu verleumden, ich hab mir was Besseres zu tun gewusst mit meiner Zeit. Aber sie werden sich halt immer das Maul zerreißen, das ist schon zu Anbeginn der Zeiten so gewesen, es wird auch immer so bleiben. Über dich haben sie später ja auch geredet. Genug Wahres, aber auch genug Blödsinn. Wer deinen Onkel gekannt hat, der kann dir sagen, dass das nur ein feiges Nachtreten auf einen Toten gewesen ist. Er hat sich gerade in der ersten Zeit gut um mich gekümmert, später dann mehr als nur gut um dich, oder nicht? Ohne ihn hätten wir das nicht durchgestanden, hätt ich den Hof nicht derhalten, hätt ich dich in keine Schule schicken können. Er hat dich mir weggenommen, wenn man so will, aber ich bin ihm nicht bös. Nicht mehr. Wie er gestorben ist, da hat er gesagt: Mariedl, der Bub hat wegmüssen von da, der ist anders als wie wir, sei mir nicht bös. Und da hab ich ihm vergeben, über zwanzig Jahre bin ich bös auf ihn gewesen, ganz tief drinnen, und das muss reichen, ich bin ja kein nachtragender Mensch. Außer deinem Onkel hab ich niemand gehabt, wie du auf die Welt gekommen bist. Meine Eltern sind schon lange tot gewesen, tief drunten in der Erde.
Ich komm aus einem Dorf, musst wissen, das hat noch ein paar Jahre vor meiner Geburt nur eine Handvoll Höfe gezählt, und einer von denen der unsrige, die Nummer zwei, so alt sind die Gemäuer gewesen. Heute steht er schon lang nicht mehr, eine Schand ist das, aber was willst machen. Nichts als arbeiten hab ich müssen, schon als kleines Kind, die Viecher versorgen, damit hab ich mich ausgekannt, auf die Geschwister hab ich müssen aufpassen, auch auf die älteren, für die Schule ist ja keine wirkliche Zeit gewesen. Aber mich hat’s nicht gestört, ich hab das gern gemacht. Da bin ich hergeboren, da gehör ich hin, so hab ich mir das immer gedacht. Man muss halt wissen, wo sein Platz ist. Hättest ruhig besser aufpassen sollen, wie ich dir das derzählt hab, dann wär’s dir besser ergangen. Oder hast es nur vergessen? Meine Eltern hätten den Hof verkaufen können, da bin ich noch ein kleines Mäderl gewesen, und gern hätten sie es getan, sind ja nicht froh gewesen über die viele Arbeit. Aber verkaufen und dann in einem kleinen Zimmer sitzen und sich gegenseitig auf die Nerven gehen, das haben sie auch nicht wollen. Mich haben sie weggeschickt, in die Stadt, da bin ich keine zehn Jahre alt gewesen, obwohl sie mich hätten brauchen können am Hof, aber sie haben mich weggeschickt, dass einmal was Besseres wird aus mir. Was Besseres als was? Ich hab das nicht verstanden. Ich bin doch schon gut genug, oder nicht? Aber gearbeitet hab ich trotzdem, bei den reichen Herren zur Aushilfe, in den Fabriken, wo ich halt was gefunden hab, wo ich gebraucht worden bin. Sie haben mich in der Stadt sogar zur Arbeit genommen, wenn sie eigentlich einen Burschen gesucht haben, so fleißig bin ich gewesen. Aber Spaß hat es mir keinen gemacht, ich hab wollen zurück auf den Hof, aber das haben die Eltern nicht erlaubt, nicht ums Verrecken, trotz meiner tüchtigen Hände. Du weißt ja nicht, was du redest, haben sie mir gesagt, wenn ich auf Besuch gekommen bin. Bleib in der Stadt, wo die Arbeit einfach ist. Das haben sie halt geglaubt, dass die Arbeit in der Stadt einfach ist, das hast ihnen nicht können erklären, dass du in den Fabriken genauso schuften musst, dass mir die Hände geblutet haben, der Rücken wehtan hat von der Arbeit, nur halt eingesperrt statt draußen in der Natur. Immer wieder bin ich zurück auf den Hof, wenn ich können hab. Meine Eltern haben das nicht verstanden, warum ich heim hab wollen, auf einen Bauernhof, weil ich ja schon ins neue Jahrhundert reingeboren bin, aber die neue Zeit hat mich nicht interessiert, keinen Deut. Immer haben sie wollen, dass ich zurück in die Stadt geh. Du kannst nicht hier versauern, haben sie gesagt. Los, geh in die Stadt, mach dir ein Leben, such dir einen Mann, wir schaffen das schon, sind ja noch genug Kinder da am Hof. Elf Geschwister hab ich gehabt, von denen sieben lebendig geblieben sind, vier Brüder, drei Schwestern. Hans, Wolfgang, Heinz, Manfred, Karin, Brigitte und Christa. An die Namen von den Gestorbenen kann ich mich nimmer erinnern. Aber was ist gewesen mit den Überlebenden? Keiner ist ihnen geblieben, den Eltern. In die Stadt sind sie alle gegangen, der älteste Bruder Hans sogar nach Australien, in die Hitze. Ich hab mir oft vorgestellt, wie er durch die Wüste marschiert, die komischen Viecher von da unten neben ihm. Gehört hab ich genauso wenig von ihm wie später von dir. Ist mir also nur mein Schädel geblieben, um mir was vorzustellen vom Leben in Australien.
Den Hof von meinen Eltern hat mein zweitältester Bruder geerbt, wie die Eltern gestorben sind, gleich hintereinander, der eine hat es ohne die andere nicht ausgehalten. Der Sargbauer hat uns den zweiten Sarg sogar billiger gegeben, so knapp hintereinander haben wir sie begraben müssen. Aber der Bruder hat ihn verkauft, den Hof, kein Jahr sind sie da unter der Erde gewesen. Obwohl ich ihn übernommen hätt, aber nix, es ist kein reden gewesen mit ihm. Vom Geld hab ich keinen Groschen zu sehen gekriegt, ich hab mich aber auch nicht drum gekümmert, wozu? Ums Geld ist es mir ja nie gegangen. Die neuen Besitzer haben ihn weggebaggert, den Hof, und ein Haus draufgestellt, später sogar mit Pool zum Schwimmen, wo früher der Kuchlgarten gewesen ist. Schön ist es geworden, das neue Haus, kannst nix sagen, aber eben nicht mehr unser Hof. Ich bin nur einmal hin und dann nimmer, ich hab mir das nicht wollen anschauen, hat nur wehtan. Aber das kannst du sicher nicht verstehen. Einer, der einfach weggeht und dem das nicht wehtut, wie soll der kapieren, was einem ein paar alte Mauern bedeuten können?
Ich bin eh auf einem Hof gewesen, wie die Eltern gestorben sind, aber nicht auf dem unsrigen, sondern auf dem, den die Eltern von deinem Vater besessen haben. Überhaupt dein Vater, wie soll ich dir das erzählen? Ohne ihn wär ich vielleicht wirklich in der Stadt geblieben, ein Alptraum, dafür bin ich ihm noch immer dankbar, trotz allem, was später passiert ist. An einem Wochenende bin ich daheim gewesen am Land, endlich raus aus der Stadt, die Fahrt mit der Bahn und dem Bus abgespart von dem bisserl Geld, das ich in der Fabrik verdient hab. Deinen Vater hab ich da schon gekannt, noch aus der Schule. Der älteste Sohn vom Stallerhof ist er gewesen, aber wir haben nie viel miteinander geredet, zum Schöne-Augen-Machen hab ich keine Zeit gehabt, auch wenn er ein fescher Bursch gewesen ist, das ist mir schon aufgefallen, freilich. Nach der Kirche am Sonntag ist er also zu mir gekommen und hat mich einfach gefragt, ob ich ihn haben will. Ob ich dich gern hab? Na ob du mich haben willst, als Mann? Da bin ich baff gewesen! Ein einziges Mal sind wir gemeinsam spazieren gegangen, bevor er mich das gefragt hat, aber selbst das ist schon mindestens zwei Jahre her gewesen, also hab ich nur gesagt: Wartest noch eine Woche. Und die Woche hab ich gut überlegt, und dann bin ich wieder nach der Kirche auf ihn zu und hab gesagt: Ja, gern will ich dich haben. Und schön zweideutig ist das gewesen, das hat mir gefallen und ihm auch, weil er hat gelacht und mich gepackt und so ist das passiert mit uns. Die Aussicht auf einen Hof hat er gehabt, anständig ist er gewesen, na und so schlecht ausgeschaut hat er auch nicht. Ein großes Mundwerk halt, das hat jeder gewusst im Dorf, er hat sich nix gefallen lassen von den Obrigen, das hat mich beeindruckt. Und dann haben meine Eltern gesagt, Marie, haben sie gesagt, du musst selber wissen, was du tust, aber komm dann nicht dahergerannt und heul uns was vor, wenn es schwierig wird, wenn dein Mann wieder wo mit dem Schädel gegen die Wand will, wennst die Schufterei nimmer derpackst, weil der Stallerhof ist größer als unserer, da kannst dir gar nicht vorstellen, wie viel Arbeit auf dich wartet, und die Stallerleut, von denen reden wir nicht, aber nimm dich in Acht. Und das hab ich mir gemerkt und geheult hab ich nie, darauf bin ich stolz, obwohl ich viel hätt heulen können in den Jahren danach.
Hochzeit gefeiert haben wir in der Dorfkirche, an einem Donnerstag, das ist damals noch so Brauch gewesen. Ich im Kleid von meiner Mutter, ein neues hab ich mir nicht können leisten, hat mir die Mutter also ihres umgeschneidert, weil ich viel kleiner gewesen bin als sie, die Brust hat die Körberl gar nicht ausfüllen können. Schön ist es gewesen in der Kirche, aber lang. Der Pfarrer hat nicht aufhören können zum predigen. Gefreut hab ich mich, wie es endlich geheißen hat: Mann und Frau. Verheiratet also, so wie wir’s verstanden haben. Und gut haben wir’s verstanden, die ersten Jahre. Hochzeitsmahl hat es im Wirtshaus im Dorf gegeben, meine Eltern haben ein ganzes Schwein spendiert, damit es ordentlich was zum essen gibt, sogar eine Musik haben wir gehabt, keine Selbstverständlichkeit damals. Die Kranzljungfrau hat mit dem Kranzlbub alle ledigen Paare geehrt, mir haben sie den weißen Schleier abgetanzt, bevor dann gemaskert worden ist. Reingestürmt sind sie, wie wir noch gegessen haben, verkleidet, die Freunde von deinem Vater, und gepackt haben sie mich, Braut entführen. Erst zu Mitternacht ist worden entmaskiert, es ist ein solcher Spaß gewesen. Und trotzdem sind meine Eltern nur dagesessen und haben sich nicht gefreut, das hast du sofort gesehen, welche Gesichter die gezogen haben. Die ganze Hochzeit hätten sie mir verdorben, wenn ich mir nicht einfach gedacht hätt: Marie, lass sie schauen, es ist dein Leben und deines allein, das kann niemand für dich erledigen.
Aber meine Eltern sind nicht die Einzigen gewesen, die ein Schnoferl gezogen haben. Die seinigen haben auch nicht wollen, dass er mich heiratet, eine Dahergelaufene. Die haben einen Hof gehabt, nicht so alt wie der unsrige, aber fünfmal größer, drum haben sie sich für was Besseres gehalten. Aber ich Dahergelaufene hab gearbeitet wie keine andere am Hof. Ich hab ihnen gezeigt, dass ich was gelernt hab, zuhaus bei meinen Eltern, später bei den Herren und in den Fabriken. Trotzdem, die Schwiegereltern haben sich einen feuchten Dreck um uns geschert. Der Bruder von deinem Vater ist der Einzige gewesen, der uns angeschaut hat nach der Hochzeit. Da hat er die erste Fabrik gerade aufgemacht gehabt. Er hat wollen, dass sein Bruder und ich dort arbeiten, aber das ist gar nicht in Frage gekommen, für wen anderen arbeiten, wenn man das eigene Land haben kann, die eigenen Viecher. Na ja, gehört hat er uns damals noch nicht, der Hof, aber wir haben halt gedacht: irgendwann. Derweil hab ich weiterarbeiten dürfen, als wär ich immer noch eine Magd. Gehört hat der Hof immer noch den Eltern von deinem Vater. Den wird er einmal erben, hat es immer geheißen, wenn die Eltern einmal nicht mehr können. Aber das hat lang gedauert, das Nichtmehrkönnen. Nicht und nicht haben sie wollen übergeben. Aber dann endlich ist er der unsere gewesen, sind die Großeltern ins Ausgedinge, und ich hab mich einen Tag gefreut drüber und dann den Rest von meinem Leben Angst gehabt, weil so ein Hof, der ist nicht leicht zum derhalten. Den Zubau für die Viecher hab ich noch vor dem Krieg mit deinem Vater selber gebaut, alles ausgehoben, den Beton selber zusammengemischt, Zement, Sand, Wasser, immer und immer wieder, noch vor dem großen Krieg ist das gewesen. Die Ziegel hab ich geschleppt, damit wir ein bisserl was dazuverdienen können mit noch mehr Viechern. Mein Rücken ist hin geworden, der Doktor hat mich Jahrzehnte später in die Röhre schieben wollen und nachschauen, aber wozu, ich hab ja gewusst, was passiert ist, der Zubau ist passiert, der Hof und die ganze Plackerei. Aber ein schöner Hof ist es gewesen, das kannst mir glauben. Wir haben immer viel Arbeit gehabt, hier was ausgebessert, dort was dazugebaut. Ein schöner Hof. Das ist mir wichtig, weil er dir nie gut genug gewesen ist. Weil du immer weg hast wollen, das Gesicht hast verzogen, wenn du zurückgekommen bist und geglaubt hast, ich merk es nicht. Das hab ich dir bis heute nicht verziehen. In der Kuchl von meinem schönen Hof, auf dem ich gearbeitet hab wie ein Viech, in der Kuchl bist auf die Welt gekommen, hättest in der Kuchl ruhig alt werden können. Wär dir ein Zacken aus der Krone gefallen? Für den Gabriel ist es ja auch gut genug gewesen, wie du ihn mitgebracht hast, oder nicht? Der hat sich gefreut über die Gemäuer und das Land, warum hast du dich nie drüber freuen können wie er?
In den ersten Tagen nach deiner Geburt hat mich der Onkel zu sich geholt, als ich nicht hab stehen können, mir alles wehtan hat. Er hat Leute besorgt, die sich um den Hof gekümmert haben, um die Viecher. Geld hat er ja gehabt, dank seiner Fabrik und seinen Arbeitern, die er hat einteilen können, wie er wollen hat. Ich hab mir alles berichten lassen, sogar vom Bett aus hab ich die Zügel in der Hand behalten, nicht dass du glaubst. Die Arbeit haben die trotzdem nicht so gemacht, wies mir recht gewesen wäre, aber ich hab nicht können jammern. Die Tante hat mich so schnell wie möglich weghaben wollen aus ihrem Haus, und den Gefallen hab ich ihr getan.