Czytaj książkę: «Revolutionen auf dem Rasen»
Jonathan Wilson
Revolutionen auf dem Rasen
Eine Geschichte der Fußballtaktik
Überarbeitete & erweiterte Neuauflage
VERLAG DIE WERKSTATT
Bildnachweis
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Aus dem Englischen von Markus Montz.
Die Originalausgabe erschien 2008 unter dem Titel „Inverting the Pyramid. A history of football tactics“ bei Orion Books, London.
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Copyright © Jonathan Wilson 2008, 2013 & 2018
Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe:
2011 Verlag Die Werkstatt GmbH
Lotzestraße 22a, D-37083 Göttingen
www.werkstatt-verlag.de
Alle Rechte vorbehalten.
Satz und Gestaltung: Die Werkstatt Medien-Produktion GmbH, Göttingen
ISBN 978-3-7307-0186-7
Inhalt
Vorwort zur Neuauflage
Prolog
1.Von den Anfängen bis zur Schottischen Furche Fußball im viktorianischen England / Die Gründung der Football Association 1863 / Englisches Dribbeln vs. schottisches Passspiel / 2-3-5-Formation wird Standard
2.Walzer und Tango Die weltweite Verbreitung des Fußballs / Jimmy Hogan – Fußballpionier auf dem europäischen Festland / Fußballkunst in Uruguay und Argentinien
3.Der dritte Verteidiger Die Änderung der Abseitsregel 1925 / Herbert Chapman und das W-M-System
4.Wie der Faschismus das Kaffeehaus vernichtete Hugo Meisl und das österreichische „Wunderteam“ / „Scheiberln“: österreichischer Kombinationsfußball / Vittorio Pozzo: Weltmeister mit Italien 1934 und 1938 / La Furia im Spanien unter Franco / Fußball im nationalsozialistischen Deutschland
5.Organisiertes Chaos Fußball in der Sowjetunion / Boris Arkadiew und Dynamo Moskau / Russisches Kurzpassspiel verzaubert Großbritannien
6.Die Ungarn-Connection Ungarns „Goldene Elf“ / Der zurückgezogene Mittelstürmer oder: Das W-M wird zum M-M / Das 6:3 in Wembley / Die WM 1954 / Béla Guttmann, ungarischer Weltenbummler
7.Jazz statt Symphonie Dori Kürschner – ein Ungar in Brasilien / Flávio Costas Diagonal / Das brasilianische 4-2-4 / WM 1958 und 1962: Pelé und Co. erobern die Welt
8.Der englische Pragmatismus I Stan Cullis und die Wolverhampton Wanderers / Charles Reep, der Chefstatistiker des englischen Fußballs / Die Philosophie der langen Bälle / Alf Ramsey und die WM 1966
9.Die Geburt der Moderne Wiktor Maslow, Pionier des modernen Fußballs / Die Einführung des 4-4-2 / Die Erfindung des Pressings
10.Catenaccio Vorläufer: Schweizer Riegel und Wolga-Klammer / Gipo Viani, der Vater des Catenaccio / Nereo Rocco und der AC Mailand / Helenio Herrera und La Grande Inter
11.Nach den Engeln La Máquina – River Plate in den 1940er Jahren / Das Ende des Goldenen Zeitalters in Argentinien: Erfolg mit Anti-Fútbol
12.Totaalvoetbal Von Jack Reynolds bis Rinus Michels: die Väter des Totaalvoetbal / Johan Cruyff, ein Künstler am Ball / Ajax Amsterdams Europapokal-Hattrick
13.Russisches Rasenschach Walerij Lobanowskyj und die Verwissenschaftlichung des Fußballs / Eduard Malofejew und „ehrlicher Fußball“
14.Fly Me to the Moon Die WM 1970 und Brasiliens Futebol Arte / César Luis Menotti, der Fußballphilosoph / Die WM 1978
15.Der englische Pragmatismus II Bill Shankly und der Liverpooler „Boot Room“ / FC Watford und FC Wimbledon: Erfolg mit Kick-and-rush / Lange Bälle und ihre Befürworter / Skandinavischer Fußball unter britischem Einfluss
16.Zurück zur Dreier-Abwehr Väter des 3-5-2: Carlos Bilardo und Miroslav Blažević / Sepp Piontek und Danish Dynamite / Maradona und die WM 1986
17.Der Trainer, der kein Pferd war Arrigo Sacchi und italienischer Offensivfußball / Der AC Mailand erobert Europa / Raumdeckung, Pressing, Viererkette: die Grundpfeiler des Mailänder Erfolgs
18.Total Recall Ajax in den 1990er Jahren: Louis van Gaals Neuinterpretation des Totaalvoetbal / Athletic Bilbao & Co.: Powerfußball unter Marcelo Bielsa
19.Von Geistern und Maschinen Das Ende des klassischen Spielmachers / Der Siegeszug des Fünfer-Mittelfelds / Der polyvalente Spieler
20.Pressing und Ballbesitz Von Vic Buckingham bis Pep Guardiola: Kurzpassspiel beim FC Barcelona
21.Die Welt nach Cruyff Von Ralf Rangnick bis Julian Nagelsmann: Deutschland lernt Taktik / Jürgen Klopp und Gegenpressing / Barça nach Guardiola / Die Renaissance der Dreierkette / Anti-Ballbesitzfußball
Epilog
Bibliografie
Personenregister
Danksagung
Der Autor
Felix qui potuit rerum cognoscere causas.*
Vergil, Georgica II, 490
(*Glücklich, wem es gelang, den Grund der Dinge zu erkennen.)
Vorwort zur Neuauflage
Als ich 2005 für FourFourTwo den Artikel schrieb, der mich erst auf die Gedanken zu Revolutionen auf dem Rasen brachte, war Taktik nicht mehr als ein Randthema in der britischen Fußballberichterstattung. Mittlerweile, da ich 13 Jahre später diese Zeilen schreibe, ist sie Teil des medialen Alltags geworden. Der Mehrheit der Fans in England mag Taktik auch weiterhin egal sein. Doch eine nicht unbedeutende Minderheit will am Montagabend nicht mehr auf Jamie Carraghers und Gary Ne villes Analysen der Spielszenen vom vorangegangenen Wochenende verzichten. Jede Zeitung bringt in schöner Regelmäßigkeit Taktikkolumnen, es gibt ein gutes Dutzend Taktikblogs, und Begriffe wie „falsche Neun“ oder „inverser Flügelspieler“ sind in aller Munde.
Revolutionen auf dem Rasen war Teil dieser Bewegung. Anders als manche meinen, war das Buch jedoch keinesfalls ihr Auslöser. Vielmehr ist es auf einen Zug aufgesprungen, der ohnehin schon Fahrt aufgenommen hatte. Vielleicht hat es aber dazu beigetragen, denjenigen einen historischen Zusammenhang zu vermitteln, die sich für die Analyse des Geschehens auf dem Rasen interessieren. Zwar ist im englischen Fußball mitunter auch heute noch eine gewisse Fortschrittsfeindlichkeit zu spüren, doch der Fußballkonsument wird mit jedem Tag ein wenig anspruchsvoller. Bei manchem mag das Interesse an der Taktik sogar überhandgenommen haben und zur Besessenheit geworden sein.
Ich habe es bereits in der Einführung zur ersten Auflage des Buches gesagt, doch da mich offenbar viele Menschen für einen Taktikfundamentalisten halten, möchte ich es hier noch einmal wiederholen: Ich glaube keineswegs, dass Taktik das Einzige ist, was die Spielweise einer Mannschaft bestimmt. Ich glaube auch nicht, dass Taktik immer der entscheidende Faktor für den Ausgang eines Spiels ist. Taktik ist vielmehr ein Faktor unter vielen, der sogar vielleicht öfter vernachläs sigt wird. Sie ist nur ein Puzzleteil neben Geschick, Fitness, Motivation, Kraft und Glück. Ja, ich glaube, dass man Taktik gar nicht von den übrigen Faktoren trennen kann. Ein körperlich fittes Team muss anders spielen als ein ausgelaugtes. Ein Team mit mangelndem Selbstbewusstsein muss möglicherweise vorsichtiger agieren. Ein Team mit Spielern auf Kreisklassenniveau muss so aufgestellt sein, dass es diese Defizite kompensieren kann. Alles hängt miteinander zusammen.
Des Weiteren wirken die Bezeichnungen für die Formationen mitunter ein wenig willkürlich. Wie weit genau muss die zweite Spitze hinter dem echten Mittelstürmer spielen, damit aus einem 4-4-2 ein 4-4-1-1 wird? Und wie weit müssen die äußeren Mittelfeldspieler aufrücken, damit daraus dann ein 4-2-3-1 werden kann? Und lässt sich der Stürmer ein wenig fallen und rücken die Außen auf, handelt es sich dann noch um ein 4-2-3-1, oder ist ein 4-2-1-3 oder gar ein 4-3-3 daraus geworden? Warum beschreiben wir manche 4-2-3-1-Formation angesichts nicht selten hoch stehender Außenverteidiger, die auf einer Linie mit den defensiven Mittelfeldspielern agieren, nicht als 2-4-3-1? Solche Begrifflichkeiten sind also im Grunde nur Werkzeuge, die sich eingebürgert haben, um eine grundsätzliche Vorstellung von einer Formation zu vermitteln.
In der Fußballtaktik gibt es nur wenige unumstößliche Grundsätze, und ganz sicher gibt es keine Königsformation, auch wenn ich das in den vergangenen Jahren immer wieder gefragt worden bin. Zwar müssen Offensive und Defensive grundsätzlich in einem ausgewogenen Verhältnis zueinander stehen, trotzdem hängt vieles auch von den Umständen ab: von den zur Verfügung stehenden Spielern, von ihrem körperlichen und mentalen Zustand, von den Bedingungen, von der Form, von den Zielen einer Mannschaft – und natürlich vom Gegner und dessen Spielern, Formation und körperlicher und mentaler Verfassung. Nicht nur steht alles in Relation zueinander, es ist auch alles relativ.

Die erste englische Auflage dieses Buches schloss mit einigen Beobachtungen zu den stürmerlosen Formationen, die beim AS Rom und Manchester United zum Einsatz kamen. Zitiert wurde auch die Theorie von Carlos Alberto Parreira, dass das 4-6-0 die taktische Formation der Zukunft sei. Der Begriff der falschen Neun kam darin nicht vor, aber diese Bezeichnung haben wir uns mittlerweile für den Mann angewöhnt, der sich aus dem früher üblichen Aktionsbereich des klassischen Mittelstürmers nach hinten fallen lässt. Die Tatsache, dass dieser Begriff mittlerweile so häufig gebraucht und auf Anhieb verstanden wird, deutet nicht nur auf einen verbreiteten Trend hin. Er belegt auch, wie sehr das Interesse an taktischer Analyse in den vergangenen Jahren gewachsen ist.
In den Jahren seit dem ersten Erscheinen des Buchs in England machte Pep Guardiola den FC Barcelona zur weltweit besten Mannschaft seit mindestens 20 Jahren und gestaltete dabei auch die fußballtaktische Landschaft neu. Diese Neuauflage erörtert Ursprünge und Umsetzung seiner Philosophie und untersucht deutlich detaillierter als das Original, wie sich dieses Kurzpassspiel vom schottischen FC Queen’s Park über Newcastle United und Tottenham Hotspur bis hin zu Ajax Amsterdam und dem FC Barcelona entwickelte. Das Buch beleuchtet die weitere Entwicklung des Totaalvoetbal unter Louis van Gaal und Marcelo Bielsa und versucht dabei auch, den FC Barcelona in diesem Kontext zu verorten. Dazu wirft es einen Blick auf die Anfänge des spanischen Fußballs, und ebenso darauf, wie La Furia in der Zeit vor Vic Buckingham und Rinus Michels zum spanischen Ideal aufsteigen konnte.
Ergänzungen sind allerdings überall im Buch zu finden. Sie bieten differenziertere Interpretationen, Präzisierungen und Erweiterungen. Die Neuauflage enthält zudem weitaus mehr Details, wie beispielsweise zum britischen Fußball in der Epoche zwischen Jahrhundertwende und Erstem Weltkrieg. Hier hatte ich möglicherweise den Eindruck vermittelt, dass man in dieser Zeit von einem roboterhaften 2-3-5 besessen gewesen sei. Ebenso war die Geburt der Dreier-Abwehrreihe in den 1920er Jahren ein deutlich langsamerer und komplizierterer Prozess, als ich zur Kenntnis genommen habe: Erstaunlicherweise behandelte C. B. Fry die Dreier-Abwehrreihe bereits 1897. Auch zur Rückkehr der Dreier-Abwehr Anfang der 1980er Jahre gibt es deutlich mehr zu sagen: Habe ich diese Entwicklung bislang Carlos Bilardo und Franz Beckenbauer zugeschrieben, so ist mir mittlerweile bewusst, dass Sepp Piontek und Miroslav Blažević mindestens genauso einen Anteil daran haben.
Hinzu kommen ferner die kleinen Details, die sich durch weitere Nachforschungen ergaben – und insbesondere durch Leser, die auf Fehlendes hinwiesen oder alternative Interpretationen vorschlugen. So hatte ich beispielsweise immer gedacht, dass es ein argentinisches Pendant zu Dori Kürschner gab, also dem Ungarn, der das W-M-System nach Brasilien gebracht hatte. Als ich mich durch einen Ordner mit Artikeln aus argentinischen Zeitungen der 1930er Jahre las, erfuhr ich jedoch, dass Emérico Hirschl, der 1936 mit River Plate das Double holte und den ich für einen Argentinier gehalten hatte, in Wahrheit Imre Hirschl hieß und ein 1932 emigrierter Ungar war. Weitere Nachforschungen lieferten Anhaltspunkte dafür, dass er eine Verteidigung wie im W-M-System entwickelt hatte, die jedoch erst nach drei Jahren akzeptiert wurde. Wie Kürschner war auch Hirschl Jude – ein weiterer Hinweis darauf, wie sehr die Entwicklung des Fußballs durch den zunehmenden Antisemitismus der 1930er Jahre beeinflusst wurde.
Diese Neuauflage bietet weitere Überarbeitungen, Korrekturen und Präzisierungen, beschäftigt sich aber auch mit den Entwicklungen seit Guardiolas Weggang von Barcelona. Selbst die, die Guardiolas Stil niemals zu kopieren suchten – oder ihn sogar vehement ablehnten –, wurden von ihm beeinflusst. Jede Spitzenmannschaft spielt nun im Wissen, was möglich ist mit dem richtigen Trainer und den richtigen Spielern beim richtigen Verein zur richtigen Zeit. Doch die Fußballwelt wird nicht mehr länger vom Guardiolismus regiert. Vielmehr handelt es sich dabei nur um eine von vielen konkurrierenden Strategien. Zu diesen gehören jene aus Deutschland, die sich aus der verzögerten Übernahme des Pressings ergaben, ebenso wie die Spielweisen, die von der argentinischen Tradition des Anti-Fútbol herrühren, und José Mourinhous Umkehrung der Cruyff’schen Prinzipien.
Je weiter man recherchiert, desto mehr Verbindungen lassen sich erkennen. Man nehme beispielsweise die beiden englischen Trainer beim FC Barcelona nach dem Zweiten Weltkrieg. Sie waren als Spieler jeweils unter Trainern aktiv gewesen, die ihrerseits Ende der 1930er Jahre unter Peter McWilliam bei den Spurs gekickt hatten – Terry Venables unter Bill Nicholson und Bobby Robson unter Vic Buckingham. Nun ist Buckingham der Mann, der das Fundament für das heutige Kurzpassspiel im Camp Nou legte. Das Ganze mag reiner Zufall sein, deutet aber auf ein Geflecht von Traditionen und Kernphilosophien hin, das dem gesamten Fußball zugrunde liegt. Die Fußballtaktik entwickelt sich laufend weiter, also muss es auch ihre Geschichte tun.
Jonathan Wilson, London 2018
Prolog
Eine Tapas-Bar im Bairro Alto in Lissabon an jenem Abend, an dem England bei der EM 2004 die Schweiz mit 3:0 geschlagen hatte. Der Rioja floss in Strömen. Eine internationale Gruppe von Journalisten diskutierte, ob Sven-Göran Erikssons Entscheidung, bei einem klassischen 4-4-2 zu bleiben, richtig gewesen sei oder ob er besser mit der eigentlich erwarteten Mittelfeldraute hätte spielen sollen. „Ach, das ist doch egal!“, wandte ein englischer Kollege ein. „Das sind doch die gleichen Spieler. Das System ist doch unwichtig. Es lohnt sich überhaupt nicht, darüber zu schreiben.“
Seinen Worten folgte ein Aufschrei der Entrüstung. Ich hob einen Finger, um ihm unmissverständlich deutlich zu machen, dass Leuten wie ihm das Fußballgucken verboten werden sollte, vom Sprechen darüber ganz zu schweigen. Doch ein Argentinier zog meinen Arm in wahrscheinlich kluger Voraussicht wieder herunter. „Das System ist das Einzige, was zählt“, sagte er. „Es lohnt sich überhaupt nicht, über irgendetwas anderes zu schreiben.“
Ganz plötzlich war für einen kurzen Moment die größte Schwäche des englischen Fußballs offengelegt. Beim Fußball geht es nicht um Spieler, oder jedenfalls nicht ausschließlich um Spieler. Es geht vielmehr um Gestaltung und Räume, um das Spielsystem und wie sich die Spieler darin bewegen. (Ich sollte an dieser Stelle vielleicht verdeutlichen, dass ich mit „Taktik“ eine Kombination aus Formation und Spielweise meine. Ein 4-4-2 kann genauso unterschiedlich sein wie die beiden Mittelfeldspieler Steve Stone aus England und Ronaldinho aus Brasilien.) Ich hoffte, dass der Argentinier nur Eindruck machen wollte und deshalb übertrieb. Schließlich tragen Einsatz, Wille, Kondition, Kraft, Tempo, Leidenschaft und Können ebenfalls ihren Teil bei. Doch trotz alledem gibt es auch einen theoretischen Aspekt, mit dem sich die Engländer – auch in anderen Sportarten – nur ungern befassen.
Das ist eine Schwäche, die mich frustriert. Doch dies soll keine Polemik über den englischen Fußball werden. Ich glaube nicht unbedingt, dass der englische Fußball dem Untergang geweiht ist. Obwohl am Ende Hohn und Spott auf Sven-Göran Eriksson einprasselten, muss man doch bedenken, dass es bisher lediglich Alf Ramsey geschafft hat, England bei drei aufeinanderfolgenden internationalen Turnieren bis ins Viertelfinale zu führen. Erst die Geschichte wird zeigen, ob die verpasste Qualifikation für die EM 2008 nur eine Momentaufnahme oder der Anfang eines längeren Niederganges war. Unter Fabio Capello jedenfalls qualifizierte England sich problemlos für die WM 2010, legte in Südafrika allerdings eine Bauchlandung hin. Seither hat sich das Muster aus ungefährdeter Qualifikation für ein großes Turnier und anschließendem Misserfolg fest etabliert, sieht man von der WM 2018 in Russland ab.
Schaut man sich dagegen Uruguay oder Österreich an, weiß man, wie ein Niedergang aussieht (selbst wenn man die von Oscar Washington Tabárez inspirierten positiven Leistungsausschläge in den Jahren 2010 und 2011 berücksichtigt). Oder Schottland: Da glauben die Leute immer noch, eine Fußballgroßmacht zu sein. Ganz zu schweigen von Ungarn, jener Mannschaft, die 1953 den englischen Traum von der eigenen Überlegenheit zerstörte. Als im November 2006 mit Ferenc Puskás der seinerzeit beste Spieler dieser ruhmreichen Truppe verstarb, war Ungarn schon fast aus der Top 100 der FIFA-Weltrangliste gerutscht. Das ist Niedergang.
Englands damalige 3:6-Niederlage gegen Ungarn in Wembley markierte einen Wendepunkt. Erstmals verlor England zu Hause gegen einen Gegner vom europäischen Festland. Vor allem die Art und Weise der damals kassierten Klatsche hatte mit der Vorstellung aufgeräumt, dass England nach wie vor die Welt regieren würde. „Die Geschichte des britischen Fußballs und der Herausforderung durch das Ausland“, so schrieb der bekannte Fußballjournalist und -schriftsteller Brian Glanville in seinem als Reaktion auf die Niederlage entstandenen Buch Soccer Nemesis, „ist die Geschichte einer riesigen Überlegenheit, die durch Dummheit, Kurzsichtigkeit und mutwillig aufgesetzte Scheuklappen vernichtet wurde. Es ist eine Geschichte von auf schändliche Weise vergeudetem Talent, von unglaublicher Selbstgefälligkeit und unendlicher Selbsttäuschung.“ Und genau so war es.
Nichtsdestotrotz wurde England 13 Jahre später Weltmeister. Seine riesige Überlegenheit mochte zwar verspielt worden sein, aber England gehörte immer noch zu den großen Fußballnationen. Ich glaube kaum, dass sich während des letzten halben Jahrhunderts viel daran geändert hat. Es mag schon sein, dass wir vor großen Turnieren gern zu euphorisch sind, und umso mehr sind wir dann von einem Ausscheiden im Viertelfinale enttäuscht. Dennoch gehört England nach wie vor zu den acht bis zehn Mannschaften, die eine realistische Chance auf den Sieg bei einer Welt- oder Europameisterschaft besitzen – trotz gelegentlicher Überraschungssieger wie Dänemark oder Griechenland.
Es bleibt jedoch die Frage, weshalb England seit 1966 keinen dieser Titel gewinnen konnte. Möglicherweise könnte eine besser koordinierte Jugendförderung helfen oder eine stärkere Berücksichtigung von Technik und taktischer Disziplin. Vielleicht würde auch eine Begrenzung der Zahl ausländischer Spieler in der Premier League Englands Chancen verbessern. Vorschläge dieser Art gibt es viele. Dennoch gleicht der Weg zum Erfolg dem sprichwörtlichen Fischen im Trüben. Das Glück bleibt ein entscheidender Faktor im Fußball. Eine Sieggarantie gibt es nie. Das gilt insbesondere für die sechs oder sieben Spiele bei einer Europa- oder Weltmeisterschaft.
Einige meinen, dass der Sieg bei der WM 1966 das Schlimmste war, was dem englischen Fußball passieren konnte. So vertritt Autor Rob Steen in The Mavericks die Auffassung – ähnlich wie David Downing in seinen Büchern über Englands Rivalität mit Argentinien und Deutschland –, dass dieser Erfolg England zurückwarf. Er habe tief im fußballerischen Bewusstsein der Engländer die Ansicht zementiert, dass die Spielweise der Mannschaft Alf Ramseys der einzige Weg zum Erfolg sei. Da ist sicherlich etwas dran.
Mir scheint jedoch, dass weniger die englische Spielweise unter Ramsey an sich das Problem ist, sondern vielmehr, dass sie für Generationen von Fans und Trainern in England die einzig „richtige“ Spielweise darstellte. Nur weil etwas unter bestimmten Umständen, mit bestimmten Spielern und zu einem bestimmten Zeitpunkt in der Entwicklung des Fußballs richtig war, heißt das keineswegs, dass es dies für alle Zeiten ist. Hätten die Engländer 1966 versucht, wie Brasilien zu spielen, hätten sie das Turnier auch so beendet wie Brasilien, das von körperlich aggressiveren Gegnern in der Gruppenphase nach Hause geschickt worden war. Ja, es wäre ihnen noch schlimmer ergangen, weil sie technisch viel limitierter waren als die Brasilianer.
Alle langfristig erfolgreichen Trainer teilen die Fähigkeit, sich immer weiterzuentwickeln – so wie Sir Alex Ferguson, Walerij Lobanowskyj, Bob Paisley oder Boris Arkadiew. Auch wenn ihre Mannschaften ganz unterschiedlich spielten, wussten doch alle diese Trainer genau, wann es an der Zeit war, eine Erfolgsstrategie aufzugeben und eine neue einzuführen. Damit möchte ich deutlich machen, dass ich nicht an eine „richtige“ Spielweise glaube. Natürlich kann ich mich unter emotionalen und ästhetischen Gesichtspunkten mehr für das Kurzpassspiel von Arsène Wengers FC Arsenal erwärmen als für den Pragmatismus von José Mourinhos FC Chelsea. Das ist jedoch meine persönliche Vorliebe und soll nicht heißen, dass das eine richtig und das andere falsch ist.
Ich bin mir auch der Tatsache bewusst, dass zwischen Theorie und Praxis Kompromisse gefunden werden müssen. Auf der theoretischen Ebene werde ich eher von Lobanowskyjs Dynamo Kiew oder Fabio Capellos AC Mailand inspiriert. Auf dem Platz jedoch, als ich an der Universität zwei Jahre lang für die Unimannschaft – oder zumindest für deren zweite und dritte Mannschaft – gegen den Ball trat, spielten wir hochgradigen Zweckfußball. Wir waren nicht besonders gut und holten aus dem verfügbaren Spielermaterial wahrscheinlich das Beste heraus. Ich vermute zwar, dass wir einen ästhetisch ansprechenderen Fußball hätten spielen können. Allerdings glaube ich nicht wirklich, dass dies während der bierseligen Titelfeierlichkeiten, die jedes Jahr stattfanden, irgendjemanden besonders störte.
Man kann das Ganze aber auch nicht darauf reduzieren, dass die „richtige“ Spielweise diejenige ist, die die meisten Spiele gewinnt. Schließlich würde nur der Langweiligste aller Utilitaristen behaupten wollen, dass Erfolg lediglich in Punkten und Pokalen gemessen werden kann. Für Romantik muss ebenfalls Platz sein. Dieses Spannungsfeld zwischen dem, was die Brasilianer futebol d’arte und futebol de resultados, Fußballkunst und Ergebnisfußball, nennen, gehört zu den fußballerischen Konstanten überhaupt. Das liegt vielleicht daran, dass es eine nicht nur im Sport, sondern im Leben an sich grundsätzliche Frage berührt: Will man lieber gewinnen oder lieber schön spielen?
Ruhm lässt sich nicht in Zahlen messen, und seine Voraussetzungen ändern sich mit den Umständen und dem Zeitgeist. In Großbritannien sind die Zuschauer von bedächtigem Spielaufbau schnell gelangweilt, während beispielsweise das Publikum zur Zeit von Fabio Capellos erstem Engagement bei Real Madrid buhte, wenn Fernando Hierro lange Pässe in den Lauf von Roberto Carlos schlug. Kaum mehr vorstellbar ist heute, dass Passspiel unter den frühen Amateurfußballern als unmännlich galt. Wer weiß, vielleicht erscheint den Briten eines Tages ihre heutige Abneigung gegen Schwalben als naiv – so wie dies in bestimmten Kulturen ja schon heute der Fall ist?
Doch selbst wenn man einräumt, dass es beim Fußball um mehr als um das reine Gewinnen geht, wäre es albern, die Bedeutung des Sieges in Abrede zu stellen. Arsène Wenger kann manchmal unglaublich weltfremd sein. Wie seine zermürbende Taktik beim englischen FA-Pokalfinale 2005 jedoch zeigte, unterliegt auch er mitunter dem Zwang zum Ergebnisfußball. Und Alf Ramsey zu unterstellen, dass er den englischen Fußball ruiniert hätte, statt seinen taktischen Scharfsinn zu würdigen, wäre einfach Blödsinn, hat er England doch den einzigen internationalen Titel beschert.
Dennoch sollte man nicht zu viel in die Leistungen, die bei großen internationalen Turnieren gezeigt werden, hineininterpretieren. Nur selten gibt es eine weltweit wirklich herausragende Mannschaft, und noch seltener wird diese dann auch noch Weltmeister – Spanien bildet da die große Ausnahme. Die Brasilianer räumten bei der WM 2002 ihre Gegner zwar geradezu beiläufig aus dem Weg. Angesichts ihres lethargischen Auftritts in der Qualifikation erscheint es aber fast, als wäre Brasiliens damalige Überlegenheit vor allem der Schwäche der anderen Mannschaften geschuldet, die unter Verletzungspech, Erschöpfung und mangelnder Disziplin litten und vor der Hitze kapitulierten. Frankreich stellte zwar bei der WM 1998 die vermutlich beste Mannschaft, doch lieferte es dafür eigentlich nur im Finale den Beweis. Zwei Jahre später schickte es dann bei der EM 2000 die mit Abstand beste Mannschaft ins Rennen, und dennoch hätte Frankreich im Finale fast gegen Italien verloren.
Im Gegensatz dazu verloren zwei der besten Mannschaften aller Zeiten, die Ungarn von 1954 und die Niederländer von 1974, ihre Endspiele tatsächlich – beide gegen die Bundesrepublik Deutschland, was Zufall sein mag oder auch nicht. Ein drittes Team, die Brasilianer von 1982, kam noch nicht einmal bis dorthin. Abgesehen von 1966, lieferte England seine beste Leistung bei der WM 1990 ab. Es war ein Turnier, das man wegen Gazzas Tränen und Englands Aus im Elfmeterschießen in guter Erinnerung hat – Bilder, die einem bald auf die Nerven gehen sollten, damals jedoch den Eindruck tragischen Scheiterns hinterließen und den Boom der 1990er Jahre mit auslösten.
Darüber war dann auch schnell vergessen, dass Englands Vorbereitung auf das Turnier einem Alptraum geglichen hatte: Man war mit Ach und Krach durch die Qualifikation gestolpert, Trainer Bobby Robson wurde von der Presse beinahe täglich an den Pranger gestellt, und nachdem Kontakte zwischen einigen Spielern und einem einheimischen PR-Agenten bekannt geworden waren, verbannte man überdies die Medien aus dem Trainingslager. All das wurde noch von den Problemen mit Hooligans überschattet. Gegen Irland und Ägypten spielten die Engländer grausam, gegen Belgien und Kamerun hatten sie Glück. Nur gegen die Niederlande und die Bundesrepublik Deutschland spielten sie gut, konnten aber beide Spiele nicht gewinnen. Tatsächlich wurde nur das Spiel gegen Ägypten in der regulären Spielzeit gewonnen.
Im Verlauf einer Saison gleichen sich Glück, Verletzungen und Fehler von Spielern und Schiedsrichtern stets aus – zwar nicht absolut, aber doch eher als bei sieben Spielen während eines Sommers. Es mag ärgerlich sein, dass England seit über 50 Jahren keinen Titel mehr gewonnen hat. Die Verantwortung dafür mag auch zu einem gewissen Grad den Trainern, Spielern, Unparteiischen und Gegnern zugeschoben werden. Dennoch kommt dies keinem tiefgreifenden Niedergang gleich. Es ist möglich, dass es grundlegende Schwächen in der englischen Spielweise gibt, und eine gewisse Fortschrittsfeindlichkeit hat da bestimmt nicht weitergeholfen. Dennoch wäre es höchst zweifelhaft, lediglich auf Basis des Abschneidens bei den großen Turnieren ernsthaft eine Totalsanierung des englischen Fußballs zu fordern.
Wenngleich die Globalisierung nationale Stile immer mehr verwischt, sind sie doch aufgrund der jeweiligen Tradition eines Landes, wie sie von Trainern, Spielern, Experten und Fans aufrechterhalten wird, noch immer unterscheidbar. Beim Schreiben dieses Buches fiel auf, dass jede Nation sich zwar durchaus ihrer eigenen Stärken bewusst ist, aber auch, dass keine dieser Nationen ihnen wirklich zu trauen scheint. Im brasilianischen Fußball geht es vor allem um Gespür und Improvisation, dennoch schaut man dort sehnsüchtig auf die Defensivorganisation der Italiener. Italienischer Fußball wiederum ist Anti-Fußball und lebt von taktischer Intelligenz, gleichzeitig bewundert und fürchtet man aber den körperlichen Einsatz der Engländer. Beim englischen Fußball spielen Zähigkeit und Kampfkraft eine große Rolle, trotzdem glaubt man, die technischen Fähigkeiten der Brasilianer imitieren zu müssen.
Die Geschichte der Fußballtaktik scheint die Geschichte zweier miteinander verbundener Spannungsfelder zu sein, nämlich Ästhetik vs. Ergebnisse auf der einen und Technik vs. Physis auf der anderen Seite. Verwirrend ist dabei, dass diejenigen, die in einer von Technik geprägten Kultur aufgewachsen sind, tendenziell eher einen körperbetonten Ansatz als zielführend ansehen, während die Mitglieder einer körperbetonten Kultur die Technik für erfolgversprechender halten.
Schönheit liegt dabei vor allem im Auge des Betrachters. Es mag sein, dass die britischen Fans ein ausgeklügeltes Duell wie im Champions-League-Finale 2003 zwischen dem AC Mailand und Juventus Turin bewundern – obwohl es den meisten offenbar nicht so ging. Eigentlich aber wollen sie lieber den Hau-drauf-Fußball der Premier League sehen. Natürlich stimmt das so nicht ganz, da der Fußball in der Premier League mittlerweile viel raffinierter ist als noch vor zehn Jahren. Er ist jedoch nach wie vor schneller und weniger von Ballbesitz geprägt als in jeder anderen großen Liga. Den Summen für die Fernsehübertragungsrechte im Ausland nach zu urteilen, glaubt auch der Rest der Welt, dass man in der Premier League die perfekte Mischung gefunden hat.