Czytaj książkę: «Die Forsyte Saga»

Czcionka:

John Galsworthy

Die Forsyte Saga

Aus dem Englischen übersetzt von Luise Wolf und Leon Schalit

Herausgegeben, kommentiert und mit einem Nachwort von Maria Slavtscheva

Reclam

2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

ISBN 978-3-15-961725-1

ISBN der Buchausgabe 978-3-15-030080-0

www.reclam.de

Inhalt

  Stammbaum der Familie Forsyte

  Band 1: Der reiche Mann

  Vorwort

 Der reiche MannErster TeilEmpfang beim alten JolyonDer alte Jolyon geht in die OperDinner bei SwithinBauprojekte für das HausEin Forsyte’scher HaushaltJames auf eigene FaustDes alten Jolyon lässliche SündeBaupläneTante Anns TodZweiter TeilDer Bau des HausesJunes FestSpazierfahrt mit SwithinJames sieht selber nachSoames und Bosinney korrespondierenDer alte Jolyon im ZooEin Nachmittag bei TimothyBall bei RogerDer Abend in RichmondDiagnose eines ForsyteBosinney auf BewährungJune macht einige BesucheVollendung des HausesSoames sitzt auf der TreppeDritter TeilMrs MacAnders AussageNacht im ParkDie Begegnung im Botanischen GartenAuf dem Weg ins InfernoDie VerhandlungSoames überbringt die NachrichtJunes SiegBosinneys EndeIrenes Rückkehr

  Band 2: Nachsommer | In Fesseln

  Nachsommer I II III IV V

 In FesselnErster TeilBei TimothyEin Mann von Welt geht abSoames plant SchritteSohoJames quälen VisionenDer nicht mehr so junge Jolyon zu HauseDer Junge und das MädchenJolyon in der Rolle des BeratersVal erfährt die WahrheitSoames macht ZukunftspläneUnd sucht die Vergangenheit aufAn der Forsyte-BörseJolyon merkt, wie es um ihn stehtSoames entdeckt, was er willZweiter TeilDie dritte GenerationSoames versucht es noch einmalBesuch bei IreneDie Wege, die Forsytes scheuenJolly als RichterJolyon schwanktDartie contra DartieDie HerausforderungDinner bei JamesTod des Hundes BalthasarTimothy erhebt EinspruchFortsetzung der Jagd»Da bin ich wieder!«Eine seltsame NachtDritter TeilSoames in ParisIm SpinnennetzRichmond ParkÜber den FlussSoames handeltEin SommertagEine SommernachtJames in ErwartungAus dem Spinnennetz herausEnde einer EpocheNeue InteressenGeburt eines Forsyte-KindesJames erfährt esSeins

  Band 3: Erwachen | Zu vermieten

  Erwachen

 Zu vermietenErster TeilBegegnungFine Fleur ForsyteIn Robin HillDas MausoleumDie HeimaterdeJonFleurIdyll im GrasGoyaTrioDuettCapriceZweiter TeilMutter und SohnVäter und TöchterZusammentreffenIn der Green StreetRein Forsyte’sche AngelegenheitenSoames’ PrivatlebenJunes HilfeStörrischÖl ins FeuerEntscheidungTimothys ProphezeiungDritter TeilDer alte Jolyon geht umherBekenntnisIrene!Soames sinniertDie fixe IdeeVerzweiflungBotschaftDie wehmütige MelodieUnter der EicheFleurs HochzeitDer Letzte der alten Forsytes

  Anhang Zu dieser Ausgabe Im Namen des Romans Zeittafel


Den Stammbaum können Sie hier als PDF herunterladen: https://www.reclam.de/data/media/030080_Galsworthy_Die_Forsyte_Saga_Einlegeblatt.pdf

Band 1: Der reiche Mann


Impressum

Englischer Originaltitel: The Forsyte Saga. Vol. I: The Man of Property

2021 Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Covergestaltung: Anja Grimm Gestaltung

Coverabbildung: Porträtgemälde von Herbert James Gunn, 1944 – © Artiz / Alamy Stock Photo; Landschaftsgemälde von William Green, um 1800 – © British Library Board. All Rights Reserved / Bridgeman Images

Bildnachweis: YANUSHEVSKAYA VICTORIA / shutterstock; © Christos Georghiou / shutterstock

Gesamtherstellung: Philipp Reclam jun. Verlag GmbH, Siemensstraße 32, 71254 Ditzingen

Made in Germany 2021

RECLAM ist eine eingetragene Marke der Philipp Reclam jun. GmbH & Co. KG, Stuttgart

Für meine Frau.

Ihr widme ich die gesamte »Forsyte Saga«, im Glauben, dass dies das am wenigsten unwürdige aller meiner Werke ist – ohne ihre Ermutigung, Zuneigung und Kritik wäre ich nicht einmal der Schriftsteller geworden, der ich bin.


Vorwort

Der Titel Die Forsyte Saga war ursprünglich für den Teil bestimmt, der Der reiche Mann genannt ist, und der Entschluss, ihn für die gesamten Chroniken der Familie Forsyte zu gebrauchen, ist der Forsyte’schen Hartnäckigkeit zuzuschreiben, die uns allen innewohnt. Gegen das Wort ›Saga‹ wäre vielleicht einzuwenden, dass es das Heroische in sich schließt und auf diesen Seiten wenig von Heroismus zu finden ist. Aber es ist mit wohlüberlegter Ironie gewählt, und schließlich fehlt es dieser langen Geschichte, wenn es sich auch um Leute in Gehröcken, um Plisseekleider und eine goldverbrämte Periode handelt, doch nicht an starken Konflikten. Abgesehen von der gigantischen Gestalt und dem Blutdurst vergangener Zeiten, wie sie uns in Märchen und Legenden überliefert sind, waren die Menschen der alten Sagas doch auch Forsytes in ihrem Streben nach Eigentum und ebenso wenig gefeit gegen den Einfall von Schönheit und Leidenschaft wie Swithin, Soames und gar der junge Jolyon. Und wenn heroische Gestalten in nie gewesenen Tagen aus ihrer Umgebung in einer Art hervorzuragen scheinen, wie sie sich für einen Forsyte aus dem viktorianischen Zeitalter nicht wohl schickt, so ist doch als sicher anzunehmen, dass das Stammgefühl selbst damals die vorherrschende Macht war und »Familie« und der Sinn für Heim und Eigentum, trotz aller späteren Bemühungen, es »abzustreiten«, ausschlaggebend waren, wie es bis auf den heutigen Tag der Fall ist.

Es haben so viele geschrieben und behauptet, in ihren Familien die Originale der Forsytes zu sehen, dass man sich fast ermutigt fühlt, an das Typische dieser Spezies zu glauben. Sitten ändern sich und Moden entwickeln sich weiter, und »das Haus Timothys in Bayswater Road« wird zu einem Nest des Unwahrscheinlichen, in allem abgesehen von dem Wesentlichen; wir werden seinesgleichen nicht mehr wiedersehen, vielleicht auch nicht einen wie James oder einen wie den alten Jolyon. Und doch liefern uns die Zahlen der Versicherungsgesellschaften und die Aussprüche von Richtern täglich den Beweis, dass unser irdisches Paradies, in das die wilden Eindringlinge Schönheit und Leidenschaft sich einschleichen und uns die Sicherheit vor der Nase wegstehlen, noch reiche Schätze birgt. So sicher ein Hund bellen wird, wenn man ihn an die Kette legt, so wird sich der wahre Soames in der menschlichen Natur immer unwillig gegen die Auflösung auflehnen, die die Grenzen des Eigentums umlauert.

»Lass die tote Vergangenheit ihre Toten begraben«1 wäre ein besserer Ausspruch, wenn die Vergangenheit jemals stürbe. Das Fortbestehen der Vergangenheit ist eine jener tragikomischen Segnungen, die jedes neue Zeitalter leugnet, das ganz sicher aber wieder auf dem Schauplatze erscheint, um seinen Anspruch auf etwas vollkommen Neues geltend zu machen. Allein kein Zeitalter ist so vollkommen neu! Die menschliche Natur ist und wird unter den wechselnden Forderungen und Kleidern immer viel von einem Forsyte haben und könnte schließlich ein noch viel schlimmeres Tier sein.

Blicken wir auf das viktorianische Zeitalter zurück, dessen Höhepunkt, Niedergang und Verfall gewissermaßen in der Forsyte Saga geschildert werden, so sehen wir jetzt, dass wir nur vom Regen in die Traufe gekommen sind. Es würde schwierig sein, die Behauptung zu untermauern, dass die Zustände Englands im Jahre 1913 besser waren als 1886, als sich die Forsytes beim alten Jolyon versammelt hatten, um die Verlobung Junes mit Philip Bosinney zu feiern. Und im Jahre 1920, als sich die Familie abermals versammelte, um der Hochzeit Fleurs und Michael Monts beizuwohnen, ist England sicher zu morsch und bankrott, wie es in den achtziger Jahren zu starr war und zu niedrige Prozente gab. Wären diese Chroniken wirklich wissenschaftliche Studien des Übergangs, so hätten wahrscheinlich solche Faktoren wie die Erfindung des Fahrrads, der Automobile und Flugzeuge, der Beginn einer billigen Presse, der Verfall des Landlebens, die Vergrößerung der Städte und die Entstehung des Kinos in Betracht gezogen werden müssen. Menschen sind in der Tat völlig unfähig, ihre eigenen Erfindungen zu kontrollieren, sie entwickeln bestenfalls eine Anpassungsfähigkeit an die neuen Bedingungen, die diese Erfindungen schaffen.

Aber diese lange Geschichte ist keine wissenschaftliche Epochenstudie, sie soll eher die Verwirrung versinnbildlichen, die Schönheit im Leben der Menschen anrichtet.

Die Figur Irenes, die man sich, wie die Leser wahrscheinlich bemerkt haben werden, fast nur durch die Empfindungen anderer vergegenwärtigen kann, ist eine Verkörperung verwirrender Schönheit, die auf eine besitzergreifende Welt einwirkt.

Leser, welche die Salzwasser der Saga durchwatet haben, werden geneigt sein, Soames mehr und mehr zu bemitleiden und zu glauben, sich dadurch gegen die Gesinnung seines Erschaffers aufzulehnen. Weit gefehlt! Auch er bemitleidet Soames, dessen Lebenstragödie die sehr einfache, unkontrollierbare Tragödie eines ungeliebten Menschen ist, dessen Fell nicht dick genug ist, um sich dieser Tatsache vollkommen unbewusst zu sein. Selbst Fleur liebt Soames nicht, wie er fühlt, geliebt werden zu müssen. Aber indem sie Soames bemitleiden, stehen die Leser Irene vielleicht feindselig gegenüber. Sie denken, er ist schließlich doch kein schlechter Mensch, es ist nicht seine Schuld, sie hätte ihm verzeihen müssen, und so weiter! Und bei dieser Parteinahme geht ihnen die Vorstellung der sehr einfachen Wahrheit verloren, die der ganzen Geschichte zugrunde liegt, dass nämlich, wo bei einem der Beteiligten sexuelle Anziehungskraft vollständig fehlt, kein Aufwand von Mitleid, Vernunft oder Pflicht einen Abscheu überwinden kann, der in seiner Natur begründet ist. Ob es so sein soll oder nicht, kommt hier nicht in Frage, weil es in der Tat niemals in Frage kommt. Und wo Irene hart und grausam erscheint – wie im Bois de Boulogne oder in der Goupenor Galerie –, ist sie allein weise realistisch, da sie weiß, dass das kleinste Zugeständnis zu unberechenbaren, abstoßenden Folgen führen kann.

Beim Kritisieren der letzten Phase der Saga könnte man beklagen, dass Irene und Jolyon – diese Rebellen gegen den Besitz – ihren Sohn Jon als geistiges Eigentum beanspruchen. Doch das wäre wahrlich eine übertriebene Kritik der Geschichte, wie sie erzählt ist. Denn kein Vater und keine Mutter hätte dem Jungen gestatten können, Fleur zu heiraten, ohne die Tatsachen zu kennen, und die Tatsachen bestimmen Jon, nicht die Überzeugung seiner Eltern. Überdies äußert Jolyon seine Ansicht nicht um seinet-, sondern um Irenes willen, und Irenes Ansicht äußert sich wiederholt in den Worten: »Denke nicht an mich, denke an dich selbst!« Dass Jon, der die Tatsachen kennt, die Gefühle seiner Mutter begreift, kann rechtmäßig kaum als Beweis dafür gelten, dass sie schließlich doch eine Forsyte ist.

Aber obgleich die Einwirkung der Schönheit und des Freiheitsdranges auf eine besitzergreifende Welt die zentralen Vorbedingungen der Forsyte Saga sind, kann sie nicht von der Aufgabe freigesprochen werden, die obere Mittelschicht einzubalsamieren. Wie die alten Ägypter ihre Mumien mit den notwendigen Dingen eines künftigen Daseins umgaben, so habe ich mich bemüht, den Gestalten von Tante Ann, Juley und Hester, von Timothy und Swithin, dem alten Jolyon, James und ihren Söhnen das beizugeben, was ihnen dereinst ein wenig Leben bewahren soll, ein wenig Balsam zur Erhaltung im gehetzten Gilead2 eines zersetzenden »Fortschritts«.

Wenn die obere Mittelschicht mit anderen Schichten dazu bestimmt ist, in Amorphie »überzugehen«, so liegt sie hier, auf diesen Seiten, konserviert unter Glas zur Schau für alle, die in dem weiten und schlecht angelegten Museum der Literatur umherstreifen. Hier ruht sie in ihrem eigenen Saft: dem Streben nach Eigentum.

John Galsworthy

1922

Erstes Buch

Der reiche Mann

»… Ihr antwortet:

Die Sklaven sind ja unser …«

Der Kaufmann von Venedig

Für Edward Garnett3



Stanhope Gate

Erster Teil

Erstes Kapitel

Empfang beim alten Jolyon

Jene Privilegierten, die einem Familienfeste der Forsytes beigewohnt haben, kennen dieses reizende und aufschlussreiche Bild – eine Familie der oberen Mittelschicht in voller Pracht. Besaß einer dieser Begünstigten aber die Gabe psychologischer Analyse (ein Talent ohne Geldwert und von den Forsytes angemessen ignoriert), so konnte er Zeuge eines Schauspiels sein, das nicht nur an sich ergötzlich war, sondern auch zur Illustration eines dunklen menschlichen Problems diente. Mit anderen Worten: Die Versammlung dieser Familie, in der kein Zweig Zuneigung für den anderen empfand und keine drei Mitglieder ein Gefühl verband, das die Bezeichnung Sympathie verdiente, bestätigte ihm jene rätselhafte eiserne Beharrlichkeit, die aus der Familie eine solch eindrucksvolle Einheit in der Gesellschaft, ein solch treues Abbild der Gesellschaft im Kleinen macht. Es zeigte sich ihm ein flüchtiger Schimmer der dunklen Pfade sozialen Fortschritts, er erhielt einen Begriff von patriarchalischem Leben, vom Nomadenleben wilder Stämme, von der Blüte und dem Verfall der Nationen. Man könnte ihn mit dem vergleichen, der das Wachstum eines Baumes – ein Vorbild für Beharrlichkeit und Gedeihen auf seinem isolierten Standpunkt inmitten hundert anderer absterbender Pflanzen, die weniger Fasern, Saft und Widerstandsfähigkeit haben – von Anfang an beobachtet hat und ihn eines Tages im vollen Schmuck seines zarten Laubes, in fast verblüffender Üppigkeit, auf der Höhe seiner Entfaltung vor sich sieht.

Am 15. Juni 1886 gegen vier Uhr nachmittags hätte sich ein zufälliger Beobachter unter den Gästen im Hause des alten Jolyon in Stanhope Gate von der höchsten Blütezeit der Forsytes überzeugen können.

Der Anlass des Empfanges war die Verlobung von Miss June Forsyte, der Enkelin des alten Jolyon, mit Mr Philip Bosinney. Im Festschmuck ihrer hellen Handschuhe, gelbbraunen Westen, Federn und Kleider war die ganze Familie anwesend – selbst Tante Ann, die nur noch selten die Ecke im grünen Salon ihres Bruders Timothy verließ, wo sie im Schutze eines Büschels gefärbter Pampasgräser in einer hellblauen Vase, von den Bildern dreier Generationen der Forsytes umgeben, den ganzen Tag lesend und strickend saß. Selbst Tante Ann war da; mit ihrem steifen Rücken und der stillen Würde ihres alten Gesichts ein Bild starren Festhaltens an der Familienidee.

Wenn ein Forsyte sich verlobte, heiratete oder geboren wurde, waren die Forsytes dabei; wenn ein Forsyte starb – aber bis jetzt war noch kein Forsyte gestorben; sie starben nicht, der Tod widersprach ihren Grundsätzen, und sie trafen Vorsichtsmaßnahmen dagegen, ganz instinktiv, wie Menschen von hoher Lebenskraft, die keine Eingriffe in ihr Eigentum dulden.

Der Erscheinung der Forsytes, die sich heute unter die Schar der Gäste mischten, war eine größere Sorgfalt als sonst anzumerken, eine wachsame, inquisitorische Sicherheit, eine gediegene Solidität, als wären sie darauf gefasst, sich gegen etwas zu wehren. Der schnüffelnde Zug, der dem Gesicht von Soames Forsyte eigen war, hatte sich in ihren Reihen verbreitet; sie waren auf der Hut.

Die unterbewusste Feindseligkeit ihrer Haltung stempelte den Empfang im Hause des alten Jolyon zum psychologischen Moment der Familiengeschichte, machte ihn zum Auftakt ihres Dramas.

Etwas verstimmte die Forsytes, nicht persönlich, aber als Familie; diese Verstimmung äußerte sich in einer mehr als sorgfältig gewählten Kleidung, einem Übermaß von Familienherzlichkeit, einer übertriebenen Betonung der Familienwürde – und in jenem ›Schnüffeln‹. Was die Forsytes witterten, war Gefahr – und eine solche war kaum zu vermeiden, wenn man den Grundeigenschaften einer Gesellschaft, einer Gruppe oder eines Individuums auf die Spur kommen wollte; die Vorahnung einer Gefahr verlieh ihren Waffen Glanz. Zum ersten Mal schienen sie als Familie das instinktive Gefühl zu haben, mit einer unbekannten und unsicheren Sache in Berührung zu kommen.

Dem Klavier gegenüber stand ein beleibter, stattlicher Mann mit zwei Westen über der breiten Brust, mit zwei Westen und einer Rubinnadel anstatt der einfachen Satinweste und der Diamantnadel für gewöhnlichere Anlässe; sein glattrasiertes, quadratisches altes Gesicht, von der Farbe blassen Leders und mit blassen Augen, trug seine würdevollste Miene über dem Satinkragen. Das war Swithin Forsyte. Dicht am Fenster, wo er mehr als genug frische Luft bekam, grübelte sein Zwillingsbruder James, vornüber geneigt wie immer, über die Szene nach. Wie der beleibte Swithin war er über sechs Fuß groß, aber sehr hager, als sei er von Geburt an dazu bestimmt, das Gleichgewicht herzustellen und den Durchschnitt aufrecht zu erhalten – den Dicken und den Dünnen nannte der alte Jolyon die beiden Brüder. James’ graue Augen hatten einen Ausdruck völliger Vertieftheit in irgendeine geheime Sorge, die nur zuweilen durch einen raschen prüfenden Blick auf die Vorgänge um ihn her unterbrochen wurde; seine Wangen, die zwei gleichlaufende Falten schmal erscheinen ließen, und die glattrasierte lange Oberlippe waren von mächtigen Koteletten à la Dundreary4 umrahmt. In den Händen drehte er einen Porzellangegenstand hin und her. Nicht weit davon, neben einer Dame in Braun, der er zuhörte, sah man blass und glattrasiert, mit dunklem Haar, aber ziemlich kahl, das Kinn seitwärts vorgeschoben, seinen einzigen Sohn Soames, der die Nase mit dem besagten ›Schnüffeln‹ hob, als verschmähe er ein Ei, das für ihn unverdaulich war. Hinter ihm stand sein Cousin, der lange George, ein Sohn Rogers, des fünften Forsyte, in Gedanken über einen seiner boshaften Späße mit einem quilphaften5 Ausdruck auf seinem fleischigen Gesicht.

Auf allen lastete ein Druck, der dem festlichen Ereignis innewohnte.

In einer Reihe, dicht nebeneinander, saßen drei Damen – die Tanten Ann, Hester (die beiden alten Jungfern der Familie Forsyte) und Juley (kurz für Julia), die sich, und nicht einmal in ihrer ersten Jugend, vergessen und Septimus Small, einen Mann von schwächlicher Konstitution, geheiratet hatte. Sie hatte ihn um viele Jahre überlebt und wohnte jetzt mit ihrer älteren und jüngeren Schwester im Hause ihres sechsten und jüngsten Bruders Timothy in Bayswater Road. Jede dieser Damen hielt einen Fächer in der Hand und betonte durch eine Farbennote, durch eine effektvolle Feder oder Brosche den feierlichen Anlass.

Mitten im Raum, unter dem Kronleuchter, stand, wie es sich für einen Gastgeber gebührt, das Haupt der Familie, der alte Jolyon selbst. Mit seinen achtzig Jahren, dem schönen weißen Haar, der hohen Stirn, den kleinen dunkelgrauen Augen und dem mächtigen, herabhängenden Schnurrbart, der sich über seinen starken Kiefer breitete, glich er einem Patriarchen, und trotz der hageren Wangen und eingefallenen Schläfen schien er über eine unversiegbare Jugendkraft zu verfügen. Er hielt sich außerordentlich aufrecht, seine scharfen ruhigen Augen hatten nichts von ihrem klaren Glanz verloren. So erweckte er den Eindruck der Überlegenheit über die Zweifel und Abneigungen unbedeutenderer Menschen. Nachdem es unzählige Jahre lang nach ihm gegangen war, hatte er ein unbestrittenes Recht darauf erworben. Ihm wäre es niemals in den Sinn gekommen, Bedenken oder Misstrauen zu hegen.

Zwischen ihm und den vier anderen Brüdern, James, Swithin, Nicholas und Roger, die sich alle eingefunden hatten, herrschte große Verschiedenheit und große Ähnlichkeit. Jeder einzelne dieser Brüder war sehr verschieden von den anderen, und doch glichen sie sich alle.

Bei aller Abweichung in Zügen und Ausdruck dieser fünf Gesichter fiel einem eine gewisse Festigkeit des Kinns auf; dies konnte trotz äußerlicher Unterschiede als ein Merkmal ihrer Abstammung – das wahre Kennzeichen und Gewähr für den Familienwohlstand – gelten, aber es bestand zu lange, es stammte aus zu ferner Vorzeit, um zurückverfolgt und untersucht zu werden.

Bei der jüngeren Generation, dem großen stierähnlichen George, dem bleichen kraftvollen Archibald, dem jungen Nicholas mit seinem liebenswürdig schüchternen Eigensinn und dem ernsten, in seiner Entschiedenheit fast albernen Eustace, bemerkte man, weniger ausgesprochen vielleicht, aber unverkennbar, dasselbe Merkmal – ein unausrottbares Zeichen der Familienseele.

Auf allen diesen unterschiedlichen und doch so ähnlichen Gesichtern hatte sich im Laufe des Nachmittags mitunter ein Ausdruck des Argwohns gezeigt, dessen Gegenstand offenbar der Mann war, den kennen zu lernen sie sich hier versammelt hatten.

Sie wussten, dass Philip Bosinney ein junger Mann ohne Vermögen war, aber Forsyte’sche Mädchen hatten sich auch früher mit solchen verlobt und sie dann auch wirklich geheiratet. Dies also war nicht eigentlich der Grund ihrer Besorgnis. Sie hätten den Ursprung dieser durch den Nebel des Familienklatsches verdunkelten Befürchtung nicht erklären können. Jedenfalls ging das Gerücht umher, er habe seinen Pflichtbesuch bei den Tanten Ann, Juley und Hester in einem weichen grauen Hut gemacht! – in einem weichen grauen Hut! und nicht einmal in einem neuen – in einem verstaubten, formlosen Ding. »So außerordentlich, meine Liebe, so merkwürdig!« Als Tante Hester durch den kleinen dunklen Flur ging, hatte sie versucht (sie war ziemlich kurzsichtig), das Ding vom Stuhl zu scheuchen, da sie es für eine gemeine fremde Katze hielt – ihr Tommy hatte so kompromittierende Freunde! Sie war ganz verstört, als es sich nicht rührte.

Wie ein Künstler beständig die bedeutsame Kleinigkeit zu entdecken sucht, in der der ganze Charakter einer Szene, eines Ortes oder eines Individuums zum Ausdruck kommt, waren die Forsytes, diese unbewussten Künstler, ganz intuitiv an diesem Hute haften geblieben. Das war für sie die bedeutsame Kleinigkeit, der kleine Nebenumstand, der die Bedeutung der ganzen Sache in sich fasst; denn jeder hatte sich gefragt: ›Hätte ich diesen Besuch in solch einem Hut gemacht?‹, und jeder hatte erwidert: ›Nein!‹, und einige mit mehr Phantasie hatten hinzugefügt: ›So etwas wäre mir nie in den Sinn gekommen!‹

Als George die Geschichte hörte, grinste er. Mit dem Hut hatte sich der junge Mann offenbar einen Scherz erlaubt! Er selbst verstand sich auf dergleichen.

»Sehr kühn!«, sagte er. »Dieser wilde Bukanier6!«

Und dieses mot, ›der Bukanier‹, ging von Mund zu Mund, bis es die Lieblingsform wurde, um auf Bosinney anzuspielen.

Die Tanten machten June später Vorwürfe wegen des Hutes.

»Wir finden, du solltest das nicht zulassen, Liebes!«, hatten sie gesagt.

Auf ihre herrisch lebhafte Art, in der sich die ganze Willenskraft des kleinen Geschöpfes offenbarte, hatte June geantwortet:

»Ach, was schadet das? Phil weiß nie, was er anhat.«

Niemand hätte eine so verwegene Antwort für möglich gehalten. Ein Mann, der nicht weiß, was er anhat? Unglaublich!

Wer war denn eigentlich dieser junge Mensch, der durch seine Verlobung mit June, der anerkannten Erbin des alten Jolyon, so gut für sich gesorgt hatte? Er war Architekt, das war an sich doch kein ausreichender Grund, einen solchen Hut zu tragen. Keiner der Forsytes war Architekt, aber einer von ihnen kannte zwei Architekten, die zu einem Pflichtbesuch in der Londoner Season niemals solch einen Hut getragen hätten. Gefährlich – sehr gefährlich!

June natürlich fand gar nichts darin, aber sie stand auch, trotz ihrer neunzehn Jahre, in einem besonderen Ruf. Hatte sie nicht zu Mrs Soames – die immer so wundervoll angezogen war – gesagt, Federn wären ordinär? Und Soames’ Frau hatte seitdem wirklich keine Federn mehr getragen, so schrecklich direkt war die liebe June.

Diese Besorgnisse, diese Missbilligung und dieses durchaus echte Misstrauen hinderten die Forsytes jedoch nicht daran, sich auf die Einladung des alten Jolyon hin in seinem Haus einzufinden. Ein Empfang in Stanhope Gate war eine große Seltenheit, seit dem Tode seiner Frau vor zwölf Jahren hatte er keinen mehr gegeben.

Noch nie hatte sich dort eine so zahlreiche Gesellschaft versammelt, denn trotz aller Verschiedenheit auf mysteriöse Art und Weise miteinander verbunden, hatten sie sich gegen eine gemeinsame Gefahr gewappnet. Wie eine Herde, wenn ein Hund ins Feld läuft, standen sie Kopf an Kopf und Schulter an Schulter, bereit, den Eindringling niederzurennen und totzutrampeln. Offenbar waren sie auch gekommen, um herauszufinden, was für Geschenke wohl von ihnen erwartet wurden. Regelten sie die Frage der Hochzeitsgeschenke auch gewöhnlich wie folgt: »Was schenkst du? Nicholas schenkt Löffel!«, so kam es doch sehr auf den Bräutigam an. War er gewandt, geschniegelt und von wohlhabendem Aussehen, so hielten sie es für geboten, ihm auch hübsche Geschenke zu machen, das durfte er von ihnen erwarten. Zuletzt gab jeder freilich genau das, was durch eine Art von Familienübereinkommen als passend und schicklich festgesetzt wurde, wie die Preise auf der Börse festgesetzt werden, wobei die genauen Einzelheiten in Timothys behaglichem, am Park gelegenen Haus aus roten Ziegeln näher bestimmt wurden, wo die Tanten Ann, Juley und Hester wohnten.

Die Unruhe der Familie Forsyte war durch die einfache Erwähnung des Hutes gerechtfertigt. Hätte nicht jede Familie der großartigen oberen Mittelschicht, die den ihr gebührenden äußeren Anstand zu wahren wusste, es für unmöglich und unrecht gehalten, sich hier nicht beunruhigt zu fühlen!

Der Urheber dieser Unruhe stand im Gespräch mit June an der nächsten Tür. Sein lockiges Haar war zerzaust, und er sah aus, als fände er alles ungewöhnlich, was um ihn herum vor sich ging. Seine Miene verriet auch, dass er seinen Spaß daran hatte.

George, der sich halblaut mit seinem Bruder Eustace unterhielt, sagte:

»Er sieht aus, als wolle er sich aus dem Staube machen – der flotte Bukanier!«

Dieser ›sehr sonderbar aussehende Mann‹, wie Mrs Small ihn hernach nannte, war mittelgroß und kräftig gebaut, er hatte ein bleiches, braunes Gesicht, einen staubfarbenen Schnurrbart, sehr prominente Backenknochen und hohle Wangen. Seine Stirn stieg bis zum Wirbel des Kopfes hinauf und trat über den Augen in Höckern hervor, wie man es an Löwenstirnen im Zoo sehen konnte. Er hatte Augen von der Farbe des Sherry, mit einem zuweilen beunruhigend zerstreuten Blick. Nachdem der Kutscher des alten Jolyon June und Bosinney ins Theater gefahren hatte, hatte er zum Butler gesagt:

»Aus dem wer’ ich nich’ klug. Mir kommt er wahrhaftig vor wie ’n ›halbgezähmter Leopard‹!«

Und hin und wieder tauchte ein Forsyte in der Nähe auf, schlich vorbei und warf einen Blick auf ihn.

June, das winzige Ding, ›ganz Haar und Geist‹, wie jemand einmal gesagt hatte, mit furchtlosen blauen Augen, festem Kiefer und frischer Farbe, stand vor ihm und wehrte diese müßige Neugierde ab; Gesicht und Körper waren fast zu zart für ihre Krone rotgoldenen Haares.

Eine große Frau mit schöner Figur, ein Familienmitglied hatte sie einmal mit einer heidnischen Göttin verglichen, beobachtete die zwei mit einem schattenhaften Lächeln.

Sie hielt ihre Hände in perlgrauen Handschuhen gekreuzt, das ernste schöne Gesicht zur Seite gewandt, und die Blicke aller Männer in der Nähe ruhten darauf. Ihre geschmeidige Gestalt wiegte sich, wie vom bloßen Lufthauch bewegt. Es war Wärme in ihren Wangen, aber wenig Farbe; ihre großen dunklen Augen blickten sanft. Aber die Männer schauten auf ihre Lippen, wenn sie mit jenem schattenhaften Lächeln eine Frage stellte oder eine Antwort gab. Es waren sensitive Lippen, süß und sinnlich, und wie von einer Blume schien Wärme und Duft von ihnen auszuströmen.

Von den Verlobten waren die passive Göttin und ihr forschender Blick bis jetzt unbemerkt geblieben. Bosinney entdeckte sie zuerst und fragte nach ihrem Namen.

June führte ihren Geliebten zu der Frau mit der schönen Figur.

»Irene ist meine allerbeste Freundin«, sagte sie. »Und ihr beide müsst auch gute Freunde werden.«

Alle drei lächelten bei dem Gebot der kleinen Dame, und während sie noch lächelnd dastanden, tauchte Soames Forsyte geräuschlos hinter der Frau mit der schönen Figur auf, die seine Frau war, und sagte: »Ah! Bitte, stelle mich doch auch vor!«

Er entfernte sich bei öffentlichen Gelegenheiten nur selten von Irenes Seite, und wenn sie von den Erfordernissen des gesellschaftlichen Verkehrs einmal getrennt wurden, konnte man sehen, wie seine Augen ihr mit einem seltsamen Ausdruck von Wachsamkeit und Verlangen folgten.

Am Fenster untersuchte James, sein Vater, noch immer den Fabrikstempel auf dem Porzellan.

»Ich wundere mich, dass Jolyon diese Verlobung erlaubt«, sagte er zu Tante Ann. »Wie ich höre, haben sie auf Jahre hinaus keine Aussicht zu heiraten. Dieser junge Bosinney« (im Gegensatz zu der üblichen Anwendung eines kurzen o machte er einen Daktylus aus dem Wort) »besitzt nichts. Als Winifred damals Dartie heiratete, sorgte ich dafür, dass er jeden Penny sicher anlegte – ein wahres Glück übrigens – sonst hätten sie jetzt nichts mehr!«

Tante Ann blickte von ihrem Samtsessel auf. Graue Locken rahmten ihre Stirn ein, Locken, die, seit Jahrzehnten unverändert, allen Sinn für Zeit in der Familie ausgelöscht hatten. Sie erwiderte nichts, denn sie sprach selten und schonte ihre alte Stimme, aber für James, der kein ganz ruhiges Gewissen hatte, war ihr Blick so gut wie eine Antwort.

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Data wydania na Litres:
18 marca 2025
Objętość:
1321 str. 19 ilustracji
ISBN:
9783159617251
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Bookwire
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