Czytaj książkę: «National Geographic Bildband: Vogelreich. 300 berührende Fotografien vom Aussterben bedrohter Vögel.»

Czcionka:

VOGELREICH
HOMMAGE AN DIE VIELFALT


Stanleysittich (Platycercus icterotis), nicht gefährdet

VOGELREICH
HOMMAGE AN DIE VIELFALT
FOTOGRAFIEN / JOEL SARTORE
TEXT / NOAH STRYCKER




INHALT

VORWORT / JOEL SARTORE

EINFÜHRUNG / NOAH STRYCKER

1 / EIN VOGEL – WAS IST DAS?

2 / ERSTE EINDRÜCKE

3 / IM FLUG

4 / NAHRUNG

5 / DIE NÄCHSTE GENERATION

6 / DAS VOGELHIRN

7 / DIE ZUKUNFT

ÜBER DIE AUTOREN

DANK

ÜBER DAS PROJEKT

WIE DIE FOTOS ENTSTEHEN

DIE VÖGEL DER KAPITELAUFMACHER

REGISTER DER VÖGEL


OBERE REIHE (V. L. N. R.): Dreifarben-Papageiamadine (Erythrura trichroa), nicht gefährdet; Ringelastrild (Taeniopygia bichenovii), nicht gefährdet; Zeresamadine (Neochmia modesta), nicht gefährdet; Braunbrustnonne (Lonchura castaneothorax), nicht gefährdet; Maskenamadine (Poephila personata), nicht gefährdet; mittlere reihe (v. l. n. r.): Zeresamadine (Neochmia modesta), nicht gefährdet; Gemalte Amadine (Emblema pictum), nicht gefährdet; Dornastrild (Neochmia temporalis), nicht gefährdet; Binsenastrild (Neochmia ruficauda), nicht gefährdet; UNTERE REIHE: Gouldamadine (Erythrura gouldiae), potenziell gefährdet


Weißbauch-Zwergfischer

(Corythornis leucogaster leucogaster), nicht gefährdet

EINEM AUSSERGEWÖHNLICHEN TEAM

ENGAGIERTER SEELEN GEWIDMET:

REBECCA WRIGHT, JESSIE GRAY, KERI HESS,

KRISTA SMITH UND ALANNA JOHNSON.

VON EINEM KLEINEN BÜRO

IN DEN PLAINS VON NEBRASKA AUS

HABEN SIE DIE WELT BEFLÜGELT.

–J.S.

VORWORT / JOEL SARTORE

Die Vögel in diesem Buch gehören zu den erstaunlichsten Kreaturen, die mir je begegnet sind. Vor dem schwarzen oder weißen Hintergrund werden ihre wahren Farben und Körperformen rasch offensichtlich. Sie alle sind ungeheuer komplex und haben sich im Laufe der Zeit bis zur Vollkommenheit weiterentwickelt. Der Flügel des Honigfressers auf der folgenden Seite ist mit nicht einer Feder zu viel ausgestattet, ebenso wenig wie der Schwanz eines Fasans zu wenige Federn besitzt.

Und dennoch: Nachdem ich jahrelang über den Kasuar, den Kakadu und die Krontaube gestaunt habe, sind es die Vögel in meinem eigenen Garten, die mir am meisten ans Herz gewachsen sind.

Jedes Jahr im März stehe ich vor meinem Haus in Nebraska, das am Central Flyway, einer wichtigen Vogelzugroute, liegt, und hoffe auf einen kräftigen Südwind. Ich habe mich den ganzen Winter lang auf die Vögel gefreut. Und da sind sie, wie bunte Kometen stürzen sie sich vom Himmel auf die Gehölze, Wiesen, Weiden und Vororte Nebraskas herab. Unsere Futterstationen sind aufgefüllt und bereit, sie bieten Treibstoff für die bevorstehende Arbeit: den Nestbau, das Legen der Eier, das Bebrüten, das Flüggewerden, Angriff und Verteidigung. Und dann sind sie nach nur wenigen Wochen wieder weg.

Aber zum Glück nicht alle, manche Vögel bleiben den Sommer über. Distelfinken, auch als Stieglitze bekannt, Rotkehlchen und Rotkopfspechte. Kleiber und Goldspechte. Und es besteht sogar die Chance, dass die Vögel in meinem Lieblingswald keine Neulinge sind. Mitunter sind sie alte Freunde aus dem Vorjahr oder dem Jahr davor.

Das Erstaunlichste an diesem Schauspiel ist, dass viele der Vögel direkt von einem anderen Kontinent herübergeflogen sind.

Haben Sie sich je gefragt, wie sie das schaffen?

Im Großen und Ganzen ist uns das noch schleierhaft.

Natürlich wissen wir, dass langlebige Vögel wie Kraniche bestimmte Landmarken auf ihren Zugrouten von ihren Eltern beigebracht bekommen und dass sich andere Arten am Stand der Sonne, an den Sternen oder am Magnetfeld der Erde orientieren. Aber das war’s auch schon. Obwohl wir die Tiere seit Jahrzehnten studieren, ist uns die atemberaubende Präzision des Vogelzugs über unseren Planeten im Grunde immer noch ein Rätsel.

Nehmen wir als Beispiel nur einmal viele der Waldsänger. Biologen vermuten, dass die Vögel eine Himmelskarte im Kopf haben, nach der sie navigieren – und das auch noch in zweifacher Ausfertigung, zeigen sich im Frühling doch andere Sternbilder als im Herbst. Dabei darf auch nicht vergessen werden, dass die Wegbeschreibungen für einen Vogel, der zu einem bestimmten Punkt in Arkansas unterwegs ist, andere sind als für einen, der nach Nebraska will.

Oder die Fahlstirnschwalbe. Am Ende der Brutsaison erhebt sich der gerade einmal acht Wochen alte Vogel in die Luft und fliegt ganz allein zu einem bestimmten Ort in Argentinien, der Tausende von Kilometern entfernt ist.

Die kleinen Raketen, die da in unseren Gärten herumdüsen, wissen mehr, als wir uns je träumen lassen würden.


Blauohr-Honigfresser (Entomyzon cyanotis), nicht gefährdet

In den vergangenen zehn Jahren habe ich es zu meiner Mission gemacht, alle Tiere weltweit zu fotografieren, die sich in menschlicher Obhut befinden – seltene und häufig vorkommende Arten, um die man sich in Zoos kümmert, Arten in Not aus Auffangstationen und quasi ausgestorbene Arten aus der Hand privater Züchter. Zum jetzigen Zeitpunkt habe ich rund 6.500 der geschätzten 13.000 Spezies abgelichtet, die ich insgesamt an Bord der Photo Ark, meiner fotografischen Arche, bringen möchte. Und bei knapp einem Drittel der fotografierten Arten handelt es sich um Vögel. Für sie scheine ich eine Vorliebe zu haben. Vögel haben in meiner Sicht der Natur bereits eine besondere Rolle gespielt, als ich noch klein war. Wie sie da melodisch von irgendeinem hohen, verborgenen Zweig in den Kronen der Bäume sangen und schon wieder weg waren, bevor ich auch nur einen Blick auf sie erhaschen konnte. Sie waren gewissermaßen mein Heiliger Gral – mysteriös und unerreichbar.

Meine Mutter und mein Vater lehrten mich zwar die Vögel schätzen, die um mich herumflatterten, wenn ich mit meinem Rad unterwegs war oder Ball spielte, aber es waren Bücher wie das, das Sie gerade in Händen halten, die mich die geflügelten Wunder erstmals wirklich wahrnehmen ließen. Bei den wunderbaren Farbabbildungen, den verheißungsvollen Namen und den detailliert dargestellten Zugrouten bekamen die Seiten meines Vogelführers für Anfänger bald jede Menge Eselsohren.

In den 1960er-Jahren kaufte meine Mutter mir dann das Time-Life-Buch The Birds. Ganz hinten fand sich eine grobkörnige Schwarz-Weiß-Aufnahme von Martha, der allerletzten Wandertaube. Ihre Art, einst milliardenfach vertreten, war für den Tierhandel bis zu diesem letzten Vogel bejagt worden, der nun einsam in einem Käfig im Zoo von Cincinnati saß.

Dieses Foto ließ mich nicht los. Wieder und wieder sah ich es mir an, ebenso wie die Schwarz-Weiß-Zeichnungen auf den anderen Seiten, die weitere inzwischen ausgestorbene Vögel darstellten: das Heidehuhn, die Labradorente, den Riesenalk und den Karolinasittich. Wie um alles in der Welt kann es geschehen, dass der Mensch einen Vogel absichtlich zum Aussterben verdammt? Darüber kam ich schon als Kind nicht hinweg und komme es auch heute noch nicht.

Weshalb ich mir keine Chance entgehen lasse, eine weitere Vogelart zu fotografieren. Ich möchte den Vögeln eine menschliche Stimme geben und die Welt wissen lassen, wie einzigartig jeder von ihnen ist, damit das Aussterben eines Tages vielleicht selbst der Vergangenheit angehört.

Fotos für die Photo Ark zu machen, ist mir die größte Ehre im Leben – aber auch eine große Verantwortung. Viele Vogelarten werden dabei das erste und einzige Mal gut dokumentiert; die Photo Ark ist ihre einzige Chance, der Welt ihre Geschichte zu erzählen. Und dabei lässt uns das Buch erst erahnen, welch erstaunliche Vogelvielfalt es auf Erden gibt.

Ob es diese Arten in die Zukunft schaffen, hängt von jedem Einzelnen von uns ab und beginnt mit etwas so Simplem wie der Photo Ark, die zahlreichen Menschen die Gelegenheit gibt, Tausende atemberaubender Spezies zu betrachten – eine Gelegenheit, die sie sonst nicht haben. Wir können die Tiere nicht retten, wenn wir nicht wissen, dass sie existieren.

Wenn der Gesang der Vögel bei Sonnenaufgang erklingt, gehen die uralten Rufe weit über die Balz und das Verteidigen des Reviers hinaus. Was wir da hören, ist tatsächlich die Stimme der Wildnis. Vögel singen aus vollstem Herzen, unverwüstlich und entschlossen. Und das werden sie auch weiterhin tun … vorausgesetzt, wir schützen sie.

Wie Sie das tun können? Den örtlichen Naturschutzbund zu unterstützen ist schon einmal ein guter Anfang, aber auch darüber sprechen hilft. Lassen Sie andere wissen, dass Sie keine Chemikalien in Ihrem Garten verteilen und wollen, dass Wälder, Wiesen, Marsche und Flüsse erhalten bleiben.

Solcherlei Schutzmaßnahmen machen Mühe – die sich aber unendlich lohnt. Die Zukunft der Vögel ist mit der unseren enger verwoben, als wir bislang ahnen. Wir steigen gemeinsam auf oder gehen gemeinsam unter.

DIE ABKÜRZUNGEN DER IUCN

Die weltweite Organisation International Union for Conservation of Nature and Natural Resources (IUCN) hat sich der Nachhaltigkeit verschrieben. In ihrer Roten Liste gefährdeter Arten sind zahlreiche Tier- sowie Pflanzenspezies nach ihrem Aussterberisiko verzeichnet, bewertet und einer bestimmten Kategorie zugeordnet. In diesem Buch sind alle abgebildeten Arten nicht nur mit ihrem Namen, sondern auch mit ihrem jeweiligen IUCN-Status versehen.


EX: Extinct, ausgestorben
EW: Extinct in the Wild, in der Natur ausgestorben
CR: Critically Endangered, vom Aussterben bedroht
EN: Endangered, stark gefährdet
VU: Vulnerable, gefährdet
NT: Near Threatened, potenziell gefährdet
LC: Least Concern, nicht gefährdet
NE: Not Evaluated, nicht beurteilt

EINFÜHRUNG / NOAH STRYCKER

Vögel sind so universell wie die Luft, so weitverbreitet wie das Lachen. Sie leben überall – an Ozeanen und im Gebirge, in Wüsten und Wäldern, am Äquator und an den Polen der Erde – und im Gegensatz zu uns brauchen sie zum Reisen keinen Pass. Sie breiten einfach ihre Schwingen aus, überqueren Grenzen und trotzen der Schwerkraft. Kein Wunder, dass sie auf der ganzen Welt als Symbol der Freiheit, der Liebe und des Friedens gelten.

Vögel tauchen in den ersten künstlerischen Gehversuchen der Menschheit auf: Die Höhlenmalereien in Frankreich, Indien und Tennessee zeigen neben großen Tieren, Jägern und anderen Szenen auch Myriaden geflügelter Kreaturen. Was genau diese frühen Illustratoren antrieb, wissen wir nicht, doch erinnern uns ihre Bilder daran, dass die Anziehungskraft, die Vögel auf uns ausüben, nicht neu ist.

Die bildenden Künste haben beim Dokumentieren unserer gefiederten Freunde schon immer eine wichtige Rolle gespielt. Auf einem vor Kurzem entdeckten Felsengemälde im nördlichen Australien beispielsweise ist offenbar eine riesige, flugunfähige Art von »Donnervögeln« dargestellt, die dreimal so groß wie ein Emu war und wahrscheinlich vor 40.000 Jahren ausstarb. Wenn das stimmt, wäre das Gemälde das einzige existierende Lebendporträt dieser Spezies und darüber hinaus das älteste Kunstwerk Australiens. So schafft es die schlichte Skizze eines Vogels, ein uraltes Tier unsterblich zu machen und gleichzeitig die Menschheitsgeschichte umzuschreiben.

Die Macht des Bildes kann man auch daran erkennen, dass es ein Bildband über Vögel war, der eine Zeit lang den Rekord als teuerstes gedrucktes Buch, das je verkauft wurde, hielt: Eine Originalausgabe von John James Audubons Birds of America wurde im Jahr 2010 für sagenhafte 11,5 Millionen Dollar versteigert. Ein solches Vermögen hätte sich Audubon selbst vermutlich nie vorstellen können. Er war im Alter von 18 Jahren nach Amerika geschickt worden, um dem Wehrdienst in der Armee Napoleons zu entgehen, gründete dort ein Unternehmen, ging bankrott und machte sich in den 1820er-Jahren mit Farben und Gewehr auf den Weg, um die wild lebenden Vögel des nordamerikanischen Grenzlands zu malen.

Der daraus resultierende Band mit seinen 435 lebensgroßen Porträts, die Audubon mühevoll von auf Draht aufgezogenen Vögeln angefertigt hatte, verzauberte die High Society Europas derart, dass sein Urheber – der »amerikanische Waldmensch« – zu internationalem Ruhm aufstieg. Und auch heute noch inspirieren seine fast 200 Jahre alten Bilder Vogelliebhaber auf der ganzen Welt.

Es ist interessant, dass die größte Vogelschutzorganisation in den Vereinigten Staaten heute Audubons Namen trägt, war er doch in erster Linie Maler. Er studierte die Tiere zwar auch auf andere Weise, indem er etwa am ersten Beringungsexperiment in Nordamerika teilnahm oder später auch auf die Bedrohungen der Vogelpopulationen einging, am berühmtesten aber ist er für seine Porträts.


Brillenpinguin (Spheniscus demersus), stark gefährdet

Ebenso wie die frühen Höhlenmalereien diente auch Birds of America einem Zweck, der dem Künstler vermutlich noch nicht voll bewusst gewesen ist. Einige der in dem Band abgebildeten Vögel, darunter der Karolinasittich, die Wandertaube, die Labradorente, der Riesenalk, der Eskimo-Brachvogel und das Heidehuhn, sind inzwischen ausgestorben. Das Kunstwerk feiert eine Landschaft, die es nicht mehr gibt.

Heute denken viele Menschen bei Umweltschutz an Geld, Politik, Gesetze und Vorschriften. Aber das ist nur ein kleiner Teil der Geschichte, der das Wunder, das Vögel und Natur für uns sind und das Menschen wie Audubon uns näherbringen können, außen vor lässt.

Nur wenige wild lebende Tiere lassen sich so leicht beobachten wie Vögel. Sie sind überall um uns herum. Und ebenso wie wir sind sie im Gegensatz zu zahlreichen Säugetieren, Reptilien, Amphibien, Insekten und Meeresbewohnern, die sich auf andere Sinne verlassen, überwiegend audiovisuelle Geschöpfe. Wir können viele Verhaltensweisen von Vögeln verstehen und uns daran erfreuen, und jeder hat Zugang zu ihnen.

Es ist lange her, dass Vögel wie zu Audubons Zeiten millionenfach ihres Fleisches und ihrer Federn wegen oder einfach aus Vergnügen getötet wurden. Das Entsetzen über die Wasservogeljagd führte zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den ersten bundesweiten Naturschutzgesetzen. Zur gleichen Zeit wurden das US-amerikanische National Wildlife Refuge System und in Großbritannien die Royal Society for the Protection of Birds gegründet. Das Buch Der stumme Frühling, das sich mit dem Einfluss von Pestiziden auf Vögel und andere Tiere beschäftigt, zog eine umfassende Naturschutzbewegung in den 1960er-Jahren sowie 1970 die Gründung der U.S. Environmental Protection Agency nach sich. Es waren die Vögel, die in den vergangenen Jahrzehnten weltweite Diskussionen über gefährdete Arten, Biodiversität und zuletzt den Klimawandel auslösten.

Alles, was es braucht, ist ein wenig Magie – der zündende Funke, der überspringt, wenn jemand einen Vogel sieht und fasziniert ist. So kann selbst die winzigste Flamme die ganze Welt in Brand stecken.

Vogelbeobachter mögen eine verwegene Bande von Akademikern, Jägern, Spielern, Poeten, Sportlern und Suchenden sein, doch in erster Linie sind sie Sammler – von Sichtungen, Wissen, Erfahrung.

So jedenfalls hat es bei mir angefangen. Ich habe als Kind alles gesammelt, was mir zwischen die Finger kam: Briefmarken, Münzen, Steine, Visitenkarten und Zane-Grey-Taschenbücher. Und als mein Lehrer in der fünften Klasse eine Futterstation aus Plastik vor dem Fenster unseres Klassenzimmers anbrachte, begann ich, auch Vogelsichtungen zu sammeln.

Vögel haben etwas, das die obsessive Ader in der menschlichen Natur anspricht. Sie lassen sich fein säuberlich in Arten einteilen (meistens jedenfalls), die sich durch jeweils eigene Gewohnheiten und Erscheinungsformen auszeichnen. Eines der ersten Dinge, die man als Vogelbeobachter lernt, ist, dass man sie oft nur dann findet, wenn man an den richtigen Orten nach ihnen sucht. So wird die Vogelbeobachtung zur Schatzsuche, bei der man von Hinweisen zur scheuen Beute geführt wird.


Hausgimpel (Haemorhous mexicanus), nicht gefährdet

Beim Studium der Vögel kommen verschiedene Methoden der Katalogisierung zur Anwendung, von Carl von Linnés binomialer Nomenklatur – die lateinische Klassifizierung wird auch heute noch verwendet – bis zum derzeitigen Sammelsurium der Vogelführer, in denen praktisch jede Spezies auf Erden beschrieben ist. Und jede Methode versucht, die Vogelwelt zu beziffern und auf handliche Schnipsel herunterzubrechen. Die Natur ist so überwältigend, dass wir uns ihr am liebsten in Fragmenten nähern und die Stücke anschließend wieder zu etwas Sinnstiftendem zusammensetzen.

Meine kindliche Obsession wuchs sich schließlich zu einer handfesten Karriere als Vollzeit-Vogelnerd aus. Ich arbeitete jahrelang an Feldforschungsprojekten mit und nistete mich monatelang auf windgepeitschten Inseln und in brütend heißen Regenwäldern ein. Doch ich war immer noch aufgeregt, wenn ich eine neue Vogelspezies sah, und allmählich wurde mir klar, dass es für die kurze Zeit einfach zu viele Vögel gab. Deshalb beschloss ich 2015, ich war damals 28, meinen eigenen Katalog zu erstellen und mein ganz persönliches »Big Year« in Angriff zu nehmen: in einem Jahr so viele Vogelarten wie möglich zu dokumentieren.

Der logistische Aufwand dafür war beinahe unvorstellbar. Ich besuchte 41 Länder auf allen sieben Kontinenten und nahm mir dabei nicht einen einzigen Tag frei. Mit meinem mageren Budget schlief ich auf Sofas, in Flugzeugen und im Dschungel, wenn ich überhaupt schlafen konnte. Um das Tageslicht voll auszunutzen, stand ich jeden Tag schon vor Morgengrauen auf und reiste nachts. Am Ende hatte ich mithilfe Hunderter begeisterter Vogelliebhaber rund um den Globus 6.042 Spezies verzeichnet, also durchschnittlich eine Vogelart pro Wachstunde und über die Hälfte aller Vogelarten der Erde – ein neuer Weltrekord.

Nach meiner Rückkehr stellte ich fest, dass sich meine Sicht der Dinge verändert hatte. Zahlen und Rekorde bedeuteten mir nun weniger als das Abenteuer, alle Vögel Amerikas zu dokumentieren, das Audubons Vorhaben zu Beginn des 19. Jahrhunderts widerspiegelte. In meiner erschöpfenden Suche nach den Tieren hatte ich eine größere Fläche unseres Planeten überquert, als die meisten Menschen in ihrem ganzen Leben bereisen, und durch die Komprimierung der Reise auf ein einziges Jahr hatte ich einzigartige Einblicke in die Vogelwelt der Jetztzeit gewonnen.

Sich mit Umweltfragen auseinanderzusetzen ist ungeheuer deprimierend, vor allem bei einer Reise in die Tropen, wo die Wälder durch Brandrodungslandwirtschaft, Palmölplantagen und umfassende Abholzung in rasender Geschwindigkeit vernichtet werden. In meinem »Big Year« habe ich mit eigenen Augen beobachten können, wie die Bevölkerungsexplosion, insbesondere in Afrika und Asien, Habitate verschlingt. Auch von den Folgen des Klimawandels erfuhr ich aus erster Hand: Die Menschen erzählten mir wieder und wieder, wie unvorhersehbar die Bedingungen in ihrem Umfeld geworden waren und die Populationen von Mensch und Vogel gleichermaßen angriffen.

Ich fand aber auch eine unerwartet lebhafte Gemeinschaft von Vogelenthusiasten an Orten wie China, Borneo, Kenia, Brasilien und Guatemala vor, Orte, an denen die Vogelbeobachtung nicht gerade eine lange Tradition hat. In den vergangenen zehn Jahren haben Vögel dank Internet, Digitalfotografie und anderen Technologien eine ganz neue Generation dazu inspiriert, in die Natur hinauszugehen. Auch in entlegenen Winkeln der Welt finden die Menschen mittlerweile Wege, ihre gefiederten Freunde zu schützen und sich mit Gleichgesinnten darüber auszutauschen. Was einst ein Nischenzeitvertreib war, hat sich heimlich, still und leise zu einem weltweit verbreiteten Hobby entwickelt.

Es mutet seltsam an, dass ausgerechnet das digitale Zeitalter die Menschen zur Rückkehr zur Natur angespornt hat. Ob nun als Gegenreaktion auf zu viel Zeit vor einem Bildschirm oder als Bewegung, die durch neue Technologien erst möglich gemacht wurde – immer mehr Menschen entdecken die Welt der Vögel für sich. Und das zu einer Zeit, da die Tiere selbst einer ungewissen Zukunft entgegensehen. Ich kehrte aus meinem »Big Year« mit einer optimistischeren Sicht der Dinge zurück: Trotz täglich neuer düsterer Prognosen gibt es sehr viele Menschen, denen die Natur ungeheuer am Herzen liegt.

Und mit all dem im Kopf begann das Buch, das Sie in Händen halten, nach meiner langen Reise allmählich Gestalt anzunehmen.

Das Geniale an Joel Sartores Fotografien von Vögeln, die sich weltweit in menschlicher Obhut befinden, liegt in ihrer Intimität. In freier Wildbahn sind Vögel flüchtige Motive – die »großen Filmverschwender«, wie ein Freund von mir einmal gesagt hat. Dort haben wir kaum eine Chance, nah an sie heranzukommen.

Doch aus der Nähe gesehen enthüllen die Tiere eine Unmenge an Merkmalen, die wir für gewöhnlich uns selbst vorbehalten. Sie zeigen Gesichtsausdrücke, Stimmungen und Persönlichkeit. Manche sind scheu, andere neugierig, wieder andere sehen schlicht hungrig aus. Da scheint ein Brillenpinguin höflichst um einen Fisch zu bitten, während Hausgimpel und Großer Gelbschenkel eine eher kesse Pose einnehmen.

Einige dieser Interpretationen sind zweifelsohne anthropomorphischer Natur; wir projizieren unsere Sichtweise der Dinge auf die Tiere, die kaum wissen können, dass ihre Bilder veröffentlicht werden. Nichtsdestotrotz zeigen Vögel tatsächlich Gefühle, den unseren vielleicht ähnlich, und wer das leugnet, impliziert damit, dass Tiere das nicht können, nur weil wir es können. Sie dürfen in die hier abgebildeten Fotos also ruhig Emotionen hineinlesen.

Lassen Sie sich von Joels Bildern auch zum Staunen anregen. Einige der Vögel sind selten und in der Natur kaum zu sehen. Andere, wie die Socorrotaube, sind vom Aussterben bedroht und haben nur in menschlicher Obhut überlebt. Ihre Porträts erinnern an eine heikle Existenz. Die meisten Vögel aber sind in ihren natürlichen Lebensräumen zu finden und über den ganzen Globus verbreitet. Es tut so gut zu wissen, dass diese Lebewesen real sind und die Welt mit uns teilen.

Ich hege die größte Bewunderung für Joels ambitioniertes Projekt, jede Tierspezies in Gefangenschaft zu fotografieren. Er ist ein moderner Audubon, der uns die kostbaren Wunder der Natur vor Augen führt.

Sehen Sie sich die Vögel näher an. In diesem Buch sind sie nur ein paar Zentimeter entfernt und erwidern Ihren Blick.


Großer Gelbschenkel (Tringa melanoleuca), nicht gefährdet

Darmowy fragment się skończył.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
18+
Data wydania na Litres:
12 listopada 2024
Objętość:
262 str. 288 ilustracji
ISBN:
9783955593063
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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