Czytaj książkę: «Das Testament des Verrückten und andere Geister-Geschichten»
Jodocus Temme
Das Testament des Verrückten und andere Geister-Geschichten

Books
- Innovative digitale Lösungen & Optimale Formatierung -
musaicumbooks@okpublishing.info
2017 OK Publishing
ISBN 978-80-272-3070-9
Inhaltsverzeichnis
Der Leichensee
Schlom Weißbart
Der gestohlene Brautschatz
Das lebendig vergrabene Kind
Weihnachts-Heiligerabend
Auf der Eisenbahn
Rosa Heisterberg
Ein Gottesgericht
Der erste Fall im neuen Amte
Er betet
Das Testament des Verrückten
Volkesstimme
Der Unheimliche
Eine Brautfahrt
Der Proceß Leuthold
Die Geschwister
Die schwerste Schuld
Deutsche Herzen, deutscher Pöbel
Ein Beamtenleben
Ein Vertheidiger
Ein Polterabend
Der Zeuge
Nobles Blut
Pater Canisius
Der Richter
In der Propstei
Der Teufel
Auf Waltersburg
Der alte Mann im Gollenberge
Der Leichensee
Inhaltsverzeichnis
Schlom Weißbart.
Ein Bild aus Litthauen.
Inhaltsverzeichnis
Im Jahre 184– traf ich in Litthauen einen Landsmann und Bekannten wieder, der vor länger als zwölf Jahren dahin versetzt war, und von dem ich seit jener Zeit nichts wieder vernommen hatte. Ich war begierig, von ihm über sein Leben in dem fremden Land selbst und dessen Bewohner Auskunft zu erhalten.
Ich werde Dir – sagte er – ein Abenteuer erzählen, das ich nicht lange nach meiner Ankunft in dieser Provinz zu bestehen hatte, und das vielleicht mehr als lange, ausführliche Beschreibungen im Stande sein wird, Dich dessen Menschen und Zustand kennen zu lehren. Er erzählte mir Folgendes:
Ich wurde im Jahre 183– als Kreisjustizrath nach Ragnit versetzt. Ich war damals Assessor bei dem Oberlandesgerichte in A., und bisher blos in meiner Heimath, der Provinz Westphalen, angestellt gewesen.
Als ich mit den Meinigen in Ragnit ankam, fanden wir ein freundliches Städtchen, hübsch gelegen in einer fruchtbaren Gegend, an einem hohen Ufer des schönen, breiten Memelstroms, der nicht weit unterhalb der Stadt eine große Krümmung machte, so daß man seinen Lauf mitten durch üppige Wiesen und Weiden beinahe eine halbe Meile weit deutlich verfolgen konnte, bis nach dem alten, kahlen Rambinus hin, dem alten Berge des Gottes Perkunos, an dessen Fuße er wieder eine andere Richtung nahm, nach der litthauischen Hauptstadt Tilsit zu, anderthalb Meilen von Ragnit gelegen.
In dem freundlichen Städtchen auf dem hohen Memelufer fanden wir allerdings nicht viel mehr als 3000 Einwohner; aber es war ein eben so tüchtiger und prächtiger deutscher Menschenschlag, wie man ihn nur irgend wo am Rhein und in Westphalen antrifft. Barbaren, wie sie mir geschildert waren, schienen mir die Leute nicht, und auch die Wölfe liefen in ihren Straßen nicht mehr herum, als anderswo, nämlich die in Schafspelzen; dies aber brauchten – wenigstens damals noch – eben keine russischen oder preußischen Wölfe zu sein. Dagegen fanden wir in Litthauen und Ragnit Etwas, was wir in unserm vielbewegten Leben später niemals in so hohem Grade wieder gefunden haben, eine offene, biedere, gastfreundliche Zuvorkommenheit. Sie lebt in unserem dankbaren Andenken.
Was eine Kreisjustizcommission sei, erfuhr ich sehr bald in vollem Umfange. Der Kreisjustizrath v. L., den abzulösen ich bestimmt war, hatte dem Gerichtsboten, der ihm zuerst die Nachricht meiner Ankunft und seiner Erlösung überbracht hatte, in der Freude seines Herzens einen harten Thaler geschenkt. Es war ein braver, aber kränklicher Mann, zwar ein tüchtiger Beamter, der aber gerade gegen die Art von Geschäften, wie sie bei der Kreisjustizcommission waren, vielleicht auch in Folge seiner Kränklichkeit, einen unüberwindlichen Widerwillen gefaßt, deshalb kaum einige Monate nach Antretung seines Postens, seine Versetzung nachgesucht und diese in einer untergeordneten Stelle in seiner Heimath angenommen hatte.
Das Institut der Kreisjustizcommission bestand nur in den Provinzen Preußen und Litthauen. Im Jahre 1839 haben sie einer veränderten Gerichtsorganisation Platz machen müssen. Sie waren Deputationen der Oberlandesgerichte zur Führung der schweren Criminaluntersuchungen, zur Führung und Entscheidung der geringeren Civilprozesse gegen die Eximirten (Adel, Geistlichkeit und Beamte) und zur Beaufsichtigung der Untergerichte. Sie bestanden aus einem Kreisjustizrath als Dirigenten, einem Assessor (auch Aktuar genannt) und dem nothwendigen Subalternpersonal an Gerichts- wie Gefängnißbeamten. Die Kreisjustizcommission zu Ragnit war eine solche Deputation oder Commission des Oberlandesgerichts zu Insterburg für die vier Landrathskreise Ragnit, Tilsit, Niederung, Heidekrug. Ihr Geschäftsbezirk berührte auf einer Länge von ungefähr zwölf Meilen die russische Grenze und außerdem noch auf mehreren Meilen die Grenze des unglücklichen Königreichs Polen.
Das gerade war es, was die Stellung bei der Commission für meinen Vorgänger zu einer unerträglichen gemacht hatte, was sie freilich für mich zu einer sehr mühsamen machen sollte. Wo die Regierungen den freien Verkehr sperren und hemmen, da erreichen sie wenigstens Eins sicher, Demoralisation des Volkes. An der preußisch-russischen Grenze wird vielfach gesperrt und gehemmt, diesseits wie jenseits. Nach Rußland darf aus Preußen nichts hineinkommen, was die Leute dort bedürfen und gebrauchen, nicht Fisch noch Fleisch, nicht Seide noch Zeug, nicht Kaffee noch Zucker, nicht Wein noch Schnaps, nicht Thee noch Civilisation. Und aus Rußland nach Preußen darf zweierlei nicht kommen. Eins nicht, das die Leute in Preußen gebrauchen: Salz. Und doch kaufen sie es in Rußland um das Doppelte wohlfeiler als in Preußen selbst, nämlich das Pfund für sechs Pfennige, wenn sie in Preußen dafür einen Silbergroschen bezahlen müssen. Und die Leute behaupten, das sei um so mehr ein unrichtiges Verhältniß, als es eben nur preußisches Salz, das gleiche preußische Salz sei, das sie so wohlfeil in Rußland kaufen können und so theuer in Preußen bezahlen müssen, Salz, das die preußische Regierung an die russische verkaufe und diese wieder an ihre Unterthanen mit Profit ablasse, und das so von den russischen Unterthanen nochmals mit einem Profit, und dennoch doppelt billiger, in das Land, aus dem es ursprünglich gekommen, zurückverkauft werden könne. Ob es wahr ist, müssen die Leute wissen, und die Nationalökonomen und die Regierung. Ein Anderes, das gleichfalls aus Rußland nicht nach Preußen kommen darf, brauchen die Leute hier zwar nicht, aber desto mehr bedarf man seiner in Rußland. Das sind die Russen selbst, die man – durch die Regierung – alljährlich zum Kriegsdienste einfängt und in die Montur steckt.
Wer will es den Unglücklichen verdenken, wenn sie sich zu retten suchen? Die preußische Grenze ist so nahe, der Grenzgraben so schmal, der Grenzwall so niedrig. Der Grenzkosack ist leicht zu täuschen, leichter zu überwältigen, noch leichter zu bestechen. Ein Satz, ein Sprung, und man ist gerettet in dem Lande der – Freiheit und Civilisation! Aber dieses Land der Civilisation hat einen Kartellvertrag mit Rußland geschlossen und garantirt diesem die militärische Sklaverei seiner Unterthanen.
Schmuggel, Grenzexcesse, Kampf und Blutvergießen, das sind die Bestandtheile des Verkehrs an der russisch-preußischen Grenze.
Das einzige Schöne, was ich, nach Hübner’s Zeitungslexikon, in Ragnit hatte finden sollen, fand ich nicht. Das herrliche Comthurschloß der deutschen Herren war nur noch eine Ruine. Am 3. August 1829 schon war es abgebrannt, am Geburtstage des Königs Friedrich Wilhelm III. Es war das auch eine sonderbare Geschichte, die ich ein ander Mal erzählen werde. Und die Ruine des herrlichen Schlosses war nicht einmal schön. Die weiten, hohen und ungeheuer dicken und starken Mauern des äußerlich zerstörten Gebäudes umfaßten ein Zuchthaus und die Gefängnisse der Kreisjustizcommission. Diese Gefängnisse waren überfüllt mit den Verbrechern der Grenze und der Grenzbezirke aus Rußland wie aus Preußen.
Ueber anderthalb Hundert Untersuchungsgefangene saßen allein in den Gefängnissen der Kreisjustizcommission zu Ragnit, als ich mein Amt dort antrat. Alle warteten auf ihr Erkenntniß, das sie der Strafe oder der Freiheit zuführen, dem Zuchthause, Manche dem Henker oder wieder den Ihrigen, der Liebe und der Freude, freilich oft auch dem Jammer zerstörten Familienglückes, oder neuer Verbrechen überliefern sollte. Nicht Wenige warteten schon seit Jahren. In den Gerichtszimmern der Kreisjustizcommission warteten so die zahllosen, voll und dick geschriebenen Untersuchungsakten auf ihre Beendigung, um demnächst an das Oberlandesgericht zu Insterburg zum Spruch versandt zu werden. Wie Vieles aber war noch darin zu thun, bis sie beendigt und zum Spruch eingeschickt werden konnten. Mein Vorgänger hatte vermöge seiner Kränklichkeit mit Energie nicht eingreifen können. Dessen Vorgänger, früher ein Inquirent von der seltensten Befähigung und juristischer wie moralischer Tüchtigkeit, war in seinen alten Tagen völlig jenem Stumpfsinn verfallen, den man bei den ältern Dienern, gerade der preußischen Bureaukratie, so häufig antrifft; dabei aber auch jenem gleichen preußischen Beamteneigensinn, der nicht von seinem Posten weichen will. Die vorgesetzten Behörden hatten ihm junge Leute – Referendarien – zur Aushülfe geben müssen, die vielfach mit dem alten Manne spielten. Dabei war auch das zweite Mitglied der Kreisjustizcommission ein an Geist und Körper schwächlicher, kränklicher Mann. Kein Wunder, daß sich überall Rückstände in den Arbeiten fanden, daß die Akten sich gehäuft und die Gefängnisse sich überfüllt hatten. Indeß die Arbeit mußte bewältigt werden.
Unter den Gefangenen, die mir sogleich beim ersten Besuche der Gefängnisse am Meisten auffielen, war ein Jude, der mir als Schlom Weißbart benannt wurde. Er war in einem der tiefsten Keller des alten deutschen Herrenschlosses eingesperrt, einem Raume mit so dicken und festen Mauern und so schmalen und engen und durch schwere eiserne Stangen vergitterten Fenstern, daß an ein Entweichen aus diesem Gefängnisse gar nicht zu denken war. Er saß dort in Gesellschaft blos der schwersten Verbrecher, nur Räuber und Mörder, die man gerade hier, in der sichersten von allen Gefängnißzellen, zusammengebracht hatte. Er war dort der einzige Jude unter lauter Christen. Er war ein Mann von mittlerem Alter – vielleicht nahe an den Vierzigern – und von mittlerer Größe. Sein Gliederbau schien von mehr als gewöhnlicher Kraft zu sein. Seine Bewegungen verriethen es; es zeigte sich noch mehr, wenn der weite Pelz, den er trug, sich zufällig öffnete. Höchst interessant war sein Gesicht. Der Blick blieb unwillkürlich darauf haften; er verweilte mit Neugier darauf, ob auch mit Wohlgefallen oder aber mit innerer Wegwendung, darüber konnte man mit sich selbst nicht einig werden; desto größer war vielleicht gerade deshalb Interesse und Neugier. Der Schnitt des Gesichtes war völlig orientalisch, aber es war nur der feine orientalische Schnitt; die Nase lang und nur wenig gebogen, die Lippen nur wenig aufgeworfen, die Stirn hoch, die Augenbrauen stark und gewölbt, die Augen groß und rabenschwarz. Rabenschwarz und glänzend auch das Haar. Dagegen schneeweiß aber dicht und lang der Bart, der den unteren Theil des Gesichtes bedeckte. Das Gesicht war eingefallen; die Farbe war blaß, aber beides nicht so sehr, um ihm das Aussehen der Kränklichkeit oder Schwäche zu geben.
Auf den ersten Anblick fühlte man den Eindruck eines klaren, ruhigen, etwas melancholischen und beinahe edlen Gesichts. Sah man aber tiefer in das große schwarze Auge, so gewahrte man darin ein scheues, lauerndes Wesen, und man glaubte tief im Hintergrunde Hinterlist und Falschheit, jedenfalls Verschmitztheit zu sehen. Beachtete man den Mann genauer und länger, so sah man die Lippen manchmal plötzlich weiter vorgeworfen, wie unwillkürlich aufgezuckt, und dann heftig, fast gewaltsam zusammengekniffen, und wenn man dann schnell ihm wieder in die Augen blickte und das dunkle Aufblitzen in ihrem tiefsten Grunde mit dem gewaltsam zusammengekniffenen Munde verglich, so konnte man sich kaum des Gedankens erwehren, daß so ein Mensch aussehen müsse, der sich eben die Scene eines Mordes, den er verübt, in das Gedächtniß zurückrufe, oder dem plötzlich Gedanke und Plan eines zu verübenden Mordes ergreife und beschäftige. Das war Blutgier, Mordlust, was hier zuckte und blitzte.
Mein Vorgänger mußte mir die Geschäfte der Kreisjustizcommission übergeben. Dazu gehörte auch die Ueberweisung der Gefängnisse. Wir Beide besuchten gemeinschaftlich jede einzelne Gefängnißzelle, gefolgt von den Gefängnißbeamten und litthauischen und einem polnischen Dolmetscher. Mein Vorgänger bezeichnete mich den Gefangenen als seinen Nachfolger; ich trat darauf an jeden einzelnen Gefangenen heran und fragte ihn, ob er Klage über seine bisherige Behandlung in der Untersuchung und im Gefängnisse habe; er habe sie jetzt anzubringen. Mit den der deutschen Sprache Unkundigen wurde durch die Dolmetscher verhandelt. Nur wenige brachten Klagen vor. Was sie zurückhielt, zeigte der scheue Blick auf die anwesenden Gefängnißbeamten. Ich machte später meine Besuche stets ohne diese.
Zu jenen Wenigen gehörte Schlom Weißbart. Ich hatte ihn, eben weil er mir gleich bei meinem Eintreten aufgefallen war, schon vorher beobachtet, ehe ich in der Reihe des Fragens zu ihm kam. Er hatte vollkommen ruhig dagestanden. In dem Augenblick, als ich mich von seinem Nachbar zu ihm wandte, zuckte es heftig in seinem Gesichte. Sein Auge überflog die Beamten, die hinter mir standen. Die Lippen biß er zusammen. Ich sah zum ersten Male an ihm jenen unheimlichen Ausdruck. Aber kaum eine halbe Sekunde lang. Sein Wesen veränderte sich plötzlich in anderer Weise. Das Auge blieb unruhig, aber es nahm einen freundlichen Ausdruck an. Die Lippen öffneten sich, aber wie zu einer demüthigen Bitte. So beugte er, als ich unterdeß ganz vor ihn getreten war, seinen Körper tief vor mir nieder, mit einer Bewegung seiner Hände, als wenn er den Saum meines Rockes fassen und seinen Mund darauf drücken wolle.
Ich sollte ein solches hündisch-freundlich kriechendes Benehmen von russischen und polnischen Bündeljuden, aber auch Christen, später noch oft kennen lernen in seiner ganzen widerlichen Weise.
Ich trat entrüstet zurück, doppelt entrüstet durch den Kontrast dieses Betragens und jenes Aussehens des Mannes.
In strengem Tone richtete ich meine erste Frage an ihn: »Wie heißt Ihr?«
Er hatte rasch seinen Körper aufgerichtet. Sein Auge stach durchbohrend in das meinige; aber nur während des Aufrichtens. Gleich darauf blickte es mich wieder freundlich bittend an, zwar noch unruhig, aber nicht kriechend.
»Ich heiße Schlom,« antwortete er bescheiden, in dem tief gurgelnden, schnellen Tone, in welchem die Handelsjuden an jener Grenze das Deutsche sprechen.
»Wie weiter?«
»Schlom. Mein Vater hieß Aaron.«
»Ihr führt nur den Namen Schlom?«
»Nur diesen, Herr.«
Mein Vorgänger erläuterte: »In Rußland, wenigstens hier an der Grenze, führen die Juden selten einen Familiennamen. In den Acten heißt dieser Jude übrigens Schlom Weißbart. So nennen ihn auch seine Genossen nach seinem weißen Barte. Er wird dadurch unterschieden von einem anderen, eben so gefährlichen Verbrecher, der mit ihm aus demselben Orte ist, auch Schlom heißt und mit ihm die größte Aehnlichkeit hat, nur daß er einen schwarzen Bart trägt, und der daher Schlom Schwarzbart genannt wird.«
Ich wandte mich wieder zu dem Juden. Ich begegnete noch dem letzten Verfliegen eines listigen, höhnischen Lächelns in seinem Gesichte. »Woher seid Ihr?«
»Aus Russisch-Neustadt.«
»Welches Verbrechens seid Ihr angeklagt?«
Seine Freundlichkeit und Bescheidenheit gingen plötzlich in Heftigkeit über. »Gar keines, gar keines Verbrechens, Herr Kreisjustizrath. Ich bin unschuldig, völlig unschuldig.«
»Ich frage Euch nicht,« erwiederte ich ihm, »wessen Verbrechens Ihr schuldig, sondern wessen Ihr angeklagt seid?«
»Gar keines, gar keines, Herr Kreisjustizrath. Man kann mir nichts beweisen, man kann mir nichts vorwerfen, nichts, nichts.
»Die gewöhnliche Sprache aller Verbrecher,« nahm mein Amtsvorgänger das Wort. »Jeder will unschuldig sein.«
»Aber, Herr, Herr – « rief der Jude heftiger, lauter, und in seiner Heftigkeit mehr und mehr in die gewöhnliche jüdische Redensweise fallend. »Den Andern kann man doch werfen etwas vor. Man kann ihnen nennen ein Verbrechen, das sie sollen haben begangen. Nennen Sie mir eins. Habe ich gestohlen, habe ich gemordet, habe ich begangen einen Raub? Nicht Sie haben gekonnt, es mir sagen, nicht die Herren Referendarien, Gott stehe mir bei, diese Herren.«
Die Bemerkung des Juden war wichtig. Keiner von den Gefangenen, die ich bisher gefragt, hatte sich eines Verbrechens schuldig bekannt, aber Alle hatten ein bestimmtes Verbrechen, dessen man sie anklagte, zu benennen gewußt. Eine gewisse Verlegenheit in den Gesichtern der Beamten zeigte mir auch, daß außer der Beantwortung des Juden noch etwas Anderes richtig oder vielmehr nicht richtig sein müsse.
Ich unterbrach diesen. »Ruhig, Mann! Beantwortet mir meine weiteren Fragen, aber ohne Heftigkeit.«
Er verbeugte sich tief und demüthig, und stand dann völlig ruhig vor mir. Es war ein wildes Wesen in dem Manne, aber eine eiserne Gewalt, die es zu beherrschen wußte.
»Wie lange seid Ihr hier in dem Gefängnisse?«
»Vor drei Tagen ist es geworden ein Jahr und drei Monate.«
»Habt Ihr Klage über Eure bisherige Behandlung zu führen?«
»Ich bitte, Herr, daß Sie mich bald verhören.«
»Das wird geschehen. Jetzt habt Ihr meine Fragen zu beantworten.«
»Ob ich habe eine Klage?«
»Ueber Eure Behandlung hier in der Haft und in der Untersuchung, in Euren Verhören.«
»Verhören?« platzte es wieder heftig aus ihm heraus. Aber schnell sich fassend, fuhr er fort: »Hier habe ich keine Klagen. Hier nicht. Aber Sie verhören mich bald? Recht bald?«
»Noch in dieser Woche.«
»Gewiß, Herr? Gewiß?«
»Gewiß.«
Er hatte, bevor ich es ihm wehren konnte, den Saum meines Rockes ergriffen und an seine Lippen gedrückt.
Ich setzte den weiteren Umgang in den Gefängnissen fort.
Ueber die vielfachen, mitunter tief erschütternden Eindrücke dieses ersten Besuches jener Gefängnisse hatte ich den Juden Schlom Weißbart nicht vergessen. Ich ließ mir alsbald seine Untersuchungsacten vorlegen. Sie bestanden aus einem einzigen sehr dünnen Heftchen. Aber sie gehörten zu desto zahlreicheren und dickeren Actenbänden. Schlom Weißbart war in eine weitläufige Untersuchung gegen eine große Bande von Dieben verwickelt, die ihre Verbrechen gewerbmäßig zu beiden Seiten der preußisch-russischen Grenze verübt hatte. Die Bande bestand aus einigen zwanzig Köpfen, theils preußischen, theils russischen Unterthanen. Der zur Untersuchung gezogenen Diebstähle waren aber vierzig. Die Diebe hatten ihre Verbrechen mit eben so großer Verwegenheit als List ausgeführt, besonders zahlreiche Pferdediebstähle. Die in Rußland gestohlenen Pferde waren nach Preußen geschafft und hier verkauft; umgekehrt, die in Preußen gestohlenen nach Rußland. Sie hatten so ihr Handwerk lange und um so geschützter vor Verfolgung treiben können, als die Grenzsperre eben nur den ehrlichen Leuten und deren Verkehr die Grenze sperrte. Die Grenzsperre und die Schwierigkeit des Verhandelns mit unwillfährigen, russischen Behörden hatte auch eine unverhältnißmäßige Verzögerung der Untersuchung herbeigeführt. Freilich hatte auch einiges Andere hierzu beigetragen. Die Acten waren sehr voluminös geworden, und die Inquirenten - jene Referendarien - hatten mehrfach gewechselt. Es ist aber keine mühelose Arbeit, vierzig bis fünfzig dicke Bände von Untersuchungsacten durchzufahren, zu prüfen, was Alles noch darin geschehen muß, welche Zeugen noch darin zu vernehmen, welche Confrontationen zu veranstalten, welche Thatbestände sogar noch festzustellen, sodann die articulirten Verhöre abzuhalten und so weiter.
Die Untersuchung hatte schon seit länger als zwei Jahren gedauert. Ich mußte mehrere Tage und Nächte die Acten durchstudiren, um dem Juden mein Versprechen halten zu können, ihn noch in dieser Woche zu verhören. Schlom Weißbart war erst im Laufe der Untersuchung eingeliefert. Sein Name kam jedoch schon im Anfange derselben vor. Er wurde immer als einer der gefährlichen Diebe und zugleich Diebeshehler an der Grenze genannt. Aber er war so benannt nur von den Beamten, den Gensd’armen, den Dorfrichtern, den Polizeischulzen an der Grenze. Von den in der Untersuchung befangenen Verbrechern wollte keiner auch nur seinen Namen wissen. Und auch jene Beamten konnten kein einziges Verbrechen bezeichnen, das er selbst begangen oder zu dem er mitgewirkt haben sollte. Es hieß nur immer, das gefährlichste Mitglied der ganzen Bande sei der Jude Schlom Weißbart aus Russisch-Neustadt. Freilich wohl nicht minder gefährlich sei ein anderes Mitglied der Bande, der Jude Schlom Schwarzbart, dessen man aber bisher nicht habe habhaft werden können. Dabei war die Vermuthung ausgesprochen, Schlom Weißbart und Schlom Schwarzbart müßten Brüder sein, wegen ihrer Aehnlichkeit sowohl im Aeußern als in verbrecherischer Frechheit und Verschmitztheit. Etwas Bestimmtes könne man darüber nicht ermitteln, weil beide Juden nicht ohne Vermögen sein sollten, und daher von den bestechlichen russischen Beamten keine Auskunft über sie zu erhalten sei. Deshalb sei auch an eine Verhaftung des Schlom Schwarzbart oder an eine in Rußland gegen ihn einzuleitende Untersuchung gar nicht zu denken. In der That fand sich in den Acten ein Schreiben der russischen Behörde, wonach ein Schlom Schwarzbart in Neustadt sowohl als Umgegend gar nicht existire. Gegen diesen Schlom Schwarzbart lagen übrigens mehrere bestimmte Zeugenaussagen vor, nach denen er an einer Menge in Preußen verübter Vebrechen unmittelbar Theil genommen und namentlich viele gestohlene Pferde in Rußland verkauft hatte.
Schlom Weißbart war in Preußen arretirt. Zufällig, wie es in den Acten nach einer Anzeige des Dorfgerichtes des Grenzortes Mädischkehmen hieß, hatte man ihn diesseits der Grenze auf einem Pferde reitend, angetroffen, erkannt und sofort verhaftet. Das Pferd war später als ein in Preußen gestohlenes ermittelt worden. Der Diebstahl war schon vor langer Zeit verübt, und gar nichts stand darüber fest, daß Schlom Weißbart daran Theil genommen habe. Und dieser Ritt auf einem gestohlenen Pferde war das einzige Bestimmte, was man dem Juden hatte vorwerfen können. Auch in seiner Haft hatte er sich stets ruhig und ordentlich betragen. War seine Bemerkung oder vielmehr sein Vorwurf im Gefängnisse nicht gewesen?
Gleichwohl wurde von sämmtlichen Beamten der Kreisjustizcommission fortwährend versichert, der Jude Schlom Weißbart sei einer der verwegensten und gefährlichsten Verbrecher, welche auf beiden Seiten der Grenze leben.
Ich ließ ihn zum Verhöre vorführen.
Er erschien ruhig, bescheiden. ohne eine Spur jenes kriechenden Wesens, das ich im Gefängnisse entrüstet zurückgewiesen hatte. Hatte er auch mich studirt?
»Ich habe Euch vorführen lassen, Schlom Weißbart,« redete ich ihn an, »um das versprochene Verhör mit Euch abzuhalten.«
»Lohne es Ihnen Gott, Herr!«
»Zuvor beantwortet mir jetzt die Frage, ob Ihr eine Klage über Eure Behandlung habt?«
»Eine Klage, Herr Kreisjustizrath? Gott behüte. Nicht eine, aber zehn, zwanzig, hundert.«
Er antwortete nicht aufgeregt, im Gegentheil mit derselben Ruhe, mit der er eingetreten war.
»Und wie lauten diese Klagen?«
»Traurig lauten sie. Sie zerreißen mein Herz, möchten sie doch auch zerreißen das Ihrige.«
»Nun?«
»Herr, ich sitze hier seit fünf Vierteljahren. In dem Keller da unten. In dem dunkelen Loche unter der Erde. Fünf Vierteljahre. Soll ich Ihnen sagen, wie oft ich in dieser Zeit gesehen habe die Sonne und geathmet habe die frische Luft? Ich will es Ihnen sagen. Zwei Mal. Zwei Mal, als ich wurde geführt aus dem Keller zum Verhöre.«
Nur zwei Verhöre waren in der That bisher mit dem Juden abgehalten.
»Aber,« warf ich ihm ein, »Ihr seid doch regelmäßig täglich eine halbe Stunde an die frische Luft geführt worden.«
»Daß sich Gott erbarm! Es war ja keine Zeit dazu übrig für die Herren Wachtmeister.«
Ich sah fragend den Secretär an, der mir das Protocoll führte. Er bestätigte mit einem Achselzucken.
Die Gefängnisse und das Gefängnißpersonal sind auf funfzig Gefangene berechnet. Einhundert und funfzig sind da. Da bleibt keine Zeit für die allerdings vorgeschriebenen Spaziergänge der Gefangenen.
»Aber das ist ja eine Grausamkeit. Ich habe Gefangene angetroffen, die seit länger als drei Jahren saßen. Auch diese sind nie an die frische Luft gekommen?«
»Zum Verhöre!« war die entschuldigende Antwort.
»Grausamkeit!« sagte der Jude. »Was heißt Grausamkeit? Weiß der Herr, daß ich in den fünf Vierteljahren nicht habe sehen dürfen meine Frau und mein Kind, und sie waren hier, fünf Mal, alle Vierteljahre ein Mal.«
Auf meinen fragenden Blick antwortete der Secretär: »Der Jude hätte collidiren können.«
Der Jude fuhr fort: »Grausamkeit? Und weiß der Herr, was man mir hat gegeben zu essen und zu trinken? Brot zu essen, nichts als schwarzes Brot und Wasser zu trinken. Nichts als das, gar nichts.«
»Jude,« fiel ihm der Secretär ein, »belüge den Herrn Kreisjustizrath nicht.«
»Habe ich bekommen etwas Anderes? Einen Mund voll? Einen halben Mund voll?«
»Du hast freiwillig Brot und Wasser gewählt. Gieb den Grund an, warum.«
»Ich soll Ihnen sagen, warum, Herr Kreisjustizrath. Durfte ich denn essen die Gefangenkost? Sie war nicht kauscher. Das Gesetz verbietet sie.«
Ich musste mit einer Art von Bewunderung den Juden ansehen, der fünf Vierteljahre lang, um einem von Tausenden seiner Glaubensgenossen nur noch verspotteten Gesetze nicht entgegen zu handeln, nichts als Wasser und Brot genossen hatte, und dessen Aussehen doch bezeugte, dass ihm früher der Genuß einer wohlbesetzten Tafel, wie die vermögenden Juden an der russischen Grenze sie bekanntlich lieben und führen, nicht fremd gewesen war.
Er fuhr fort: »Aber das war nicht die Grausamkeit, Herr. Auch nicht einmal einen Hering ließen sie mir zukommen. Ich hatte gebeten darum, nur einmal in der Woche, am Schabbes. Meine Frau sollte ihn bezahlen, doppelt, dreifach. Ich bekam ihn nicht. Die Herren Referendarien lachten mich aus.«
»Warum das?« fragte ich den Secretär.
»Das Reglement schreibt genau die Gefangenkost vor. Ein Hering wird nicht erwähnt.«
»War das in der That ein Grund?«
Der Secretär zuckte wieder die Achseln: »Die Herren Inquirenten ordneten es so an. Ausnahmen können nur vergünstigungsweise gestattet werden. Der Jude leugnete hartnäckig.«
»Gottes Wunder, ich sollte lügen, ich sollte mich lügen auf das Zuchthaus, an den Galgen, um einen Hering zu verdienen.«
Ich unterbrach ihn. »Legt Ihr Gewicht auf den Hering, Schlom?«
»Gewicht, Herr? Ich lege Gewicht nur auf das Recht, auf meine Freiheit. Lassen Sie mich gehen nach Hause, zu meiner Frau und meinem Kind; ich will keinen Hering.«
»Ihr täuscht Euch über Eure Lage; Ihr seid in eine weitläufige Untersuchung verwickelt, die noch Jahr und Tag dauern kann.«
»Das haben sie mir gesagt alle, alle die Herren Referendarien. Aber Sie sind der Herr Kreisjustizrath, der Herr Rath des Rechtes. Sie werden mich lassen frei. Was geht mich die Untersuchung an? Was habe ich denn verbrochen? Sie haben gelesen die Acten. Sagen Sie es mir.«
»Man hat Euch mit einem gestohlenen Pferde ertappt.«
»Ertappt? Wunder Gottes! das steht in den Acten? Die Acten lügen, Herr.«
»Der Dorfrichter von Mädischkehmen hat die amtliche Anzeige gemacht.«
»Gott strafe ihn, den Hund! Gott hat ihn schon gestraft.«
Der Jude war plötzlich in große Aufregung gerathen. Sein bleiches Gesicht röthete sich. Sein Blick sprühte Wuth. Doch wußte er sich bald zu mäßigen.
»Verzeihen Sie," fuhr er ruhiger fort. »Aber die Acten lügen, dabei bleibe ich. Das war eine schändliche Geschichte. Ertappt? Ich will Ihnen erzählen, Herr, wie man mich hat ertappt, hier in Preußen. Herüber gelockt hat man mich über die Grenze, hinterlistig herüber gelockt. Was sage ich? Gelockt? Hinterlistig? Gewalt hat man mir angethan!. List und Gewalt! Der Dorfrichter von Mädischkehmen und noch Einer. Einen Brief ließen sie mir schreiben, ich solle kommen an die Grenze, nur bis an den Grenzgraben, nicht herüber nach Preußen. Es würden Preußen da sein, aus Tilsit, die wollten machen ein Geschäft mit mir in Seidenwaaren, ein erlaubtes Geschäft, ein reelles Geschäft. Ich ritt hin, ohne Arg. Des Morgens um vier Uhr war ich da, wie geschrieben stand in dem Briefe. Es war noch dunkel. Die Kosacken an der Grenze schliefen. Zwei Männer waren da, ich kannte sie nicht. Sie sahen aus, wie Herren, wie Herren aus der Stadt. Sie hatten bei sich die Seide. Schöne Seide, preiswürdig. Aber es war alles Betrug. Auf einmal springen vier Kerle heraus aus dem Grenzgraben, fallen über mich her, als ich besehe die Seide, fassen mich, schleppen mich über die Grenze, mit meinem Pferde, nach Preußen. Da steht der Dorfrichter von Mädischkehmen, und wartet schon, und wirft mir um einen Strick um den Hals und die Arme, und bindet mich auf mein Pferd, und führt mich zum Herrn Landrath und sagt, ich sei gekommen über die Grenze, und so habe er mich arretirt. Arretirt? Ertappt? Ich will sterben, wenn mich hat ertappt der Hund.«