Czytaj książkę: «Detektiv Kim unter schwerem Verdacht»
Jens K. Holm
1
Die Dame lag in einer Kiste. Als der Mann sie zur Hälfte durchgesägt hatte, zog er die Säge heraus und sagte ein paar Worte zum Publikum.
»Wenn er sich nur beeilen wollte und weitersägen würde«, flüsterte Erik, »ich bin gespannt, wie die Sache endet.«
Es war Strandfest. Erik, Brille, Katja und ich waren in dem Zelt mit der zersägten Dame. Es war glühend hieß hier. Wir saßen in der allerersten Reihe auf einer harten Holzbank. Man hörte von draußen den Lärm des Festplatzes, die Musik, das Geschrei, die vielen Stimmen, die Ausrufer vor den verschiedenen Zelten, den Mann, der heiße Würstchen anbot, die lachenden jungen Mädchen, das Quietschen der Schiffschaukel und das Gelächter, das von den Autoskootern herüberschallte.
Der Mann oben auf der Bühne schob seine Säge wieder in die Kiste und sägte weiter. Wir saßen mit angehaltenem Atem da und sahen zu, wie er ruhig und stetig sägte, wie ein Berufszimmermann, ohne sich zu übereilen. Der Kopf der Dame guckte an einem Ende aus der Kiste, die Füße am anderen. Sie lag da und lächelte. Das war uns unbegreiflich. Ich stellte es mir ziemlich schwierig vor, in dieser Situation zu lächeln. Erik flüsterte:
»Was der kann, möchte ich auch können. Ich werde mal versuchen, es ihm nachzumachen. Mein Vater hat zu Hause eine große Säge. Wenn ihr nichts dagegen habt, werde ich mich in den nächsten Wochen mal an euch dreien versuchen.«
Wir mußten lachen. Der Mann mit der Säge sah uns vorwurfsvoll an.
Als er die Dame mittendurch gesägt hatte, sie aber immer noch froh und zufrieden aussah, legte er ein angeschmuddeltes Tuch über den Deckel und öffnete die durchgesägte Kiste. Die Dame sprang heraus, frisch wie ein Fisch im Wasser. Man konnte gar nicht erkennen, daß sie durchgesägt worden war. Sie lachte uns alle an. Sie hatte häßliche Zähne und war überhaupt nicht besonders schön.
Der Mann erklärte, daß die Vorstellung zu Ende sei. Er forderte uns auf zu klatschen, damit die Leute, die draußen warteten, hören sollten, wie gut wir uns amüsiert hatten. Wir klatschten, so laut wir konnten, obwohl es im Zelt so warm war, daß wir am liebsten nicht einmal mit den Ohren gewakkelt hätten. Wir klatschten aber trotzdem. Dann standen wir auf und verließen das Zelt zusammen mit den vielleicht fünfzig anderen Zuschauern.
»Wohin gehen wir jetzt?«
»Ich würde gern Eis essen«, sagte Katja.
Wir schlenderten alle vier zu der nächsten Eisbude.
Es war Sonntagnachmittag gegen drei Uhr. Der Festplatz war um zwei Uhr geöffnet worden. Das Strandfest ist das Schönste, was ich kenne. Ich mag die Stimmung so gern, die verschiedenen Geräusche und Gerüche, ich mag dies Menschengewühl und habe eine Schwäche für all die Zelte, die Akrobaten, die Spielautomaten, für Eis und Würstchen – einfach für alles.
Wir bummelten umher, und bei jedem Schritt wirbelte der Staub in kleinen Wolken vor uns auf. Wir kamen an die Eisbude und kauften uns Eis, die größten Portionen, die wir bekommen konnten. Dann gingen wir weiter, vorbei am Tanzpodium, wo der Tanz in vollem Gange war. Wir sahen einen Augenblick den Tanzenden zu. Dann schlenderten wir weiter und blieben schließlich vor einem der Zelte stehen, vor dem ein Ausrufer Sahun Alid, den weißen Fakir, anpries, ferner die Schlangendame (die allerdings weniger einer Schlange als vielen anderen Dingen ähnelte), dann Sir Hamilton, den größten Zauberkünstler der Welt, sowie den Clown Limpo und den stärksten Mann der Welt, Iwanowitsch, den König der Ausbrecher, der aus der weiten russischen Steppe kam. Wir hatten schon Lust, uns die Vorstellung anzusehen, aber noch nicht jetzt. Wir hatten ja noch so viel Zeit. Mit Zeit waren wir nicht knapp, eher mit unserem Taschengeld. Wir mußten sehen, es so lange wie möglich zu strecken.
Wenn man auf dem Strandfest ist, braucht man gar nicht die ganze Zeit Geld. Man kann auch einfach nur ziellos umherschlendern und sich alles ansehen, was da geschieht. Denn da geschieht ständig etwas.
Wir waren nicht die einzigen, die umherbummelten und sich alles ansahen. Es war eine ganze Reihe uniformierter Beamter da, die wahrscheinlich von Frederiksvaerk herübergekommen waren. Die gingen auch umher, versuchten den ganzen Platz im Auge zu behalten und paßten dabei auf, daß nichts geschah, was nicht geschehen durfte.
Larsen, der Polizeibeamte unseres Ortes, war auch da. Er war in Zivil und bummelte mit seiner Schwester zusammen herum, der arme Mann. Wir grüßten die beiden. Larsen grüßte auch freundlich zurück, seine Schwester jedoch nicht.
Nachdem wir einmal über den ganzen Festplatz gegangen waren, stellten wir uns vor dem Tanzpodium auf und sahen zu. Dabei kam mir der Gedanke, daß es eigentlich Spaß machen müßte, einmal mit Katja zu tanzen. Allerdings nicht jetzt, wo so viele Menschen hier herumstanden und zuguckten, aber vielleicht heute abend. Ich tanze nämlich nicht besonders gut. Heute abend würden natürlich genauso viele Menschen da sein und zugucken, wahrscheinlich sogar mehr, aber dann würden auch mehr Leute auf der Tanzfläche sein. Jetzt war da höchstens ein halbes Dutzend. Wenn das Ganze erst richtig in Gang gekommen war und vielleicht fünfzig Menschen da oben tanzten, dann würde bestimmt niemand so genau aufpassen, ob ich zwei- oder dreimal einen verkehrten Schritt machte. Außer Katja natürlich, aber sie würde dann schon sagen, daß das nichts ausmache.
»Hallo, Katja!«
Ich drehte mich um. Das war John. Ich kannte ihn nicht sehr gut, denn er wohnte noch nicht lange im Dorf. Er ist größer als ich und wirklich schick angezogen. Seine Eltern scheinen wohlhabend zu sein. Er hat schwarzes Haar, und die meisten Leute sagen, daß es ein Vergnügen sei, ihn anzusehen. Ich finde das nicht. Ich mag ihn nämlich nicht leiden.
Er schloß sich uns an und begrüßte uns alle vier. Er strahlte über das ganze Gesicht.
»Darf ich um den nächsten Tanz bitten, Katja?« fragte er.
Katja nickte erfreut. Der Tanz ging gerade zu Ende. Katja winkte uns zu und ging dann mit John zum Eingang des Tanzpodiums. Als die Kapelle wieder anfing zu spielen, waren Katja und John als erste auf der Tanzfläche. Ich stellte fest, daß John gut tanzen konnte. Er war sehr selbstsicher. Es schien ihm nicht das geringste auszumachen, daß so viele Menschen da herumstanden und gafften.
»Von mir aus können wir weitergehen«, erklärte ich.
»Warum sollen wir hier herumstehen und zusehen, wie die Leute tanzen? Kommt!«
Brille zögerte.
»Ja, aber was wird mit Katja?«
»Sie wird uns schon finden«, sagte ich.
Erik rief zu ihr hinauf:
»Wir bummeln ein bißchen herum.«
Sie verstand ihn trotz der Musik und nickte zu uns herunter.
Dann gingen wir.
Ein Polizist lief an uns vorbei. Er bahnte sich mit den Ellenbogen einen Weg durch die Menge und schien es sehr eilig zu haben.
»Da scheint etwas los zu sein«, meinte Erik. »Kommt!«
Wir drängelten uns auf dem gleichen Weg voran wie der Beamte und sahen plötzlich einen riesigen Auflauf vor einem der Zelte am äußeren Rand des Platzes, nicht weit von dem Zelt entfernt, in dem wir kurz vorher noch gesessen und geschwitzt hatten.
Es handelte sich um einen Schießstand. Auf einem großen Schild stand darüber: Drei Schuß eine Krone. Zunächst konnten wir gar nichts sehen, weil so viele Menschen davor standen. Wir versuchten, uns zwischen ihnen hindurchzuzwängen, aber das mußten wir bald aufgeben. Doch dann kamen wir auf den Gedanken, die Ankerwinde hinaufzuklettern, die die Fischer benutzen, um ihre Boote an Land zu ziehen, wenn sie überholt werden müssen, und jetzt konnten wir erkennen, was da vorging, jetzt konnten wir nämlich über die Köpfe der Menschen in den Stand hineinsehen.
Hinter der Theke stand ein schwarzhaariger Mann, der gerade zwei Polizeibeamten eine Erklärung zurief und dabei lebhaft mit den Händen gestikulierte. Er war offenbar der Besitzer des Standes. Einer der beiden Beamten machte eifrig Notizen in ein kleines schwarzes Heft.
Es wurde uns sehr schnell klar, was passiert war. Zum Teil konnten wir es den Erklärungen des Mannes entnehmen, zum Teil konnten wir es selber sehen. Irgend jemand hatte von hinten durch die Zeltwand hindurch die Gewinne des Schießstandes zerstört. Er mußte dazu eine Keule oder einen Hammer oder etwas Ähnliches benutzt haben. Die Gewinne hatten auf Regalen an der Rückwand gestanden, oberhalb der Schießscheiben. Nun lagen sie zerbrochen und zerschmettert auf dem Boden, ein wüstes Durcheinander von Uhren, Krügen, Vasen und Aschenbechern. Der Besitzer war wütend. Wir konnten es ihm nachfühlen. Das war ja auch ein übler Streich.
Und natürlich war niemand da, der den Übeltäter gesehen hatte. Er mußte hinter dem Schießstand gestanden und auf die Rückwand losgeschlagen haben. Hinterher war er anscheinend über den Platz geflüchtet, der den Fischern zum Trocknen der Fische dient – zwischen den Netzen hindurch und vorbei an den kleinen Arbeitsschuppen, die die Fischer dort aufgestellt haben.
»Mein ganzer Verdienst ist zum Teufel!« rief der Mann.
Der eine der Beamten, ein langer Kerl mit einem verschlafenen Gesicht, klopfte ihm beruhigend auf den Arm.
»Wir werden den, der das getan hat, schon erwischen«, tröstete er.
Brille, Erik und ich sahen uns an. Wie der das wohl schaffen wollte?
Der Standbesitzer rief:
»Ja und was dann? Bekomme ich dadurch meinen Verdienst zurück? Werden davon meine Krüge wieder heil?«
Wir sprangen vom Spill herunter und gingen hinter das Zelt. Dabei untersuchten wir das trockene Gras, fanden jedoch nicht den geringsten Anhaltspunkt, der uns hätte helfen können, dem Täter auf die Spur zu kommen.
Erik war ein bißchen weiter fortgegangen. Plötzlich bückte er sich und rief:
»Kommt doch mal her und seht euch das an!«
Da lag ein dicker Stock. Erik hielt ihn in der Hand, als die beiden Beamten in der gleichen Absicht wie wir um das Zelt herumkamen.
»Nun, was hast du denn da?« rief der eine.
Erik ging zu ihm hin und reichte ihm den Stock.
»Der hat hier gelegen. Vielleicht hat er es damit getan.«
Der Beamte schlenkerte den Stock prüfend hin und her.
»Hm? Was sagst du? Wo hat der gelegen?«
Erik zeigte ihm die Stelle noch einmal.
»Tja, es sieht beinahe danach aus.«
Der andere Beamte, der mit dem verschlafenen Gesicht, war stehengeblieben und hatte uns mißtrauisch angesehen. Jetzt sagte er:
»Hört mal her. Ihr habt das doch hoffentlich nicht getan?«
»Wir?«
Wir guckten ihn ungläubig an.
»Natürlich haben wir das nicht getan.«
»Erstens,« sagte Brille, «sind wir gerade eben erst gekommen.«
»Und zweitens«, fügte Erik hinzu, »würden wir bestimmt nicht hier herumstehen, wenn wir es getan hätten.«
Der Beamte sah ihn gereizt an.
»Ja, gewiß«, gab er zu. »Aber aus Gründen der Sicherheit müssen wir eure Namen aufschreiben.«
»Wozu denn das?« fragte ich. »Wir haben mit der Sache nichts zu tun. Wir sind nur um das Zelt herumgegangen, um vielleicht irgendeine Spur von dem Täter zu finden. Und dabei entdeckte Erik den Stock, mit dem der Mann das vielleicht getan hat. Gleich danach kamen Sie. Anders ist es nicht gewesen.«
Der Beamte sah mich mit zusammengekniffenen, verschlafenen Augen an.
»Und woher weißt du, daß es ein Stock war, mit dem das gemacht worden ist?«
»Herrgott!« rief Erik, »das wissen wir ja gar nicht. Wir sagten nur, daß es mit dem Stock getan worden sein könnte.«
Der Beamte hatte sein Notizbuch wieder aus der Tasche gefischt. Er leckte an dem Bleistift.
»Dein Name?«
Erik antwortete nicht.
»Ich habe dich nach deinem Namen gefragt. Wie heißt du?«
Als Erik immer noch schwieg, faßte der Beamte ihn am Arm und schüttelte ihn.
»Hören Sie doch mal zu«, sagte Brille. »Wir haben wirklich nichts getan.«
Der Beamte schüttelte Erik von neuem.
»Kann ich vielleicht deinen Namen und deine Adresse erfahren, du?«
Erik schüttelte mit zusammengekniffenen Lippen den Kopf. Der andere Beamte stand immer noch auf der gleichen Stelle und hielt den Stock in den Händen. Er schien sich nicht einmischen zu wollen.
»Wozu brauchen Sie meinen Namen, wenn ich nichts getan habe?« fragte Erik.
Der Beamte sagte, während er sich zu seinem Kollegen wandte:
»Ich habe keine Lust, hier noch länger herumzustehen und zu diskutieren. Ich glaube, irgend etwas stimmt bei diesen drei Burschen nicht. Wir wollen sie mal mit zur Polizeiwache nehmen.«
»Ich sage Ihnen ja schon meinen Namen«, sagte Erik. Der Beamte ließ seinen Arm los, um schreiben zu können. Erik sprang zwei Schritte zur Seite.
»Haut ab!« rief er uns zu.
Wir liefen alle drei davon.
2
Wir rannten los, und die beiden Beamten rannten hinter uns her. Da wir aber die kleineren waren, konnten wir leichter zwischen den Trockengestellen für die Fische hindurchschlüpfen. Wir liefen, so schnell wir konnten, aber wir konnten die beiden nicht abschütteln. Erik rief uns leise zu:
»Es ist wohl besser, wenn wir uns trennen und jeder für sich weiterläuft. Ich verschwinde jetzt zwischen den Schuppen hier rechts.«
»Dann laufe ich in die entgegengesetzte Richtung, wieder mitten zwischen die Zelte und zurück auf den Festplatz«, schnaufte Brille.
»Okay«, sagte ich. »Ich laufe dann weiter geradeaus.«
In diesem Augenblick waren wir gerade vor unseren Verfolgern verborgen. Aber wir konnten hören, wie sie hinter uns herkeuchten. Erik flüsterte:
»Wir treffen uns an der Schiffschaukel wieder, sobald wir sie losgeworden sind.«
Dann war er weg. Brille war auch nicht mehr zu sehen. Ich lief weiter geradeaus und hoffte, einen Schlupfwinkel zu finden. Ich war noch niemals vorher hier gewesen, in dieser Wildnis von Schuppen und Trockengestellen, von Schubkarren, Teerfässern und Fischbehältern. Ich wußte gar nicht so recht, wie ich hier wieder herausfinden sollte. Andererseits gaben mir alle diese Dinge große Chancen, einen Unterschlupf zu finden. Ich blieb einen Augenblick an einem der Arbeitsschuppen stehen und versuchte die Tür zu öffnen. Aber sie war abgeschlossen. Als ich weiterlief, hörte ich, wie hinter mir jemand rief:
»Da ist er!«
Ich lief noch schneller und war den Blicken der beiden sofort wieder entschwunden. Alle beide waren hinter mir her. Das bedeutete, daß Brille und Erik ihnen entwischt waren. Ich brauchte jetzt also nur noch an mich selber zu denken.
Das tat ich dann auch. Ich überlegte und überlegte, und dabei lief ich weiter, so schnell ich nur konnte. Es wurde mir jetzt bewußt, daß wir da in eine ganz unglückliche Lage geraten waren. Wir waren doch ganz unschuldig. Im Gegenteil, wir hatten den beiden Dummköpfen, die mir jetzt prustend und stöhnend auf den Fersen waren, sogar helfen wollen. Ich überlegte, was ich tun könnte, falls sie mich erwischen sollten. Ich hatte keine Angst. Mein Gewissen war so halbwegs rein. Dann kam mir der Gedanke, daß ich, falls es schiefgehen sollte, versuchen mußte, mit Larsen, unserem Dorfpolizisten, zu sprechen. Er kennt uns ja. Er würde den beiden fremden Beamten schon klarmachen können, daß wir es nicht gewesen waren, die die Gewinne des Schießstandes zerdeppert hatten.
Puh! mir wurde ordentlich warm. Mein einziger Trost war, daß es für meine Verfolger noch wärmer sein mußte. Noch viel wärmer sogar!
Aber alles, was ich jetzt erzählt habe, spielte sich in viel kürzerer Zeit ab, als man beim Lesen meint. Die Verfolgungsjagd hatte viel weniger Zeit in Anspruch genommen, als ich zum Niederschreiben gebraucht habe.
Jetzt war ich schon fast unten am Wasser. Aber da, direkt am Strand, standen sämtliche Autos und Wohnwagen der Zeltbesitzer. Ich schlüpfte zwischen ihnen hindurch und lief auf einen grünen Wohnwagen zu, dessen Tür offenstand.
Ich blickte zurück. Zwischen mir und meinen Verfolgern befanden sich gerade einige Wagen. Ich sprang darum schnell die Treppe des grünen Wagens hinauf und verschwand in seinem Innern. Ich bemerkte erst hinterher, daß ein junges Mädchen dicht neben der Treppe gestanden hatte. Ich hatte es nicht gesehen, weil es Wäsche auf eine Leine hängte. Es konnte aber kein Zweifel darüber bestehen, daß es mich gesehen hatte.
Ich hatte mich gerade unter dem Tisch im Wohnwagen versteckt, als ich die beiden Beamten heranstürmen hörte.
Der eine rief:
»Ist hier ein Junge vorbeigelaufen?«
Ich hörte das Mädchen antworten:
»Ja, er ist da hinuntergelaufen, zum Festplatz hin.«
Aus dem Geräusch der Schritte hörte ich, daß die beiden Beamten weiterliefen. Ich wischte mir den Schweiß von der Stirn. Ich war gerettet!
Das Mädchen tauchte im Türrahmen auf. Es war wohl im gleichen Alter wie ich. Es trug einen enganliegenden Pullover mit Silberpailletten und einen ganz kurzen Faltenrock.
Ich kroch aus meinem Versteck hervor.
»Ich danke dir«, sagte ich.
Das Mädchen lächelte mich an. Es war sehr hübsch und hatte ganz blonde Haare.
»Hat das nicht prima geklappt?« fragte sie.
»Ganz prima«, antwortete ich.
Sie sah mich neugierig an.
»Was hast du denn angestellt?« fragte sie dann.
Ich schüttelte den Kopf.
»Das ist es ja gerade, ich habe nichts getan. Es handelt sich um einen Irrtum, verstehst du? Sie glauben, daß ich etwas getan habe. Darum bin ich fortgelaufen, und nun laufen sie hinter mir her. Ich war mit zwei Freunden zusammen, aber die sind ihnen entwischt.«
»Und ihr habt wirklich nichts getan?«
Ich sah ihr an, daß sie nicht ganz glaubte, was ich sagte.
»Es ist wahr«, bekräftigte ich.
»Ja, aber warum . . .?«
Ich guckte mich im Wagen um. Ich war noch nie vorher in einem Wohnwagen gewesen. Es war sehr schön und gemütlich hier, vor allem war viel mehr Platz, als ich je gedacht hatte.
»Da ist irgend so ein Flegel gewesen, der sämtliche Gewinne in einem der Schießstände zerschlagen hat. Wir waren daher um das Zelt herumgegangen und wollten nachsehen, ob von dem Täter noch eine Spur zu entdecken wäre. In dem Moment kamen die Polypen und behaupteten, daß wir es getan hätten. Da sind wir abgehauen. Das ist alles.«
»Ein Schießstand? Welcher denn?«
Das Mädchen wirkte ganz aufgeregt. Ich schilderte ihr, wo das Zelt stand.
»Das gehört meinem Vater.«
»Deinem Vater? War das dein Vater, der da drin stand?«
Sie schüttelte den Kopf.
»Nein, aber mein Vater ist der Eigentümer. Der Mann in dem Schießstand ist nur bei meinem Vater angestellt. Ist viel zerstört worden?«
Ich nickte.
»Das glaube ich wohl. Der Kerl hat einfach durch die Zeltwand hindurch auf die Gewinne eingeschlagen.«
Das junge Mädchen wurde ganz blaß vor Zorn. Ich verstand das sehr gut.
»So ein Flegel!« sagte sie. Ich hatte Angst, daß sie anfangen würde zu weinen.
Da hörten wir jemanden schnellen Schrittes herankommen.
Das Mädchen stellte sich in die offene Tür. Ich hörte eine Männerstimme:
»Inge, wo ist dein Vater? Irgend jemand hat die ganzen Gewinne im Schießstand und in der großen Tombola vernichtet.«
»Auch in der Tombola?« fragte Inge.
»Ja, eben, vor ein paar Minuten. Zuerst im Schießstand und ein paar Minuten später in der Tombola. Im Schießstand ist viel verdorben worden, aber in der Tombola war es nicht so schlimm. Wo ist dein Vater?«
»Das weiß ich nicht. Er ist vor fünf bis sechs Minuten fortgegangen. Ich nehme an, daß er zum Festplatz wollte. Ich selber gehe auch gleich hin, weil ich in wenigen Minuten auftreten muß.«
Der Mann lief weiter. Inge kam wieder in den Wagen zurück.
»Was gibt es doch für Rüpel«, sagte sie.
Ich nickte.
»Gehört die Tombola auch deinem Vater?«
»Ja. Er hat eine ganze Reihe Zelte hier. Herrje, wird er zornig sein, wenn er das erfährt! Es ist wirklich ärgerlich. Vater hat vorher schon so viel Sorgen gehabt.«
»Jedenfalls weißt du jetzt, daß wir es nicht getan haben. Denn das in der Tombola muß passiert sein, als die Polypen schon hinter uns herliefen.«
Sie lächelte ganz schwach.
»Das habe ich auch gar nicht angenommen«, sagte sie. Dann guckte sie auf ihre Uhr.
»Wo trittst du auf?« fragte ich.
»Drüben im ›Varieté‹. Das ist das größte Zelt von allen. Ich bin Jongleur. Ich werfe Teller in die Luft und fange sie wieder auf.«
»Gehört das Zelt auch deinem Vater?«
»Ja«, antwortete sie. »Jetzt muß ich aber fort.«
»Ich werde auch wieder gehen«, erklärte ich. »Ich danke dir, daß du mir geholfen hast.«
»Nein, geh doch nicht fort!«
»Das werde ich wohl müssen«, sagte ich.
»Nein, du kannst hierbleiben, bis ich zurückkomme. Wohin willst du denn auch gehen?«
Ich zuckte mit den Schultern.
»Zum Festplatz.«
»Dann wirst du sofort geschnappt. Nein, du mußt hierbleiben, bis sie es aufgegeben haben, nach dir zu suchen.«
»Ja, wenn nun aber jemand kommt, solange du fort bist? Dann sieht es doch sonderbar aus, wenn ich hier herumsitze. Und wenn dein Vater kommt?«
»Dann brauchst du ihm nur alles so zu erzählen, wie es ist. Grüß ihn von mir und sag ihm, ich werde, sobald ich nur kann, zurückkommen.«
Sie sah wieder auf ihre Uhr.
»Ich laufe jetzt, aber in einer Viertelstunde bin ich schon wieder zurück. Ich bin bei der großen Schau nicht dabei. Ich werde mich sehr beeilen.«
»Schön«, sagte ich, »nochmals vielen Dank.«
Sie lief hinaus, und ich setzte mich an den Tisch und wartete darauf, daß sie zurückkäme.
An der Wand hing eine Uhr. Mir kam es so vor, als tickte sie nur ganz langsam. Ich horchte auf das Ticken und sah zwischendurch einmal auf den Zeiger. Er bewegte sich kaum.
Ich überlegte, wie es Erik und Brille wohl ergangen sein mochte. Höchstwahrscheinlich standen sie jetzt dort hinten bei der Schiffschaukel und warteten darauf, daß ich auch auftauchte. Vielleicht glaubten sie auch, daß ich festgenommen worden wäre.
Ich habe nie gern gewartet. Vielleicht gibt es Menschen, die dafür geschaffen sind – ich bin es jedenfalls nicht. Ich stand auf und ging in dem Wohnwagen hin und her wie ein Löwe im Käfig. Vom Festplatz herüber konnte ich den Lärm hören. Am lautesten aber klang während der ganzen Zeit die Musik von der Tanzfläche. Ich hätte gern gewußt, ob Katja wohl noch immer mit John tanzte, aber ich hoffte, daß sie es nicht tat. Statt dessen wünschte ich mir, daß sie auf dem ganzen Festplatz herumlief, um mich zu suchen. Ich hatte richtig Sehnsucht nach ihr. Es ärgerte mich, daß ich nicht ordentlich tanzen gelernt hatte. Ich war zwar einige Monate zur Tanzstunde gegangen, aber ich hatte mir nicht besonders viel daraus gemacht. Jetzt ärgerte ich mich darüber und wünschte mir, genauso gut tanzen zu können wie John.
Ich fragte mich, ob wohl alle Polizeibeamten auf dem Festplatz jetzt Ausschau nach uns hielten. Es war schon eine verteufelt unangenehme Lage, in die wir uns selbst gebracht hatten.
Aber auf eine gewisse Art und Weise genoß ich die Situation auch wieder. Es war schon aufregend, gesucht zu werden, vor allem, wenn man nichts ausgefressen hatte. Wenn wir doch nur aufklären könnten, wer es in Wirklichkeit gewesen war! Das wäre prima. Nur so konnten wir uns von dem Verdacht befreien. Wenn wir den Täter erwischten und der Polizei auslieferten, dann wäre alles wieder in Ordnung. Was für große Augen sie dann alle machen würden!
Und es gab ja auch einen Grund, den Täter zu suchen, einen sehr triftigen Grund sogar. Ich würde Inge, dem Jongleurmädchen, und ihrem Vater so gerne helfen. Inge hatte sich mir gegenüber sehr anständig verhalten. Ich konnte darum nur wünschen, daß ich es ihr auf irgendeine Art und Weise vergelten konnte. Es wäre gut, wenn Erik, Brille und ich – und Katja natürlich, wenn sie nicht zu sehr davon in Anspruch genommen war, mit John zu tanzen –, wenn wir vier den Mann fangen könnten, der die Gewinne in den beiden Zelten von Inges Vater zerschlagen hatte.
War es vielleicht nur Zufall, daß beide Zelte, der Schießstand und die große Tombola, Inges Vater gehörten? Oder war es vielleicht ein Racheakt? Gab es jemanden, der ihm schaden wollte und deshalb systematisch vorging und ihm sein Geschäft verdarb?
Es konnte natürlich auch ein ganz gewöhnlicher Dummejungenstreich sein, der mit Inges Vater nicht das geringste zu tun zu haben brauchte.
Auch dann wäre es gut, den Burschen, der dafür verantwortlich war, zu fangen. Er verdiente eine ordentliche Tracht Prügel, dieser Flegel.
Ich ging zur Tür und guckte hinaus, aber ich zog den Kopf schnell wieder zurück. Zwei Männer waren auf dem Weg zu diesem Wagen. Aber keiner von beiden war Inges Vater. Dazu waren sie zu jung. Sie mochten ungefähr zwanzig Jahre alt sein. Sie trugen Arbeitshosen und schmutzige Hemden. Sie glichen den Männern, die am vergangenen Abend hier herumgegangen waren und die Zelte und Karussells, das Riesenrad und alle die anderen Sachen auf dem Strandplatz aufgestellt hatten. Ich mochte ihre Gesichter nicht leiden. Sie sahen so brutal aus. Ich zog meinen Kopf also ganz schnell zurück und konnte daher ziemlich sicher sein, daß sie mich nicht gesehen hatten.
Darmowy fragment się skończył.