Czytaj książkę: «Solleone. Eine Geschichte von Liebe und Tod»
Isolde Kurz
Solleone
Eine Geschichte von Liebe und Tod
Saga
Solleone
Die Geschichte, die ich erzählen will, habe ich von einem befreundeten Kunstgelehrten, der im Weltkrieg verscholl. Er war eine feinsinnige, ganz nach innen gerichtete Natur mit starker seelischer Erlebniskraft, aber schwach entwickelten Organen zur Aufnahme der Aussenwelt und besser in den Schätzen der Galerieen als im Naturleben bewandert. Wenn man mit ihm im Freien ging, musste man scharf auf die Wege achten, denn er hatte die Neigung, im Eifer des Gesprächs ganz unbewusst von der Richte abzudrängen; ging er allein, so geschah ihm leicht dasselbe, weil er sich dann in einsame Gedanken verspann. Die Vermutung liegt nahe, dass ihm diese Eigenheit im Krieg, den er schon in vorgerücktem Alter mitmachte, verhängnisvoll geworden sei. Sein Name war Martin Francke. In jungen Jahren hatte er einmal in Italien einen leichten Sonnenstich erlitten, und seitdem trat die angeborene Zerstreutheit deutlicher hervor. Die Umstände, unter denen jener Unfall sich ereignete, liessen eine tiefe Spur in seinem Leben und waren zugleich in wunderlicher Weise mit einem ihm völlig fremden Schicksal aus längst vergangenen Tagen verknüpft, auf das er mit seinem Denken immer wieder zurückkam.
Martin Francke hatte nach der Universitätszeit vorübergehend eine Hauslehrerstelle bei einer wohlhabenden Familie in Frankfurt eingenommen, wo er einen sonst gut begabten, aber in den humanistischen Fächern zurückgebliebenen jungen Menschen für die Abgangsprüfung vorbereiten musste. Seinen Zögling, dem der Name Manfred gut zu Gesichte stand, liebte er wie einen jüngeren Bruder und hat ihm zeitlebens das zärtlichste Andenken bewahrt. Denn dieser Jüngling war nach Martin Franckes Zeugnis so etwas wie eine Handarbeit Gottes inmitten der menschlichen Fabrikware, ein alleredelstes Stück deutscher Jugend. Zwischen Lehrer und Schüler war der Abstand der Jahre nicht gar zu gross, wenn auch Francke durch den Vollbart, der ihm schon in frühester Jugend gewachsen war, bei weitem älter aussah, und da ein jeder gerade das besass, was dem andern fehlte, waren sie als Freunde wie für einander geschaffen.
In dem jungen Manfred kündigte sich auf Schritt und Tritt der Naturforscher an, der er werden wollte. Er beobachtete das Tierleben, sammelte Pflanzen und Steine, und eine Landschaft war ihm ihrer Gestaltung nach beim ersten Schritte durchsichtig. Dagegen fehlte ihm der Sinn für alles Sprachgesetz, und erst als sein Hofmeister den glücklichen Einfall hatte, ihm die Sprache gleichfalls als einen lebendigen, nach ähnlichen Normen wie die Naturgebilde wachsenden Organismus zu zeigen, glückte es ihm, den Geist des Schülers zu fesseln und ihn dann auch heil an den Klippen der Matura vorüberzubringen. Zum Dank schickte die Familie Lehrer und Zögling auf eine gemeinsame Ferienreise nach Italien. Im toskanischen Apennin am Südhang des Monte Giovi lebte dem Jüngling ein italienischer Verwandter, auf dessen ländlichem Anwesen er schon als Knabe die Ferien zu verbringen pflegte. Bei diesem sollte er sich samt dem miteingeladenen Lehrer von den Mühen der Studierstube erholen. Als die Mutter dem älteren Freunde beim Abschied empfahl, auf seinen Zögling gut achtzuhaben, dass ihm nichts zustosse, fügte der Vater lachend hinzu:
Und du, Manfred, gib gut acht auf deinen Mentor, dass auch ihm nichts zustösst.
Das war eine berechtigte Mahnung, denn der Schüler war der lebensgewandtere von beiden, dabei schlank und schön wie ein Olympiasieger, mit Muskeln, die hart und straff waren wie Holz, während der Lehrer schwächer gebaut und nur für geistige Anstrengungen gestählt war, ausserdem, wie schon gesagt, in äusseren Dingen ein wenig ungeschickt.
Den beiden schloss sich als dritter Reisekamerad noch ein Studienfreund Martin Franckes an, der Archäologe Dr. Karl Johannsen, der einige Jahre später bei den Ausgrabungen auf Kreta starb. Ihm zuliebe machten die Freunde einen starken Umweg und durchwanderten zu Fuss das Umbrische und einen Teil des Toskanischen auf den Spuren der Etrusker. Manfred ruhte nicht, bis die beiden Älteren ihr kleines Gepäck mit in seinen Rucksack steckten, der schon den eigenen Reisebedarf nebst einem Kodak enthielt, und unter diesem Ballast, den er noch durch mineralogische Funde vermehrte, marschierte er auch bei der Hitze Leichtfüssig weg, ohne ihn zu spüren. Seine Gesellschaft kam den zwei anderen wohl zustatten, denn er sprach fliessend das Italienische, und seiner munteren Liebenswürdigkeit und glücklichen Erscheinung öffneten sich alle Türen, auch fiel, wohin sie kamen, die Nachtherberge annehmbar und die Zeche billig aus.
Als sie den Consumapass überschritten hatten und Johannsen sich von den andern trennen wollte, um über Florenz die Heimreise anzutreten, liess Manfred es durchaus nicht zu. Sein Verwandter sei der gastfreundlichste Mann von der Welt, er liege ordentlich auf der Lauer, um Fussreisende abzufangen und auf sein Gut zu schleppen, wo er oft monatelang gebildeten Umgang entbehre. Herr Parga würde sich für persönlich geschädigt halten, wenn ein Fremder von Belang in seiner Nähe vorbeigereist wäre, ohne bei ihm einzutreten. Und übrigens habe er, Manfred, bereits den dritten Gast angekündigt. Der also Genötigte liess es sich gern gefallen, und des anderen Morgens brachen die drei wohlgemut nach dem Monte Giovi auf. Nur dass unglücklicherweise die Stunde des Abmarsches durch einen ländlichen Schuster von Pontassieve verzögert worden war, der einem der Wanderer die zerrissene Sohle auszubessern hatte.
Man trat soeben in die Hundstage, die der Italiener Solleone, Löwensonne, nennt, nicht weil, wie das Landvolk meint, die Sonne alsdann Löwenstärke hat, sondern um ihren Stand im Tierkreis zu bezeichnen; doch ein leichtbedeckter Himmel stellte angenehmes Marschwetter in Aussicht. Niemand konnte erwarten, dass dies der heisseste Tag des Jahrhunderts werden würde, wie man später festgestellt hat.
Wie eine Sphinx mit vorgeschobenem Oberleib kauerte der Berg vor ihnen, den eine bestrittene Überlieferung mit dem alten Jupiterkult in Verbindung bringt. Seine tiefzerklüfteten Flanken glichen ungeheuren versteinten Wellen und waren bis zu halber Höhe mit niedrigem Baumwuchs bedeckt. Und wie nun einmal alles, was mit dem klassischen Altertum zusammenhängt, die Seele des Gebildeten in stärkere Schwingung versetzt, glaubten die beiden angehenden Gelehrten sich dem Sitze des Göttervaters zu nähern, obgleich ihr nüchterner junger Kamerad versicherte, dass der Monte Giovi sich weder durch antike Baureste noch durch alte Ortssagen vor den anderen Apenninenhäuptern auszeichne. Bald war der lange schmale Grat mit Kreuz und Kirchlein nicht mehr zu sehen, denn das Felsgebäu des Unterstocks hing schwer über die Wanderer herein und liess von der Glut des nahenden Mittags einen beschwerlichen Aufstieg fürchten. Dr. Johannsen seufzte und stöhnte, er war ein Koloss auf tönernen Füssen, denn ein zu schwach geratenes Beingerüst hatte bei ihm die Last eines allzuschweren Oberkörpers zu tragen. Aber unvermutet kam auf holprigem Fahrweg, der sich neben dem Fusssteig, doch nicht so jäh wie dieser, zu Tale stürzte, ein mächtiges Gespann weisser toskanischer Ochsen im Schmuck ihrer roten Troddeln in Sicht, behäbigen Schrittes ein abenteuerliches Fuhrwerk hinter sich herschleppend. Manfred schrie vor Vergnügen laut auf und pfiff durch die Hände, worauf ihm ein gleicher Pfiff und ein Knallen mit der Peitsche antwortete.
Bist du’s, Dario? rief er dem jungen Bauern zu, der das Leitseil hielt, worauf ein fröhliches Gnorsì (Ja, Herr) antwortete.
Das dacht ich mir gleich, sagte er dann zu den zwei andern, der alte Herr schickt uns seine Staatskarosse entgegen, diese Aufmerksamkeit liess er sich natürlich nicht nehmen.
Die beiden anderen umgingen und bestaunten das seltsame Gefährt. Auf einem hölzernen Schlitten oder Bergschleife war ein länglich viereckiger Weidenkorb befestigt, in dem drei Stühle bereit standen, und Manfred erklärte den Reisegenossen, dass alle ansässigen Herrschaften sich solcher Equipagen bedienten, weil der Zustand der höheren Feldstrassen und ihre grosse Steile das Fahren mit Rädern erschwere. Dieses Fuhrwerk war übrigens nicht allein zur Bequemlichkeit der Reisenden gekommen, sondern hatte vor allem aus einer am Berge klebenden Ortschaft den Mundbedarf der Gäste heraufzuschaffen, wie eine mächtige in Tücher und Blätter gehüllte Ochsenrippe und eine ebensolche Hammelkeule verrieten. Die Stühle waren nur mitgeschickt, damit der eine oder der andere der Herren „Alpinisten“, wie der Bauer sich schmeichelhaft ausdrückte, im Notfall davon Gebrauch machen konnte.
Betrachten wir dieses Gespann mit Ehrfurcht, sagte der bärtige Mentor: mit solchen grossen weissen, troddelumbaumelten Ochsen sind gewiss schon die Urahnen dieses jungen Landmanns ausgefahren, um auf der Spitze des heiligen Berges dem Göttervater zu opfern.
Und von der klassischen Erinnerung angefeuert, kletterte er eilig über die Deichsel in den Wagenkorb. Die beiden andern folgten, der schwarzäugige Bursche, in dem Manfred einen ehemaligen Spielkameraden wiedergefunden hatte, nahm das Leitseil zur Hand, und nun ging es unter Via! und Va-n-là! bergan.
Nach tausend Schritten fühlten sich die zwei Neulinge an allen Knochen zerschlagen, und Manfred, der schon nach einer Minute wieder herausgesprungen war, sah ihnen lachend zu, wie sie sich samt dem Sitz mühsam an Bord hielten, denn solange es steil hinaufging, mussten sie darauf achten, nicht nach rückwärts mit dem Stuhl hinauszurutschen, und bei einer plötzlichen Senkung des Weges waren sie in Gefahr vornüberzukippen. Er selber ging mit seinem Rucksack, den er nur um die Gepäckstücke der Freunde erleichtert hatte, aber durchaus nicht ablegen wollte, lustig daneben. Er freute sich diebisch, so oft die Cibea – so nannte sich jenes urtümlichste aller Fuhrwerke – das eine Mal mitten durch ein Loch rutschte, wobei der eingedickte Schlamm aufspritzte, das andere Mal über einen Steinbrocken weg musste, der breit im Wege lag. Die Ochsen nahmen jedes Hindernis mit unerschütterlicher Gelassenheit und trugen ihre Last sicher an den Abstürzen hin. Aber die Reisenden wurden unzählige Male mit ihren Stühlen gegen den Rand der Cibea geschleudert und rieben sich bei jedem Stoss schmerzhaft die Kniee. Martin Francke ertrug es nicht länger, er kletterte gleichfalls aus dem Marterstühlchen und nahm den Weg unter die Füsse, nur Johannsen erklärte, es sei eine heilige Lebensregel, niemals zu Fusse zu gehen, wo man auch nur zum schlechtesten Fahren Gelegenheit habe, und um seinem Widerspruch Nachdruck zu geben, spannte er den ländlichen grünen Riesenschirm auf, unter dem er sich wie unter einem Baldachin zurechtsetzte.
Manfred hatte sich zu Dario gesellt und vertiefte sich mit ihm in die Erinnerung ihrer Knabenspiele. Martin ging in Gedanken vor sich hin und vernahm nur mit halbem Ohr die Gespräche der beiden.
Sie wissen doch, dass mein Bruder Mario gestorben ist? hörte er den jungen Landmann sagen.
Mein Onkel hat es mir geschrieben. Wie ging es nur zu? war die Antwort.
Vor zwei Jahren hat ihn bei der Ernte ein Hitzschlag getroffen. Sie werden unterwegs die Stelle sehen, wir haben sie mit einem Kreuz bezeichnet. Es war gar kein besonders heisser Tag, noch lange nicht so heiss wie heute, und niemand begriff, wie es geschehen konnte.
Der arme Mario. Ich erinnere mich seiner sehr gut. Er war ein bildschöner Junge und solch ein braver Kamerad. Ja, Herr, das war er.
Dann gingen sie eine Weile schweigend nebeneinander. Aber lange hielt der Ernst nicht vor. Denn jetzt musste Manfred den Ruf der Goldammer über den gemähten Feldern nachahmen, worauf Dario sein Licht auch nicht unter den Scheffel stellte, sondern um die Wette alle bekannten Vogellieder samt den Texten, die der toskanische Bauer ihnen unterstellt, zum besten gab. Die zwei Älteren wurden von der Fröhlichkeit der Jungen angesteckt und übten sich in der gleichen Kunst. Der Berghang widerhallte von dem Lockruf der Amsel, aus dem das Landvolk die Worte heraushört: Bella mia, ti vedo, sì, sì, sì. (Schönes Kind, ich seh dich, ja, ja, ja!)
Unterdessen drang die Sonne mit steigender Kraft durch den lichter und lichter werdenden Baumbestand, Staub und Hitze wurden immer lästiger. Langsam kroch das Fuhrwerk die breiten, schattenlosen Kehren an dem glühenden Gebirgsstock empor. Die beiden Fussgänger aber benützten die steileren Richtwege oder klommen auch weglos im dichten Schatten des Gehölzes bergan, nachdem sich Manfred mit dem Lenker der Cibea über den Ort verständigt hatte, wo sie wieder zusammentreffen wollten, um gemeinsam ihren Einzug in der Villa Parga zu halten. Da sich aber der Jüngling bei jeder Pflanze, die ihm auffiel, verweilte und viel am Geschiebe herumhämmerte, kamen auch sie nur mit Aufenthalten vorwärts. Auf gepflegterem Wege gelangten sie vor eine dicht umbuschte, mit Farn und Frauenhaar behangene Felsgrotte, die ein rohgefasster Quell tief ins Gestein gewaschen hatte. Hier war Kühle und Schatten. Hohe Buchen und Kastanien stiegen aus dem moosigen Grund und über die Blöcke der Felsenterrasse hinan, alles Pflanzenleben drängte sich gierig um die Feuchtigkeit her. Die steilen Felsenwände umstanden ein künstlich vertieftes und ausgemauertes Becken, das zur bequemen Viehtränke dienen mochte und nur an einer Seite einen schmalen Zugang zu dem Brünnlein freiliess. Ein mässiger Strahl schoss aus dem Felsen und war überraschend frisch. Es hiess deshalb mit verschönernder Übertreibung die Eisige Quelle, und die Bäuerinnen aus den verstreuten Gehöften scheuten keine Entfernung, um ihre Kupfereimer und Kürbisflaschen für den ganzen Tag zu füllen. Sein unschätzbarer Segen war noch weithin an den blauen Vergissmeinnichtaugen zu erkennen, die in der dürren blumenarmen Jahreszeit den Weg seines Ablaufs in Beeten säumten.
Freund Martin geriet in Entzückung über die Romantik des Ortes und begann von Bergnymphen zu fabeln, die zum Baden hieher kämen und den sterblichen Lauscher mit ihrer Rache bedrohten. Sein Skizzenbuch von jener Reise bewahrt noch die Grotte auf mit einer nackten weiblichen Gestalt, die er auf den Rand des Beckens gesetzt hatte, die Füsse im Wasser.
Manfred aber, der seine gesammelten Pflanzen ordnete und an dem Quell erfrischte, äusserte in seiner sachlichen Art auf den Überschwang des Freundes: von Nymphen sei ihm nichts bekannt, aber es schwebe ihm dunkel vor, dass sich irgendeine unheimliche Geschichte an den Ort knüpfe. Wenigstens komme nach dem Aveläuten keine Bäuerin mehr an den Brunnen, um Wasser zu schöpfen. Es solle einmal vor Zeiten, er wisse nicht, ob ein Unglück oder ein Verbrechen da geschehen sein.
Mein Onkel Parga, sagte er, zwang mich als kleinen Jungen, jeden Abend bei einbrechender Dunkelheit an die Quelle herunter zu gehen und ihm einen Krug zu füllen. An der Frische des Wassers erkannte er, dass ich wirklich da gewesen war. Er tat es, um mir die Furchtsamkeit abzugewöhnen, die mir ein paar törichte Bauernweiber eingeredet hatten, und ich bleibe ihm zeitlebens dankbar dafür. Alle Freude an der Schönheit des Ortes verging dem Begeisterten bei dieser Mitteilung. Er streute das gepflückte Vergissmeinnicht zur Erde und sagte:
Die Stelle, wo ein Unglück geschah oder ein Verbrechen begangen wurde, ist verfluchter Grund. Die Blumen, die an einem solchen Orte wachsen, soll niemand zu einem Strauss binden, und wer sich da niederlässt, muss wissen, dass er bei einem Erschlagenen zu Gaste ist.
Sein junger Freund sagte, den Rucksack wieder zuschnürend, kaltblütig:
Mit Dingen, die vorüber sind, kann ich schlechterdings nichts anfangen. Für mich hat sich hier nichts begeben, als dass die kalte Quelle immerzu fliesst und ringsumher Vergissmeinnicht blüht. Was vor mir war, ist nicht gewesen. Menschen früherer Zeiten haben nie gelebt.
So hat dich niemals ein plötzlicher Schrecken überkommen, dass zuweilen aus längst verschwundenen Tagen sich etwas Unfassbares an uns herandrängen will und Schicksal wirken? fragte Martin.
Niemals. Aber wenn ich einmal ausziehen sollte, um das Gruseln zu lernen, so müsste mein Herr Hofmeister dabei sein und mich anleiten, denn allein lerne ich es nun und nimmermehr.
Er huckte mit einem Schwung den Rucksack wieder auf, in dem schwere Steine rollten, die er auf der ganzen Wanderung mit Andacht gesammelt hatte und wie Juwelen hütete.
Jeder hat seine Liebhaberei, antwortete er auf das Bedauern seines Mentors, dass er sich an dem heissen Tag mit solcher Last schleppe. Den einen zieht es zu der Kunst, den andern zu altem Gemäuer, die Mehrzahl läuft hübschen Gesichtern nach; ich aber liebe die Knochen der alten Mutter Erde.
Und immer wieder bückte er sich im Gehen forschend nach dem umherliegenden Gebröckel oder löste mit seinem Hämmerchen etwas Glimmerndes aus der Felswand ab. Martin setzte allein den Weg fort, indem sie durch Zurufe die Verbindung aufrecht erhielten. Zuweilen erreichte ihn der Jüngling wieder, um gleich aufs neue über den Abhang hinunterzutauchen. Als Martin ihn einmal ganz verloren zu haben glaubte und seinen Namen überlaut in die Waldschlucht schrie, antwortete Manfred ganz aus der Nähe mit dem Lockruf der Amsel.
Jener hielt es also für ausgemacht, dass ihm der neckende Puck auf dem Fusse folge, und überliess sich dem tiefen Zauber der Mittagsstille im Gebirge. Gedanken spannen ziellos wie beim Einschlafen, die Lockerung des Ichs und seine Auflösung ins Naturweben begann, die den nordischen Wanderer in südlicher Landschaft so gerne überkommt. Er beobachtete nicht, dass sein Weg wieder breiter wurde und sich unmerklich abwärts senkte: er war, einer Karrenspur folgend, abgeirrt und fand sich plötzlich am Rand eines Rübenfelds. Vor ihm lag ein wuchtiges steinernes Bauernhaus mit Tenne und Strohschobern, und hier war der Weg zu Ende. Auf Rufen und Klopfen kam keine Antwort, nur ein Hund brach in lautes Kläffen aus und zerrte wütend an seiner Kette. Umkehren mochte er nicht, so vertraute er sich seinem eigenen, leider so schwach entwickelten Ortssinn an, indem er über geackerte hängende Felder wenigstens die Fahrstrasse wieder zu erreichen suchte. Ein kleiner Bauernjunge, der aus einem schmierigen Steintrog zwei schwarze Schweine tränkte, hatte auf seine Frage nach dem Weg zu der Villa Parga schweigend die Arme in dieser Richtung ausgestreckt. Über die Schollen stolpernd, stiess er mitten im Felde auf ein niederes hölzernes Kreuz, das ihn an das Gespräch Manfreds mit seinem bäuerlichen Spielkameraden erinnerte: war dies wohl der Ort, wo den Bruder Darios der Unfall getroffen hatte? Aber das Kreuz war morsch, es musste weit älteren Ursprungs sein, auch hatte ja ein Colone des Herrn Parga keinen Anlass, auf einem weit abgelegenen fremden Besitztum zu sicheln. Auf Zickzackwegen arbeitete er sich bergan, die ihm dadurch eingeprägt blieben, dass er im weglosen Höherklimmen über gemähte Wiesen an einem Abhang abermals auf ein Holzkreuz stiess und nach kurzer Zeit auf ein drittes, und dass der Anblick dieser Kreuze inmitten der tiefen Mittagsruhe ihn mit einer seltsamen Traurigkeit überschattete, wofür das Geschick der unbekannten Toten ihm selber keine genügende Erklärung war.
Darmowy fragment się skończył.