Czytaj książkę: «Simon gibt sich nicht geschlagen»

Czcionka:

Ingeborg Arvola
Simon gibt sich nicht geschlagen

Aus dem Norwegischen von Lothar Schneider

Saga

1

Gerade als ich im Flur meine Regenjacke ausziehe und auf den Boden fallen lasse, kommt Mama mit einem Lächeln um den Mund zu mir heraus.

»Schau, was ich für dich habe«, sagt sie und hält mir ein Tagebuch hin.

Auf der ersten Seite steht »Für Simon«. Ich werfe Mama, die immer noch lächelt, einen schiefen Blick zu.

»Nie im Leben kritzle ich in so ein Tagebuch!«, sage ich.

Ich bin nämlich kein so dichterisch veranlagtes Seelchen wie Runa aus unserer Klasse. Sie schreibt jedes Mal längere Aufsätze, als wir müssen, und in der Pause liest sie Bücher! Heute hat Jan ihr Buch angezündet. Zu unserer großen Freude fing sie zu heulen an. Danach wurde Jan von einem aus der siebten Klasse an einen Kleiderhaken gehängt, und als der Lehrer kam um ihn herunterzuholen, sagte er, eigentlich hätte es Jan verdient, hängen zu bleiben, so gemein wie er zu Runa gewesen ist. »Glaub bloß nicht, dass du mich schrecken kannst, Rattengesicht«, hat Jan geantwortet. Er kann so frech sein. Deshalb mag ich ihn. Nicht einmal die großen Jungen können ihn zum Schweigen bringen und um ihn zu verprügeln, sind mehr als zwei nötig. Jan ist mein bester Freund. Mama meint, wir seien ungenießbar. Jetzt hängt sie meine Regenjacke auf und ich frage mich, warum sie immer noch so hintergründig lächelt. Verheimlicht sie mir etwas?

»Wenn du dieses Tagebuch voll schreibst, Simon, bekommst du von mir fünfhundert Kronena«, sagt Mama.

Diese Mütter! Sie weiß, dass ich scharf aufs Geld bin. Und sie nützt das aus! Geht so weit, mich dafür zu bezahlen, dass ich still sitze. Ich habe eine Idee. Sofort verwandelt sich mein schiefer Blick und ich beglücke Mama mit meinem unschuldigen Lächeln.

»Ich denke, wir sagen tausend Kronen«, sage ich.

Mama ist nur eine arme Kunstmalerin und kann nicht einfach so mir nichts, dir nichts 1000 Kronen hinblättern. Das sagt sie jedes Mal, wenn ich etwas will, was über fünf Kronen kostet. Ich grinse immer noch Mama an und bin überzeugt, dass das Tagebuchprojekt damit gestorben sein dürfte. Aus und vorbei.

»Okay«, sagt Mama. »Dann sagen wir tausend.«

Sie dreht sich um und geht und ich stehe da wie ein begossener Pudel. Das ist gemein! Bei tausend Kronen kann ich einfach nicht nein sagen. Hellblau und süßlich klebt das Tagebuch zwischen meinen Fingern. Ich knalle es an die Wand und verschwinde in mein Zimmer. Tausend Kronen dafür, dass ich mal für eine Weile still sitze? Ich gehe erregt auf und ab. Dieses Tagebuchprojekt hat sicher etwas mit Mamas neuem Freund zu tun. Er taucht immer öfter hier auf, und je öfter er hier ist, umso mehr mache ich Zoff. Gestern habe ich einen Knallfrosch in Mamas weite Kitteltasche geschmuggelt und gerade, als sie sich küssen wollten, hat es fürchterlich gekracht. Sie haben ausgesehen, als hätte sie der Blitz gestreift! Mama schob mich in mein Zimmer und fragte mich, warum ich mich wie ein Rotzbengel benehme. Ich sagte, das sei doch logisch. Ich könne ihn einfach nicht ausstehen und das stimmt nun mal. Und jetzt hat sie also vor, mich zu zwingen, Tagebuch zu schreiben. Ich marschiere in Mamas Atelier. Sie reinigt ihre Pinsel und wirft mir einen fragenden Blick zu, als ich hereinstürme.

»Ich mach da nicht mit«, sage ich.

»Kein Tagebuch?«, fragt Mama.

»Nie im Leben!« Ich verschränke demonstrativ die Arme vor der Brust. »Das ist nicht mein Fall!«

»Hm«, sagt Mama nachdenklich.

»Hmmmm«, sage ich und äffe sie nach.

»Zweitausend.« Mama dreht mir den Rücken zu und beschäftigt sich wieder mit ihren Pinseln. Ich schnaube durch die Nase und vergesse, wie wütend ich bin, dass sie mich hereingelegt hat. Für zweitausend kann mich Mama dazu bringen, alles zu tun.

»Zweitausend?«, wiederhole ich mit piepsiger Stimme.

»Ja«, sagt Mama und dreht sich um. Ich sehe, dass ihr Lächeln wieder da ist. »Take it or leave it, baby.«

Ich kann nicht anders als nicken. Als ich gerade gehen will, schießt mir ein schrecklicher Gedanke durch den Kopf. Jan! Was wird er sagen, wenn er erfährt, dass ich Tagebuch schreibe? Er darf es nie erfahren!

»Unter einer Bedingung«, sage ich warnend zu Mama. Sie zieht fragend die Augenbrauen hoch. »Du darfst es nie Jan erzählen.«

»Okay«, sagt Mama.

Ich schlendere in den Flur und hebe das hellblaue Ding auf. Ich überlege, ob ich versuchen soll, den Preis noch weiter in die Höhe zu treiben, zucke dann aber mit den Schultern. Das wäre nutzlos. Ich habe bis jetzt noch nie für irgendetwas so viel Geld bekommen. Das Tagebuch verstecke ich ganz unten in einer Schublade. Dann gehe ich um Jan anzurufen. Er verspricht mir, später zu kommen und mir im Kampf gegen Mamas Freund zu helfen. Der Typ ist Psychiater und Jan hat gesagt, solche Leute arbeiten mit Verrückten. Anfangs meinte Jan, das klinge doch spannend, wenn jemand mit Verrückten zu tun hat, aber weil ich Mamas Freund zutiefst hasse, sind Jan und ich uns einig, dass Psychiater stinken.

Seit kurzem lässt mich der grässliche Gedanke nicht mehr los, Mamas Freund könnte Vorhaben, hier einzuziehen. Statt der früheren Blumensträuße kommt er jetzt immer mit Pappkartons an, die Mama in einem der Zimmer verstaut, die nicht benutzt werden. Er begleitet sie dort hinein und ich lausche an der Tür und platze fast vor Wut, wenn ich die verdächtigen Schmatzlaute höre, die sie erzeugen.

»Hast du dir schon überlegt, wie du mich nennen willst?«, fragte er vor einiger Zeit.

»Schleimer!«, habe ich vorgeschlagen.

»Was hältst du von Stiefvater?«

»Du bist nicht mein Stiefvater!«, habe ich geschnaubt.

»Aber ich werde es bald sein.«

Wenn er Dinge sagt, die mich überraschen, hat er immer so ein ekliges Lächeln im Gesicht. Ich habe Mama gefragt, ob das wahr sei. Ob dieser Typ mein Stiefvater werden soll. Mama blickte in eine andere Richtung und war total mit dem Abschmecken der Suppe beschäftigt, die sie kochte. Ich kapier das alles nicht. Früher sagte sie, dass sie Männer hasse und nichts mehr mit ihnen zu tun haben wolle. Das war seit Jahren ihre Meinung. »Und wenn du, Simon, zwischen den Beinen so weit bist, ein Mann zu werden«, sagte sie noch, »dann kannst du dir eine andere Wohnung suchen.« Und auf einmal tauchte dieser Kerl auf, von dem man nicht gerade behaupten kann, dass er ein Traumprinz ist, und noch dazu ein Psychiater, als könnte er sich darauf etwas einbilden. Nicht einmal Jan begreift das mit diesem Stiefvater und er kennt sich sonst mit Erwachsenen aus. Seine Eltern streiten sich, seit er denken kann.

Ich höre ein Auto in der Einfahrt und bin sicher, dass es Mamas Freund ist. Ich renne in die Diele um Jan anzurufen. Er muss sich beeilen. Als ich den Hörer abnehme, höre ich, wie die Haustür geöffnet wird und Mama in die Garderobe stürzt. Die ekligen Schmatzlaute schallen durch die Wohnung und ich werde so wütend, dass ich mich bei Jans Nummer verwähle. Da höre ich Mamas flüsternde Stimme: »Ich bin mit zweitausend davongekommen, Liebling.«

»Nicht mehr?«, flüstert dieser Kerl. »Und dabei hätte ich mit Freuden zehntausend bezahlt, um ein paar ungestörte Minuten mit dir zu haben.«

Sie kichern und ich lege den Telefonhörer leise auf. Demnach ist es Mamas Freund, der das Geld rausrückt. Das hätte ich mir denken können. Und er wäre bereit gewesen, ohne mit der Wimper zu zucken zehntausend zu zahlen. Das ist zum Heulen. Mir wird ganz schwindlig. Ich knalle die Tür zu meinem Zimmer zu und warte auf Jan.

2

Nach dem Essen kommt Jan rüber zu mir. Er ist schlecht drauf und trampelt mit seinen Straßenschuhen direkt in mein Zimmer. Ich will ihm schon sagen, wie wütend Mama werden kann, wenn sie die Dreckspuren sieht, lasse es dann aber sein. Es ist nicht so, dass ich hier total unterdrückt werde und bei Jan zu Hause alles in Ordnung wäre. Doch wenn sich jemand über sein Dasein beschwert, bin ich es. Jan erzählt fast nie etwas. Er will sich nicht über sein Zuhause beschweren. Ich glaube, er redet nicht gern darüber. Deshalb kommt auch er zu mir und hilft mir bei meinen Problemen. Zuerst gehen wir ins Bad, denn Jan will ausprobieren, ob wir es schaffen, eine Überschwemmung auszulösen.

»Was meinst du, Simon«, sagt er, »wenn ich keinen Stöpsel reinstecke und die Hähne am Waschbecken voll aufdrehe?«

»Vielleicht«, antworte ich hoffnungsvoll.

Wir beobachten eine Weile den rauschenden Wasserstrom, aber es sieht so aus, als würden die Abflüsse im Bad nicht im Geringsten verstopft sein. Das Wasser steigt nie höher als bis zur Hälfte.

»Was sollen wir mit Mamas Freund machen?«, frage ich ungeduldig. »Du wolltest mir doch helfen.«

Jan überlegt. Er ist ein absoluter Spezialist für Streiche und nach kurzem Nachdenken blitzen seine Augen verschmitzt.

»Ich hab’s!«, sagt er. »Wir zerstechen seine Autoreifen!«

Das ist eine coole Idee und wir rennen mit unseren Fahrtenmessern vors Haus. Wir sind gerade mit zwei Reifen fertig, da entdeckt uns meine Mama. Sie kommt auf uns zugeschossen, und bevor wir wissen, wie uns geschieht, hat sie Jan am Kragen gepackt. Jan versucht sich loszureißen, vergeblich. Ich zerre an ihrem Arm, mit dem sie Jan festhält, aber Mama stößt mich mit ihrem anderen Arm einfach weg. Ich liege am Boden und sehe, wie Mama Jan mühelos zur Einfahrt trägt, obwohl er wie ein Aal zappelt. Sie ist ja immerhin zwei Meter groß und es ist nicht das erste Mal, dass sie uns außer Gefecht setzt. Man hat einfach keine Chance gegen sie, bei ihrer Größe. Draußen vor dem Zaun lässt sie Jan fallen.

»Und jetzt mach bloß, dass du nach Hause kommst, Jan«, sagt Mama mit wütender Stimme.

Jan, der Mama gerade gegen das Schienbein treten will, zuckt überrascht zurück.

»Was?«, sagt er.

»Mach, dass du nach Hause kommst!«, sagt Mama.

»Nein«, sagt Jan.

»Hier hast du nichts mehr verloren!« Mama klingt immer noch wütend.

»Du weißt nicht, was du tust!«, schreit Jan. »Verdammte Bilderschmiererin!«

Ich rapple mich auf und sehe Jan die Straße runterrennen. So wütend habe ich ihn selten erlebt, aber er mag es gar nicht, wenn ihm jemand einen guten Streich vereitelt. Mama wirft mir einen fragenden Blick zu.

»Was ist los mit Jan?«, fragt sie scharf.

Ich zucke mit den Schultern. Eigentlich hat Jan kein Recht, sauer zu sein, weil er mit einem Messer in einem Autoreifen erwischt wurde. Ich glaube, das weiß er. Da muss etwas anderes dahinter stecken. Mama dagegen hat allen Grund, wütend zu sein, und das ist nicht zu übersehen. Sie ist außer sich vor Zorn, als sie zur Haustür geht, und ich sehe ihren neuen Freund dort stehen. Der Typ hat offenbar beobachtet, was passiert ist. Er schaut mich an und ich ziehe eine Grimasse. Er soll sich da bloß raushalten. Nachher werde ich Jan anrufen und wir werden über das Ganze lachen. Zwei Autoreifen, das ist doch eigentlich nicht so schlimm. Und vielleicht sollte ich ihn fragen, was los ist und warum er so sauer war?

Bei Jan geht keiner ans Telefon. Den Rest des Abends knirsche ich mit den Zähnen, weil der Psycho-Schleimer beim Fernsehen ständig Mama anhimmelt. Er bleibt über Nacht bei ihr.

Am nächsten Morgen wartet Jan nicht wie sonst, um gemeinsam mit mir in die Schule zu gehen. Ich stehe lange vor seinem Haus und pfeife, aber dort scheint alles wie ausgestorben. Durch das Küchenfenster sehe ich ein großes Durcheinander, der Tisch ist umgekippt. Haben sich Jans Eltern wieder gestritten? Ich muss allein zur Schule losziehen. Das ist ein komisches Gefühl, etwa so als hätte ich vergessen, die Jacke anzuziehen. In der Klasse sagt der Lehrer, dass Jan krank ist, und runzelt dabei so seltsam die Augenbrauen. Statt uns anzuschauen, blickt er aus dem Fenster. Ich beschließe, nach dem Essen zu Jan hinüberzugehen. Ich möchte doch wissen, wie krank er ist. Vielleicht hat er selbst in der Schule angerufen und so getan, als sei er seine Mutter, weil er schwänzen wollte. Dann schulde ich ihm einen Zehner, denn wir haben gewettet, wer es schafft, den Lehrer reinzulegen. Ich werde ihm erzählen, dass dem Lehrer die Krankheit nicht ganz geheuer war, denn er hat die Augenbrauen sehr seltsam gerunzelt. Bei mir zu Hause ist es sowieso blöd, sicher ist der Psychodoktor da.

Beim Essen bietet mir der Kerl doch tatsächlich Geld an, wenn ich ihm die zerstochenen Reifen wechsle. Völlig bescheuert. Warum kann er sich nicht endlich verpissen?

»Die zerstochenen Reifen sind eine Warnung«, sage ich zu ihm.

»Ach so?«, meint er überrascht.

»Du sollst dich endlich verpissen!«

»Aber dazu brauche ich doch ein Auto mit heilen Reifen«, sagt er.

»Wie viel zahlst du?«, frage ich, nach wie vor angriffslustig, merke aber, dass ich weich werde. Ich brauche Geld für Süßigkeiten und Cola und Knallfrösche und falsches Blut. Und bis das Tagebuch voll geschrieben ist, das kann noch lange dauern.

»Mehr als genug«, antwortet dieser Typ und lacht sein grässliches Lachen, als seien wir dicke Freunde.

Bei Jan ist immer noch keiner daheim und niemand hat in der Küche aufgeräumt. Das ist komisch. Wenn sie weggefahren wären, hätte Jan angerufen und es mir erzählt. Jan und ich, wir erzählen uns alles, fast alles. Das mit dem Tagebuch natürlich nicht. Ich drücke meine Nase am Küchenfenster platt, sehe aber nur das Riesenchaos. Was sind das für dunkle Flecken auf dem Läufer? Ist das etwa Blut?, denke ich schaudernd. Oder hat jemand eine Kaffeetasse umgekippt? Ich zucke mit den Schultern und schlendere nach Hause. Werden wohl Kaffeeflecken sein. Ich weiß, dass sich Jans Eltern manchmal so sehr streiten, dass sie aufeinander losgehen, aber bis Blutflecken auf den Teppich kommen, muss man schon hart zuschlagen. Das weiß ich. Thomas in meiner Klasse hat mir ein paarmal auf die Nase gehauen. Dann blutet es. Ich habe mich schon oft geprügelt und fest zugeschlagen, aber nie so fest, dass Blut geflossen ist.

Weil ich nichts Besseres zu tun habe und nicht mit dem schmatzenden Liebespärchen auf der Couch sitzen will, wechsle ich die zwei Reifen am Auto. Das ist nicht so schwierig. Was ist dieser Psychodoktor bloß für eine Memme!

Als ich im Bett liege, kommt Mama in mein Zimmer, um mir Gute Nacht zu wünschen. Zusammen mit ihm.

»Warum bist du nicht wütend über die aufgeschlitzten Reifen geworden?«, frage ich ihn.

»Wütend? Warum sollte ich wütend werden? Weißt du, Simon, wenn man eine so gute Ausbildung hat wie ich, bekommt man einen guten Job und braucht sich nicht über aufgeschlitzte Reifen zu ärgern. Denn dann hat man genügend Geld, um sich ein Taxi zu leisten.«

Er blinzelt Mama zu. Und mir ist klar, dass sie über mein eher mäßiges Interesse an der Schule gesprochen haben. Ich höre Mama kichern und drehe mich knurrend zur Wand. Schlimmstenfalls küssen sie sich jetzt hinter meinem Rücken. In meinem Zimmer! Erwachsene haben nicht den geringsten Anstand. Wenn dieser Kerl so viel Geld für ein Taxi hat, warum nimmt er dann keines und fährt dorthin, wo der Pfeffer wächst? Sie wünschen mir eine Gute Nacht und ich grunze nur.

Jan kommt auch am nächsten Tag nicht zur Schule. Das Haus wirkt immer noch wie ausgestorben. Sind sie von Aliens geholt worden? Wenn Jan nicht da ist, macht die Schule keinen Spaß. In jeder Pause werde ich von Thomas triumphierend vermöbelt. Ich weiß, dass es am besten wäre, mich zu verkrümeln, wenn Thomas es auf mich abgesehen hat, aber dann würden sie mich alle verspotten. Deshalb prügle ich mich, so gut ich kann, bis ich mit blutender Nase am Boden liege.

Runa blickt von dem Buch auf, in dem sie liest, und heute ist sie es, die lacht. Sie wird von allen gehänselt, weil sie wie ein Junge aussieht. Dabei könnte aus ihr nie ein richtiger Junge werden. Jungs lesen keine Bücher in der Pause. Und Jungs heulen nicht. Deshalb kneife ich die Augen zu, als ich aufstehe, und strecke nur kurz Runa die Zunge heraus. Sie lacht nicht mehr. Sie scheint eher Mitleid mit mir zu haben. In mir staut sich ein solcher Hass auf, dass ich nicht in die nächste Stunde gehen kann. Ich hasse Runa. Ich hasse Thomas. Ich hasse Mamas Freund. Wir werden nie unter einem Dach wohnen, dieser Stiefvater und ich, das schwöre ich. Der Lehrer kommt und holt mich. Und den, ja, den hasse ich auch.

3

Als das Wochenende kommt, wird es Ernst. Ich bin zehn Jahre alt und bis jetzt habe ich mich gewöhnlich auf die Wochenenden gefreut. Da konnte ich von früh bis spät mit Jan zusammen sein, wir konnten tun, was wir wollten. An diesem Freitag gehe ich allein von der Schule nach Hause und ich spüre, wie meine Schritte immer langsamer werden statt schneller. Mir graut vor den vielen freien Stunden.

Ich treibe mich im Garten von Nachbar Olsen herum und ramponiere seine Obstbäume, aber ohne Jan macht das keinen Spaß. Nichts macht Spaß ohne ihn. Während ich die Äste abknicke, schaue ich zu dem Haus an der Kurve auf der anderen Straßenseite hinüber. Dort wohnt Jan, aber alle Fenster sind dunkel und keine Menschenseele ist zu sehen. Niemand harkt Laub. Jan fehlt jetzt seit einer Woche.

Ich habe den Lehrer gefragt, was los ist und warum Jan nicht kommt, aber er hat nur die Augenbrauen gerunzelt und gesagt, Jan sei krank. Ich erklärte dem Lehrer, dass Jan, wenn er wirklich krank wäre, zu Hause im Bett liegen würde, aber der Lehrer zuckte nur mit den Schultern und warf mir einen traurigen Blick zu, als wüsste er etwas, was ich nicht weiß. Und da fielen mir die dunklen Flecken auf dem Teppich ein. Und mir fiel ein, dass man bei einer ernsten Krankheit nicht zu Hause im Bett liegt, sondern im Krankenhaus, mit Schläuchen in den Armen und in der Nase.

Nachbar Olsen ist übers Wochenende weggefahren, ich brauche ihn also nicht zu fürchten. Gewöhnlich regt er sich so auf, dass er fast keine Luft mehr bekommt. Dann greift er sich ans Herz, und weil er ziemlich dick ist, tippe ich auf herzkrank. Wenn er nach einer Verfolgungsjagd ins Haus zurückhumpelt, muss er wahrscheinlich seine Herztabletten nehmen. Ich trete gegen eine seiner Zaunlatten, dass sie abbricht. Wie Kung-Fu. Das sollte der Psychodoktor mal sehen. Dann würde ihm endlich sein widerliches Lachen vergehen. Dann würde er merken, wie gefährlich ich bin. Ich trete gegen die nächste Zaunlatte, aber die sitzt fest und ich verstauche mir fast den Fuß.

Vielleicht sollte ich noch mal rüber zu Jans Haus schauen, mir die dunklen Flecken genauer betrachten. Aber dann graut es mir vor dem leeren Haus und ich habe ein komisches Gefühl im Magen. Nein, das lasse ich lieber sein. Aber ich bin doch kein ängstlicher kleiner Junge! Und Jan kann unmöglich im Krankenhaus sein. Niemand schafft es, dass Jan ruhig in einem Bett liegen bleibt. Es passt einfach nicht zu Jan, im Krankenhaus zu sein. Wie gerne wäre ich jetzt zu Hause, würde vor der Glotze sitzen und Süßigkeiten naschen. Aber da hockt der Psychodoktor und massiert Mamas Füße. Und vor der Tür steht sein Auto und grinst mich höhnisch an. Denn jetzt ist er endgültig bei uns eingezogen und jetzt ist er der Stiefvater, wie er angekündigt hat. Ich protestiere dagegen, indem ich mich im Freien aufhalte. Ich friere ziemlich und bin wütend auf Mama, die nicht kommt und sich um mich kümmert. Ich freue mich auf Montag. Dieses Wochenende hat tausend Jahre gedauert. Und vielleicht kommt ja nach dem Wochenende Jan wieder?

Ich wühle in der Schublade und finde das Tagebuch. Bis jetzt habe ich kein Wort hineingeschrieben. Vielleicht würde ich etwas hineinschreiben, wenn ich es »Beknacktes Tagebuch« nenne statt »Liebes Tagebuch«? Liebe ist ein schmalziges Wort. Was das andere bedeutet, weiß ich nicht genau. Obwohl ich das Wort täglich recht oft in den Mund nehme. Mama schnaubt nur kurz, wenn ich sie beknacktes Weib nenne, und Stiefvater sagt jedes Mal, wenn ich ihn einen beknackten Typen nenne, mir fehle es an Fantasie. »Lass dir etwas Besseres einfallen«, sagt er nur. Jan und ich haben uns alle möglichen Schimpfwörter ausgedacht, aber das geht ja jetzt nicht mehr. Es war jedenfalls umsonst, sich auf den Montag zu freuen, und auch auf den Dienstag, den Mittwoch und den Donnerstag. Das steht fest.

Niemand weiß, wann Jan zurückkommt. Er ist tatsächlich im Krankenhaus. Kürzlich bat uns der Lehrer, still zu sein, und dann erzählte er, dass Jan im Krankenhaus liege und niemand ihn besuchen dürfe. Jedenfalls vorerst nicht. Der Lehrer wollte nicht damit herausrücken, was Jan fehlt oder wie lange er wegbleiben wird. Ich sackte hinter meiner Bank zusammen wie ein Ballon, in den man ein Loch gestochen hat.

Ohne Jan ist das Leben ein Trauerspiel. Thomas hat seine Taktik geändert: Statt zu prügeln mobbt er mich. Wo immer ich mich in den Pausen aufhalte, verfolgt mich eine Meute und hört nicht auf, mir die schlimmsten Schimpfwörter an den Kopf zu werfen. Ich würde sie am liebsten kurz und klein schlagen, aber sobald ich angreife, schubsen sie mich nur weg und mobben mich weiter. Die Pausenaufsicht muss ständig auf mich aufpassen und das ist beinahe noch schlimmer. Früher mussten die anderen vor mir geschützt werden.

Zu allem Überfluss hat mich der Lehrer neben Runa gesetzt. Anfangs war es lustig, sie an den Haaren zu ziehen. Weil sie sofort zu heulen anfängt. Aber jetzt ruft immer jemand, wenn ich sie nur berühre, dass ich in Runa verliebt bin. Alle behaupten, wir seien ein Liebespaar! Heute hat mich sogar Runa gefragt, ob wir ein Liebespaar sind. Ich bin so wütend geworden, dass ich kein Wort mehr herausgebracht habe. Ich habe meine Schultasche genommen und bin nach Hause gegangen. Das war keine gute Idee, denn Stiefvater hatte ebenfalls frei genommen und stand in der Küche und knutschte mit Mama, als ich reinkam. Warum kann er nicht tot umfallen? Wer hätte gedacht, dass die Welt so ungerecht ist? Warum hat Mama behauptet, dass sie Männer hasst? Ich habe sie gefragt und sie antwortete, dieser hier sei anders als die anderen Männer. »Du wirst schon sehen, Simon«, sagte sie. Aber ich will es nicht sehen. Wenn der Typ nicht so ist wie andere Männer, dann nur, weil er noch schlimmer ist! Ich klappe das Tagebuch zu, ich will diesem Stiefvater jetzt sagen, was er in Wirklichkeit für ein Blödmann ist.

Er schließt gerade seinen Computer an. Es macht mich ganz verrückt, zu sehen, wie er mit Besitzerstolz den Stecker einsteckt und auf einen Knopf drückt. Der Computer beginnt zu surren und der Stiefvater geht zufrieden summend in die Küche, um sich eine Tasse Tee aufzubrühen. Ich starre den Computer an, so weiß und vollkommen und schön, wie er glänzt, und ohne weiter darüber nachzudenken, gehe ich ins Bad, fülle einen Zahnbecher mit Wasser und gieße den ganzen Becher in den PC. Als der Stiefvater mit einer Tasse Tee wieder ins Zimmer kommt, stellt er fest, dass der Computer doch nicht funktioniert. Keine Kontrolllampe leuchtet. Kein Surren ist zu hören. Er fummelt ein bisschen an den Kabeln herum und drückt auf die Tasten. Man merkt, dass er wenig Ahnung von PCs hat.

»Das Ding läuft nicht, weil jemand Wasser hineingegossen hat«, sage ich.

»Tatsächlich?«, sagt er leise und seine Augen verdunkeln sich.

»Ja, tatsächlich.«

»Und du meinst, der Computer ist jetzt kaputt?« Er fährt sich über die Stirn und sieht mich an.

»Ja, Totalschaden«, sage ich und reibe mich voller Schadenfreude am Türrahmen.

»Nun denn«, sagt er.

Er hat immer noch die dampfende Teetasse in der Hand, schaut von der Tasse zu mir und zurück. Ich grinse boshaft. Plötzlich dreht er mir den Rücken zu und verschwindet mit schnellen Schritten in der Küche. Ich höre das Auf- und Zuklappen von Schranktüren. Diesmal habe ich es geschafft, ihn zur Weißglut zu bringen. Endlich! Jetzt ist er nicht mehr der Überlegene. Diesmal bin ich es, der lacht. Ich grinse böse und breit, als er ohne Teetasse zurückkommt.

»Nun denn«, wiederholt der Schleimer, und statt wütend auszusehen lächelt er ebenso breit zurück, fährt mir sogar durchs Haar.

Ich spüre, wie mein Lächeln verblasst.

»Ich habe das Wasser in den PC gegossen«, sage ich und betone jedes Wort.

»Das habe ich mir fast gedacht.«

»Ärgert dich das nicht?«

»Nicht besonders.«

»Ich habe es absichtlich getan.«

»Das ist doch nicht möglich«, sagt dieser Schleimer. »Und ich habe schon gedacht, es sei dir aus Versehen passiert, während du tief in philosophische Überlegungen versunken an einem randvoll gefüllten Glas Wasser genippt hast.«

»Es war kein Versehen.«

»Nein, das ist wahr. Jetzt fällt es mir ein: Du trinkst ja nur Schokoladenmilch und tief schürfende Gedanken sind dir fremd.«

»Genau«, antworte ich, obwohl ich mir unsicher bin, was er mit dem, was er sagt, meint.

»Immerhin«, sagt er nun, »hast du so viel Ahnung von PCs, dass du weißt, wie schädlich Wasser für sie ist, und vielleicht weißt du noch mehr.«

»Jedenfalls weiß ich mehr als du!«, sage ich.

»Ausgezeichnet. Dann begleitest du mich vielleicht ins Geschäft, um einen neuen zu kaufen? Du kannst das Modell aussuchen, da du dich ja auskennst. Meine Kenntnisse sind etwas überholt. Ich bin mehr auf Nervenkrankheiten spezialisiert.«

Einen PC kaufen! Das wäre einfach super und beinahe gehe ich ihm in die Falle. Aber im letzten Moment unterdrücke ich mein frohes Lächeln, zucke gleichgültig mit den Schultern und tue so, als ließe mich das ziemlich kalt. Er lächelt hintergründig und nickt. Ekelhaft, dieses Lächeln. Ich ziehe mich zurück und merke, wie sehr ich diesen Typen hasse.

Ich weiß, dass Jan in irgendeinem Krankenhaus liegt, hoffe aber, dass er bald wieder kommt. Wenn nicht, macht Thomas Hackfleisch aus mir oder sie mobben mich so schlimm, dass dauerhafte Schäden Zurückbleiben. Dann werde ich zum totalen Versager, der nichts auf die Reihe kriegt. Die Penner sind so, hat Mama gesagt, wenn sie mir klar machen wollte, dass ich mich um meine Schularbeiten kümmern sollte.

Aber in unserem Städtchen gibt es nicht viele Penner. Hier wohnen nur gewöhnliche Familien, abgesehen von Mama und mir (und dem Stiefvater, grrr), ich weiß also nicht so genau, wie Penner sind. Ich glaube, sie sehen verhungert aus, wie die Afrikaner in den Katastrophengebieten mit den Kindern und den geschwollenen Bäuchen, weil sie nie richtige Hamburger oder Würstchen kriegen, sondern nur Mehlsuppe und Grütze wie die Leute hier in Norwegen, bevor sie Erdöl gefunden haben und reich wurden.

Am schlimmsten ist es, wenn mich Thomas und die anderen damit mobben, dass Jans Vater im Gefängnis sitzt. Das behaupten sie jedenfalls. Ich weiß nicht, ob es stimmt. Der Lehrer hat weder ja noch nein gesagt, als ich ihn gefragt habe. Aber warum sollte Jans Vater im Gefängnis sein? Bei solchen Fragen fallen mir die dunklen Flecken auf dem Teppich ein und es läuft mir kalt den Rücken hinunter. Aber dann schubst mich Thomas von hinten und kläfft: »Du bist ja so bescheuert, Simon!«

Heute hat der Stiefvater gekocht und er ruft mich und Mama zum Essen. Meine Laune bessert sich, als ich sehe, dass es Würstchen gibt. Die hat der Schleimer wahrscheinlich gemacht, weil er sich bei mir einschmeicheln will. Er kennt inzwischen meine Schwachstellen: Würstchen und Geld. Mama kommt mit abwesendem Blick aus ihrem Atelier und setzt sich zu uns.

»Würstchen!«, ruft sie. »Du magst die Dinger offenbar genauso gern wie Simon?«

»Ich kann mir nichts Besseres vorstellen«, sagt der Schleimer.

Ich werfe ihm und Mama einen misstrauischen Blick zu. Was treiben sie jetzt wieder für ein Spiel mit mir?

»Wisst ihr, dass Würstchen aus dem Fleisch bestehen, das man zu nichts anderem mehr gebrauchen kann, also dem Abfall?«, fragt Mama.

»Das ist nicht wahr«, sage ich.

»Nein«, sagt der Psychodoktor, »das ist nur eine Erfindung von einigen armen Müttern, damit sie im Geschäft keine Würste kaufen müssen.«

Ich starre den Stiefvater an und vergesse zu kauen. Hat er das ernst gemeint? Ich schaue prüfend zu Mama.

»Weißt du, Simon«, sagt Mamas Freund mit lachender Stimme, »dass fünf Packungen Würstchen so viel kosten wie eine Farbtube, von denen deine Mutter Tausende in ihrem Atelier hat?«

»Keine Partei ergreifen, Liebster!«, sagt Mama.

»Okay«, gibt er nach. »Erzähl mir dafür, wie es sich eine arme Künstlerin leisten kann, in einem so großen Haus zu wohnen? Ist der eigentliche Besitzer draußen im Garten vergraben worden?«

»Das ist Großvaters Haus«, rutscht es mir raus, bevor ich darüber nachdenke. Und ich erzähle dem Psychodoktor von meinem Großvater, an den ich mich nicht erinnern kann, weil ich ihm fast nie begegnet bin.

»Er war ein richtiger Haustyrann«, erklärt Mama.

»Und als Mama ein Kind war, wurde ihr Vater der Bürgermeister genannt, weil er sich immer in die Angelegenheiten anderer Leute eingemischt hat. Einmal hat der Bürgermeister gesehen, wie eine junge Mutter mit Kinderwagen und einer Zigarette im Mund an seinem Haus vorbeispaziert ist. Da hat er sofort das Jugendamt angerufen! Wenn Mama meint, dass ich besonders stur bin, sagt sie, ich bin wie Großvater.«

»Und das ist nicht als Kompliment gemeint, Simon«, wirft Mama ein.

»Dann ist der Bürgermeister gestorben und wir sind hierher in dieses Städtchen gezogen. Ich war damals fünf Jahre alt und weiß noch, wie sich Mama gefreut hat. Sie hat gesungen und gelacht und die weißen Zimmer alle gelb, rot und blau gestrichen. Und ich bin mit Farbspritzern auf Hemd und Hose in der Nachbarschaft herumgelaufen, weil ich immer irgendwo an der feuchten Farbe hängen blieb. Mama hat erzählt, dass eine Woche nach unserem Einzug jemand vom Jugendamt vor der Tür stand. Einer der Nachbarn hat mich mit den Farbflecken gesehen und dort angerufen.«

»Wie früher der Bürgermeister«, kichert Mama. »Kaum war die Tante vom Jugendamt weg, habe ich den Pinsel genommen und auf alle Kleidungsstücke von Simon große Flecken gemalt. Dann habe ich ihn zu einem Rundgang durch das Städtchen losgeschickt. Für jede Straße, durch die er ging, bekam er zehn Kronen.«

Ich nicke grinsend und stopfe die letzten Würstchen in mich rein. Da begegne ich dem Blick von Mamas Freund und er sieht glücklich aus. Plötzlich wird mir klar, dass ich während des ganzen Essens geredet habe. Ich habe ihm Dinge erzählt wie in einer völlig normalen Familie am Mittagstisch, in bester Stimmung. Ich richte mich auf und mache ein grimmiges Gesicht. Der Psychodoktor lächelt sanft.

Gatunki i tagi

Ograniczenie wiekowe:
0+
Objętość:
140 str. 1 ilustracja
ISBN:
9788711449745
Wydawca:
Właściciel praw:
Bookwire
Format pobierania:

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