Czytaj książkę: «Thomas Mann. Die frühen Jahre»
Herbert Lehnert
Thomas Mann
Die frühen Jahre
Eine Biographie

Inge zu eigen
Inhalt
Vorsatz
Heinrich Mann verlässt die Kaufmannswelt
Heinrich Mann missachtet den angehenden Schriftsteller-Bruder
Heinrich Mann »überwindet« den Naturalismus
Heinrich Manns Haltlos
Des Vaters Tod und Testament
Die Brüder kommen sich näher: Der Frühlingssturm!
Tarnende Sprache: Zweimaliger Abschied
Schopenhauer und Nietzsche
Richard Wagner
Sexualpsychologie
Die Briefe an Otto Grautoff I
Selbstbildung
Der Lehrer Brandes
Heinrich Manns Roman In einer Familie und Thomas Manns Gefallen
Studien
Maximilian Hardens Zeitschrift Die Zukunft
Brüderlicher Austausch: Heinrich Manns Das Wunderbare und Thomas Manns Der Wille zum Glück
Heinrich Manns konservative Neigungen
Die Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert
»Jüdischen Glaubens«
Weiter an der Geldquelle
Thomas Manns Beiträge zur Zeitschrift Das Zwanzigste Jahrhundert und deren Ende
Der Bajazzo
Der kleine Herr Friedemann
Der Tod
Wieder in Italien: Enttäuschung, Luischen, Tobias Mindernickel
Buddha und die Welteinheit
Die Briefe an Otto Grautoff II
Buddenbrooks: Die Konzeption des Familienverfalls
Heinrich Mann und die Konzeption
Anregungen und Einflüsse für Buddenbrooks
Der Glaube hilft nicht mehr gegen den Tod
Die Macht des Geldes
Tony Buddenbrook
Die Bürger-Rolle Thomas Buddenbrooks
Der Brüder-Streit und die Neurasthenie
Das Schulkapitel
Hanno Buddenbrook
Opposition gegen den Kapitalismus, aber kein historischer Roman
Buddenbrooks in Selbstinterpretationen
In inimicos
Wieder in München – 1898
Romantische Märchen und Geschichten
Der Kleiderschrank und Gerächt
Freundschaften
Der Weg zum Friedhof
Beziehungen: Heinrich Mann, Paul Ehrenberg, Richard Schaukal
Die Briefe an Otto Grautoff III
Tristan
Florenz, Mary Smith, Mitterbad
Die Hungernden
Die Adelaide-Episode für den Gesellschaftsroman Die Geliebten oder Maja
Ein Glück
Herman Bang
Tonio Kröger
Das Wunderkind
Bleibende Spannung zwischen den Brüdern
Heinrich Manns Die Jagd nach Liebe und der Briefwechsel darüber
Heinrich Manns Fulvia, Thomas Manns Gabriele Reuter: zwei Begriffe von Freiheit
Savonarola-Studien
Gladius Dei
Fiorenza
Beim Propheten
Die Freundschaft mit Otto Grautoff erkaltet nach Thomas Manns Heirat
1905: Schwere Stunde und Wälsungenblut
Ausblick auf spätere Werk-Perioden
Literatur
Siglenverzeichnis
Forschungsliteratur
Personenregister
Anmerkungen
Impressum
Vorsatz
Mein zu früh verstorbener Freund Peter Pütz begann einen Vortrag über ethische Fragen in Texten Thomas Manns mit zwei Erinnerungen. Die erste handelte von seinem Deutsch-Lehrer in den 50er-Jahren des 20. Jahrhunderts. Ihn hatten seine Schüler gebeten, Thomas Mann zu lesen, statt Literatur im Geiste eines christlichen Humanismus, wie der Lehrplan vorschrieb. Auf dieses Verlangen habe der Lehrer »mit leiser, bebender Stimme« geantwortet: »Ein Schriftsteller, der jeden, aber jeden Wert durch seine Ironie vernichtet, sollte verboten werden.« Die andere Erinnerung, die Peter Pütz vortrug, war die an die Äußerung eines Freundes, der ihm gesagt habe: »Ich habe in meinem Leben viel Thomas Mann gelesen und studiert und habe oft Vergnügen dabei gefunden – aber gegeben hat er mir nichts.«[1] Ich erinnere mich an Gespräche mit Peter Pütz, aber ich kann nicht stehen lassen, dass Thomas Mann mir nichts gegeben habe. Ich hatte wohl ausdrücken wollen, dass ich Thomas Manns Werke nicht lese, um meine Welt realistisch erklärt zu bekommen, um neue Lebenswerte zu entdecken, oder um einen Religionsersatz zu finden. Was Thomas Mann seinen Lesern im 21. Jahrhundert gibt, sind Wörter, die sich zu Beispielen, Szenen, Bildern ordnen, für eine Weise, wie man in einer Welt lebt, die nicht von einem Schöpfergott ein für alle Mal geordnet und mit starren Regeln des Verhaltens versehen wurde, sondern in einer modernen Welt mit Veränderungen und voller Widersprüche.
Modern ist eine Weltanschauung, die mit Widersprüchen leben kann. Sie verzichtet auf die traditionelle Metaphysik, die das Weltganze aus einem Prinzip zu begreifen suchte, sei es der Schöpfergott oder die auf mathematische Formeln reduzierte Naturwissenschaft. Der modern denkende Mensch hat den lenkenden Schöpfergott in einen Mythos verdrängt, der mit der Naturwissenschaft im Konflikt steht. Ein Konflikt zwischen dem Gefühl, zu einem großen Ganzen zu gehören und dem Wissen, dass eine mathematische Weltformel sich unserem Zugriff entzieht, charakterisiert das moderne Verhältnis zur Welt, auch das in den Werken Thomas Manns.
Seit Charles Darwins On the Origin of Species (1859) kann man es nicht mehr für die einzige Wahrheit halten, dass der Mensch, separat von der Tierwelt, nach dem Bilde Gottes geschaffen wurde. Das Weltall, das die Astronomen beobachten und vermessen, besteht aus Galaxien, die auseinanderfliehen. Aus diesem Weltall lassen sich keine menschlichen Verhaltensregeln ableiten. Die biblische Morallehre hat ihre absolute Autorität verloren und wird durch pragmatisch gefundene Regeln erklärt oder ersetzt. »Modernismus« nenne ich das Bestreben unter Schriftstellern, den Prozess der Säkularisierung, der Modernisierung, anzunehmen. Thomas Manns Werk gehört zu dieser Bewegung, was nicht ausschließt, dass Erzähler und Figuren dieser Bewegung kritisch gegenüberstehen.
Unter den Ersatzreligionen, die sich Thomas Mann als neuen Weltsinn anboten, hat der Ästhetizismus die Schönheit für heilig erklärt und will Künstlern priesterliche Würde zuerkennen. Der moderne Realismus weigert sich, der Schönheit einen solchen Rang zu geben. Wie ein Kunstwerk versteht Thomas Mann Schopenhauers Philosophie, wenn sie den »Willen« als zeit- und raumloses Phänomen die Welt erfüllen lässt. Aller Metaphysik widersprach Nietzsche im zwölften Abschnitt der dritten Abhandlung Was bedeuten asketische Ideale in Zur Genealogie der Moral:
Es gibt nur ein perspektivisches Sehen, nur ein perspektivisches »Erkennen«; und je mehr Affekte wir über eine Sache zu Wort kommen lassen, je mehr Augen, verschiedene Augen wir uns für dieselbe Sache einzusetzen wissen, um so vollständiger wird unser »Begriff« dieser Sache, unsre »Objektivität«, sein. (KSA 5, 365)[2]
Diese Stelle kannte Thomas Mann schon in früher Jugend. Er las auch schon früh Nietzsches Aufsatz Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinne (KSA 1, 873–890), in dem er die Wörter der Sprache als bloße Metaphern erkennt, denen keine absolute Geltung zukommt. Sprachwerke bilden nicht die allen bekannte reale Welt ab, sondern Zusammenhänge aus einer oder mehreren Perspektiven, die widersprüchlich sein können.
In der Zeit, in der die Astronomie das Universum als auseinanderstrebende Galaxien erkannt hatte, und in der die Evolutionslehre den Menschen als Tiergattung in die Natur einordnete, im 19. und 20. Jahrhundert, griff die industrielle Revolution in die lange herrschende Ordnung von Gesellschaftsklassen ein. Zur Modernität gehört die Bereitschaft, die Veränderungen der Weltsicht einschließlich der Moralität in das Verständnis der Welt aufzunehmen, obwohl die alte Ordnung der Dinge noch immer die Orientierung des Menschen mitbestimmt, ohne absoluten Glauben zu verlangen. Die moderne Weltsicht der Zeit Thomas Manns, wie auch die der Gegenwart des 21. Jahrhunderts, ist durchsetzt von nostalgischen Rückverweisen auf die alte Ordnung. Ausdrücke wie »mein Gott« oder »Gott weiß« benutzen auch moderne Menschen. Sie implizieren nicht mehr die Existenz einer Gottes-Person, die menschliche Sprache spricht, sondern gebrauchen bloß Schatten der alten Bedeutung als Redensarten.
Zu der Bewegung auf die moderne Orientierung hin gehören Autoren der deutschsprachigen Literatur der Moderne, wie Arthur Schnitzler, Gerhart Hauptmann, Hugo von Hofmannsthal, die Brüder Mann, Hermann Hesse, Robert Musil, Bertolt Brecht, Ernst Toller. Sie sind in einer Welt aufgewachsen, in der traditionelle bürgerliche Werte galten, sowie eine Ethik, die auf religiösen Werten beruhte, obwohl metaphysische Wahrheiten bezweifelbar wurden. Moderne Autoren wie die eben genannten betrachteten die »bürgerlichen« Konventionen ihrer Herkunft mit kritischem Misstrauen. Zwar schrieben sie für ihre Leser in der gebildeten Mittelschicht, die Bildungsbürger, jedoch mit der Erwartung oder Hoffnung, dass die bürgerlichen Konventionen sich ändern würden, darunter die Abhängigkeit vom materiellen Besitz, vom Geld, das seit der Französischen Revolution die soziale Ordnung bestimmt, und auch der mindere soziale Rang der Frauen, der ihnen den Zugang zu höherer Bildung verwehrte. Frauen bildeten die Mehrzahl der bürgerlichen Leser. Noch herrschend auf dem Grund von Kirchenlehren war die Verachtung homosexueller Gefühle, die Thomas Mann bekümmerte.
Modernität, wie wir sie in diesem Buch verstehen, ist keine Sache des Sprachstils. Überraschende Neuigkeiten, wie der Stilpluralismus in Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz, oder die Essayistik als narratives Mittel in Robert Musils Der Mann ohne Eigenschaften, sind keine Merkmale eines allgemein geltenden Modernismus, sondern eben nur Neuigkeiten. Thomas Manns Verzicht auf avantgardistische Stilexperimente hat sein Werk nicht gehindert, in einer Welt zu bestehen, in der die alte Metaphysik einer von Gott geschaffenen Ganzheit nicht mehr gilt.
Um 1893, Thomas Mann war achtzehn, ließ Bruder Heinrich den vier Jahre jüngeren an seinen Entdeckungen moderner Literatur und der Philosophien Schopenhauers und Nietzsches teilnehmen. Dem müssen wir nachgehen.
Heinrich Mann verlässt die Kaufmannswelt
Bruder Heinrich hatte mit vierzehn Jahren zu schreiben begonnen, vielleicht früher. Gedichte entstanden im Stil von Heinrich Heine, den er sehr schätzte, auch kleine Prosa-Erzählungen, von denen er gelegentlich eine in einer Lübecker oder Berliner Zeitung unterbrachte. Sie verraten Heinrichs Bedürfnis, die deutsche kaufmännische Welt, in der er aufgewachsen war, zu verlassen. Einige seiner frühen Geschichten versetzen Autor und Leser in ein imaginiertes Milieu des hohen Adels, andere spielen in Paris oder Italien. Heinrich war ein mittelmäßiger Schüler, begann aber, siebzehn Jahre alt, seine Zeit so sehr zum Schreiben und zum Lesen moderner Literatur zu nutzen, dass er im Jahr 1889 das Klassenziel des zwölften Schuljahrs (damals ›Obersekunda‹) nicht erreichte und im Herbst des gleichen Jahres die Schule verließ. Heinrich erklärte, Buchhändler werden zu wollen, weil der enttäuschte Vater auf einer Berufsausbildung bestand. Er trat im Herbst 1889 eine Lehre in Dresden an. Er wollte in eine Großstadt ziehen, Lübeck genügte ihm nicht.
Sein Vater war der Lübecker Senator Thomas Johann Heinrich Mann, Besitzer eines Getreide-Großhandels. Er hatte sich literarische Kenntnisse erworben, obwohl er schon mit vierzehn Jahren den Kaufmannsberuf erlernen musste. Er hatte zu viel Respekt für erfolgreiche, gut gebildete Schriftsteller, um an Heinrichs Berufung zum Schriftsteller zu glauben. Heinrich hielt jedoch an seinem Ziel, Schriftsteller zu werden, fest und betrieb in Dresden ein intensives Selbststudium. Wir können das gut verfolgen, weil er, statt eines Tagebuchs, in ausführlichen Briefen an seinen Lübecker Freund Ludwig Ewers von seinen Studien berichtete. Die meisten Briefe sind erhalten.[3]
Heinrich Mann las Romantiker und Theodor Storm; seine Lieblingsschriftsteller waren Heine und eine Zeit lang der Lübecker Klassiker-Epigone Emanuel Geibel. Diese, und den siebzigjährigen Theodor Fontane las bald nach ihm auch sein Bruder Thomas. Heinrich schätzte Michael Georg Conrad, der in seiner Zeitschrift Die Gesellschaft gegen die christlich fundierte Moral und die bürgerliche Prüderie opponierte, Émile Zola und Richard Wagner empfahl. Conrad war einer der ersten Leser und Anhänger Nietzsches. Heinrich empfahl seinem konservativen Freund Ewers, dem Empfänger der tagebuchartigen Briefe, Die Gesellschaft zu lesen, in der moderne ›Realisten‹ veröffentlichten. Wenig später nannte man diese modernen Autoren ›Naturalisten‹. Auch Thomas Mann las Die Gesellschaft schon als er noch zur Schule ging.[4]
Heinrichs erster gedruckter Text erschien im April 1890 in einer Lübecker Zeitung, eine Gegenkritik zur Verteidigung von Hermann Sudermanns Drama Die Ehre, das im November 1889 großen Erfolg bei der Berliner Erstaufführung gehabt hatte. Ein Lübecker Richter, literarisch gebildet im Geist der Goethezeit, hatte in einer anderen Lübecker Zeitung gegen den groben Naturalismus des Stückes geschrieben. Heinrich verteidigte die Wahrhaftigkeit in Sudermanns Drama und ließ ein Lob der sozialen Bestrebungen Kaiser Wilhelms II. einfließen, demselben, dem später seine Verachtung galt.[5]
Für eine philosophische Grundierung seiner Weltanschauung griff Heinrich Mann nicht zu Hegel und dem deutschen Idealismus wie viele deutsche Schriftsteller der Zeit, sondern zu Schopenhauer, einer Philosophie, die einen Schöpfergott nicht brauchte, während Hegels Philosophie, nach der Erkenntnis der Ganzheit der Welt, dem »Absoluten« fragend, den Gottesgedanken nicht ausschloss. Schopenhauers Weltsystem war pessimistisch im Gegensatz zu dem christlichen Versprechen einer endlichen Erlösung in Gott. An die Stelle einer »Substanz«, dem Grund allen Seins, setzte Schopenhauer den zeit- und ortlosen ›Willen‹.
Schopenhauers Weltsystem verbindet, was widersprüchlich erscheint: Wir haben die Welt uns gegenüber und zugleich in uns. Schopenhauers ›Wille‹ beugt sich nicht der Logik, ist nicht einmal ein Objekt, das angeschaut werden kann. Der Wille in uns, ein dumpfer Drang, zwingt uns zur Bewahrung unserer Existenz, zwingt auch alle anderen Wesen, belebt oder unbelebt. Deren Streben gegeneinander verursacht Leiden. Was uns als Objekt gegenübersteht, ist Kants »Vorstellung«, die Welt, wie sie uns in Zeit und Raum erscheint. Kant hielt das ›Ding an sich‹, ein Ding außerhalb von den Formen von Raum und Zeit, für unerkennbar. Schopenhauer hielt den Willen zur Existenz, zum Leben, für das ›Ding an sich‹, für die Welt im Ganzen. Erlösung von der Qual des ewig für sich streitenden ›Willens‹ kann der Mensch erlangen, wenn er oder sie den konkurrierenden ›Willen‹ durch Mitleid ersetzt. Erlösen kann auch die Kunst. In ein geniales Kunstwerk versunken, kann der Mensch den egoistischen Willen verneinen, kann Bilder der Welt genießen als entstanden aus platonischen Ideen. Schopenhauer galt die Musik als die höchste Kunst; sie war ihm ein Ausdruck des ›Willens‹ selbst.
Nach Schopenhauer studierte Heinrich Mann seit Januar 1891 Friedrich Nietzsche.[6] Dieser hatte zuerst Schopenhauers tragischen Pessimismus angenommen, erhob dann aber das Konzept des ›Willens‹ als »Wille zur Macht« zu einem positiven Prinzip des Lebens. Seine Moralphilosophie hat Nietzsche fast überall in seinem Werk ausgedrückt, besonders in Morgenröthe, in Jenseits von Gut und Böse und in Zur Genealogie der Moral. Herren unterwerfen das Volk, die »Herde«. Für die Herrenmoral ist »gut«, wer zu den Herren gehört, wer Macht hat und übt, »schlicht«, »schlecht« ist, wer nicht aus der Herde hervorragt. Für die Unterworfenen ist gut, was allen nützt; böse ist das Streben nach eigener Macht, das die Ordnung des Ganzen stört. Eine Moral, die die Liebe aller und Gehorsam für die Gebote eines Gottes verlangt, wie die judeo-christliche Religion, ist für Nietzsche eine Sklavenmoral. Nietzsche hielt eine Umwertung aller Werte für nötig, nach Einsicht in eine harte, realistische, soziale Ordnung.
Eine Wirkung seiner Nietzsche-Lektüre zeigt sich in einem Brief Heinrichs an den Freund Ludwig Ewers: »eine objektive Wahrheit ist für mich nirgends vorhanden«.[7] Noch am 12. Mai 1892 ist Nietzsche Heinrichs »Hauptlektüre«.[8] Eine Klassen-Moral zeigt sich, wenn er am 8. September 1891 an Ewers schreibt: »ich bin […] praktisch für fast absolute Monarchie, katholische Kirche, aus Interessenpolitik – theoretisch dagegen vollkommen Anarchist«.[9]
Heinrich Mann missachtet den angehenden
Schriftsteller-Bruder
Heinrichs Freund und Briefpartner Ludwig Ewers verkehrte im Hause des Senators Mann in Lübeck. Wenn Ewers dort Gedichte Heinrichs vorlas, bewunderte Thomas die lyrischen Versuche des älteren Bruders. Heinrich belustigte sich in einem Brief an Ewers über die schwärmerische Zustimmung seines Bruders.[10] Thomas hatte begonnen, selbst Lyrik zu produzieren. Als er Ewers einige seiner Versuche sehen ließ, sandte dieser sie nach Dresden. Heinrich reagierte mit Verachtung:
Ich bin von den Gefühlsprodukten einer halbwüchsigen liebenden Seele, mit denen der glückliche Dichter auch mich zuweilen verfolgte, immer stillschweigend oder laut lachend zur Tagesordnung übergegangen. In den »Dramen« finden sich neben all den Unmöglichkeiten, die du […] hervorhebst, doch immerhin ein paar – wenn auch noch so verbrauchte – Gedanken, wie Oasen im Sand. Sand ist schon langweilig. Aber das Wasser in seiner Lyrik ist doch noch langweiliger.[11]
Die Brüder müssen sich damals Briefe geschrieben haben, die leider verloren sind. Heinrich verachtete die Gedichte seines Bruders noch mehr, wenn sie homoerotische Liebe darstellten. Als Beispiel zitiert er in einem Brief an Ewers vom 21. November 1890 aus einem Gedicht des jüngeren Bruders:
– – als an deiner Brust ich ruhte …
– als um den Freund den Arm ich schlang,
und ich in süßer Lust mich wiegte …[12]
Thomas liebte damals, 1889, seinen Mitschüler Armin Martens und ein Jahr später Williram Timpe,[13] den Thomas Mann »Willri« nannte. Die homoerotischen Motive erinnerten Heinrich an August von Platen, den er im privaten Brief »Ritter vom heiligen Arsch« nennt.[14]
In einem der seltenen Fälle, in denen Heinrich in den Briefen an Ewers Motive aus einem Gedicht von Thomas nennt, muss es sich um Thomas’ Version eines Gedichtes von Heinrich handeln, das im November 1890 in der Zeitschrift Die Gesellschaft gedruckt wurde. Es heißt Geh schlafen und handelt von dem Selbstmordwunsch einer »gefallenen« und verlassenen jungen Frau, die sich der Verachtung der Mitwelt ausgesetzt fühlt.[15] Auch Thomas dichtet von einer Gestalt, die sich ertränken will,[16] – vielleicht beschreibt er einen vergeblich liebenden Jungen.
Heinrich entwickelt einen Heilungsplan für den leidenden Bruder:
Mein armer Bruder Tomy. Lass ihn nur erst in das Alter kommen, wo er unbewacht und – bemittelt genug ist, seine Pubertät zum Ausdruck zu bringen. ’ne tüchtige Schlafkur mit einem leidenschaftlichen, noch nicht allzu angefressenen Mädel – das wird ihn kurieren. Sage ihm das aber nicht. Ironisiere die Geschichte; das hilft. Nur nichts tragisch ernst nehmen! Er will »meine Ansicht« durch dich wissen. Sage ihm also das inhaltsschwere Wort »Blödsinn«. Ich denke, das genügt.[17]
Der zynisch-herablassende Ton, in dem Heinrich über die Bemühungen seines jüngeren Bruders schreibt, wirkt verstörend. Ewers wird den Auftrag Heinrichs dem Sinne nach ausgeführt und Thomas mitgeteilt haben, wie wenig Heinrich dessen poetische Versuche schätzte. Selbst wenn Ewers dies schonend tat, muss die Enttäuschung bitter gewesen sein, und wir können annehmen, dass sie nicht die einzige war. Heinrichs Abwertung des noch vierzehnjährigen Bruders dürfte lange, vielleicht lebenslang, nachgewirkt haben, auch, wenn der jüngere Bruder dem Vorbild des älteren weiter auf dem Weg in den Schriftstellerberuf folgte. Von Störungen während der Jugend der Schriftsteller-Brüder hat Katia Mann berichtet: Ihr Mann habe ihr erzählt, er habe als Junge mit Heinrich ein Jahr lang nicht gesprochen.[18]
Als Thomas achtzehn Jahre alt wurde, änderte sich das Verhältnis. Heinrich ließ den jüngeren Bruder an seinem Studium Schopenhauers und Nietzsches teilnehmen. Ein früher Nietzsche-Einfluss ist erkennbar in Thomas Manns Heinrich Heine, der »Gute«, einem Essay, der ganz am Anfang von Thomas’ Laufbahn als Schriftsteller steht und den wir näher betrachten werden. Nietzsches Moralkritik ist ein fortschrittliches Element in Thomas Manns Denken, das im Gegensatz steht zu dem konservativeren zeit- und raumlosen ›Willen‹ Schopenhauers. Die Welt in Thomas Manns Werk wird weder ausschließlich von Nietzsche noch von Schopenhauer bestimmt; sie kann Widersprüche aufnehmen.
Während die moderne Naturwissenschaft die Skepsis gegen den biblischen Schöpfungs-Mythos bestärkte, orientierte die Mehrheit der deutschen akademisch Gebildeten ihr modernes Denken an der rechten oder der linken Hegel-Nachfolge: Die Konservativen beruhigte Hegels Staatsphilosophie, nach der das Wirkliche vernünftig ist, und die Umstürzler, sowohl die Marxisten als auch die präfaschistischen Nationalisten, nahmen Hegels dialektische Geschichtsphilosophie als ideologische Rechtfertigung für ihre Ziele. Thomas Mann behielt lebenslang Sympathie für Schopenhauers Willenslehre, aber sie war ihm ein Kunstwerk, eine Erfindung, mit der man viel erklären konnte, ohne dass das Erklärte ihm absolute Wahrheit war.
Weil Schopenhauer sein Konzept des ›Willens‹ für das »Ding an sich« erklärte, lag die Versuchung nahe, den zeit- und raumlosen ›Willen‹ für das Ganze der Welt zu nehmen: als Pantheismus. Schon früh hat Thomas Mann Nietzsches Schopenhauer-Kritik in Zur Genealogie der Moral zur Kenntnis genommen. Die Widersprüche hinderten ihn nicht, von beiden zu nehmen, was er brauchte.