Czytaj książkę: «Nur die Stärksten überleben»
Helene Uri
Nur die Stärksten überleben
SAGA Egmont
Nur die Stärksten überleben
Aus dem Norwegischem von Gabriele Haefs nach
De beste blant oss
Copyright © 2008, 2018 Helene Uri und Lindhardt og Ringhof Forlag A/S
All rights reserved
ISBN: 9788711468203
1. Ebook-Auflage, 2018
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach
Absprache mit Lindhardt og Ringhof gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com
Ja, gebt mir die Besten unter euch,
und ich werde euch alles geben.
(…)
Kann sein, dass wir unsere Erde retten müssen.
Die Besten unter euch sind dazu aufgerufen.
Rudolf Nilsen, »Die Stimme der Revolution«
Erster Teil
Das ist so schrecklich an gelehrten Leuten,
sie beneiden einander dermaßen,
und der eine kann es nicht ertragen,
dass der andere ebenfalls gelehrt ist.
Ludvig Holberg, »Erasmus Montanus«
Ein hochgewachsener rothaariger Mann geht mit langen Schritten über den gepflasterten Platz zwischen der Gesellschaftswissenschaftlichen und der Humanistischen Fakultät. Dort herrscht ein ziemliches Gedränge, denn es ist einer der ersten warmen Tage. Der fünfte Monat des Jahres ist angebrochen, das Universitätsjahr dagegen neigt sich dem Ende entgegen.
Viele sind in Bewegung, aber niemand scheint es eilig zu haben. Sie schlendern in aller Ruhe auf ihr Ziel zu, bei dem es sich vielleicht um eine Vorlesung, ein Seminar, eine Kaffeepause oder ein heimliches Stelldichein handelt. Aber die meisten Menschen auf dem Platz haben kein konkretes Ziel. Sie gehen das Leben gelassen an und heben ihre winterbleichen Gesichter in die Sonne. Zwei alternde Professoren wandern mit im Rücken verschränkten Händen umher und fachsimpeln, eine Gruppe jüngerer Universitätsangestellter steckt tuschelnd die Köpfe zusammen. Auf Bänken und auf der Treppe zum Niels-Treschows-Hus sitzen die Studenten dicht gedrängt. An den wenigen Tischen, die es im Kafé Niels gibt, ist schon seit Stunden kein freier Platz mehr aufzutreiben.
Der Rothaarige geht zügig. Er nickt einigen Kollegen zu, lächelt zum Gruß eine Gruppe von Studenten an, salutiert zum Spaß vor einer Putzfrau, die sich in einer windgeschützten Ecke eine Zigarette gönnt. Aber er fällt viel mehr Menschen auf als nur diesen. Er hebt sich von der Menge ab, wahrscheinlich in erster Linie durch sein Tempo und die Energie, die seinem Körper entströmt. Außerdem lässt etwas an der Art seiner Bewegungen die anderen annehmen, dass er ein glücklicher Mann ist. Da haben sie recht; der Rothaarige ist wirklich ein glücklicher Mann, und im Laufe der kommenden Monate wird er noch glücklicher werden.
Jetzt überquert er die Rasenfläche zwischen dem Sophus-Bugges-Hus, dem Henrik-Wergelands-Hus und dem Problemvei, und bald hat er die Metallbrücke erreicht, die vom Universitätsgelände in den Forschungspark hinüberführt. Er bleibt mitten auf der Brücke stehen, von hier aus kann er das prachtvolle Gebäude sehen, in dem sein Büro liegt. In diesem Gebäude ist das Institut für Futuristische Linguistik untergebracht. Es handelt sich um einen fünfstöckigen Prunkbau aus poliertem Granit und Marmor und mit großen Fenstern. Die Glasflächen reflektieren das Sonnenlicht, und die milde Maisonne spiegelt sich in seinem Gesicht. So grell und unangenehm wird das Licht, dass er schützend die Augen zukneifen muss. Die Sonne blendet ihn, aber er lächelt. Ein breites, jungenhaftes Lächeln, ein Lächeln, das Frauen wie überreife Früchte in seine Arme fallen lässt.
Während der rothaarige, hochgewachsene Mann lächelnd und mit zusammengekniffenen Augen mitten auf der Brücke steht und den Anblick seines Arbeitsplatzes genießt, stampft Professorin Edith Rinkel in einem der Büros in diesem Gebäude vor Zorn mit dem Fuß auf. Von ihrem Büro aus hat man zwar einen guten Blick auf die Brücke, aber die Professorin schaut gerade einen Studenten an. Nein, Professorin Rinkel sieht ihren rothaarigen Kollegen nicht. Sie starrt den Studenten an, der mit ausgestreckten, gespreizten Beinen auf der Kante ihres Besuchersessels sitzt.
Die Hilflosigkeit und Einfalt dieses Studenten werden durch seine Selbstsicherheit nur betont, findet Professorin Rinkel, und das löst in ihr ein starkes Verlangen danach aus, ihm sein Manuskript an den Kopf zu werfen. Diesem Verlangen gibt sie selbstverständlich nicht nach, sie begnügt sich damit, unter ihrem Schreibtisch einmal pro Silbe mit dem Fuß aufzustampfen, während sie sagt: »Ich habe Ihnen bereits erklärt, warum dieser Absatz so nicht stehen bleiben kann.«
Das macht genau zweiundzwanzigmal Stampfen, zweiundzwanzigmal rhythmisches, gedämpftes Dröhnen voll unterdrückter Wut und Irritation. Der Student schweigt, schluckt, starrt zu Boden, seine Selbstsicherheit ist schon um einiges geschrumpft. Seine Stirn glänzt vor Schweiß, und an der linken Schläfe pulsiert eine geschwollene Ader.
»Wissen Sie was? Ich glaube ganz einfach, dass wir beide unsere Zeit vergeuden«, sagt Edith Rinkel jetzt mit ausgesuchter Freundlichkeit. »Ich bin keine Sonderschulpädagogin, müssen Sie wissen. Ich besitze weder die Kompetenz noch die Zeit oder die Geduld zur Betreuung von Studenten, die offenbar besondere Bedürfnisse haben. Meines Erachtens sind Sie für den Masterstudiengang nicht geeignet. Auf jeden Fall müssen Sie sich einen anderen Betreuer suchen«, endet sie – versöhnlich, wie sie findet. Sie reicht ihm seinen Blätterstapel. Sie ist davon überzeugt, dass aus diesen Blättern niemals eine fertige Abschlussarbeit werden wird. Sie glaubt, dass sie jetzt jenes sorglose Selbstvertrauen nachhaltig erschüttert hat, mit dem der Student vor drei Monaten seine Abhandlung mit dem Arbeitstitel Wie werden Kinder im Jahre 2018 Substantive deklinieren? Eine futuristisch-morphologische Studie begonnen hatte.
Der Student verlässt Edith Rinkels Büro, ohne ein einziges Mal aufzublicken. Der hochgewachsene rothaarige Mann betritt gerade rechtzeitig den Gang, um ihn im Fahrstuhl verschwinden zu sehen, und damit verschwindet der Student auch aus dieser Geschichte, bis er kurz vor Schluss noch einen winzigen Auftritt hat. Denn es wird sich herausstellen, dass Edith Rinkel sich bei diesem einen Mal geirrt hat: Der Student wird tatsächlich seine Masterarbeit schreiben.
Der rothaarige Mann macht sich bereit, sein Büro aufzuschließen, das gegenüberliegt. Er macht aus der Sache eine richtige kleine Zeremonie, betrachtet liebevoll den Schlüssel, lässt ihn einige Sekunden im Schloss stecken, ehe er ihn umdreht. Das alles geschieht mit offenkundigem Stolz, wie man ihn bei Erstklässlern sehen kann, die ihre leuchtend gelben Schultaschen schultern, oder bei einem frisch gebackenen Bachelor, der endlich seine Examenspapiere in Händen hält.
Ehe er die Klinke nach unten drückt, mustert er eine Weile das neben der Tür befestigte Schild an der Wand. Er strahlt, er kann sich das Strahlen einfach nicht verkneifen, als er die drei Wörter auf dem dunkelgrauen Schild liest:
Pål Bentzen
Forscher
Ja, Pål Bentzen, der rothaarige Linguist, strahlt an diesem Maitag wirklich vor Lebensfreude, vor energischem Glück, vor Selbstzufriedenheit – obwohl er genau weiß, dass viele finden, er hätte seinen Posten nicht bekommen dürfen, er habe ihn ganz einfach nicht verdient.
Edith Rinkel blieb an ihrem Schreibtisch sitzen, und ihr kleiner Fuß mit dem hohen Spann steppte noch eine Zeit lang streitlustig auf dem Boden. Sie verachtete Menschen, die schwer von Begriff waren, nicht alle per se, sondern nur solche, die ihre Grenzen nicht kannten. Es war ihre aufrichtige Meinung, dass dieser Student nach abgelegter Bachelorprüfung sein Studium nicht hätte fortsetzen dürfen. Sie spürte keinen Zweifel, sondern hielt es für ihre Pflicht, ihm zu erzählen, wie sie die Sache sah.
Auf der Fensterbank brummte ein Insekt, eine große zottelige Hummel, wütend flog sie immer wieder gegen die Glasscheibe. Es war eine Königin. Nur die Königinnen überleben den Winter, deshalb tragen sie eine große Verantwortung. Die Hummelköniginnen müssen ein Volk gründen, aus dem wieder neue Völker entstehen sollen. Jetzt musste diese Hummel eine Stelle finden, wo sie ein Nest bauen und die Eier legen konnte, die sie den ganzen Winter lang in sich getragen hatte. Die Hummel warf sich verzweifelt gegen das Fenster in Edith Rinkels Büro. Sie wollte einfach das tun, wozu sie erschaffen war, was ihre Instinkte ihr befahlen, aber etwas, dessen Beschaffenheit sie nicht begriff, hinderte sie daran.
Von starkem Mitgefühl ergriffen, öffnete Edith Rinkel das Fenster einen Spaltbreit, danach legte sie beide Hände um die Hummel, um ihre Gefangene dann im Fingerkäfig durch den Fensterspalt zu heben und freizulassen. Die Hummel flog davon, in den Maihimmel, der an diesem Tag auffällig blau war, wie Edith Rinkel bemerkte, von derselben Farbe, die für ihre Fakultät ausgesucht worden war. Ein fakultätsblauer Himmel, dachte Edith Rinkel, und sie bildete sich ein, im selben Moment die gebrummten Danksagungen der Hummel in der Ferne zu hören. Sie lächelte über diese kindlichen Gedanken (Hummeldank! Fakultätsblau!), aber wenigstens war sie jetzt wieder guter Laune, und voller Arbeitseifer und Tatendrang setzte sie sich an ihren Computer und machte da weiter, wo sie beim Erscheinen des grenzdebilen Studenten aufgehört hatte.
An diesem Tag würde es keine Mittagspause in der Mensa geben, sie beschloss, ihr Kapitel fertig zu schreiben, sie würde sich zwei Stücke Knäckebrot aus der Packung nehmen, die sie immer in der Schublade liegen hatte. Für Edith Rinkel bedeutete das kein großes Opfer, sie zog in vieler Hinsicht Knäckebrot ohne Belag und ihre eigene Gesellschaft frischen Brötchen und dem albernen Gefasel der Kollegen vor. Denn das hier ist die Geschichte einer Professorin, die in ihrem eigenen Fach, ihrer eigenen Tüchtigkeit aufgeht. Es ist Edith Rinkels Geschichte. Aber es ist nicht nur ihre Geschichte. Es ist auch Pål Bentzens Geschichte, die Geschichte des Forschers, die Geschichte des rothaarigen Linguisten.
Mit dem Erzählen einer Geschichte anzufangen ist eigentlich unmöglich, oder genauer gesagt: Zu wissen, wann und wo sie beginnt, ist unmöglich, denn das Leben ist ja eine Linie von der Geburt bis zum Tod, eine einzige durchgängige Linie, Sekunde um Sekunde wächst sie weiter, erschafft sich selbst. Ab und zu scheint sie davonzurennen, ab und zu schlendert sie so gelassen, dass das Leben fast stillzustehen scheint. Manchmal steigt sie steil nach oben, wenn sich gute Dinge ereignen, und dann kann man durchaus sagen, dass die Lebensfreude neue Höhen erreicht. Aber manchmal fällt die Linie steil ab, die Lebenslust ist am Boden.
Nicht die Boulevardzeitungen haben diesen Strich erfunden, der das Leben symbolisiert und der nach oben zeigt, wenn angenehme Dinge passieren, und nach unten, wenn man leidet. Edith Rinkel und Pål Bentzen befassen sich mit der Sprachwissenschaft. Sie befassen sich mit Linguistik. Und durch ihren Beruf haben sie beide natürlich das in sprachwissenschaftlichen Kreisen sehr bekannte Werk Metaphors we live by aus den frühen Achtzigerjahren gelesen – dieser Klassiker von Lakoff und Johnson, der aufzeigt, dass wir ununterbrochen Sprachbilder benutzen, dass die Alltagssprache von ihnen wimmelt und dass die Bilder oft universal sind, dass sie in hohem Maße auf physischen Gesetzen und auf Eigenschaften des menschlichen Körpers basieren. Oben ist gut, unten ist schlecht. Diese Metapher ist eine anthropologische Konstante und in allen Sprachen der Welt wiederzufinden.
Norweger schütteln den Kopf, um Nein zu sagen, Bulgaren nicken, um dasselbe zum Ausdruck zu bringen. Die Sprache Rotokas auf Papua-Neuguinea hat nur elf Phoneme, die afrikanische Sprache! kung dagegen besitzt nicht weniger als 141 unterschiedliche Laute. Man schreibt von rechts nach links oder von links nach rechts, in waagerechten oder senkrechten Zeilen. Die alten Römer und auch die nordischen Runenmeister schrieben bisweilen auch in Schlangenmustern, erst von links nach rechts und dann von rechts nach links, wie die Pflugfurchen auf dem Acker. Es gibt so viele Unterschiede, aber die Wahrscheinlichkeit dafür, dass eine der etwa 6000 Sprachen auf der Erde positive Gemütszustände mit dem Adverb hinunter und negative mit dem Adverb hinauf ausdrückt, ist äußerst gering.
Das hätten Edith Rinkel und Pål Bentzen uns beide erzählen können. Edith Rinkel hätte das zweifellos gern getan. Sie hätte eine kurze und überaus scharfsinnige Einführung über Lakoff, Johnson und die kognitive Linguistik gehalten, vermutlich hätte sie auch die Kritik an der Theorie eingebaut, sie hätte es jedenfalls nicht mit ihrem Gewissen vereinbaren können, die Gegenargumente auszulassen. Wenn ihr der Verdacht gekommen wäre, dass ihre Zuhörer ihr nicht folgen könnten, hätte sie nach einer Weile kurz genickt, sich umgedreht und uns verlassen. Die Absätze ihrer äußerst eleganten Schuhe wären durch den Gang geklappert. Und wir, ihre Zuhörer, wären stehen geblieben und hätten hinter ihr hergeschaut.
Pål Bentzen wiederum hätte es geliebt, über das Buch von Lakoff und Johnson erzählen zu dürfen, und bestimmt hätte er seine Zuhörer bezaubert. Ja, er hätte uns bezaubert. Denn Pål Bentzen bezaubert seine Mitmenschen oft, vor allem die weiblichen. Er hätte die spektakulärsten Beispiele ausgesucht, die unvergesslichsten Textstellen. Er hätte mit den Händen gefuchtelt, und vermutlich wären ihm die Haare in die Stirn gefallen. Pål Bentzens tiefe und sonore Stimme hat eine große Reichweite, und er hätte schnell und sicher gesprochen. Seine große Nase hätte ein arrogantes Dreieck in die Luft gezeichnet. Aber er hätte rote Wangen gehabt, deren Ursache eine Mischung aus großem Eifer und fast vergessener Schüchternheit war, einer Schüchternheit, die sich nach einem Ereignis in seinen Jugendjahren eingestellt hat, nach dem ereignis. Pål tituliert das, was damals passiert ist, immer in bestimmter Form und in Großbuchstaben, so groß, dass sie auch in der mündlichen Rede deutlich werden – trotz der objektiv gesehen ziemlich unbedeutenden Beschaffenheit des Ereignisses. Und vielleicht ist das Ereignis der passende Anfang für Påls Geschichte?
Wir haben beschlossen, die Geschichte von Edith Rinkel an einem Tag im Mai beginnen zu lassen, an einem warmen Tag mit hohem und eben fakultätsblauem Himmel, einem Tag, an dem Edith Rinkel sich dermaßen über einen ihrer minderbegabten Studenten ärgert, dass sie sich weigert, ihn weiterhin zu betreuen. Das ist zwar ein zufälliger, aber glaubwürdiger Anfang. Wir könnten auch an einer anderen Stelle anfangen. Wir könnten zum Beispiel mit dem Tag beginnen, an dem Edith Rinkel ihre Professur angetreten hat. Oder damals, als sie den rötlichen Schatten einer gefüllten Karaffe voll Saft sah und erkannte, was sie für ein Mensch war. Aber wir haben uns nun einmal für diesen warmen Tag im Mai entschieden.
Aus irgendeinem Grund scheint es schwieriger, für die Geschichte von Pål Bentzen einen Ausgangspunkt zu finden. Beginnt Påls Geschichte vielleicht erst mit seiner Immatrikulation an der Universität Oslo? Er hatte seine Teenagerjahre soeben hinter sich gebracht, hatte drei Monate zuvor an einem nahe gelegenen Gymnasium die Reifeprüfung abgelegt, er freute sich so, dass er glaubte, in der Nacht vor der Immatrikulation keinen Schlaf finden zu können, aber wie immer schlief er gut, so gut, dass er es nur mit Müh und Not verhindern konnte, bei der feierlichen Zeremonie zu spät zu erscheinen. Als er mit seinem Immatrikulationsbescheid in der linken und dem schlaff-feuchten Händedruck des Rektors als taktiler Erinnerung in der rechten Hand dastand, war er dermaßen von Begeisterung erfüllt, dass er sich fast schämte und sich befahl, sich zusammenzureißen, seinem Mund ein weniger breites Lächeln zu verordnen, das Summen zu unterdrücken, das aus ihm hinauszuperlen drohte.
Oder vielleicht sollten wir uns einen anderen Punkt aus Påls Lebenslinie aussuchen und sagen, dass die Geschichte erst mit Påls viertem Semester beginnt, er hat das erste Zwischenexamen abgelegt, er hat sein Mathematikstudium aufgenommen und beendet, er hat – fast heimlich und mit sorgfältig einstudierter Lässigkeit – das Vorexamen in Phonetik und Sprachwissenschaft und das Examen für Latein als Nebenfach bestanden. Vielleicht beginnt Påls Geschichte in jenem Moment, als er den Seminarraum 1102 im Niels-Treschows-Hus betritt, im zehnten Stock, dem zweitobersten Stock im höchsten Haus des Universitätsgeländes, jedenfalls des höchsten Hauses der Historisch-Philosophischen Fakultät. Denn hier steigt seine Lebenslinie steil nach oben, weit über den zehnten Stock hinaus. Ja, vielleicht fängt das Ganze hier an, in dem Augenblick, als er den Seminarraum betritt und zum Studierenden am Linguistischen Institut wird. Zehn Jahre später betritt er jedenfalls an der Spitze des dreiköpfigen, mit Talaren bekleideten Komitees den Festsaal des alten Universitätsgebäudes mitten in Oslo, um über seine Doktorarbeit zum Thema Between Scylla and Charybdis: Morpho-syntactic Immersion in Latin and Old Norse zu disputieren. Und weitere zwei Jahre später tritt Pål seine neue Stelle an: Er wird Forscher am frisch eingerichteten Institut für Futuristische Linguistik – unter Eingeweihten Futling genannt. Es ist zwar keine feste Stelle (feste Stellen gibt es an der Universität Oslo kaum noch, und nur äußerst selten bekommt man sie, wenn man noch keine vierzig ist). Er hat also nur einen Zeitvertrag, ist aber seinem Ziel, seinem Lebensziel, näher gekommen als je zuvor. Er weiß, dass er sich diese Möglichkeit nicht entgehen lassen darf. Er will an der Universität bleiben. Das ist genau das, was er will.
Aber eigentlich beginnt Påls Geschichte natürlich schon viel früher. In dem Moment nämlich, als die stärkste und kämpferischste Samenzelle seines Vaters die Ziellinie erreichte und mit energischem Schwanzschlag durch die Haut drängte, die die Eizelle von Påls Mutter umgab. Die Mutter setzte sich im Schnee auf, unter einer Tanne auf dem Weg nach Ullevålseter, an einem ganz normalen Dienstag, sie fror am Hintern, und jetzt zog sie sich Strumpfhose und Skihose wieder über die Hüften. Sie hatte mit ihm ihren Kakao geteilt und im Gegenzug eine halbe Tafel Milchschokolade erhalten. Sie hatten herumgejuxt und gealbert und den »gemeinsamen Ton gefunden« (wie die Mutter sich auszudrücken pflegte, wenn sie Pål von seiner Entstehung erzählte), und plötzlich hatte sie die Skihose um die Knöchel, eiskalte Tannennadeln im Rücken und einen fremden rothaarigen Mann zwischen den Schenkeln. Schnee rieselte auf die beiden hinab, und Påls Mutter stöhnte an seinem Hals und in die Maschen des Norwegerpullovers.
Genau neun Monate darauf, auf den Tag genau neun Monate nach der Empfängnis, wird Pål geboren. (»Das ist ungefähr das einzige Mal, dass Pål pünktlich war«, sagte Påls bester Freund Morten, als er diese Geschichte durch Zufall einmal zu hören bekam.) Vielleicht fängt die Geschichte an dem Morgen an, an dem Påls Mutter in einem knisternd sauberen Bett im Ullevål-Krankenhaus saß, mit ramponiertem Unterleib, schmerzendem Becken und von Milch prallvollen und deshalb so fremdartig riesigen Brüsten, dass sie zunächst nicht glauben mochte, dass es wirklich ihre waren. An dem Morgen, als sie ihren kleinen Sohn ansah, der schon als Neugeborener die Anzeichen für eine auffällig große Nase zeigte, und sie sich über seinen haarlosen Schädel beugte und ihm, und sich selbst, versicherte, dass sie das hier schaffen würde. Und sie schaffte es. Sie schaffte es ganz hervorragend allein, sie und Pål in der Wohnung, die sie von ihren Eltern geerbt hatte, der Wohnung in Fagerborg, gleich unterhalb der Kirche von Vestre Aker.
Jener Kirche, dieser roten Klinkerkirche mit dem patinagrünen Glockenturm, die auf einer kleinen Anhöhe thront, in der sowohl seine Mutter als auch Pål getauft worden sind, in der sie konfirmiert wurde und in der die Trauerfeier für die Großeltern stattgefunden hat. Es ist dieselbe Kirche, die sie und Pål jahrelang jeden Sonntag aufsuchen, um Blumen auf das Grab zu legen, in dem Påls Großeltern ruhen. Pål und die Mutter. Die Mutter und Pål. Immer die beiden. Sie und Pål allein, bis zu dem Tag, an dem die Mutter heiratet, auch das in der Kirche von Vestre Aker.
Oder ist vielleicht, wie schon einmal angedeutet, das Ereignis der eigentliche Beginn der Geschichte? Das, was drei Jahre nach der Hochzeit seiner Mutter im Herbst passiert ist. Das Ereignis, das Påls Lebenslinie jählings nach unten absacken lässt, immer steiler und in hohem Tempo, in so hohem Tempo, dass er es nur mit knapper Not und nur mit der Hilfe seiner liebenden Mutter schafft, rechtzeitig abzuspringen.
Wir müssen hier betonen, dass das Ereignis an sich nicht von einem solchen Charakter ist, dass es auch bei jedem anderen Menschen unweigerlich zu einer solchen starken Reaktion geführt hätte. Wenn ein anderer als Pål dasselbe erlebt hätte, hätte er das möglicherweise nicht weiter beachtet. Aber Pål wurde durch das Ereignis in seinen Grundfesten erschüttert.
Es widerfährt Pål in dem Jahr, in dem er eigentlich konfirmiert werden sollte, natürlich in der Kirche von Vestre Aker, aber er weigert sich. »Es gibt keinen Gott, Mutter«, erklärt der Vierzehnjährige, sein Gesicht ist dünn und klein zwischen den sorgsam aufgestapelten Daunenkissen der Mutter, und die Mutter sieht ihn mit einem Gesicht so weiß wie Mehl an und widerspricht ihm nicht. Wie gesagt hätte die Geschichte vielleicht hier beginnen sollen, bei dem Ereignis, das Påls Leben so stark geprägt hat und das ihn für immer an seine Mutter bindet. Dem Ereignis, das dazu führt, dass die Mutter sich von ihrem Mann trennt und später scheiden lässt, sodass sie und Pål wieder allein sind, nur sie beide, in der Wohnung in Fagerborg. Vielleicht ist das der Anfang von Påls Geschichte, die schicksalhafte Episode, der er jahrelang einiges zu verdanken hat – eine imaginäre Chamäleonhaut, phonetische Hyperkonvergenz und von Zeit zu Zeit ein quälendes Schuldgefühl.
Aber nein, trotz der unleugbaren Bedeutung des Ereig-Nisses, für Pål, für die Mutter, für alle, die Pål kennen oder kennenlernen werden: Das Richtigste ist es, die Geschichte an dem Tag beginnen zu lassen, an dem Pål Nanna Klev begegnet. Denn diese Geschichte über Pål handelt nicht von dem Ereignis, sie handelt von der Universität, von Nanna, von Edith Rinkel, vom Institut für Futuristische Linguistik. Sie handelt von den Institutsangestellten, vom geschäftsführenden Direktor Paulsen, von Forschung, Studienbetreuung und Unterricht. Von dampfenden Teetassen und dem Laub, das auf den vielen Rasenflächen des Universitätsgeländes verfault. Sie handelt von den Studierenden, vom jungen Aleksander mit der Rosenhaut. Sie handelt von Hochmut, Ehrgeiz und von den lauteren Idealen der Wissenschaft. Sie handelt von Begierde, von Liebe, von Eifersucht und Neid. Vom Verlangen nach Betrug und von der Arroganz der Dummheit.