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Heinrich Mann

Ein Zeitalter wird besichtig

Saga

Ein Zeitalter wird besichtig

Coverbild/Illustration: Shutterstock

Copyright © 1946, 2021 SAGA Egmont

Alle Rechte vorbehalten

ISBN: 9788726885743

1. E-Book-Ausgabe

Format: EPUB 3.0

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Erstes Kapitel.

Das Lebensgefühl

Die wenigen Jahrhunderte, die noch nahe genug liegen, daß sie mich nicht befremden, haben offenbar das Leben auf ungleiche Art empfunden. Da sind aufbegehrende Zeitalter, und da sind die zurückgefallenen. Einmal wird ein Glaube revidiert, er drückt nicht die Gemüter, er erhellt sie. Renaissance und Reformation haben, bei stark abweichendem Inhalt, beide das Lebensgefühl verstärkt.

Aber Jesuitismus und Barock setzen es nachher nicht herab; mit anderen Mitteln haben sie es nochmals angespannt. Der Pessimismus wird produktiv: die Tragiker und die Moralisten bezeichnen ein großes französisches Jahrhundert. Das vorhergegangene war ebensowohl italienisch wie deutsch gewesen. Mir bedeutet es viel, daß der Vorrang Frankreichs anhebt in demselben Augenblick, da das Lebensgefühl streng – streng bis zur Ausschweifung wird.

Etwas Äußerstes, von den Erfindungen des Gefühls die gewagteste, war die Majestät. Ludwig der Vierzehnte hatte sie dargestellt, mit innerem Vorbehalt, die Herzen waren es, die sie forderten und ihm grenzenlos zutrugen. Er ist einige Male vor sich erschrocken, hat sich bedacht und sich zurückgenommen.

Achtzig Jahre nach ihm erfuhr die Majestät ein gewaltsames Ende, aber genau so vielversprechend wie vormals sie, trat nunmehr der Zauber der Freiheit ein. Wieder einmal will das Leben sich fühlen und wird spektakulär – mit einer Revolution, die, außer in der Schwärmerei ihres Morgenrots, von niemand als endgültig genommen wurde und für integral gehalten nur von einigen Fremden.

Ihr Sinn ist eigentlich vollendet bei Voltaire, der an ihr wirkliches Erscheinen nie geglaubt hätte. Die Freiheit, will sagen die Unabhängigkeit der Person, geht bei ihm weit, sie kommt der Souveränität gleich; die Fürsten empfanden diesen Geist als die absolute Macht, die sie hätten sein wollen. (Sein eigener König ließ sich nicht verblüffen.) Er folgte aber auf den anderen äußersten Typ, Pascal, den Anbeter der Allmacht, der, vor ihr hingekniet, verzückt, gebückt, sobald er spricht, nur immer bezeugen muß, ihr Thron sei leer. Voltaire, ein Erschütterer alles Weltlichen, tastet Gott nicht an.

So haben Menschen die Autorität ausgeübt, wenn sie ihren Mißbrauch denunzierten, und dem Zweifel arbeiten sie zu, gerade mit ihrem Zuviel an Gläubigkeit. Weltanschauung, was auf deutsch diesen Namen trägt, hat einen doppelten Boden. Nicht mißzuverstehn, notgedrungen ehrlich ist das Lebensgefühl.

Wäre es schmerzlich bis nahe der Selbstvernichtung, das Leben stark fühlen ist alles. Es ergibt die Werke und die Taten. Es bannt das menschliche Gefolge. Der junge Werther beendet seine Leiden freiwillig: die Mitlebenden wurden überzeugt. Sie haben der Nachwelt, als Andenken eines nach außen leichten Jahrhunderts, des achtzehnten, gerade Werther und Manon überliefert. Beide beschwert ihre unstillbare Begierde zu leben, nichts stillt sie, nur der frühe Tod.

Unzählig sind die Werke des Lebensgefühls, die nichts als das sind. Seine Taten ergriffen manchen, der kaum vorbereitet schien. Klopstock und Kant, in ihrer Begierde für die Ereignisse in Frankreich, detonieren. Mozart wird seither so tragisch bedeutungsvoll nicht empfunden, wie er es ein einziges Mal sein wollte. Dennoch, in der »Zauberflöte« vernahmen die Zeitgenossen ein noch unerhörtes Gefühl, sie gaben sich hin und erklärten es nicht. Es war 1791 der Schwanengesang ihres Herzens und seines, bald vollendeten. Die strengen, dunklen Klänge hat er, hellhörig, in sanfter Ahnung der heraufziehenden Leidenschaften, aus Frankreich empfangen.

Ein Weltgeschehen, kaum begriffen, die Gesinnung teilt man nicht, unwiderstehlich ist allein das entfesselte Lebensgefühl, – es begleitet jedes Verhängnis.

Es rechnet mit den Kräften nicht, in dreißig Jahren hat es sie noch immer erschöpft, dann bekennt die nächste Zeitgenossenschaft, daß sie von der Maßlosigkeit ihrer Vorgänger verbraucht ist.

Die Generation nach Napoleon hat ihm im Grunde nur vorgeworfen, daß sie müde sei. Ihr Gefühl belasteten die Toten aus seinen Kriegen. Er verantwortete die Überanstrengung der Nation und die interessanten Ängste der Nachgewachsenen. Stendhal hat sich in Julien Sorel um zwanzig Jahre jünger gemacht, damit ein Anhänger des Kaisers in der müden Welt, die jetzt folgt und die empfänglich für starke Naturen ist, ein Heuchler und ein Mörder werden soll. Julien ist die dunkle Kehrseite der glänzenden Jugendjahre mit dem großen Mann, die seinem Autor erlaubt gewesen waren. Beide hätten ein und dasselbe Lebensgefühl, lägen nicht zwischen ihnen die zwanzig Jahre.

Wieder um eine Generation jünger, erhebt Michelet seine Anklage. Hier bejammert kein Geschädigter mehr sich selbst. Die historischen Nachwirkungen eines Eroberers, der nicht für Frankreich gehandelt habe, erbitterten ihn allein. Napoleon hatte Frankreich entvölkert, das Sterben mißbraucht für Siege ohne nächsten Tag. Was anhält: die Entvölkerung.

Noch mehr, die Revolution, als die wahre, moralische Eroberung, ist abgestumpft worden auf den müßigen Schlachtfeldern. Der überdimensionale Dichter der Revolution, Jules Michelet, hatte damals seine Vision vom leuchtenden und erlöschenden Genie eines Zeitalters beendet. Er war jetzt alt, ohne Geduld; für Napoleon, der dennoch die letzte Fackel der Revolution über Europa getragen hat, findet sein Geschichtsschreiber nur noch zerhackte Beschimpfungen.

Ich vergleiche mit dem Menschentum außerhalb jeden Ranges, das Napoleon, seine Epopöe, seine Erscheinung, einer ganzen Welt zu fühlen gegeben hatte, als er auf ihr wandelte. Nationen verachteten auf einmal jede Macht, die nicht seine ist. Noch wenn sie kriegerisch werden und sich befreien von ihm, vermögen sie nur Frankreich und ihn viel kleiner nachzuahmen. Er ist der einzige Herrscher und General, den die geistigen Spitzen Europas für ihresgleichen gehalten haben. Goethe war sein Freund.

Aber kaum ist seit dem Tode Goethes ein Menschenalter verstrichen, da wird das Monstrum an Machtwillen verworfen ohne Appell. Das Urteil fällt der nationale Geschichtsschreiber Frankreichs: durch seinen Mund die Nation selbst, sie liest ihn seither hundert Jahre. Sie fährt gewiß fort, den einstigen Herrn Europas zu bewundern, da er es mit französischen Heeren wurde. Gleichwohl erkennt sie seit einigem in allen militärischen Eroberungen den Trug und die Vergeblichkeit. Es könnte sein, daß die einmalige, ausgiebige Erfahrung nie verwunden, aber genutzt wäre. Daher mehr als ein Phänomen, das für französisch gilt, aber sich zögernd herangebildet hat seit 1815.

Der einzelne lebt kurz, vollendete Verwandlung erblickt er selten, eher wird er zuletzt noch Zeuge eines Rückfalles der Nation in längst widerlegte Zustände. Als Michelet alterte, mußte er das zweite Kaiserreich über sich ergehen lassen: gerade daher seine uneingeschränkte Verwerfung des ersten. Die militärischen Eroberer haben nicht genug daran, daß sie das Land entvölkern, die Nation ermüden: sie hinterlassen eine Wurzel, die noch treibt. Sie werden nachgeahmt.

Napoleon III. war ein zaghafter Nachahmer des Ersten. Er begehrte seinen Glanz und nicht erst die Mühen. Er hat die Kriege, zu denen seine Herkunft ihn verpflichtete, mit Vorsicht geführt: der letzte, über den er stürzte, mußte ihm abgenötigt werden, ebensowohl von seiner Umgebung wie von dem Angreifer.

Er hat wie jeder andere gefühlt, auf Grund der Erfahrungen Frankreichs mit seinem großen Kaiser hat der gealterte Nachahmer gefühlt: die militärischen Auseinandersetzungen mächtiger Nationen sind vergeblich, sie entscheiden nichts, da immer dieselben, wenigen Gegner, soweit man zurückdenkt, aufeinanderstoßen. Die Kriege in Europa hatten bisher – nur bis auf uns – einen begrenzten, einmaligen Zweck, – der auch anders zu erreichen war.

Gedanken eines kranken Machthabers, falls der gealterte Nachahmer des großen Napoleon sie hatte. Er konnte sie nur empfangen, als er nicht mehr weit hatte und sich eingestand, die Ordnung Frankreichs, das Gefühl der Nation sei von Grund auf demokratisch; sein Reich hänge haltlos über den wirklichen Menschen; er sei verspätet; sein letzter Krieg falle aus der Zeit.

Sein Gegner Bismarck begegnete damals keinem einzigen der Gedanken, die dem anderen nahe lagen, weil er am Ende, die Nation über ihn hinaus war. Die Revolution hat sich dauerhafter erwiesen als der große Kaiser: sein Nachahmer, 19 Jahre, ihre vorläufig unterbrochene Erfüllung, die Dritte Republik, 70 Jahre, und Erfüllungen darüber hinaus werden erwartet.

Bismarck war zehn Jahre jünger als sein Opfer, war gesund und auf ansteigender Linie. Die deutsche Nation fand seine Kriege rühmlich, sie ließ ihn das Reich, das sie wollte, auf seine Art herbeiführen. Für die Nation bis in ihre geistigen Spitzen ist dies alles gewesen, der Sieg und Triumph, ausgedrückt in einem machtvollen Reich. Nicht für Bismarck. Er kannte, als es nun da war, die Gebrechlichkeit des Reiches. Die Gefahr der Triumphe ist ihm immer gegenwärtig gewesen, ohne daß er sie bereute. Oder man müßte an das Wort denken: »Über meine Kriege habe ich mit Gott abgerechnet.«

Er hat das Reich nicht nur geschaffen: es zu erhalten war schwerer. Die gefürchteten Koalitionen abwenden. Die Rache – nicht Frankreichs, sondern aller – ermüdet. Den Frieden, trotz Bedrohungen und Verlockungen den Frieden durchsetzen. Andere haben genug getan, wenn sie ihn nicht brachen. Von 1875 bis 1890 brütete Europa für seinen Krieg die Anlässe, wenn nicht sogar die begründeten Vorwände aus. Sie erschienen überzeugender als je nachher.

Die Deutschen haben ihrem einzigen Staatsmann seine vornehmsten Verdienste nie gedankt, sie kennen sie gar nicht. Er eroberte seinem Reich – nicht Provinzen, die hat er kaum gewünscht, sondern Dauer für seine eigene Lebenszeit. Nach ihm war es sofort in Frage gestellt. Der Bestand des Reiches Bismarcks bleibt weit zurück hinter der Haltbarkeit der französischen Republik. Ohne ihn hätte es auch die knappe Zeit der festen Grenzen, einer halbwegs beruhigten Staatlichkeit niemals erlebt.

Der tiefe Grund des Hasses, den Bismarck gegen Wilhelm II. empfand: er sah ihm die Zerstörung des Reiches an. Der Unernst des Erben gegen das Vermächtnis hat ihn mehr empört als die Leichtfertigkeit, mit der er selbst behandelt wurde: sie verriet nur den ahnungslosen Komödianten einer Geltung, auf die der Erbe kein Recht hatte. Bismarck nennt seither Friedrich den Großen, das angemaßte Vorbild Wilhelms, einen Schauspieler. Er sah den späten Enkel des berühmten Königs sich ergehen und mißtraute ihm selbst. Gewisse Papiere Friedrichs fand er jetzt gefährlich, er schrieb groß und steif darauf: Dauernd geheimzuhalten.

Das ist, wenn ich will, die Abneigung eines Alten gegen die Fortsetzung seines Werkes in weitaus größeren Unternehmungen, die er nicht mehr kennen soll. Ich glaube lieber, daß er sie durchaus gekannt hat. Was er zuletzt mehr fürchtete als äußere Verschwörungen gegen das Reich, war das innere Komplott Deutschlands gegen den europäischen Frieden. Seine Bündnispolitik, die sein erster Nachfolger »zu kompliziert« nannte, beweist, daß er die militärische Macht Deutschlands für begrenzt hielt. Er hat natürlich gewußt, daß die Herausforderung an alle, mit der er den jungen Wilhelm spielen sah, das Ende wäre. Quieta non movere, das Wort seiner späten Tage, heißt eben dies.

Der Fürst wird seine Kriege bereut haben, wenn er an den nächsten dachte. Dies muß der Inhalt seiner Abrechnung mit Gott gewesen sein. Übrigens meine ich, daß von etwas Geschaffenem wenigstens einer den Sinn in sich trägt und begreift: es ist der Autor. Mir gefällt es zu denken, daß auch Deutschland, wie einst das Frankreich Napoleons, nicht völlig blind das Verhängnis der Welt und sein eigenes heraufbeschworen habe. Wenigstens der eine war da, zu wissen und zu warnen. Er hatte, weise geworden, die Folgen eigener Schuld zu unterdrücken oder aufzuhalten.

Zusammenhänge gibt es, man entziffert sie wohl, unter der Bedingung, daß man schon dabei war und nachher lange genug lebt. Sie definieren geht nicht. Ich halte dafür, daß die deutschen Abenteuer von Beginn bis Schluß, sei es wenig oder kaum bewußt, Napoleon nachahmen.

Von Bismarck bis Hitler

Das deutsche Kaiserreich hat pünktlich das zweite französische abgelöst. In Versailles mußte es eröffnet werden. Ohne ein besiegtes Frankreich war das Deutsche Reich politisch vielleicht zu haben, seelisch nicht. Die Deutschen, ob sie es sagten oder nur fühlten, haben von ihrem Reich verlangt, daß es mit dem Prestige von Siegen glänze, wie bis dahin das andere. Der deutsche Kanzler konnte, nachdem dieser Weg einmal beschritten, nur der Schiedsrichter Europas sein, wie vorher Napoleon III. – der Nachahmer eines Größeren.

Was Deutschland sich im 20. Jahrhundert erlaubt hat, ist ein Maximum, viel zu ungeheuer, als daß es eine natürliche Überlieferung fortsetzen könnte. Traditionen enthalten Erfahrung. Sie lehren Vernunft. Die preußische, wenn sie wirklich nur kriegerisch wäre, geht das alte, kleine Land Friedrichs an, und hier zuerst die Kriegerkaste, – sie ist es aber nicht, die diese unwahrscheinliche Überhebung des ganzen Deutschlands gepflegt, sie zum kritischen Ende gebracht hat. Weniger die alten Preußen als die sehr viel neueren Mächte im Reich.

Deutschland ist nicht Preußen, es hat von dem alten Preußen beiläufig den undeutlichen Begriff wie alle übrige Welt. Schon sein zweiter Kaiser, Wilhelm, war und handelte unpreußisch, flüchtig, ohne Nüchternheit und Sinn für das noch Erlaubte. Ausreden auf Friedrich den Großen besagen nichts, Friedrich hat wohl seine Preußen als die neuen Römer erträumt – in einer unabsehbaren Zukunft. Inzwischen ermüdeten sie ihn, er hat sie nicht geachtet. Er ehrte allein die Franzosen seiner Zeit, jeden letzten Untertan des Königs von Frankreich, dem zu dienen sein wirkliches Glück war.

Den Deutschen ist Friedrich ein Name, mehr nicht. Die Schulen außerhalb Preußens unterrichten über seine Geschichte wenig, die preußischen lehren eine Fabel. Das ältere Preußen oder das unbestimmte Bild, das man von ihm hatte, verführte niemand, eher stieß es ab. Gerade an seiner Spitze verfiel seine Tradition. Wilhelm II. hat versucht, den absoluten Herrscher zu spielen, nur keinen preußischen. Seine Mittel waren häufiges Umkleiden, immer reisen, alles wissen und noch mehr reden.

Das sind zivile Mittel, dieser deutsche Kaiser war kein Militär. In dem Krieg, der nicht seiner ist – ganz andere hatten ihn gewollt und gemacht –, brachte jeder, der es konnte, sich zur Geltung. Gekämpft wurde für die Geldinteressen dieser, das Prestige jener, für bunte Kriegsziele. Der Kaiser allein trat zurück, mit jedem Kriegsjahr weiter zurück, bis er sprach: »Ich spiele nicht mehr mit«, und zu Bett ging. Dieser König von Preußen war ein herabgesetzter Preuße, oder ein abgewichener. Sein Nachfolger Hitler ist gar keiner.

Wenn Deutschland ein Großpreußen wäre und die preußische Geschichte fortsetzte, dann haben die Deutschen jedenfalls ihren neuesten Führer von draußen geholt, aus demselben Österreich, das Friedrich haßte, dessen Herrscher er der Kaiserwürde entkleiden und das er zerstückeln wollte. Der neue Auserwählte der Deutschen hat mit Preußen-Deutschland das Geringste nicht gemein, weder Vergangenes, das man im Blut trägt, noch auch nur das Schulwissen. Die Landkarte von Deutschland mußte er erlernen, als ihm erlaubt wurde, zwischen den Städten dieses fremden Landes umherzufliegen, in Ausübung seines Berufes als Tribun. Reden, wie Wilhelm, und auch wieder nach den Reden der Krieg.

Napoleon war vom ersten Tag an französischer Offizier und nie etwas anderes, kein fauler Handwerker oder unwissender Hetzredner. Er mußte seine Heimat Korsika nicht besetzen, sie gehörte freiwillig zu Frankreich, – Frankreich war anziehend schon vor Napoleon. Deutschland ist es am wenigsten durch seinen Hitler geworden.

Besonders fand Napoleon eine Revolution vor, seine Laufbahn vollzog sich nach ihrem Gesetz, in ihrem Zeitmaß. In den achtziger Jahren ein Unterleutnant, der einen Roman schrieb; um 1800 auf Schlachtfeldern herangewachsen zu dem Ersten seiner Zeitgenossenschaft. Man kann es normal nennen. Es geht hervor aus dem damals verbreitetsten Lebensgefühl, – das heute nirgends begriffen werden kann, mit der einzigen Ausnahme der Sowjetunion.

Der arme Wilhelm II., in seinem Bedürfnis zu reden und sich jede Blöße zu geben, hat nicht unterlassen, ihn den korsischen Parvenu zu nennen. Da liegt es gerade. Er selbst war der Emporkömmling, seinem Auftrag, vornehm ein gesichertes Reich zu leiten, hat er nie genügt. Inmitten der liberalen Jahrzehnte brachte er halb faschistische Gesetze ein, der erregten Öffentlichkeit opferte er sie alsbald. Fuhr übereifrig einem fremden Milliardär bis an den Hafen entgegen, aber mit seinem Onkel von England trieb er Scherze, die teuer zu stehen kamen. Übrigens hat er Napoleon nachgeahmt, – in der Herrschergeste, da ihm sonst nichts freistand.

Die schaubare Haltung, das Inbetriebsein, die Ubiquität, das Vornean-Agieren um jeden Preis, auch auf die Gefahr von Kriegen, die man durchaus nicht zu wagen gedenkt: dies alles bedeutet das Hinschwinden der Legitimität. Die ehemals Europa regierende Familie – da die souveränen Häuser verwandt waren – sah gewöhnlich noch auf Würde. Bei allen Treulosigkeiten wahrte doch jeder den gemeinsamen Anstand, das hieß aber: die Mächte blieben mehr oder weniger die gleichen, und über den Kriegen der Nationen erhielt sich ein Frieden der Souveräne.

Der Kaiser eines neuen Reiches fiel aus der Reihe der Legitimen. Zu schweigen von der »Kunst des Möglichen«, wie Bismarck die Politik genannt hatte, – dafür bedarf es eines Künstlers; aber Wilhelm II. machte auch nicht die Politik seines Hauses. Sie wäre vereinbar gewesen mit der Politik der anderen regierenden Häuser. Unvereinbar mit allem Bestehenden waren die Gier und der Neid der kürzlich in Deutschland heraufgekommenen Mächte. Wilhelm, der nur das Geld achtete, verband sich ihnen.

Der Neid allein bestimmte Deutschland, will sagen seine neue herrschende Schicht, im südafrikanischen Kriege gegen England Partei zu nehmen. Wilhelm, mit den illegitimen Gefühlen des Emporkömmlings, der noch immer benachteiligt sein will, gab sich geräuschvoll als der Beschützer der Buren, aber nun ihr Präsident nach Berlin kam, empfing er ihn nicht. Provozieren, zurückzucken, Spielerei mit tödlichen Feindschaften und Furcht vor ihnen. Da er sich und seine Gesten nicht ernst nahm, verlangte er von anderen dasselbe. Bis an den Rand des Krieges und darüber hinaus erwartete er von Großbritannien, daß es sich enthalte.

Noch naiver hat Hitler an die britische Friedfertigkeit geglaubt. Er rechnete nicht nur auf den Betrug, einen dauernd unbeanstandeten Betrug, – indessen schon der unfähige Chamberlain gesagt hatte: »Man versucht es mit ihm noch einmal, auch wenn man nicht mehr glaubt.« Hitler muß überdies in dem merkwürdigen Traum dahingelebt haben, das europäische Gleichgewicht, seit zweihundert Jahren die Sorge Britanniens und Bedingung seiner Existenz, habe plötzlich aufgehört die Briten zu interessieren. (Das Gleichgewicht ist seit 1943 wirklich aufgegeben, um das besiegte Deutschland dauernd machtlos zu erhalten.)

Nicht genug, daß dieser Hitler aus seinen Träumen das britische Vorurteil versehentlich wegließ. Wahrscheinlich ist, daß er von dem europäischen Gleichgewicht niemals gehört hatte. Alle folgenden Zeugnisse seiner Unwissenheit sprechen dafür. Siehe seine einfach blödsinnige Meinung über den Zustand der Sowjetunion, derentwegen er sie angriff. Siehe seinen frevelhaften, aber auch hirnverbrannten Vorsatz, die europäischen Nationen aufzuheben.

Sie sind die ganze Lebenskraft Europas, alles, was den Erdteil des Bestehens wert macht. Wer verfällt darauf, sie abzuschaffen? Napoleon nicht, er hat nicht gerührt an die Nationen. Sein entferntester, unberufenster Nachahmer unternimmt den mörderischen, vergeblichen Unfug. Noch angesichts seines eigenen Zusammenbruches betreibt er das Ende aller.

Ich mag es kaum hinschreiben, so selbstverständlich ist es, daß der Politiker Hitler dieselbe Stufe hält wie der Stratege Hitler: die unterste, eher gar keine mehr, sondern den nachgiebigen Boden des frechsten Dilettantismus. Das soll eine Idee sein: niemand will den Krieg, daher kann ich ihn machen? Als sie mußten, haben sie ihn allerdings gewollt. Die einzige Idee des Politikers führte ihn nach Stalingrad und geleitet den Strategen treulich – bis zurück in das zertrümmerte Deutschland.

Das Problem ist nicht dieser Pinsel, auf Zimmerwänden wird er sich auch nur talentlos betätigt haben. Die schwere Frage betrifft Deutschland – und dies Zeitalter. Deutschland, das sich einem durchaus niedrigen Individuum in die Hände gab. Die gesamte Mitwelt der Mächte und Völker, die es ihm erlauben mußte. Das eine wie das andere geschieht, wenn man es verstehen will, folgerichtig. Das Schicksal werde nicht bemüht. Was wirklich ist, ist berechenbar.

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Data wydania na Litres:
05 maja 2025
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600 str. 1 ilustracja
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9788726885743
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