Czytaj książkę: «Wir kaufen nichts! – Fantasy-Kurzgeschichte zur Glas-Trilogie»

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Originalcopyright © 2020 Südpol Verlag GmbH, Grevenbroich

Autor: Heiko Hentschel

Umschlaggestaltung und Illustrationen: Heiko Hentschel

E-Book Umsetzung: Leon H. Böckmann, Bergheim

ISBN: 978-3-96594-101-4

Alle Rechte vorbehalten.

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Hinweis: Liebe Lesende, diese Kurzgeschichte ist das Bindeglied zwischen dem zweiten und dritten Band der Glas-Trilogie. Um diese Geschichte in vollem Ausmaß genießen zu können, empfiehlt es sich, vorher den zweiten Band zu lesen.

Die Welt der Glas-Trilogie:

Bisher erschienen:

Das hungrige Glas (Band 1)

Lügen haben spitze Zähne (Kurzgeschichte, E-Book)

Das flüsternde Glas (Band 2)

Wir kaufen nichts! (Kurzgeschichte, E-Book)

Für die Brainstormers und alle Leser,

die Moritz’ Abenteuer bis hierhin verfolgt haben.


Wir kaufen nichts!

Eine Kurzgeschichte zu Weihnachten

Ein Schleier aus dichten Flocken senkte sich auf die Welt herab. Als der Musikant am Morgen des 24. Dezembers 1813 auf dem Gipfel der verfallenen Wesselburg erschienen war, hatte es nur leise gerieselt – feiner Schnee, der wie Mehl zur Erde fiel. Nun, am frühen Abend, war das Weiß dick und klumpig und bedeckte alles. Die kalte Pracht ließ den Beschwipsten Pfaffen, den Berg im Nordosten von Bad Greifenstein, abweisend und undurchdringlich aussehen.

Während der Musikant im Dämmerlicht durch die verschwommenen Baumreihen schritt, sah er vorbeiziehende Schemen auf den Hängen unterhalb der Burgruine. Eine kleine Gruppe grauer Geschöpfe sprang mit ungeheurer Eleganz durch das knöcheltiefe Weiß. Sie bemerkten, dass sie nicht allein waren, und verlangsamten ihren Lauf. Schlanke überlange Hälse reckten sich ins Dämmerlicht. Der Musikant sah Häupter, die mit Geäst gekrönt und mit Schleiern aus feinstem Gespinst bedeckt waren - unheimliche Vorhänge aus durchscheinendem Garn, zart wie der Morgen und traurig wie der Tod. Hinter dem zerbrechlichen Gewebe leuchteten Augen wie Nebelkerzen.

Eine Herde Trauerschreiter.

Der Musikant lächelte. In der Welt der Mock – der Monster und Schattenwesen – waren diese Kreaturen das, was er für die Welt der Menschen war. Die letzten Begleiter. Trauerschreiter spürten das Ende der Bestien herannahen und trugen die leuchtenden Erinnerungen der Toten zwischen ihren Hörnern in das Danach.

Der Musikant wollte seinen Weg fortsetzen, als ihn eine Besonderheit stutzen ließ. Inmitten der Herde reckte eine weiße Gestalt ihren Kopf, schöner noch als die Übrigen. Die Chamois, das weibliche Oberhaupt der Gruppe.

Ihr Schädelschmuck war symmetrischer und feiner als der ihrer Begleiter. Er erinnerte an Mistelzweige – von Spinnweben umgarnt und von Schneeflocken geküsst. Perlenketten aus Eis reihten sich edelsteingleich auf und lenkten den Blick des Betrachters ab von den drei dahinter verborgenen Augen; eines für das Diesseits, eines für das Jenseits und eines für alles, was dazwischen lag.

Der Atem der Chamois bauschte sich in der Kälte auf und sie stieß einen hellen Pfiff aus. Sofort setzte sich die Herde in Bewegung und verschmolz mit dem immer finsterer werdenden Licht des sterbenden Tages. Sie flüchtete. Ein sehr seltsames Verhalten. Wovor sollten erhabene Wesen wie diese Angst haben?

Der Musikant schürzte das, was er anstelle der Lippen hatte, und zog den steifgefrorenen Fetzenumhang, den er sein Eigen nannte, enger um die ausgemergelten Schultern. Obwohl die Kälte für ihn nur eine Erinnerung war, schien es ihm die passende Geste in dieser Winterlandschaft.

Etwas quiekte in seine vertrocknete Ohrmuschel. Der Musikant wandte den Kopf und erspähte erneut den blinden Passagier, der sich in seiner Kleidung festgesetzt hatte. Ein Schattengeck. Klein und wurmartig und mit rotschwarzem Federflaum bedeckt, glotzte die eigenwillige Mischung aus Raupe und Dompfaff den Musikanten vom Saum seiner Kapuze her an. Der Winzling öffnete den kurzen Schnabelmund und stieß einen Laut aus, der wie das Trällern einer Meise klang.

„Hiss“, sagte der Musikant, was so viel bedeutete wie Du schon wieder! und zupfte den unliebsamen Reisebegleiter von seinem Umhang. Er ließ ihn in den Schnee plumpsen und schritt voran.

Weiter vor ihm, in der zunehmenden Düsternis des Waldes, erblickte er den Mann, den er schon den ganzen Tag über verfolgte: Alfred Holzer. Lautlos stapfte der Kerl durch den Schnee, begleitet von zwei flinken Wesen, die um ihn herumtollten wie junge Hunde. Doch es waren keine, es handelte sich um wilde Steintaucher. Die gehörnten Ottergeschöpfe aus der Familie der Wolpertinger hüpften durch den Schnee, durchstießen die feste Schneedecke und sprangen in winterlichem Übermut zwei Meter in die Höhe über den Kopf des Mannes hinweg, umtost von Schneekristallen. Man hätte meinen können, dass der magere Herr eine kleine Sonne wäre, um die die Biester wie Planeten kreisten. Ein spektakulärer Anblick selbst für den weit gereisten Musikanten. In Bad Greifenstein bekam man etwas geboten.

Erst heute Morgen hatte er beobachtet, wie Alfred Holzer einen jungen Vielfraß aus einer vereisten Falle befreit hatte und zum Dank dafür nicht gefressen worden war. Eine Sensation, wenn man bedachte, dass die Welt der Mock und die der Menschen streng voneinander getrennt waren. Überschneidungen endeten meist tödlich. In Bad Greifenstein jedoch verschwammen die Grenzen. Es herrschte eine friedfertige Symbiose. Man half sich sogar, was noch viel seltsamer war, denn für gewöhnlich kamen die Menschen nicht einmal miteinander gut aus.

Das machte die Aufgabe, die vor dem Musikanten lag, nur umso schwieriger. Zum wiederholten Male an diesem Tag blickte er unter seinen Umhang. Dort wartete die Geige festgezurrt an seiner Hüfte. Sie zog an seiner Seele und forderte ihr Recht. Manchmal konnte sie eine wahre Nervensäge sein. Sie gab nicht eher Ruhe, bis der Auftrag erfüllt war.

Es war immer dasselbe. Die Geige machte einen Fehler und er musste ihn ausbaden. Eine Ungerechtigkeit! Aber im Falle des Herrn Holzer leuchtete selbst dem Musikanten ein, dass Fehler passieren konnten. Wer hätte auch ahnen können, dass man den Mann fälschlicherweise wiederbelebt hatte. Menschen, die plötzlich zwischen den Welten wandelten - nicht ganz tot, aber ebenso wenig lebendig waren -, machten nur Probleme. Sie gingen so schnell verloren. Verschwanden aus dem Sichtfeld der Geige wie Flöhe im Fell eines Streuners. Was zurückblieb, war die Erinnerung an ein Jucken, das nie ganz verschwand … Nun war es an der Zeit, sich persönlich zu entschuldigen und eine Korrektur vorzunehmen.

„Hiss“, seufzte der Musikant, was so viel bedeutete wie Ausgerechnet an Heiligabend. Doch er hatte keine Wahl. Die Geige hatte entschieden.

Er folgte Alfred Holzer ins Tal. Als die Schatten den Mann auf der Stadtbrücke empfingen, verschwanden die Steintaucher urplötzlich und ein anderes Wesen trat an ihre Stelle. Ein riesenhaftes Ungetüm mit dunklem Gefieder, das entfernt an eine Mischung aus Wolf und Wildschwein erinnerte.

War das ein Mondloser? Der Musikant blieb stehen. Geschöpfe wie diese zeigten sich nie in Gegenwart von Menschen. Sie waren Lichtfresser, geschmiedet aus Tenebris, der dunkelsten Dunkelheit. Sie waren das Heulen der zwölften Stunde, das Rumoren der Finsternis und die nagende Ungewissheit, wenn perfekte Schwärze die Welt verschlang.

Der Musikant schluckte – eine überaus menschliche Reaktion, die der Situation zwar angemessen war, jedoch seine eingerosteten Stimmbänder zum Kratzen brachte.

Unbeirrt trottete der Mondlose in der Dunkelheit neben Alfred Holzer her und begleitete ihn die gewundene Pflasterstraße entlang.

Kein Mensch trieb sich in den Gassen herum. Die Kirchenglocken läuteten die frühabendliche Christmette ein. Deshalb blieb das seltsame Gespann unbeobachtet.

Die Geige zupfte stärker. Der Musikant folgte schließlich der Aufforderung, auch wenn ihm reichlich mulmig zumute war. Hier stimmte irgendetwas nicht und das spürte er mit jedem Schritt.

Den ganzen Tag über hatte er versucht eine Lösung für sein Problem zu finden. Als Holzer auf der Burgruine beschäftigt gewesen war, hatte er einen Mauerstein auf ihn herabfallen lassen. Doch eine aufgeweckte Meute Wolpertinger hatte den Mann in letzter Sekunde umzingelt, von seinem Platz verscheucht und so gerettet. Später dann, hatte der Musikant versucht einen ohnehin altersschwachen Baum auf sein Opfer stürzen zu lassen. Abermals ohne Erfolg. Der Ruf eines schwarzgesichtigen Zusslers rettete ihm das Leben, eine Kreatur, die besonders laut und lebhaft war, vergleichbar mit einem überdurchschnittlich begabten Kind, das sich schnell langweilte, wenn die Schulaufgaben zu leicht ausfielen.

Der Musikant hatte sogar versucht, Alfred Holzer in eine vergessene Fallgrube im südwestlichen Teil des Waldes zu locken. Doch der Mann kannte sich auf dem Pfaffen zu gut aus. Mit traumwandlerischer Sicherheit bewegte er sich durch das Unterholz und die stetig anwachsende Schneedecke. Welch ein Ärgernis!

Also kam der Musikant nicht umhin, den schweren Weg zu gehen und persönlich vorstellig zu werden. Das tat er in den seltensten Fällen – nur wenn Fehler passierten oder die Geige es wünschte. Sicher, er hatte bei diversen Gelegenheiten abseits eines Schlachtfeldes gesessen und kopfschüttelnd dem kriegerischen Treiben zugesehen – die Kämpfer waren meist zu sehr mit dem Bemühen beschäftigt, zu überleben, um ihn wahrzunehmen.

Und auch wenn ein guter König starb, hatte er es sich nicht nehmen lassen, persönlich anwesend zu sein – für ein Porträt oder zwei … Doch für gewöhnlich hielt er sich inzwischen im Hintergrund. Sein Äußeres rief in jüngster Zeit immer die gleichen Reaktionen hervor: Geschrei, Tränen und Verzweiflung. In den ersten fünfzig bis siebzig Jahren als Diener der Geige waren derartige Angelegenheiten gesitteter abgelaufen. Aber im Laufe der letzten Jahrhunderte war es zu so manch schrecklichem Erlebnis gekommen.

„Hiss“, sinnierte der Musikant und setzte seinen Weg fort.

Die steinernen Häuser zu beiden Seiten waren tiefschwarz. Hin und wieder glaubte er, Geräusche im Herzen der Schatten zu hören. Unterdrücktes Zarren und Hurreln, sogar ein Quieken war darunter. Eigenartig.

Der Musikant lauschte genauer. Eine verirrte Brise wirbelte die Flocken durcheinander, zerrte an seinem Umhang und blies ihm die Kapuze den nackten Hinterkopf hinauf. Sämtliche Geräusche wurden erstickt … bis auf das Quieken.

„Hiss“, seufzte er. Seine Hand glitt hinauf zum Saum der Kapuze, wo sie den Übeltäter fand. Mit einer unwirschen Geste entfernte sie den Schattengeck aus der Kleidung. Der Geck landete im Schatten des Umhangs und piepste Verwünschungen. Was für ein penetrantes kleines Ding.

Der Blick des Musikanten wanderte die Straße hinunter. Alfred Holzer und sein Begleiter waren verschwunden. Kein Anlass zur Sorge. Einerseits gab es Spuren im Schnee, andererseits kannte die Geige den Weg. Das tat sie immer.

Als der Musikant um die nächste Häuserecke spähte, stutzte er. Der Mann war allein. Er trottete auf ein schwach erleuchtetes Haus auf der gegenüberliegenden Straßenseite zu. Der Mondlose war verschwunden. Seine Spuren im Schnee hörten mitten auf der Gasse auf.

Wieder war da dieses sonderbare Gefühl in den verdorrten Eingeweiden des Musikanten. Aber die Geige trieb ihn voran.

Holzer erklomm die niedrigen Stufen des Hauses, klopfte den Schnee von den Schuhen ab und verschwand im Inneren.

Der Musikant ging näher, bis er das Schild am Hauseingang erreicht hatte. Die Schwarze Katze. Ein Wirtshaus.

Hinter runden Butzenscheiben flackerten Kerzen. Wärme und Wohligkeit ergossen sich in die schneedurchwirkte Nacht. Wer auch immer hier lebte, hielt zwar nichts von der Christmette, verstand aber eine Menge von Gemütlichkeit. Leises Stimmengewirr drang durch das leicht beschlagene Glas. Es hörte sich wie ein Streit an – allerdings einer, der mit viel Herz geführt wurde.

Der Musikant trat näher an die Scheibe heran, wischte einen Teil davon sauber und spähte hindurch.

Eine Frau mit rosigen Wangen brüllte hingebungsvoll: „Du bist zu spät!“

Der Angebrüllte war Alfred Holzer. Er verteidigte sich nicht. Sein Blick glitt über die reich gedeckte Tafel vor ihm, die das Innere der Stube schmückte. Köstliche Speisen gekrönt von einem gewaltigen Gänsebraten warteten darauf, verdrückt zu werden.

Drei Männer saßen artig um den Tisch verteilt. Es war überdeutlich, dass die Herren sich unwohl in ihrer Haut fühlten. Einer zerrte immer wieder am Kragen seines sehr eng gebundenen Halstuches. Der Zweite strich sich zum wiederholten Mal über das glatte, gerötete Kinn, als hätte sein Rasiermesser etwas zu gute Arbeit geleistet. Der Dritte holte gewissenhaft einen kleinen Handspiegel aus der Tasche und überprüfte den Sitz seines Scheitels. Die drei wirkten wie Chorknaben, die versuchten, nicht allzu verkleidet dreinzuschauen. Es misslang auf ganzer Linie.